(206) Am nächsten Tag erreichten sie Porto Cervo kurz nach dem Mittagessen.

Am nächsten Tag erreichten sie Porto Cervo kurz nach dem Mittagessen. Der Skipper steuerte die Maximum in den Hafen direkt am Yacht Club. Sonia merkte, wie Hassan bei der Einfahrt die anderen Yachten aufmerksam musterte. Eine oder zwei waren etwa so groß wie die Maximum, aber keine davon sah moderner aus.

Als sie angelegt hatten, entschuldigte sich Hassan. Er hatte ein Hotel in Porto Cervo gekauft und musste den Umbau überwachen. Sonia sagte, dass sie vielleicht den Spa des Yacht Club nutzen wollte. „Alles, was du willst“, verabschiedete er sich, „der Name Mahmoudi hat hier unbegrenzten Kredit.“.

Als er weg war, ging sie zum ersten Mal allein durch die Räume der Yacht und es fiel ihr auf, dass nirgendwo persönliche Dinge von Hassan herumlagen, standen oder hingen. Immerhin lebte er die ganze Zeit über auf dem Schiff. Die Räume waren alle makellos sauber und aufgeräumt. Als sie nach ihrem Rundgang wieder in den Salon kam, hatte bereits jemand ihre Sonnenbrille, ihre Zigaretten und ihren Schal säuberlich auf einem Silbertablett zusammengelegt. Sie nahm alles an sich und ging an Land.

Der Empfangschef des Yacht Clubs ließ es sich nicht nehmen, sie persönlich zum Spa zu geleiten. Er stellte sie Yvette vor, einer attraktiven Frau, ein paar Jahre älter als Sonia. „Herr Mahmoudi ist sehr großzügig“, sagte Yvette zu Sonia, als die beiden alleine waren. „Das stimmt, er ist ein sehr netter Mensch“, antwortete Sonia. „Er hat mich auch schon einmal auf eine Bootstour mitgenommen.“ Yvette studierte Sonia, als sie dies sagte. Sonia tat so, als ob sie es nicht gehört hatte und blätterte in dem Leistungsangebot des Spa. „Ich könnte Ihnen eine galvanische Hautbehandlung anbieten, das ist gut gegen Fett und Toxine. Oder eine Lymphdrainage. Und, wenn es Sie interessiert: ich habe eine Ausbildung zur Botox-Behandlerin. Ich kann Sie gleich hier behandeln.“ Sonia war die Lust auf die Spa-Behandlung vergangen. Yvette fügte leise hinzu: „Hassan ist sehr hautfixiert. Ich weiß nicht, ob Ihnen das schon aufgefallen ist.“ Sonia bedankte sich und sagte, sie wolle zunächst an den Pool, vielleicht später.

Am Pool blieb sie aber nicht lange, denn es war ungewohnt für sie, untätig herum zu sitzen. Leider hatte sie vergessen, ein Buch mitzubringen und Bücher gab es auf der Maximum nicht. Sie stand auf und ging wieder in das Gebäude, diesmal zur Club-Bar. Sie bestellte einen Cocktail bei dem jungen Barkeeper mit den strahlend-weißen Zähnen. Es war zwar erst vier Uhr, aber sie hatte es sich verdient. Außer ihr war nur ein lauter deutscher Geschäftsmann mit zwei anderen Deutschen in der Bar.

(207) Tilo Schellenberger bestellte noch einen Cognac.

Tilo Schellenberger bestellte noch einen Cognac. Die beiden Schluffis, an deren Tisch er sich eingeladen hatte, blieben bei Kaffee. „Wir hatten das Gebiet schon mehrfach mit dem Echolot abgegrast. Aber dann sahen wir einen Schatten. ‚120 Meter Tiefe‘, sagte der Ingenieur. Ich: ‘Das schau ich mir an.‘ Ich war diesem verdammten U-Boot schon seit Jahren auf der Spur. Die verschollene U-455.“ Die Schluffis nickten. Schellenberger trank den Cognac auf Ex und sog an seiner Davidoff.

