(287) Cornel hatte Loretta im Supermarkt getroffen.

Cornel hatte Loretta im Supermarkt getroffen. Er hatte sich etwas billigen Käse und Wein gekauft, den er alleine in seiner Mansardenwohnung essen wollte. Sie hatte zwei schwere Einkaufstaschen in den Händen und mühte sich damit ab. Sie hatten sich schon öfters im Viertel gesehen, aber bisher hatte sich kein Kontakt ergeben. Er erbot sich, ihr die Einkaufstaschen nach Hause zu tragen. Er schien Loretta so erfrischend anders, so offen und freundlich, dass sie einwilligte.

Sie lud ihn auf einen Kaffee ein. Dabei erzählte er ihr in großer Offenheit seine Geschichte. Auch den vermeintlichen Mord ließ er nicht aus. Als die Zeit voranschritt, tranken sie seinen Wein und aßen seinen Käse. Er erzählte ihr von seiner Arbeit am Sankt-Lorenz-Strom, von den kalten, langen Wintern. Von seiner Sehnsucht, wieder in die Heimat zurückzukehren. Und dass er sich dort jetzt ganz verloren vorkam. Verloren und nutzlos. Er überlege sich, wieder nach Kanada zu ziehen.

Für Loretta war es nach den Jahren von Sturm und Drang selten, dass sie Besuch zu Hause hatte. Auch sie war nicht mehr jung. Früher hatte sie geglaubt, dass Männer nur Zeit mit ihr verbringen wollten, wenn sie ihnen dafür im Austausch Sex gab. Das hatte aber nicht längerfristig funktioniert. Schließlich hatte sie keine Lust mehr an solchen Treffen. Außerdem erinnerte Männerbesuch sie immer an Nigel, denn sie nahm an, dass das der Grund war, warum er von zu Hause weggelaufen war. Das Problem stellte sich aber auch so nicht mehr, denn die Männer kamen ganz von selbst nicht mehr.

Cornel war anders. Sie hörte ihm gerne zu und er hörte ihr gerne zu. Sie lud ihn zum Essen ein für den kommenden Tag. Dann auch für den Tag darauf. Cornel brachte Wein, Brot und Blumen mit. Dann machte er ihr unvermittelt einen Antrag. Sie hatte nicht das Gefühl, dass er es tat, weil er nicht mehr viele Alternativen im Leben sah. Er mochte sie. Er zog bei Loretta ein. Sie fand einen Job für ihn als Lagermeister bei einem Eisenwarenhändler. Cornel füllte ihn gut aus, denn hart arbeiten war er gewohnt und so übertraf er alle Erwartungen, die man in ihn setzte.

Das Zusammenleben von Loretta und Cornel verlief harmonisch. Beide hatten erreicht, was sie sich am meisten gewünscht hatten. Einmal brachte Cornel eine junge Katze mit, aus einem Wurf vom Dachboden eines der Lager, die er betreute. Die Katze, ‚Princess‘ genannt, setzte ihrer Beziehung die Krone auf.

(288) Eines Abends kam Princess nicht von ihrer täglichen Tour zurück.

Eines Abends kam Princess nicht von ihrer täglichen Tour zurück. Normerweise kratzte sie irgendwann an der Wohnungstür, diesmal nicht. Cornel war beunruhigt. Nach dem Essen sagte er zu Loretta: „Ich gehe noch mal raus und schaue, ob ich Princess finde.“

Viele der Häuser in der Nachbarschaft standen jetzt teilweise leer. Investoren hatten sie gekauft und warteten darauf, dass die alten Leute, die darin seit langem zur Miete wohnten, entweder auszogen oder starben. Danach wollten sie die Häuser entweder abreißen oder renovieren. Auf jeden Fall teuer weiter verkaufen.

