(267) Im Innern war der Diskus hell erleuchtet, ohne dass Iwo eine Lichtquelle ausmachen konnte.

Im Innern war der Diskus hell erleuchtet, ohne dass Iwo eine Lichtquelle ausmachen konnte. Ihm war, als ob der Diskus wieder abhob. Orientierung war unmöglich. Einerseits schien er in einem riesigen freien Raum zu stehen, dessen äußeren Wände so weit entfernt waren, dass er sie nicht mehr erkennen konnte. Andererseits kamen vier weitere graue großköpfige Figuren aus dem Nichts dazu, ohne dass er sie vorher hätte sehen können. Auch der Tisch, zu dem sie ihn führten, war plötzlich da, als ob er sich aus dem Nichts materialisiert hätte.

Iwo musste sich auf den Tisch legen. Zuerst zogen sie ihn vollständig aus und fixierten ihn mit weichen Gurten. Die ganze Gruppe machte sich dann an ihm zu schaffen. Er spürte ihre Berührungen kaum, es war nicht mehr als ein Kontakt mit einer Feder. Wenn Iwo den Kopf hob, konnte er sehen, was sie mit ihm anstellten. Sie hatten kleine Geräte dabei, die sie aus der Nähe auf ihn richteten und von denen sie irgendwelche Messwerte ablesen konnten. Mit einer Art Mikroskop suchten sie seinen Körper ganz genau ab. An manchen Stellen nahmen sie Proben mit langen dünnen Sonden, deren Kontakt er aber nicht spürte.

Alles geschah völlig geräuschlos. Die Figuren um Iwo herum schienen sich nicht untereinander zu verständigen. Als Iwo etwas sagen wollte, war es, als ob sein Kehlkopf festgefroren sei. Er brachte kein Wort über die Lippen. Nicht einmal röcheln oder knurren konnte er.

Nacheinander testeten sie, was sie an ihm wegschneiden konnten. Jedes Mal, wenn er vor Angst schreien wollte, ließen sie davon ab. Das war so bei Fingern, Zehen, Ohrläppchen, Brustwarzen, Nase, Penis und Hodensack. Wo er nicht reagierte, nahmen sie Proben. Sie schnitten ihm Haare ab vom Kopf, von der Brust und aus dem Schambereich. Auch bei den Fingernägeln nahmen sie Proben. Sie waren auf jeden Fall darauf aus, ihn so wenig wie möglich leiden zu lassen.

Besonders seine Körperöffnungen analysierten sie sehr genau. Aus dem Mund entnahmen sie Schleimproben. Dann spreizten sie ihm die Beine und einer schob ihm einen Stab in den Hintern. Ein Kribbeln durchzog ihn. Sein Penis versteifte sich schlagartig und er ejakulierte in kürzester Zeit. Eine Figur fing das Ejakulat mit einem Becher auf. Dann schienen sie von ihm abzulassen. Gerade als er sich fragte, was als Nächstes mit ihm passieren würde, kam eine Figur zurück und setzte ihm eine Mütze mit Antennen auf den Kopf. Die Figur bedeutete ihm, sich entspannt hinzulegen. Kurz darauf dämmerte er in den Schlaf hinein.

(268) Als Iwo wieder sein Bewusstsein erlangte, stand er auf einer Rampe aus rohem Beton.

Als Iwo wieder sein Bewusstsein erlangte, stand er auf einer Rampe aus rohem Beton. Die Rampe wand sich in einer Linkskurve aufwärts. Auf der rechten Seite war eine unendliche Reihenfolge von verschlossenen Türen zu sehen. Auf der linken Seite mündete die Rampe in einen tiefen dunklen Abgrund. Etwa in der Mitte des Abgrunds, den die Rampe umfasste, war ein Turm zu sehen. Nach oben und nach unten schien er sich ins Unendliche fortzusetzen, allerdings konnte Iwo es nicht erkennen, es war zu dunkel. Nur dort wo er stand, gab es etwas Licht, aus welcher Quelle auch immer.

