(230) Stahlberg und Stollberg saßen im Fernsehraum der Pension und lasen Zeitung.

Stahlberg und Stollberg saßen im Fernsehraum der Pension und lasen Zeitung. Stollberg las den Wirtschaftsteil, Stahlberg das Feuilleton. Der Fernseher war aus. Es war still. Wenn man genau aufpasste, konnte man das Ticken von Stollbergs Armbanduhr hören. Stahlberg trug keine Uhr.

„Hallo, Nachbarn!“ Die beiden Zeitungsleser zuckten zusammen. In der Tür stand eine junge Frau in einem schulterfreien gelben Neontop und schwarzen Leggings, Dreadlocks auf dem Kopf. „Ich bin Evi Tissen, ganz frisch in der Stadt. Ich komm vom Land.“

Stahlberg und Stollberg stellten sich vor. Evi fand die Namen sehr witzig und fragte, ob sie Künstler seien. „Nein“, war die Antwort. Evi Tissen erzählte von sich selbst (Stahlberg und Stollberg ließen ihre Zeitung sinken und wurden genötigt, dem hell sprudelnden Wortschwall zuzuhören). Wie sie in einer Kleinstadt aufgewachsen war, wo jeder den anderen kannte und genau auf dessen Handlungen achtete. Wo man sich nicht mal ein bisschen flippiger anziehen konnte, weil es nicht hinein passte. Sie habe es so lange ausgehalten, wie es sein musste. Bei der ersten Gelegenheit war sie abgehauen, in die Stadt. Sie war ja jetzt 18 Jahre und keiner konnte ihr Vorschriften machen. Als sie in die Stadt kam, ließ sie sich als erstes ein Zungenpiercing setzen.

Sie öffnete den Mund und hielt die Lippen mit den Fingern auseinander. Dann bewegte sie ihre Zunge, so dass der silberfarbene Zungenstecker wie ein Ball auf ihrer Zunge tanzte. Es war für sie das Zeichen ihrer Unabhängigkeit. Hatte fast nicht wehgetan, nur ein bisschen, aber das war es wert gewesen. Natürlich wollte sie immer weiter auch mit ihrer Familie in Kontakt bleiben, sie hatte ja keine schlimme Kindheit gehabt. Gar nicht. Es waren nur die Umstände, die es unmöglich machten. Natürlich waren aber alle geschockt gewesen, wegen des Zungenpiercings. Allein deswegen hatte es sich schon gelohnt. Alle hatten natürlich gefragt, was sie denn jetzt in der großen Stadt machen wollte. Aber sie war noch nicht entschieden. Irgendetwas würde sich schon finden. Für den Moment genoss sie es einfach nur da zu sein, wo alles passierte. Das Hotel war ja glücklicherweise nicht so teuer, da konnte sie es schon länger aushalten mit ihren Ersparnissen. Natürlich wollte ihre Familie auch helfen und schickte ihr Geld. Aber darauf wollte sie gar nicht angewiesen sein. Sie wollte auf eigenen Beinen stehen.

„Ihr seid ja zwei tolle Typen. Was macht Ihr denn so? Stahlberg und Stollberg klingt wie ein Bandname.“

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