Cornel schaute in den Höfen der Nachbarhäuser, von denen er wusste, dass Princess sie frequentierte. Andere Mieter hatten es ihm erzählt. Als er in einen der Innenhöfe kam, sah er vor sich eine Gruppe von Rentnern aus dem Viertel, die vor einem Hintergebäude standen. Cornel hatte geglaubt, dass das Haus leer sei. Allerdings standen davor ein halbes Dutzend schwere Motorräder und mehrere der Fenster waren erleuchtet. Aus einem der Fenster flatterte eine amerikanische Südstaatenflagge. Aus dem Haus kam gerade ein Rockertyp. Eine hitzige Diskussion entstand.

Einer der Beistehenden klärte Cornel auf: Ein Motorradclub hatte das Hinterhaus gemietet und es zu seinem Clubhaus gemacht. Seitdem gab es in dem Haus die ganze Nacht über laute Musik und immer wieder starteten Motorräder im Innenhof. Durch die Akustik verteilte sich der Lärm in die Wohnungen der Hausbewohner und das war der Grund für den Protest.

Der Rocker, der mit gekreuzten Armen an der Haustür lehnte, hielt die Rentner mit flapsigen Sprüchen auf Distanz. Cornel kannte eine der Frauen, Eva Haupert. Sie war es, die plötzlich ausrastete und mit ihrem Regenschirm auf den Rocker eindrosch. Damit hatte dieser nicht gerechnet. Er überlegte, zurückzuschlagen. Aber das hätte keine gute Presse gebracht und so flüchtete er ins Hausinnere.

Kurze Zeit darauf kam die Polizei mit drei Streifenwagen. Die Rocker hatten sie gerufen. „Das entbehrt nicht einer gewissen Absurdität“, bemerkte Felix Kirschke, ein anderer der Rentner, zu Cornel. Schließlich folgten die Rentner den Anweisungen der Polizei. Auch Cornel musste den Hof verlassen. Erst als die anderen Rentner schon wieder in ihren Wohnungen verschwunden und die Streifenwagen weg waren, ging Cornel zurück, um den Hof doch noch gründlich durchzuschauen. Und wirklich fand er die verstörte Princess versteckt hinter den Mülltonnen. Er nahm die Katze auf den Arm und ging mit ihr nach Hause.

(289) Eva Haupert und Felix Kirschke standen vor ihrem Haus auf dem Bürgersteig…

Eva Haupert und Felix Kirschke standen vor ihrem Haus auf dem Bürgersteig und ließen den Tag Revue passieren. Sie waren über vier Stunden unterwegs gewesen und hatten mehrere Häuser im Viertel abgeklappert. Zuerst notierte Eva den Namen an der Klingel in dem Vordruck für die Unterschriften. Dann klingelte Felix und stellte sich neben Eva vor die Wohnungstüre. Oft waren die Wohnungen leer, manchmal bellte nur ein asthmatischer Hund hinter der Tür. Manchmal wurde die Tür geöffnet. Dann redete Eva. Sie stellte Felix und sich vor und erklärte, dass auch sie im Viertel wohnten. Sie erzählte von dem Motorradklub, der ein Hintergebäude in Beschlag genommen hatte und in dem Haus Lärmterror sowie Angst und Schrecken verbreitete. Dann erläuterte sie das Vorhaben der Unterschriftenaktion: Nämlich ein Verbot des Klubhauses und am besten auch noch eine Verwarnung für den Investor, der das Viertel verkommen ließ, um die Häuser umbauen zu können und teure Wohnungen zu verkaufen.

Sie hatte ihre kleine Rede zuerst alleine aufgeschrieben, dann zum Test Felix vorgetragen. Er hatte an manchen Stellen Änderungsvorschläge gehabt. Zum Schluss hatte sie zuhause immer wieder vor dem Garderobenspiegel geprobt, bis sie alles fehlerfrei aufsagen konnte.

Manchmal sagten die Leute, dass sie nicht interessiert waren, keine Zeit hatten, bald wegziehen würden oder Ähnliches. Viele unterschrieben allerdings und lobten die beiden Rentner für ihr Engagement.

Am Ende hatten sie an diesem Tag dreizehn Unterschriften gesammelt. Alle Wohnungen, in denen sie niemand angetroffen hatten, würden sie am Samstag noch einmal besuchen.

