(297) Als sie aus der Metzgerei herauskamen, sagte Jens: „Wisst Ihr, was ich glaube?

Als sie aus der Metzgerei herauskamen, sagte Jens: „Wisst Ihr, was ich glaube? Wir waren eben Zeuge einer Schutzgelderpressung. Dieser schmierige Typ mit seinen beiden Schlägern wollte doch Geld von der Metzgerin. Nur weil wir reinkamen, hat er von ihr abgelassen. Was meint Ihr?“ Karlo stimmte ihm zu. „Das war eine üble Sache. Ich habe so etwas noch nie gesehen, aber einen anderen Reim kann ich mir nicht machen.“ Auch Ben und Hannes waren dieser Meinung. Sie beschlossen, wieder zurück in die Metzgerei zu gehen und die Metzgerin zu befragen. Sie wollten ihr raten, zur Polizei zu gehen. Sie würden sich anbieten, sie zu beschützen.

„Meine Herren, so schnell zurück? Lassen Sie mich raten: Sie haben ein Würstchen versucht und wollen noch viel mehr davon.“ Frau Wolter lächelte die vier Männer an, die mit ihren Plastiktüten wieder vor ihr standen. Jens führte das Wort. „Wir konnten nicht umhin, etwas zu bemerken vorhin.“ Frau Wolter hob die Augenbrauen an und sah ihn weiter lächelnd an. „Es schien uns, als ob die drei Männer vorhin keine richtigen Kunden waren. Sie schienen eher darauf aus zu sein, Geld von Ihnen zu kassieren.“ Er räusperte sich. „Wir glauben, dass diese Männer Gangster waren.“ – „Das ist richtig“, antwortete Frau Wolter. „Aber, dann müssen Sie zur Polizei gehen. Sie dürfen das nicht so akzeptieren. Sie sind nicht schwach, Sie sind stark.“

Frau Wolter lachte. „Nun ja, ich bin wirklich nicht allzu stark, aber zur Polizei brauche ich nicht zu gehen. Jeder hat da seine eigenen Methoden.“ – „Aber, die kommen doch bestimmt wieder!“ – „Meine Herren, jetzt machen Sie sich mal keine Sorgen. Sie sind nicht Batman hoch vier und Sie sind nicht für mich verantwortlich.“ – „Sie geben also zu, dass Sie erpresst werden und Sie wollen nichts dagegen unternehmen?“ Jens war schockiert und mit ihm waren es seine Freunde. „Falsch. Richtig ist, dass die Herren von mir Geld wollten. Aber ich werde nicht erpresst, weil ich selbst etwas dagegen unternehme. Ich habe diese Metzgerei jetzt schon seit über zwanzig Jahren und ich bin bisher noch mit jeder Bedrohung fertig geworden.“ Sie sah sehr ernst aus, als sie das sagte.

Dann aber setzte sie wieder ihr gütiges Altfrauenlächeln auf. „Aber, meine Herren, was halte ich Sie auf? Sie haben Ihre vorzüglichen Frankfurter Würstchen gekauft, jetzt sollten Sie sie auf jeden Fall auch essen. Ich wünsche Ihnen guten Appetit. Und als Kunden können Sie mich jederzeit wieder beehren.“

(298) Draußen vor der Metzgerei schauten sie sich an, aber keiner wollte reden.

Draußen vor der Metzgerei schauten sie sich an, aber keiner wollte reden. „Wir nehmen die U-Bahn zum Fluss“, sagte Jens und zeigte auf die Treppe, die hinunter in den Untergrund führte. Als sie auf dem Bahnsteig ankamen, waren sie von dem Gedränge erstaunt. In der großen Röhre gab es zwei Bahntrassen an den Außenseiten und in der Mitte dazwischen einen Bahnsteig.

