(196) Leo landete in Madrid um 7 Uhr früh.

Leo landete in Madrid um 7 Uhr früh. Es war Sonntag und die Straßen waren leer, als er ein Taxi zu seinem Hotel in der Innenstadt nahm. Er hatte kaum im Flugzeug geschlafen und legte sich aufs Bett. Als er aufwachte, war es bereits Nachmittag. Er aß ein paar Tapas im Hotelrestaurant und wollte dann die Stadt erkunden, denn er war vorher noch nie in Madrid gewesen. Er fragte den Concierge, was er ihm raten würde. Der Concierge hob seine Schreibunterlage hoch, griff darunter und hielt ihm ein Ticket hin. „Es ist das letzte, das ich habe und es fängt gleich an. Halber Preis? Sie können nicht Madrid besuchen, ohne einen Stierkampf gesehen zu haben!“

30 Minuten später saß Leo auf einer Steinstufe in der Las Ventas Stierkampfarena. Ein alter Mann neben ihm bemerkte, dass Leo keine Ahnung vom Ablauf des Rituals hatte. „Paco Moreno“, stellte er sich vor. „Es gibt heute sechs Stiere und drei Matadore.“ Paco gab Leo ein braunes Kissen, das er unter sich schieben konnte.

Der erste Stier stob in die Arena. „Olé“, schrie die Zuschauermenge, wie aus einer Kehle. „Manchego, so heißt der Stier“, sagte Paco. Der Matador und seine zwei Assistenten testeten den Stier, um ihn zu lesen, wie Paco es nannte. Zuerst nur die Assistenten. Dann arbeitete der Matador selbst mit dem Stier. Leo fand, dass es aussah, als ob der Matador mit dem Stier tanzte. Die Bewegungen des Mannes in seinem mit Gold bestickten Jäckchen hatten etwas Ballettartiges. Der Eindruck wurde noch verstärkt, weil der Matador dünne Lederschläppchen trug. Leo nickte Paco anerkennend zu, das gefiel ihm.

Dann fing die Band an zu spielen. Zwei Reiter auf gepolsterten Pferden hielten Einzug in der Arena und näherten sich dem Stier. Die schweren Männer auf den klapprigen Pferden hielten lange Lanzen unter dem rechten Arm. Manchego lief auf einen davon zu und nur die Polsterung hinderte ihn daran, dem Pferd seine Hörner in den Bauch zu rammen. Leo hatte sich zuerst gewundert, dass die Pferde das rechte Auge verdeckt hatten. Jetzt begriff er: es war damit sie keine Panik bekamen, der Stier würde immer von rechts kommen. Der Reiter stieß seine Lanze in den Nacken des Stieres, mehrfach bis Blut austrat. „Das ist wichtig, damit der Stier den Kopf senkt“, erklärte Paco. Leo sah angeekelt zu, wie der Stier abwechselnd von den beiden Reitern mit ihren Lanzen traktiert wurde. Der Rücken des Tiers war rot und nass von Blut.

Leo wurde übel. Er stand auf und drängelte sich durch die Sitzreihe hinaus. Als er den Ausgang erreichte, ertönte ein Trompetensignal, als ob man sein Weggehen anzeigen wollte.

(197) Als der sechste Stier mit einem Degen im Nacken im Sand lag, stand auch Paco auf und ging pinkeln.

Als der sechste Stier mit einem Degen im Nacken im Sand lag, stand auch Paco auf und ging pinkeln. Dann verließ er Las Ventas und steuerte eine Metzgerei in der Nähe an. Ricardo Delgado, der Metzger, war gerade dabei, seine Messer zu wetzen, als Paco eintrat.

