(349) Nikolaus und Angelika Egger durchquerten die Gaststätte…

Nikolaus und Angelika Egger durchquerten die Gaststätte, grüßten kurz den Wirt und gingen dann an dem Schild vorbei, auf dem stand: ‚Heute geschlossene Gesellschaft Tango San Ponciano‘.

„Hallo Ottmar.“ Egger grüßte Ottmar Hoppe, den Präsidenten des Tangoklubs, der gleichzeitig auch der Herr über den Plattenspieler war. Man hatte einmal versucht, einen Bandoneon-Spieler live zu engagieren, allerdings war es den meisten Klubmitgliedern nicht dem Standard-entsprechend gewesen und man hatte schnell wieder davon abgesehen.

Heute gab es ein potenzielles neues Mitgliedspaar, Nina und Konstantin Kempe, beide Architekten mit eigenem Büro. Insgesamt waren sieben Paare bei dem Training erschienen.

Hoppe stellte die beiden Neuankömmlinge vor. Er betonte, dass die beiden auch schon mal in Argentinien Tango getanzt hatten. ‚Na toll‘, dachte Egger. „Aber jetzt wollen wir nicht lange rumschwatzen. Wir sind ja hier wegen des Tango“, endete Hoppe und legte die erste Platte auf.

Die Paare sortierten sich schnell und es ging los. Bereits nach dem ersten Schritt wusste Egger, dass er mit seinem Vorurteil recht hatte. „Die tanzen Tango Argentino“, flüsterte er Angelika ins Ohr. Sie schaute verächtlich auf Nina und Konstantin, die ganz konzentriert und mit viel Leidenschaft ihren Tango tanzten. Auch die anderen Klubmitglieder tuschelten und wechselten Blicke, bei denen sie mit den Augen rollten. Nach exakt zwei Minuten war das Stück zu Ende.

Nina und Konstantin fingen an zu klatschen, hielten aber inne, als keiner mitmachte. Alle starrten sie an wie die Fremdkörper, die sie waren. Hoppe sprach als Erster. „Wir hatten uns vielleicht missverstanden. Wir tanzen hier Standard. Nach den aktuellen Ballroom Techniques der Imperial Society of Teachers of Dancing. Eigentlich dachte ich, dass Sie das gleiche meinten, als Sie sagten, dass Sie Tango tanzen.“

Die Klubmitglieder hatten sich jetzt um die Neuankömmlinge geschart. Konstantin legte seinen Arm um Nina. „Ich dachte, dass Sie Tango tanzen. Der Klub heißt ja auch Tango San Ponciano und nicht Tango Standard. Das ist irreführend. Aber, ehrlich, uns würde es gar nicht stören. Beides ist doch völlig akzeptabel.“ Hoppe wollte die allgemeine Einstellung seiner Klubkollegen herauslesen, bevor er antwortete. „Nein, das ist für uns alle hier nicht akzeptabel. Wir tanzen hier Standardtango und das soll so bleiben. Leider bedeutet das, dass Sie beide vielleicht doch nicht zu uns passen.“

Konstantins Miene verfinsterte sich. „Das glaube ich mittlerweile auch“, antwortete er. „Komm Nina, wir gehen woanders hin. Wir wollen ja nur tanzen.“ Sie nahmen ihre Mäntel aus der Garderobe und gingen. „Also Freunde“, sagte Hoppe. „Wir machen weiter. Und wenn ich bitten dürfte: ‚Strictly Ballroom‘.“

(350) Das war wie in dem Film.

„Das war wie in dem Film. Der Typ kommt und sagt: ‚Bei uns gelten die Regeln des Britischen Empire.‘ Und wir waren draußen. So viel zu der Annahme, dass Tanzen völkerverbindend wirkt.“ Konstantin erzählte von ihrem Versuch, dem Tango-Klub beizutreten. Er und Nina saßen zusammen mit fünf anderen Architekten in der Volt Bar des Marriott Renaissance Hotels in Detroit. „Ihr hättet diese Paare mal sehen sollen. Die waren alle schon an der Schwelle zum Tod. Es sah so aus, als ob sie in ihrer Grabesruhe nicht gestört werden wollten.“

Einmal im Jahr unternahm die Gruppe eine Reise an Orte, die für Architekten interessant waren. Das konnten die Türme von San Gimignano sein oder die Schlösser der Loire. Dadurch konnten sie die Reisen jeweils steuermindernd absetzen.