Auf der ganzen Länge des Bahnsteigs waren Menschen versammelt. Allerdings standen sie nicht einfach nur da, um auf die nächste Bahn zu warten. Sie waren ständig in Bewegung. Mit langsamen Schritten und herabhängenden Armen bewegten sie sich auf und ab auf dem Bahnsteig. Ihre Augen sahen leer aus und schienen durch die Körper der Priester zu starren. „Ist hier gerade Berufsverkehr?“, fragte Ben und schoss ein paar Fotos. Da es recht dunkel war, schaltete er sein Blitzgerät ein. Das provoziert aber Stöhnen und ruckartige Handbewegungen bei denen, die er fotografierte. „Hör auf“, sagte Jens. „Das sieht nicht nach Berufsverkehr aus. Die Leute sehen alle so abgerissen aus. Verwahrlost.“ – „Vielleicht eine Notfallübung. Evakuierung oder so. U-Bahnhöfe werden oft als Schutzbunker genutzt“, steuerte Karlo bei. „Ich frage mal“, sagte Jens.

Er wandte sich einem Mann zu, der an ihm vorbei schlurfen wollte. „Mein guter Mann, können Sie uns sagen, warum es hier so voll ist?“ Der Angesprochene reagierte nicht und wollte seinen Weg ungerührt fortsetzen. Jens stellte sich ihm in den Weg. Der Mann ging weiter und schob Jens weg. Karlo wollte ihn aufhalten und packte den Unterarm des Unbekannten. Doch als er den knochigen Arm des Mannes in der Hand hielt, stieß er einen Schrei des Entsetzens aus. Fleischfetzen hingen noch an den Knochen. Der Mann schien es nicht zu bemerken und ging einfach weiter, als Jens aus seinem Weg trat. „Zombies!“, rief Jens, „Ich wusste es. Ich glaube, sie wollen uns angreifen. Es kann jeden Augenblick losgehen! Wir müssen weglaufen.“

Er zog Karlo und Ben hinter sich her und flüchtete in Richtung des nächstgelegenen Tunnels. „Wo ist Hannes?“, fragte Karlo. „Ich weiß es nicht, wir müssen weg, sie werden unsere Hirne fressen!“ Sie sprangen auf den Schotter des Bahngleises. Die Zombies hatten sich ihnen teilweise zugewandt und wankten näher. Jens lief schneller. Ben und Karlo folgten ihm. Das Dunkel der Tunnelröhre kam näher, sie liefen hinein. Der Tunnel schien leer. Sie liefen weiter. In einer Kurve ging es leicht bergauf. Als sie mitten in der Kurve waren, kam ihnen geräuschlos eine U-Bahn entgegen und zerteilte ihre Körper auf den Schienen.

(299) Hannes hatte sich von den anderen entfernt und die seltsamen Leute auf dem Bahnsteig selbst erkundet.

Hannes hatte sich von den anderen entfernt und die seltsamen Leute auf dem Bahnsteig selbst erkundet. Als Karlo geschrien hatte und seine drei Freunde ins Gleisbett gesprungen waren, hatte sich auch um ihn herum eine Gruppe gebildet. Er konnte nicht weg. Ein großer Mann mit langen fettigen Haaren und leeren Augen beugte sich über ihn und biss ihn in den Arm. Hannes schrie auf vor Schmerz, dann verlor er sein Bewusstsein. Als er wieder zu sich kam, lag er auf dem Bahnsteig und um ihn herum liefen immer noch die Zombies hin und her. Vor ihm stand der große Mann, der ihn gebissen hatte und starrte ihn aus hohlen Augen an. „Wie fühlst du dich?“, fragte er mit einer Stimme, die klang, als ob seine Luftröhre nicht mehr dicht war. „Gut“, antwortete Hannes. „Wer bist du?“ – „Ich bin Bolko. Und das ist meine Horde. Warum fühlst du dich gut? Du müsstest Fieber haben.“ – „Nein“, meinte Hannes, „eigentlich alles ok. Was macht Ihr hier unten?“ – „Das ist die Zombie Apokalypse. Wir warten auf den Auserwählten, der uns hinausführt, um das Werk zu vollenden.“ – „Hmmm…“, antwortete Hannes.

