(175) Alfi war ganz tapfer, fand Elli Zöllner, seine Mutter.

Alfi war ganz tapfer, fand Elli Zöllner, seine Mutter. Alfi ging vorsichtig vor ihr die letzten Stufen der Treppe hinunter. Hoffentlich würde Dr. Vogler, der Augenarzt, Recht behalten. Alfi schielte und Dr. Vogler hatte ihm das gute Auge mit einem Pflaster abgeklebt, damit das schlechte Auge vom Gehirn besser in Anspruch genommen wurde. Alfi hatte verstanden, dass es gut für ihn war, aber er sah in diesem Augenblick sehr viel schlechter als zuvor.

Elli half ihm, die schwere Haustür zu öffnen und ließ ihm den Vortritt. Dann war Alfi einem Mann geradewegs in die Beine gelaufen und Elli passte nicht auf, stieß zuerst mit ihren Beinen gegen Alfi und dann mit ihrem Oberkörper gegen den des Mannes. Sie entschuldigte sich, zog Alfi aus der Klemme und schaute erst dann dem Mann ins Gesicht.

Dabei bekam sie sofort Herzrasen, denn bei dem Mann handelte es sich um Kim Rosenkranz. Sie entschuldigte sich noch viel mehr, redete ihn mit Herrn Rosenkranz an und schob Alfi etwas hinter sich aus dem Weg.

Rosenkranz war nicht verärgert oder erschrocken. Er nahm den Zwischenfall als eine kleine Widrigkeit des Lebens an, mit der man einfach fertigwerden musste. Dabei redete er mit einer feinen, leisen Stimme – ganz anders als seine Filmstimme, die leicht dröhnte, vor allem wenn er etwas Witziges sagte.

„Herr Rosenkranz, es ist so unglaublich, Sie hier zu treffen… Haha, im wahrsten Sinne des Wortes… Ich bin ein großer Fan von Ihnen.“ Sie nahm ihren Mut zusammen. „Würde es Ihnen etwas ausmachen, wenn mein Sohn ein Foto von uns aufnimmt?“ Sie hatte bereits ihre Kompaktkamera aus der Handtasche gefischt, so dass Rosenkranz nur noch Zustimmung murmeln konnte. Dann stellte sich heraus, dass Alfi zu klein war. Elli konnte Rosenkranz nicht nötigen, sich mit ihr auf den Bürgersteig zu kauern. Deshalb zog sie beide mit sich zu einer Sitzbank. Alfi stellte sie darauf, schärfte ihm ein, was er zu tun hatte, um das Foto zu schießen. Dann nahm sie Rosenkranz am Arm und stellte sich mit ihm in Position.

Weil Elli so sehr mit ihrem eigenen Lächeln beschäftigt war, merkte sie nicht, dass Rosenkranz dabei wie ein Opferlamm aussah, das die Tortur nur hinter sich bringen wollte.

Alfi drückte auf den Auslöser und im gleichen Augenblick hatte Rosenkranz der Szene den Rücken gekehrt und ging weiter. Elli rief ihren Dank hinterher. Er hob nur kurz die Hand, ohne sich umzudrehen.

Elli konnte es nicht erwarten, dass der Film vollständig verknipst war und brachte ihn schnurstracks dem Fotografen zum Entwickeln. Nach zwei Tagen konnte sie den einzigen Abzug abholen. Als sie sah, dass ihr eigenes Gesicht nur zur Hälfte auf dem Bild war, brach sie in Tränen aus. Doch dann dachte sie an den armen Alfi, dem sie das Fotografieren aufgedrängt hatte und der dabei auf der Sitzbank balancierte, weil sein gutes Auge abgeklebt war. Er hatte wirklich sein Bestes gegeben, der kleine Prinz.

(176) Lustig war Kim Rosenkranz immer nur in seinen Filmrollen.

Lustig war Kim Rosenkranz immer nur in seinen Filmrollen. Im richtigen Leben war er aber keineswegs griesgrämig. Er war stets freundlich, erfüllte alle Autogrammwünsche – aber er bewahrte Distanz und vermied es, lustig zu sein.

