(165) Christian stieß den Stock mit der Pestfahne, dem Totenkopf, dreimal gegen das Pflaster.

Christian stieß den Stock mit der Pestfahne, dem Totenkopf, dreimal gegen das Pflaster. Er stellte die Laterne ab und rückte die Ledermaske mit dem langen Schnabel zurecht. Auch den Sitz seines Dreispitzes überprüfte er. Die Touristen versammelten sich um ihn. Er stellte sich vor als „Dr. Schnabel, der Pestarzt“ und lud alle ein auf einen Rundgang zu den Orten der Stadt, an denen im Mittelalter die Pest gewütet hatte. Christian sammelte die Teilnahmescheine ein und genoss es, dass die meisten der Gruppe es vermieden, seine Hände, die in schwarzen Handschuhen steckten, zu berühren. Nadia hatte ihn bisher noch nicht in seiner Stadtführerkluft gesehen. Vielleicht sollte er sie mal so im Zoo besuchen.

Als die Gruppe vollständig war, führte er sie zuerst an einen ruhigeren Ort, wo er die Einführung zu dem Rundgang machte: „Wir gehen zurück ins Jahr 1492. Eine gewaltige Pestepidemie suchte die Stadt heim. Jede Woche starben über 1.000 Leute.“ Er ging zwischen der Gruppe umher, damit die meisten der Touristen emotional auf ihn konzentriert waren. „Die Obrigkeit befahl, alle Katzen und Hunde zu töten. Das war fatal, denn damit hatten die wahren Schuldigen ein noch leichteres Spiel… Die Ratten!“ Christian zog eine Plastikratte unter dem Mantel hervor und warf sie in die Luft.

Mit einem Quieken stob die Gruppe auseinander und die Ratte landete in der Mitte. Christian sammelte sie zufrieden wieder ein. Er hatte die Gruppe im Griff. Die Tour konnte beginnen. Er erzählte ihnen, wie die Leichen eingesammelt wurden, wo sie verbrannt wurden und wer sich darum kümmerte. Die Pestärzte waren eigentlich mindere Ärzte, die kein anderes Auskommen hatten. Sie waren quasi frühe Kassenärzte, die von der Stadt bezahlt wurden und dafür reich und arm gleichermaßen behandelten. Er erklärte ihnen das Wundermittel, mit dem man die Krankheit heilen wollte: aufgespießte und in Essig eingelegte Kröten, die man auf die Beulen legte. In Wirklichkeit half es aber, die Beulen aufzuschneiden, damit der Eiter abfließen konnte.

An einem Haus mit Butzenscheiben blieb Christian stehen und erklärte: „Hier in diesem Haus schrieb ein Mann an einem Werk, das zur berühmtesten Moralsatire des Mittelalters wurde. ‚Das Narrenschiff‘ von Sebastian Brant erschien 1494 und wurde schon zu seinen Lebzeiten 16 Mal aufgelegt und dazu in alle wichtigen europäischen Sprachen übersetzt. Hinzu kamen viele Raubdrucke. Ja, die Rechtepiraterie war damals schon ein Problem.“

(166) Narren, Narren und überall Narren.

Narren, Narren und überall Narren. Wenn er alle beschreiben sollte, würde alles Papier der Welt nicht reichen. 109 Narren, das würde reichen. Alle gemeinsam auf einem Schiff, unterwegs nach Narragonien. Habsucht, Kleidermoden, Schwätzerei oder Ehebruch – alles Beschäftigungen der Narren. Und wenn jemand mehr Narren haben wollte, so sei es drum, dann sollte er selbst einen Narrenspiegel schreiben.

Sebastian Brant schloss sich nicht aus bei den Narren. Im Gegenteil, er sah sich sogar an vorderster Stelle, als ein überheblicher Narr. Er besaß so manches Buch, das er weder gelesen hatte, noch es verstand. Seine Bibliothek war wie ein Festungswall gegen die ignorante Welt draußen. Ja, auch er gab sich fragwürdigen Neigungen hin, wie alle anderen auch. Vielleicht sollte er auch ein paar Weise mit einbauen, obwohl sie es nicht einfach haben würden in diesem Universum der Narretei.

