(318) Lange Zeit hatte Terry S. Pinter gar nicht verstanden, was an seinem Namen so lustig war.

Lange Zeit hatte Terry S. Pinter gar nicht verstanden, was an seinem Namen so lustig war. Er fand, dass Bibliothekar ein sehr ehrenwerter Beruf war und dass man ihn nicht auslachen solle, wenn er an seinem Schreibpult stand. Erst als ein Besucher ihn aufklärte, dass er einen Namensvetter habe, der Schauspieler sei, verstand Pinter die vielen Anspielungen der letzten Jahre. Kindisch, fand er.

Dieser andere Pinter schien sehr bekannt zu sein, aber die Art von Filmen, die er drehte, war nicht sonderlich wertvoll, so viel wurde Pinter sehr schnell klar. Die Filme gründeten nicht auf literarischen Vorbildern. Sie waren in Wirklichkeit der reinste Müll. Pinter war auch nicht der Name des Schauspielers, sondern der Name seiner Figur, mit der er sich aber sehr weitgehend identifizierte.

Pinter hatte sich einmal einen Film angeschaut mit seinem Namensvetter. Bereits nach zwanzig Minuten hatte er den Kinosaal aber in einer Panikattacke verlassen müssen. Dieser Pinter prügelte sich ständig, hatte unehrenhafte Beziehungen zu Frauen, die er nie heiratete und außerdem war seine Weltanschauung durchweg zynisch. Ein widerlicher Charakter, fand Pinter. Einerseits war es seit dieser Entdeckung einfacher, weil Pinter verstand, warum die Leute lachten, wenn sie seinen Namen hörten. Aber er hatte jetzt öfters Herzklopfen, wenn er Besucher nach ihren Wünschen fragte und dabei das Gefühl hatte, dass sie beim Blick auf sein Namensschildchen eben realisierten, dass es diese Namensgleichheit gab. Er spürte, wie sie überlegten, ob sie ihn darauf aufmerksam machen sollten. Unwillkürlich zog er die Stirn und die Lippen zusammen und bemerkte, wie sie dann von ihrem Vorhaben abließen. Sein Umgang mit den Besuchern war fortan nicht mehr natürlich.

Zu allem Überfluss fragte ihn der Bibliotheksleiter, ob er sein Namensschildchen nicht ändern wolle, um diese peinlichen Momente zu vermeiden. Er könne sich ja Terence Pinter nennen. Das wollte Pinter aber nicht. Er war immer Terry S. Pinter gewesen und dabei sollte es auch bleiben. Die ganze Aufregung setzte ihm immer mehr zu.

Pinter schlief schlecht und war deshalb tagsüber öfters müde. Es war sogar ein paar Mal vorgekommen, dass er an ganz kurz die Augen geschlossen hatte, ohne dass er etwas dagegen tun konnte. Deshalb hatte man ihn freundlich aber tadelnd ermahnt. Es konnte so nicht weiter gehen.

Dann hatte Pinter eine Idee. Er würde versuchen den anderen Pinter zu zwingen, seinen Namen abzulegen. Zweifellos hatte Pinter ältere Rechte und vor allem war er aus Fleisch und Blut. Pinter suchte sich einen Anwalt.

(319) Die Sekretärin hielt ihm die Tür auf, als ob sie für ihn den Tabernakel aufschlösse.

Die Sekretärin hielt ihm die Tür auf, als ob sie für ihn den Tabernakel aufschlösse. Pinter ging hindurch in einen Raum mit Bücherregalen bis unter die Decke, einem großen Schreibtisch in der Mitte und einem Geruch von abgestandenen Fürzen in der Luft. Hinter dem Schreibtisch saß ein alter Mann mit einem bleichen Gesicht, dass verzerrt war durch chronische Schmerzen oder genetische Verschrobenheit. Er schaute Pinter über seine Lesebrille hinweg an.