Auf der Leinwand spielte er eigentlich immer die gleiche Rolle: bodenständige Charaktere mit Bauernschläue und einem derben, anarchistischen Humor. Er war ein festes Ensemble-Mitglied in einer Filmreihe, die sich bereits über lange Jahre hinzog, eine Mischung aus Komödie, Parodie und Slapstick. In jedem Film, bei dem Rosenkranz mitwirkte, gab es eine Szene, in der er aus unerklärten Gründen beide Hosenbeine hochkrempelte. Der Gag stammte noch aus der Zeit, als er Tourneeschauspieler war. Wenn das Publikum nicht richtig zum Lachen kam, war das fast immer ein todsicheres Mittel gewesen. Es war sein Erkennungszeichen geworden und es half ihm irgendwie, nicht zu vergessen, wo er herkam.

Er ging immer noch in die gleichen Kneipen und Restaurants wie vor seinen Erfolgen. Eines seiner Stammlokale war die Taverna San Pietro. Natürlich schauten die Gäste auf ihn, wenn er eintrat, den Wirt und die Kellner begrüßte, seinen Mantel ablegte und sich hinsetzte.

Einmal, er hatte gerade seine Hauptspeise aufgegessen, Trota salmonata alla panna, als ein Gast rief: „Krempeln Sie doch mal die Hosenbeine hoch!“ Rosenkranz drehte sich um, konnte den anonymen Rufer aber nicht ausmachen. „Danke für die Aufforderung, aber heute nicht. Bin jetzt nicht im Dienst.“ Der Kellner brachte ihm einen Espresso. Dann die Stimme einer Frau: „Bitte, machen Sie es für mich.“ Rosenkranz schüttelte milde den Kopf. Dann kamen ein junger Mann, wahrscheinlich der erste Rufer, und seine Freundin nach vorne, stellten sich vor ihm auf und krempelten sich die Beine ihrer Jeanshosen hoch. Als sie da standen und lächelnd zu ihm schauten, standen weitere Gäste auf, stellten sich daneben und krempelten ebenfalls ihre Hosenbeine hoch. Am Ende standen alle Gäste vor ihm und sogar die Kellner taten es ihnen nach und hoben dafür ihre langen weißen Schürzen hoch.

Schließlich konnte Rosenkranz nicht anders. Er trank seinen Espresso aus und stand mit einem Ruck auf. Er blickte in die Runde, die Spannung war groß. „Aber nur ein einziges Mal“, sagte er. Dann bückte er sich und krempelte seine Hosenbeine hoch, in der Art, wie man es aus seinen Filmen kannte. Alle fingen an zu klatschen. Er verbeugte sich.

(177) Hast du gesehen, er hatte ganz feuchte Augen bekommen. Ekhard?

„Hast du gesehen, er hatte ganz feuchte Augen bekommen. Ekhard?“ Anneliese beugte sich nach vorn, um von der Seite in den Ohrensessel hinein zu schauen und Ekhards Augen zu erhaschen. Fast schien es, als ob er eingeschlafen sei. „Das war bestimmt Glyzerin. So etwas nehmen die doch für Tränen“, entgegnete Ekhard. Er hatte also doch nicht geschlafen. „Glaubst du?“, meinte sie skeptisch. „Natürlich.“