Detroit interessierte sie, weil die Stadt dem Niedergang geweiht war und mittlerweile 35% der Stadt nicht mehr bewohnbar war. Das Motto der Studienreise hieß „Untergang der Urbanität“. Organisiert von Markus Odebrecht, den Konstantin aus zwei Gründen nicht mochte: Er hatte ihm vor drei Jahren den Auftrag für einen Multifunktionssportkomplex weggenommen und er hatte früher eine Beziehung mit Nina gehabt. Ihr gegenüber wollte er aber auf keinen Fall eingestehen, dass er mit Markus ein Problem hatte.

Die Architekten waren bei dieser Reise besonders auf den Spuren von Alfred Kahn unterwegs, einem deutschen Auswanderer, der die Industriebauten von Detroit stark beeinflusst hatte. Sie schauten sich zum Beispiel die Fabrik der Fisher Brothers an, die völlig verlassen dahin vegetierte. Oder das Hauptpostgebäude von Detroit, nach einem Brand komplett aufgegeben. Oder den Bahnhof, Michigan Central, ebenfalls nur noch eine Ruine. Am Abend hatten sie das Lee Plaza Hotel besucht, ein Schmuckstück der Art Deco-Architektur, jetzt nur noch ein gestrandetes Wrack.

Vorhin, als sie mit den Besichtigungen des Tages fertig waren, hatte sich eine Diskussion entsponnen. „Ich finde, dass diese Reise uns gar nichts nützt. Es ist einfach nur deprimierend zu sehen, wie Gebäude zerfallen, die einmal als die Besten galten, die zu ihrer Zeit gebaut wurden.“ – „Du hast recht, Konstantin“, hatte Markus geantwortet. „Aber auch das ist eine Herausforderung für uns Architekten. Was macht man mit Gebäuden, die einfach nicht mehr gebraucht werden?“ – „Abreißen“, hatte Nina geantwortet. „Aber sogar dafür scheint es hier kein Geld zu geben.“ Konstantin hatte nachgesetzt: „Ich würde lieber neue Sachen sehen, inspirierende Bauten. Es muss weiter gehen.“ – „Morgen wird besser sein, besonders für dich“, hatte Markus süffisant geantwortet. „Morgen schauen wir uns den Palace an. Da können manche von uns lernen, wie man einen Sportkomplex plant.“ Konstantin hatte ‚Aschloch‘ gedacht, aber nach außen hin gelächelt, wie über einen guten Witz. Was hatte Nina an diesem Idioten gefunden?

(351) Der Palace hieß eigentlich Palace of Auburn Hills…

Der Palace hieß eigentlich Palace of Auburn Hills und war ein riesiger Sport und Entertainment-Komplex, der gleichermaßen für Basketballspiele, Konzerte und Boxkämpfe genutzt wurde.

Die Architekten hatten eine Besichtigung gebucht und wollten im Anschluss eine Veranstaltung erleben. Am Tag ihres Besuches gab es ein Box-Event mit einer ganzen Reihe von Kämpfen, zu denen die Gruppe gute Ringside-Plätze bekommen hatte.

Als sie am Palace ankamen, wurden sie von einem Vertreter der Betreibergesellschaft begrüßt. Er zeigte ihnen zuerst den Aufbau des Komplexes an einem Skalenmodell. Dann schauten sie sich den Zuschauerraum und den Bühnenteil bzw. das Spielfeld an. Nachher, beim Kampf war nicht mehr die Möglichkeit dazu. Schon jetzt hatten sich ein paar Fans im Zuschauerraum eingefunden und lasen Zeitung oder schauten stoisch den Architekten zu.