Zehn Stunden später war Hannes immer noch er selbst und Bolko fing an zu glauben, dass Hannes der Auserwählte war. Hannes erinnerte sich, dass er als Kind einmal von einer Fledermaus gebissen worden war, die sich im Badezimmer hinter dem Warmwasserboiler versteckt hatte. Wahrscheinlich hatte ihn der Biss gegen die Zombies immun gemacht. Er sagte aber nichts darüber. Inmitten der herumirrenden Zombies und unter den wachsamen toten Augen von Bolko hatte er Zeit nachzudenken. Er empfand Trauer für Jens, Karlo und Ben, deren Tod er indirekt mitbekommen hatte, als die U-Bahn blutbespritzt aus dem Tunnel herausschoss, in dem die drei gerade verschwunden waren. Das triumphierende Stöhnen der Zombies hatte er immer noch in den Ohren. Hannes musste aus der U-Bahnstation flüchten, um die Menschen da oben zu warnen und auch, um ihnen mit seinem sauberen Blut Hoffnung zu bringen. Vielleicht würde man sein Blut kopieren können und als Impfstoff nutzen, um viele andere Menschen zu schützen. Sonst würde es dunkel aussehen für die Menschheit. Vielleicht war Hannes ja wirklich der Auserwählte.

Manchmal kamen Züge an und wenn die Türen der Wagen sich öffneten, stürzten die Zombies hinein, bissen die Passagiere und zerrten sie auf den Bahnsteig hinaus. Deshalb war die Menschenmenge immer weiter gewachsen. Trotzdem waren immer noch alle Zombies ständig in Bewegung. Hannes hatte sich, um nicht aufzufallen, auch diesen wankenden Gang angewöhnt und lief mit. Er stürzte sich auch in die Wagen, um Reisende zu beißen, denn nur so konnte er Bolkos Vertrauen gewinnen.

(300) Um äußerlich wie ein Zombie zu wirken, hatte sich Hannes…

Um äußerlich wie ein Zombie zu wirken, hatte sich Hannes schon zu Beginn seines Aufenthalts im Untergrund mit Blut von gebissenen Reisenden eingeschmiert, seine Kleider zerrissen und sich darin geübt, mit starrem Blick vor sich hin zu stieren.

Eines Tages, als es wirklich keinen Platz mehr auf dem Bahnsteig gab, sagte Bolko zu ihm: „Du bist der Auserwählte, der schnelle Zombie, auf den wir gewartet haben. Nur du kannst dich oben bei den Unsteten bewegen, ohne aufzufallen. Du musst nach oben gehen und für uns beobachten, wie es die Unsteten schaffen, die Normalität aufrecht zu erhalten. Wie sie miteinander kommunizieren. Wir müssen das alles wissen, um am Ende die Welt zu beherrschen. Aber bevor du nach oben gehen kannst, musst du versuchen, dich so herzurichten, dass die Unsteten keinen Verdacht hegen. Du musst dich säubern, die Kleidung richten und auch Schminke auflegen, damit deine Haut wie glatt erscheint. Denkst du, dass du das schaffst, Hannes?“ – „Ich werde mein Bestes tun, Bolko.“

In Wirklichkeit brauchte Hannes ja nur sein Gesicht mit eine angefeuchteten Taschentuch zu wischen, gute Kleider bewusstlosen, gerade angekommenen Reisenden abzunehmen und wieder normal zu schauen und zu gehen. Bolko war gerührt von der Verwandlung. „Du machst das ganz toll“, lobte er Hannes. „Wenn ich dich nicht selbst gebissen hätte, würde ich meinen, dass du selbst einer von den Unsteten wärst. Du bist der Auserwählte.“ Bolkos Luftröhre machte noch seltsamere Geräusche als sonst. Hannes nahm an, dass es von dem Rest an Gefühlen kam, die Bolko noch in sich trug. Er war jetzt schon in seinem vierten Zombiejahr und die Verwesung schon recht weit fortgeschritten.

