(257) Krips fixierte die Worte „Terra Australis Incognita“ hinter Polizeirat Rogges Kopf.

Krips fixierte die Worte „Terra Australis Incognita“ hinter Polizeirat Rogges Kopf. Um nicht zu unverschämt zu wirken, schaute er Rogge manchmal auch ins Gesicht. Aber lange hielt er es nicht aus.

„Stellen Sie sich vor, was hätte passieren können. Sie lassen das Haus stürmen und Sie haben keine Ahnung, was darin vorgeht. Dieser Ramiro hätte Frau und Kinder haben können. Babys, die noch in der Wiege liegen. Oder er hätte die Wohnung mit einer Sprengfalle sichern können und Ihren Leuten wäre bei der Erstürmung die ganze Bude um die Ohren geflogen. Oder die ganze Bande hätte darin hocken können und das Feuergefecht könnte jetzt noch andauern. Tote Nachbarn und Passanten mit eingeschlossen.

Überhaupt: Haben Sie schon darüber nachgedacht, dass Sie die Kollegen in Lebensgefahr gebracht haben? Natürlich ist es ihr Job und sie werden auch niemals sagen, dass ihnen etwas zu heiß ist. Aber es ist unsere Verantwortung, unsere Hausaufgaben zu machen. Diese Kollegen zählen auf uns, dass wir die richtigen Entscheidungen treffen und sie nicht unnötig in Gefahr begeben. Und ihre Familien vertrauen uns auch, dass wir ihre Ehemänner und Väter nicht unnötigen Gefahren aussetzen.

Dabei hätten Sie nach Ihrem eigenen Protokoll Zeit genug gehabt. Es gab keine Fluchtgefahr. Diesen Ramiro hätten Sie auch noch am nächsten Tag festnehmen können. Er wäre nicht weggelaufen und Gefahr ging auch nicht von ihm aus.

Haben Sie sich schon gefragt, Krips, was die Presse Ihnen gesagt hätte, wenn etwas passiert wäre? Man würde Ihren Kopf fordern und es bliebe mir nichts anderes übrig, als ihn diesen Bestien vorzuwerfen. Sehen Sie das ein? Sehen Sie das?“

Rogge schaute ihn aus entgeistert groß aufgerissenen Augen an. Sogar sein Mund war aufgerissen und Krips konnte Rogges Zahnprothese sehen. Terra Australis Incognita. Wieder fragte Rogge, ob er das sehe.

Krips fixierte seinen Chef und sagte: „Sie haben Recht, es tut mir leid.“ Rogge fuhr fort. Krips wusste aus Erfahrung, dass Rogge sich erst nach der dritten Entschuldigung beruhigte und seine Untergebenen wieder in ihren Alltag entließ. Weder hatte Rogge in seinen Augen recht, noch tat es Krips leid. Rogge war einfach höher in der Hierarchie und wurde nach A13 besoldet. Das würde Krips nicht mehr schaffen. Es war einfacher, den Wortschwall der Anschuldigungen über sich ergehen zu lassen. Argumentieren war zwecklos. Krips hatte darin Erfahrung.

(258) Da Rogge sein Büro an jedem Tag pünktlich um 18 Uhr verließ…

Da Rogge sein Büro an jedem Tag pünktlich um 18 Uhr verließ, hatte Krips keine Sorge, dass er das Konzert verpassen würde. Sein Bruder Helmut hatte ihn wieder einmal eingeladen, diesmal zu einem Blues-Konzert mit einer amerikanischen Band. Im Gegensatz zu Hugo hatte Helmut Krips ein eher sonniges Gemüt und sorgte dafür, dass sein Bruder sich hin und wieder etwas Spaß gönnte.

Vielleicht hing Helmuts Lebenseinstellung damit zusammen, dass er der jüngere der beiden Brüder war und Hugo viele Kämpfe mit dem Vater bereits ausgefochten hatte, als Helmut dran war. Seit der Geburt von Helmut hatte Hugo einen Beschützerinstinkt für seinen Bruder entwickelt.

