(224) Der Tobermory-Vorfall war der Strohhalm, der dem Kamel den Rücken brach.

Der Tobermory-Vorfall war der Strohhalm, der dem Kamel den Rücken brach. Nachdem Piasta seinen Chef von der Lage bei der Werbespotproduktion mit Ducky D. informiert hatte, wurde er von einem anderen Kreativen abgelöst. Dieser löste das Problem, indem er beim Dreh scheinbar auf Ducky D.’s Wünsche einging, nachher im Schnitt aber das Ergebnis herstellte, das der Kunde sehen wollte. Der Rapper mochte sich darüber später noch so sehr aufregen, laut Vertrag war es erlaubt. Aber davon bekam Piasta nichts mehr mit. Er wurde ins Büro zitiert und dort gab man ihm seine Papiere. Er war erleichtert. Eigentlich war er bildender Künstler gewesen, aber an der Akademie gescheitert. Der scheinbare Ausweg, in der Werbung Kunst zu schaffen, war nie aufgegangen und so war es eine gute Fügung, dass man ihn wie ein unverdautes Würstchen wieder ausspuckte.

„Ich bin jung und die Welt steht mir offen“, sagte sich der 29jährige. Enno Piasta packte zwei Koffer mit allem, was ihm wichtig war, schmiss den Wohnungsschlüssel ohne weitere Erklärungen in den Briefkasten seines Vermieters und fuhr mit dem Zug nach Hamburg. Es schien ihm erst einmal das richtige Ziel zu sein, für jemand, der die Welt erkunden wollte. Vielleicht würde er auf einem Schiff anheuern und von da aus in die Fremde reisen. Körperliche Arbeit wäre bestimmt das Richtige für ihn nach all den Jahren ausschließlicher Kopfarbeit.

Unterwegs stieg ein 50jähriger Mann zu und setzte sich im Abteil Piasta gegenüber. Der Mann trug ein kariertes Hemd, braune Hosen und eine altmodische Brille. Die beiden Männer waren alleine im Abteil und in ihre Gedanken vertieft. Plötzlich blieb der Zug mit kreischenden Bremsen in einem Tunnel stehen. Die beiden schauten sich fragend an und seufzten. Nach einer Viertelstunde kam eine Ansage, wonach Schafe in den Tunnel gelaufen seien und man auf die Feuerwehr warten müsse, um die Tiere zu finden und aus dem Tunnel zu geleiten. Danach kam erst einmal keine weitere Ansage. Es wurden langsam heiß im Abteil, da die Klimaanlage nicht mehr funktionierte. „Das ist ja blöd“, sagte Piasta. „Kann man sagen“, antwortete der andere Mann. Da sie jetzt eh miteinander redeten, stellten sie sich einander vor. Der Mann mit der Brille hieß Erwin Linge. Als ob ihn vorher der Triebwagen am Sprechen gehindert hätte, war Linge nach dem Stillstand umso mitteilsamer. „Fahren Sie auch nach Hamburg?“ Piasta nickte. „Meine Familie kommt ursprünglich aus Hamburg“, sagte Linge weiter. Er wirkte angespannt, registrierte Piasta. „Ich bin schon seit Langem weg. Ich weiß nicht, ob ich noch Verwandte da oben habe, aber vor vielen Jahren lebte meine Familie dort.“ Es war, als ob Linge seinen inneren Druck nicht mehr aushielt. „Sie fragen sich sicher, warum ich nach Hamburg fahre, wenn ich nicht einmal weiß, ob ich jetzt noch Familie da habe. Es geht um eine alte Geschichte, die ich in den Unterlagen meines Vaters gefunden habe. Briefe und so etwas. Er ist vor Kurzem gestorben, wissen Sie. Wenn Sie nichts dagegen haben, würde ich Ihnen die Geschichte gerne erzählen. Sie sind der Erste, der davon hört.“

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