„Wie waren die Stiere?“, fragte Ricardo. „Für heutige Verhältnisse war es ganz in Ordnung“, antwortete Paco. „Aber die jungen Matadore glauben, dass sie Showstars sind. Du hast den Eindruck, dass sie bei jeder Figur überlegen, wie das Publikum reagieren wird. Und diese Inflation von Trophäen. Heutzutage wollen diese Leute einen Schwanz, wofür sie vor Jahren nicht mal ein Ohr bekommen hätten.“ – „Wenn ich mit dem vergleiche, was du sonst sagst, scheint es dir ja gut gefallen zu haben.“ – „Du hast recht, Ricardo. Manchmal bin ich ungerecht, wenn ich mich daran erinnere, wie man es damals mit mir gemacht hat. Ich wäre ein guter Matador geworden.“

Ricardo legte das Messer weg und beugte sich zu Paco über die Theke. „Du hast dein Leben gelebt. Du brauchst dich vor keinem zu entschuldigen.“ Paco gab sich einen Ruck. „Du hast Recht, ich beklage mich nicht. Was anderes. Kann ich schon mal ein Stück von Manchego bekommen?“ – „War er gut?“ – „Er war hervorragend. Mit einem Mut von zwei Bären hat er gekämpft. Ich hätte gehofft, dass er begnadigt wird.“ – „Wir haben Manchego bereits zerlegt. Welches Teil magst du?“ – „Gib mir ein Sirloin-Steak davon.“

Während Ricardo in den hinteren Raum trat, um das Fleisch aus der Kühlkammer zu holen, kroch sein kleiner Sohn Alejandro auf allen Vieren in den Laden. Als er sich an der Theke aufrichtete sah man, dass sein Einteiler vorne komplett mit Blut befleckt war. Zugleich ging die Tür zur Straße auf und ein junger Hilfskoch kam in den Laden. Paco grüßte Enrique Flores, den er bereits von vielen Besuchen kannte. Enrique war der Patensohn von Ricardo.

„Na, Alejandro, hast du wieder mit toten Tieren gespielt?“, fragte Enrique. Da kam auch schon Ricardo mit einem Päckchen in der Hand zurück. Er überreichte es Paco und sagte „Zahl mich nächstes Mal.“ Er grüßte Enrique und fragte, was er brauche. „Morgen Abend will der Chef mal wieder Rabo de Toro auf das Menü schreiben. Was hast du?“ – „Wenn du Zeit hast, kann ich dir vier Schwänze mitgeben. Fertig habe ich jetzt nur zwei.“ Enrique nickte: „Das reicht. Ich nehme die zwei.“ Paco schüttelte den Kopf und scherzte: „Wie er das so sagt. Ich hätte meinen Arm für ein Ohr gegeben. Und Enrique hier findet, dass zwei Schwänze ihm reichen. In was für einer Welt leben wir?“

(198) Heute Abend kann ich Ihnen eine Delikatesse empfehlen: Rabo de Toro!

„Heute Abend kann ich Ihnen eine Delikatesse empfehlen: Rabo de Toro!“ Mit blitzenden Augen schaute der Oberkellner auf das junge Paar herab. Dina Kaiser und Nils Steinkamp kannten sich seit drei Jahren, lebten seit einem Jahr zusammen, es war ihr dritter gemeinsamer Urlaub und vielleicht würden sie bald heiraten. Allerdings hatte Dina Nils noch nicht ihrer Familie vorgestellt.

„Was ist das?“, fragte Nils. „Das ist Stierschwanzragout in Rotwein geschmort. Aber nicht irgendein Stierschwanz. Gestern hing er noch an einem stattlichen, kraftstrotzenden Kampfstier. Das haben wir nicht oft hier im Restaurant.“ Dina verzog den Mund. „Ich glaub‘, das ist nichts für mich. Ich nehme das Huhn in Mandelsauce.“ Nils rang kurz mit sich und sagte: „Ich probiere den Rabo de Toro!“

Als der Oberkellner weg war, fügte er hinzu: „Vielleicht werde ich ja damit zum Minotaurus.“ Dabei setzte er seine Zeigefinger als Hörner auf die Stirn, senkte den Kopf und kitzelte Dina damit an der Seite. Kichernd schützte sie sich mit den Ellenbogen. „Wenn du schon so gut drauf bist, könnten wir nachher vielleicht tanzen gehen. Der Concierge hat mir ein Lokal empfohlen.“ Nils‘ Eifer kühlte sofort ab. „Das kann ich jetzt noch nicht sagen. Wer weiß, was der Rabo noch mit mir macht. Ich sage nur: Stier…!“