„Ich steige also in den Tauchanzug und lege den Rebreather an. Währenddessen setzt die Mannschaft zwei Bojen mit Grundgewichten aus. 70 Meter auseinander – so lange ist das U-Boot! Ich spring ins Wasser, greif mir die Leine an einer der Bojen und dann geht es hinunter. 120 Meter. Die Sicht ist halbwegs gut, aber es gibt eine verdammt starke Strömung. Zwei Leute kommen mit mir runter, einer mit Kamera. Das werden tolle Bilder, sag ich Euch. Und dann bin ich unten, stehe am Bug. Es ist ein U-Boot und es hat ganz klar die Form eines Typs VII C. Es ist natürlich alles mit Muscheln bewachsen. Langusten laufen auf der Außenhaut rum. Mein Herz klopft wie wild. Es muss die 455 sein, alles andere wäre undenkbar. Wir schwimmen einmal um das Wrack herum. Es scheint völlig intakt. Bloß an der Heckseite ist ein Loch. Ich tippe auf eine Seemine, bin aber natürlich kein Experte. Es ist ein Wahnsinnsgefühl, das Boot zu berühren. Aber natürlich auch ein Moment großen Respekts, denn da drin liegen immerhin 50 tote Seeleute, das darf man nicht vergessen.

Wir schwimmen jetzt noch mal drüber und schauen uns den Turm genauer an. Man sieht noch Reste von den Teakholzauflagen. Die Außenhaut ist hier noch völlig dicht. Die sind gesunken wie ein Stein. Was für ein Scheißtod. Da war noch kein anderer Taucher am Wrack, ich bin der Entdecker. Die U455 ist nicht mehr verschollen. Was für ein Gefühl.

Aber jetzt, der Lackmustest. An der Vorderseite des Turms gab es bei der 455 eine aufgemalte Zeichnung. Ein schnaubender Stier. Das nennt man Maling. Ganz einfach mit weißer Farbe drauf. Da machten sich die Mannschaften eine Freude damit. Hatten ja sonst nicht viel Erfreuliches. Wir rubbeln den Benthos von der Stahlwand. Und dann kommt er zum Vorschein, der schnaubende Stier. Es ist die 455. Ich hätte vor Freude aus dem Tauchanzug springen können. Wollte gar nicht mehr hoch, obwohl die Strömung mächtig an uns zerrte. Das war kein Tauchgang für Weicheier, sage ich Euch. Dann sind wir aber wieder nach oben. Es war ein toller Moment.“ Schellenberger paffte an seiner Zigarre und starrte auf die Horizontlinie draußen.

(208) ‚Willkommen in der Provinz‘, dachte Schellenberger als er aus dem 911er stieg…

‚Willkommen in der Provinz‘, dachte Schellenberger als er aus dem 911er stieg und in das Hauptgebäude der Schellenberger Drucklufttechnik GmbH hineinging. Er war der letzte Schellenberger, der noch hier arbeitete, die anderen warteten nur noch auf die Ausschüttungen. Er ließ die Begrüßungen von allen, die ihm über den Weg liefen, huldvoll über sich ergehen. Frau Giesmann brachte ihm erst einmal einen Espresso und die Terminliste. Die übliche Abfolge von Terminen mit Angestellten, die ihren Job nicht alleine erledigen konnten und seine Meinung brauchten.

Schellenberger öffnete den Aktenkoffer und nahm Fotos von dem Tauchgang zur 455 heraus. Es klopfte. Arnulf Gutzeit, der COO trat herein, gefolgt von Hermann Pieper, dem CFO. Schellenberger zeigte die Fotos herum und erzählte die verkürzte Story des Tauchgangs. Gutzeit und Pieper konnten es eh‘ nicht würdigen. Machten aber gute Miene dazu. Waren ja auch beachtliche Aufnahmen. Er musste Frau Gieswein noch daran erinnern, den Kontakt zu diesem Journalisten aus dem Geschichtsmagazin auszugraben.

