(144) Als Marita ihn vom Bahnhof abholte, hatte sie Jaap schon angekündigt…

Als Marita ihn vom Bahnhof abholte, hatte sie Jaap schon angekündigt, dass es momentan mit ihrer Schwiegermutter etwas schwierig sei. Jetzt saß er im Wohnzimmer quasi im Niemandsland zwischen den Schusslinien. An seiner rechten Seite stand Marita am Bügelbrett und legte die Wäsche zusammen, die sie aus dem Trockner genommen hatte. An seiner linken Seite saß Ilona am Tisch und tat so, als ob sie Zeitung lese. In Wirklichkeit aber schmollte Ilona. Ihr Schmollen hatte sich wie Montageschaum im Zimmer ausgedehnt und war am Verhärten. Jaap wollte etwas sagen, ihm fiel aber nichts ein. Marita versuchte, die Situation nicht wahr zu haben und warf ab und zu Sätze in den Raum, wie „Morgen gehen wir mal in den Zoo.“ oder „Es wird bestimmt auch wieder aufhören zu regnen.“

Ein kurzer Austausch führte dann zur Explosion. Marita sagte: „Erinnert mich daran, dass ich morgen beim Konditor den Geburtstagskuchen für Jessica abhole.“ Ilona entgegnete: „Ich wollte den Kuchen ja backen, aber du wolltest nicht.“ Marita antwortete: „Es war einfacher so.“ Ilona: „Du respektierst nie, was ich mache. Ich bin hier das fünfte Rad am Wagen.“ Marita: „Das stimmt doch nicht. Ich weiß gar nicht, was du dir vorstellst. Es kann doch nicht jeder sein Leben verändern, weil du hier bist.“ Ilona: „Ich sehe doch was hier läuft. Seit ich hier bin, fühlst du dich attackiert.“ Marita: „Kein Wunder. Du sitzt die ganze Zeit in deiner Ecke und beobachtest mich. Wie eine Spinne!“

Jaap schlich sich aus dem Zimmer. Schon jetzt dröhnten seine Ohren. Er stellte sich Marita und Ilona beim Catchen im Ring vor. Das wäre spektakulär.

Jaap klopfte leise an Jessicas Tür und schaute hinein. Sie lachte, als sie ihn sah. „Na, streiten die beiden sich oft?“ – „Ja, leider. Solange Omi mit Mami in einem Zimmer ist, bleibe ich hier. Nur beim Essen muss ich dabei sein.“ Jaap setzte sich zu ihr auf den Boden. „Sag mal, Onkel Jaap, was arbeitest du eigentlich?“ Jaap überlegte, was er ihr antworten konnte. Die Frage war bisher nie ein Thema gewesen, weil alle ihn für einen Totalversager hielten und sich nicht vorstellen konnten, dass er einer geregelten Tätigkeit nachging. Sollte er ihr die Wahrheit sagen? Schlammcatchen war kein besonders reizvoller Beruf.

„Ich bin Arzt“, antwortete er. „Wirklich? Aber warum sagen alle, dass du ein Versager bist? Das ist doch ganz toll. Du bist dann mein Onkel Doktor!“ Sie kicherte. „Weißt du, Jessica… Es stimmt nicht. Einmal, vor langer Zeit, wollte ich Arzt werden. Aber es ging nicht. Soll ich dir mal erzählen, warum ich Arzt werden wollte?“

(145) Als ich so alt war wie du, las ich eine Geschichte über einen Arzt.

„Als ich so alt war wie du, las ich eine Geschichte über einen Arzt. Es ist eine wahre Geschichte, die vor langer Zeit passierte. Der Arzt hieß Dr. Robert Cornish und er lebte in Amerika. Er hatte gerade seine Studien beendet und jeder sagte von ihm, dass er ein Genie sei.

Eines Tages hatte er die Idee, dass man es schaffen könnte, einen toten Menschen wieder zu beleben. Er glaubte, dass man in den Körper eine Flüssigkeit einspritzen müsse, in der viel Sauerstoff und Adrenalin drin sei. Adrenalin ist etwas, das das Herz zum Schlagen bringt. Dazu hatte er eine Art Wippe gebaut, wie auf dem Spielplatz. Damit konnte man den Körper hin und her bewegen, um die Flüssigkeit zu verteilen.