Pinter stellte sich vor, hielt die Hand ausgestreckt. Sein Gegenüber zeigte nur auf den Stuhl vor dem Schreibtisch und sagte nichts. Er ergriff und schüttelte auch nicht die Hand. „Sie wurden mir empfohlen“, sagte Pinter seinem Anwalt zur Begrüßung. „Aha, und warum?“, antwortete Bradley Pitt und verengte seine Augenschlitze, als ob er von seiner Beute Maß nahm. „Keine Ahnung, aber so ist es.“ – „Hmm… Also, worum geht es?“ – „Ich möchte Terry S. Pinter verklagen.“

Pitt starrte Pinter an. Dann überprüfte er den Terminkalender, der auf dem Sideboard senkrecht zum Schreibtisch auslag. „Aber das sind doch Sie!“ – „Nein. Ja, schon. Aber nein.“ – „Sind Sie sicher, dass Sie zu einem Anwalt wollen? Denn ich bin Anwalt. Oder hatten Sie vielleicht eher einen Psychiater im Sinn? Wegen Ihrer multiplen Persönlichkeiten?“ Pinter erklärte die Situation. Pitt starrte ihn an. Dann erklärte Pinter sie noch einmal.

„Jetzt verstehe ich“, sagte Pitt. „Aber guter Mann, wo liegt das Problem? Ich wusste ja nicht einmal, dass es so einen Schauspieler gibt. Warum wollen Sie diese Sache aufwirbeln? Das ist doch sehr unfein. Ein Gentleman befasst sich nicht mit Filmen.“ Pinter erklärte sein Problem noch ein weiteres Mal. „Mein lieber Mann, Sie sind vielleicht zu dünnhäutig. Das ist ein fiktiver Charakter, der nichts mit Ihnen zu tun hat. Die Chancen, den Prozess gegen diesen anderen Terry S. Pinter zu gewinnen und ihn zu einer Namensänderung zu bewegen, sind null. Und deshalb mache ich es nicht. Wenn die Klage nicht zu gewinnen ist, klage ich nicht. Lassen Sie sich von meiner Sekretärin Ihren Vorschuss zurückgeben. Einen guten Tag wünsche ich Ihnen.“ Pinter ließ plötzlich seinen Widerstand fallen, gegen alles, was er immer vermeiden wollte. „Dann will ich meinen Namen ändern!“, sagte er. „Heiraten Sie!“, entgegnete Pitt. „Auf keinen Fall. Wenn die Frauen meinen Namen hören, kommen sie. Und wenn sie mich dann sehen, laufen sie schnell weg. Ich will mir einfach einen anderen Namen suchen.“ – „Das geht nicht. Wegen einer solchen Lappalie kann man seinen Namen nicht ändern. Dieser Anlass ist einfach zu nichtig, Mr Pinter.“

(320) Der wahre Terry S. Pinter nahm sich für zwei Wochen Urlaub.

Der wahre Terry S. Pinter nahm sich für zwei Wochen Urlaub. Der Bibliotheksleiter hatte Verständnis, wies der guten Ordnung aber darauf hin, dass Urlaube einen Monat vorher angemeldet sein müssten.

Pinter hatte keine Erfahrung, was Urlaube anging. Irgendwo hatte er mal gelesen, dass Urlauber in Ferienklubs immer nur mit dem Vornamen angesprochen werden. Das war genau der richtige Ort für ihn. Ein Terry unter vielen. Kein S. und kein Pinter vor denen er sich hüten musste.

Er buchte und fand den Preis trotz des Last Minute-Rabatts für völlig überzogen. Der Preis der Anonymität, dachte er. Er flog am nächsten Tag. Beim Einchecken und beim Zoll gab es noch Bemerkungen zu seinem Namen. Jedes Mal verkrampfte sein Magen dabei. Im Ferienklub war er wirklich nur Terry. Nicht mal als er seinen Pass vorlegen musste, kam eine Bemerkung.

Seit seine Mutter gestorben war, hatte ihn keiner mehr einfach nur Terry genannt. Terenz, der römische Komödiendichter. Eines seiner bestbekannten Stücke war Heautontimoroumenos, der Selbstquäler. Vielleicht war dies ein Wink des Schicksals, sich nicht so ernst zu nehmen und sich das Leben nicht unnötig zu erschweren.

