(221) Martin Rodemann, der Postbote, musste lächeln…

Martin Rodemann, der Postbote, musste lächeln, als er seinen Handwagen auf dem Bürgersteig weiterschob. Er mochte Herrn Keller nicht, seit dieser ihn einmal in ein Gespräch über ausländische Mitarbeiter bei der Post verwickelt hatte. Keller hatte ihm einreden wollen, dass sein Job von Ausländern bedroht sei.

Frau Keller kannte Rodemann besser. Er bedauerte die Frau, dass sie mit einem solchen Scheusal verheiratet war. Etwas später auf seiner Tour kam er zu einem Haus, das jedes Mal für eine Überraschung gut war. Rodemann wurde aus Edith Barthel nicht klug. Er kannte sie seit etwa fünf Jahren, seit er die Tour übernommen hatte. Mal versuchte die Vierzigjährige, mit ihm zu flirten, manchmal schrie sie ihn an, dann gab sie ihm Trinkgeld oder lud ihn auf einen Kaffee ein. Von einem Tag zum anderen konnte sich ihr Verhalten völlig verändern. Er hatte bisher auch nicht herausgefunden, was sie den ganzen Tag machte.

Ein Besuch bei Frau Barthel war auf jeden Fall das Highlight seiner Tour und manchmal schloss er vorher Wetten mit sich selbst ab, wie sie drauf sein würde.

Heute hatte er zwei Briefe für sie (Kontoauszüge und Telefonrechnung), die er natürlich auch in den Briefkasten werfen konnte. Aber er klingelte. Es dauerte ein paar Momente, dann öffnete sie ihm. Heute war sie bester Laune und lächelte ihn an. Allerdings bat sie ihn nicht herein auf einen Kaffee, wie sie es sonst manchmal tat. Er gab ihr die Briefe und sie plauderten ein wenig über das Wetter und über die Bauarbeiten, die eine Hälfte der Straße in eine Mondlandschaft verwandelten.

Dann verabschiedete sich der Postbote, er musste weiter. Sie wünschte ihm noch einen schönen Tag und schloss die Tür. Rodemann bedauerte es, dass er nicht von Anfang an, als er die Tour übernommen hatte, eine Statistik darüber geführt hatte, wie Frau Barthel sich verhielt. Daraus ließe sich vielleicht eine Systematik ableiten. Vielleicht hatte es ja etwas mit dem Mond zu tun.

Insgeheim hoffte er darauf, Frau Barthel an einem Tag zu besuchen, an dem sie Lust auf Sex hätte. An einem solchen Tag würde sie ihn bestimmt hereinbitten und er fand sie schon sehr attraktiv. Er kannte solche Storys von Kollegen, aber er selbst war noch nie auf ein Schäferstündchen hereingebeten worden. Vielleicht bei Frau Barthel…?

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