Eva hatte bereits einen Termin beim Bürgermeister, wo sie die Unterschriften überreichen wollte. Dazu wollte sie noch einen Reporter vom Lokalblatt mitnehmen, um auch die Öffentlichkeit zu erzeugen. Eva und Felix verabschiedeten sich, er wohnte im ersten, sie im dritten Stock. Als Eva ihre Wohnungstür aufschloss, lag ein Blatt Papier auf dem Teppich in der Diele. Sie hob ihn auf und entfaltete ihn. Darauf stand in ungelenken Buchstaben: ‚Wir wissen, wo Du wohnst!‘

Eva starrte auf den Zettel und versuchte dessen Tragweite zu erfassen. Dann ging sie wieder aus der Wohnung, hinunter zu Felix. Sie klopfte, aber es rührte sich erst einmal nichts. Sie klopfte lauter und rief nach ihm. Dann öffnete sich die Tür, gesichert mit einer Kette. „Lass mich rein, du siehst doch, dass ich es bin.“ Felix hatte den gleichen Zettel erhalten. Er war kreidebleich und zitterte am ganzen Leib. Eva machte ihm einen Tee. Als er sagte, dass er wegziehen wollte, schüttelte Eva den Kopf. „Unsinn. Wir kämpfen. Ich lasse mich hier nicht wegjagen. Von keinem!“

(290) Willibald Wecker freute sich auf die Dienstagvormittage.

Willibald Wecker freute sich auf die Dienstagvormittage. Dann fand in Lacoste der Wochenmarkt statt. Er fuhr dann immer mit seinem Fahrrad die drei Kilometer zur Place de l’Eglise und kaufte Lebensmittel ein.

Am Stand mit den Oliven probierte er immer mehrere Sorten, bevor er dann die wählte, die er immer kaufte. Das gleiche Vorgehen auch bei den Schweinesalamis. Mit dem Melonenbauer hielt er einen längeren Plausch. Sie unterhielten sich über das Wetter, wie es sich auf die Ernte auswirkte und wie lange die Saison noch anhielt. Willibald roch an mehreren reifen Früchten, bevor er eine davon auswählte und ganz vorsichtig in seine Strohtasche packte. Er schaute auf seine Einkaufsliste. Lauch und Sellerie kaufte er am gleichen Gemüsestand wie immer. Der Händler baute seine Produkte selbst an und Willibald fand es beruhigend, zu wissen, wo seine Lebensmittel herkamen.

Mittlerweile hatte sich die Sonne weiter erhoben und die Schatten wurden kürzer. Willibald ging zu seinem Fahrrad und verstaute die Einkäufe in dem großen Drahtkorb. Dann kehrte er in seinem Stammcafé ein, dem Café de Sade.

„Bonjour, Monsieur Willi“, begrüßte ihn Pierre, der Wirt. Willibald setzte sich an den Tisch am Fenster, von dem man einen guten Blick auf das Markttreiben hatte. Das Licht wurde von dem wilden Wein gefiltert und sah sehr weich aus. Pierre stellte ihm seinen Ricard mit der Wasserkaraffe hin. Willibald kramte die Blechdose mit den Café Crème-Zigarillos aus der Tasche und zündete sich einen daraus an.

Das Café war ansonsten fast voll. Viele Bauern kamen am Markttag hierher, um Freunde zu treffen, Geschäfte zu machen oder um sich zu entspannen. Die Gespräche im Hintergrund empfand Willibald als sehr angenehm. Er goss Wasser in seinen Ricard, der sich schlagartig milchig verfärbte. Mit dem Zigarillo zwischen Zeige- und Mittelfinger nahm Willibald das Glas und führte es an die Lippen. Nach dem Trinken leckte er sich die Lippen mit der Zunge. Noch ein Zug am Zigarillo. Es war ein Tag ganz nach seinen Wünschen. Seine Augen trafen die von Pierre. Willibald hob sein Glas und lächelte Pierre zu. „A la vôtre, Monsieur Willi“, sprach Pierre und lächelte zurück.