Und eines neuen Heiligen bedurfte es auch: St. Grobian, der Patron der neuen Zeit. Unter seiner Fuchtel brauchte niemand zu grüßen, sich zu waschen, Zähne zu putzen oder die Haare zu kämmen. Die Nase musste nicht geputzt werden, die Sprache durfte so laut wie möglich sein und die Verdauung durfte ruhig zu ihren Mitmenschen sprechen.

Welch exquisites Personal dieses Schiff bevölkerte, ein wahres Spiegelbild, das er der Welt vorhielt.

Und dann brauchte er noch ein Motto:

Hier findet man der Welten Lauf,
Drum ist dies Büchlein gut zum Kauf.
Zu Scherz und Ernst und allem Spiel
Trifft man hier Narren, wie man will;
Ein Weiser sieht, was ihm behagt,
Ein Narr gern von den Brüdern sagt.
Hier hat man Toren, arm und reich,
Schlim schlem, für jeden seines Gleich.

Als er den Text abgeschlossen hatte, fehlten nur noch Bilder von allen sündigen Narren dieser Welt. Er wollte sie allesamt mit den typischen Symbolen, wie Narrenkappe, Eselsohren und Schellen darstellen lassen. Nichts ohne Grund. Mal sehen, was sein Verleger Johann Bergmann davon hielt.

(167) Cordt Niemeyer war keiner, der aufgab, wenn es schwierig wurde.

Cordt Niemeyer war keiner, der aufgab, wenn es schwierig wurde. Ganz im Gegenteil. Je größer die Herausforderung, desto entschlossener stellte er sich ihr. Auch jetzt hatte er nicht den Eindruck, am Ende seiner Möglichkeiten zu sein. Allerdings war es unwahrscheinlich, dass er die selbst gestellte Aufgabe in diesem Leben noch lösen würde.

Im ersten Teil seines Lebens war Niemeyer ein überaus erfolgreicher Unternehmer gewesen und damit unermesslich reich geworden. Er konnte alles tun, wonach ihm der Sinn stand und wohl deshalb wurden die Möglichkeiten immer fader. Er hatte damals Hilfe gebraucht.

Zuerst suchte er einen Psychologen auf, dem er seine Langeweile schilderte. Der Psychologe sagte ihm, er solle sich ein Hobby suchen. Wenigstens hatte er ihm keine jahrelange Therapie verordnet.

Niemeyer ging zu Alfred Heber, dem Pfarrer der Gemeinde in der er wohnte. Heber fragte ihn nach seinem Alter und ob er sich Gedanken über das Jenseits mache. Niemeyer verneinte. Der Pfarrer sprach von der Endlichkeit des Lebens und der Unendlichkeit des Jenseits. Doch da erreichte er sein Gegenüber schon nicht mehr.

Niemeyer hatte eben eine Eingebung gehabt. Er kombinierte die Ratschläge der beiden Seelenexperten und setzte sich eine Herausforderung. Er wollte eine geschlossene Aktion finden und durchführen, in der er mit einem Schlag alle sieben Todsünden gleichzeitig begehen würde. Wenn das kein Hobby war. Er las in der Folge alles, was er über die Todsünden finden konnte. Er erstellte Listen von Aktionen, die die einzelnen Sündenmöglichkeiten darstellten.

In seinem ersten Leben war er auch Sünder gewesen, allerdings, so stellte er fest, in einem kleinen abgesteckten Rahmen. Dies hier sollte die Mutter aller Todsündencluster werden. Mit der Zeit schien es ihm, dass nicht die Durchführung das Problem war, sondern die Planung. Er konnte sich keinen geschlossenen Ablauf ausdenken, in dem er alle sieben Todsünden beging. Fünf oder sechs war das Maximum.