Als Terry war alles einfacher. Die Sonne schien, das Meer brandete, die Palmen wogen sich. Terry genoss die Spaziergänge an Strand, das Nickerchen im Liegestuhl, das Zirpen der Grillen in der Nacht, der Schatten der Palmen, unter denen er las. Natürlich ging er nicht auf die aufdringlichen Sportangebote ein, die ihm dauerlächelnde junge Leute ständig unterbreiteten. Einmal sagte er, dass er im Urlaub sei. Sie hielten es wohl für einen Witz und fragten immer wieder. Das war etwas nervend. Er vermied es auch schon am ersten Tag, sich am Swimmingpool aufzuhalten, obwohl es von dort aus einen schönen Blick auf das Meer gab. Die lärmenden Großfamilien waren ihm ein Graus. Eigentlich hätte er ein paar Runden schwimmen können. Früher machte er das sehr gerne. Aber er erwartete, dass die vielen Kleinkinder unerlässlich ins Wasser pinkelten, während sie kreischend mit ihren Schwimmflügeln herumpaddelten.

Die meiste Zeit des Tages verbrachte er alleine. Nur bei den Mahlzeiten ließ sich der Kontakt mit den anderen Gästen nicht vermeiden. Beim Frühstück war es noch erträglich, weil er gleich bei der Eröffnung des Frühstücksbuffets kam. Dann waren dort außer ihm nur noch Dauerläufer und andere Sportler mit asketischem Gesichtsausdruck. Terry las eines seiner Bücher und ignorierte sie. Mittags aß Terry nur etwas Obst, das er sich vom Frühstücksbuffet stibitzt hatte. Es war eigentlich nicht erlaubt, aber er fand, dass angesichts seiner sonstigen Zurückhaltung diese Abweichung von den Regeln erlaubt sein sollte.

Abends war es schlimm. Die Väter waren alkoholisiert, die Mütter gestresst und die Kinder aufgedreht. Sein Tisch stand inmitten mehrerer großer Tische, an denen es viele Kinder gab. Keiner mochte Terry, seit es ihm eines Abends herausgerutscht war, einer Mutter, die ihr quengelndes Kind tröstete, zu sagen, dieser Anlass sei nichtig. Seitdem hatte er den Eindruck, dass alle ihn böse anschauten. Er bekam wieder Herzklopfen.

(321) Christo, der Portier des Klubs, hatte Mitleid mit Terry.

Christo, der Portier des Klubs, hatte Mitleid mit Terry. „Es gibt auch Singleklubs. Unser Klub hier ist bekannt dafür, dass besonders Familien mit kleinen Kindern hierherkommen.“ Christo stellte Terry ein Fahrrad zur Verfügung, um die Insel zu erkunden. Das würde ihm Freude bereiten. Terry nahm das Angebot an.

Als er am nächsten Tag mit dem Fahrrad unterwegs war und den leichten Fahrtwind spürte, während er am Strand entlang radelte, fühlte er sich glücklich. Vielleicht würde er unterwegs zu Abend essen können, und so die Familienhölle vermeiden. Er hätte Christo nach einer Empfehlung fragen sollen.

Terry kam schließlich beim Leuchtturm an, der auf der gegenüberliegenden Seite der Insel lag. Er rastete, las in seinem Buch und aß etwas Obst. Dann überlegte er, ob er die Insel weiter umrunden oder quer durch die Mitte fahren sollte. Mitten auf der Insel ragte ein Vulkan hervor. Die Straße führte natürlich nicht über den Berg, aber es müsste schon etwas Steigung geben. Abseits des Meeres war es ruhiger und es gab kaum Wind. Es war früher Nachmittag und die Sonne war recht drückend. Terry sagte sich, dass etwas Anstrengung gar nicht schlecht wäre, um sein Herz zu stärken. Er beschloss, das Innere der Insel zu erkunden. Er fragte sich, ob er auch auf dem Weg zum Sportler war, wies den Gedanken aber entschieden von sich.

Zuerst begegnete er einem alten Mann, der am Stock ging und ihm etwas hinterher rief, das er nicht verstand. Dann kam ihm ein Polizist zu Fuß entgegen und salutierte, als Terry an ihm vorbeifuhr. Die Steigung war steiler, als es Terry erwartet hatte. Einmal musste er sogar absteigen und das Rad schieben. Als er endlich am höchsten Punkt angekommen war, direkt unterhalb des Vulkans, rastete er ein wenig. Als er weiterfuhr, ging es viel leichter. Allerdings schienen die Bremsen nicht einwandfrei zu funktionieren. Er musste dazu seine Füße zur Hilfe nehmen.

