(235) Auch ich wurde schon verprügelt…

„Auch ich wurde schon verprügelt“, sagte Kringel dem immer noch zitternden Studenten, als er ihn ins Krankenhaus fuhr. „Da war ich nur ein bisschen jünger als Sie. Ich hatte mir damals in den Kopf gesetzt, dieses Wahnsinnsmädchen zu bekommen. Sie mochte Musik. Da dachte ich mir, dass ich es mal als Musiker versuche.

Es kam der Abschlussball und ich war im Organisationskomitee. Ich sagte, dass ich mich darum kümmern würde, eine Live-Band für den Abend zu engagieren. Dafür gab es sogar ein Budget. Ich ging zur Musikschule und suchte mir eine Band zusammen. Schlagzeuger, Gitarre, Bassgitarre. Das war gar kein Problem, es war ja ein bezahlter Gig. Die einzige Position, die ich nicht besetzte, war die des Sängers. Das sollte ich werden. Sie wissen, der Plan, um das Mädchen zu kriegen. Nun ja, ich suchte mir eine Playliste aus und übte die Lieder alleine. Ich fand, dass es gar nicht so schlecht klang.

Auf jeden Fall kam der Abend. Als die Band anfing zu spielen und ich am Mikrofon stand, erzeugte das natürlich sehr viel Aufmerksamkeit. Die Frau meiner Träume stand auch unten und als mein Einsatz kam, sah ich sie an. Mein Gesang schien ihr Schmerzen zu bereiten. Als sie im Zuschauerraum weiter nach hinten ging, sang ich lauter, weil ich sie zurückhalten wollte. Die anderen Zuhörer hatte ich dabei nicht im Sinn, denn auch sie schienen enttäuscht. Allerdings gingen sie nicht weg, sondern fingen an, uns mit leeren Flaschen und Gläsern zu bewerfen. Sogar meine eigene Band ließ mich stehen und verließ die Bühne. Da stand ich also und sang noch ein paar Takte a cappella. Dann haute ich ab. Ein paar Schulkameraden liefen mir nach, darunter auch mein guter Freund Bastian Tusel. Als sie mich erwischten, verprügelten sie mich nach allen Regeln der Kunst. So ein bisschen wie bei Ihnen vorhin.“

Falk Neunkirchen hatte sich wieder etwas gefangen. „Was soll denn die Moral von dieser Geschichte sein?“ – „Das weiß ich auch nicht“, antwortete Kringel. „Vielleicht die hier: wenn man einmal verprügelt wurde, heißt das nicht, dass es das letzte Mal war. Es ist mir später noch einmal passiert. Allerdings waren dabei die Umstände ganz anders. Wollen Sie die Geschichte hören?“ – „Nein, auf keinen Fall. Ich würde lieber mit Ihnen darüber reden, wie viel Sie mir zahlen, damit ich nicht zur Polizei gehe. So wie das hier abgelaufen ist, hätten Sie das schon erwarten müssen.“ Kringel schüttelte ungläubig den Kopf. „Wer hat Sie denn gerettet? Ich hätte ja auch einfach wegfahren können. Hätte ich es nur gemacht, Sie undankbares Aas.“

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