Dann bekamen die Besucher einen Einblick in die Haustechnik. Markus und Konstantin diskutierten erregt, wie sinnvoll es sei, dass die Zuschauer drei Eingänge nutzen konnten, während es zusätzlich noch einen vierten Ausgang gab. „Rein kommen die Leute nach und nach. Raus gehen sie alle gleichzeitig. Deshalb braucht man mehr Aus- als Eingänge.“ – „Da gebe ich dir recht, Markus, aber es schadet auch nicht, alle verfügbaren Eingänge zu nutzen.“

Sie schauten sich im Detail den großen Regieraum an, in dem die gesamte Haustechnik inkl. Audio- und Videogeräte bedient werden konnten. „Für die TV-Übertragungen können die hier kein Risiko eingehen. Da muss alles redundant aufgebaut sein“, erklärte Markus Konstantin, der sich augenrollend wegdrehte.

Danach schauten sie sich den sogenannten Backstage-Bereich an, im Wesentlichen die Umkleidekabinen der Sportler oder der Künstler. Markus und Konstantin waren wegen ihrer Diskussion etwas zurückgefallen. Sie kamen an einer Garderobe mit einem blauen Stern vorbei. Markus probierte die Tür, sie ließ sich öffnen. Innen stand ein Mann, der nur einen blauen Short trug und im Seil sprang. Sein Blick war stur geradeaus gerichtet, an die weiße Kachelwand. Er schien die beiden nicht einmal zu bemerken. Markus zog schnell die Tür wieder zu.

Scott ‚Hellraiser‘ Stuppy hatte die beiden bemerkt, aber er hatte ihre Präsenz nicht anerkennen wollen. Er konzentrierte sich auf seinen Kampf, der in einer Stunde beginnen würde. Sein Gegner würde Damien ‚Pain Server‘ Bishop sein. Damit hatte Stuppy kein Problem. Was ihm den kalten Schweiß ins Gesicht trieb war, dass er Geld bekommen hatte, um sicherzustellen, dass Bishop gewinnen würde.

(352) Der Kampf Scott ‚Hellraiser‘ Stuppy vs. Damien ‚Pain Server‘ Bishop hatte pünktlich begonnen.

Der Kampf Scott ‚Hellraiser‘ Stuppy vs. Damien ‚Pain Server‘ Bishop hatte pünktlich begonnen. Die Architekten saßen in Zone AA an ihren bestellten Plätzen. Dem Ring diametral gegenüber saßen ein kleiner Mann mit unvorteilhaft zerknautschtem Gesicht und ein großer grobschlächtiger Mann, der eifrig darauf bedacht war, es dem kleinen Mann recht zu machen.

Die erste Runde hatte begonnen. „Hast du ihm alles richtig eingeschärft?“, fragte Tony Chisholm. „Ja, Boss“, antwortete Barry. Oben im Ring landete Stuppy eine trockene rechte Gerade bei Bishop. „Was macht dieser verfickte Hurensohn denn? Das hätte den anderen ausknocken können. Scheiße, Barry, wenn das in die Hose geht, bau ich mir mit deinen Muskeln Saiten für einen Kontrabass.“

Jetzt landete Bishop einen Haken an Stuppys Kinn, der aber nicht fest genug war, um den Boxer in Bedrängnis zu bringen. „Gut so, du Schwanzlutscher“, ereiferte sich Chisholm. „Das nächste Mal bitte auch mit Schwung. Du Armleuchter.“

Eine Stimme hinter ihm sagte: „Sir, könnten Sie sich bitte etwas zurückhalten. Es sind Kinder hier.“ Chisholm fragte Barry: „Hast du etwas gesagt, Barry“ – „Nein, Boss. Das war der Herr hinter dir.“ – „Komisch, ich dachte, das wäre dein schwachsinniges Gebrabbel gewesen.“ – „Nein, Boss.“

Die erste Runde war vorbei. Chisholm starrte Stuppy an. Der schien aber gar nichts mehr wahrzunehmen. „Dieser verfickte Idiot“, fluchte Chisholm. Eine Hand berührte ihn leicht an der Schulter. Chisholm schnellte herum und fauchte dem erschrockenen Zuschauer hinter ihm ins Gesicht: „Fass mich noch einmal an, du fette Schwuchtel, dann stopf ich dir die Zähne in den Hals.“