Bolko hoffte, dass er noch den Moment erleben würde, wenn die Zombies aus der U-Bahnstation nach draußen gehen würden, um dann im Schutze der Nacht alle restlichen Unsteten zu beißen und zu assimilieren. Er wünschte Hannes viel Glück und hoffte, dass der Kamerad bald schon zurückkommen würde, um die Zombie Apokalypse als der Auserwählte zu führen.

Hannes bedankte sich für alles und stieg die Treppe zum Sperrengeschoss hoch. Auf halber Höhe drehte er sich um und winkte zurück in die Menge. Als einziger ruhender Pol in der hin und her wogenden Menge der Zombies sah er Bolko, der zu ihm hochschaute. Bolko hob den Arm, um das Winken zu erwidern. Allerdings wurde er gerade dann von den Zombies hinter ihm angerempelt. Sein Arm brach ab und verschwand in der Menge. Hannes drehte sich um und ging die weiteren Stufen hoch, bis er wieder über der Erde angekommen war.

(302) Ich will auf keinen Fall Zombies bei unserem Umzug.

„Ich will auf keinen Fall Zombies bei unserem Umzug. Diese blutigen Streuselfressen, das ist einfach ekelig. Nur über meine Leiche!“ Dr. Martin Schwanitz redete sich in Rage und dabei wedelte seine 110 Zentimeter lange Königsfasanfeder aufgeregt hin und her. Keiner der anderen zehn Anwesenden konnte Argumente vorbringen, die gegen ein Verbot von Zombieverkleidungen beim kommenden Rosenmontagszug sprachen. Daher stimmte das Karnevalfestkomitee unter Tagesordnungspunkt dreizehn einstimmig der Eingabe ihres Präsidenten zu. Da es keine weiteren Diskussionspunkte gab, beendete Dr. Schwanitz die Sitzung.

Als die anderen Teilnehmer aufstanden, wandte sich der Präsident an seinen Stellvertreter, Rudolf Leuschner: „Rudi kannst Du gerade noch einen Moment bleiben. Ich habe noch etwas mit dir zu besprechen.“ Als die anderen neun das Sitzungszimmer des Festkomitees verlassen hatten, kam Dr. Schwanitz zur Sache. „Es geht um Prinz und Prinzessin. Bei der nächsten Sitzung der Vereine wird die Wahl stattfinden. Was meinst du?“ Rudi zuckte mit den Schultern. „Das war nie mein Ziel.“ Schwanitz lachte auf. „Ha, der ist gut. Nein, darauf wollte ich nicht hinaus. Rudi der Erste. Nicht schlecht.“ – „Du hast doch was vor, Martin. Warum sagst du mir nicht einfach, was du willst?“

Schwanitz war Seniorpartner bei der größten lokalen Anwaltssozietät. Seine Rolle als Präsident des Festkomitees war für den Karneval gut, aber auch für Schwanitz persönlich. Einer seiner wichtigsten Mandanten war Bauunternehmer. Und der Abteilungsleiter im Baubüro der Stadtverwaltung hatte den Herzenswunsch einmal im Leben Prinz Karneval zu sein und es so richtig krachen zu lassen. Schwanitz könnte mit einer guten Tat viele Menschen glücklich machen.

Zu Leuschner sagte er: „Du kennst doch den Mike Löhndorf? Seine Frau ist die Heidi. Beide hier geboren und Karnevalisten vom Reinsten. Sie sind seit jeher bei den Roten Garden. Der Mike wäre aus meiner Sicht ein sehr guter Prinz und Heidi eine tolle Prinzessin. Was meinst du?“ – „Ist das der Mike Löhndorf aus dem Baubüro?“ – „Ja, das stimmt, jetzt wo du es sagst“, antwortete Schwanitz, nachdem er so getan hatte, als ob er nachdenken musste. „So ein Zufall“, meinte Leuschner. „Ich weiß nicht, was du meinst, Rudi. Aber es wäre mir bei Gelegenheit einen großen Gefallen wert, wenn du dich etwas kümmern könntest. Du hast doch mit allen Leichen im Keller.“ – „Mensch Martin, ich muss da aufpassen. Ich bin der Polizeipräsident.“ – „Eben, Rudi, deshalb bist du genau der Richtige für den Job. Es soll dein Schaden nicht sein.“

(303) So weit ist es gekommen. Zombies beobachten.