In dem Turm waren viele dunkle Fenster eingelassen, die ihn zu beobachten schienen. Iwo drehte sich um. Hinter sich ging die Rampe in einer Rechtskurve abwärts. Aus dem Dunkel kam etwas langsam auf ihn zugeflogen. Als es nahe genug war, erkannte Iwo zu seinem Entsetzen, dass es ein Haifisch war, der mit geöffnetem Maul auf ihn zuflog. Er drehte sich um und fing an zu laufen. Allerdings kam er nicht schnell voran, denn der Untergrund war nicht aus Beton, sondern aus weichem Gummi. Solange er mit seiner höchsten Geschwindigkeit lief, konnte er den Hai aber auf gleicher Distanz halten.

Jedes Mal wenn der Hai an einer Tür vorbeigekommen war, sprengte sich das Schloss und die Tür zerplatzte in viele kleine Teile, die sich in Luft auflösten. Aus den Fenstern im Mittelturm hob ein starker Wind an und saugte alles aus, was sich hinter der Tür befunden hatte. Iwo konnte nicht genau erkennen, was in dem Saugstrahl gefangen war, aber er nahm an, dass es mit ihm zu tun hatte.

Wenn der Raum leer war, hatte der Hai die nächste Tür erreicht und das gleiche Spektakel wiederholte sich. Wie ein Läufer in Zeitlupe kämpfte Iwo sich weiter voran. Die Rampe nahm kein Ende. Sie musste sich in Spiralform an den Außenwänden des riesigen Innenraums entlang emporschrauben. Sogar wenn es den gefräßigen Hai nicht gäbe, wusste Iwo, dass er die Rampe nicht wieder hinunter gehen konnte. Alles hinter ihm war zerstört und ausgesaugt. Hoffnung gab es für ihn nur darin, dass die Rampe niemals aufhören würde und er immer weiter laufen konnte, um dem Hai zu entkommen.

Nach unendlich vielen Windungen war es jedoch so weit: Die rechte Wand mit den Türen endete und die Rampe führte ins Nichts. Nur der Turm hatte sein Ende noch nicht erreicht, sondern verlor sich im Dunkel des nunmehr vollständig leeren und dunkeln Raums.

Als Iwo oben angekommen war, sprang er auf die Oberkante der Mauer mit den vielen Türen und lief weiter. Der Hai blieb am Ende der Rampe stehen. Und dann bröselte die Mauer unter Iwos Füßen. Alles wurde dunkel und er fiel einen tiefen Fall ins Nichts, das ihn umfasste.

(269) Bäume. Hohe Bäume.

Bäume. Hohe Bäume. Hohe Bäume, die dicht gedrängt standen und wenig Licht hereinließen. Hunger. Iwo setzte sich auf und lehnte sich an die Rinde des Baums. Er schaute auf seine Hände und sah nur wuchtige, mit Krallen bewehrte Pranken. Seine Arme waren mit braunem Fell bezogen. Er wollte sein Gesicht befühlen und verletzte sich dabei fast am Auge mit seinen scharfen Krallen. Er hatte eine lang gezogene Nase, die am Ende in den Mund überging. Soweit er es ertasten konnte, war auch sein Gesicht vollständig behaart. Auch seine Beine und überhaupt der ganze Körper. Was war mit ihm geschehen? Er hatte sich verwandelt.

Er richtete sich vollständig am Baum auf und ließ sich zum Gehen aber wieder auf die Vorderbeine plumpsen. Er kam zu einem kleinen See und sah auf der stillen Wasseroberfläche, dass er ein Bär war. Missmutig brummte er. Aber noch schlimmer als die Verwandlung war sein Hunger. Er brauchte unbedingt etwas zu essen.

Etwas weiter am Ufer des Sees sah er eine Hütte, der er sich vorsichtig näherte. Er blinzelte durch die Fenster ins Haus hinein und schnüffelte an einem offenen Fenster. Das Haus war leer, aber er konnte Essen riechen.