„Was gibt es denn Neues hier, meine Herren?“, fragte Schellenberger schließlich. Er registrierte einen nervösen Blick von Pieper auf Gutzeit, der sich räusperte. „Soweit ist alles im Lot. Bei den Umsätzen im Plan und bei den Kosten haben wir sogar mehr erreicht als erwartet.“ – „Das ist ja erfreulich, meine Herren. Gut gemacht.“ – „Oh ja. Es gibt eine kleinere Sache. Das hat mit den neuen Kompressoren zu tun, dem ShellMaster 353. Es gab Reklamationen, mehrere Totalausfälle. Wir werden das genauer überprüfen müssen…“ – „Ja, das sollten Sie mal machen, Herr Gutzeit. Das ist ja schließlich Ihr Job, nicht wahr?“ – „Natürlich, Herr Schellenberger. Wir tappen zwar momentan noch etwas im Dunkeln. Aber es wird uns bestimmt etwas einfallen.“ – „Sehr gut“, brummelte Schellenberger und ging ins Sekretariat. „Haben Sie die Flugtickets für meine Lustreise morgen?“ – „Wenn Sie die Reise zu der Bischofsweihe Ihres Bruders meinen, dann ja.“, antwortete Frau Giesmann. „Perfekt. Gibt es sonst noch etwas, was ich hier tun muss? Sonst würde ich heute früher gehen.“ – „Es ist alles im Griff, Herr Schellenberger. Ich schicke Ihnen alles wie gehabt auf Ihr Iphone. Ich hoffe, es wird morgen ein schönes Fest.“ – „Ach ja. Es wird bestimmt sehr lustig, mit all diesen angegrauten Herren im Spitzenfummel.“ Schellenberger ging zurück in sein Büro und wunderte sich, dass Gutzeit und Piper immer noch diskutierend am Besprechungstisch saßen.

(209) Die ganze Bagage saß in den vordersten Kirchenbänken: Onkel, Tanten, Schwestern, Neffen, Vettern und Cousinen.

Die ganze Bagage saß in den vordersten Kirchenbänken: Onkel, Tanten, Schwestern, Neffen, Vettern und Cousinen. Die Couponschneiderbande. Alwin stand natürlich im Mittelpunkt. Es war sein Tag. Zuerst lag er längere Zeit mit dem Gesicht nach unten vor dem Altar. Das erinnerte Tilo daran, dass er seinen Bruder früher immer wieder gerne niedergerungen hatte, bis Alwin um Gnade betteln musste. War eine gute Vorbereitung auf seinen Beruf, fand Tilo. Dann durfte sich Alwin endlich aufrichten. Ein bisschen steif der Gute, die Bandscheiben sind nicht mehr die besten. Ein wenig Schwimmen würde ihm guttun.

Alwin kniete nieder. Nacheinander traten die drei Bischöfe mit ihren Nikolausmützen vor ihn und legten ihm die Hände auf den Kopf, als wollten sie seine Gedanken lesen. Das hätte er auch mit Gutzeit und Pieper machen sollen. Jetzt hielten sie ein Buch über Alwins Kopf, als wollten sie ihn davor schützen, dass noch mehr Leute an seinen Kopf greifen. Dann gab es Geschenke. Zuerst bekam Alwin den Bischofsring übergestreift. Alwin, der Bischof. Alles, aber das hätte er nicht erwartet. Obwohl es ja ein bisschen wie bei den Pfadfindern aussah, nur mit älteren Knaben. Und bei den Pfadfindern hatte Alwin sich ja immer wohlgefühlt. Dann ein Brustkreuz, das man ihm um den Hals hing. Schließlich der Nikolaushut. Klar, andersherum wäre schwierig. Gute Prozesskontrolle. In Jahrtausenden eingeschliffen. Jetzt sah er selbst aus wie der Nikolaus. Noch der Stab, ja. Ein Hirtenstab aus Gold und Silber für den neuen Bischof Alwin I., der sich jetzt zu seiner Gemeinde umdrehte und alle segnete.

Tilo hatte den Eindruck, als ob er ihn ganz besonders angeschaut hätte. Aber was soll’s, für Tilo war es immer noch der kleine Alwin, so unbeholfen in vielem. Besonders wenn es um Mädchen ging. Ob er immer noch Frau Schäfer als Haushälterin hatte? Bestimmt, wo soll sie sonst auch hin, der giftige Drachen. Dann entdeckte er sie auch in einer der mittleren Reihen. Tilo hatte sich schon immer gefragt, wie Alwin das so mit seinen sexuellen Bedürfnissen machte. Er war ja auch nur ein Mann. Ob er immer nur Handbetrieb machte. Frau Schäfer würde ihm bestimmt nicht dabei helfen. Obwohl, auch sie hatte bestimmt Bedürfnisse, die sie nirgendwo befriedigt bekam. Eigentlich ein gutes Arrangement, die beiden.