So weit ist es gekommen. Zombies beobachten. Welche billige Retourkutsche.

„Herr Meusel, was haben Sie sich dabei gedacht? Ein Kreuzfahrtschiff kurz nach dem Auslaufen zu stoppen, es in den Hafen zurückzubeordern und dann eine Riesenrazzia durchzuführen? Und alles wegen eines anonymen Anrufs?“

Wer kommt da? Clowns, reguläre Clowns. Von weitem sah die Schminke aus wie eine große klaffende Wunde am Mund. Was ist, wenn die Clownsmaske nur eine Verkleidung über der Verkleidung wäre? Darunter eine zersetzte Zombiefresse. Plötzlich im Rosenmontagszug, vor den Kameras, Clownsmaske ab und hallo. Sollte er alle Masken kontrollieren? Am besten alle nach Hause schicken. Karneval fällt aus. Tschüss. Rosenmontagszug. Lächerlich. Alles Zombies.

„Wenn Sie das Gemälde wenigstens gefunden hätten, Herr Meusel, dann hätte ich als Polizeipräsident noch eine Hand über Sie halten können. Aber so? Die Presse würde auch mich zerreißen. Sie sind ja auch das Aushängeschild der Kriminalpolizei nach außen. Es ist Ihnen schon bewusst, dass das Konsequenzen haben muss. Ich sage ja nicht, dass es für immer ist. Aber Sie müssen jetzt mal ein bisschen von der Bildfläche verschwinden. Eigentlich sind Sie ja ein guter Mann. Aber was hat Sie da geritten? Ein ganzes Kreuzfahrtschiff durchsuchen zu lassen. Gutbürgerliche Familien mit Kindern. Dann auch noch mit Maschinenpistolen. Traumata für die Kinder. Das war ganz unappetitlich, Herr Meusel. Fürs Erste habe ich etwas, wo Sie nicht in der Schusslinie stehen.“

So war der Termin mit Herrn Leuschner. Traumata für die Kinder. Und was denn noch? Und dann die Demütigung. Begleitung des Rosenmontagszugs. Mit spezieller Aufgabe, die Teilnahme von Zombies zu verhindern. Ein Witz. Streifendienst wäre besser gewesen. Harter routinemäßiger Streifendienst.

Darauf achten, dass seine Herrlichkeit Prinz Mike der Erste sich nicht plötzlich in einem Trupp rebellischer Karnevalisten wiederfand, die ihm das Hirn unter der Komiteemütze herauslöffeln wollten. Erst ausgelacht wegen der Geschichte mit dem Dackelgemälde. Dann die Aufgabe als Zombiebeauftragter. Das würde ihn wahrscheinlich seine ganze Karriere verfolgen, egal was danach noch kommen würde. „Diese Aufgabe wird Sie etwas entspannen, Herr Meusel. Hier sind die Täter leicht zu erkennen und sie laufen auch nicht so schnell weg.“

Und er musste es aushalten, bloß weil er auf seine Altersversorgung angewiesen war.

„Und versuchen Sie nicht, kreativ zu sein und doch noch Möglichkeiten zu finden, sich noch tiefer reinzureiten, Herr Meusel.“

(304) Herr Meusel? Ich habe gelesen, dass Sie ein Gemälde suchen.

„Herr Meusel? Ich habe gelesen, dass Sie ein Gemälde suchen. Dandy mit Dackel. Ich weiß, wo es ist. Auf der Trinity Sea Princess. Läuft gerade aus. Rufus Munk. Das Bild ist auf dem Schiff versteckt.“ Bevor Meusel nachfragen konnte, hatte der anonyme Anrufer aufgelegt.

