(226) In einer Viertelstunde kommt Herr Burckhardt aus der Buchhaltung mit dem Zahlungslauf für diese Woche.

„In einer Viertelstunde kommt Herr Burckhardt aus der Buchhaltung mit dem Zahlungslauf für diese Woche. Direkt im Anschluss Meeting mit Herrn Kobayashi, der noch ein paar Fragen zum Vertrag unter vier Augen mit Ihnen klären möchte. Er wollte das unbedingt auf dem Golfplatz erledigen und war enttäuscht, dass Sie nicht Golf spielen.“

Frau Dockendorf saß vor Hans Engler und hielt den Ausdruck der Terminliste in der Hand. Engler machte sich ein paar Notizen auf seine Kopie. „Sie müssen mich nach einer Stunde bei Herrn Kobayashi herausholen. Dringendes Kundengespräch. Kunde droht mit Auftrag. Sonst sitzen wir den ganzen Tag zusammen.“ – „Danach treffen Sie eh‘ Ihren Vater zum Mittagessen. Er kommt Sie hier abholen.“ – Das passt mir nicht, Frau Dockendorf. Machen Sie mit ihm aus, dass ich ihn im Restaurant treffe. Im Erzengel, ja?“ – „Genau, dort habe ich für Sie reserviert. Um 14 Uhr müssen Sie zurück sein, dann präsentiert Ihnen das Designteam den neuen Prototypen des IR251.“ Engler seufzte. „Ist das nicht gut? Wollen Sie den Termin verschieben?“ Engler schüttelte den Kopf. „Das ist in Ordnung. Ich habe nur daran gedacht, wie teuer die Entwicklung des Teils war. Machen Sie danach noch einen Termin mit Meinholt aus dem Vertrieb. Ich will mit ihm über Vorbestellungen und Vertriebsprognosen für IR251 sprechen. Wenn das Ding nicht einschlägt, müssen wir hier die Pforten schließen. Aber, kein Problem, Frau Dockendorf, das ist nur so eine Redensweise.“ – „Habe nichts gesagt“, Frau Dockendorfs Augen lächelten, als sie ihn über ihre randlose Brille ansah. „Und danach…“ Engler komplettierte: „Danach, wie an jedem Tag seit Anbeginn der Zeit: Teamverhandeln mit den Japanern.“ – „Genau.“ – „Wir sind an manchen Stellen noch sehr weit auseinander, ich weiß nicht, ob das noch alles klappt.“ – „Wie werden die Japaner das Unternehmen verändern? Bleiben wenigstens Sie uns erhalten?“ – „Machen Sie sich keine Sorgen, Frau Dockendorf. Ich gehe davon aus, dass mir die Japaner eine beratende Tätigkeit in Aussicht stellen. Es könnte auch mehr sein. Ich blicke der Zukunft auf jeden Fall sehr zuversichtlich entgegen.“ – „Das ist schön, Herr Engler. Ich bin schon so lange hier, ich könnte mir nicht vorstellen, wie es ohne Sie wäre.“ – „Dann lassen Sie uns den heutigen Tag mal gut hinter uns bringen, Frau Dockendorf. Noch eine Bitte: Ich hatte gestern mit Frau Pawel aus dem Marketing Tennis gespielt und meinen Schläger liegenlassen. Könnten Sie sie bitte danach fragen? Vielen Dank.“

(227) Johann Buhr wartete, bis Frau Dockendorf aus dem Hauptgebäude kam.

Johann Buhr wartete, bis Frau Dockendorf aus dem Hauptgebäude kam. Er warf die Zigarette in den Aschenbecher und überquerte den Hof. Er ging in die kühle und leere Empfangshalle und dann die Treppe mit dem schmiedeeisernen Geländer hoch in den ersten Stock.

