(220) Diese Monstrosität sieht mir überhaupt nicht ähnlich!

„Diese Monstrosität sieht mir überhaupt nicht ähnlich!“ Jessica Thomas hatte nur einen Blick auf die zehn Meter hohe Statue geworfen und sich gleich davon abgewendet. Im Drehbuch von „Königin Gloria“ war vorgesehen, dass Gloria, gespielt von Jessica, ihre Untertanen dazu zwang, sie wie eine Heilige zu verehren. Zu diesem Zweck ließ sie auf dem Hauptplatz vor ihrem Schloss eine überdimensionale Marmorstatue von sich selbst errichten. Jeder Untertan musste sie mindestens einmal am Tag grüßen.

Die Statue war nur einen Tag vor dem Dreh der ersten Massenszene angeliefert worden und Jessica hatte jetzt zum ersten Mal das Requisit gesehen. Alles war falsch daran. Das Gesicht sah, von unten gesehen, total verzerrt und feist aus. Die Brüste blähten sich wie Heißluftballons und die Beine ähnelten denen von Elefanten.

Albert Lang, der Bühnenbildner, stand stumm daneben, während der Regisseur Jeff Zimmer versuchte, Jessica zu beruhigen. „Jessica, ich kann verstehen, dass eine so große Statue ein Schock ist. Das ist ja auch der Grund, warum wir sie im Film haben. Sie soll auch nicht ein realistisches Abbild von Königin Gloria sein. Sie soll zeigen, wie Gloria sich ihren Untertanen zeigen will. Es ist sozusagen durch ihre Brille gesehen…“ – „Ich brauche keine Brille. Ich will nicht, dass eine solche Scheußlichkeit von mir existiert. So etwas wird für alle Zeiten als Abbild von mir gezeigt. Das ist mein Ruin.“ Zimmer schaute Lang an, als wollte er ihn auffordern, selbst etwas zu sagen. Lang schüttelte kaum merklich den Kopf. Alles was er sagen konnte, würde die Situation nur noch verschlimmern. Zimmer unternahm noch einen Versuch. „Ich glaube, die Zuschauer, und natürlich auch die Presse, werden das auseinanderhalten. Es ist Teil der Geschichte. Entspann‘ dich bitte.“ In dem Moment, als er den letzten Satz gesagt hatte, wusste er, dass er gerade einen großen Fehler begangen hatte. „Entspann‘ dich? Ist es das, was du deiner wichtigsten Schauspielerin sagst, wenn sie Todesqualen erleidet? Jetzt pass mal auf, Jeff. Entweder es gibt eine andere Statue von mir, oder du kannst dir eine andere Schauspielerin suchen, die aussieht, wie die Statue.“ Damit ließ Jessica Zimmer und Lang stehen und ging mit schnellen Schritten zurück in ihren Wohnwagen. Drinnen kraulte ihre Assistentin den kleinen Hund, der ihr am Vortag zugelaufen war. Der arme Kerl hatte einen Verband und der Set-Arzt hatte gemeint, dass er gerade kastriert worden war. Jessica schickte ihre Assistentin raus. Sie sollte nach Flügen schauen. Es war zwar unwahrscheinlich, dass sie die Dreharbeiten abbrechen würde, aber Jeff zu zeigen, dass sie nicht nur darüber redete, würde ihrer Sache helfen.

Als sie alleine war, kraulte sie auch den Kopf des kleinen Hundes, den sie aus einer Laune heraus ‚Jeff‘ genannt hatte. „Na Jeff“, flüsterte sie dem Hund zu, „wie ist das so, wenn man keine Eier mehr hat?“

Schreibe einen Kommentar