Munk war ein zwielichtiger Millionär, der indirekt hinter den meisten lukrativen Straftaten in der Stadt stand. Immer wieder Probleme mit der Polizei. Bisher keine Verurteilung. Eine Fassade ohne Risse. Meusel ging der Spur nach. Die Trinity Sea Princess würde in einer Stunde auslaufen in Richtung Amsterdam. An Bord Rufus Munk mit seiner Frau Thea und seinem achtjährigen Sohn Tommy. Insgesamt 239 Passagiere.

Meusel dachte kurz nach und setzte dann alle Hebel in Bewegung, um eine Dursuchungserlaubnis für das Schiff zu bekommen. Parallel organisierte er die Durchsuchung. Nicht ausgeschlossen, dass Munk auch ein paar Leute fürs Grobe mit auf große Fahrt genommen hatte, schließlich war der Dandy mit Dackel Millionen wert. Die Übergabe an den Sammler, der den Bruch in Auftrag gegeben hatte, würde wahrscheinlich in Amsterdam erfolgen. Wenn das Gemälde erst einmal außer Landes war, würde man es kaum mehr wiederfinden.

Als der Richter der Durchsuchung zugestimmt hatte, löste Meusel die Aktion aus. Das Schiff wurde wieder zurück in den Hafen beordert. Meusel und zwanzig Kollegen enterten das Schiff, begleitet von einem schwer bewaffneten Sondereinsatzkommando. Der Anblick des Teams war episch. Die grüßte Hausdurchsuchung, die Meusel bisher geleitet hatte. Das Resultat war weniger rekordverdächtig. Munk wurde bei der Kreuzfahrt auch von seinem Anwalt begleitet. Dieser bereitete Meusel einiges an Schwierigkeiten, sodass Meusel kaum an der Durchsuchung selbst teilnehmen konnte.

Die Aktion brachte keine Spuren und vor allem nicht das Gemälde. Munk musste sofort wieder freigelassen werden. Zu allem Unglück war auch noch ein Großverleger mit seinen Enkeln an Bord. Die Presse bauschte die Story entsprechend auf.

Am Abend hatte sich Meusel aus Frust betrunken, was ihm sonst fast nie vorkam. Am nächsten Tag das Gespräch mit Leuschner.

(305) Seit Oliver Kolter die Stelle als Nachtwächter im Kunstmuseum übernommen hatte…

Seit Oliver Kolter die Stelle als Nachtwächter im Kunstmuseum übernommen hatte, ging er jeden Tag nach Feierabend in eine Konditorei neben dem Museum frühstücken. Dabei las er Zeitung.

An diesem Tag las er von Meusels Aktion auf der Trinity Sea Princess. Er las den Artikel fünf Mal und konnte auch beim fünften Mal ein Lächeln nicht unterdrücken. Der anonyme Anrufer war er gewesen. Von der Kreuzfahrt und von Munks Teilnahme hatte er am Vortag in der Zeitung gelesen und es schien ihm eine gute Story zu ergeben für die Polizei.

Der Anruf wäre zwar nicht notwendig gewesen, aber es hatte Spaß gemacht und so viel Spaß erlebte Kolter in seinem Nachtwächterdasein normalerweise nie.

Wahrscheinlich war es auch der Grund gewesen, warum er vor Wochen schon den Dandy mit dem Dackel gestohlen hatte. Es war sehr einfach gewesen. Kolter hatte eine Postkarte mit dem Bild im Museumsladen gekauft, sie eingescannt und per Email nach China geschickt. Dort gab es eine Fabrik mit Malern, die gegen Bezahlung Kopien aller Gemälde herstellten. „Dackel mit Dandy“ kostete 359 Euro. Zwei Wochen später hatte er das Gemälde zuhause, allerdings war es zu groß: Die Chinesen hatten Zoll und Zentimeter vertauscht. Er bekam eine Woche später das Bild in der Originalgröße. Er schmuggelte es ins Museum und tauschte es in einer Nacht aus. Das Original verkaufte er über einen Hehler.