Mit der Pranke öffnete er die Tür und ging hinein. Auf dem Tisch standen drei Schüsseln: eine sehr große, eine mittlere und eine kleine. Alle waren mit leckerem Porridge gefüllt. Er leerte alle drei Schüsseln. Dann wollte er sich zum Ausruhen hinsetzten. Es gab einen sehr großen, einen mittleren und einen kleinen Stuhl. Er versuchte alle drei, und alle zerbrachen unter ihm in Stücke. Er schaute sich dann weiter im Haus um und kam in ein Schlafzimmer. Dort standen ein sehr großes Bett, ein mittleres Bett und ein kleines Bett. Das kleine Bett brach unter ihm zusammen. Das mittlere Bett ebenfalls. Das sehr große Bett schien zuerst sein Gewicht zu tragen, aber dann kam es doch ins Wanken und schwenkte seitwärts weg. Die Bettpfosten lösten sich von den Brettern und der Bär lag auf der Matratze auf dem Boden. Er schaute sich um. Im ganzen Haus hatte er eine wahre Verwüstungsorgie angestellt. Alle Durchgänge waren für ihn zu eng gewesen. Tischdecken, Wandbilder, Vasen mit Blumen darin – alles hatte er niedergerissen und zerstört. Er kam sich sehr unzivilisiert vor und schämte sich. Wenn man ihn im Haus finden würde, hätte wahrscheinlich sein letztes Stündchen geschlagen.

Er konnte nicht bleiben. So ging er wieder zurück ins Wohnzimmer, verwüstete die Küchenschränke auf der Suche nach einer Wegzehrung, denn er hatte wieder Hunger bekommen. Dann verließ er das Haus und trollte sich wieder in die tiefen Wälder.

(270) Jemand hat meinen Porridge gegessen…

„Jemand hat meinen Porridge gegessen“, sagte Lotty, die sehr große Holzfällerin. „Jemand hat meinen Porridge gegessen“, wiederholte Patty, die mittlere Holzfällerin. „Jemand hat meinen Porridge gegessen“, piepste schließlich Kitty, die kleinste Holzfällerin. „Vielleicht ein Mann!“, sprach Lotty und schaute die anderen Frauen mit lüsternem Blick an. „Jemand hat in meinem Sessel gesessen und ihn dabei kaputt gemacht“, stellte Kitty fest. „Meiner auch“, sagte Patty. „Und mein Sessel ist auch kaputt!“ – „Vielleicht ein Mann!“, sprach Kitty ebenfalls lüstern. Die drei Holzfällerinnen liefen schnell ins Schlafzimmer und durchsuchten ihre verwüsteten Betten. „Nichts!“, sagten sie gleichzeitig mit großer Enttäuschung in der Stimme. „Egal, wer es war, da ging die Post ab“, meinte Lotty und beschaute sich die gesplitterten Holzverbindungen ihres Betts. „Ob das bei dir und Reginald auch so wild sein wird?“, fragte Kitty frech. Patty antwortete schnippisch: „Wir lieben uns, wir zerstören einander die Betten nicht. Na wenigstens brauche ich kein neues Bett, da ich morgen nach der Hochzeit bei Reggie einziehen werde.“

Reginald war in der Gegend eine große Ausnahme. Im Umkreis von 200 Meilen war er der einzige Nicht-Holzfäller. Er betrieb den einzigen Laden und verkaufte dort alles, was die Holzfäller und Holzfällerinnen benötigten, um in der rauen Wildnis zu überleben und sich dann und wann auch etwas Luxus zu gönnen. Patty hatte Reginald schätzen gelernt, als der Geschäftsmann ihr eine Gränsfors Bruks Axt für den Preis einer normalen Axt verkaufte. Das hatte ihr Herz für ihn geöffnet. Lotty, als die größte der drei Holzfällerinnen, war eingangs gegen die Verbindung gewesen. Aber als Reginald ihr und Kitty auch Gränsfors Bruks Äxte schenkte, war sie bereit, der Heirat zuzustimmen.