Der Gong zu der zweiten Runde erklang. Stuppy stand mit einem einzigen Satz in der Mitte des Rings und sah aus, als ob er keinen fürchtete. Bishop war etwas verwirrt. Man hatte ihm gesagt, dass Stuppy ein leicht zu bezwingender Gegner sei. Dann traf ihn wieder die linke Faust von Stuppy. „Du verfickter Schwanzlutscher. Ich reiß dir die Eingeweide raus und benutze sie als Bindfaden.“ Chisholm war außer sich vor Wut. Sein Hintermann legte ihm die Hand auf die Schulter, um ihn zu beruhigen. Chisholm schnellte herum und traf den korpulenten Mann, der mit seinem übergewichtigen Sohn zum Box-Event gekommen war, mitten auf die Nase. „Du verwichster Scheißer, weißt du überhaupt, mit wem du dich hier anlegst“, zischte er. Chisholm zog sich einen Slipper vom rechten Fuß und drosch damit auf den Mann ein. Dessen Sohn starrte Chisholm entgeistert an und fing an zu weinen. Daraufhin haute Chisholm auch auf das Kind. Die anderen Nachbarn griffen ein und wenn die beiden Polizisten nicht gekommen wären, hätte Barry die Lage klären müssen.

(353) Officer Chris Cooper sprach mit Chisholm.

Officer Chris Cooper sprach mit Chisholm. Sein Kollege hatte Barry zur Seite genommen und hielt ihn unter Kontrolle, mit einer Hand an der Pistole. Sie hatten die beiden von ihren Ringplätzen weggezogen und in einen ruhigen Flur gebracht. Ab und zu gingen Zuschauer an ihnen vorbei auf dem Weg zu den Waschräumen.

Cooper hatte Chisholm nach einem Ausweis gefragt und dessen britischen Pass bekommen. „Sie sind Engländer? Mr. Chisholm, was machen Sie hier in Detroit?“ Chisholm schien sich zuerst unsicher, ob er weiter den harten Kerl markieren wollte und entschied sich dann für die weiche Variante. „Ich bin Tourist und wollte schon immer mal Detroit, die Hauptstadt des Automobils anschauen.“ – „Das soll ich Ihnen glauben, Mr. Chisholm? Warum haben Sie einen solchen Aufstand gemacht?“ – „Es tut mir sehr leid. Ich bin ein hochemotiver Mensch. Ein Boxkampf bringt mein Blut in Wallung. Ich wollte dem Mann nicht wehtun. Mein Temperament ist mit mir durchgegangen.“ – „Zu einer gebrochenen Nase gehört nicht nur Temperament, sondern auch Können. Was machen Sie im Leben, Mr. Chisholm?“ – „Ich bin Geschäftsmann, investiere mal hier, mal dort.“

Ein Aufschrei drang aus dem großen Saal. Ein Mann rannte vom Klo zurück und fragte einen anderen, der in der Durchgangstür stand, was los sei. „Bishop hat den Hellraiser plattgemacht. Er konnte im letzten Augenblick wieder aufstehen. Der macht es nicht mehr lange.“ Als Chisholm das hörte, begann er auf und ab zu hopsen. „Sie sind ein Fan von Bishop?“ Chisholm nickte, breit grinsend, hielt sich dann aber zurück. „Nun, wie gesagt, ich bin ein hochemotiver Mann. Und sehr religiös. Wenn jemand Bishop heißt, dann kann ich nicht anders, als ihn zu unterstützen.“