Jetzt wurde noch gesungen. Tilo schaute auf die Uhr. Schon zweieinhalb Stunden dauerte die Veranstaltung. Bei dem anschließenden Empfang würde er sich bald verabschieden. Er hatte guten Willen bewiesen, war dagewesen. Damit war auch gut. Irgendein Familienmitglied würde ihn bestimmt noch mit Fragen zur Firma löchern.

(210) Ich muss mich noch daran gewöhnen, Sie müssen das verzeihen.

„Ich muss mich noch daran gewöhnen, Sie müssen das verzeihen. ‚Hochwürden‘ ist mir halt geläufiger als ‚Exzellenz‘.“ Frau Schäfer schenkte Alwin Schellenberger Kaffee ein. Er las in der Zeitung die Berichte seiner Weihe. „Der Mann hinter dem Titel ist aber derselbe geblieben, Frau Schäfer.“ – „Dem Herrn sei Dank“, antwortete Frau Schäfer und setzte sich auch an den Frühstückstisch. „Was schreibt die Zeitung?“ – „Netter Artikel. Sie schreiben ‚Bewegende Momente… tief-berührende Gesten… große Spiritualität usw.“ – „Und das war es auch wirklich, Euer Exzellenz. Da, jetzt habe ich daran gedacht.“ Sie schmierte sich ein Butterbrot. „Was ich nicht verstehe ist, dass Ihr Bruder Tilo schon so schnell weg musste. Direkt nach dem Gottesdienst.“ – „Sie haben recht, das sah etwas seltsam aus. Tilo ist nicht an Konventionen gebunden. Deshalb scheinen seine Handlungen manchmal etwas befremdlich. Aber, wenn Gott ihn nicht verändert, dann werden wir es auch nicht mehr schaffen.“

„Was ändert sich denn jetzt für uns? Ich meine wegen der Bischofsweihe?“ Schellenberger sah von der Zeitung auf. „Eigentlich gar nichts, Frau Schäfer. Ich werde wahrscheinlich etwas öfters unterwegs sein im Bistum. Aber ansonsten bleibt alles beim Alten. Vielleicht öfters Gäste zum Essen hier.“ – „Oh, das klingt ja ganz anstrengend. Ich weiß nicht, ob ich noch für so viele Leute kochen kann.“ – „Da machen Sie sich keine Gedanken. Dafür werden wir einen Cateringdienst in Anspruch nehmen. Mit dem Amt kommt glücklicherweise auch ein höherer Auslagensatz.“ – „Da fällt mir ein, wir müssen ja noch ihre Garderobe neu kaufen, sonst müssen Sie immer die gleiche Kleidung tragen und den Waschtag im Bett verbringen.“ – „Das geht natürlich gar nicht. Ich habe mir gedacht, mal nach Rom zu diesem Laden zu fahren, Gammarelli. Die schneidern sogar für den Papst. Aber auch für ganz normale Priester“, fügte er eilig hinzu. „Italienische Eleganz würde Ihnen bestimmt gut stehen.“ – „Das Problem ist nur, dass ich mich bei so etwas immer schlecht entscheiden kann und nachher bestimmt mit den falschen Sachen in unmöglichen Größen herauskomme. Würden Sie, liebe Frau Schäfer, mit mir nach Rom fahren, um mir bei der Auswahl zu helfen?“ Frau Schäfer verschluckte sich fast an ihrem Marmeladenbrot. „Ich… nach Rom… einkaufen“, stotterte sie. „Das wäre wunderbar. Ich war in meinem Leben noch nicht in Rom. Den Petersdom besichtigen, die Sixtinische Kapelle…“ – „Und mit mir zu Gammarelli gehen.“

 

(211) Hochwürden? Sie erinnern sich an die Familie, wegen der Sie mich Anfang der Woche anriefen?