Ein mögliches Szenario war:

Er sah sich in einem Badehaus, umgeben von Frauen, die ihn befriedigten (Wollust). Die Frauen wurden dazu gezwungen, als Stellvertreterinnen aller Frauen, die sich ihm jemals versagt hatten (Zorn). Nicht einmal richtig entschädigen wollte er sie für ihr Mitmachen (Geiz). Dazu schlang er große Mengen an Kaviar in sich hinein und trank Champagner dazu (Völlerei). Um ihn herum: arme, hungrige Leute, die alles mitansehen mussten (Hochmut). Er selbst hatte den Blick gerichtet auf einen anderen Mann, der von schöneren Frauen befriedigt wurde und dabei besseren Kaviar und teureren Champagner vertilgte (Neid).

Niemeyer hatte aber das Problem, dass er die Faulheit, die siebte Todsünde, nicht einbauen konnte, denn dafür war die Aktion schlicht zu aufwändig. Während die Jahre mit diesen Überlegungen vergingen, lebte Niemeyer ein sehr zurückgezogenes Leben. Eines Morgens wachte er nicht mehr auf.

(168) Sehr geehrte Trauergemeinde! Ein wertvoller Mensch ist von uns gegangen.

„Sehr geehrte Trauergemeinde! Ein wertvoller Mensch ist von uns gegangen. Wir sind traurig und können es noch gar nicht fassen, dass Cordt Niemeyer uns verlassen hat. Mir ist, als müsste er hier unter uns stehen und gemeinsam mit uns an dieser Trauerfeier teilnehmen. Unser Glaube verheißt uns große Hoffnung, aber in den Herzen kämpfen wir doch mit dunklen Fragen und Gefühlen. Schauen wir auf sein Leben.

Cordt Niemeyer war in seiner ersten Lebenshälfte ein erfolgreicher Unternehmer gewesen, der sich gemäß den Gepflogenheiten seines Standes benahm. Er selbst sprach von einem getriebenen Leben voller Halbwahrheiten und kleinen Sünden. Er erkannte auf dem Höhepunkt seiner irdischen Macht, dass dieses Leben ihn nicht glücklich machte. Es schränkte ihn ein und er strebte doch nach Höherem. Er verspürte Überdruss am Überfluss.

Er kam zu mir und fragte nach meinem Rat. Nach reiflicher Überlegung war es meine Empfehlung, dass er sich Gott öffnen sollte und dadurch einen Sinn in sein Leben brächte. Die Flamme des ewigen Lebens als warmes Licht, das ihn erfüllen konnte.

Mir war zuerst nicht bewusst, wie genau Cordt Niemeyer diesen Rat annehmen würde und sich tatsächlich der Liebe Gottes vollständig öffnen würde. Aber er tat es und es war für mich ein Wunder des Glaubens. Wie Saulus, der zum Paulus wurde. Er studierte die heiligen Schriften mit einer großen Akribie, nicht als Wissenschaftler, aber als Praktiker. Er wollte seinem Leben eine neue Orientierung zu geben. Er suchte nach einem Sinn für sein Dasein.

In dieser Beschäftigung ging er in seiner zweiten Lebenshälfte auf. Wenn ich einen Menschen kenne, der in dieser Zeit ein derart reines, von Sünden unbeflecktes Leben geführt hat, dann ist es unser Bruder Cordt Niemeyer. Er lebte ein Leben im Elfenbeinturm, nur der Erhebung Gottes gewidmet. Wie gerne würde ich die Notizen lesen, die er sich in all der Zeit aufgeschrieben hat. Vielleicht bekommen wir dazu noch Gelegenheit, wenn sein Nachlass bestellt sein wird. Mit all seinen Reichtümern hätte er alles machen können, wonach ihm der Sinn stand. Er tat es nicht. Und damit ist er ein Beispiel für uns alle.

Cordt Niemeyer hat seinen Füller aus der Hand gelegt und die Augen geschlossen. Der himmlische Vater hat ihn zu sich gerufen. In Seiner Gegenwart sieht er jetzt die Antworten auf die Fragen, um die er die letzten Jahre seines Lebens gerungen hat.“

(169) Elsbeth, du bist dran! Was hast du bloß mit Gertrud zu tuscheln?