Als er seinen Pastis ausgetrunken und sein Zigarillo ausgeraucht hatte, verabschiedete sich Willibald und schlenderte zu seinem Fahrrad zurück. Er setzte sich den Strohhut auf, denn die Sonne hatte mittlerweile fast den Zenit erreicht. Dann radelte er gemütlich die D106 entlang nach Hause.

(291) Willibalds Enkel René war aufgestanden, als Willibald weg war…

Willibalds Enkel René war aufgestanden, als Willibald weg war und Rosalie, die Haushälterin, hatte ihn mit Frühstück versorgt. Jetzt lag er am Pool in der Sonne, hörte Musik über seine Ohrstöpsel und grüßte Willibald mit einer lässigen Handbewegung. Willibald grüßte zurück und setzte sich mit der Zeitung in seinen Liegestuhl etwas abseits unter einen Nussbaum in den Schatten. Nachdem er etwas gelesen hatte, legte er Zeitung und Lesebrille weg und döste ein wenig.

Er wurde von Rosalie geweckt, die ihm das drahtlose Telefon hinhielt. „Monsieur Willi, téléphone.“ Es war Frieder Schubert, der sich in der Heimat um Willibalds Immobilien kümmerte. „Was gibt es, Schubert?“ Willibald Wecker war nicht erfreut darüber aus seinen Träumen gerissen zu werden. Schubert erklärte ihm, dass es Probleme gab mit den Altbausanierungen, die sie beschlossen hatten. „Welche Probleme?“, fragte Wecker. „Nun, wir haben ja diese speziellen Mieter einziehen lassen…“ – „Wovon reden Sie, Schubert? Entweder Sie rufen mich an, wenn Sie frei reden können, oder Sie sprechen Klartext mit mir.“ – „Entschuldigen Sie Herr Wecker. Also: Sie erinnern sich, dass wir beschlossen hatten, einen Motorradklub in das Hinterhaus einziehen zu lassen. Quasi als generationsüberbrückende Maßnahme…“ Wecker brummte in den Hörer, was man als Zustimmung oder als Erstaunen („das wusste ich nicht“) interpretieren konnte.

„Und jetzt?“, fragte er ungeduldig. „Nun, es hat sich Widerstand formiert. Einige der Rentner haben eine Unterschriftenaktion gestartet und machen die ganze Nachbarschaft kirre. Der Bürgermeister rief schon bei mir an und fragte, was denn los sei.“ Schubert machte eine Pause. Wecker sagte nichts. Schubert fuhr fort: „Ich habe mir jetzt folgendes gedacht, Herr Wecker…“ – „Schubert? Eigentlich will ich gar nicht wissen, was Sie im Detail machen. Dafür habe ich Sie eingestellt. Ich hatte erwartet, dass Sie Erfahrung und Ideen haben, wie man vorgehen muss, wenn einem nicht alles in den Schoß fällt. Ich will sicher sein, dass mein Geld arbeitet und dass es nicht auf der faulen Haut liegt. Und noch eins: Ich hoffe sehr stark, dass ich keinen Anruf vom Bürgermeister bekomme, sonst werden wir beide Freude haben. Ist das klar? Haben Sie mich verstanden? Sehr gut. Dann mal ran an die Arbeit. Erfolg im Immobiliengeschäft ist ein Prozent Inspiration und 99 Prozent Transpiration.“ Wecker ließ das Telefon auf die Zeitung fallen und lehnte sich wieder in den Liegestuhl zurück. ‚Amateur‘, dachte er.

(292) Die vier Tage, die René mit seinem Großvater verbracht hatte, waren schnell vorüber.

Die vier Tage, die René mit seinem Großvater verbracht hatte, waren schnell vorüber. Willibald konnte sich noch gut an die Taufe des Jungen erinnern. Und jetzt studierte er bereits, Betriebswirtschaft, und war schon bei seinen Eltern ausgezogen.