„Hochwürden? Sie erinnern sich an die Familie, wegen der Sie mich Anfang der Woche anriefen? Genau, die Heinrichs.“ Gisela Drescher war außer sich. Schellenberger setzte sich an den Schreibtisch. Der Beginn des Telefonats ließ auf ein längeres Gespräch schließen. „Sie kamen noch am gleichen Tag: Vater, Mutter und Baby Heinrichs. Ich zeigte ihnen selbst die beiden Räume, die ihnen zustanden.“

Eine eifrige Kirchgängerin hatte Schellenberger auf die Heinrichs aufmerksam gemacht. Ihre Wohnung war zwangsgeräumt worden und sie waren obdachlos. Sie hatten ihm leidgetan und deshalb hatte er bei Frau Drescher angerufen. Sie leitete die VaterMutterKind-Einrichtung und bat ihn, die Familie zu ihr zu schicken.

„Ich bin ja vieles gewöhnt, aber die Heinrichs sind das Letzte.“ Schellenberger erreichte, dass Frau Drescher sich beruhigte und ihm die Geschichte erzählte.

Herr Heinrich war tagsüber unterwegs, allerdings nicht um Arbeit zu suchen, wie seine Frau bestätigte. Sie selbst verbrachte den ganzen Tag rauchend im Bett und beschäftigte sich mit Videospielen. Das Baby war auf sich selbst gestellt. Abends kam Herr Heinrich zurück und war betrunken. Zuerst stritt er sich mit seiner Frau, dann mit den Nachbarn. Schließlich mit Frau Drescher. Trotz ihrer Erfahrung mit heiklen Familien konnte sie es nicht vermeiden, dass eine derbe Schlägerei ausbrach. Der Flur, das Gemeinschaftszimmer und ein Teil der Küche wurden verwüstet. Eine Glaswand zum Eingangsbereich war gesplittert und die Scharnierbeschläge der Haustür waren kaputt. Die Polizei war dagewesen und hatte drei der Väter in Gewahrsam genommen. Der Notarzt hatte sich um die Verletzten gekümmert. Frau Drescher, obwohl selbst verstört, kümmerte sich um die anderen, teil traumatisierten Bewohner der Einrichtung.

„Ein Schlachtfeld haben die hinterlassen. Und das alles war die Schuld der Heinrichs. Ich wollte Sie gestern bei der Weihe nicht stören, Hochwürden. Sie haben sich wahrscheinlich gewundert, warum ich nicht gekommen bin. Nun, es hatte nichts mit mir zu tun. Das waren Tiere. Besonders dieser Heinrich. Der hat das Schlechte in den anderen herausgeholt. Sodom und Gomorrha, Hochwürden!“ Schellenberger trommelte ungeduldig mit den Fingerspitzen auf der Tischplatte. „Das ist ja unfassbar, Frau Drescher. Es zeigt mir, dass man die großartige Arbeit, die Sie leisten, nicht hoch genug loben kann. Ein Gutes hat die Sache: ich kann mir niemand vorstellen, der dieses Chaos besser wieder in den Griff bekommt als Sie. Gott möge Ihnen zur Seite stehen und Kraft geben. Meine Gedanken sind bei Ihnen. Ich wünsche Ihnen ein gutes Händchen dabei. Leider habe ich jetzt gleich den nächsten Termin. Die Hektik des Bischofslebens, Sie verstehen. Auf Wiederhören, Frau Drescher.“

(212) Bischof Schellenberger drehte die Karte seines Besuchers mehrmals um.

Bischof Schellenberger drehte die Karte seines Besuchers mehrmals um. Es stand bloß ein Name darauf ‚Stefan Freese‘. „Wie kann ich Ihnen helfen, Herr Freese?“ Sein Besucher trug einen eleganten Anzug, hatte kurzgeschnittene blonde Haare und eine große Ruhe strahlte von ihm aus.