Der „Dackel mit Dandy“ von Andrew Hering war kein bedeutendes Werk, eher eine Kuriosität. Kolter hatte nicht erwartet, dass der Austausch auffallen würde. Doch dann plante das Museum eine genaue Untersuchung aller Ausstellungsstücke, weil es mehrere Fälschungen gegeben hatte. Kolter hatte Angst bekommen, dass man über die Chinesen auf ihn kommen würde. Immerhin hatte er unvorsichtigerweise das Bild mit seiner Kreditkarte gezahlt. Deshalb beschloss er, vor der Untersuchung einen Einbruch vorzutäuschen.

Eines Nachts als er dienstfrei hatte, ging er zum Museum und warf ein Fenster ein. Das löste einen Großalarm aus, aber man fand sonst nichts Verdächtiges. Am nächsten Tag ließ Kolter die Kopie verschwinden und zeigte den Diebstahl an. Man ging davon aus, dass das Gemälde bereits in der Nacht vorher bei dem vermeintlichen Einbruch gestohlen worden war. Die Presse startete eine Kampagne, um dieses „Lieblingsbild des Publikums“ wieder zu finden. Allerdings erfolglos.

Dafür hatte Kolter erst einmal zwei Kopien in verschiedenen Größen bei sich zu Hause hängen. Schweren Herzens zerstörte er beide, um kein Risiko einzugehen. Es waren aufregende Zeiten für den Nachtwächter gewesen.

(306) Siegfried Freiberg öffnete die Flasche Rotwein und schenkte sich etwas davon ein.

Siegfried Freiberg öffnete die Flasche Rotwein und schenkte sich etwas davon ein. Er kostete und füllte das Glas. Dann hob er die Glasglocke von diesem exzellenten Brie de Meaux, dessen Aroma sofort sein holzgetäfeltes Arbeitszimmer füllte. Er setzte sich hin und trank einen Schluck. Dann aß er ein Stück Käse.

Dazu schaute er auf die Staffelei, die vor seinem Schreibtisch stand, und auf der das Gemälde positioniert war. „Dackel mit Dandy“, von Andreas Hering. Freiberg hatte schon immer eine Schwäche für die Bilder von Hering gehabt. Insbesondere der Dackel mit Dandy hatte es ihm angetan. So sehr, dass er sich nicht traute, das Gemälde im Original im Museum anzuschauen.

Doch dann hatte sich die Gelegenheit ergeben, das Gemälde unter der Hand zu erwerben. Keine Fragen gestellt und keine Fragen beantwortet. Wirtschaftlich auf jeden Fall ein Fiasko, denn er würde das Gemälde nicht weiterverkaufen können. Purer Idealismus also.

Jetzt stand das Bild vor ihm und er war enttäuscht. Auf den Fotos hatte das Bild lebendiger ausgesehen. Der malerische Gestus war auf den Abbildungen weicher gewesen und hatte deshalb realistischer gewirkt.

Auf der rechten Seite des Bildes saß der Dandy, ein mittelalter Mann in einem formellen Gehrock und einem steifen Hut. Er trug einen Vollbart und seine Augen blitzten vor schelmischer Freude. In seinen behandschuhten Händen hielt er quer vor sich einen geschnitzten Spazierstock. Er saß auf einem ebenfalls geschnitzten Sessel vor einem Gobelin im Hintergrund. Links neben dem Mann stand ein Tisch mit einer Marmoroberfläche. Darauf stand ein Glatthaardackel, der den Betrachter hoffnungsvoll anschaute. Der Dackel trug ein breites Halsband mit einer Leine, deren anderes Ende der Dandy in der Hand hielt. Der Dackel sah aus, als ob er vor Freude mit dem Schwanz wedelte.

Für Freiberg hatte das Gemälde immer einen großen Optimismus ausgestrahlt. Jedes Mal, wenn er sich die Fotos angeschaut hatte, gaben ihm die Komposition und die Charaktere viel Energie für seinen Alltag. Der Dandy und sein Dackel waren zu seinem Rückhalt geworden.