Heute hatte er Glück: Hans Engler war allein und las gerade in einem Papier, als Buhr leicht an die Tür klopfte. Als Engler ihn erkannte, verzog er die Mundwinkel, aber schickte ihn nicht weg. „Guten Abend, Herr Buhr.“ – „Guten Abend, Herr Engler.“ Buhr trat ins Zimmer und gab Engler über den Schreibtisch hinweg die Hand. „Setzen Sie sich. Was kann ich für sie tun?“

Johann Buhr versuchte sich an die Sätze zu erinnern, die er sich aufgeschrieben hatte. Sie standen auf einem Zettel in seiner Innentasche. Aber er war zu stolz, ihn herauszunehmen. „Ich arbeite jetzt seit 19 Jahren bei MFE. Ihr Vater selbst hat mich eingestellt.“ – „Das weiß ich sehr gut, Herr Buhr. Sie sind einer unserer längsten Mitarbeiter. Als mein Vater mir das Unternehmen übergab, hat er besonders Sie erwähnt und mir gesagt, dass ich pfleglich mit Ihnen umgehen soll.“

Buhr gewann mehr Selbstvertrauen. „Na ja, als ich anfing produzierte die Firma Fräsmaschinen. Ich arbeitete hart und ihr Vater beförderte mich nach und nach zum Produktionsleiter. Das war für mich eine große Sache. Als Sie hier anfingen, haben wir begonnen, Industrieroboter zu bauen. Das war gut so, weil wir immer mehr Marktanteil bei Fräsmaschinen verloren. Meine Position wurde immer unbedeutender. Als Sie die Firma übernahmen, haben Sie sich auf die Roboter konzentriert und ich wurde zum Leiter der Eingangslagers. Ich habe mich die ganze Zeit nicht beschwert.“

Engler hatte mehrere Male versucht, ihn zu unterbrechen, aber der Alte blieb auf der Spur. „Sie müssen mir sagen, was mit mir passiert, wenn die Japaner die Firma kaufen.“ Engler entgegnete, dass nicht sicher sei, nicht einmal das Interesse der Japaner. Buhr versuchte es auf mehreren Wegen, aber Engler wollte ihm nicht mehr sagen, als allen anderen Mitarbeitern: ‚Es fand eine strategische Überprüfung statt und es wurden mit einem japanischen Konzern Gespräche wegen eines Joint Ventures geführt.‘

Engler stand auf und ging um den Schreibtisch herum. Er legte Buhr die Hand auf die Schulter. „Ich kann Ihnen leider nicht mehr sagen, denn ich weiß selbst nicht mehr. Aber Sie werden sehen, es wird alles fair und nach dem Gesetz gehandhabt werden. Ich glaube, da spreche ich auch im Sinne meines Vaters. Haben Sie Mut, Herr Buhr. Wir werden Sie nicht im Stich lassen.“

(228) Buhr steckte den neuen USB-Stick in den Steckplatz seines Computers und zog den Gummihandschuh aus, den er für alle Fälle angezogen hatte.

Buhr steckte den neuen USB-Stick in den Steckplatz seines Computers und zog den Gummihandschuh aus, den er für alle Fälle angezogen hatte. Von seinem Schreibtisch aus konnte er das Lager überblicken. Jeder, der in sein kleines Büro wollte, musste erst die Stahltreppe hochklettern. Niemand konnte ihn hier überraschen. Er loggte sich in das Netzwerk ein. Für die EDV-Abteilung von MFE gehörte Buhr immer noch zu den Abteilungsleitern, auch wenn er nur mehr für das Lager zuständig war. Deshalb konnte Buhr auch auf die Dateien der Entwicklungsabteilung zugreifen. Er fand schnell, was er suchte: Projekt IR251. Die neueste Entwicklung bei Horizontalknickarmrobotern. Größere Flexibilität und höhere Präzision. Die Entwicklung hatte zwei Jahre gedauert.