Ekhart stand kurz auf und drehte den Sessel etwas, damit er sie besser sehen konnte. „Glaubst du, dass diese Szene mit dem Rosenkranz einfach so, zufällig, gedreht wurde?“ –Anneliese dachte nach. „Ich glaube schon. Das sah doch alles sehr natürlich aus. Das Restaurant gibt es bestimmt.“ – „Ja sicher gibt es dieses Restaurant. Aber die haben das komplett gemietet, um diese Szene zu drehen. Da war keiner echt. Von wegen Restaurantbesucher. Das waren alles Komparsen.“ – „Meinst du wirklich“, fragte sie noch einmal. „Ja, wie naiv bist du denn eigentlich? Meinst du, Rosenkranz läuft ständig mit einem Kamerateam rum, wenn er mal um die Ecke essen geht? Ein Kameramann, ein Toningenieur und wahrscheinlich auch noch ein Produzent, denn es sind ja unsere Gelder, die da verbraten werden. Alle Komparsen sind vorher gecasted worden, die Dialoge sind von einem Autor geschrieben worden. Da ist keine Spontanität dabei. Alles abgekartet.“ – „Das hätte ich jetzt nicht gedacht.“ Anneliese sah beunruhigt aus. „Aber das war doch schon der Rosenkranz selbst, oder? Oder hatten sie ihn auch gegen einen Doppelgänger ersetzt?“ – „Natürlich war es Rosenkranz selbst. Die können ihnen ja nicht austauschen, denn wegen ihm schauen die Leute diese Sendung ja.“ – „Aber, du hast doch gerade gesagt, dass alles falsch und abgekartet ist.“ – „Manchmal glaube ich…“ setzte er an, stoppte sich aber nach einem kurzen Blick auf die Uhr. „Seit du in diesen Filmfonds investiert hast, bist du diesen Leuten gegenüber schon sehr bissig, Ekhard.“ – „Die haben es nicht besser verdient, diese Amateure. Jetzt möchte ich meinen Film sehen. Gib mir mal die Fernbedienung.“ – „Was willst du denn sehen?“ – „Ein Spionagefilm. Er heißt…“ Ekhart griff nach der Fernsehzeitschrift. „Er heißt ‚Flammen im Weltraum.“ – „Aha, das klingt nicht nach einem Film, den ich mir ansehen möchte. Ich räum‘ noch mal in der Küche auf, dann geh ich ins Bett.“

Sie ging aus dem Zimmer. Ekhart rückte seinen Sessel wieder zurecht und lehnte den Sitz nach hinten. Eine Fußlagerung schob sich heraus und er legte sich auf den Sessel. Er drückte einen Knopf der Fernbedienung.

(178) Es war ein Auftrag, wie Hakan Voss sie mochte…

Es war ein Auftrag, wie Hakan Voss sie mochte: ein langjähriger Kunde, ein klares Ziel, ein erkleckliches Honorar im Erfolgsfall. Hakan Voss war sicher, dass er die Pläne für die neue Raumkapsel bekommen würde.

Zuerst hatte sich dieser Wissenschaftler, Julius Kuhn, zwar geweigert, die Daten herauszurücken, obwohl Voss ihm eine Menge Geld geboten hatte. Sei es drum, es gab andere Wege. Kuhns Tochter Lara zu kidnappen war ein leichtes für ihn. Ein Telefonat später und er hatte Kuhn genau dort, wohin er ihn haben wollte. Das Leben von Lara gegen einen USB-Stick mit den Plänen der Kapsel. Das einfachste Geschäft der Welt.

Wenn man Voss nach seiner größten Stärke gefragt hätte, dann wäre seine Antwort gewesen: „Ich vereinfache Dinge. Bei mir kommt B direkt nach A. Und so war es auch hier. Nachfrage, Angebot, Geschäft.“ Einen Tag hatte Kuhn Zeit alle Dateien zusammen zu bringen. Dann würde Voss ihm einen Treffpunkt nennen. So einfach war das.

Dreimal hatte Julius Kuhn den Hörer in die Hand genommen, dreimal hatte er wieder aufgelegt, ohne die Polizei anzurufen. Das Leben seiner Tochter war in Gefahr. Er hatte aber auch mehrere Jahre als Projektleiter diese Kapsel entwickelt. Auch sie war wie ein Kind für ihn. Es musste einen Weg geben, beides zu retten. Systematisch ging er alle Möglichkeiten durch. Noch in der Nacht hatte er einen Lösungsweg gefunden. Er arbeitete den Tag durch an dessen Umsetzung.

Um 20 Uhr rief Voss wieder an und sagte ihm, dass er sich in Richtung Alter Hafen in Bewegung setzen sollte. Unterwegs bekam Kuhn noch zwei weitere Anrufe. Schließlich stand er im 5. OG eines Parkhauses, in zehn Metern Entfernung ein schwarzes Auto. Ein Mann stieg aus. Es war nicht Voss, die Stimme war eine andere.