Seit Willibald die meiste Zeit im Vaucluse verbrachte, sah er René nur noch selten. Manchmal lud er ihn spontan für ein paar Tage ein. Aber dann war immer wieder etwas anderes, worum Willibald sich kümmern musste. Auch diesmal bedauerte er es, zu wenig mit dem Jungen unternommen zu haben.

Jetzt saßen sie schon wieder im Auto, mit dem Willibald ihn zum Marseiller Flughafen fuhr. Als sie die engen Serpentinen durch Bonnieux hochfuhren, fragte René: „Opa, warum haben wir nicht die Autobahn genommen? Das geht doch viel schneller, als hier durch die Dörfer?“ – „Das ist eine gute Frage, René. Lass uns mal überlegen. Solchen Fragen steht man ja ständig gegenüber. Warum mache ich dieses und warum nicht jenes? Warum reiße ich nieder und warum renoviere ich? Nach langen Jahren habe ich es herausgefunden. Es liegt an dem limitierenden Faktor. Wenn du weißt, was das ist, kannst du viele Probleme lösen. Der limitierende Faktor ist das, was man nur eingeschränkt zur Verfügung hat. Das kann Platz sein, oder Zeit. Sehr oft ist es Geld. Oder Kreditwürdigkeit, was meistens das Gleiche ist. Woran fehlt es uns hier?“ René zuckte mit den Schultern. „Ich weiß es nicht. Zeit?“ – „Nein, ganz und gar nicht. Es macht eine Viertelstunde Unterschied aus und wir sind sehr gut in der Zeit. Sogar, wenn wir einen Platten hätten. Nun?“ – „Ich gebe auf.“ – „Es ist das Geld, mein Junge. Die Autobahn kostet Maut und die können wir uns auf diesem Weg sparen.“ – „Es fehlt dir an Geld? Das kann doch nicht sein.“ – „Ich habe nicht gesagt, dass es uns an Geld fehlt. Aber von allem, was uns zur Verfügung steht, bringt es uns am Meisten. Es ist wichtiger als alles andere. Und deshalb sparen wir uns die Maut und fahren via Aix über diese hervorragende Route Départementale. Natürlich wäre es etwas anderes, wenn wir einen unaufschiebbaren Geschäftstermin hätten, bei dem wir viel Geld verdienen könnten. Dann würden wir möglicherweise mit dem Helikopter fliegen. Aber nicht jetzt. Ich habe lange Zeit gebraucht, bis ich das begriffen hatte. Es macht einem auch harte Entscheidungen sehr viel leichter. Das lernt man nicht an der Uni. Das lernt man nur vom Leben, oder von seinem Großvater.“ Willibald lachte und knuffte René in die Seite. „Danke, Opa. Ich werde es mir merken.“

(293) Der Abend war ein einziges Fiasko gewesen und René schämte sich dafür.

Der Abend war ein einziges Fiasko gewesen und René schämte sich dafür. Er war seit einem Monat mit Susanne zusammen. Freunde hatten sie einander vorgestellt. Zum ersten Mal hatte René das Gefühl, dass sie die Richtige war. Sie war schön, hatte einen tollen Körper und war intelligent. Sie war Balletttänzerin. Er hatte bisher noch keinen Kontakt zum Ballett gehabt. Seine Familie war nicht sehr musisch geprägt.

An diesem Abend hatte Susanne eine Aufführung und er war dabei. Bereits nach kurzer Zeit fand er die Darbietung sterbenslangweilig. Es war zwar Susanne, die mit anderen da unten tanzte und sie sah toll aus und bewegte sich grazil. Aber für René war es unerträglich langatmig. Am Ende wartete er am Bühnenausgang auf sie. Sie verabschiedete sich von ihren Kolleginnen und kam erwartungsvoll auf ihn zu. Er stammelte etwas zusammen und es war ihr klar, dass ihn die Aufführung nicht inspiriert hatte. Sie nahm es hin, löcherte ihn nicht weiter und suchte nach einem anderen Thema. Sie hatte sich bei ihm untergehakt und auch das fühlte sich gut an.