Buhr klickte den Ordner mit allen Unterlagen zum IR251 an und zog ihn auf das Symbol des USB-Sticks. Er schaute aus dem Fenster hinunter ins Lager. Hans Engler führte gerade die Delegation von Japanern ins Lager. Schon wieder. Aber anscheinend ging es nicht um das Lager selbst. Engler gestikulierte in Richtung der Außenwand. Dann verstand Buhr. Engler erklärte den Japanern, welche Expansionsmöglichkeiten es gab. Diese Außenmauer konnte eingerissen werden und dahinter war eine grüne Wiese, auf der eine weitere Fabrikationshalle gebaut werden konnte. ‚Vielleicht auch nicht‘, dachte Buhr und schaute auf den Fortschritt des Kopiervorgangs: 47%. Engler führte jetzt die Gruppe wieder aus dem Lager. Er schaute zu Buhr hoch und winkte. Buhr winkte zurück und sagte „Aschloch.“

Als er später die Firma verließ, hatte er zur Sicherheit den USB Stick in den Gummihandschuh und diesen in die Unterhose gesteckt. Er wurde aber nicht kontrolliert. Dann fuhr er erst nach Hause, schaltete den Fernseher ein und klebte den Stick in eine Zeitung, die er danach zerknüllt in seine Jackentasche steckte.

Dann verließ er das Haus durch die Küche, deren Außentür er nur zuziehen brauchte. Er ging den Gartenweg zu den Schrebergärten entlang, kam zu einer Straße und nahm den Bus. An der Oper stieg er aus, schaute sich den Aushang an und ging um 19.30 Uhr den Bürgersteig entlang. Am zweiten Abfalleimer warf er die Papierkugel hinein. Danach fuhr er wieder nach Hause.

Einen Tag später, als er von der Arbeit kam, fand er einen Umschlag mit Geld im Briefkasten. Er hatte geliefert; die beiden schrägen Vögel, die ihn angesprochen hatten, auch.

(229) Stahlberg wartete an der Ecke und sah Stollberg fragend an.

Stahlberg wartete an der Ecke und sah Stollberg fragend an. Stollberg grinste. „Wir haben die Ware. Ab ins Hotel.“ Die Pension „Zur ruhigen Kugel“ als Hotel zu bezeichnen, war sehr anmaßend. Die beiden Industriespione lebten in einem kleinen Zimmer mit zwei Betten in einer Absteige.

Die Pension befand sich in einem dunklen Hinterhaus und wurde von Edeltraud Kugel geführt, der Witwe des vorherigen Besitzers. Kurz nach seinem Tod hatte sich die Bank die Immobilie vereinnahmt und Frau Kugel aus humanitären Gründen als Geschäftsführerin behalten. Sie versuchte die labile Stabilität des Etablissements zu bewahren, aber eigentlich ging es immer mehr bergab.

Das Zimmer der Industriespione hatte ein vergittertes Fenster zum Lichtschacht des Hauses und einer der Vormieter hatte die Wände mit glänzendem, fliederfarbenem Lack gestrichen. „Hier wird uns keiner finden“, hatte Stollberg gesagt, als er Stahlberg die Pension zum ersten Mal zeigte. „Man muss stark sein, um in diesem Zimmer nicht zum Serienmörder heranzureifen“, hatte Stahlberg geantwortet.

Da Industriespione aber keine repräsentativen Räumlichkeiten brauchten und die beiden Herren ihren Beruf an diesem Ort nur für eine gewisse Zeit ausüben wollten, war es in Ordnung, erst einmal in der ‚Ruhigen Kugel‘ zu residieren. Frau Kugel empfing sie in der Lobby, wie sie es nannte. Sie stand unter ihrem Perser, wie sie das mottenstichige Teppichteil nannte, das sie an die Wand hatte hängen lassen. Damit es nicht am Boden abnutzt, war die Begründung gewesen. Wenn Frau Kugel irgendeine Meinung zu Stahlberg und Stollberg hatte, so gab sie nichts davon preis. „Guten Abend, die Herren.“ – „Guten Abend, Frau Kugel“, antworteten beide gleichzeitig.

