(226) Enno Piasta hatte keine Lust, dem Jammern seines Abteilnachbarn weiter zuzuhören.

Enno Piasta hatte keine Lust, dem Jammern seines Abteilnachbarn weiter zuzuhören. Der Zug stand immer noch im Tunnel und es hatte keine Ansagen gegeben, wann es weiter gehen würde. Man hörte überhaupt kein Geräusch. Linge atmete schwer und es war klar, dass er in Kürze wieder genug Kraft hatte, um weiter seine jämmerliche Geschichte zu erzählen.

Piasta stand auf. „Ich gehe mir etwas im Speisewagen holen. Kann ich Ihnen etwas mitbringen?“ Linge schüttelte den Kopf und hob abwehrend die Hand. Wenigstens wollte er nicht mitkommen. In einem flüssigen Bewegungsablauf schlüpfte Piasta aus dem Abteil und schloss erleichtert die Schiebetür hinter sich zu. Der Seitengang war leer. Ein Schild wies den Weg zum Speisewagen. Die Abteile, an denen Piasta vorbeiging waren ebenfalls leer, dabei hatte er den Zug als gut besetzt in Erinnerung. Der nächste Waggon war ebenfalls menschenleer. Alle Waggons einschließlich des Speisewagens waren völlig verlassen. Piasta war verblüfft und fühlte sich, als ob er in einem Traum sei.

Eine Waggontür stand auf. Unterhalb, auf dem Schotter, sah er einen Frauenpumps liegen. So als ob eine Frau in Eile ausgestiegen sei, den Schuh im Schotter verloren und keine Zeit hatte, ihn zu suchen. Im Widerschein der Zugbeleuchtung sah er in der gegenüberliegenden Tunnelwand eine Öffnung. Nach kurzem Zögern stieg er aus und ging hinüber. Ein Windhauch fuhr durch den Tunnel und es klang, als ob ein wildes Tier darin atmete. Piasta beeilte sich und dann fiel schlagartig die Zugbeleuchtung aus. Es war völlig dunkel im Tunnel. Piasta tastete in der Nische umher und fand eine Eisentür, die er nur mit Mühe aufbekam, denn dahinter schien Überdruck zu bestehen. Wenigstens war es dort nicht vollkommen dunkel, eine schwachleuchtende Lampe hing an einer Betonwand. Piasta schien sich in einem Treppenschacht zu befinden. Rechts ging die Treppe hoch, links hinunter. Darüber und Darunter war es dunkel. In der Mitte des Aufgangs war ein Loch und davor ein rostiges Geländer. Er stellte sich ans Geländer, aber es war völlig dunkel. Er spuckte hinunter, aber hörte nichts. Es war kalt und feucht in dem Schacht. Dann sah er einen Kasten an der Wand. Er öffnete ihn und darin war eine Taschenlampe befestigt. Er schaltete sie ein und sie funktionierte, wenn auch nur schwach. Er leuchtete in den Mittelschacht hinunter, aber die Lampe war zu schwach, um die Dunkelheit zu durchbohren.

Piasta beschloss, der Treppe nach oben zu folgen. Der Schacht war quadratisch und an jeder Seite waren zehn Stufen. Es gab keine weiteren Türen an den Wänden und als er nach vielen Umrundungen nach unten schaute, konnte er das Licht vom Einstieg nicht mehr erkennen, wenn es denn überhaupt noch brannte. Durch die Feuchtigkeit und die Anstrengung war Piasta ins Schwitzen geraten. Gleichzeitig wurde ihm kalt, wenn er einen Moment pausierte. Mit den Fingern hatte er zählen wollen, wie oft er eine Umrundung vollendete, aber er hatte irgendwann den Überblick verloren. Es schien auch keinen Sinn zu machen, denn die Treppe war endlos.

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