Kuhn durfte seine Tochter sehen, sie schien ok. Er verlangte, dass man sie laufen ließ und er dafür ihre Rolle als Geisel übernahm. So geschah es. Zwei Minuten später stand Lara allein und frierend auf dem Parkdeck und Kuhn saß im Fonds des Wagens zwischen Voss und seinem Helfer. Der Wagen fuhr aus dem Parkhaus hinaus. Voss sah so aalglatt aus, wie Kuhn ihn sich vorgestellt hatte. Er hatte den USB-Stick in den Fingern gedreht, während sein Helfer Kuhn durchsuchte und der Fahrer ihn mit einer Pistole in Schach hielt. Lara hatte verschüchtert zugesehen.

„Dr. Kuhn“, sagte Voss, „Sie werden verstehen, dass ich die Daten genauer untersuchen muss, bevor ich Sie freigebe. Solange sind Sie mein Gast.“ Kuhn hatte Lara noch zugewunken, als er sich in den Kofferraum legen musste. Sein Plan war aufgegangen: Lara war sicher, auf dem Stick waren die wichtigsten Dateien verfälscht. Doch seine eigene Zukunft war sehr ungewiss.

(179) Kuhn wusste, dass ihm wenig Zeit blieb.

Kuhn wusste, dass ihm wenig Zeit blieb. Er hatte nicht damit gerechnet, dass Voss ihn auf ein Schiff verschleppen würde, um in Ruhe die Daten zu überprüfen. Im Schutz der Nacht hatten sie Kuhn auf einen ausgemusterten Trawler gebracht und waren damit in See gestochen. Mit an Bord waren neben Voss, dem Fahrer und dem Helfer noch zwei andere Männer. Kuhn war in einer engen, spärlich eingerichteten Kajüte eingeschlossen. Allerdings hatte das Bett eine Umrandung aus Stahlrohren. Kuhn mühte sich ab und schaffte es, ein Stück Rohr von etwa einem Meter herauszuschrauben. Er legte es griffbereit neben sich auf das Bett und wartete.

Die Schiffsmotoren brummten monoton und übertünchten jedes andere Geräusch. Plötzlich wurde die Tür aufgeschlossen und der Fahrer kam mit Pistole im Anschlag herein. Kuhn fragte, wohin das Schiff fahre, aber der Fahrer schüttelte nur den Kopf. Er stellte eine Gamelle mit Suppe auf den Tisch und legte einen Löffel daneben. Als er sich wieder zur Tür wandte, schlug Kuhn ihn mit dem Rohrstück nieder. Er nahm die Pistole an sich.

Als er auf dem Gang stand, verschloss er die Tür hinter sich. Er stieg die gegenüberliegende Treppe hoch. das Dröhnen war hier noch lauter, er musste ständig um sich blicken, um sicher zu gehen, dass man ihn nicht entdeckte. Langsam schlich er sich nach vorne, Richtung Brücke. Das Rohr hielt er zum Schlag bereit, die Pistole war in seiner anderen Hand. Ohne Zwischenfälle kam er durch den dunklen Gang bis zur Brücke. Er blickte um die Ecke. Ein Mann mit einer Schiffermütze stand am Steuer und schaute nach vorne. Zwischen ihm und Kuhn stand der Kartentisch und darauf lag ein Funkgerät.

Kuhn zog den Kopf wieder zurück. Er war Hobbysegler und erkannte, dass er mit dem Funkgerät einen Notruf absetzen könnte. Mittlerweile würde Lara von Polizei und Geheimdienst befragt worden sein und man würde ernsthaft nach ihm suchen. Wahrscheinlich hatte Lara gesehen, dass er einen USB-Stick übergab. Das würde die Anstrengungen noch einmal vervielfachen. Die Distanz zum Land war noch nicht so groß. Ein Sonderkommando wäre per Helikopter schnell zur Stelle. Würde er sich so lange auf dem Schiff verstecken können? Vielleicht vortäuschen, dass er ins Meer gesprungen sei? Er hatte keine Wahl. Voss saß irgendwo im Schiff und untersuchte die Daten. Bei der ersten Unstimmigkeit würde er Kuhn umbringen. Vielleicht hatte er dies schon immer vorgehabt. Ausschalten und ins Meer werfen.