„Elsbeth, du bist dran! Was hast du bloß mit Gertrud zu tuscheln?“ Jost Hunold zeigte auf die zwei Frauen, die zwar gerade von der Toilette zurückkamen, dann aber auf halbem Weg zum Kopfende der Kegelbahn stehen geblieben waren.

„Gertrud, jetzt mach doch hinne!“, stimmte Heinz Bickert, Gertruds Ehemann ein. „Wir haben noch gerade über das Begräbnis gesprochen“, erklärte Gertrud, als sie sich wieder an den Tisch setzte. Elsbeth stand am Trog und wählte ihre Lieblingskugel aus.   Sie nahm Anlauf und ließ die Kugel die Scherenbahn hinunter schlittern. 5 Kegel fielen um. Sie wartete bis die Kugel über die Rückbahn wieder auflief. Beim zweiten Wurf schmiss sie die restlichen vier um.

Jost freute sich und schrieb 81 auf. Jetzt war Heinz an der Reihe: 49. Gertrud schonte den König und das Hinterholz, nur 7 Punkte. Heinz zog eine Fluppe – sie hatten das Spiel verloren.

„Anstatt hier im Kegeln dick zu gewinnen, würde ich mal lieber dem Niemeyer sein Vermögen erben! Es soll gar keinen Erben geben.“ – „Schade, dass er so einsam leben musste. Heinz kannte ihn, ein sehr netter und umgänglicher Mensch. Nicht wahr, Heinz“, Gertrud stieß Heinz an, der noch immer motzte. „Von kennen kann keine Rede sein. Er kam mal zu uns in den Schlachthof und ließ sich alles zeigen. Aber es stimmt“, pflichtete er Gertrud bei, „er war sehr freundlich und aufmerksam. Blitzgescheit.“ – „Der Pfarrer schien ihn auch gut gekannt zu haben. Ich hätte ja nicht gedacht, dass der ein Bibelforscher war.“ – „Das ist etwas anderes. Er hat wohl irgendwie geforscht. Was weiß ich, ein Hobby. Geld hatte er ja schon.“ – „Das wird wohl alles an den Staat gehen.“ – „Jammerschade.“ – Ich wüsste schon, was ich damit anfangen würde.“ – „Ein Haus kaufen. Eine Reise machen. Neues Auto.“ – „Da könntest du dir jedes Jahr ein Auto kaufen, das macht keine Delle im Geldhaufen.“ – „Jammerschade.“ – „Aber irgendjemand meinte vorhin auf dem Friedhof, dass er doch Familie hat.“ – „Na, der hat ausgesorgt.“ – „Vielleicht könnte man ja auch etwas spenden, für alle, die weniger Glück haben“, fügte Elsbeth hinzu.

Alle murmelten zustimmend. Niemeyer war ein mysteriöser Mitbürger in dem Dorf gewesen. Vom ersten Augenblick an, als er seine Riesenvilla aufbaute.

Jost brach das Schweigen: „Spielen wir noch eine Runde?“ – „Nein“, antwortete Gertrud. Ich habe Kopfschmerzen. Mir reicht es jetzt.“ Heinz winkte nach dem Kellner, der den Kassenzettel brachte. „Zusammen oder getrennt“, fragte er, obwohl er die Antwort schon längst kannte. „Getrennt, bitte“, antwortete Elsbeth und zog die Geldbörse mit dem Wechselgeld aus der Handtasche.

(170) Der Notar und der Pfarrer hatten gemeinsam nach ihm gesucht.

Der Notar und der Pfarrer hatten gemeinsam nach ihm gesucht. Es war nicht wirklich schwer gewesen. Erst fand Louis Niemeyer eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter, dann folgte das Telefonat mit Pfarrer Heber.

Was Heber ihm über seinen Vater erzählte, passte nicht mit Louis‘ Erinnerungen zusammen. Für ihn war sein Vater ein Mann, der ständig unter Strom stand und für den Gewinnen und Profitmachen die oberste Maxime war. Louis war überzeugt, dass es ihn gebrochen hätte, wenn es nicht zu der Scheidung von Cordt und Mia gekommen wäre. Natürlich war er bei Mia geblieben, mit einer Abfindung recht komfortabel abgesichert.