Als er um eine Kurve bog, stand eine schöne Frau am Straßenrand. Er grüßte sie, sie antwortete und als er sich zu ihr drehte, um sie besser zu verstehen, kam er von der Straße ab und rollte einen Abgrund hinunter. Die Frau, Ruth Scott, rief ihren Mann, Brent Scott, der gerade hinter einem Baum stand und pinkelte. Gemeinsam gingen sie den Abhang hinunter und halfen Terry auf. Er hatte sich nicht verletzt, nur eine leichte Schürfwunde im Gesicht, wo ihn ein Zweig getroffen hatte. Beide Reifen waren allerdings platt.

„Ein bisschen weiter unten finden Sie ein Geschäft und eine Bushaltestelle, dort kann man Ihnen sicher weiterhelfen“, sagte Scott. Terry war immer noch etwas wackelig auf den Beinen. Er bedankte sich und schob das nutzlose Rad den Berg hinunter. Ruth und Brent Scott setzten ihren Spaziergang zum Vulkan fort.

(322) Brent Scott war der Inhaber einer kleinen Werbeagentur.

Brent Scott war der Inhaber einer kleinen Werbeagentur. Kurz bevor er mit seiner Frau Ruth in Urlaub fuhr, hatte er einen neuen Kunden gewonnen, die Tameside Strategic Partnership. Das war eine Interessensgemeinschaft aus Ashton-under-Lyne, die neue Investoren anlocken wollte. Daher musste Brent, obwohl er im Urlaub war, ständig Telefongespräche mit seinem Kunden führen. Ruth war zwar verständnisvoll, hätte aber den Urlaub lieber exklusiv mit Brent genossen, als ihren Ehemann mit Unbekannten am Telefon zu teilen.

Ein paar Schritte weiter und schon klingelte Brents Telefon wieder. Sie seufzte und ging weiter. Er nahm den Anruf entgegen und blieb stehen.

„Hallo Ted… Nein, Sie stören mich überhaupt nicht. Konnten Sie ein paar Recherchen machen über berühmte Leute, die mal in Ashton-under-Lyne waren? … Hervorragend. Was haben Sie gefunden? … Samuel Beckett? Der Schriftsteller? Aha… Er hat einmal in Ashton-under-Lyne übernachtet. Das ist nicht schlecht, obwohl es für die Ansiedelung von Wirtschaftsunternehmen nur begrenzt relevant ist… Wen haben wir denn noch? … Gar keinen? … Nun, immerhin hat Beckett ein Theaterstück mit dem Namen „Happy Days“ geschrieben, glaube ich… Nein, das ist nicht die Serie mit Fonzie. Es geht in dem Theaterstück, wenn ich mich recht entsinne, um ein Ehepaar im Urlaub. Nun ja, damit werden wir bestimmt etwas anstellen können… Was wir vielleicht auch verwenden können, ist ein Zitat von Beckett. Ich glaube, er hat mal gesagt: „Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern.“… Nein, da haben Sie recht. Für Unternehmer, die eine neue Fabrik bauen sollen ist das ein blöder Spruch. Ich habe nur laut nachgedacht. Das wäre fast so, als ob man den alten Schmähspruch über Ashton-under-Lyne verwenden würde… Doch, den haben Sie bestimmt schon gehört… Der stimmt natürlich nicht mehr… Na gut, Sie haben es gewollt. Habe ich bei meinen Recherchen gefunden bei einem John Wilson: „Schmucklos, nass und fast wertlos“… Habe ich ja gesagt… Stimme ich Ihnen voll zu… Aber mit dem guten Samuel Beckett können wir etwas anfangen. Sie wissen nicht zufällig, warum… Hallo? Sind Sie noch dran?“ Scott verfluchte sich, dass er die Klappe nicht halten konnte. Samuel Beckett. Aber echt. Damit könnte man vielleicht Godot Logistics anlocken. Schmucklos, nass und fast wertlos. Passte alles zusammen.

Während er telefonierte, war Brent Scott von der Straße in einen Pfad abgebogen und stand nun auf einer kleinen Lichtung, um ihn herum nur dichtes Gestrüpp. Er wusste nicht mehr, aus welcher Richtung er gekommen war. Scott überlegte. Wahrscheinlich war es sinnvoll, in immer weiteren Kreisen aus der Lichtung herauszugehen, um wieder auf die Straße zu kommen. So etwas hatte er mal gelesen.