„Bist du dir sicher, dass du uns das antun möchtest“, sagten Lotty und Kitty mit einer Stimme. „Mädels“, antwortete Patty. „Ich werde immer eine von Euch sein. Und ich werde weiterhin mit Euch in die Wälder ziehen und Holz schlagen. So viel ist klar. Ich bin keine von diesen Frauen, die nach der Heirat nur noch Heimchen am Herd sein wollen. Und wenn ich diesen Anschein erwecken sollte, dann schlagt mich in Stücke mit meiner perfekt geschärften und geölten Gränsfors Bruks!“ – „So soll es sein“, bekräftigten die beiden anderen Holzfällerinnen.

Sie holten alle ihre Gränsfors Bruks-Äxte, nahmen den Blattschutz ab und hielten die Äxte am Stielknauf fest, reckten sie nach oben, wo sie sich an den Nacken berührten. „Alle für Eine, Eine für Alle“, riefen sie dabei.

(271) So voll wie an diesem Tag sah Pastor Falk seine Kirche nie.

So voll wie an diesem Tag sah Pastor Falk seine Kirche nie. Vor ihm breitete sich ein Meer von rot-schwarz-karierten Holzfällerhemden aus. Außer ihm selbst gab es nur eine Ausnahme und das war der Bräutigam, Reginald der Krämer. Er trug, wie an jedem Tag, einen schwarzen Dreiteiler. Sogar die Braut, mit dem weißen Schleier auf dem Kopf war ansonsten, wie alle anderen, mit Holzfällerhemd und Jeanshose bekleidet.

Braut und Bräutigam saßen vor Pastor Falk, mit dem Rücken zur Gemeinde. Der Pastor wandte sich an die Gemeinde: „Sollte hier jemand anwesend sein, der einen Grund vorbringen kann, weshalb dieses Paar nicht rechtmäßig getraut werden darf, so möge er jetzt sprechen oder für immer schweigen!“ Falk wollte die Zeremonie schon wieder fortsetzen, als eine tiefe Stimme aus den hintersten Reihen dröhnte: „Tu es nicht Patty. Er wird dich nicht glücklich machen.“ – „Genau“, antwortete eine nicht minder tiefe Stimme von der anderen Seite, „du musst einen Holzfäller heiraten.“ Eine weitere Stimme mischte sich ein: „Mein Bruder wäre dir ein viel besserer Mann.“ Weiteres Gemurmel in der Gemeinde.

Jetzt sprang Lotty auf. Auch sie trug ein rot-schwarzes Holzfällerhemd und Jeans. In der Hand hielt sie eine Smith & Wesson Modell 37 in Nickel, ein kleiner Revolver, den sie unbemerkt in die Kirche schmuggeln konnte. Sie richtete den Revolver nach oben und drückte ab. Durch den Knall hörte das Gemurmel auf und alle Blicke richteten sich auf sie. „Verzeihung, Pastor“, meinte sie mit bedauerndem Schulterzucken und steckte den Revolver wieder in ihren rechten Stiefel zurück. „Wenn hier einer schlechte Laune haben sollte und etwas gegen diese Heirat einzuwenden hätte, dann wohl ich. Richtig, oder was?“ Sie ließ ihre Augen durch die Sitzreihen wandern. Reginald starrte sie bestürzt an. Patty schaute ihr interessiert zu.

„Ganz genau richtig. Wenn einer hier ein Problem hätte, dann wohl ich. Aber die beiden lieben sich. Reginald ist zwar ein Halsabschneider und kein Holzfäller, aber die beiden lieben sich. Und deshalb habe ich kein Problem mit der Heirat. Und deshalb hat auch keiner sonst hier ein Problem damit. Ist das klar? Und du, Reginald!“ Reginald starrte sie weiter an, unfähig sich zu regen. „Wenn du sie nicht immer liebst und ehrst, dann wirst du kein glückliches Stündchen mehr auf diesem Planeten verbringen. Ich weiß nicht nur, wo du wohnst, sondern ich kann auch mit dem Schießeisen umgehen.“

Zum Pastor gewandt: „Herr Pastor, ich glaube, wir können jetzt weitermachen und die beiden für Mann und Holzfällerin erklären. Es gibt keine weiteren Einwände.“ Damit setzte Lotty sich wieder und drückte Patty dabei ein Auge zu. Patty erwiderte es.