„Die Frage darf ich Ihnen stellen, Exzellenz.“ Freese wartete einen Augenblick, um bei Schellenberger die Spannung steigen zu lassen. Dann erklärte er ihm, dass er für den Verein der Bischöfe arbeitete, von dem Schellenberger noch nie etwas gehört hatte. „Und doch gibt es ihn. Schauen Sie, es ist wie in der Wirtschaft: Führungskräfte müssen inzentiviert werden. Das weiß die Kirche bereits seit Jahrhunderten. Ihre Kollegen haben sich vor sehr langer Zeit einen Verein gegeben, mit dem viele Bedürfnisse diskret, aber umso effizienter erfüllt werden können. Eine Art Kooperative. Und ich nehme praktisch die Bestellungen auf.“ Schellenberger schien immer noch nicht zu verstehen. „Sie sind jetzt nicht mehr nur Hochwürden, sondern Sie sind Exzellenz. Da gibt es Vorteile. Einen Katalog habe ich nicht, Sie müssen nur sagen, wonach Ihnen ist. Mögen Sie Männer oder Frauen? Dieses Thema steht berufsbedingt immer sehr stark im Vordergrund. Glauben Sie mir: Sie können viel freier Bischof sein, wenn Sie nicht ständig daran denken, was Ihnen offiziell verwehrt ist.“

Schellenberger war sprachlos, aber man sah, dass es in seinem Kopf arbeitete. „Natürlich könnten Sie Kollegen anrufen, es sind allerdings nicht alle in unserem Verein. Und ich werde keine Namen verraten: weder Ihren, noch den von Kollegen von Ihnen. Ich bin sehr diskret. Also, was sagen Sie? Lieber Männer oder Frauen? Wir können es Ihnen auch einrichten, dass Sie abseits vom Diözesansitz eine zweite Familie aufbauen, völlig unter Ausschluss der Schäfchen in diesem Bistum. Es sei denn, Sie haben Ihr Glück bereits hier in diesen vier Wänden gefunden. Frau Schäfer schien mir eine sehr angenehme Person zu sein.“ – „Auf keinen Fall“, entgegnete ihm Schellenberger, „Sie haben ja keine Ahnung. Gerade Frau Schäfer sorgt dafür, dass ich auf dem Pfad der Tugend bleibe.“

Freese war erleichtert. Für einen Moment hatte er gedacht, dass der Bischof ein ausgemachter Lebensfeind sein könnte. Er war bloß vorsichtig. Freese legte sein Notizheft auf den Tisch und skizzierte für Schellenberger, wie der Verein organisiert war und wie er funktionierte. Schellenberger stellte gute Fragen, insbesondere natürlich, wie die Organisation finanziert wurde. „Der Verein hat über die Jahrhunderte ein großes Vermögen angesammelt. Ich bin nur ein zeitweiliger Verwalter dieser Gelder. Schon seit undenklicher Zeit lebt der Verein nur von den Zinsen, ohne das Vermögen jemals anzufassen.

(213) Menschen sind sehr einfach zu verstehen.

„Menschen sind sehr einfach zu verstehen. Rationale Entscheidungen gibt es nicht. Es sind die Gefühle, die alles bestimmen. Die Vernunft wird eingesetzt, um einmal getroffene Entscheidungen zu verbrämen, sie zu begründen. Mehr nicht.“

Freese schaltete das Diktiergerät ab und legte es auf die Mittelkonsole seines Dienstwagens. Auf seinen langen Autofahrten führte er gerne Selbstgespräche zu Themen, die ihm am Herzen lagen. Seit einiger Zeit zeichnete er die Gespräche auf, denn er glaubte, dass sie eine gewisse Allgemeingültigkeit hatten. Vielleicht würde er diese gesammelten Gedanken irgendwann in Form einer Aphorismensammlung veröffentlichen. Bis dahin war es nur eine Beschäftigung, um die Zeit zwischen den Kundenterminen zu überbrücken.