Als die Hauptgerichte kamen, sah das Stierschwanzragout recht unspektakulär aus. Nils schnitt ein Stück Fleisch ab und steckte es in den Mund. Dina beobachtete ihn gespannt. „Es ist bitter“, sagte Nils mit vollem Mund. Dina probierte auch, dann rief Nils den Oberkellner. „Schmeckt es Ihnen?“ – „Nun, das Fleisch schmeckt etwas bitter…“ Der Oberkellner knipste wieder sein Augenfunkeln an. „Das muss so sein. Das ist das Adrenalin des Tieres. Sie schmecken darin den heldenhaften Kampf des edlen Tieres, bis zum bitteren Ende, sehen Sie! Ohne Adrenalin wäre es kein Rabo de Toro, sondern nur ein gemeiner Ochsenschwanz.“ Nils bedankte sich für die Auskunft und aß etwas mehr als die Hälfte des Ragouts auf, jeweils unterbrochen von großzügigen Schlucken von Wein.

„Und wie ist dein Huhn?“, fragte Nils. „Es schmeckt sehr gut. Ich glaube, es ist sanft entschlafen und musste keinen heldenhaften Kampf durchstehen. Magst du noch etwas von mir?“ – „Ja gerne, das gibt mir bestimmt einen besseren Geschmack im Mund.“

Danach bestellte Nils auch noch den großen Dessertteller, aber mit zweitem Besteck. „Und jetzt auf zum Tanz, mein Toreador?“ – „Ich könnte mir vorstellen, meine neugewonnenen animalischen Kräfte anders einzusetzen. Wenn du verstehst was ich meine…“ Sie tranken noch einen Espresso und gingen dann auf ihr Zimmer. Als Dina die Schlüsselkarte zuerst verkehrt herum einsetzte, scharrte Nils ungeduldig mit den Füßen.

(199) Wir haben uns gedacht, wir würden mal anrufen…

„Wir haben uns gedacht, wir würden mal anrufen…“ – „…um zu sehen, wie es unserer Schwester geht. Wann ist die Verlobung?“

Wim und Silvio, Dinas ältere Brüder, ergänzten sich beim Reden immer noch, zogen sich immer noch genau identisch an und lebten immer noch zusammen in einer WG. ‚Aufgetrennte siamesische Zwillinge‘ nannte sie Dina. Jetzt nahm sie ihr Handy und ging auf den Balkon. Auch dort flüsterte sie. „Nils schläft. Er ist gerade eingeschlafen.“ – „Oh, das muss eine wilde Nacht gewesen sein. Der Mann ist wohl ein Tier…“ – „…deshalb kannst du ihn keinem vorstellen.“ – „Nein, er hat den Magen verdorben. Er hing fast die ganze Nacht über der Kloschüssel.“ – „War das nicht vor zwei Monaten so? Muss einen zarten Magen haben…“ – „…oder ständig Unangemessenes essen. Was war es denn diesmal?“ – „Er hatte Stierschwanz.“ – „Stier…“ – „…schwanz?“ – „Stierschwanz wie in Ochsenschwanz. Aber halt von einem Kampfstier. Voller Adrenalin. Sehr bitter. Der Oberkellner sagte, das gehört so.“ – „Wahrscheinlich, weil der Koch gesagt hat: das gehört weg!“ – „Keine Witze bitte, ich habe auch kaum geschlafen. Und dann ruft Ihr an.“ – „Wir müssen uns doch um unser Schwesterlein kümmern.“ Sie fingen an, jeweils abwechselnd, Geschichten über Magenverstimmungen der einzelnen Familienmitglieder zu erzählen.