(272) Nach der Hochzeit gab es draußen vor der Kirche einen Umtrunk.

Nach der Hochzeit gab es draußen vor der Kirche einen Umtrunk. Reginald hatte seinen mobilen Würstchenstand vor der Kirche aufstellen lassen. Alle waren eingeladen zu einem Getränk und einem Würstchen in der Semmel. Alle weiteren Verzehrungen waren nur gegen Bezahlung möglich. Um Missbrauch im Keim zu ersticken, bekam jeder Besucher des Gottesdienstes am Ausgang zwei Marken, eine rote und eine gelbe. Die roten Marken konnten gegen ein Bier und die gelben Marken gegen ein Würstchen in der Semmel ausgetauscht werden.

Patty verschenkte ihre rote Marke an Lotty und die gelbe an Kitty. Sie selbst trank aus Reginalds Flasche und aß von seinem Würstchen. Reginald war wenig begeistert darüber, aber er ließ es geschehen. Insgesamt hatte er ausgerechnet, dass er bei normalem Konsum die Gratisrunde am Anfang schnell wieder hereingeholt haben würde, sogar unter Berücksichtigung, dass er parallel ja Umsatzeinbußen in der Bar hatte.

Während alle fröhlich essend und trinkend am Würstchenstand plauderten, zog sich der Himmel immer mehr zu. Reginald bemerkte es als Erster. „Ein Sturm kommt auf“, sagte er zu Patty, die nur nickte und mit Lotty weiter scherzte. Immer wieder schaute Reginald nach oben und wurde unruhiger. Zuerst ließ er die farbigen Wimpel ein, die den Stand dekorierten. Nach und nach wurden die Vorräte in sein Lager geschafft. Am Ende ließ er den Stand schließen, die meisten der Holzfäller kauften vorher aber noch ein letztes Bier. Mittlerweile war es fast dunkel und jähe Sturmböen kündigten das Unwetter an. „Kommst du mit nach innen?“, fragte Reginald Patty. Sie schüttelte den Kopf und sagte, er sei ein Weichei. „Uns Holzfällern macht das nichts aus“, fügte Lotty hinzu. Die anderen Holzfäller und Holzfällerinnen nickten. Auch dann noch als der Regen ausbrach. Reginald flüchtete ins Haus. In der Hand hielt er die Geldbörse mit den Einnahmen aus dem Bier- und Würstchenverkauf sowie das Säckchen mit den roten und gelben Marken. Als er die Tür geöffnet hatte, schaute Reginald zu seiner Frau hinüber, die mit ihren Kolleginnen ungerührt unter der großen Linde an der Kirche stand und aus ihrer Bierflasche trank. Blitze beleuchteten die Szene, gefolgt von peitschendem Donner und weiteren Blitzen. Die Regentropfen klatschten nieder und sprangen wieder hoch. Eine ungeheure Windböe fegte durch das Dorf. Nicht nur, dass sie nicht mehr abflaute, sie schien auch immer stärker zu werden.

Zuerst kamen die Büschel von Ruthenischem Salzkraut geflogen, dann Hüte, verschiedener Hausrat. Es steigerte sich. Menschen wurden hinweggesogen, die Kirche brach zusammen und wurde weggefegt. Später fiel die Linde um und wurde aus dem Blickfeld getragen. Am Ende war sogar das Licht wie ausgeblasen.

(273) Sensorium: Geschwindigkeit des Läufers nimmt ab.