(323) Es war nicht leicht einen Weg durch das Gestrüpp zu finden.

Es war nicht leicht einen Weg durch das Gestrüpp zu finden. Scotts Kleidung blieb an Dornen hängen und riss ein. Er blutete. Mehrere Male dachte er, dass er wieder auf der kleinen Lichtung angekommen war. Als er fast mutlos war, fand er sich plötzlich am Rande des Gestrüpps auf einem kleinen Hügel, der zu einer Straße führte. Er hörte Motorengeräusch und beeilte sich, den Hügel hinunter zu steigen. Als er fast unten war, verhedderte sich sein Fuß in einer Wurzel und er stürzte hinunter, landete auf allen Vieren.

Gerade in dem Augenblick hielt der Wagen, den er gehört hatte, neben ihm und die Tür schwang auf. Scott schaute hoch und sah, dass auf der gegenüberliegenden Fahrerseite ein Mann saß und ihn anlächelte. „Kommen Sie. Steigen Sie ein.“ Der Fahrer klopfte mit der Hand einladend auf das Polster des Beifahrersitzes. Scott hievte sich an der Tür hoch und ließ sich auf den Sitz plumpsen. Die Tür schloss sich. Der Fahrer legte einen Gang ein und fuhr los. „Ich heiße Brent Scott.“ – „Freut mich, Brent. Ich bin Marius Stricker.“ – „Ich hatte mich im Gestrüpp verirrt. Meine Frau muss nach mir suchen.“ – „Das wird sich alles klären“, antwortete Stricker.

Scott lehnte sich zurück und schloss kurz die Augen vor Erschöpfung. Der Wagen war sehr leise, man hörte ihn kaum. Die Polster waren angenehm weich. Die Straße, auf der sie fuhren, war gesäumt von Bäumen und schien sich bis zum weit entfernten Horizont auszudehnen. Am Rückspiegel hing ein Rosenkranz aus Lapislazuli. „Ich kannte diese Straße gar nicht. Ist sie neu?“ – „Soweit ich weiß, gab es sie schon immer.“ Nach einiger Zeit sagte Stricker: „Wenn es Ihnen langweilig ist, können Sie gerne das Radio einschalten.“

Scott drehte am Knopf. Eine Tenorstimme sang „I will look in his face, some days in grace, I’ll be happy again“. Scott drehte weiter. Die gleiche Stimme „he restoreth my soul, there is trouble today I hear you say, you’ll be happy again“. Er drehte weiter. Eine Ansagerin: „Und deshalb ein Lied zum Mut machen mit Merrill Womach.“ Dann wieder die Tenorstimme „I’ve been happy before, I’ll be happy again“. Scott schaltete das Radio aus. „Es gibt wohl wenige Sender hier“, meinte er. Stricker antwortete: „Es kommt nicht auf den Sender an, sondern auf die Empfänger. Wie sehen Sie das, Brent Scott?“ Brent sah geradeaus auf die glatte dunkle Straße, die sich zwischen den beiden Baumreihen schnurgerade bis zum weit entfernten Horizont hinstreckte. Dazwischen senkte sich der strahlend blaue Himmel wie ein Kelch herunter.

(324) Nach dem Start von dem kleinen Regionalflughafen überquerte die Piper die umliegenden schneebedeckten Wälder.

Nach dem Start von dem kleinen Regionalflughafen überquerte die Piper die umliegenden schneebedeckten Wälder. Die Sonne schien, es war ein angenehmer Tag und er hatte gerade ein gutes Geschäft abgeschlossen.

Merrill Womach summte ein Lied, als plötzlich eines der beiden Triebwerke aussetzte. Er beugte sich nach links, konnte aber keinen Schaden erkennen. Dann setzte das rechte Triebwerk aus. Er bemühte sich, die Triebwerke wieder zu starten, aber nichts passierte. Die Flugzeugnase senkte sich nach unten und er schien geradewegs in den Wald zu stürzen. Er wollte eine Schleife drehen und wieder auf der Startbahn aufzusetzen, aber dafür blieb ihm keine Zeit.