Einmal hatten die beiden, trotz des väterlichen Verbots, vor dem Kirchgang am Sonntagvormittag Fußball gespielt. Helmut hatte den Ball in ein Kellerfenster gedroschen und die Scheibe war kaputt gegangen. Die Brüder wurden von Franz Krips, ihrem Vater, regelrecht vernommen. Zuerst leugneten beide. Franz sprach zu seinen Söhnen und machte ihnen klar, dass nur einer der beiden als Täter in Frage kam. Ein schnelles Geständnis würde einen Einfluss auf die Härte der Bestrafung haben. Hugo gestand die Tat und nahm die Strafe auf sich. So waren die Dinge zwischen den beiden einfach geregelt.

Ihre Mutter Gerda spielte bei ihrer Erziehung keine besondere Rolle. In der Familie verkörperte sie allenfalls die Verwaltung. Franz hingegen repräsentierte in einer Person die Legislative, die Judikative und Exekutive. Er bestimmte die Regeln, hielt Gericht über die unvermeidlichen Verfehlungen und führte die Bestrafung selbst aus. Zwischen Franz und Helmut war Hugo der Vermittler und der Puffer.

Vielleicht war es auch dieses Verantwortungsgefühl gegenüber seinem Bruder, das ihn in den Polizeidienst trieb. Vielleicht wollte er seinem Vater auch als die wahre Exekutive entgegentreten. Seine Motivation wurde nie richtig erforscht. Der praktische Nutzen einer solchen Erforschung wäre auch sehr gering, da Franz wenige Tag vor Hugos Eintritt in den Polizeidienst unvorhergesehen an einer Hirnblutung starb. Gerda verfiel kurz danach einer frühzeitigen Altersdemenz und musste in ein Pflegeheim, wo die Brüder sie nach Möglichkeit abwechselnd jede Woche einmal besuchten. Hugo kümmerte sich weiter um seinen Bruder, der schon als Kind ein Talent zum Tennisspielen gezeigt hatte und mehr und mehr darin sein Heil suchte.

(259) Helmut Krips hatte als Jugendlicher in einem Tennisklub gespielt…

Helmut Krips hatte als Jugendlicher in einem Tennisklub gespielt, der ihn etwas förderte. So richtig kam seine Karriere aber erst in Schwung, als Friedhelm Treuner, ein Unternehmer und ebenfalls Klubmitglied ihn unter seine Fittiche nahm. Helmut hätte gerne die Schule geschmissen, aber Treuner wollte, dass er unbedingt einen Abschluss machte.

Anfangs war Hugo skeptisch und vielleicht auch eifersüchtig gewesen. Dann merkte er, dass Treuner ihm einen Teil der Verantwortung für seinen Bruder abnahm. Das gab Hugo mehr Freiraum, um sich endlich um sein eigenes Leben zu kümmern. Treuner lehrte Helmut Selbstdisziplin. Wo Hugo seinem Bruder bedingungslose Zuneigung entgegengebracht hatte, erfuhr Helmut von Treuner, was es hieß, für sich und seine Aktionen verantwortlich zu sein. Sein Spiel wurde immer besser. Er konnte seine Talente weiterentwickeln und durch Erfahrung verfestigen. Seine Trophäensammlung wurde stetig größer. In Fachzeitschriften sprach man von ihm als einem Allrounder, der fast zwangsläufig die Weltspitze erobern musste und für lange Jahre dominieren würde.

Bei großen internationalen Turnieren errang er Achtungssiege und dadurch wurde die Publikumspresse auf ihn aufmerksam. Er war jung, höflich, intelligent und sah gut aus. Sein Gesicht war bald auf vielen Zeitschriftencovern zu sehen. Ein Fernsehsender handelte einen Vertrag mit ihm aus und versprach, alle Spiele zu übertragen. Das hob Helmuts Marktwert. Treuner war über die Entwicklung erfreut, suchte aber immer zu vermeiden, dass Helmut abhob.

Natürlich kam es anders, aber auch das war für Helmut noch eine glückliche Fügung.