Kuhn legte das Rohr vorsichtig nieder und sicherte es mit seinen Schuhen, die er auszog. Dann schlich er im Schutz des Kartentisches auf allen Vieren um die Ecke in Richtung Funkgerät.

(180) Prof. Ludolf Rahm räusperte sich und schaute in die Runde seiner wissenschaftlichen Mitarbeiter.

Prof. Ludolf Rahm räusperte sich und schaute in die Runde seiner wissenschaftlichen Mitarbeiter. Als Institutsleiter war es seine Aufgabe, die traurige Nachricht selbst zu übermitteln. Er schaute auf seinen Sprechzettel, wo er die einzelnen Punkte notiert hatte, die er ansprechen wollte:

1. Dr. Kuhn bleibt verschwunden. Hatte USB Stick dabei. Kidnapper hatten es darauf abgesehen. Tochter wohlauf.

2. Große Sicherheitsbedenken des Geheimdiensts.

3. Verteidigungsministerium hat Raumprogramm erst einmal gestoppt. Wiederaufnahme möglich, aber nicht vor 12 Monaten.

4. Die meisten wissenschaftlichen Mitarbeiter werden wieder an ihre Unis zurückgehen. Institut wird mit Mindestbelegschaft weitergeführt.

5. Persönliches Bedauern.

Nachdem er seine Rede gehalten hatte, ging Prof. Rahm zurück in sein Büro. Als er die Tür schließen wollte, bemerkte er Eric Romano, der ihm gefolgt war. „Ah, Romano, es tut mir wirklich leid.“ – „Was ist mit Elvis?“, fragte Romano. Prof. Rahm starrte ihn an. „Nichts, der Affe bleibt hier unten.“ – „Aber in einem Jahr wird er zu groß sein, er passt dann nicht mehr in die Kapsel.“ – „Ich sehe. Dann wird er wohl nie fliegen. Ach, suchen Sie doch noch nach einem Platz für ihn, bevor Sie wieder zu Ihrer Uni zurückkehren.“ – „Ich habe keine Uni, Herr Professor“, entgegnete Romano. „Das tut mir leid. Aber ich bin sicher, dass jemand mit Ihren Qualitäten schnell etwas Neues findet. Wenn Sie mich jetzt entschuldigen würden.“ Prof. Rahm schloss die Tür und ließ Eric Romano davor stehen.

Romano war im Institut für die Pflege von Elvis verantwortlich, dem Schimpansen, der die neue Raumkapsel testen sollte. Eigentlich wurde der Schimpanse als Nr. 149 bezeichnet. Romano hatte ihn Elvis genannt, wegen der Koteletten. Er ging ins Labor zurück und nahm Elvis aus seinem Käfig. Der Schimpanse schien zu merken, dass etwas nicht stimmte. Er schaute Romano fragend an. Es war ungewohnt laut, in dem Trakt mit den Wissenschaftlerbüros. Romano ging zur Glastür und sah, dass seine Kollegen dabei waren, ihre persönlichen Dinge in Kartons zu packen und sich voneinander zu verabschieden. Es sah so aus, als ob sich das Institut auflöste. Niemand kümmerte sich um Elvis, außer ihm. Er wartete bis die anderen gegangen waren, einige verabschiedeten sich sogar von ihm. Dann packte er Elvis in den Transportkäfig, über den er eine Plane hängte. So trug er den Schimpansen aus dem Institut zu seinem Auto. „Elvis has left the building“, dachte er und lächelte.

(181) Niederträchtig sah er aus.

Niederträchtig sah er aus. Tiziana spürte wie seine Augen auf ihr lasteten, als sie in das Zimmer kam. Elvis lag in seinem Käfig auf der kleinen Matratze, die Eric mit einem Frotteebadetuch bezogen hatte. Er tat aber nur so, als ob er schliefe. Er beobachtete sie ganz genau aus den Augenwinkeln.