Oben im Zimmer riss Stahlberg das Fenster auf, um die feuchte, klamme Luft aus dem Zimmer zu vertreiben. Stollberg nahm den Laptop aus seinem Versteck hinter der Heizung und fuhr ihn hoch. Dann steckte er den Stick an den Anschluss und schaute sich mit Stahlberg, der ihm über die Schulter schaute, die Dateien auf dem Stick an. „Sieht gut aus. Der Mann hat ausgezeichnete Ware geliefert, Herr Stollberg.“ – „Sehe ich auch so, Herr Stahlberg. Wir können ihn auszahlen.“ – Ich fange mit dem Hochladen an. Danach können wir uns im Aufenthaltsraum eine Erfrischung gönnen.“ – „Eine sehr gute Idee, Herr Stahlberg.“ – „Wie sieht denn unsere aktuelle Auftragslage aus, Herr Stollberg?“ – Sehr dürftig, Herr Stahlberg.  Dr. Bouché vom Fraunhofer Institut hat uns wieder kontaktiert, aber nachdem die Sicherheitsmaßnahmen dort so sehr gesteigert wurden, sollten wir darauf verzichten. Außerdem habe ich den Eindruck, dass Dr. Bouché langsam dem Wahnsinn verfällt. Wir könnten Urlaub machen und uns einen Tapetenwechsel gönnen.“

(230) Stahlberg und Stollberg saßen im Fernsehraum der Pension und lasen Zeitung.

Stahlberg und Stollberg saßen im Fernsehraum der Pension und lasen Zeitung. Stollberg las den Wirtschaftsteil, Stahlberg das Feuilleton. Der Fernseher war aus. Es war still. Wenn man genau aufpasste, konnte man das Ticken von Stollbergs Armbanduhr hören. Stahlberg trug keine Uhr.

„Hallo, Nachbarn!“ Die beiden Zeitungsleser zuckten zusammen. In der Tür stand eine junge Frau in einem schulterfreien gelben Neontop und schwarzen Leggings, Dreadlocks auf dem Kopf. „Ich bin Evi Tissen, ganz frisch in der Stadt. Ich komm vom Land.“

Stahlberg und Stollberg stellten sich vor. Evi fand die Namen sehr witzig und fragte, ob sie Künstler seien. „Nein“, war die Antwort. Evi Tissen erzählte von sich selbst (Stahlberg und Stollberg ließen ihre Zeitung sinken und wurden genötigt, dem hell sprudelnden Wortschwall zuzuhören). Wie sie in einer Kleinstadt aufgewachsen war, wo jeder den anderen kannte und genau auf dessen Handlungen achtete. Wo man sich nicht mal ein bisschen flippiger anziehen konnte, weil es nicht hinein passte. Sie habe es so lange ausgehalten, wie es sein musste. Bei der ersten Gelegenheit war sie abgehauen, in die Stadt. Sie war ja jetzt 18 Jahre und keiner konnte ihr Vorschriften machen. Als sie in die Stadt kam, ließ sie sich als erstes ein Zungenpiercing setzen.

Sie öffnete den Mund und hielt die Lippen mit den Fingern auseinander. Dann bewegte sie ihre Zunge, so dass der silberfarbene Zungenstecker wie ein Ball auf ihrer Zunge tanzte. Es war für sie das Zeichen ihrer Unabhängigkeit. Hatte fast nicht wehgetan, nur ein bisschen, aber das war es wert gewesen. Natürlich wollte sie immer weiter auch mit ihrer Familie in Kontakt bleiben, sie hatte ja keine schlimme Kindheit gehabt. Gar nicht. Es waren nur die Umstände, die es unmöglich machten. Natürlich waren aber alle geschockt gewesen, wegen des Zungenpiercings. Allein deswegen hatte es sich schon gelohnt. Alle hatten natürlich gefragt, was sie denn jetzt in der großen Stadt machen wollte. Aber sie war noch nicht entschieden. Irgendetwas würde sich schon finden. Für den Moment genoss sie es einfach nur da zu sein, wo alles passierte. Das Hotel war ja glücklicherweise nicht so teuer, da konnte sie es schon länger aushalten mit ihren Ersparnissen. Natürlich wollte ihre Familie auch helfen und schickte ihr Geld. Aber darauf wollte sie gar nicht angewiesen sein. Sie wollte auf eigenen Beinen stehen.

„Ihr seid ja zwei tolle Typen. Was macht Ihr denn so? Stahlberg und Stollberg klingt wie ein Bandname.“

(231) Wir managen Erfindungen und helfen kreativen Köpfen, ihre Arbeit individuell besser zu vermarkten.