René aber sprach weiter über Ballett, vor allem weil er dachte, dass sie es von ihm erwartete. Da er von Ballett keine Ahnung hatte, suchte er bekanntes Terrain und fing an, über die Wirtschaftlichkeit von Ballett zu reden. Das war ein rotes Tuch für Susanne Siemko, die aus einer Arbeiterfamilie stammte und deren Eltern sich die Ausbildung ihrer Tochter vom Munde hatten sparen müssen. Sie fingen an zu streiten. Mitten auf der Straße. Mal saß der eine, dann der andere auf einer Mauer und wurde von dem anderen belehrt. Mal drohte der eine, dann der anderen, einfach wegzugehen. Immerhin diskutierten sie zunächst lautstark weiter.

Susanne warf ihm vor, nur das Geld hinter allem zu sehen. Wahrscheinlich aus Folge davon, dass er aus einer Kapitalistenfamilie stammte.

Er hielt ihr vor, dass sie auf ihn herabschaute, weil er zu wenig Kultur habe. Außerdem sei sie unglaublich kompliziert und würde schnell einschnappen. Sogar mit ihr ins Restaurant zu gehen, sei ein komplexer Akt, weil sie Vegetarierin sei und immer darauf schaute, dass das Lokal nicht zu vornehm war.

Letzteres stritt sie ab, sagte aber, dass sie als Vegetarierin wenigstens ein reines Gewissen habe. Immerhin unterdrücke sie keine armen Kreaturen.

Das war für René zu viel. Er ließ sie unter dem Lichtstrahl der Straßenlaterne stehen und ging weg, ins Dunkel. Sie musste weinen. Er kam nicht wieder. Schließlich hielt sie ein vorbeifahrendes Taxi an und ließ sich nach Hause fahren.

(294) Nachdem sie einen guten Teil der Nacht darüber gegrübelt hatte…

Nachdem sie einen guten Teil der Nacht darüber gegrübelt hatte, fand Susanne am nächsten Morgen, dass sie René ungerecht behandelt hatte. Er konnte nichts dafür, dass er in eine reiche Familie geboren worden war. Das war es auch nicht, was sie aggressiv gemacht hatte. Es war vielmehr ihr Unverständnis, dass jemand, dem alles offenstand, sich so wenig für Dinge interessierte, die ihr wichtig waren.

Sie hatte seit ihrer Kindheit dafür betteln müssen, dass ihre Eltern ihr eine Ballettausbildung möglich machten. René wäre alles in den Schoß gefallen. Er hätte bestimmt nicht betteln müssen. Aber er interessierte sich nicht dafür. Und dann redete er noch über Dinge, von denen er nichts verstand.

Trotzdem war sie zu hart zu ihm gewesen und es war auch nicht gut, dass er ohne weitere Worte einfach abgehauen war. Sie rief ihn an aber nur der Anrufbeantworter sprach zu ihr. Sie legte vor dem Piepton auf. Er war an der Uni, wie an jedem Montag. Dann hatte sie eine Idee, wie sie sich mit ihm versöhnen könnte. Sie würde ihn mit einem Steak überraschen, wenn er nach Hause kam. Sie hatte einen Schlüssel zu seiner Wohnung. Im Laufe des Tages würde sie zum Metzger gehen und ein saftiges Rinderfilet für ihn kaufen. Und am späten Nachmittag würde sie es bei ihm braten und ihn bei seiner Rückkehr von der Uni erwarten. Sie hatte ja keine Berührungsängste mit Fleisch. Ihrem Vater hatte sie immer wieder Steaks gebraten und er hatte sich nie beschwert.

Um 17 Uhr verließ sie ihre kleine Wohnung. Ihr Viertel war etwas heruntergekommen, dafür aber sehr liebenswert mit vielen kleinen Läden. Die Metzgerei Wolter war eine Straße weiter.