Dann der Kauf. Zuerst erschien es ihm wie Glück, denn das Original musste mehr bewirken als das Abbild. Doch das stellte sich nicht ein. Er fragte sich, ob das Gemälde eine Fälschung sein könnte. Dummerweise konnte er keinen Experten dazu befragen. Er öffnete eine zweite Flasche und schaute weiter auf das Gemälde. Das Geheimnis lag vor ihm. Er musste es lösen.

(307) Als die zweite Flasche langsam zur Neige ging, hatte Freiberg Mühe, seine Augen weiter auf das Gemälde zu fokussieren.

Als die zweite Flasche langsam zur Neige ging, hatte Freiberg Mühe, seine Augen weiter auf das Gemälde zu fokussieren. Gerade als seine Augen zufallen wollten, bewegte der Dandy den Kopf. Freiberg war gleich wieder hellwach und starrte gebannt hin, als der Mann auf dem Gemälde, seinen Hut abnahm, ihn auf den Tisch legte und den Dackel streichelte. Dann wandte er sich direkt an Freiberg: „Sie schenken mir so viel Beachtung. Ich muss Ihnen dafür etwas zurückgeben. Etwas, das mich schon seit sehr langer Zeit bewegt und auch für Sie nicht unwichtig sein dürfte. Wir leben in einer wunderbaren Zeit, nicht wahr?“

Als der Dandy eine Pause machte, nickte Freiberg mit dem Kopf. Er konnte nicht begreifen, wie das Gemälde mit ihm reden konnte. Er wusste nicht, ob ihm das die Ehrfurcht vor dem Kunstwerk wiedergab oder ob es jetzt für ihn vollends verdorben war. Kunstwerke, die einen direkt ansprachen, empfand Freiberg als störend. Hoffentlich würde der Dandy nicht auch noch auf die Umstände zu sprechen kommen, unter denen Freiberg das Gemälde erworben hatte.

„Ich habe mich noch gar nicht vorgestellt. Ich bin Timothy Leary. Man nennt mich Drogenguru, weil ich 311 persönliche LSD-Trips hinter mir habe. Eigentlich aber bin ich ein Philosoph.“ Freiberg glotzte ihn an.

Leary fuhr fort: „Wir erleben es gerade, dass wir unseren größten Erzfeind überwinden, den Tod. Der Tod ist in meinen Augen ein Irrtum.“

Nein, Leary schien kein Problem mit der illegalen Kauftransaktion seiner Existenz zu haben. Freiberg wurde langsam wieder müde, versuchte aber tapfer, seine Augen aufzuhalten und den Worten Learys zu folgen. Der Dackel schien aufmerksamer als Freiberg.

„Ja, Sie haben richtig gehört. Wir sind schon seit einiger Zeit in der Lage, den frühen Tod zu verhindern. Die Wahrscheinlichkeit ist sehr hoch, dass Kinder zu Erwachsenen werden, solange ihnen kein Unglück zustößt. Nein, hier gibt es bereits große Fortschritte. Was aber gerade zusätzlich passiert ist, dass wir unsere Lebenserwartung fast unbegrenzt nach oben verändern können. Was ermöglicht dies? Das ist vor allem die Biotechnologie. Es ist die Genforschung. Wir haben unsere DNA schon sehr weit erforscht, aber wir wissen noch nicht genau, was wir damit anfangen können.

Nun, ich sage Ihnen, was wir damit anfangen können. Wir können zuerst sehen wie unsere DNA programmiert ist und damit unsere Schwachpunkte herausfinden. Und dann können wir Maßnahmen in die Wege leiten, um diese Schwachpunkte auszumerzen. Wir können fast alle unbegrenzt alt werden, Herr Freiberg. Hören Sie mir zu?“

Leary hatte sein Gegenüber verloren. Freiberg hatte die Augen geschlossen und döste schnaufend vor sich hin. Der Dackel winselte, bis der Dandy ihn streichelte. Im Schlaf entfuhr Freiberg ein kleiner Furz.