„Die Grundgefühle sind Freude, Ärger, Liebe, Angst, Trauer und Gier. Mit diesem Baukasten kann man das Verhalten der meisten Menschen erklären. Und wenn man es erklären kann, kann man es auch vorhersagen. Und wenn man es vorhersagen kann, kann man es auch beeinflussen. Es gilt, auf die kleinen Veränderungen zu achten.“

Freese dachte zurück an das Gespräch mit Schellenberger. Zuerst hatte der Bischof Angst verspürt. Er sah Freese vor sich im Besucherstuhl sitzen und wusste nicht, was sein Besucher überhaupt wollte. Als Freese erklärt hatte, was seine Funktion war, wurde Schellenbergers Angst noch größer, denn es bestand die Möglichkeit, dass das Treffen nur eine Falle war. Als ob man testen wollte, wie er reagierte. Durch Zureden hatte sich Schellenberger entspannt und Freese stückweise vertraut. Zu Hilfe kam ihm dabei, dass er erkannte, welche Vorteile dieses Vertrauen für ihn haben könnte. Es war so, als ob er sich in kleinen Schritten in Freese verliebte. Er fühlte sich von Freese beschützt, was dieser natürlich beabsichtigte. Wie ein Spinnenweibchen, das dem Männchen eine Art Duldsamkeitsserum einspritzt, bevor es den Partner verspeist.

Paradoxerweise stieg mit dem Vertrauen aber auch die Gier. Die in Aussicht gestellten Vorteile waren bereits groß, aber Schellenberger, wie auch fast alle anderen, stellten sich immer gleich die nächste Stufe vor. Ihre Wünsche nahmen seltsame Formen an.

Aber Freese kannte diese Entwicklung. Die Gefälligkeiten, die er den Bischöfen gewährte, entfachten neues Feuer. Sie stellten sich vor, was die anderen bekamen und wollten es ihnen gleichtun. Sie schaukelten sich hoch. So auch Schellenberger.

Den Verein der Bischöfe gab es wirklich. Allerdings waren die Vorzeichen andere. Nach den ersten Bestellungen hatte Freese genug Erpressungsmaterial in der Hand, um künftig Geld von den Bischöfen zu kassieren.

(214) Freese hatte gerade „Und deshalb hängt das Einfühlungsvermögen von den Umständen ab.“ gesagt…

Freese hatte gerade „Und deshalb hängt das Einfühlungsvermögen von den Umständen ab.“ gesagt, da fiel ihm das Diktiergerät auf die Füße. Reflexartig bückte er sich danach und übersah die Kurve. Der Wagen schoss über den leichten Hang hinüber, überschlug sich und blieb auf dem Dach liegen wie ein toter Käfer.

Freese war aber nicht tot und als er wieder zu sich kam, sah er eine Zimmerdecke, auf der die Feuchtigkeit Muster in den Gips gemalt hatte. Längere Zeit verfolgte er das Muster der sich überlappenden Flecken. Schmerzen hatte er keine, auch Verletzungen konnte er nicht feststellen. Er erinnerte sich, wie er sich bückte und dass sein Auto zu fliegen schien, als er sich wieder aufrichtete.

Er lag jetzt in einem Bett. Die Bettwäsche sah fleckig aus. Der Bettrahmen war rostig und schien aus Wasserleitungsrohren gebaut zu sein. Die Wände waren schmutzig, das Fenster verdreckt.

Dann öffnete sich die Tür, deren unteres Ende gesplittert war, und eine Krankenschwester kam herein. Die Ärmel ihrer Uniform wiesen Spuren aller Körpersekrete auf. Als sie sah, dass er wach war, ging sie wieder hinaus, ignorierte Freeses Fragen. Dann war es wieder still.

Freese wollte aufstehen, fühlte sich aber wacklig auf den Beinen und legte sich wieder hin. Dann öffnete sich die Tür erneut und ein Mann in strahlend weißem Kittel kam herein. „Ich bin Professor Trautwein Knebel“, stellte er sich vor. „Sie befinden sich im älteren Teil unseres Krankenhauses.“ – „Ich bin privatversichert“, entgegnete Freese.

„In den neuen Teil unseres Krankenhauses kommen leider nur Selbstzahler. Sie könnten übrigens eine innere Hirnverletzung haben, aber das können wir in diesem Trakt bedauerlicherweise nicht feststellen.“ Prof. Knebel vermied es irgendetwas anzufassen oder sich auf das Bett zu setzen. Immer wieder starrte er auf einen dunklen Fleck auf dem Linoleumboden. Einmal rubbelte er mit der Schuhspitze darüber, ließ es aber gleich wieder sein, als der Fleck sich in kleinen Würstchen abpellte.

