(229) Ist das einer von ihnen?

„Ist das einer von ihnen?“ Jan Grube tippte seinen Freund Felix Klinger auf den Arm. Gemeinsam schauten sie durch die Windschutzscheibe hinüber zu dem Haus, das sie beobachteten. Die beiden jungen Männer im BMW Z3 hatten ihre Sitze nach hinten gelehnt, damit man sie nicht so leicht von außen erkennen konnte.

Vor der Haustür von Nr. 149 stand ein etwa 30jähriger Mann in weißem Hemd und Jeans. Er schaute nach rechts und links, als wusste er nicht, in welche Richtung er gehen wollte.

„Das muss einer von ihnen sein. Die schwule Sau!“

Jan Grube wohnte einen Block weiter in der Straße. Die Wohnung in Haus Nr. 149 war in der ganzen Nachbarschaft für ihre wilden Schwulenpartys berüchtigt. Jan oder seine Eltern hatten damit im Alltag zwar nichts zu tun, aber es störte ihn gewaltig, dass dieser Schmutz in seiner Nachbarschaft Einzug gehalten hatte. Felix, mit dem er zur Schule ging, dachte genauso.

Jan freute sich, dass er ein interessantes Thema in ihre Freundschaft eingebracht hatte, denn Felix kam aus reichem Haus und war in allem unendlich abgeklärt. Aber Schwule mochte er auch nicht. Deshalb hatten sie sich vor dem Haus auf die Lauer gelegt. Noch hatten sie keinen Plan. Es ging darum, Informationen zu sammeln. „Und wenn sich etwas ergibt, dann machen wir auch etwas“, hatte Felix beschieden. In der Nacht hatte es auf jeden Fall eine Party gegeben. Dunkle Gestalten hatten das Haus betreten und keiner war bisher herausgekommen. Die Lichtblitze der Disco-Beleuchtung und das Stakkato des Stroboskops hatten sie sehr gut mitbekommen. Sie hatten daran gedacht, die Polizei zu rufen, aber das würde nichts bringen – es war kein guter Plan.

„Was machen wir?“, fragte Jan. Eigentlich war es ja sein Projekt und er hätte sagen müssen, was zu tun war. Aber das würde seine Beziehung zu Felix auf den Kopf stellen.

„Wir folgen ihm“, sagte Felix. „Und dann?“ – „Dann werden wir sehen. Vielleicht können wir ihn etwas aufmöbeln. Ihm einen Denkzettel verpassen, dass er nicht mehr    herkommt. Er wird es weiter erzählen und es wird die anderen auch abschrecken.“ Jan nickte. Das klang wie ein guter Plan.

Der Mann im weißen Hemd ging nach links die Straße hinunter.

Felix öffnete vorsichtig die Fahrertür und stieg aus. Er drückte die Tür wieder zu, ohne ein Geräusch zu machen. Jan tat es ihm nach. Dann öffnete Felix den Kofferraum des Z3 und nahm einen Baseballschläger heraus. Jan bedauerte es, dass er nicht daran gedacht hatte, sich eine Waffe mitzunehmen. Er hatte einfach nicht so weit gedacht wie Felix.

Sie überquerten die menschenleere Straße. An diesem frühen Samstagmorgen gab es keinen Verkehr und keine Zeugen. Sie folgten dem Mann im weißen Hemd, der sich seiner Verfolger nicht bewusst war.

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