Tiziana schnüffelte. Der Schimpanse stank. Sie hatte den Geruch bis ins Wohnzimmer bemerkt. Seit sie das letzte Mal in diesem Zimmer war, hatte ihr Bruder es etwas umgebaut. Er sagte, dass Elvis (ein im wahrsten Sinne des Wortes affiger Name) sich nicht in der ungewohnten Umgebung wohl fühlte. Deshalb hatte er dieses Zimmer wie ein Labor hergerichtet. Er hatte die Wände weißgestrichen, allerdings schauten hinter der dünnen Übertünchung immer noch die Muster der dunklen Tapete des ehemaligen Elternschlafzimmers hervor. Ansonsten hatte Eric ein paar kaputte medizinische Geräte gefunden und sie aufgestellt. Auch die weißen Möbel hatte er von irgendwoher besorgt. Welche Geldverschwendung! Aber dass er sich für etwaige Bewerbungsgespräche mal einen neuen Anzug besorgte, das kriegte er nicht hin. Für einen Schimpansen sah der Raum jedenfalls aus wie ein Labor. Aber was sollte der schon wissen.

Sie trat an den Käfig. Der Affe schaute sie jetzt mit offenen Augen an. Das Tier stank. „Schmutziger Affe“, sagte sie und schlug mit der flachen Hand auf den Käfig. Der Schimpanse sprang auf und zog sich in die Ecke zurück. Er fletschte die Zähne und fing an zu zetern. Sie schlug noch ein paar Mal auf das Gitter, um ihn ruhig zu stellen. Es half nichts und irgendwann schlug er von innen auch gegen das Gitter. Vor Angst schiss er, und jetzt stank es wirklich. Tiziana schlug ein letztes Mal auf den Käfig und trat den Rückzug an. Sollte sich Eric doch um den Stinkeaffen kümmern. Auf jeden Fall konnte es so nicht weitergehen. Ein Schimpanse konnte 30-50 Jahre alt werden und Elvis war erst fünf. Der Affe würde sie wahrscheinlich überleben!

Außerdem beschäftigte sich Eric zu viel mit ihm, anstatt sich einen neuen Job zu suchen. Eben hatte sie ihn einkaufen geschickt – er tat ja auch sonst nichts im Haus. Sie dachte an Vergiften. Irgendein Gift in einem Apfel. So wie bei Schneewittchen. Klappe zu, Affe tot. Allerdings konnte sie nicht abschätzen, wie Eric reagieren würde. Vielleicht würde er den Affen untersuchen lassen und der Anschlag käme heraus. Eric würde sich vielleicht nicht mehr um sie kümmern. Und was dann? Töten war keine gute Lösung. Es bestand immer die Möglichkeit, dass ihre Rolle entdeckt werden würde und das würde nicht in ihrem Sinne ausgehen.

(182) Ulrich Scharfenberg konzentrierte sich.

Ulrich Scharfenberg konzentrierte sich. Vor ihm lag die Personalliste der gesamten städtischen Verwaltung. Er wollte gerade auswählen, an welcher Stelle er ansetzen sollte, als er in seinen Gedanken vom Telefonklingeln unterbrochen wurde. Genervt starrte er den Apparat an und hob schließlich mit einem Seufzen den Hörer ab. „Ja?“ – „Hallo, bin ich bei Herrn Scharfenberg?“ – „Ja?“ – „Sie kümmern sich um illegal gehaltene Tiere?“ – „Nicht um die Tiere, um deren Halter. Wer sind Sie?“ – „Mein Name tut nichts zur Sache. Ich wollte Ihnen etwas Ungeheuerliches melden.“

Die Frau erzählte Scharfenberg von einem Schimpansen, der in einem Privathaushalt in einem Käfig gehalten und gequält wurde. Scharfenbergs Blick richtete sich auf das Regal seinem Schreibtisch gegenüber und glitt mechanisch von einem Loch eines Leitz-Ordners zum nächsten. Er quittierte die Schilderung der Frau mit eingestreuten Jas, Ahas und Achs. Er ließ sich die Adresse geben und schrieb sie auf einen neuen weißen Zettel. Birkenstr. 293, ja ist notiert. Als er aufgelegt hatte, zerknüllte er den Zettel und warf ihn mit einem Kopfschütteln in den Papierkorb.