„Wir managen Erfindungen und helfen kreativen Köpfen, ihre Arbeit individuell besser zu vermarkten. Und wir sind sehr diskret.“ Stollberg lehnte sich zurück und betrachtete Achim Welke, dessen Augen hinter der dicken Brille riesig aussahen.

Welke war Ingenieur bei einem Chemieanlagenbauer und hatte, zufällig, eine Erfindung gemacht. Ein ehemaliger Arbeitskollege hatte ihn mit Stollberg und Stahlberg in Kontakt gebracht. Stahlberg mischte sich ein: „Erlauben Sie mir, Herr Welke, dass ich ihr Produkt einmal in meinen eigenen dürren Worten widerspiegele: Sie haben für eine Prozessanlage nach Möglichkeiten der Gefriertrocknung gesucht. So wie das bei Instantkaffee auch gemacht wird. Dabei haben Sie eine Methode gefunden, mit der man ein völlig neuartiges Klo bauen kann. Ein Klo, das feste von flüssigen Ausscheidungen trennt. Die festen Bestandteile werden gefriergetrocknet und dann automatisch in Pulver verwandelt. Das Pulver ist völlig geruchlos und mikrobiologisch unbedenklich. Es kann eingesammelt und dann als Dünger verwendet werden, sogar auf Gemüsefeldern. Zusätzlich erzeugt die Umwandlung ausreichend Energie, um damit die Gefriertrocknung, ja das ganze Klo autonom zu betreiben. Es kommt sogar ohne Wasser aus. Habe ich das so richtig verstanden?“

Welke nickte. „Das ist korrekt. Das habe ich erfunden und die weitere Entwicklungsarbeit liegt eigentlich eher im Design. Die Prozesse stehen.“

Stollberg räusperte sich. „Das ist eine fantastische Erfindung. So etwas braucht die Welt. Hier bei uns, aber auch im Ausland. In den Entwicklungsländern. Ein Riesenmarkt.“ – „Das stimmt. Es kann sehr viele Probleme lösen.“ – „Aber, Herr Welke, wenn Sie nichts unternehmen, gehört die Erfindung Ihrem Arbeitgeber. Sie werden bei der Geschichte leer ausgehen. Wäre das nicht schade? Immerhin ist es ja nicht einmal ein Produkt, für das Ihr Arbeitgeber Sie eingestellt hat. Es ist eine Serendipität, so wie Penicillin, Post-Its und der Teebeutel. Sie haben etwas gesucht und etwas komplett anderes gefunden. Sehr poetisch… und sehr wertvoll. Ich kann Ihnen nur raten, diese Erfindung selbst zu vermarkten. Wir, mein Kollege Stahlberg und ich, können Ihnen dabei helfen. Ihr Arbeitgeber wird davon nichts mitbekommen. Garantiert. Wir können Sie sehr reich machen.“

Welke sah unentschlossen aus. „Ich muss mir das noch einmal überlegen. Ich bin Ingenieur, das ist für mich Neuland. Geben Sie mir Zeit. Ich melde mich bei Ihnen.“

(232) Das Gespräch mit Stollberg und Stahlberg hatte Welke überzeugt, dass er sein Schicksal selbst in die Hand nehmen musste.

Das Gespräch mit Stollberg und Stahlberg hatte Welke überzeugt, dass er sein Schicksal selbst in die Hand nehmen musste. Er fand heraus, dass die nächste Messe der World Toilet Organization bald in Belfast stattfinden würde und reiste dorthin, um für seine Erfindung Investoren zu suchen.

Die Messe war flankiert von Seminaren und Vorträgen, die Welke aber nicht interessierten. Er schaute sich in der Ausstellung nach Fabrikanten von Sanitärsystemen um und suchte das Gespräch mit deren Vertretern. Er hatte eine Präsentationsmappe dabei mit dem Titel: ‚Pulvis – the toilet system for the 21st century‘. Die Mappe enthielt Skizzen seines Systems sowie eine Auflistung ihrer Vorteile. Auch ein Lebenslauf des Erfinders war dabei.