Sensorium: Geschwindigkeit des Läufers nimmt ab. Distanz zu Hai unterschreitet Schwellenwert.

Edictum: Hai verlangsamen, um Schwellenwert Distanz zu Hai zu halten. Abgabe von Botenstoffen an Läufer erhöhen, falls Geschwindigkeit unter Normwert Zwei sinkt.

Sensorium: Nächster Raum bereit zur Entnahme.

Edictum: Aufbrechen und Entnahme zur Ernte frei.

Durch den Unterdruck barst die Tür splitternd und wurde weggesogen. Zuerst kamen die leichten Gegenstände angeflogen. Viel Laub stob auf und zog sirrend im Sog aus der Tür des Raumes über die Rampe hinweg, den Abgrund überquerend zu dem dunklen Fenster, das sich im Turm geöffnet hatte. Hier kamen alle Gegenstände herein, wurden empfangen und weiter verarbeitet. Der Sog wurde kräftiger mit der Rückmeldung, dass die optimale Einsaugposition gefunden war. Nacheinander kamen immer größere Zweige und Äste, Essbestecke, Porridgeschüssel, Gränsfors Bruks-Äxte, Tische, Betten, Teppiche, Fenster, ganze Wände, ein Bär, ein Pastor, drei Freuen in unterschiedlichen Größen, eine große Gruppe von Holzfällerinnen und Holzfällern, ein Händler mit einem großen Geldsack und einer Pistole im Hosenbund, ein Wurststand mit Getränkekisten, viele Bäume, eine Kirche, mehrere Häuser mit Fundamenten, mehrere Berge sowie ein heller Ball aus Licht. Danach kam nichts mehr.

Sensorium: Entnahme beendet.

Edictum: Kalkuliere Lagerzustand.

Sensorium: Abgabe Botenstoffe an Läufer, da Normgeschwindigkeit Zwei unterschritten.

Sensorium: Gesamtvolumen der Entnahme entspricht 347 Einheiten. Neuzugänge werden erfasst, sortiert, katalogisiert und abgelegt… Arbeit läuft… Arbeit läuft…

Sensorium: Schwierigkeiten bei Ablage von Flugobjekt aus Raum Minus Eins. Instabile Lage, fortwährende Bewegungen in drei Dimensionen.

Edictum: Nothaltemaßnahmen durchführen. Energiequelle identifizieren und abschalten. Aktion mit Priorität Eins.

Sensorium: Schnelluntersuchung läuft.

Sensorium: Distanz Hai zu Läufer optimal. Nähern uns Raum Plus Eins in Zehn, Neun, Acht,…

Sensorium: Nothalterung Flugobjekt erfolgreich. Energiequelle Flugobjekt ausgemacht. Abschaltungsmaßnahme läuft. Voraussichtliche Dauer: [151] Einheiten.

Sensorium: Nächster Raum bereit zur Entnahme.

Edictum: Aufbrechen und Entnahme zur Ernte frei.

(274) Herr Musuli, Sie sind Philosoph und sagen von sich, Solipsist zu sein.

Massimo Zinnopus: Herr Musuli, Sie sind Philosoph und sagen von sich, Solipsist zu sein. Wann haben Sie zum letzten Mal einen anderen Solipsisten getroffen?

Marc Musuli: Das fängt ja gut an. Wollen Sie mit mir ein philosophisches Gespräch führen, oder wollen Sie nur Ihre pickeligen Pennälerwitze ausbreiten?

MZ: Nun, die Idee dazu stammt von Bertrand Russell…“

MM: Ich weiß, Herr Zinnopus. Er sagte, Christine Ladd-Franklin habe ihm geschrieben, sie sei Solipsistin und wundere sich, keine anderen Solipsisten zu treffen. Russell erlaubte sich den Scherz, zu sagen, dass ihn das von einer Logikerin und Solipsistin überraschte. Aber das kann man alles nicht mehr überprüfen. Zur Sache, was kann ich für Sie tun? Für welche Publikation ist dieses Interview überhaupt bestimmt?

