(236) Die wahrscheinlich beste Zeit seines Lebens hatte Alfons Kringel, als er eine Disco eröffnete, ‚The Spiritual Palace‘.

Die wahrscheinlich beste Zeit seines Lebens hatte Alfons Kringel, als er eine Disco eröffnete, The Spiritual Palace. Jeden Abend genoss er es, einmal den Rundgang durch sein Etablissement zu machen. Dabei begrüßte er die Stammgäste, stellte sich Besuchern vor, die zum ersten Mal kamen und die ihm einer Vorstellung wert schienen.

Er hatte auch jeden Grund stolz zu sein. Bei diesem Projekt hatte er endlich aus allen Fehler seines bisherigen Lebens gelernt. Er hatte bisher immer die menschliche Komponente unterschätzt und war dadurch oft gescheitert. Hier arbeitete er sehr hart daran, den richtigen Mix an Besuchern zu erreichen. Zuerst einmal pflegte er den Kontakt zu den B- und C-Prominenten, die wie ein gewaltiges Heer an Arbeitslosen nur auf ihren Einsatz warteten. Sie und die große Menge hielt er in Atem mit einer sich nie wiederholenden Serie von Special Events und von Themenabenden. Schaumparties, Toga Nights, Fetisch Events – all das brachte viel Abwechslung in den Club-Alltag. Und natürlich Sex. Überall gab es Gelegenheiten ungestört (auf Wunsch auch nicht) Sex zu haben. Im Keller hatte Kringel sogar zwei Darkrooms eingerichtet, die für alle Spielarten menschlicher Begegnung ausgerichtet waren, außer auf Konversation.

Bei einem seiner Rundgänge setzte er sich zu einer Frau, deren Mann neben ihr eingeschlafen war. Sein Kopf ruhte auf der Seitenlehne des Ledersofas. Jutta Heidtkamp war gelangweilt und fragte Kringel, was man denn sonst so in seinem Club machen könne. Er bot sich an, ihr alles zu zeigen. Jutta war zum ersten Mal im Spiritual Palace. Ihr Mann, Gernot, war öfters da, daran konnte sich der Eventgastronom erinnern. Nachdem Kringel Jutta an der Bar einen Champagner spendiert hatte, sagte er ihr, dass die weitere Visite sie vielleicht überfordern würde. Jutta antwortete, dass sie unbedingt die Darkrooms sehen wollte. Kringel erklärte ihr, dass einer davon nur für Männer sei, er ihr den anderen aber gerne zeigen werde. Dort war viel los. Als einer der männlichen Teilnehmer nach Juttas Hand griff, wollte Kringel für sie ablehnen, aber sie hielt ihn davon ab. Sie tauchte ab in den wilden Strom von nackten, schweißglänzenden Leibern. Nach und nach wurden ihre Kleidungsstücke ans Ufer gefördert und Kringel konnte ihren Körper manchmal in dem Gewimmel erkennen. Drei Männer konzentrierten sich auf sie und sie schien zu genießen, was sie taten.

Plötzlich riss jemand Kringel an der Schulter herum. Es war Gernot Heidtkamp, der betrunken und zornig aussah. „Wo ist meine Frau?“, schrie er. Einige Zuschauer dachten, es wäre eine lustige Einlage und lachten. Dann versuchte Heidtkamp sich einen Weg zwischen den Körpern zu bahnen und zog an verschiedenen Extremitäten, um seine Frau zu finden. Kringel hielt ihn fest und sagte: „Herr Heidtkamp, lassen Sie es gut sein.“ Der festgehaltene Heidtkamp wandte sich um und schlug Kringel seine Faust ins Gesicht, bevor beide taumelten und in die Masse nackter Leiber umfielen.

(237) Als Jutta Heidtkamp am nächsten Morgen nach Hause kam, war Gernot auf das Schlimmste vorbereitet.

Als Jutta Heidtkamp am nächsten Morgen nach Hause kam, war Gernot auf das Schlimmste vorbereitet. Nach dem Faustschlag gegen Kringel war er von den Sicherheitsleuten des Clubs vor die Tür geworfen worden. Geworfen war das richtige Wort, zwei Rippen waren angeknackst. Er hatte kurz gewartet und war dann nach Hause gefahren. Jutta war nicht nachgekommen.