„Kannst du dich noch erinnern, als wir alle gemeinsam in einem Auto nach Italien gefahren sind? Es war eng und heiß…“ – „…sagte die Schauspielerin zum Bischof“. – „Auf jeden Fall war es direkt hinter dem Brenner. Keine Möglichkeit anzuhalten. Mutter hat alles auf den Arm bekommen, als sie versuchte hatte Wim den Mund zuzuhalten.“ – „Das war auch keine gute Strategie. Was raus muss, muss raus.“ – „Ja, ich war zwar noch sehr klein, aber ich kann mich gut erinnern. Es hat den ganzen Urlaub gestunken in dem Wagen. Mir hebt sich jetzt noch der Magen.“ – „An jeder Tankstelle hat Vater mehr Wunderbäume gekauft. Es war eine abenteuerliche Mischung. Besonders wenn der Wagen in der Sonne stand.“ – „Was hast du denn noch heute vor? Oder musst du ständig Florence Nightingale spielen?“ – „Ich weiß es noch nicht. Ich lasse ihn erst einmal schlafen und dann sehen wir weiter. Aber viel werden wir heute nicht unternehmen. Vielleicht am Pool abhängen…“ – „Aber lass ihn nicht ins Wasser gehen, das kann böse enden“ – „Das erinnert mich gerade an das Unterwasservideo des Eisbären, der unter Wasser kackt.“ – „Jetzt hört auf. Was seid Ihr für Widerlinge. Und das vor dem Frühstück!“ – „Wir haben schon gefrühstückt.“ – „Du musst einfach eher aufstehen.“

(200) Als Nils schließlich aufwachte, hatte sie bereits gefrühstückt.

Als Nils schließlich aufwachte, hatte sie bereits gefrühstückt. Er hatte keinen Appetit. Dann saß er im Sessel im Hotelzimmer, bei geschlossenen Jalousien. Erst als Dina sagte, dass sie auf jeden Fall zum Pool gehen würde, ob mit oder ohne ihn, stand er auf und trottete hinter ihr her. „Mit deiner Sonnenbrille, deinem Strohhut und deiner gepflegten Blässe siehst du aus wie das Phantom der Oper.“ – „Spotte nur über einen armen, kranken Mann“, sagte er, als sie nebeneinander im Aufzug standen. „Ich habe halt einen sensiblen Magen.“ Sie hatte eine Strandtasche mit Büchern, Zeitschriften, Sonnenmilch und ähnliches bei sich. Nils hatte nur sich selbst. Aber auch das schien ihm Schwierigkeiten zu bereiten, denn er ächzte in einem fort. Endlich hatte sie ihn in einem Liegestuhl im Schatten am Swimming Pool installiert. Den Liegestuhl daneben zog sie einen Meter nach links in die Sonne. Darauf setzte sie sich zuerst und cremte sich den Körper mit Sonnenmilch ein. Dann legte sie sich flach hin und döste in der Sonne. Nils blätterte zuerst in einer Frauenzeitschrift, dann legte er sich auch zum Schlafen hin. Dann wurde es Dina zu heiß in der Sonne und sie schob ihren Liegestuhl wieder näher an Nils heran. Sie zog einen Stadtführer aus der Tasche und vertiefte sich darin. Nils döste weiter.

Nach einiger Zeit räusperte sie sich, um seine Aufmerksamkeit zu bekommen. Nils wandte den Kopf etwas zu ihr. „Ich hoffe, du bist morgen wieder auf dem Damm. Hier habe ich ein paar Sehenswürdigkeiten ausgewählt. Was interessiert dich davon?“

Dina: „Da wäre der Königspalast…“

Nils: „Gobelins, alte Möbel und Marmorfußböden. Das ist langweilig.“

Dina: „Wie wäre es mit der Almudena Kathedrale. Innen mit einem Pop-Art-Dekor?“

Nils: „Nicht noch eine Kirche!“

Dina: „Las Ventas interessiert mich nicht. Ich glaube, mit Stieren hatten wir auch genug zu tun, oder?“

Nils (wollte zur Zustimmung ein würgendes Geräusch von sich geben, besann sich dann aber eines Vorsichtigeren): „Nein, abgehakt.“

Dina: „Im Prado gibt es Bilder von Hieronymus Bosch, zum Beispiel ‚Der Garten der Lüste‘.“