Bei einem Turnier lernte er eine Frau kennen, auch sie Tennisspielerin. Er verliebte sich in sie und mit seiner Siegessträhne war es aus. Nicht, dass er faul, übermütig oder abgehoben wurde. Er gewann einfach kein Spiel mehr. Treuner war verzweifelt. Helmut weigerte sich, die neue Liebe zu verlassen. Schließlich schmiss Treuner hin. Er sagte, dass Krips das schlechteste Investment seines Lebens gewesen war.

Helmut heiratete Beate und reiste weiterhin mit ihr zu Turnieren. Es zeigte sich, dass Helmut selbst eine gute Veranlagung zum Trainer hatte. Beate wollte er nie coachen, dafür positionierte er sich als Trainer für junge Nachwuchstalente. Er wurde sehr erfolgreich damit und eröffnete bald eine international renommierte Tennisschule, gemeinsam mit Beate.

Als Treuner zu Ohren kam, dass Helmut sozial und wirtschaftlich sehr erfolgreich war, verklagte er Helmut auf einen Anteil seiner Erlöse. Dabei pochte er auf den Vertrag, den er mit Helmut ausgehandelt hatte. Das Verfahren dauerte an, Helmut hatte den ersten Satz aber für sich entschieden.

(260) Wie bist du zu den Karten gekommen?

„Wie bist du zu den Karten gekommen?“, fragte Hugo, als sie durch die Einlasskontrolle gingen. „Ein Kunde. Ihm gehört das ganze Gelände hier. Nimmt Stunden bei mir. Wie Trinkgeld.“ – „So was gibt’s bei mir nicht.“ – „Das wäre ja noch schöner.“

Dann erkundigte sich Hugo nach Beate (es ging ihr gut, aber Konzerte mochte sie nicht), den Kindern (Helmut nahm an, dass es ihnen gut ging. Seit sie mit dem Tennis aufgehört hatten, sah er sie nur noch wenig) und dem Prozess (wusste Helmut nicht, darum kümmerte sich der Anwalt).

Die Vorgruppe fing an, aber die Brüder holten sich zuerst ein Bier und setzen sich an einen etwas ruhigeren Platz. „Und was gibt es Neues aus der Welt des gehobenen Verbrechens?“, fragte Helmut. Hugo erzählte von seiner Aktion bei Ramiro. „Ich hatte in den Nachrichten davon gehört. Unglaubliche Sache. Aber eigentlich war es doch kompletter Zufall, dass die Bankräuber aufgeflogen sind, oder? Wenn dieser Torfkopp sich nicht ein Auto gekauft hätte und mit kleinen Scheinen bezahlt hätte, wärt Ihr denen doch nie auf die Spur gekommen.“ – „Wenn es dieser Fehler nicht gewesen wäre, dann ein anderer. Von irgendeinem der Bande. Bei uns Polizisten reicht es, wenn jeder mal etwas richtig macht. Und da wir sehr viele sind, machen wir öfters mal etwas richtig. Bei den Gaunern ist es so, dass sie die ganze Zeit über keinen Fehler machen dürfen. Keiner der Bande darf einen Fehler machen. Und das schaffen die Jungs nie. Wir sind klar im Vorteil.“ – „Stimmt“, nickte Helmut, „im Tennis ist es ausgeglichener. Da kann mal einer, mal der andere einen Fehler machen. Aber egal wer es ist, der Fehler hilft dem anderen.“ Sie tranken Bier.

„Macht dein Job dir Spaß“, fragte Helmut. Hugo dachte nach. „Es gibt Momente, da macht es Spaß. Die sind aber auch schnell vorbei. Dann macht es keinen Spaß. Aber wenn Du anfängst, darüber Buch zu führen, merkst du, dass du eigentlich meistens keinen Spaß hast.“ Sie tranken Bier. „Ich verstehe, was du meinst. Tennis hängt mir auch zu den Ohren heraus. Ich habe Glück, dass Beate so sehr dahinter ist. Alleine hätte ich wahrscheinlich schon aufgehört. Die Schlechten und Mittelmäßigen treiben einen in den Alkohol und bei den High Potentials musst du dir den Asch so aufreißen, dass es auch keine Freude ist.“ – „Schlimm“, sagte Hugo. „Scheiß drauf“, antwortete Helmut. „Heute Abend sehen wir Jim Burden und die ‚Tennessee String Pals‘. Und sie spielen Bluesrock. Ich denke, das passt zur Stimmung.“