MZ: Ehrlich gesagt, ich bin freier Journalist. Ich habe noch keine Zusage…“

MM (seufzt): Was soll‘s. Was sind denn Ihre Fragen, Herr Zinnopus?

MZ: Nun, wie definieren Sie Solipsismus?

MM: Es gibt keine eindeutige Definition dafür. In Wirklichkeit gibt es drei Aspekte, die zusammen das umfassen, was wir als Solipsismus definieren. Da gibt es zuerst die Annahme, dass es außerhalb des eigenen Bewusstseins nichts anderes gibt. Sie, zum Beispiel, sind nur ein Gebilde meiner Einbildung. Das ist der metaphysische Solipsismus, bestimmt die härteste Form.

Dann gibt es den methodologischen Solipsismus. Einfach ausgedrückt geht man hier davon aus, dass der Zustand der Welt nicht direkt, sondern nur durch das Bewusstsein des Betrachters aufgenommen werden kann. Ein bisschen so, als ob wir alle Gehirne in Nährlösungen wären und die Welt nur durch Nervenzuckungen erleben. Diese Variante ist weniger streng als die metaphysische.

Schließlich gibt es noch den ethischen Solipsismus, der aber für unsere Zwecke uninteressant ist, denn hier handelt sich um reinen Egoismus. Alles ist erlaubt, wenn es dem eigenen Vorteil dient.

MZ: Das ist alles sehr abstrakt, Herr Musuli. Wäre es Ihnen möglich, uns diese Konzepte anhand von Beispielen nahezubringen.

MM: Sie meinen, in der Art eines philosophischen Märchens, wie bei Voltaire?

MZ: Oh ja, das wäre schön.

MM: Nun, ich nehme die Herausforderung an. Lassen Sie es mich versuchen.

(275) August Bischoff arbeitete bei einer Behörde.

August Bischoff arbeitete bei einer Behörde. Sein Leben war angenehm, geregelt und vorhersehbar. So sehr, dass er den Eindruck bekam, dass er selbst alle Aspekte seines Daseins kontrollierte. Regeln, die er selbst befolgte, oder Regeln, über deren Einhaltung er wachte, wurden zu einem Teil seiner selbst.

Mit der Zeit wurde ihm sein Dasein langweilig. Da sein Umfeld sich in jeder Situation genauso benahm, wie er es erwartete, kam er nach und nach zu der Erkenntnis, dass es in diesem Universum nur einen einzigen unabhängigen Geist gab: er selbst. Da er sich mit keiner anderen Person austauschte, verfestigte sich diese Meinung.

Logischerweise kam August Bischoff nach weiterem Nachdenken zu dem Schluss, dass es keine Beweise gab, dass ein externes, unabhängiges Universum überhaupt existierte. Womöglich gab es nur ihn, der sich alles andere ausdachte. Alle Abläufe, die er beobachtete, waren möglicherweise nur Produkte seiner Fantasie. Während diese Erkenntnisse in August Bischoff reiften, führte er sein Leben genauso weiter wie bisher, weil es die Regeln so besagten. Dies gab ihm aber auch die Gewissheit, dass nur durch seinen Willen, die Regeln weiter zu beachten, die Weltordnung aufrecht gehalten wurde.

An einem schönen Sommertag hatte August Bischoff eine Erleuchtung. Wenn er das einzige Wesen im ganzen Universum war, konnte er sich auch benehmen, wie er wollte. Dass er Regeln in völliger Willkür ändern konnte, war ihm bisher nicht bewusst gewesen. Er beschloss, die Erkenntnis in die Tat umzusetzen.