Vor Susanne war noch eine ältere Dame dran. Hinter der Theke stand Ursula Wolter, eine gestandene Metzgersfrau, die gerade das Hackbeil schwang, um für die Kundin ein Kotelett abzutrennen. Mit zwei Schlägen hatte sie das Gewebe und den Knorpel durchtrennt. Sie warf das Fleisch auf die Waage, die 179 Gramm anzeigte. Frau Wolter notierte den Preis mit einem dicken Bleistift auf dem Einwickelpapier. „Darf es sonst noch etwas sein?“, fragte sie. Die Kundin verneinte und zückte die Geldbörse.

Susanne war schon seit einer Ewigkeit nicht mehr in einem Metzgerladen gewesen. Sie erinnerte sich daran, dass sie als Kind ihre Mutter oft zur Metzgerei begleitete. Der Metzger, ein etwas furchterregender Mann mit einem buschigen Schnurrbart und blitzenden Augen schnitt immer eine kleine Scheibe Wurst für sie ab und reichte sie ihr über die Theke. Manchmal musste ihre Mutter ihr zureden, damit sie das Geschenk annahm.

„So mein Fräulein, was darf es denn für Sie sein?“ Frau Wolter sah sie freundlich an. An ihrer Schürze war ein länglicher Blutfleck, dessen Form an die Sylt-Aufkleber erinnerte.

(295) Holla, Fräulein!

„Holla, Fräulein!“ Rick Söncksen stellte sich zur Seite, als die schlanke Frau aus der Metzgerei kam. Er schob den Zahnstocher in den anderen Mundwinkel und pfiff ihr nach. Ludo und Helmi starrten ihr ebenfalls auf den Hintern. „Hallo, hier bin ich!“, sagte Rick, um die Aufmerksamkeit seiner Assistenten zu erlangen. Er und ging in den Laden hinein, Ludo und Helmi folgten ihm.

Rick steckte die Hände in die Hosentaschen seines Anzugs und stellte sich vor die Theke. Frau Wolter schärfte gerade ihr Schlachtmesser am Wetzstahl. Als sie fertig war, fragte sie: „Was darf es denn sein, mein Herr?“ – „Das ist Ihre Metzgerei?“, fragte Rick. „Das ist sie.“ – „Ein schöner Laden. Wissen Sie, ich bin neu hier im Viertel. Und ich kümmere mich um Sauberkeit und Ordnung.“ – „Oh, dann kümmern Sie sich sicher um die Abfallbeseitigung. Das ist schön, dass ich Sie treffe. In letzter Zeit sind Ihre Leute leider etwas schlampig mit unseren Abfällen. Und, Sie wissen ja, Fleischabfall stinkt sehr schnell.“ – „Sie verstehen mich falsch. Ich bin hier, damit kein Unfall passiert.“ – „Ach so, Sie sind von der Polizei. Willkommen. Da werden Sie hier in der Gegend einiges zu tun bekommen.“ – „Hören Sie, Frau Wolter. Ich will nicht lange um den Brei reden. Ich kann Sie beschützen. Aber, das kostet natürlich etwas.“ – „Jetzt verstehe ich. Sie sind von der Versicherung. Wir sind aber schon sehr gut versichert. Ich fürchte, da werde ich Ihnen nicht weiterhelfen können.“

Die Tür öffnete sich und vier Männer, alle Ende Dreißig, kamen herein. Sie trugen Supermarkttüten, aus denen Bierflaschen herauslugten. Einer hatte wohl gerade einen Witz erzählt, denn sie lachten alle gleichzeitig. Rick und seine Leute hatten sich den Neuankömmlingen zugewandt und musterten sie. Die Männer wurden still und stellten sich als Gruppe zusammen.

Eine unangenehme Stille breitete sich in der Metzgerei aus. Frau Wolter unterbrach die Stille: „Kann ich sonst noch etwas für Sie tun?“ Rick wandte sich ihr zu: „Nein, wir kommen wieder.“ Er stapfte voran, die Gruppe teilte sich. Bevor er die Tür öffnete, sagte Frau Wolter: „Selbstverständlich, beehren Sie uns bald wieder, meine Herren.“ Rick und seine Leute verließen den Laden.