Kurz darauf kam ein noch größerer Aufschrei aus der Halle. „Bishop liegt am Boden. Sieht bewusstlos aus… Stuppy hat gesiegt!“ Chisholm wurde leichenblass. Cooper hatte den Eindruck, dass er das Gleichgewicht zu verlieren drohte. Er schaute sich vorsorglich um, ob die Sanitäter noch in der Nähe waren. Chisholm sprang weg von Coopers Seite und rannte zu Barry. Barry hob die Arme über den Kopf und rutschte an der Mauer herunter, bis er in der Hocke an der Wand lehnte. Auch in der Position war er noch fast so groß wie Chisholm. Chisholm stieß Coopers Kollegen zur Seite und schlug mit den Fäusten auf Barrys Kopf ein. „Du verfickter Loser! Missgeburt! Ich werde dir die Haut über die Ohren ziehen…“ Cooper riss Chisholm an den Schultern zurück und der andere Polizist wollte Chisholm an den Fäusten festhalten. Als es ihm gelang, legte er ihm Handschellen an. Chisholm trat weiter mit den Füßen nach Barry. „Elender Schwanzlutscher!“

(354) Als Chris Cooper nach Hause kam, war es schon spät.

Als Chris Cooper nach Hause kam, war es schon spät. „Bianca?“, rief er hoffnungsvoll in die leere Wohnung. Eigentlich hatte er erwartet, sie dort zu finden. Aber sie war ausgegangen, obwohl sie wusste, dass er spätestens jetzt zu Hause sein würde. Es geschah immer häufiger, dass sie mit Freundinnen unterwegs war. Chris hatte nichts dagegen. Ein kühles Bier und dabei Sport zu schauen, das machte ihn schon glücklich.

Als er seinen Schlüssel in der Diele in die Schale warf, bemerkte er eine Visitenkarte. Er fischte sie heraus. Links war ein Ford Mustang mit einer Strichzeichnung abgebildet. Der Name daneben elektrisierte ihn: Frank Carter. Immer wieder fiel der Name in Polizeibriefings. Frank Carters Werkstatt wurde untersucht. Er wurde zur Befragung wegen Autohehlerei auf das Revier zitiert. Anwälte von Frank Carter holten ihn aus dem Untersuchungsgefängnis raus.

Immer, wenn es um Autoschieberei ging, fiel der Name Frank Carter. Der Mann war brandheiß. Und jetzt hatte Bianca offensichtlich eine Beziehung mit diesem Kerl. Chris fühlte, wie ihm die Beine versagten. Er atmete schneller. Es war, als ob das Blut nicht schnell genug zum Kopf kam. Chris hatte das Gefühl, dass überall um ihn herum nur Kriminelle, Abschaum, das Letzte vom Letzten waren. Er war der Letzte der Aufrechten. Wenn jetzt schon Bianca mit solchen Leuten abhing… Frank Carter… Tony Chisholm… Es war wie bei dem vielköpfigen Monster. Man konnte so viele Köpfe davon zur Strecke bringen wie man wollte, immer wieder wuchsen neue nach. Es war ein Kampf, bei dem der Sieger schon feststand und Chris war nicht auf dessen Seite.

Er bekam Kopfschmerzen. Das letzte Mal als er in dieser Situation war, hatte er einen Termin beim Polizeipsychologen. „Sie haben den falschen Job erwischt, wenn Sie das nicht aushalten…“ Harte Worte. Aber er hatte wahrscheinlich recht. Wie kann man gegen einen Feind kämpfen, wenn man glaubt, den Kampf schon verloren zu haben?

Chris fühlte sich eingeengt und versuchte, seine Atmung zu kontrollieren. Bianca hatte seine Beklemmungen bei Verbrechen schon immer lachhaft gefunden. Für sie war Verbrechen ein Kavaliersdelikt. Eine Möglichkeit schneller reich zu werden. Wie hatte er ihr nur so lange vertrauen können. Es war klar, dass sie ein Flittchen war, das keine Moral hatte und sich mit dem einließ, der ihr am meisten bot. „Wer bist Du denn?“, hatte sie gesagt. „Bist du der Heiligste von allen? Bis du der Heilige Chris? Der Nachfahre von Jesus?“ Nein, er war ganz bestimmt kein Heiliger. Wer ist schon heilig, dachte er. Dann fiel ihm Linda Fox ein. Sie hätte ihm jetzt helfen können.

(355) Chris Cooper hatte keine schöne Kindheit gehabt.