Zwischendurch war er immer wieder eingeschlafen und jedes Mal, wenn er aufwachte, war sie immer noch nicht zurück.

Gernot wusste, dass seine Situation nicht rosig war. Er leitete zwar das Unternehmen, aber seine Frau war die Eigentümerin. Sie hatte alles von ihrem Vater geerbt. Es gab einen Ehevertrag und seine Abfindung wäre bei einer Scheidung, egal aus welchen Gründen, nur sehr unbedeutend.

„Damit du dir keine falschen Vorstellungen machst, ich war im Hotel. Alleine.“ Jutta stellte ihre Handtasche auf der Kommode in der Diele ab. „In jeder normalen Ehe hättest du allen Grund, mir für einen Vorfall wie gestern Abend heftige Vorhaltungen zu machen. Aber ich weiß, dass du viel Schlimmeres getan hast und das eigentlich schon seit wir verheiratet sind. Ich weiß auch, dass du öfters in diesem Club verkehrst. Das war auch der Grund, warum ich mir das einmal ansehen wollte. Naja, ich fand es billig. Ich glaube, ich hätte jeden Grund, dich hochkant hier rauszuwerfen. Zwing mich nicht, dir Beweise vorzulegen.“

Gernot sah Jutta stumm an. Sie musste ihm einen Privatdetektiv hinterher geschickt haben. Damit hatte er nicht gerechnet. Wenn sie so redete, hatte sie bestimmt einiges gegen ihn in der Hand. Wirklich schwer hatte er es ihr, oder dem Privatdetektiv nicht gemacht. Er hatte immer ein Verhältnis neben Jutta gehabt. Zeitweise waren es auch zwei gewesen, aber das war zu stressig geworden. Er hatte es bei einer Geliebten gelassen und manchmal, wenn ihm danach war, hatte er sich ein Escort Girl kommen lassen. Für das alles konnte es sehr gut Film- oder Fotoaufnahmen geben. Mit ihr zu streiten machte keinen Sinn.

„Wie stellst du dir die Zukunft vor?“, fragte er vorsichtig. „Abgesehen von deinen vielen Ausrutschern, ist das Leben mit dir recht angenehm. Ich will mich nicht von dir trennen. Wir haben beide die 50 überschritten und sollten in der Lage sein, mit der Situation umzugehen. Ich finde, wir sollten uns beide die Freiheit nehmen, unser Leben zu genießen. In Maßen.“ Gernot hörte sich ihren Vorschlag an. Die bewusste Abhängigkeit von ihr wurde größer, das war klar. Andererseits war sein persönliches Komfort-Niveau erst einmal abgesichert. Außerdem konnte er jetzt ohne schlechtes Gewissen fremdgehen. Allerdings war ihm nicht klar, ob das einen positiven oder negativen Effekt auf sein Sexualleben haben würde. Man müsste es testen. Er willigte ein. So wie er sie kannte, würde sie ihm dazu in den nächsten Tagen einen Vertrag präsentieren.

(238) Nachdem Jutta ihre sexuelle Selbstbestimmung wieder erlangt hatte…

Nachdem Jutta ihre sexuelle Selbstbestimmung wieder erlangt hatte, schien es ihr, dass sie auch an ihrer Körperlichkeit etwas verändern musste. Mit dem Erlernen einer Kampfsportart konnte sie körperliche Fitness mit Selbstverteidigung kombinieren. Sie entschied sich für Karate, weil ihr der Name in seiner Konsequenz immer schon gefallen hatte. Sie vereinbarte ein Probetraining in einer Karateschule, die unter dem Titel ‚Karate mit Gloria‘ ein spezielles Programm für Frauen anbot.

Gloria Nickel war eine große, sehnige Frau, mit einem offenen Lächeln und einem Pferdeschwanz. Gloria zeigte ihr in der Schnupperstunde zuerst Aufwärm- und Dehntechniken. Da Jutta nicht mehr so gelenkig war, half sie ihr bei den Streckübungen. Dann demonstrierte Gloria verschiedene Abwehrtechniken mit Armen und Beinen. Anfangs war es Jutta nicht so leicht, die Bewegungsabläufe zu kopieren, aber nach und nach ging es immer besser. Gloria war eine gute Lehrerin.