(261) Jim Burden nestelte den Stecker in die Buchse seiner alten verschrammten Stratocaster…

Jim Burden nestelte den Stecker in die Buchse seiner alten verschrammten Stratocaster, auf der in reflektierenden Lettern seine Initialen ‚JB‘ klebten. Auf der Tour hatte jemand den Witz gemacht, JB stünde für Jim Beam. Burden hatte es nicht mitgekriegt.

Er brauchte die Gesichter des Publikums hinter dem blendenden Licht der Schweinwerfer nicht zu sehen. Er wusste, dass sie da waren, gekommen für ihn und seine Musik. Bluesrock vom Feinsten. Es war seine x-te Tour und sie hieß ‚The Red Tour’. Entsprechend trug er einen roten Stetson und eine rote Fransenjacke. Wenn er sich nur noch erinnern könnte, wo er jetzt gerade war. Er könnte die Fans begrüßen. Jemand hatte es vorhin gesagt. Er hatte es vergessen. Er schrammelte ein paar Akkorde, um der Band zu zeigen, dass es gleich losging. „The Thunder is Coming“, das erste Stück der Setliste. Oder war es „Look out for it“. Verdammt, wo war der Zettel. Noch ein paar Akkorde, um Zeit zu gewinnen. Er suchte am Boden nach dem Zettel.

Für das Publikum sah es aus, als ob Burden sich noch sammelte. Der Bassist trat an ihn heran und zeigte auf den Monitorlautsprecher vor Burden. Daran klebte, wie an jedem Abend die Setliste. Also doch der Tempest Song. Burden nickte. Er schob sich den Hut in die Stirn, um sich vor den grellen Scheinwerfern zu schützen. Seine Stirn war schon jetzt schweißnass. Er legte mit der Intro los und die Band fiel ein. Der Tempest Song, wie oft hatte er ihn schon gespielt? Er improvisierte etwas in der Intro und dann wurde es etwas leiser für seinen Gesangseinsatz.

Der Bassist trat näher an ihn heran, um ihm bei einem etwaigen Aussetzer zu helfen. Burden drehte sich weg, er wollte nicht, das Spotlight in diesem Moment teilen. Er fand den Bassisten unverschämt. Vielleicht sollte er mal ausgetauscht werden. Das Mikrofon stand zu hoch, er musste wieder in die Schweinwerfer sehen und schloss die Augen mit schmerzverzerrter Miene. Das Publikum klatschte mit.

Der Einstieg ging gut, seine gefeierte raue Stimme nahm die Worte an und schien sie einfach weg zu raspeln. So stellte er sich das immer vor, er sang und sägte die Texte und die Noten weg. Wo zum Teufel war dieses Konzert? Warum stand das nicht auf der Setliste? Wie sollte er sich das merken, es war jeden Tag ein anderer Ort. Weil er sich nicht mehr erinnern konnte, wo er war, vergaß er während des ganzen Konzerts, das Publikum anzusprechen. Er spielte und sang ein Lied nach dem anderen. Ihm war heiß, es war zu hell, die anderen Musiker wollten seinen Platz streitig machen, er wusste nicht wo er war… Der Abend war ein einziger Schmerz. Nur zwei Dinge trösteten ihn. Seine Gitarre von jeher, die er selbst gebaut hatte und die mindestens genauso viel Anteil am Erfolg seiner Musik hatte als er. Und die Flasche, die am Ende des Konzerts auf ihn wartete. Auf der Bühne durfte er nicht mehr trinken, er wurde sogar kontrolliert. Wie ein Gefangener der Tennessee String Pals.

(262) Getobt hatte er, als sie ihn schon am frühen Morgen weckten.