Chris Cooper hatte keine schöne Kindheit gehabt. Seine Eltern trennten sich, als er fünf Jahre alt war. Danach hatte er seinen Vater nie wieder gesehen. Seine Mutter verfiel immer mehr dem Alkohol und kümmerte sich auch nicht mehr um ihn. Mit sieben Jahren kam er zuerst in ein Kinderheim, wurde aber schnell in eine Pflegefamilie platziert.

Die Familie war äußerst religiös und streng. Für den kleinen Chris gab es weder Liebe nach Vergnügen. Das Leben bestand aus einer Reihe von Aufgaben und Prüfungen, bei denen er sich würdig zeigen musste, um als Geschöpf Gottes zu leben. Lob erhielt er nie, Tadel meistens und Schläge oft. Chris Cooper wurde ein trauriges Kind, aus dem ein trauriger Jugendlicher wurde.

Linda Fox hatte er es zu verdanken, dass diese Entwicklung unterbrochen wurde. Sie war seine Biologielehrerin und irgendwie mochte sie den Jungen mit den traurigen Augen. Sie unterstützte ihn bei den Hausaufgaben, ermunterte ihn und vor allem gab sie ihm etwas Liebe und Wärme. Natürlich gab es auch Konflikte mit Chris‘ Pflegefamilie, die Linda aber immer mit ihrer großen Sprechbegabung löste. Außerdem musste sie versprechen, niemals Darwin und seine Werke zu erwähnen. Sie zeigte Chris, dass es auch noch etwas anderes gab, außerhalb von Aufgaben und Prüfungen. Sie tat es ganz unentgeltlich, nur aus dem Gefühl heraus, Chris etwas geben zu können.

Neben ihrem Job als Biologielehrerin forschte Linda und züchtete Pflanzenreihen. Chris half ihr oft dabei, Pflanzen miteinander zu kreuzen, indem er die Pollen der einen Sorte auf die Narben der anderen Sorte übertrug. Es waren die glücklichsten Momente in seinem Leben, wenn Linda sich bei ihm bedankte für einen perfekt ausgeführten Job.

Sie erzählte ihm nichts von Darwin und seinen Entdeckungen, dafür erklärte sie ihm Genetik. Obwohl er das Meiste davon nicht verstand, fand er ihre Ausführungen faszinierend. Er hätte gerne Wissenschaftler werden wollen, wie sie. Er erkannte aber auch, dass es ihm an Eignung dafür fehlte. Als er nach der Schule zur Polizeiakademie gehen wollte, bestärkte sie ihn in seiner Entscheidung. Anders als seine Pflegefamilie, die ihn am Liebsten als Pfarrer gesehen hätte.

Als er bei der Polizei angenommen wurde, feierte Linda mit ihm. Als er sein erstes Akademiejahr begann, erhielt sie ein Jobangebot aus Deutschland und nahm es an. Sie sollte sich dort um die Züchtung von bestimmten Kartoffelsorten kümmern. Chris blieb noch längere Zeit mit ihr in Briefkontakt und sie schrieb, dass sie sehr erfolgreich sei. Eine Kartoffelsorte sei sogar nach ihr benannt worden. Nach und nach wurden die Briefe spärlicher und blieben schließlich aus.

(356) Mir reicht es!

„Mir reicht es!“ Björn Kube ließ die Kiste mit den Setzkartoffeln auf den Tisch in der Scheune krachen. „Was ist denn los?“, fragte ihn seine Frau Doris. Björn war immer ein besonnener, eher wortkarger Mensch. Wenn er aus der Haut fuhr, gab es dafür einen wichtigen Grund.

