(225) Linges Großvater war 1920 als Sohn eines Schlossers in Hamburg geboren worden.

Linges Großvater war 1920 als Sohn eines Schlossers in Hamburg geboren worden. Nach Volksschule samt Hitlerjugend und Landjahr begann er eine Maschinenschlosserlehre. Von 1939 bis 42 war er als unabkömmlich gestellt. Danach Soldatenausbildung in Dänemark und Anfang 1943 Entsendung als MG-Schütze an die Ostfront. Wurde verwundet und kam Ende 1944 nach Lübeck zu einer Genesungskompanie. Dort fiel er Ende April 1945 als einer der letzten, bevor die Stadt von den Briten erobert wurde. „Das scheint mir eine recht typische Lebensgeschichte für diese Zeit zu sein“, warf Piasta ein. „Das stimmt, aber es geht auch noch weiter.“ Linges Großvater hatte eine Schwester, Edeltraud, die geistig zurückgeblieben war. „Sie war nicht verrückt. Nur etwas langsamer. Verträumter. Mein Großvater mochte sie sehr. Als er einmal auf Fronturlaub kam, war Traudl nicht mehr zu Hause. Man hatte sie in ein Heim gebracht. Er ging sie besuchen. Die Umstände im Heim waren katastrophal, aber mein Großvater hatte schon damals so viel Schreckliches an der Ostfront erlebt, dass er nichts tat. Dann kam er noch einmal auf Fronturlaub und Traudl war sehr abgemagert, etwas verwahrlost. Aber er tat nichts und er musste bald auch wieder weg. Beim nächsten Feldurlaub war sie tot. Es gab kein Grab. Sie sei an Grippe gestorben. Und wieder hat er nichts getan.“ Es war sehr still in dem Abteil. Die Luft war stickig und man konnte kein Fenster öffnen. „Was glauben Sie?“, fragte schließlich Piasta. „Jeder wusste es. Sie war ermordet worden. Unwertes Leben. Ich fahre nach Hamburg, um mehr darüber herauszufinden. Ich will wissen, was mit Traudl passiert ist.“ Piasta dachte nach und sagte dann: „Wird wahrscheinlich nicht einfach sein, nach all den Jahren. Aber warum hat Sie das so mitgenommen? Entschuldigen Sie, ich wollte nicht respektlos klingen.“ Linge atmete schwer. „Die Frage ist…“ Seine Stimme stockte, als ob er bald weinen musste. „Die Frage ist berechtigt. Es ist… weil… Ich hatte auch eine Schwester. Gabi. Sie war wie Traudl, auch etwas… verträumt. Als Kind mochte ich sie sehr gerne, weil sie immer gute Laune hatte. Und irgendwann war sie weg. In einem Heim. Ich habe sie… Keiner in der Familie hat sie besucht. Glaube ich. Ich… nicht. Als ich zwanzig war, starb sie. Es war nur ein kleiner Satz. ‚Gabi ist jetzt tot‘. So wie ‚Heute Morgen hat es geregnet‘. Ein Satz, dem man keine Bedeutung beimisst. Gabi war tot und ich hatte nichts getan. Ich hatte sie nicht besucht. Nichts. Und erst als ich die Papiere wegen Traudl wiederfand, kam das alles hoch. Ich war tagelang wie gelähmt. Und jetzt muss ich nach Hamburg. Ich will zumindest aufklären, für mich begreifbar machen, was mit Edeltraud passiert war.“ Piasta nickte verständnisvoll. Dann legt er seine Hand auf Linges Handrücken: „Aber Sie konnten nichts dafür. In beiden Fällen nicht. Sie sollten sich keine Vorwürfe machen.“ Jetzt hatte Linge ganz feuchte Augen. „Edeltraud, ja, da war ich noch nicht geboren. Aber bei Gabi gab es mich schon. Und ich war nicht im Krieg. Ich war da, aber es hat mich nicht gekümmert.“ Linge atmete tief durch und setzte sich wieder auf. „Daran werde ich bis an mein Lebensende zu kauen haben.“

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