Am Ende der Stunde fragte Jutta nach Glorias Meinung. Würde es sich für Jutta lohnen, weiter zu machen? „Beim Karate geht es darum, den Geist zu befreien. Um dir sagen zu können, ob Karate für dich das Richtige ist, müsste ich dich besser kennenlernen.“ Jutta war fasziniert von Glorias Augen. Sie fragte, ob Gloria Zeit hätte für einen Drink, damit sie sich besser kennen lernten. Gloria sagte zu und fragte Jutta, ob sie Lust hätte, in ihrem Wagen mitzufahren. Gloria fuhr einen Corvair Corsa 101 Cabrio von 1965 mit einer durchgehenden Sitzbank vorne. Jutta war aufgeregt wie beim ersten Date, als Gloria den Motor des Wagens anließ, der mit einem satten Gebrabbel die Karosserie zum Vibrieren brachte.

Sie fuhren zu einer Bar, in der Gloria Stammkunde zu sein schien. Jutta erzählte mehr von sich, als sie eigentlich vorgehabt hatte. Gloria war eine gute Zuhörerin. „Jetzt habe ich so viel von mir erzählt. Sag doch auch mal was über dich.“ Gloria setzte ihr alkoholfreies Bier ab und sagte: „Eigentlich gibt es nur eines, das du wissen musst. Ich mag Frauen.“

Gloria kniff die Augen zusammen, als sie Jutta dabei anschaute. Es war einige Zeit still, nur aus der Jukebox tönte ‚Seven Bridges Road‘ von den Eagles. Dann kicherte Jutta. „Ich hab‘ so etwas noch nie gemacht.“ – „Nicht schlimm, Baby. Glaub‘ mir, es ist einfacher als Karate.“ Gloria zog Jutta zu sich heran und küsste sie auf die Lippen. Jutta schloss die Augen. „There is a taste of time sweetened honey/ Down the seven bridges road.“

(239) Nach einer intensiven Woche des Kennenlernens beschlossen Gloria und Jutta gemeinsam in Urlaub zu fahren.

Nach einer intensiven Woche des Kennenlernens beschlossen Gloria und Jutta gemeinsam in Urlaub zu fahren. „Entweder klappt es oder es klappt nicht. Zumindest wissen wir, woran wir sind“, beschied Gloria. Sie flogen in die Dominikanische Republik. Gernot glotzte etwas blöd, als Jutta ihm die Reise ankündigte, hielt sich aber mit Kommentaren zurück.

Ihr Hotel, das Tropical Sueno Puntacana lag direkt am Strand in einer weitgeschwungenen Bucht mit Palmenhainen. Schnell etablierte sich bei den Frauen ein Tagesrhythmus. Vor dem Frühstück machten sie Morgengymnastik auf der Terrasse. Am Vormittag lagen sie am Strand, mittags aßen sie dort frischen gegrillten Fisch. Nachmittags hatten sie Sex in ihrem Zimmer mit Meeresblick und hielten einen Mittagsschlaf. Dann gingen sie am Strand spazieren. Abends nach dem Essen saßen sie nochmals am Strand und dann in der Bar.

Jutta fand, dass sie schon immer lesbisch gewesen sein musste, ohne es zu wissen. Gloria erklärte, dass sie schon immer ein Faible hatte für Frauen, die älter waren als sie und sie sich bei Jutta sehr gut aufgehoben fühlte.

Ein Schatten auf dem Urlaub war ein anderer Tourist, Guido Peters, der immer wieder in der Bar versuchte, die beiden Frauen anzumachen. Er war alleine und die anderen Urlauber waren alles Paare. Nur bei den beiden Frauen schien er sich Chancen auszumalen. Er lud sie an der Bar immer wieder zu Getränken ein, die Frauen lehnten aber immer ab. Jutta hatte sich bei Manuel, dem netten Empfangschef, über Peters‘ Benehmen beschwert. Manuel bedauerte, konnte aber nichts machen. Gloria nahm das Problem auf ihre Weise in die Hand und sagte Peters, er solle sich woanders einen Parkplatz für seinen Stummelschwanz suchen, sie und Jutta seien in der Hinsicht Selbstversorgerinnen. Aber all das erregte Peters noch mehr und er sprach mehrmals von „einem flotten Dreier“, bei dem sich alle gegenseitig verwöhnen würden. Schließlich seien doch alle im Urlaub und wollten es sich gut ergehen lassen. „Als Karatelehrerin kann ich ihn leider nicht verprügeln“, bedauerte Gloria.