„Ich war eben in der Kooperative und wollte die Setzkartoffeln kaufen. Jetzt stell dir mal vor: Es gibt keine Linda mehr.“ – „Was, sind die krank oder so was?“ – Nein, es gibt die schon noch, aber man will sie uns nicht mehr verkaufen.“ – „Wer kann denn so was bestimmen? Das ist doch eine Pflanze.“ – „Ja, aber die Sorte gehört irgendeiner Firma und die will nimmer. Die haben mir jetzt etwas anderes verkauft. Hier“, er deutete auf das Etikett auf der Kiste, ‚Belana‘ heißt die.“ – „Nee“, antwortete Doris, „ich will meine Linda wieder haben.“

Drei Wochen später hatte Björn Doris etwas Wichtiges mitzuteilen. Er hatte sich erkundigt und hatte einen Plan. Doris und er würden den Hof mit dem Ackerboden verkaufen und nach Südamerika ziehen. Dort gab es große Landflächen, die sich für den Anbau von Kartoffeln eigneten und die für einen erschwinglichen Preis gekauft werden konnten. „Stell dir vor“, sagte Björn. „Für den Wert des Hofes bekommen wir dort eine Fläche, die hundertmal so groß ist.“ – „Und wer soll das bewirtschaften?“ – „Dort gibt es viele Leute, die für dich arbeiten. Es ist eine Riesenchance aus diesem ganzen Regelungsdschungel rauszukommen. Ich kann uns auch ein paar Zentner Linda besorgen, die wir mitnehmen können, um sie dort selbst zu züchten. Da kümmert sich keiner um so was. Also, was ist?“

Doris erbat sich Zeit zum Nachdenken. Sie sagte schließlich zu und Björn inserierte den Hof und seine Ländereien. Es gab einige Interessenten und nach drei Monaten war der Hof verkauft. Während Björn den Kauf in Südamerika vorbereitete, half Doris dem neuen Besitzer, einem jüngeren Bauernsohn aus dem Nachbardorf. Als Björn Doris mitteilte, wann sie auswandern würden, sagte sie ihm, dass sie es sich anders überlegt habe und auf dem Hof bliebe. Sie habe eine Beziehung mit dem neuen Eigentümer.

Björn blieb nichts anderes übrig, als die Überreise nach Südamerika, ohne Doris anzutreten. Dafür hatte er mehrere Zentner Linda dabei, die er vor der Abreise mit Chlorpropham behandelt hatte, um eine zu frühe Keimung zu verhindern. Diese Behandlung wäre ihm in der alten Heimat auch untersagt gewesen. Er war froh, dass er neuen Abenteuern entgegen fuhr.

(357) Kube ließ sich durch die Trennung von Doris nicht beirren.

Kube ließ sich durch die Trennung von Doris nicht beirren. Er hatte alles, was er besaß, in den Aufbau der neuen Farm in Südamerika gesteckt. Da Kube den Elternhof in die Ehe gebracht hatte und das Vermögen der Eheleute bei der Scheidung weniger groß war, musste er Doris nichts davon abgeben.

In der Neuen Welt stürzte er sich mit dem größten Eifer auf den Aufbau der Farm. Zuerst holte er sich einen Vorarbeiter, der Englisch sprach und dem er seine Vision vermitteln konnte. Gemeinsam wählten sie dann über 50 Landarbeiter aus, die das Land in den richtigen Zustand bringen sollten, um die ersten Linda-Setzkartoffeln in die Erde zu bringen. Vom Staat hatte Kube ein riesiges Stück Land zur Verfügung gestellt bekommen, mit der Maßgabe, es innerhalb von 12 Monaten zu bebauen. Anderenfalls würde man ihm den Boden wieder wegnehmen. Das Land war erst durch Brandrodung gewonnen worden und die Krume war sehr dünn. Kube machte sich Sorgen, dass es dem Boden an Nährstoffen fehlen könnte. Er musste abwarten, wie die erste Ernte sein würde. Danach konnte er berechnen, wie viel Geld er übrig hatte, um Dünger zu kaufen. Er hatte sich inmitten der entstehenden Äcker eine einfache Holzhütte gebaut. Um ihn herum, hatten sich der Vorarbeiter und die anderen Mitarbeiter ebenfalls weitere Hütten gebaut.

Es gefiel Kube inmitten seiner Ländereien und zusammen mit seinen Leuten zu wohnen. Es war wie eine Rückkehr zu allem, wofür der Ackerbau stand. Ehrliche Arbeit, die nicht durch Regelungen eingeschränkt wurde. Manchmal dachte er an Doris, wenn er abends alleine auf seinem Feldbett lag.