Er steuerte die Piper auf einen Acker und hoffte, in einem halbwegs flachen Winkel runter zu kommen. Das kleine Flugzeug pflügte sich in den Acker, kam zum Stehen und dann explodierte der Kerosintank.

Womach hatte kurz das Bewusstsein verloren und erlebte den grellen Feuerblitz nicht. Als er wieder zu sich kam, stand alles um ihn herum in Flammen. Er schaffte es, sich aus dem Sicherheitsgurt zu befreien, die Cockpittür aufzustoßen und über die brennende Tragfläche auszusteigen. Er wälzte sich am Boden, um die Flammen zu löschen. Trotz seiner Verletzungen schleppte er sich quer über den Acker zu einer Straße, die er beim Landen bemerkt hatte.

Zwei Männer, die in ihrem Wagen unterwegs waren, hatten den Absturz gesehen und waren zum Unfallort gefahren. Sie waren geschockt, als Womach sich ihnen mit schlimmen Verbrennungen und rauchender Kleidung näherte. Sie legten ihn vorsichtig auf Decken in den Wagen und fuhren mit großer Geschwindigkeit zum nächsten Krankenhaus. Während der Fahrt fing Merrill Womach an zu singen, das gleiche Lied, das er beim Start des Flugzeugs gesummt hatte. Seine Tenorstimme hatte den Unfall unbeschädigt überstanden. „He has promised to dry every tear from my eye, I will trust him today, the skies are grey, I’ll be happy again.“

Auch im Krankenhaus sang er weiter. Die Ärzte sagten, es sei der Schock. Er hatte Verbrennungen dritten Grades am ganzen Körper. Seine Frau beschrieb, dass er aussah wie ein Marshmellow, das man im Feuer gelassen hatte, bis es schwarz war. Später sagte Womach, dass er die ganze Zeit über die Gewissheit hatte, dass Gott an seiner Seite war und ihn aufmunterte, nicht aufzugeben. Er überstand nicht nur den Unfall, sondern auch die Schmerzen und die Hauttransplantationen danach. Er wollte fortan sein Leben dazu nutzen, seinen Mitmenschen Gott näher zu bringen. Er wollte ein Beispiel sein.

(325) Anja Lehnert musste kichern, als der Organist das Lied „Happy again“ anstimmte.

Anja Lehnert musste kichern, als der Organist das Lied „Happy again“ anstimmte. „There was someone before, there’ll be someone again“, summte sie mit. Sie hatte erboten, sich bei der Hochzeit ihrer Schwester um die Musik in der Kirche zu kümmern. Sowohl Birthe als auch die Mutter der beiden Schwestern, waren dankbar gewesen, weil sie dachten, Anja hätte endlich verziehen. Aber dem war nicht so. Anja dachte immer noch daran, dass Birthe ihr vor drei Jahren den Freund ausgespannt hatte. Birthe gab die Unschuldige und sagte, sie sei verführt worden. Aber Anja glaubte ihr nicht. Lange Zeit hatte Birthe nicht mit dem Ex-Freund ausgehalten. Auch dafür war Anja ihr böse. Das Ausspannen war nur, um sie bloßzustellen.

Sie hatten drei Jahre kaum miteinander geredet. Dann die für Anja überraschende Hochzeit mit irgendeinem Banker, der Birthe das Luxusleben bieten konnte, für das sie nicht zu arbeiten brauchte. Die Mutter hatte die beiden Mädchen wieder in Kontakt gebracht. Sie wollte eine große friedliche Familie. Anja hatte nachgegeben, aber auf Rache gesonnen.

Ein Teil ihrer Rache war die Musik in der Kirche. Vielleicht fiel es ja sonst keinem auf, aber irgendetwas würde hängen bleiben. Vor allem hatte sie aber Bobby Maurer mitgebracht und allen, als ihren Freund vorgestellt. Ihre Mutter hatte fast einen Nervenzusammenbruch gekriegt und Birthe hatte mit irrlichternden Augen geschaut.