Nils: „Aber doch eher an einem Regentag.“

Dina: „Im Parque del Buen Retiro gibt es die weltweit einzige Statue des Engels Luzifer und einen Rosengarten.“ Nils: „Und man latscht sich zu Tode, Bäume, Sträucher und Statuen.“

Dina: „Dann schlag du doch etwas vor.“

Nils: „Wir machen einen Rundflug über Madrid.“

Dina: „Na meinetwegen. Ich weiß zwar nicht, warum dich das interessiert. Aber dafür gehen wir abends tanzen.“

Nils: “Na meinetwegen.“

(201) Nils hatte sich in der Wartehalle bereits den zweiten Kaffee eingeschenkt, als der Pilot endlich eintraf.

Nils hatte sich in der Wartehalle bereits den zweiten Kaffee eingeschenkt, als der Pilot endlich eintraf. Kapitän Juan López‘ Fluguniform war nicht mehr ganz frisch und er selbst sah mit seinem Dreitagebart auch nicht sehr vertrauenswürdig aus. Als er ihr die Hand drückte, schnüffelte Dina einer etwaigen Alkoholfahne hinterher.

López setzte sich mit ihnen an einen niedrigen Tisch und bereitete einen Stadtplan von Madrid aus. „Ich erkläre Ihnen die Route hier, denn im Flugzeug ist es zu laut.“ – „Welche Maschine fliegen Sie?“, fragte Nils. „Eine Cessna 337 Skymaster. Kennen Sie sich aus?“ Nils schüttelte den Kopf. „Eine sehr vertrauenswürdige Maschine.“ Dina musste noch zur Toilette. Dann führte López die beiden über das Flugfeld zu einer kleinen Maschine, unten weiß und oben hellblau. Nils und Dina setzten sich hinter den Piloten.

López ließ die Motoren an und fuhr zügig zur Startbahn. Dann wurde es sehr laut und kurz darauf sahen sie wie die Landebahn und der ganze Flughafen unter ihnen kleiner wurden. Sie flogen zuerst nach Nordosten, über Alcobendas, dann über den Palacio Real weiter zum Escorial. Dina hatte die Karte auf dem Schoß und López deutete ab und zu auf einen Punkt auf der Karte und nach unten in die Richtung in der die entsprechende Sehenswürdigkeit zu finden war. Nils war schon während des Steigflugs bleich geworden. Danach schaute er verbissen aus dem Fenster. Wenn Dina ihm etwas sagen wollte, beugte er sich kurz zu ihr, um sofort wieder aus dem Fenster zu schauen. „Sollen wir wieder umkehren? Ist dir schlecht?“, schrie sie. Nils schüttelte den Kopf.

Sie kreisten kurz über der Gitterform des Escorial-Palastes. Dann in einer südlichen Schleife zurück zur Innenstadt von Madrid. Sie überflogen den Königlichen Palast, die Almudena Kathedrale, den Prado, den Parque del Buen Retiro und die Stierkampfarena Las Ventas.

Als sie fast schon im Landeanflug auf den Flughafen waren, musste Nils sich erbrechen. Dina hatte bereits vorsorglich eine Plastiktüte vorbereitet und hielt sie ihm hin. Als sie gelandet waren, inspizierte López den Innenraum der Maschine und gab Dina das Daumen-hoch-Zeichen, als er feststellte, dass Nils Mageninhalt vollständig und akkurat in die Tüte umgeschüttet worden war. Er zeigte Dina einen Abfalleimer zum Entsorgen.

López schüttelte den beiden allerdings nicht mehr die Hände, was Dina angesichts seines eigenen schlampigen Auftretens etwas überpenibel schien. Nils überlegte, dass er auch an diesem Abend dem Tanzen entronnen war.

(202) Am Anfang sollte der Wohnwagen nur eine Übergangslösung sein.