Anscheinend hatte sich sein Vater im Laufe der Zeit sehr verändert. Der Mensch, von dem Heber sprach, schien Louis gar nicht unsympathisch. Vielleicht hätte er doch den Kontakt suchen sollen. Am Anfang, als er noch selbst suchte, wäre es fatal gewesen. Aber als er den Verlag gegründet hatte und stabil auf eigenen Füßen stand, hätte er es sich erlauben sollen. Nicht dass sein Vater ihn für die Gründung eines Verlags für Spaßpostkarten bewundert hätte. „Postkartenverlag?“, hätte er geschnaubt, „das ist doch nicht dein Ernst?“ Immerhin war es für Louis eine Verbindung zwischen einer vage künstlerischen Beschäftigung und einem Verdienst. Anspruchsvoll war seine Produktion nicht, dafür aber erfolgreich.

Jetzt war er mit einem Schlag sehr reich geworden. Der Pfarrer hatte ihm gesagt, dass es ein Testament gäbe und er der einzige Erbe sei. Diese Möglichkeit hatte er all die Jahre verdrängt. Der Tod seines Vaters war eine biologische Notwendigkeit, aber nicht in Louis‘ Lebensplan vorgesehen. Auf jeden Fall hatte sein Vater an ihn gedacht. Oder er wollte bloß vermeiden, dass alles an den von ihm verhassten Staat gehen sollte. Vielleicht hatte er noch einen Brief an seinen Sohn geschrieben? Er würde hinfahren und sich alles ansehen. Louis fühlte sich verunsichert und war deswegen erstaunt. Er hatte gedacht, dass diese Vergangenheit für immer abgeschlossen sei.

Sollte er Mia davon erzählen? Wenn sie einen lichten Augenblick hatte, würde er es versuchen. Meistens dämmerte sie nur vor sich hin, gehalten von den strengen Ritualen der Einrichtung. Zumindest würde er sie jetzt in ein besseres Pflegeheim bringen können. Zumindest dafür war das Vermögen seines Vaters gut. ‚My father just died and all I got was this lousy postcard‘, ging es ihm durch den Kopf.

(171) Rob brauchte ein Verlobungsgeschenk für Viktor Leitner, seinen besten Freund.

Rob brauchte ein Verlobungsgeschenk für Viktor Leitner, seinen besten Freund. Deshalb ging er in einen Geschenkeladen. Er stöberte herum und entschied sich schließlich für eine Salatschüssel samt Besteck. So etwas besaß Viktor nicht. Kein tolles Geschenk, nur irgendetwas Nützliches zum Auspacken.

An der Kasse fand er eine Postkarte, die aber das Geschenk in seinen Augen aufwertete. Rob blinzelte der Kassiererin schmunzelnd zu, als er alles auf den Kassentisch legte. Auf der Postkarte saß ein Mann im Anzug neben einem Bett, auf dem sich eine sehr leichtbekleidete Dame räkelte. Der Mann schien ihr etwas zu erklären, das er ablas von einem Papier, mit der Überschrift ‚Lebensversicherung Police‘. Auf der Postkarte selbst stand: ‚Er war nicht nur ein unvergleichlicher Frauenheld, sondern auch ein Versicherungsvertreter ohnegleichen.‘

Rob fügte ein paar persönliche Worte hinzu und legte das verpackte Geschenk am Abend der Verlobungsfeier auf den Präsentetisch. Am nächsten Tag packten Olga und Viktor die Geschenke gemeinsam aus. Die Salatschüssel interessierte Viktor nicht, aber er musste sehr über die Postkarte lachen. In der Tat hielt er sich für einen hervorragenden Versicherungsvertreter und Schlag bei den Frauen hatte er auch. Lachend reichte er die Postkarte weiter an Olga. Sie las Robs Widmung, schaute die Karte an und fing an zu weinen. Viktor, der schon das nächste Geschenk auspackte, noch ein Toaster, bemerkte es zuerst nicht. Als er es bemerkte, hatte er die Karte schon vergessen.