An einem Tag lief ihnen am Strand ein Mischlingshund zu, der sich von Jutta ausgiebig streicheln ließ. Sie nannte ihn Bello und kaufte Futter für ihn. Bello ließ sie danach nicht mehr aus den Augen. Gloria protestierte, aber Jutta nahm ihn sogar mit ins Hotel. Sie schmuggelte ihn über die Terrasse ein. Manuel hatte es natürlich mitbekommen, sagte aber nichts. Nur in den Speisesaal nahm Jutta den Hund nicht mit.

(240) Das ist eine schwachsinnige Idee…

„Das ist eine schwachsinnige Idee“, beschied Gloria, als Jutta meinte, sie wolle Bello mit nach Hause nehmen. „Ich will es aber.“ Jutta erkundigte sich beim deutschen Konsulat in Santo Domingo. Dort riet man ihr davon ab, den Hund mitzunehmen. Die Vorbereitungszeit für die Ausfuhr dauere wegen mehrmaliger Entwurmung und Impfprozedur bis zu 6 Monaten und der Hund müsse in der Zeit in Pflege gehalten werden. „Herzlose Beamtenschweine“, kommentierte sie Gloria die Situation. „Der Hund ist doch ganz glücklich hier. Es wird immer Touristen geben, die sich um ihn kümmern.“ Aber Jutta war weiterhin in Sorge, dass es Bello, diesem speziellen Hund, gut gehen sollte. „Ich dachte, du wärst lesbisch. Am Ende kommt heraus, dass du nur Hunde wirklich magst“, sagte Gloria ganz genervt.

Der Tag des Abflugs kam. Jutta redete mit Manuel und fragte ihn, ob er Bello im Auge halten könne. Sie gab ihm Geld, das er zuerst ablehnte. Sie bestand darauf und schließlich nahm er den Umschlag an sich. Er sagte, dass er nach dem Hund sehen werde. „Vielen Dank, Manuel. Sie sind ein guter Mensch“, sagte Jutta.

In der Zwischenzeit hatte Gloria bereits das Gepäck im Taxi verstaut und wartete neben dem Wagen. Jutta verabschiedete sich unter Tränen von Bello. Auch als sie schon im Auto saß, bat sie den Fahrer anzuhalten und stieg nochmals zum Verabschieden aus. Sie winkte Bello zu, als das Taxi vom Hotel abfuhr.

Nach einigen Kilometern vermisste Jutta die Kette, die Gloria ihr geschenkt hatte. Gloria schnaubte, sagte aber nichts, als der Fahrer eine Kehrtwende machte. Am Hotel stieg Jutta aus dem Wagen und lief zum Empfang. Als sie an der Lieferantenpforte vorbeikam, blieb sie wie vom Blitz gerührt stehen. Hinter der Eisentür lag Bello auf dem Beton. Blut floss aus einer Wunde am Kopf und neben ihm lag ein Baseballschläger aus Aluminium. Für Jutta schien alles wie in Zeitlupe abzulaufen. Manuel zeigte auf den Hund und der Gärtner war dabei, den Kadaver in eine Mülltüte zu schieben. Manuel bemerkte sie und sein Gesicht verfinsterte sich. In der Tasche seines Jacketts hatte Manuel noch den Umschlag mit dem Geld, den sie ihm gegeben hatte.

Von der Seite kam Guido Peters dazu, schaute durch die Pforte und sagte: „Was haben Sie erwartet? Das machen die immer so mit Hunden in der Dominikanischen Republik. Sie hätten sich besser mit meinem Bello abgeben sollen.“

(241) Am Lac du Bourget, hatte er gelesen, sollte es schöne Frauen geben.