Am Anfang sollte der Wohnwagen nur eine Übergangslösung sein. Er war billig gewesen und Juan López hatte schnell einen Standplatz auf einem Camping in der Nähe des Flughafens gefunden. Das war vor drei Jahren, als Juan bei Pleasure Aviation anfing. Einfacher Job, wenige Fragen gestellt und kein Interesse an den Antworten. Touristen über Madrid herumfliegen oder Geschäftsleute nach Gibraltar, Alicante oder Burgos. Sogar an die Cessna hatte er sich schnell gewöhnt.

Sein Wohnwagen war immer mehr zugemüllt und die Duschen des Campingplatzes waren eine Zumutung. Wenigstens die Bar war gut und in Guillermo Lomas, dem Verwalter des Campings, hatte er eine Art Freund gefunden. Den Wohnwagen nutzte er nur zum Schlafen.

Wenn Juan von der Arbeit kam, ging er gleich an die Bar. Das erste Bier war unbeschreiblich gut, aber auch die folgenden waren nicht zu verachten. Irgendwann kam Guillermo dazu und warf ein plattes Hähnchen oder ein Steak auf den Grill. Das aßen sie dann gemeinsam und saßen mehr oder weniger schweigsam den Rest des Abends zusammen. Manchmal erzählten sie sich von ihren jeweiligen Kunden, von deren skurrilen Wünschen, Ängsten und Fragen. Sie redeten nie über die Vergangenheit, es war wie eine unausgesprochene Abmachung zwischen ihnen. Es waren Tage, die einander sehr stark ähnelten und daher sehr schnell vergingen.

Veränderungen würden sich irgendwann von alleine ergeben, man brauchte das gefundene labile Gleichgewicht nicht selbst zu stören. Sie empfanden die Bar auf dem Campingplatz als Auge des Orkans.

Manchmal gesellten sich noch andere Campinggäste zu ihnen. Einige waren angenehm, andere vergifteten die Stimmung durch ihre bloße Anwesenheit. Isidor Paals gehörte zu der angenehmen Sorte. Er setzte sich neben sie und trank sein Bier. Als Nationalität hatte er bei der Ankunft Belgier angegeben. Hätte er Marsianer geschrieben, Guillermo hätte nicht mit der Wimper gezuckt.

Isidor verbrachte vier Nächte auf dem Campingplatz. Am ersten Abend sagte er kein Wort. Am zweiten Abend aß er ein Stück Hähnchen mit Juan und Guillermo. Am dritten Abend schien er sehr traurig und sagte gar nichts. Am vierten Abend kündigte er unvermittelt an, dass er am folgenden Morgen weiterziehen werde. Guillermo und Juan nickten und wünschten ihm eine gute Weiterreise. „Wohin geht es denn?“, fragte Juan. „Ich bin auf einer Pilgerfahrt von Alicante nach Compostela.“ – „Da bist du aber ziemlich vom Weg abgekommen, Kumpel.“ – „Ich musste noch jemanden in Madrid besuchen.“

(203) Die Wanderung von Alicante herauf war sehr anstrengend gewesen.

Die Wanderung von Alicante herauf war sehr anstrengend gewesen. Isidor war dankbar, dass er einen ganzen Tag nur entspannen und seine nackten Füße lüften konnte. Am dritten Tag auf dem Campingplatz machte er sich auf den Weg zur Colegiata de San Isidro Labrador, einer Kirche in der Innenstadt. Von Guillermo ließ er sich den Weg erklären. Es war sehr einfach: zuerst geradeaus die Avenida de Logroño hinunter, dann weiter geradeaus der Calle de Alcalá entlang. Er brauchte weniger als drei Stunden und ging sehr langsam dabei, um seine Füße zu schonen.

Von außen sah die Kirche recht gewöhnlich aus. Als er eintrat und sich an das Halbdunkel gewöhnt hatte, sah er den Schrein silbern hinter dem Altar glänzen. Er näherte sich dem Altar. Hoch in der Nische unter einem Jesus mit Strahlenkranz war eine Wolke aus der Engel herausschauten wie bei einer Schaumparty. Die Wolke schien aus einem goldbeschlagenen, wannenförmigen Silbergefäß zu steigen. Darunter eine ebenfalls goldbeschlagene Kiste aus Silber. In ihr war ein kleines Fenster, durch das man aber nicht ins Innere sehen konnte.