Getobt hatte er, als sie ihn schon am frühen Morgen weckten. Er hatte keine Ahnung, was passiert war, aber er wachte in seinen Klamotten im Bett auf. Nur der Stetson lag auf dem Nachttisch. Eigentlich hätte sonst niemand in das Hotelzimmer hereinkommen können, so dick war sein Kopf gewesen. Und doch standen da vier Leute, die alle irgendwie bekannt aussahen. Er solle mitkommen in ein Krankenhaus? So ein Quatsch, er fühlte sich blendend. Alles was er brauchte, war ein Ramos Gin Fizz. Er habe es zugesagt. Hatte er? Er konnte sich nicht daran erinnern. Ein kleiner krebskranker Junge hatte sich seinen Besuch so sehr gewünscht. Die Presse war da. Und es musste am Vormittag passieren, danach fuhr der Tourbus weiter.

Burden versteckte seine roten Augen hinter einer Sonnenbrille. Im Auto trank er den schrecklichen Kaffee, um seinen Mundgeruch zu verbergen. Seine Zahnbürste war schon wieder verschwunden. Vielleicht merkte es einer und kaufte ihm eine neue. Oder er nahm die Zahnbürste des Krebskranken. War das ansteckend? Ein Kind. Was hatte ein Kind schon von seiner Musik? Man konnte sie erst verstehen, wenn es zu spät war. Seine Musik würde niemand helfen. Nur vielleicht den einen oder anderen trösten.

Und wo zum Teufel war er überhaupt? In den letzten Tagen hatte er es kein einziges Mal herausfinden können. Eine Abfolge von Busreisen und Hotels, Garderoben und Bühnen. Wie ein Wirbelsturm. Der Tempest Song. Plötzlich wurde er unruhig, aber bevor er etwas machen konnte, hob der Typ, der jetzt immer dabei war, den Gitarrenkoffer hoch. Wenigstens das.

Am Eingang des Krankenhauses eine Menschentraube. Jemand gab ihm einen Stift. Damit kritzelte er seinen Namen auf alles, was man ihm im Vorbeigehen hinhielt. Fotos, Alben, Plattenhüllen. Sogar ein Aufnahmeformular hielt ein Pfleger ihm hin und er unterschrieb. Er hätte gleich dableiben können.

Im Aufzug war es eng. Oben Blitzlichtgewitter. Er wollte die Journalisten fragen, wo er sich befand. Die müssten es doch wissen. Aber er wurde gleich weitergeführt in ein Krankenzimmer. Darin war es still, die Meute musste draußen bleiben. Der Junge freute sich, lachte. Er sah ausgezehrt aus unter seiner Wollmütze. Der Junge nahm die Mütze ab. Er war kahl darunter. Wollte, dass Burden ihm darüber streichelte. Burden konnte es nicht und setzte ihm seinen Hut auf. Plötzlich kamen ihm die Tränen und er fiel vornüber auf die Knie vor das Bett, stützte den Kopf in die Hände und schluchzte. Der Junge streichelte ihm die langen fettigen blondierten Strähnen, die sauer nach den Ausdünstungen der letzten Tage rochen. Und zum ersten Mal seit er auf der Red Tour war, fühlte Burden so etwas wie Erleichterung.

(263) Der introvertierte US-Sänger, der bei seinem Konzert wie entrückt gewirkt hatte…

„Der introvertierte US-Sänger, der bei seinem Konzert wie entrückt gewirkt hatte, erfüllte dem krebskranken Jungen seinen sehnsüchtigsten Wunsch.“

Reiner Kusack lachte dröhnend auf und las den Satz noch einmal laut vor. Seine Mitreisenden in der Straßenbahn schauten zum Fenster hinaus oder betrachteten ihre Fingernägel. Nur der bleiche schmale Mann, der Kusack gegenüber saß, konnte sich nicht drücken. „Gibt es denn keine anständigen Sänger aus unserem Volk, die kleinen kranken Knaben Wünsche erfüllen können? Warum muss es ein Ausländer sein?“