Am Lac du Bourget, hatte er gelesen, sollte es schöne Frauen geben. Außerdem konnte man dort Wasserski fahren. Guido Peters reservierte ein Doppelzimmer im Hotel L’Iroko, direkt am Wasserskirevier. Gleich als er ankam, buchte er ein Motorboot für zwei Stunden und hüpfte mit Übermut vom Steg ins Wasser. Als er in Tiefwasserstellung hockte und das Seil richtig in der Hand hielt, winkte er dem Beobachter auf dem Motorboot zu. Der Fahrer startete den Motor und setzte sich in Bewegung. Das Seil straffte sich und Peters kam in Hockposition aus dem Wasser. Mehrmals hintereinander musste er den Daumen hochheben, bis der Fahrer endlich auf Höchstgeschwindigkeit war. Die Schnelligkeit, das spritzende Wasser und die Zuschauer am Strand – alles was Peters brauchte. Er war selbst immer wieder erstaunt, wie gut er Wasserski fahren konnte.

Die zwei Stunden vergingen wie im Flug. Danach relaxte er im Jacuzzi, zu seinem Missfallen war jedoch nur ein älteres Paar dort. Die Frau schaute ihn natürlich ständig an, aber so verzweifelt würde er nie sein. Beim Abendessen im Hotel fiel ihm eine Gruppe von drei blonden jungen Frauen auf. Schwedische Studentinnen, raunte ihm der Kellner auf Nachfrage zu. Er versuchte den ganzen Abend, mit ihnen zu flirten. Immerhin wusste er danach, dass sie Inga, Brita und Stina hießen und aus Göteborg stammten.

Inga war die Anführerin und sie hatte es ihm besonders angetan. Am nächsten Tag erfuhr er, dass die Schwedinnen mit ihrem Mietwagen eine ganztägige Tour machten. Peters fuhr wieder Wasserski, diesmal drei Stunden. Dann waren die Mädchen immer noch nicht da. Abends hatte er sich beim Kellner im Restaurant einen Tisch neben dem der Schwedinnen erkauft. Anfangs waren die Mädchen etwas scheu, fast spröde fand er. Wobei sie das mit ihren göttlichen Jungmädchenkörpern gar nicht nötig hatten. Aber dann war es, als ob das Eis brach.

Nach dem Essen setzte Inga sich zu ihm an die Bar. Er erzählte ihr ausgiebig von sich, das schien sie zu beeindrucken. Positiv fand er, dass sie französische Männer nicht mochte. Als es an der Zeit war, die nächste Stufe seiner Anmache zu zünden, fragte er sie, ob sie Lust hätte, mit ihm am See spazieren zu gehen. Sie meinte, das würde nur den Neid ihrer Freundinnen wecken. Sie schlug vor, mit dem Mietauto in die Berge zu fahren. „Jetzt?“, fragte er erstaunt. „Wir Schwedinnen lieben die Natur“, antwortete sie und zwinkerte ihm zu.

Zehn Minuten später fuhren sie in Ingas Auto weg vom See in die Berge, etwa eine halbe Stunde lang. Inga war am Steuer, sie schien zu wissen, wo sie hinwollte. Manchmal ging es steil bergauf, dann fuhren sie längere Zeit durch einen Wald. Schließlich erreichten sie eine Lichtung. Über ihnen nur die funkelnden Sterne, sonst war es dunkel. „Da vorne muss eine Bank sein. Schau mal, ob du sie findest“, sagte Inga.

Peters stieg aus und sah sich um. Als er sich ein paar Meter vom Auto entfernt hatte, startete Inga den Motor und brauste davon. Etwas weiter entfernt, wendete sie den Wagen, setzte über eine Wiese und war verschwunden. Es war sehr dunkel und Peters wusste, dass sie ihn verascht hatte.

(242) Sein Handy hatte keinen Empfang.

Sein Handy hatte keinen Empfang. Peters hatte keine Ahnung, in welcher Richtung sich das nächste Haus befand und ob er dort jemand antreffen würde. Um ihn herum war es beängstigend still. Er setzte sich in Bewegung und versuchte den Weg nachzuverfolgen, den das Auto genommen hatte. Er hatte sich noch nie so getäuscht in einer Frau. Diese Schlange. Sollte sie doch einfach sagen, wenn sie keine Lust hatte und nicht seine Zeit stehlen. Aussetzen in der Nacht. Das würde er ihr heimzahlen.