„Helfen Sie mir!“ – „Dazu sind wir da, Herr Freese. Wir haben bereits die Bonität Ihrer Kreditkarte überprüft. Eine Unterschrift von Ihnen und wir können Sie in unseren Neubau verlegen. Dort haben wir ganz fantastische Maschinen. Sonst werden wir uns längere Zeit nicht sehen, denn ich komme nur selten in diesen Teil des Krankenhauses.“ Freese glaubte Kopfschmerzen zu haben. „Ich unterschreibe alles.“ – „Sehr schön, Herr Freese. Betrachten Sie sich ab jetzt als ein Patient auf dem Weg zur Besserung.“

In seiner Freude hätte Prof. Knebel seinem Patienten fast die Hand gereicht, er konnte sich aber im letzten Augenblick zurück halten und winkte ihm nur etwas linkisch zu, als er das Zimmer verließ.

(215) Prof. Knebel schaute die Behandlungsakte durch und lächelte.

Prof. Knebel schaute die Behandlungsakte durch und lächelte. „Ich glaube, Herr Freese, dass es eine gute Entscheidung von Ihnen war, in den Neubau zu wechseln. Hier konnten wir Ihnen wirklich helfen. Es ist zwar, ich gebe es zu, sehr teuer. Aber irgendwie müssen wir die Leasingraten für unsere Maschinen ja bezahlen, nicht wahr.“

Freese saß vor ihm und schaute auf eines der vielen Fotos an der Wand hinter dem Professor. Er deutete mit dem rechten Zeigefinger darauf: „Ist das nicht der Politiker Ewert?“ Prof. Knebel drehte sich um.

„Aber ja, Konrad Ewert, mein Taufpate. Daneben ich als junger Student.“ – „Das war bestimmt hilfreich für Ihre Arztkarriere, oder?“ – „Nein, im Gegenteil“, antwortete Prof. Knebel. „Sie haben ja keine Idee, Herr Freese, wie sehr das mein Leben durcheinander gebracht hat. Nichts gegen Konrad, er ist ein guter Mensch. Aber das war nicht hilfreich für mich. Natürlich standen mir dadurch nach dem Studium alle Türen offen. Ich hätte bereits nach ein paar Jahren eine Professur haben können. Aber, ich wollte meinen eigenen Weg gehen, ohne Konrads Unterstützung. Kommilitonen von mir eröffneten eine kleine Praxis oder blieben am Krankenhaus. Nur ich musste es mir selbst beweisen. Ich ging in eine Großstadt und arbeitete als Hausarzt für die Unterschicht. Sie können sich ja keine Vorstellung davon machen, wie das ist. Die geistige Trägheit, der abgestumpfte Blick und die üblen Gerüche – das ist unvorstellbar. Und ich war mittendrin, als kleiner Hausarzt.“

Freese wand ein, dass das doch eine noble Geste war und ein glücklicher Meilenstein in seinem Lebenslauf, im Nachhinein. „Nein, Herr Freese. Das stellen Sie sich so vor. So war es aber nicht.“ Knebel zündete sich eine Zigarette an. „Es stört Sie doch nicht, wenn ich rauche? Ich habe den Eindruck, meine Patienten zahlen meine Rechnungen mit weniger Widerwillen, wenn Sie wissen, dass ich die Früchte meines Erfolgs nicht so lange genießen kann. Als Arzt kann ich Ihnen natürlich keine Zigarette anbieten und muss Sie auf die schädliche Wirkung von Passivrauchen hinweisen.“

Knebel öffnete ein Fenster.

„Die Zeit, die ich in der Unterschicht verbrachte und mich kasteite, hätte ich hier sehr viel besser nutzen können. Ich hätte forschen sollen, irgendwelche Heilungsmethoden entdecken. Anstatt den guten Menschen aus Lambarene zu markieren. Aber das war alles nur, weil Konrad Ewert mir alle Wege ebnen wollte.“ – „Aber Sie haben doch nun ein sehr erträgliches Auskommen gefunden, Herr Professor.“ – „Das glauben Sie, mein lieber Freese. Aber ich kann Ihnen sagen: wenn Sie hier die Leasingraten für den Maschinenpark abziehen, bleibt nicht besonders viel übrig. Es ist ein Leben am finanziellen Abgrund.“