Es war nicht schwierig, Termine zu bekommen. Die meisten Stände hatte eine ruhigere Ecke mit einem runden Tisch und zwei oder drei Stühlen. Welke stellte sich dann vor und erklärte seine Erfindung. Am Anfang dachten seine Gesprächspartner, dass Welke Toiletten kaufen wollte und waren wohlwollend herzlich. Wenn herauskam, dass er ein Erfinder war, drehte sich die positive Stimmung und sie versuchten nur noch ihn loszuwerden: Zu teuer für Entwicklungsländer; zu kompliziert in der Wartung; man habe schon eigene Produkte mit ähnlicher Wirkung; man suche keine neuen Produkte; dazu müsse er sich an die Geschäftsführung wenden; sein Produkt sei unmöglich; er habe keine Ahnung von Toilettensystemen.

Nach einem weiteren erfolglosen Treffen, sprach ihn ein älterer aber jugendlich wirkender Herr an, der sich als Alfons Kringel, Unternehmer, vorstellte. Er habe Welkes Präsentation zufällig aber mit großem Interesse angehört und er habe eine Idee. Er wolle Welkes Erfindung sozusagen vom Kopf auf die Füße stellen. Welke verstand nicht, was Kringel damit meinte.

Kringel erläuterte weiter: Interessant an dem Verfahren sei nicht die Anwendung im Sanitärbereich. Das wären nur Perlen vor die Säue. Nein, er habe eine ganz andere Idee: Eine Anlage bauen mit der Obst gefriergetrocknet und pulverisiert würde. Das gleiche auch mit Milch. Daraus, mit natürlichen Inhaltsstoffen ein Pulver als Produkt erschaffen, mit dem bei Zugabe von Wasser herrliche Säfte und Milchmixgetränke entstünden. „Nicht der synthetische Abfall, denn es heute gibt, sondern alles naturbelassen!“ Welke war froh, bei der Messe endlich freundliche Worte zu seiner Erfindung zu hören. Auch fand er die Idee nicht schlecht, mit seinem Produkt jeweils am Anfang und am Ende der Verdauungskette zu stehen. Kringel schien erfahren und begeistert zu sein, eine gute Mischung. „Ich schlage vor, dass wir unser Gespräch heute Abend in der Sauna vertiefen. Sieben Uhr im Ramada, Shaws Bridge! Nehmen Sie sich ein Taxi.“

(233) Welke war vorher noch nie in einer Sauna gewesen.

Welke war vorher noch nie in einer Sauna gewesen. Er hatte sich im Internet informiert und erschien im Ramada in Badehose. Kringel setzte sich nackt in die Sauna. „Badehosen engen ein. Ich hoffe, Sie mögen Aufgüsse. Sie befreien den Kopf.“ Es schien Welke bereits anfangs unerträglich heiß, aber mit Kringels Aufgüssen war ihm, als ob sein Körper explodierte.

Kringel redete in einem fort. „Ich habe in meinem Leben schon fast alles gemacht, was man machen kann. Richtig spannend wurde mein Leben, als ich in den Achtziger Jahren Investment Banker an der Wall Street war. Sie sind dafür noch zu jung, aber wir haben damals etwas ganz Neues entwickelt: den Kauf eines Unternehmens, bezahlt mit Schulden. RJR Nabisco damals, das war meine Idee. Leider war ich damals nur Angestellter und konnte den Ruhm nie auskosten. Es hat mir aber gezeigt, was es heißt, ein Unternehmer zu sein.

Dann ging ich weg, weil ich mein eigener Herr sein wollte. Zuerst nach Australien zum Opal schürfen. Sehr einsam, aber ungemein einträglich. Mit dem Geld habe ich in Argentinien eine Rinderfarm gekauft. Die unendliche Pampa, wohin das Auge reicht. Toller Erfolg, aber auch sehr abgelegen. Ich denke, deshalb heißt es ja auch Pampa, nicht wahr. Alles ok bei Ihnen? Sie sind so blass. Sauna ist sehr gesund, Sie werden sehen. Ziehen Sie die Badehose aus, das Blut zirkuliert dann besser.