Eines der beiden Gefäße enthielt die Reliquien des Hl. Isidor. In dem anderen waren die Reliquien seiner Frau, die ebenfalls heiliggesprochen war, Santa Maria de la Cabeza. Isidor kniete sich in die erste Reihe und versuchte, die Fürsprache seines Namenspatrons einzuholen. Nach einiger Zeit schaute er auf und fixierte die beiden Silberschreine. Isidor wusste nicht, wer in welchem Schrein lag, aber das würde wohl keinen Unterschied machen. „Bitte verzeih mir und bitte für mich armen Sünder. Ich war schwach und ich bereue es.“ Die vier Figuren rechts und links der Reliquien schauten unbeteiligt in verschiedene Richtungen. Christus, der darüber stand, hatte nur Augen für seinen Vater über ihm.

Isidors Knie schmerzten und es war leer in der Kirche. Als er aufstand, warf er versehentlich ein Gesangbuch herunter. Mit einem lauten, lange nachhallenden Plopp landete es auf dem Marmorboden. Isidor beeilte sich, die Kirche zu verlassen.

Als er wieder in der Sonne stand, merkte er, dass er großen Hunger hatte. Genau gegenüber war ein MAXI-Supermarkt. Isidor beschloss, dort Brot und Schinken zu kaufen. Er lief vor den Regalreihen herum und stand plötzlich vor den Süßigkeiten. Mit zitternden Händen nahm er eine Tafel Turrón de Alicante aus dem Regal. Er küsste das Etikett mit der Abbildung des Castillo de Santa Bárbara und seine Augen füllten sich mit Tränen.

(204) Vor Jahren hatte Isidor den Castillo de Santa Bárbara zum ersten Mal gesehen.

Vor Jahren hatte Isidor den Castillo de Santa Bárbara zum ersten Mal gesehen. Er war nach Alicante gekommen, um an der Prozession zum Kloster von Santa Faz teilzunehmen. Dort sah er das Tuch, mit dem die Hl. Veronika Jesus das Gesicht abgetrocknet hatte.

Bei seiner Rückkehr in Alicante fühlte sich Isidor von dem kleinen Laden mit den lokalen Nougat-Produkten angezogen. Dort sah er zum ersten Mal Marta. Sie bediente die Kunden mit den Produkten ihrer Familie, den Santacruz. Ihr zur Seite stand Sonia Alperi, gleichzeitig ihre beste Freundin. Beide sprachen kaum etwas anderes als Spanisch und Valencianisch. Isidor bot sich an, im Laden auszuhelfen. Der Familienrat der Santacruz stimmte zu.

Zuerst aber musste er lernen wie Turrón hergestellt wurde. Erst als er selbst in der Lage war, aus Mandeln, Zucker und Ei ein essbares Nougat herzustellen, ließen sie ihn ins Geschäft. Er machte sich sehr gut und die Umsätze stiegen, weil er mit englischen, amerikanischen, deutschen und französischen Kunden in ihrer Landessprache reden konnte. Aus dem täglichen Kontakt mit Marta ergab sich Liebe, die von beiden gleichermaßen erwidert wurde. Ein weiterer Familienrat musste sich damit beschäftigen, als Isidor um Martas Hand anhielt. Angesichts der Umsatzsteigerungen, die man ihm verdankte, bekam er eine positive Antwort und einen Termin für die Hochzeit, den 17. September.

Vorher, am 24. Juni, dem Sommersonnenfest, fand in Alicante ein großes traditionelles Straßenfest statt, die Fogueres d’Alacant mit Umzügen durch die Stadt, Feuerwerk und einem ausgelassenen Treiben. Auch die Mitarbeiter von Turrón Santacruz waren dabei. Irgendwann war Isidor mit Sonia am Ende des kleinen Trupps und im nächsten Augenblick hatten sie den Anschluss verloren. Sie irrten durch die engen Gassen der Altstadt. Die Musik, der Alkohol, der tägliche Kontakt – der Grund war unklar. Isidor küsste Sonia. Sonia führte ihn durch einen Hinterhof, eine Treppe hoch zu einer Terrasse. Dort liebten sie sich. Im Stehen, an die Brüstung gelehnt, um sie herum das Halbdunkel.