Vorsichtig setzte er einen Fuß vor den anderen. Er kam doch recht gut voran. Vielleicht war es ja gar nicht so schlimm. Als er an einem hellen Felsen vorbei gehen wollte, verfing sich sein Fuß in einer Schnur und er stürzte auf das Zelt, das der Felsen in Wirklichkeit war. Peters fluchte und aus dem Zelt unter ihm drangen weitere Flüche hervor. Eine Taschenlampe ging an und ein anderer Deutscher pellte sich aus dem Gewusel des zusammengestürzten Zeltes.

Peters entschuldigte sich und erklärte seine Lage. „Rolf Jürgens“, stellte sich der Camper vor. „Poolbau und –pflege.“ Jürgens war als Wanderer in der Savoie unterwegs und campierte am liebsten alleine in der Natur. „Tut mir leid, wenn ich Sie störe. Können Sie mir Ihre Taschenlampe leihen, dann bin ich auch schon wieder weg.“ – „Nee, nee, nee“, protestierte Jürgens. „Mein Werkzeug gebe ich nicht weg. Und zuerst helfen Sie mir mit dem Zelt. Es ist groß genug für zwei. In dieser Dunkelheit können Sie nicht weiter gehen, es gibt hier tiefe Abgründe.“ Der Gedanke an die Abgründe überzeugte Peters zu bleiben.

Die beiden Männer machten sich über die Zeltplane her, aber Peters hatte keine Ahnung vom Campen und überließ den Wiederaufbau Jürgens. Endlich lagen sie unter der Zeltplane. Jürgens gab Peters eine Decke und rollte sich wieder in seinen Schlafsack. „Was machen Sie überhaupt hier im Dunkeln auf dem Berg?“ Peters räusperte sich. „Ich war mit meiner Freundin hier und wir hatten eine Meinungsverschiedenheit.“ – „Ich verstehe, das Auto vorhin – das muss sie gewesen sein. Naja, so ist die Liebe. Wollen Sie noch einen Happen essen? Ich habe Roquefort, davon bekommt man ganz wilde Träume.“

Jürgens nahm sich ein Stück und musste zugeben, dass der Käse hervorragend schmeckte. „Was machen Sie denn so im Leben, wenn Sie nicht in der Nacht schlafende Wandersleute überraschen?“ – „Ich investiere in Unternehmen.“ – „Trifft sich gut“, sagte Jürgens, „Rolf Jürgens. Poolbau und –pflege. Geld kann man immer gebrauchen.“ – „Ich mache das aber nur über die Börse.“ – „Na, so weit sind wir noch nicht. Kann aber noch werden. Und wenn Sie einen Pool haben, um ein Geldbad zu nehmen, rufen Sie mich an: Poolbau Jürgens.“ Peters rollte mit den Augen. „Ich werde es mir merken. Gute Nacht.“ Er wickelte sich in die Decke und Jürgens knipste die Taschenlampe aus.

(243) Peters kam in das Haus und schaute sich um.

Peters kam in das Haus und schaute sich um. Die Einrichtung erinnerte ihn an eine spanische Finca, in der er mal gewohnt hatte. Niemand war zu sehen. Die Fenster waren offen und lange weiße Vorhänge bewegten sich im leichten Wind. Peters kam zu einer Treppe, die nach unten führte. Plätschernde Geräusche drangen nach oben. Er stieg langsam die Treppe hinunter. Dann stand er auf einer Art Balkon, der hinunter auf eine Art Innenhof blickte.

Der Innenhof war aber in Wirklichkeit ein Schwimmbecken, gefüllt mit hellgrünem transparentem Wasser. An einer Seite hing über dem Schwimmbecken eine Schaukel. Darauf stand eine junge nackte Frau und pendelte hin und her über der Wasseroberfläche. Von den säulengestützten Terrassen, die über zwei Etagen das Schwimmbecken säumten, fielen Wassergüsse wie lauter kleine Wasserfälle hinunter in das Becken. Unten standen drei weitere Frauen im Wasser und küssten sich. Peters fiel es jetzt wieder ein: Er hatte Geburtstag. Das alles musste zu seinen Ehren organisiert worden sein.