Die Frage war offensichtlich rhetorisch gemeint. Trotzdem versuchte sich der Mickerling an einer Erklärung: „Vielleicht mochte der Junge gerade diesen Sänger…“ Kusack plusterte jetzt seinen ohnehin schon breiten Oberkörper weiter auf und musterte sein Gegenüber dabei empört: „Genau das ist es doch! Der Junge ist von seinen wahrscheinlich rosaliberal-getünchten Eltern konditioniert worden. Man hat ihm eingeredet, dass dieser verwahrloste Ausländer singen kann. Ja, dass er den kleinen Jungen anspricht! Der Junge hatte ja keine Chance sich gegen diese Indoktrinierung zu wehren. Es sind nicht die Kinder, sondern die Eltern!“

Seine Stimme versagte und Kusack nahm die Dose mit den Halspastillen heraus. Er warf sich eine davon in den Mund. Der Mickerling redete noch einmal: „Nun, ich würde von mir behaupten, ein Konservativer zu sein. Und doch mag ich die Lieder von Jim Burden auch. Das macht mich doch nicht zu einem Landesverräter.“ – „Doch“, schrie ihn Kusack an. Dabei sprang ihm die Pastille aus dem Mund und hätte seinen Mitreisenden fast im Gesicht getroffen. „Sie sind ein Brandstifter und auch ein Verräter. Denn Sie wissen, was richtig ist und tun doch das Gegenteil. Wenn wir Rechten schon nicht zusammen halten, dann ist alles umsonst!“

Der Mann schüttelte den Kopf: „Mit Ihnen zusammen bin ich auf keinen Fall ein Rechter. Da sei Gott vor… Übrigens die Pastillen, die sie lutschen, um Ihr giftiges Mundwerk zu ölen… Diese Pastillen kommen auch aus dem Ausland. Und hier muss ich schon aussteigen. Ich wünsche Ihnen einen guten Tag.“

Er erhob sich und öffnete per Knopfdruck die Straßenbahntür, als der Wagen zum Halten kam. Verblüfft schaute Kusack ihm nach. Als der Mickerling die Treppe zum Bürgersteig hinunterstieg, holte Kusack aus und warf ihm die Pastillendose nach. Sie verfehlte den Mann allerdings und fiel scheppernd auf den Bürgersteig. Dort platzte sie auf und verteilte ihren Inhalt in alle Richtungen. Als die Straßenbahn sich wieder in Bewegung setzte, merkte Kusack, dass es auch seine Haltestelle gewesen wäre.

(264) Tag, Steffens.

„Tag, Steffens.“ Wie immer grüßte Kusack den Kellner im Café Kafka, als er zur Tür hereintrat. Golo Knapp und Iwo Durst saßen schon am Tisch und sahen ihn erwartungsvoll an. „Die Straßenbahn hatte Verspätung“, knurrte Kusack und ließ sich auf die Sitzbank plumpsen.

Steffens brachte ihm sogleich einen großen Braunen. Da Kusack sichtlich schlechte Laune hatte, ließen ihn seine Kumpane erst einmal in Frieden. Knapp schaute wieder in seine Zeitung und Iwo puhlte weiter mit der Nagelfeile eines Nagelklipsers Dreck unter seinen Fingernägeln hervor. Kusack trank von seinem Kaffee und plauderte kurz mit Steffens. Dann legte er die Zeitung auf den Tisch und zeigte auf den Artikel über Jim Burden. Mit einem Monolog darüber brachte er das Gespräch in Schwung. Knapp und Iwo teilten Kusacks Empörung. Auch Steffens pflichtete ihm bei.

Knapp rückte seine Hornlesebrille zurecht und räusperte sich. „Warum sollte man nicht auch einmal einen Artikel schreiben? Man könnte darin die weitverbreitete Liberalität unserer Gesellschaft infrage stellen. Vieles bleibt unerreichbar, wenn jeder machen kann, was er möchte. Es braucht eine stärkere Hand, um das gesamte Volk nach vorne zu bringen.“ Er schaute gespannt auf Kusack und wartete auf dessen Reaktion.