Da es heiß war, beschloss er, an diesem Tag außer einem weißen Feinrippunterhemd und braunen Halbschuhen nichts zu tragen. Die Polizei, die Bischoff immer als Teil seiner Weltordnung sah, ohne sich mit ihr zu beschäftigen, nahm Notiz von seiner Veränderung und nahm Bischoff erst einmal mit auf das 271. Revier. Bischoff sah dies als Bestätigung seiner Theorie, denn nach seinen Regeln war es nicht in Ordnung, nackt in der Öffentlichkeit herumzuspazieren. Dass die Polizei eingriff, war für ihn normal. Da die Polizisten zunächst nicht wussten, was man mit ihm anfangen sollte, wurde August Bischoff mitsamt einer Decke, die man ihm um die Hüften geschlungen hatte, zunächst in eine gemeinschaftliche Arrestzelle gesteckt. Dort befand sich außer ihm nur noch ein Sittenstrolch. Bischoff entledigte sich in der Zelle demonstrativ seiner Decke, was von seinem Zellengenossen als Aufforderung zur Ausschweifung verstanden wurde.

Nachdem er missbraucht worden war, hatte August Bischoff die zweite Erkenntnis an diesem schönen Sommertag: da er sich nie missbraucht hätte, konnte dieser Gewaltakt nicht von ihm kommen. Es musste also mindestens eine weitere Person im Universum geben. Sein Weltbild war erschüttert.

(276) Als Wirtschaftsanwalt war Anatol Holbein ungemein erfolgreich.

Als Wirtschaftsanwalt war Anatol Holbein ungemein erfolgreich. Durch harten und unermüdlichen Einsatz hatte er es geschafft, der jüngste Partner einer weltweit operierenden Kanzlei mit 317 Anwälten zu werden. Sein Rat wurde bei Mandanten und Kollegen gleichermaßen geschätzt. Er war die treibende Kraft hinter großen Fusionen und verspürte oft das Gefühl von Allmacht. Er fragte sich zunehmend, ob er der Welt auch seine Wertvorstellungen in anderen Bereichen aufdrücken konnte.

Er beschloss, dies mit einem Mord zu testen. Das Opfer war ein Kollege, der ineffektiv arbeitete und mehr aus der Kanzlei herauszog, als er hineinbrachte. Holbein konnte also zwei Fliegen mit einem Schlag erledigen: einen unnützen Mitesser loswerden und seinen Einfluss auf die Wertvorstellungen der Welt auf die Probe stellen. Der Mord war leicht, für die Planung brauchte Holbein nur die Dauer eines Sandwiches. Die Ausführung geschah drei Tage später. Er erwartete den Schmarotzer in der Tiefgarage, neben dessen Wagen, und setzte ihn mit einem Elektroschocker außer Gefecht. Dann fuhr er ihn mit dessen eigenen Wagen aus der Stadt und versenkte ihn samt Wagen in einem See. Er hatte erwartet, dass sich die öffentliche Meinung mit dem Fall beschäftigen würde und man allgemein zu dem Schluss kommen würde, dass das Töten von unnützen Menschen eine akzeptable soziale Gestaltungsmöglichkeit sei.

Drei Tage lang gab es Berichte in der Presse über den Mord, dann legte sich das öffentliche Interesse wieder. Holbein war unsicher, ob dies nun der Ausdruck dafür war, dass die Welt seine Wertvorstellungen übernommen hatte oder nicht. Schließlich war er dem Opfer gegenüber gleichgültig gewesen und die Welt ebenfalls. Es war also kein echter Beweis.

Er müsste den Versuch wiederholen, allerdings fiel ihm niemand ein, dem gegenüber er nicht gleichgültig war. Ein Selbstmord schied als Möglichkeit natürlich ebenfalls aus. Nachdem er mehrere Tage über der Fragestellung gebrütet hatte, beschloss er, dass die Beantwortung der Frage seiner nicht würdig sei und dass es interessantere Aufgaben in seinem Leben gab.

Da er seine Allmacht zumindest in den Mandaten, um die er sich kümmerte, ständig bestätigt sah, erlaubte er sich, daraus auf eine erweiterte Allmacht zu schließen. Die Argumentation war zwar nicht wasserdicht, aber um die Frage abschließend zu klären, hatte er keine Zeit.