Er ging um das Becken herum und hinter einer Säule sah er, eine weitere nackte Frau, die ihm den Rücken zukehrte und eine Flasche Champagner öffnete. Sie befüllte damit zur Pyramide gestapelte Gläser. Dann stellte sie die leere Flasche ab und nahm von oben zwei gefüllte Gläser. Sie drehte sich zu ihm um.

Peters erkannte die Frau und erschrak. Es war Joan Collins, aber als alte Frau. Sie kam auf ihn zu. „Nein, nein“, schrie er. Sie lächelte ihn an. Dann sah er, dass ihre Brüste nicht gleich groß waren. Ihre linke Brust war praller als die rechte. Während er dies beobachtete, war sie wieder ein paar Schritte näher gekommen. „Du kommst 30 Jahre zu spät“, schrie er. Sie gab ihm die beiden Gläser zu halten und drückte ihre Lippen auf seine, drückte ihren Körper gegen seinen. Peters ging rückwärts und bemerkte nicht, dass er der Kante zu dem Schwimmbecken zu nahe kam. Ein Fuß fand keinen Halt mehr, die Gläser fielen ihm aus den Händen, er ruderte mit den Armen, während Joan Collins ihm zusah, ohne einen Finger zu rühren. Um ihn herum wurde es hell und alles verschwamm.

Peters fiel rückwärts in die Tiefe und wachte schreiend auf. „Sie sind aber ein unruhiger Geist, Herr Zeltnachbar“, grummelte Jürgens und leuchtete Peters ins Gesicht. „Haben Sie von ihrer Verflossenen geträumt?“ Peters trocknete sich mit der Decke den Schweiß auf der Stirn. „Ich weiß auch nicht“, sagte er. „Ich habe geträumt, dass ich den Halt verliere und in ein Schwimmbecken mit grünem Wasser falle.“ – „Algen“, nickte Jürgens, „ein Albtraum für jeden Poolbesitzer. Aber dafür gibt es ja mich. Rolf Jürgens. Poolbau und –pflege.

(244) Wie war denn der Urlaub, Chef?

„Wie war denn der Urlaub, Chef?“ Leopold Kramer trug die Kiste mit den Chemikalien in den Keller der Villa. „Ganz in Ordnung. Wetter war gut, lief alles wie geplant. Außer einer Nacht, als ein Verrückter auf mein Zelt fiel. Seine Freundin hatte ihn aus dem Auto geschmissen. Es war so stockduster, dass ich ihn beim mir übernachten ließ. Was für eine schreckliche Nacht. Erst hatte der Typ Albträume, dann sprach er auch noch im Schlaf. Beim ersten Morgengrauen habe ich ihn rausgeschmissen.“

Sie standen jetzt vor dem Pool im Keller. „Das war aber auch eine schreckliche Party“, meinte der Lehrling. Im Pool schwammen ein paar Stühle, auf dem Beckengrund konnte man die Scherben von Bierflaschen sehen und an einer Stelle am Beckenrand waren Blutspuren. Auf der Wasseroberfläche dümpelten Essensreste.

Jürgens stemmte die Hände in die Hüften. „Das ist ja das ganze Programm. Na dann mal ans Werk. Zuerst die Stühle entfernen. Dann mit dem Netz die Scherben heraus fischen und dieses Gedöns auf der Oberfläche. Ich mach schon mal die Analysen.“ Kramer nahm sich die Poolbürste mit dem langen Stiel, an dessen Ende ein Haken angebracht war. Damit zog er die Stühle heran. Jürgens nahm die Packung mit den Teststreifen und maß den pH-Wert des Wassers, anschließend auch den Chlorgehalt. Sein Lehrling fischte jetzt nach den Scherben. „Das ist aber auch eine Sauerei, Chef. Ich glaube, hier schwimmt auch Kotze.“ – „Die Leichen haben sie wohl schon vorher rausgezogen. Zieh Dir Gummihandschuhe an. Und Vorsicht, wenn du die Scherben herausholst.“