Als Kusack bedächtig nickte, entspannten sich Knapps Gesichtszüge. „Gute Idee, Knapp. Warum schreiben Sie diesen Artikel nicht selbst? Sie haben das entsprechende Renommee und können sich entsprechend ausdrücken. Man wird Ihnen Gehör schenken.“ – „In der Tat“, murmelte Knapp, „man müsste einmal darüber nachdenken. Das wäre bestimmt eine gute Idee.“ Kusack und Knapp nippten an ihren Tassen.

Iwo Durst schob seine Kaffeetasse von sich weg. „Nein, damit bin ich nicht einverstanden. Ich will etwas unternehmen. Schreiben nützt nichts. Von wegen, die Feder ist stärker als das Schwert. Genauso gut könnte man auch gegen den Wind schiffen. Man nimmt uns nicht ernst. Nur Gewalt hilft. Wir brauchen eine tief greifende Veränderung in diesem Land!“

Kusack runzelte die Stirn und schaute sich im Café um. Nur ein Mann saß in der schräg gegenüberliegenden Ecke des Lokals und las Zeitung. Er schien das Gespräch nicht zu verfolgen. Kusack schaute zu Steffens, der seinem Blick gefolgt war. Steffens schüttelte beschwichtigend den Kopf. Knapp räusperte sich und sagte: „Das müsste man überlegen.“ Kusack schwieg.

(265) Iwo hatte die Reaktion von Knapp vorhergesehen.

Iwo hatte die Reaktion von Knapp vorhergesehen. Mehr als „man könnte“ oder „man sollte“ kam bei ihm nie heraus. Gefolgt von komplizierten Gedankengängen, die ins Leere führten. Kusack wollte nie etwas mit der Umsetzung von Ideen zu tun haben. Aber Iwo spürte es, wenn Kusack einer Meinung mit ihm war. Und nur darauf kam es an.

Am nächsten Tag mischte sich Iwo unter das Publikum bei einer Veranstaltung der Liberalen Partei. Das Thema war die Ausländerintegration. Die Liberale Partei war natürlich dafür. Iwo hatte bereits vorher per Internet Kontakt mit einer lokalen Parteigröße aufgenommen. Er hatte erklärt, dass er gelegentlich für ein kleines Regionalblatt schreibe und sich für liberales Gedankengut interessiere. Mit Freude war er eingeladen worden. Am Eingang brauchte er nur seinen falschen Namen zu nennen, schon wurde er an den Kontrollen vorbeigelotst. Mit Genugtuung sah er, dass man ihm einen Platz im Presseblock reserviert hatte. Das würde den Effekt seiner Aktion vergrößern.

Während der Veranstaltung wurden die üblichen Reden geschwungen. Auch ein Ausländer kam zu Wort und radebrechte sich durch einen langatmigen Vortrag. Dann kamen die Fragen des Publikums. Iwo meldete sich und stand auf, als ihm das Wort erteilt wurde.

Zuerst lullte er die Zuhörer mit ein paar Allgemeinplätzen ein, bevor er loslegte. „Wir haben doch gesehen, dass alle Angebote zur Integration nichts gefruchtet haben. Warum zwingen wir die Integration nicht herbei? Mit Gewalt kommt man doch immer am besten zurande.“ Entrüstung auf der Tribüne. Entschiedene Distanzierung von Gewalt im Allgemeinen und bei Ausländerfragen im Speziellen. Wer er denn sei und was er bei einer solchen gewaltfreien Veranstaltung suche, wollte man von Iwo wissen. „Ich bin derjenige, den ihr nicht um den Finger wickeln könnt. Ich stehe für alles, was dieses Land groß gemacht hat. Und Ihr Waschlappen werdet daran nichts ändern. Integration, dass ich nicht lache. Liberal, haha. Ihr seid doch die Ausgeschlossenen in dieser Gesellschaft. Zusammen mit Euren ausländischen Freunden, die nur Schmarotzer unseres Sozialstaats sind…“

Iwo wollte weiter reden, aber zwei Sicherheitsleute waren von hinten an ihn getreten und nahmen ihn in den Polizeigriff. Iwo schrie vor Schmerzen auf und drehte sein Gesicht in die Kameraobjektive der Journalisten, die ganz nahe an ihm dran waren. Sie sollten sehen, wie die Liberalen ihn hier misshandelten. „Ihr Schweine“, schrie er, als sie ihn aus dem Saal zerrten, durch das Foyer schleiften und ihn vor die Tür warfen. Die Journalisten waren gefolgt und schossen die letzten Fotos von ihm, bevor die Tür sich wieder schloss. Iwo stand auf, klopfte den Staub von seiner Kleidung und machte sich auf den Weg. Die Aktion war ein voller Erfolg gewesen.