Als Isidor am nächsten Morgen aufwachte, erinnerten ihn nur noch seine verklebten Schamhaare an das Abenteuer des Vortags. Er hatte Marta betrogen und es würde herauskommen. Dieses heidnische Sommersonnenfest hatte ihn dazu gebracht, Dinge zu tun, die nicht akzeptabel waren. Er schämte sich. Am nächsten Tag verließ er Alicante zu Fuß, auf dem Weg nach Compostela. Er hoffte, so mit Gott und sich selbst ins Reine zu kommen.

(205) Sie hatte es zugelassen, nicht aus Fahrlässigkeit, sondern weil es eine Gelegenheit war…

Sie hatte es zugelassen, nicht aus Fahrlässigkeit, sondern weil es eine Gelegenheit war, einen Tapetenwechsel zu forcieren. Den Entschluss, Alicante zu verlassen, hatte Sonia schon länger getroffen, die Umsetzung aber immer wieder hinausgezögert.

Jetzt gab es kein Zurück mehr. Der Gassensex mit dem lieben, aber tumben Isidor gab ihr keine andere Wahl. Sonia kannte Marta schon seit ihrer Kindheit und hatte sich insgeheim immer geärgert, dass der faulen und dummen Marta immer alles mundgerecht hingelegt wurde, während sie für alles kämpfen musste. Sonia hatte auf jeden Fall in der zu erwartenden Auseinandersetzung mit Marta schlechte Karten. Sie musste weg und hatte auch schon einen Plan.

Hassan Mahmoudi hatte sie zum ersten Mal vor Monaten im Penelope getroffen. Er hatte ihr beim Tanzen zugesehen und sie dann in den VIP-Bereich kommen lassen. Zusammen hatten sie Cocktails getrunken und geredet. Irgendwann nahm er sogar die Sonnenbrille ab, als sie ihn darum bat. Hassan war immer wieder in Alicante, dazwischen schipperte er mit seiner Yacht, der Maximum, kreuz und quer durch das Mittelmeer. Er hatte sie schon mehrmals gefragt, ob sie mal mit ihm kommen wollte. Bisher hatte sie immer abgelehnt. Jetzt aber war der Moment gekommen.

Sie rief Hassan an und fragte, ob er immer noch Interesse habe. Er hatte. Er bot ihr an, noch am gleichen Tag, am Abend, auszulaufen Richtung Sardinien. Den Sonntag über regelte sie einige Dinge ihre Wohnung betreffend. Sie packte wenig, aber genug, um damit eine unbegrenzte Zeit unterwegs sein zu können. Vielleicht würde sie nach Alicante zurückkehren, vielleicht auch nicht.

Der Typ, der ihre Wohnung erst einmal übernahm, kam am Abend, um den Schlüssel abzuholen. Dann ging sie zum Hafen. Die Maximum sah von hinten aus wie ein geöffneter Papageienschnabel oder ein aufgerissenes Fischmaul. Der Skipper half ihr an Bord und kümmerte sich um ihr Gepäck.

Hassan nahm Sonia in Empfang und überreichte ihr das erste Glas Champagner. Er stieß mit ihr auf eine aufregende Reise an. Dann zeigte er ihr die Yacht. Alles, auch ihre Kabine, war sehr geschmackvoll und luxuriös eingerichtet. Es waren keine anderen Gäste an Bord. Als die Yacht langsam aus dem Hafen von Alicante auslief, saß sie mit Hassan auf dem hinteren Sonnendeck, das über eine angedeutete Brücke mit der Master Suite verbunden war. Die letzten Sonnenstrahlen erleuchteten oben noch den Castillo de Santa Bárbara, während an der Explanada de España bereits die Straßenlampen ein warmes, rötliches Licht verstrahlten. Hassan legte ihr den Arm um die Schultern.