Anja wusste, dass in diesem Augenblick die ganze Hochzeitsgemeinde nur an Bobby dachte und nicht an Birthes Hochzeit. Bobby war natürlich nicht Anja Lehnerts Freund. Er war eine Bekanntschaft aus dem Fitnessstudio, in das Anja ging. Er war sehr einfach gestrickt. Immer guter Laune, aber ohne sich mit zu komplexen Gedankenfolgen abzumühen. Vor allem aber hatte Bobby zu viele Mittelchen ausprobiert und sah sehr seltsam aus. Zum einen bestand er aus übertriebenen unförmigen Muskelmassen. Im Anzug sah er aus wie der Hulk. Man erwartete, dass er bei der leisesten Verärgerung seinen Anzug in Fetzen reißen würde. Auch Bobbys Gesicht sah seltsam aus. Sein Kinn war sehr breit, die Wangenknochen stachen hervor und seine Augen standen sehr eng beieinander.

Am auffälligsten war jedoch Bobbys Hautfarbe. Anja nahm an, dass es Nebenwirkungen von anderen Präparaten waren, die Bobbys Haut sehr dunkel erschienen ließen. Es war, als ob er jeden Tag Stunden auf der Sonnenbank verbrachte. Es hatte Anja viel Überwindung gekostet, Bobby anzusprechen, aber sie wusste, dass es ihre Rache beflügeln würde. Und das tat es.

Immer wieder schauten Hochzeitsgäste zu Bobby. Sogar der Pfarrer schaute immer wieder hin, während er sprach. Nachher musste Anja darauf achten, dass Bobby auf möglichst vielen Fotos sein würde. Oh nein, mit Birthe war sie noch lange nicht fertig.

(326) Später beim Empfang hatte Anja sich noch von Bobby küssen lassen.

Später beim Empfang hatte Anja sich noch von Bobby küssen lassen. Dabei registrierte sie, dass sie damit fast die ganze Aufmerksamkeit im Raum auf sich zog. Bobby war ein voller Erfolg. Allerdings ekelte sie sich selbst vor ihm. Es kostete sie einiges an Überwindung, ihn überhaupt anzufassen. Ihre Mutter unternahm mehrere Versuche, mit Anja zu reden, aber sie wich immer aus. Schließlich sagte sie Bobby: „Wir gehen, es reicht.“

Sie verabschiedete sich von Birthe mit einem bezaubernden Lächeln, das nur sehr schmallippig erwidert wurde. Anja fühlte sich großartig. Sie hatte die Hochzeitsfeier beeinträchtigt, aber ohne dass man ihr wirklich Vorsatz nachweisen konnte. Niemand konnte sich vorstellen, dass Bobby nur ein Mittel zum Zweck gewesen war.

Leider konnte sich das insbesondere Bobby nicht vorstellen. Er hatte sich angeboten, mit seinem Wagen herzukommen und fuhr sie jetzt nach Hause. Er hatte den ganzen Abend keinen Alkohol getrunken, Anja nahm an, dass er es nicht vertrug. Er sagte, dass er sich hervorragend unterhalten habe und dass Anja eine so nette Familie habe. Besonders ihre Schwester Birthe habe ihn immer so freundlich angesehen. Auch ihre Mutter sei eine fantastische Frau. Anja fragte sich, ob sie auf der gleichen Veranstaltung gewesen waren.

„Was ist das für ein Karton auf der Rückbank“, sagte sie, um das Thema zu wechseln. Bobby erschrak. Er schaute nach hinten, verriss dabei das Steuer und hatte Mühe den Wagen wieder unter Kontrolle zu bringen. „Das habe ich vergessen“, stammelte er. Er hieb mit der flachen Hand auf das Lenkrad. Sie wollte ihn beruhigen und legte ihre Hand auf seinen unförmigen Oberarm. Es wirkte sofort. Bobby wurde ruhig und lächelte auch wieder. Seine weißen Zähne reflektierten das Scheinwerferlicht eines Wagens, der ihnen entgegenkam.

Dann sagte er: „Ich wollte, ich hätte auch eine Familie, die so freundlich und nett ist.“ Anja hörte das nicht gern und schwieg. Bobby nahm es als Ermunterung und fuhr fort: „Ich könnte mir sehr gut vorstellen, ein Teil dieser Familie zu werden.“ Anja musste handeln. Sie erklärte ihm, wie dankbar sie ihm sei, dass er ihr aus der Klemme geholfen habe. Wäre sie ohne Freund bei der Hochzeit aufgetaucht, hätte man schlecht über sie geredet. Er habe ihr sehr geholfen.