Er drängte Olga zu einer Erklärung. Sie weinte weiter. Viktor fragte sich, was der Auslöser sein könnte, aber ihm fiel nichts ein. Auch auf erneutes Fragen erhielt er keine Antwort von ihr. Irgendwann schluchzte Olga: „Ist es wirklich so, wenn du arbeitest?“ Viktor wusste nicht, was sie meinte. Schließich hielt sie ihm die Postkarte hin. Langsam verstand Viktor. Olga hatte keine Ahnung vom Alltag eines Versicherungsvertreters. Stattdessen war sie dem romantikverfrachteten Klischee verfallen, das immer wieder in schlechten Witzen bemüht wurde. Der Vertreter, der vereinsamte Hausfrauen besuchte, ihnen Policen verkaufte, die sie nicht brauchten und dafür von ihnen Sex bekam, den die Kundinnen selbst am Meisten benötigten. Früher war das vielleicht einmal so. Er dachte an die Witwen von Spätheimkehrern, die sich mit Versicherungsvertretern, Milchmännern oder Postboten emotional über Wasser hielten.

Viktor nahm Olga in den Arm und erzählte ihr von den muffigen Wohnungen, in denen er von unförmigen Matronen empfangen wurde. Er berichtete von beinamputierten Ehemännern, die in Wohnküchen stumm zusahen, wie er die zerknitterten Geldscheine für die Versicherungsprämien einstrich. Die unfreundlichen Worte, die man an ihn richtete, weil ein Schaden, „der erste seit dreißig Jahren“, nicht anerkannt worden war, weil der Vorsatz zu sehr erkennbar war.

„Das ist die Realität“, sagte er, „und sie sieht nicht schön aus.“ Langsam trockneten ihre Tränen. Nachher zerfetzte Viktor die Postkarte und warf sie in den Mülleimer.

(172) Hallo, Herr Leitner? Hier spricht Wolfram Nussbeck…

„Hallo, Herr Leitner? Hier spricht Wolfram Nussbeck… Genau der. Störe ich Sie gerade?… Gut, ich meine, nicht ganz so gut. Ich habe einen Unfall… Nein, nur Materialschaden, Gottseidank… Ja, wenn Sie Zeit haben, kann ich Ihnen das gerne schildern… Ich fahre auf der B223, Richtung Süden. Rechts ist eine Busspur, ich bin auf der linken Spur. Die Straße kommt zu einer Kreuzung, ich habe grün und fahre mit kaum mehr als 50 Stundenkilometer über die Kreuzung. Da taucht ein Mann auf dem Zebrastreifen auf und ich erschrecke dermaßen, dass ich den Wagen verreiße und den Lampenmast auf der Verkehrsinsel ramme… Nein, es geht noch weiter… Der Mast fällt um, auf die andere Straßenseite, einem Wagen auf den Kühler. Der bremst und zwei weitere krachen ineinander… Es sieht sehr unschön aus hier… Eigentlich hätte ich den Fußgänger sehen müssen, das stimmt… Nein, wo denken Sie hin? Ich habe keinen Tropfen getrunken, es ist helllichter Tag… Gar nichts. Ich habe nicht telefoniert, es war keine Wespe im Wagen, kein nörgelnder Beifahrer. Es ist so, als ob ich einen Blackout gehabt hätte… Nein, so etwas hatte ich noch nie…“

Nussbecks Schilderung entsprach der Wahrheit – bis auf einen Punkt. Er wusste, warum er die Kontrolle über das Auto verloren hatte, auch wenn er den Grund nicht genau verstand. Als er an der Verkehrsampel vorbeigefahren war, sah er den Fußgänger auf dem Zebrastreifen. Es war ein Mann von ungefähr sechzig Jahren, graue Haare, eine Brille, heller Regenmantel, grüner Lodenhut, leicht hängende Unterlippe.