Irgendwann kam ich nach Europa zurück. Habe zum Beispiel die Idee mit Kaffeefahrten gehabt. War jahrelang ein Bombengeschäft. Bis sich die Politik einmischte und freies Unternehmertum an die Kandare nahm. Was soll‘s. Wenn eine Idee stirbt, werden fünf andere geboren. Jetzt mach ich nur noch, was mir Spaß macht.

Ihre Idee ist grandios. Das werden wir zusammen umsetzen. Sie werden sehen. Es kommt nicht darauf an, wie oft man scheitert, sondern wie oft man sich aufrafft, um es wieder zu versuchen. Alfons Kringel, mein Lieber, gibt niemals auf. Ich bin der Stehauf-Kringel.

Mann, Sie sehen wirklich blass aus. Wollen Sie vielleicht mal aufstehen. Warten Sie, ich stütze sie. Sie sind ja etwas zart besaitet. Aber das macht nichts, Alfons Kringel ist der Fels in der Brandung. Ich werde Ihnen zeigen, was in Ihnen steckt!“

Bevor Welke schwarz vor den Augen wurde, erbrach er sich auf den Kachelboden der Sauna des Ramada Plaza in Belfast. „Ausscheidungen scheinen wohl Ihr Ding zu sein“, meinte Kringel und schleifte den schlaffen Körper von Welke durch die Rauchglastür nach draußen.

(234) Kringel hatte herausgefunden, dass Schweinefleisch im Einkauf günstiger war als Rindfleisch.

Kringel hatte herausgefunden, dass Schweinefleisch im Einkauf günstiger war als Rindfleisch. „Damit muss man doch etwas anfangen können“, sagte er sich. Nach ein paar Stunden hatte er ein Geschäftsmodell ausgetüftelt. Eine Restaurantkette, in der eine breite Palette an Schweinefleischgerichten aus aller Welt angeboten würde. Auch ein Name fiel ihm schnell ein: „Three Smiling Porks“ mit drei lächelnden, Sonnenbrille tragenden Schweinen als Logo.

Für ein Pilot-Restaurant konnte er als Investor einen Schweinegroßzüchter gewinnen. Im Gegenzug verpflichtete sich Kringel alles Fleisch der entstehenden Kette bei seinem Investor zu kaufen, zu Marktkonditionen. Dann machte sich Kringel auf die Suche nach einem leerstehenden Lokal. Auch hier wurde er schnell fündig. Nachdem ein Pachtvertrag unterschrieben war, kümmerte er sich mit einem Architekten um die räumliche Planung.

Der Umbau war sehr umfangreich, machte aber zügig Fortschritte. Als krönender Abschluss wurde an einem Abend eine große Leuchtreklame mit dem Logo des Restaurants an der Fassade angebracht. Kringel war sehr zufrieden, das war ein Selbstläufer.

Am nächsten Tag waren die Scheiben des Restaurants eingeschlagen. Der Hausmeister informierte Kringel, dass in dem Viertel ein sehr großer Anteil von Juden und Muslimen wohnte. „Interessant“, sagte Kringel, „das war mir nicht bewusst. Aber das heißt für mich, dass wir hier im Viertel einen Marktanteil von 100% haben werden. Man muss den Leuten nur zeigen, dass Schweinefleisch sehr lecker und nahrhaft ist.“

Er heuerte Falk Neunkirchen, einen BWL-Studenten an, der im Viertel Gutscheine verteilen sollte. ‚Das reicht noch nicht‘, dachte sich Kringel. Dann kam ihm die Idee, Falk in ein rosafarbenes Schweinchenkostüm aus Plüsch zu stecken. Komplett mit einer Vollkopfmaske aus der eine Steckdosenschweinchenschnauze herausragte. „Das wird Furore machen“, sagte Kringel Falk, als er ihn mit dem Wagen zu seinem Einsatzort fuhr.

Falk stellte sich auf den Bürgersteig, in der Hand ein Bündel Gutscheine. In der Umhängetasche auf dem Rücken noch viel mehr Gutscheine. Kringel blieb im Wagen sitzen, um den Effekt der Aktion zu bewerten. Einige Passanten nahmen die Gutscheine, schmissen sie aber meist rasch wieder weg. Nur wenige stopften sie in die Tasche. Die Mehrzahl der Passanten zog ihre Hand zurück, als sie die Schweinemaske des Studenten sahen. Einige beschimpften ihn. Die ihn beschimpften blieben stehen und schnell bildete sich eine Traube mit schimpfenden Menschen um Falk herum.