„Du hast allen gesagt, dass ich dein Freund bin.“ – „Ja, Bobby. Das bist du auch. Wir sind befreundet. Aber du bist nicht DER Freund, ja? Das wäre etwas ganz anderes.“ – „Nicht?“, fragte er traurig. „Nein. Wir sind nur befreundet.“ Während dem Rest der Fahrt schien Bobby sehr nachdenklich.

Anja war froh, als sie vor ihrem Haus aus dem Wagen stieg. Immerhin war sie klar genug gewesen, dass er nicht mehr auf einen Kaffee mit hoch kommen wollte. Am besten, sie wechselte das Fitnessstudio, um ihn nicht weiter zu ermutigen.

(327) Bobby hatte sich zuhause einen Eiweißshake gerührt…

Bobby hatte sich zuhause einen Eiweißshake gerührt und saß damit vor dem Fernseher, als es klingelte. Als er die Wohnungstür öffnete, flog ihm eine Faust entgegen. Es war Bo Brechels Faust und er hatte gut gezielt.

„Scheiße“, rief Bobby und ging zurück in den Flur. Bo Brechel und Volker Nötzel kamen ihm hinterher. Nötzel schloss die Tür. „Hattest Du vielleicht etwas vergessen, heute Abend, Bobby?“, fragte Brechel. „Ja“, antwortete Bobby hinter vorgehaltener Hand. Seine Nase blutete. Nötzel hielt ihm ein Papiertaschentuch hin. Bobby hielt es an die Nase. „Und dann“, sagte Brechel und holte wieder mit der Rechten aus. Bobby hielt die Hand hoch, Brechel sollte stoppen. „Es kam etwas dazwischen. Ich war auf einer Hochzeit.“ Brechel hielt inne. „Hochzeit? Du? Wer lädt dich denn auf eine Hochzeit ein?“ – „Eine Freundin.“ – „Du? Eine Freundin?“ Brechel war verblüfft. Er ließ den Arm sinken. Nötzel fragte nach: „Wo sind die Annis?“ – „Im Wagen.“

Brechel hatte sein Erstaunen überwunden. „Du lässt den Karton mit den Präparaten einfach so im Auto liegen?“ Er zog eine Pistole aus der Jackentasche und hielt sie Bobby an den Kopf. „Wir gehen jetzt sofort zum Auto und du zeigst mir das Zeug.“ Bobby durfte ins Bad, um sich das Gesicht sauber zu wischen. Nötzel behielt ihn im Auge, während Brechel durch die Wohnung stöberte. Dann führte Bobby die beiden Dealer zu seinem Wagen, der auf einem dunklen Hinterhof stand. Er schloss den Wagen auf und zeigte ihnen den Karton mit den Fläschchen, in dem die anabolen Steroide enthalten waren. „Bobby, du bist unachtsam. In dem Karton ist sehr viel Wert enthalten.“ Brechel holte wieder seine Pistole aus der Jacke und hielt sie Bobby schon wieder an den Kopf. Diesmal entsicherte er die Waffe, um seinem Anliegen mehr Gewicht zu verleihen. Bobby ging auf die Knie vor ihm. „Entweder du spurst oder du bist weg vom Fenster. Aber so was von weg.“ Nötzel trat hinter Bobby und stieß ihn um, indem er ihm den Fuß zwischen die Schultern setzte und drückte.

Bobby ließ es mit sich geschehen. Es war ihm klar, dass er einen Fehler gemacht hatte, als ihn der Fausthieb traf. Er hatte die Lieferung vergessen, nur einmal während der Rückfahrt hatte er daran gedacht. Aber dann hatte Anja ihn berührt und er hatte es vergessen. „Das ist die letzte Warnung. Machst du, was wir dir sagen?“ Bobby nickte, sagte „Ja“. Dann ließen sie von ihm ab. „Das Paket kommt morgen zu Klutz, verstanden? Und nicht später als zehn Uhr. Sonst reiß ich dir den Asch auf, Bobby.“ Nötzel trat ihm noch ein letztes Mal in die Seite. Dann waren sie weg. Bobby ging wieder in seine Wohnung und trank den Rest seines Eiweißshakes.