Bei Nussbeck hatte die Wahrnehmung des Mannes eine direkte Verbindung zu seinem Gedächtnis geschlagen. Diese Verbindung war so intensiv, dass jegliche Aktivität seines Gehirns in der kurzen Zeitspanne zurückgestellt wurde. Mehrmals fragte das Gedächtnis nach, ob die Wahrnehmung keiner Täuschung oblag. Jedes Mal kam ein neues Bild, das die vorherigen bestätigte.

In dieser Zeit waren kostbare Meter Bremsweg vergeudet worden und als Nussbeck schließlich reagierte, war Bremsen keine Option mehr, er konnte nur noch ausweichen. Er riss das Steuer nach links und hing dann auch schon mit dem Kühler am Lampenmast.

Dass dieser knickte, konnte er nicht mehr erkennen, denn er hatte nur die weiße Folie des Airbags vor Augen und war etwas benommen. Passanten klopften an das Fenster und irgendwann öffnete er selbst die Tür und stieg schwankend aus. Da war die Kreuzung schon in ein wrackübersätes Chaosfeld verwandelt worden. Der Fußgänger, der Nussbeck so sehr an Karlheinrich Wilhelm erinnert hatte, war nirgends mehr zu sehen.

(173) Schallplatten, Waschmitteltrommeln mit Modellautos, manchmal schmutzige Magazine…

Schallplatten, Waschmitteltrommeln mit Modellautos, manchmal schmutzige Magazine… All dies konnte man in großen Mengen auf der Müllkippe finden. Wolfram Nussbeck zweifelte nicht daran, was ihm seine Schulkameraden damals erzählten. „Montagabend ist am besten, denn montags kommen die reichen Viertel dran.“ Am folgenden Montag ging Wolfram nach der Schule nicht nach Hause. Seiner Mutter hatte er erzählt, dass er zu einem Freund ginge, um Hausaufgaben zu machen. Zu der Müllkippe kam man durch eine Straße, die von Büschen gesäumt einen Hügel erklomm. Bereits an den Büschen hingen Müllfetzen, die aus den Müllwagen gefallen waren. Und es stank nach verbrennendem Abfall. Als Wolfram oben ankam erwischte ihn ein Rauchschwaden und er musste schrecklich husten. Seinen Schulranzen versteckte er hinter einem Erdhaufen.

Die Kippe wuchs in verschiedene Richtungen, manche Teile waren auch schon wieder von Erde bedeckt. Wolfram sagte sich, dass die neuesten Anlieferungen dort sein müssten, wo die Feuer brannten und ging tapfer in diese Richtung. Obwohl er den dicksten Schwaden auswich, brannten ihm die Augen schon bevor er die Schüttkante erreichte.

Dann trat ein Schatten aus den Rauchschwaden. Ein großer Mann, der einen durchsichtigen Plastikregenmantel trug, darunter einen fleckigen blauen Overall, auf dem Kopf ein Hut aus grünem Loden und Gummistiefel an den Füßen. Im Mund ein dicker Zigarrenstummel, wodurch seine Unterlippe etwas herunterhing. „Junge, wie heißt du?“, fragte er und deutete mit dem Zigarrenstummel auf Wolfram, obwohl es sonst niemanden gab. „Ich bin Wolfram. Wer sind Sie?“ – „Karlheinrich Wilhelm. Du kannst mich Karlheinrich nennen. Hier auf der Kippe sind wir nicht so förmlich.“ Er streckte seine dreckige Hand aus. Wolfram zögerte, schüttelte sie dann. „Ich zeig‘ dir was!“.