(266) Mehrmals vergewisserte sich Iwo, dass keiner ihm folgte.

Mehrmals vergewisserte sich Iwo, dass keiner ihm folgte. Öfters bog er in dunkle Seitengassen ein. Nicht, dass er den Liberalen eine Verfolgung zugetraut hätte, aber er wollte sicher sein. Alles schien in Ordnung, bis er ein paar Meter hinter sich einen kleinen leuchtenden roten Punkt entdeckte. Obwohl ihm so etwas noch nie passiert war, dachte er sofort daran, dass ihm jemand mit einem Laserzielgerät auf den Fersen sei.

Er sprintete los und bog mehrmals hintereinander willkürlich in andere dunkle Seitenstraßen ein. Dann versteckte er sich in einem Innenhof hinter den Müllkübeln. Vom Laufen war Iwo außer Atem geraten. Er versuchte, mit weit offenem Mund, so lautlos wie möglich zu atmen. Schweiß stand ihm auf der Stirn. Er war aufgeregt und wie immer verspürte er dabei Stuhldrang. Kurz entschlossen streifte er seine Hose herunter und hockte sich gegen die Hauswand. In den Gassen war es still, bis auf das Zirpen der Grillen. ‚Grillen?!‘, dachte Iwo plötzlich. Da sah er auch schon wieder den roten Punkt, der über dem Mülleimer, hinter dem er hockte, zu schweben schien. Im gleichen Augenblick entspannten sich beide Schließmuskeln und die Kotwurst plumpste aus Iwo heraus auf die Erde, gefolgt von einem erlösenden Furz. Er sah, dass der rote Punkt sich auf ihn zubewegte.

Der Lichtpunkt war an einem diskusförmigen Gegenstand befestigt. Iwo konnte dessen runde Form gegen den Nachthimmel sehen, als der Gegenstand etwa einen Meter über ihm schwebte. Dann öffnete sich darin eine kleine Schiebetür und ein grellweißer Lichtstrahl kam heraus. Er richtete sich auf Iwo und wurde größer, bis er den gesamten Körper von Iwo umfasste, der immer noch mit heruntergelassener Hose dasaß. Als der Strahl ihn ganz erfasst hatte, wurde er noch greller. Iwo sah wie die Müllcontainer immer größer wurden und scheinbar in den Himmel wuchsen. Auch das Haus wurde immer riesiger. Schließlich sah Iwo unter sich die zu einem Haufen zusammengerollte Kotwurst. Auch sie wurde immer größer. Iwo richtete sich auf, um nicht darauf sitzen zu müssen. Als der Kothaufen doppelt so hoch war wie Iwo, war das Wachstum zu Ende und der Scheinwerfer erlosch. Iwo sah, dass der Diskus sich etwas weiter von ihm befand und gelandet war. Relativ gesehen war das Objekt jetzt viel größer als Ivo.

Wieder öffnete sich darin eine Schiebetür, diesmal kam eine Rampe heraus. Nach wenigen Momenten kamen zwei Figuren die Rampe herunter. Sie waren ungefähr so groß wie Iwo. Sie trugen orangefarbene Overalls und hatten große graue Köpfe mit großen schwarzen Augen, hinter denen Iwo keine Gefühlsregung erkennen konnte. Sie signalisierten, dass er ihnen in den Diskus folgen sollte. Als er sich zuerst zierte, griffen sie zu Pistolen und richteten sie auf ihn. Er zog seine Hose hoch und folgte ihnen über die Rampe in ihr Raumschiff.