Dr. Cornish versuchte es zuerst an Menschen, die ertrunken waren, einen Herzstillstand hatten oder an denen ein Todesurteil vollstreckt worden war. Aber es funktionierte nicht, sie blieben tot. Dann versuchte er es mit Hunden, die er vorher selbst tötete, um sie dann wieder zu beleben.“ – „Er tötete die Hunde?“ Jessica sah Jaap ungläubig und empört an. „Ja, das musste er tun. Heute würde man das bestimmt ganz anders machen, aber das hier ist schon sehr lange her. Bei zwei Hunden gelang es ihm, sie wieder zum Leben zu bringen. Allerdings nur für kurze Zeit. Er nannte die beiden Lazarus IV und Lazarus V.“ Jessica sah geschockt aus. „Er hat wirklich süße Hunde umgebracht, um sie dann wieder zu beleben? Das ist ja grausam. Und was war mit Lazarus I, II und III? Sind sie nie wieder erwacht? Das ist so traurig. Warum hat er das gemacht?“

Jaap spürte, dass er einen Fehler begangen hatte. Oder er hatte die Geschichte schlecht erzählt. „Ich denke, er wollte frische tote Hunde, damit das Experiment gelingen konnte. So wie du auch lieber frische Äpfel isst…“ – „Aber Äpfel sind doch nicht tot. … Oder doch?“ – „Das kann man gar nicht vergleichen. Äpfel und Hunde, das geht nicht. Aber weißt du, er wollte Menschen helfen, damit die nicht zu sterben brauchen.“ – „Das würde Mami nicht gefallen. Sie freut sich doch schon darauf, wenn Omi Ilona stirbt.“

Jaap musste einen Weg aus dieser Unterhaltung finden. „Aber genug zu mir. Erzähl doch mal, was Du gerne werden willst, später im Leben?“ Jessicas Blick wurde wieder heiter. „Ich möchte Prinzessin werden.“ – „Prinzessin Jessica?“ – Nein, Jessica ist kein Name für eine Prinzessin. Ich bin Prinzessin Yasmina!“ – „Euer Hoheit!“ Jaap verneigte sich im Sitzen. „Wie würde denn der Tag Ihrer Königlichen Hoheit aussehen?“

(146) Prinzessin Yasmina wird vom Zwitschern eines wunderschönen bunten Vogels geweckt…

„Prinzessin Yasmina wird vom Zwitschern eines wunderschönen bunten Vogels geweckt, der auf dem Nachttisch sitzt. Sie könnte noch im Bett bleiben, aber es gibt so viel zu erleben, dass sie gleich aufsteht. Vom Fenster ihres Zimmers im höchsten Turm des Schlosses kann sie ihr ganzes Land sehen, vom Meer bis zu den Bergen. Überall scheint die Sonne und das Land ist sehr grün. Zum Anziehen liegt ein wunderschönes Kleid bereit, das gut zu der kleinen Krone passt, die sie am Ende aufsetzt.

Beim Frühstück sitzt sie mit ihren wichtigsten Beratern zusammen, die ihr Vorschläge machen, wie sie den Tag verbringen kann. Yasmina könnte zum Beispiel stundenlang auf dem Treppengeländer herunterrutschen. Oder in dem großen Tanzsaal mit dem Ball spielen. Oder in den Stall gehen und die Kaninchenbabys begrüßen. Natürlich würde sie viel nach draußen gehen an die frische Luft. Zum Beispiel könnte sie mit einem großen Schiff über alle ihre Seen und Flüsse fahren und ihre Untertanen besuchen. Dabei würde sie ihren Gemahl, den Prinzen Hubertus, mitnehmen. Mit ihm könnte sie auf die Jagd gehen, aber es würde dabei natürlich nie geschossen werden. Alle ihre Untertanen würden sie lieben, denn sie wäre eine sehr großzügige Prinzessin. Überall wäre sie gerngesehen. Bei Festen würde sie den Tanz eröffnen und bis in die Nacht herumwirbeln. Sie würde viel ausreiten und dabei die Wälder und Berge erkunden.“