Wilhelm führte ihn zu einem Stapel Kartons. Den obersten räumte er weg. „Da bist du noch zu jung.“ In dem Karton darunter waren Medikamente, als ob jemand seine Hausapotheke ausgemistet hätte. „Die sind noch alle gut!“, erklärte Wilhelm, nahm eine Pille aus einem der Fläschchen und steckte sie in den Mund. „Das hält einen gesund. Das und Obst.“ In dem untersten Karton waren Bananen. Wilhelm hielt ihm eine davon hin. Es ekelte Wolfram, aber er konnte nicht anders. Sie aßen beide je eine Banane. „Schmecken doch super, oder?“ Wolfram nickte gequält. „Und dann schauen wir mal, was wir beiden Hübschen hier sonst noch so unternehmen, was?“

Als Wolfram endlich zu Hause ankam, war es schon dunkel. Er war schmutzig, stank nach Müll und Rauch. Natürlich hatte er das Abendessen verpasst. Vater und Mutter nahmen ihn ins Verhör. Er sagte, dass er mit seinem Freund auf der Müllkippe war und sie die Zeit vergessen hätten. Wenigstens glaubten sie ihm, ohne bei dem Freund anzurufen. Es blieb bei einer Ermahnung und einem Verbot noch einmal zu der Müllkippe zu gehen.

(174) Nussbeck hatte danach von selbst die Müllkippe immer gemieden.

Nussbeck hatte danach von selbst die Müllkippe immer gemieden. Wilhelm hatte er auch nie wieder gesehen. Manchmal glaubte er noch den Geruch des verbrannten Mülls in der Nase zu spüren. Genau wie an diesem Nachmittag, als er hätte schwören können, dass es Wilhelm war, der über den Zebrastreifen ging.

Während er am Unfallort wartete, erinnerte sich Nussbeck, dass er damals ein Foto auf der Müllkippe gefunden und eingesteckt hatte. Nachdem die Polizei alles aufgenommen hatte und sein Wagen abgeschleppt war, durfte Nussbeck mit einem Taxi nach Hause fahren. Dort nahm er seine große Kiste mit Erinnerungsstücken aus seinem ganzen Leben aus dem Schrank. Er wühlte darin, bis er das Foto wiederfand.

Darauf war rechts der Kopf von Kim Rosenkranz zu sehen, einem Schauspieler. Als Nussbeck das Foto auf der Kippe gefunden hatte, erkannte er Rosenkranz sofort. In dem ersten Film, den Nussbeck als Kind im Kino gesehen hatte, hatte er die Hauptrolle gespielt. Neben Rosenkranz war der Kopf einer Frau, die breit in die Kamera lächelte, zumindest auf der rechten Seite, denn die linke Kopfhälfte war von einem unachtsamen Fotografen abgeschnitten worden. Rosenkranz sah auf dem Foto sehr müde aus, als ob man ihn bei etwas gestört und vor die Kamera gezerrt hätte.

Rosenkranz war für Nussbeck in seiner Jugend ein Held gewesen. Egal in welcher scheinbar ausweglosen Situation sich Rosenkranz befand, er schaffte es immer mit ein paar witzigen Bemerkungen, seinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen. Nussbeck und alle anderen Jungs in seiner Klasse versuchten Rosenkranz nachzuahmen. Seine besten Entgegnungen, seine Tics, alles hatten sie genau beobachtet und wandten es an, wenn sie glaubten die Gelegenheit dazu zu haben. Natürlich war ihr Timing schlecht und sogar als Parodie waren ihre Darbietungen nicht mit anzusehen. Nussbecks Mutter ertrug es meistens mit stoischer Ruhe und griff nur ein, wenn es wirklich zu viel wurde.

Irgendwann war das Thema durch, obwohl die Filmkarriere von Rosenkranz noch lange weiterging und Nussbeck seine Filme immer noch gerne sah. Er hatte nur eingesehen, dass eine Nachahmung sinnlos war. Lange Zeit hatte er das Bild von Rosenkranz immer wieder angeschaut und mit der Zeit war auch die Frau für ihn zu einer Mitheldin geworden. Sie war in Nussbecks Wahrnehmung unzertrennlich mit Rosenkranz verwoben. Er fragte sich, wie das Bild zustande gekommen war und in welcher Beziehung Rosenkranz mit der Unbekannten stand. Es war auf jeden Fall kein Profibild und es schien auch nicht bei einem offiziellen Anlass aufgenommen zu sein. Eher ein gestelltes Bild, auf der Straße aufgenommen.