Seit Scharfenberg ein Seminar zum Thema Effizienz in Staat und Verwaltung besucht hatte, sah er seinen Beruf in einem völlig neuen Licht. Sein Vater und sein Großvater waren beide Beamte gewesen und für ihn hatte es nie einen Zweifel daran gegeben, dass eine Position in der Verwaltung seine Bestimmung war. Bei dem Seminar war es ihm wie Schuppen von den Augen gefallen, dass die Art wie alle um ihn herum arbeiteten und ihre Position ausfüllten, falsch war. Nicht immer zu 100% falsch, aber doch im Ansatz komplett verkehrt. Scharfenberg hatte das Licht gesehen und er wollte seine Verwaltungsbrüder und –schwestern nicht länger in der Dunkelheit sitzen lassen.

Dazu brauchte er einen Schlachtplan. Bevor er die politische Führung überzeugen konnte, brauchte er die Zustimmung der höchsten Beamten. Diese waren vor allem durch das Verhalten des Personalrats beeinflusst. Aber noch bevor er sich mit dem unnachgiebigen Personalrat beschäftigte, brauchte er möglichst viele Verbündete. Auf der Liste der städtischen Abteilungen setzte er mit seinem frischgespitzten Bleistift rasiermesserscharfe Kreuzchen hinter Tourismusamt, Standesamt und Planungsreferat. Hier würde er ansetzen, denn er wusste, dass dort Kollegen arbeiteten, die seine Sicht am ehesten teilen würden. Erst wenn er deren Rückendeckung hatte, könnte er andere Abteilungen angehen. Ulrich Scharfenberg zog aus um das Verwaltungswesen zu revolutionieren.

(183) Nehmen Sie bitte Platz, Herr Scharfenberg.

„Nehmen Sie bitte Platz, Herr Scharfenberg.“ Theodor Harpes deutete auf den mit rotem Samt bezogenen Besucherstuhl. „Danke, Herr Bürgermeister“, Scharfenberg setzte sich und schaute seinen obersten Dienstherrn erwartungsvoll an.

„Der Personalrat riet mir, dass ich mal ein bisschen Zeit mit Ihnen verbringen möge. Sie hätten da ein neues Verwaltungskonzept, das ich mir unbedingt anhören müsse.“ – „Das schmeichelt mir sehr, Herr Bürgermeister. Wenn Sie erlauben, würde ich es Ihnen gerne erläutern.“ – „Ich bitte darum.“

Scharfenberg holte aus und erzählte vom Frust mit dem er täglich konfrontiert war. „Verwaltung kann unmenschlich dickflüssig sein.“ Seit seinem Besuch der Veranstaltung zur Effizienzsteigerung in der Verwaltung hatte er sich mit Lösungsmöglichkeiten beschäftigt.

Die erste Frage, die er sich stellte, war: Wozu war eine Verwaltung da? Hierauf fand er die genauso verblüffende wie einfache Antwort: Die Verwaltung ist da, um zu verwalten. Darauf basierend die zweite Frage: Was behinderte die Verwaltung? Auch hierauf wusste Scharfenberg eine konkrete Antwort: es waren die Horden an Verwaltungsfremden. Es waren die Antragsteller, die Säumigen, die Verwarnten und Bestraften. Durch sie bekam der Verwaltungsapparat eine Schräglage und es kostete viel Mühe, ihn wieder zu stabilisieren.

„Sie meinen nicht etwa die Bürger?“, warf Harpes ein. „Wenn Sie die Verwaltungsfremden so nennen wollen, mir ist es recht. Wir haben auf der einen Seite professionelle, hoch ausgebildete und schlagkräftige Verwaltungsexperten, die ihr Äußerstes geben. Ihnen gegenüber stehen Amateure, manche sind des Schreibens, Lesens und Rechnens kaum mächtig. Sie füllen die falschen Formulare aus, stehen am falschen Schalter an und überweisen ihre Gebühren auf das falsche Konto. Sie sind es, die immer wieder Chaos in ein ansonsten hochpräzises und wohl austariertes System hineinbringen.

„Was schlagen Sie vor?“, fragte Harpes. Er versuchte heraus zu finden, ob er gerade von seinem Mitarbeiter auf den Arm genommen wurde. Scharfenberg hielt es für wahres Interesse und erkannte nicht die Ironie Harpes‘.

„Wir müssen den Beamten mehr Freiräume schaffen. Wir müssen sie vor diesen Horden der Barbarei schützen.“ – „Sie meinen mit den ‚Horden der Barbarei‘, die Bürger, die zu Ihrer Behörde kommen, ist das so richtig?“ – Scharfenberg nickte hefig. „Ohne Kontakt zu der Bevölkerung hätten wir einen Grad der Verwaltung erreicht, bei der es fast ausschließlich schlüssige, durchdachte Vorgänge gäbe.“

Harpes räusperte sich und sprach: „Herr Scharfenberg, ich glaube, man kann Ihr Engagement nicht genug Wert schätzen – aber Sie sind ab jetzt beurlaubt. Wir werden zu gegebener Zeit auf Sie zukommen.“

(184) Du bist eine Schande für unsere Familie.

„Du bist eine Schande für unsere Familie. Dein Großvater würde sich im Grabe umdrehen!“ Raimund Scharfenberg steckte sich die Stutzen der Nasenbrille in die Nasenlöcher und schaltete mit zittriger Hand das Sauerstoffgerät an. Er schloss kurz die Augen, als er spürte, wie der Sauerstoff in seine Lungen drang.

Ulrich wollte etwas einwenden: „Papa…“, aber sein Vater hob die Hand und brachte ihn zum Verstummen. Als die Atemnot vorbei war, klopfte er eine Zigarette aus dem Päckchen und zündete sie an. „was habe ich an deiner Erziehung falsch gemacht? Mein Vater war mir immer ein Beispiel. Warum bin ich das nicht für dich? Ich kenne keinen einzigen Menschen, der im Dienst beurlaubt worden wäre. Das gibt es doch einfach nicht. Es ist ja gerade das Prinzip der Beamtenklasse, zu bewahren und zu schützen. Es geht uns nicht darum, die Dinge in ihren Grundstrukturen zu verändern. Schon gar nicht zu revolutionieren.“

Wieder wollte Ulrich ihm antworten, aber wieder brachte ihn sein Vater mit einer kleinen Bewegung seiner Hand zum Schweigen. Ulrich schaute auf die bleiche, altersfleckige Hand, die von Falten überzogen war. Sie war dürr und dennoch von großer nervöser Energie beseelt. Als ob die hervorgetretenen Sehnen unter Hochspannung stünden. „Aber wenn du glaubst, du könntest jetzt bei mir unterkriechen, wenn das Geld knapp wird, dann hast du dich getäuscht. Es reicht schon, dass du am Ende erbst, ohne etwas verdient zu haben.“

Ein freundlicher aufmunternder Vater war Scharfenberg Senior nie gewesen. Aber seit seine Lungenkrankheit ihn immer schneller ermatten ließ, hatte sich zusätzlich die Boshaftigkeit in sein Wesen geschlichen. Als ob er es allen heimzahlen wollte.

Nach seiner Beurlaubung hatte Ulrich nichts mit sich anzufangen gewusst und gedacht, dass es eine gute Gelegenheit sein könnte, mit seinem Vater eine Art Neuanfang zu versuchen. Aber es gab keinen Austausch zwischen ihnen. Ulrichs Beurlaubung wirkte auf das Gemüt seine Vaters wie ein rostiger Nagel in der Fußsohle. Ulrich würde am nächsten Tag wieder abreisen. „Ich weiß auch nicht, warum die Menschen immer versuchen müssen, alles zu verbessern. Dieser krankhafte Zwang, alles und jedem seinen Stempel aufzudrücken. Wie kommt jemand wie du auf die Idee, die Verwaltung verändern zu wollen. Ja, sie effizienter machen zu wollen. Haha, haha…“

Das blubbernde Lachen seines Vaters wurde von einem Hustenanfall unterbrochen. Er spuckte in sein Taschentuch, schaute rein, klappte es zu. „Du bist ein Narr, Ulrich. Ein eitler Narr.“