Eines Tages saß er auf seinem Pferd, auf einem Feld nahe dem ursprünglichen Wald. Am Rande sah man noch die schwarze, verbrannte Kante. Er leitete das Pferd ein paar Meter in den Regenwald hinein. Es war sofort ein anderes Klima. Die Töne waren lauter, aber auch gedämpfter. In den Bäumen über ihm hörte er ein krächzendes Schreien. Er sah etwas Rotes in den Blättern schimmern. Neugierig nahm er das Gewehr von den Schultern und legte an. Er drückte ab. Hunderte Vögel, derer er sich vorher nicht bewusst war, flatterten aufgeschreckt hoch. Der rote Punkt taumelte und fiel dann im Zickzack durch die Bäume nach unten. Kube sprang vom Pferd und lief hin, als der Punkt auf den Boden fiel. Es war ein großer Papagei, den er geschossen hatte. Seine Federn waren rot am Kopf und ansonsten blau am restlichen Körper. ‚Seltsamer Vogel‘, dachte Kube. ‚Den werde ich mal Zanner schicken.‘

(358) Bert Zanner hatte Bauer Kube kennengelernt, als er auf dessen Hof ein paar Vogelstudien unternommen hatte.

Bert Zanner hatte Bauer Kube kennengelernt, als er auf dessen Hof ein paar Vogelstudien unternommen hatte. Er arbeitete in der Vogelarchivabteilung des Naturwissenschaftlichen Museums. Kube war sehr gastfreundlich gewesen und die beiden hatten sich angefreundet.

Nachdem Zanner aber immer weniger Forschung und immer mehr Verwaltung betrieb, gab es kaum Anlässe, dass sie sich trafen. Kube hatte Zanner nicht gesagt, dass er nach Südamerika auswandern wollte. Daher war der Wissenschaftler erstaunt, als er ein Paket von Kube erhielt, in dem er ihm von seinen Veränderungen berichtete, sowohl was den Hof anging als auch die Trennung von Doris.

Sehr aufmerksam las Zanner als Kube ihm erklärte, wie er zu dem anliegenden Vogel gekommen war. Zanner nahm den toten, aber bereits präparierten Papagei aus der Schachtel und klemmte ihn zur Betrachtung in ein Stativ. Wie Kube schrieb, war es ein seltsamer Vogel. Er sah aus, wie ein Großer Ara (Ara macao), aber die Färbung des Körpers passte nicht dazu. Am nächsten Tag nahm er den Papagei mit ins Archiv, um ihn mit anderen Exemplaren zu vergleichen. Zanner öffnete einen großen Schrank, in dem in vielen Schubladen hunderte präparierte Papageien aus dem Amazonasgebiet auf das Jüngste Gericht warteten. Er verglich Kubes Fund mit den bereits bekannten Aras. Es war nicht nur die Farbe des Rumpfes, die abwich. Der Papagei hatte auch eine leicht andere Kopfform. Systematisch arbeitete er die Sammlung durch und suchte nach Übereinstimmungen. Er kam aber nicht weiter. Erst als er versehentlich, eine der Schubladen des Hyazinth-Aras (Anodorhynchus hyacinthinus) öffnete, fiel ihm die Übereinstimmung des Federkleids auf. Er verglich Kubes Ara mit dem Großen und dem Hyazinth-Ara. Kubes Vogel musste eine Kreuzung aus den beiden anderen sein. Aber das war eigentlich unmöglich, da dies bisher noch nie passiert war, seit es Aufzeichnungen gab.

Zanner war elektrisiert. Er schickte Kube ein Update seiner Recherchen und fragte ihn, ob es noch mehr von diesen Vögeln gab. Kube antwortete ihm, dass er noch keinen anderen gesehen habe. Die Eingeborenen, mit denen er darüber sprach, hielten Kube für verrückt, weil sie diese Mischung bei einem Papagei noch nie gesehen hatten. Kube war zerknirscht, als ihm klar wurde, dass er wahrscheinlich das einzige Spezimen dieser Art geschossen hatte. Zanner wollte ihn trösten und benannte die Art des toten Papageis nach ihm, ‚Ara kubensis‘.