Der Student im Schweinekostüm sah öfters in Kringels Richtung, durfte aber die Menge nicht aus den Augen verlieren. Einer wagte sich vor und riss Falk die Maske vom Kopf. Darauf stürzten sich andere auf ihn und schlugen mit Fäusten auf ihn ein. Falk ging zu Boden. Kringel sprang aus dem Wagen, bahnte sich einen Weg durch die Meute, indem er „Polizei“ schrie. Er griff Falk unter die Arme und brachte ihn zum Wagen. Unter dem Geheul der Zuschauer gab er Gas. Die Schweinemaske mussten sie zurücklassen. Der Mob zündete sie an und sah zu, wie sie knisternd verbrannte.

(235) Auch ich wurde schon verprügelt…

„Auch ich wurde schon verprügelt“, sagte Kringel dem immer noch zitternden Studenten, als er ihn ins Krankenhaus fuhr. „Da war ich nur ein bisschen jünger als Sie. Ich hatte mir damals in den Kopf gesetzt, dieses Wahnsinnsmädchen zu bekommen. Sie mochte Musik. Da dachte ich mir, dass ich es mal als Musiker versuche.

Es kam der Abschlussball und ich war im Organisationskomitee. Ich sagte, dass ich mich darum kümmern würde, eine Live-Band für den Abend zu engagieren. Dafür gab es sogar ein Budget. Ich ging zur Musikschule und suchte mir eine Band zusammen. Schlagzeuger, Gitarre, Bassgitarre. Das war gar kein Problem, es war ja ein bezahlter Gig. Die einzige Position, die ich nicht besetzte, war die des Sängers. Das sollte ich werden. Sie wissen, der Plan, um das Mädchen zu kriegen. Nun ja, ich suchte mir eine Playliste aus und übte die Lieder alleine. Ich fand, dass es gar nicht so schlecht klang.

Auf jeden Fall kam der Abend. Als die Band anfing zu spielen und ich am Mikrofon stand, erzeugte das natürlich sehr viel Aufmerksamkeit. Die Frau meiner Träume stand auch unten und als mein Einsatz kam, sah ich sie an. Mein Gesang schien ihr Schmerzen zu bereiten. Als sie im Zuschauerraum weiter nach hinten ging, sang ich lauter, weil ich sie zurückhalten wollte. Die anderen Zuhörer hatte ich dabei nicht im Sinn, denn auch sie schienen enttäuscht. Allerdings gingen sie nicht weg, sondern fingen an, uns mit leeren Flaschen und Gläsern zu bewerfen. Sogar meine eigene Band ließ mich stehen und verließ die Bühne. Da stand ich also und sang noch ein paar Takte a cappella. Dann haute ich ab. Ein paar Schulkameraden liefen mir nach, darunter auch mein guter Freund Bastian Tusel. Als sie mich erwischten, verprügelten sie mich nach allen Regeln der Kunst. So ein bisschen wie bei Ihnen vorhin.“

Falk Neunkirchen hatte sich wieder etwas gefangen. „Was soll denn die Moral von dieser Geschichte sein?“ – „Das weiß ich auch nicht“, antwortete Kringel. „Vielleicht die hier: wenn man einmal verprügelt wurde, heißt das nicht, dass es das letzte Mal war. Es ist mir später noch einmal passiert. Allerdings waren dabei die Umstände ganz anders. Wollen Sie die Geschichte hören?“ – „Nein, auf keinen Fall. Ich würde lieber mit Ihnen darüber reden, wie viel Sie mir zahlen, damit ich nicht zur Polizei gehe. So wie das hier abgelaufen ist, hätten Sie das schon erwarten müssen.“ Kringel schüttelte ungläubig den Kopf. „Wer hat Sie denn gerettet? Ich hätte ja auch einfach wegfahren können. Hätte ich es nur gemacht, Sie undankbares Aas.“