Jürgens schüttete Chlorgranulat aus einem Beutel in einen Eimer. Mit einer Plastikschüssel schöpfte er Poolwasser dazu, um das Granulat aufzulösen. „Wie geht es mit den Proben, Leopold?“ Sein Lehrling hatte vor ein paar Monaten ein neues Hobby angefangen: Clowning. Mit einem erfahrenen Clown, den er bei einem Schnupperkurs kennengelernt hatte, studierte er eine Doppelnummer ein. Jürgens konnte sich vorstellen, dass der Junge auch darin gut war. Eigentlich fiel ihm alles leicht zu. „Läuft gut, Chef. Wir hatten ein paar Auftritte. In Altenheimen und so. Die, die nicht eingeschlafen waren, haben uns gut gefunden. Glaube ich.“ Jürgens goss die Chlorbrühe in den Pool. Danach bereitete er eine Ladung Flockungsmittel vor. „Am nächsten Wochenende sind wir bei einem internationalen Clownwettbewerb. Das wird heftig, die sollen ultrastreng sein. Aber wir haben unsere Nummer sehr gut drauf.“ – „Kling gut. Ich drücke dir auf jeden Fall die Daumen.“

Es war Jürgens klar, dass er seinen Lehrling bald verlieren würde, dafür war der Junge zu clever. Aber wenigstens hatte er etwas Solides, worauf er immer zurückgreifen konnte.

(245) Leopold Kramer war gerade mit dem Schminken fertig…

Leopold Kramer war gerade mit dem Schminken fertig, als Oskar Gabriel, bereits in seiner Verkleidung als Weißclown, in die Garderobe zurückkam. Leopold mimte einen Dummen August namens Poldy. „Noch eine Viertelstunde und dann sind wir dran. Bist du aufgeregt?“ Leopold nickte. „Das wird schon. Wir haben so oft geprobt, das sitzt im Blut. Schlimmer als im Altersheim wird es nicht werden. Vor uns ist übrigens gerade eine Commedia dell’Arte Gruppe dran. Das ist gut, denn die passen nicht so richtig ins Konzept des Wettbewerbs. Im Gegensatz zu uns. Wir sind genau auf der Linie. Ich habe hinter der Bühne die Notizen der Commedia dell’Arte-Leute mit ihrem Ablauf gefunden. Diese Gruppen improvisieren immer, nur der Ablauf steht fest. Sieht etwas langweilig aus. Ich lese mal vor.“ Oskar deklamierte in seiner etwas arroganten Bühnenstimme, was er von einem Zettel ablas: „Pantalone spricht Harlekin an. Er will endlich heiraten und hat die junge Kolombine auserwählt. Weil er sich vom Stand her keine Blöße geben will, soll Harlekin zuerst mit ihr sprechen. Harlekin ist frech und bekommt erst mal ein paar hinter die Ohren. Kolombine kommt herein, Pantalone verlässt die Bühne. Harlekin erzählt Kolombine tolle Dinge über Pantalone, seinen Herrn. Gleichzeitig verliebt er sich in sie. Sie erkennt Harlekins Liebe und sagt ihm, dass sie überlegen muss. Pantalone kommt zurück, Kolombine geht weg. Pantalone macht Druck, weil es ihm nicht schnell genug geht. Harlekin macht wieder Frechheiten und wird noch einmal von Pantalone geschlagen. Kolombine kommt zurück, Pantalone verlässt die Bühne…“ Oskar ließ den Zettel sinken. „Und so geht das in einem fort. Ein ständiges Kommen und Gehen. Viel zu langatmig, zu unruhig. Man braucht Ruhe, um Lachen zu können. Unter Stress geht das nicht. Ehrlich gesagt, finde ich darin so gut wie gar nichts lustig. Es würde mich wundern, wenn diese ‚Zanni & Compagnia‘ viele Lacher hier ernten werden.“

Oskar zerknüllte das Blatt und warf es mit einer grazilen Handbewegung in den Papierkorb. Die Papierkugel sprang auf dem Rand hoch und fiel dann in das Dunkel in der Mitte. Poldy hatte inzwischen seine dicken Handschuhe angezogen und patschte die Hände im Applaus zusammen. Oscar machte einen Diener vor Poldy.

Es klopfte an der Tür. „Noch fünf Minuten bis zu Eurem Auftritt“, sagte eine Stimme dahinter. Oscar und Poldy umarmten sich vorsichtig und spuckten imaginär über die Schulter des Anderen.