„Gibt es denn auch einen König“, fragte Jaap. „Ja, den gibt es. Aber er ist sehr weit weg, hinter den Bergen. Prinzessin Yasmina sieht ihn manchmal, aber nur ganz selten. Das ist auch nicht schlimm, denn ihre Untertanen sind auch sehr zufrieden mit ihr und wollen den König gar nicht mehr. Nur die Königin kommt manchmal auf Besuch. Sie darf dann mit ausreiten oder reisen. Aber sie darf der Prinzessin nicht sagen, was sie tun darf und was nicht.“ – „Natürlich nicht“, pflichtete Jaap ihr bei. „Es gibt auch eine Hexe, die versucht, alle zu verzaubern. Die einen versucht sie in Steine zu verwandeln, die anderen in Tiere. Aber die Prinzessin kann immer den bösen Fluch aufheben und alles wieder heil machen.“ – „Das klingt ja alles sehr aufregend“, meinte Jaap. „Prinzessin zu sein heißt aber auch, dass du verantwortlich bist, dass alles funktioniert und deine Untertanen glücklich sind. Wer macht denn die Arbeit, damit alles rund läuft?“ – „Das ist überhaupt kein Problem“, antwortete Jessica, „dafür habe ich einen Verwalter, Herrn Mayer.“

(147) Bevor er zu Bett gegangen war, hatte Herr Mayer seine schöne blaue Uniformjacke mit den Goldknöpfen noch über den Stuhl gehängt.

Bevor er zu Bett gegangen war, hatte Herr Mayer seine schöne blaue Uniformjacke mit den Goldknöpfen noch über den Stuhl gehängt. Als er aufwachte, war sie weg. Genauso wie seine goldbetressten Uniformhosen und sein Tschako mit dem roten Wollpompon. Er war auch nicht in seinem Himmelbett im Palast, sondern in einem seltsam kahlen Raum. Nur seine Aktenmappe stand noch da, allerdings war sie leer. Er zog an, was er finden konnte: ein leichenblasses Hemd und ein schmuckloser grauer Anzug. Er verließ das Zimmer und fand sich in einem langen Gang mit vielen weiteren Türen wieder. Am Ende eine Treppe, der er nach unten folgte. Schnell lief er aus dem Haus.

Erst draußen gab es andere Menschen. Auch sie trugen langweilige Kleidungsstücke in gedeckten Farben. Lustlos schlichen sie die Straße entlang. Was war geschehen? Wo war Prinzessin Yasmina? Herr Mayer fand sich nicht zurecht. Es gab nur eine Möglichkeit, die diese große Veränderung erklären konnte: er oder vielleicht sogar die ganze Welt war von der bösen Hexe verzaubert worden. Nur Prinzessin Yasmina konnte ihn von diesem Fluch befreien. Er musste sie finden.

Herr Mayer ging die Straße hinunter. An den Hauswänden standen Frauen, die ihn seltsam fordernd anschauten. Sie waren arme Kreaturen, die sich nicht einmal ausreichend Kleidung leisten konnten. So waren sie dazu verdammt in halbentblößtem Zustand auf der Straße zu stehen. Dazwischen saßen auch ein paar Männer auf dem schmutzigen Bürgersteig und hielten die Hand offen. Herr Mayer machte einen weiten Bogen um sie, denn sie hatten bestimmt Lepra.

An einer Kreuzung überlegte er, in welche Richtung er gehen sollte. Die zwei neuen Möglichkeiten sahen aber nicht anders aus, als das was er bisher gesehen hatte. Nachdem er ein paar Mal auf der Kreuzung im Kreis gegangen war, um neue Perspektiven zu gewinnen, hatte er komplett die Orientierung verloren und wusste nicht mehr, woher er gekommen war.

Zwei Männer kamen ihm entgegen. Er fragte, wie er zum Schloss gelangen könnte. Ein Mann befragte ihn, welches Schloss er denn meine. Während er erklärte, verspürte Herr Mayer, dass jemand seine Aktentasche unter seinem Arm hervorzog. Es war der andere Mann. