(220) Hajo Keller wurde vom Bellen des Nachbarhunds geweckt.

Hajo Keller wurde vom Bellen des Nachbarhunds geweckt. Er schlug die Augen auf und schloss sie gleich wieder, als ihn das Tageslicht blendete. Er tastete neben sich. Das Bett war leer. Da er im Haus keine Geräusche hörte, musste seine Frau bereits zur Arbeit gegangen sein.

Keller döste weiter vor sich hin, bis der Durst nicht mehr auszuhalten war. Er richtete sich auf und gewöhnte sich langsam an das Licht. Er schnüffelte an seinen Klamotten, die neben dem Bett auf einem Haufen lagen. Sie waren noch ok und er zog Unterhose und –hemd an.

Als er aufstand, war ihm, als ob sein Kopf gleich in einem Feuerball explodieren würde. Es wurde ihm kurz schwarz vor Augen, dann ging er in die Küche. Er öffnete den Kühlschrank und nahm eine Dose Bier heraus. Hastig öffnete er sie und trank sie in einem Zug halb leer. Andächtig spürte er dem Getränk nach, wie es sich in seinem Körper verteilte und ihn langsam entspannte. Noch ein Schluck und er fühlte sich schon sehr viel besser. Er trank die Dose leer.

Während er sich auf den geöffneten Kühlschrank stützte und überlegte, ob er gleich noch ein zweites Bier trinken sollte, hörte er Schritte vor der Haustür. Hinter der Milchglasscheibe konnte er eine Gestalt ausmachen und hörte es rascheln. Ein Sprayer, fuhr es ihm durch den Kopf. Ein Kamerad hatte erzählt, dass Jugendliche bei ihm ‚Nazis raus‘ quer über die Fassade gesprüht hatten. Keller stellte die leere Bierbüchse auf den Kühlschrank und tapste auf nackten Füßen in den Flur.

Aus dem Regenschirmständer zog er behutsam einen Baseballschläger aus Aluminium und näherte sich weiter der Tür. Mit der rechten Hand hob er den Schläger auf Schulterhöhe, mit der linken ergriff er die Klinke und riss die Tür mit einem Ruck auf. Der Postbote war bereits im Begriff zu gehen und wandte sich wieder um, als er die Tür hörte. In der Türöffnung stand Hajo Keller in Unterhemd und Unterhose, beides fern von blütenweiß, mit einem schlagbereiten Baseballschläger in den Händen. Beide Männer schauten sich einen Moment stumm an. Der Hund nebenan bellte. Dann fiel der Otto-Katalog, den der Postbote an den Türrahmen gelehnt hatte, mit einem Plopp vor Kellers Füße. Keller sah hinunter, bückte sich, um den Katalog zu nehmen, murmelte ein ‚Danke‘ und schloss die Tür.

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