„Und Sie, meine Herren, was darf ich für Sie tun?“ Die vier brauchten etwas Zeit, um sich zu sammeln. Dann sagte Jens: „Wir hätten gerne Frankfurter bei Ihnen gekauft.“ – „Sehr gerne. Wir haben die besten Frankfurter in der ganzen Stadt. Reines Schweinefleisch aus eigener Schlachtung im hauchdünnen Saitling. Natürlich, ohne Nitritpökelsalz. Kalt geräuchert über Buchenholz aus heimischen Wäldern. Wie viele Frankfurter möchten Sie denn gerne? Vielleicht für jeden der Herren drei?“

(296) Einmal im Jahr trafen sie sich alle vier wieder.

Einmal im Jahr trafen sie sich alle vier wieder. In den 13 Jahren seit der gemeinsam gefeierten Priesterweihe hatten sie es jedes Jahr geschafft, sich für drei Tage an wechselnden Orten wiederzufinden und sich auszutauschen. Hannes meinte irgendwann, dass diese Begegnungen ihm die Familie ersetzten.

Manchmal verabredeten sie sich in einer Stadt, manchmal in den Bergen, am Meer oder irgendwo dazwischen. Karlo machte immer drei Vorschläge und es galt der Mehrheitsentscheid. Karlo kümmerte sich auch um die Organisation. Ben machte Fotos, die er später mit allen teilte. Die vier hatten sich am Vormittag am Hauptbahnhof der Stadt getroffen, wo alle mit Nah-, Fern- oder gar Nachtzügen eintrafen. Sie hatten ihr leichtes Gepäck in einem Hotel in Bahnhofsnähe abgesetzt und waren gleich losgezogen.

Wieder hatte es im Vorfeld eine Diskussion gegeben, als Karlo das Programm herumgeschickt hatte. Alle außer Hannes wollten keine Kirchen oder Friedhöfe besichtigen. Auch dieses Mal musste Hannes nachgeben. Sie schauten sich das Stadtschloss an, dann ein Abstecher in den Zoo und dann der Besuch des Museums für Zeitgenössische Kunst.

Hannes blieb vor einem Gemälde stehen und konnte sich nicht losreißen. Erst warteten die anderen im nächsten Raum, dann sagten sie Hannes, dass er sie in der Cafeteria treffen konnte. Das Gemälde war riesig, es maß etwa fünf mal vier Meter. Im Hintergrund war es tiefschwarz mit ausdrucksvoller Pinselführung gemalt. Darüber war zu etwa 60% eine weiße Deckschicht aufgetragen, die eine variable Deckkraft hatte. Es war, als ob ein nasses, weißes Spitzentuch Teile des schwarzen Gemäldes abdeckte. Das Werk hieß „Mit totenbleicher Haut wandeln wir durch die Nacht“.

Nach einer halben Stunde kamen die anderen zurück und mussten Hannes fast von dem Bild wegzerren. Er konnte ihnen nicht sagen, was ihn dort so festgehalten hatte. Später meinte er, dass er sich nicht mehr an das Bild erinnerte. „Wir sollten uns etwas zu essen holen“, sagte Jens. „Was ist geplant, Karlo.“ – „Wir kaufen uns Bier und Würstchen und setzen uns an den Fluss.“ – „Eine hervorragende Idee“, meine Ben und schoss noch ein Foto von Hannes. „Jetzt nicht“, wehrte sich Hannes.

Während Karlo und Ben in einem Supermarkt Bier kauften, warteten Jens und Hannes vor der Tür. „Was war?“, fragte Jens. Hannes überlegte. „Es war, als ob das Bild mit mir sprach. Sehr intensiv.“ – „Und, was sagte es?“ – „Ich will nicht darüber reden, ok? Tun wir einfach so, als ob nichts war, ok? Das haben wir doch alle gut gelernt…“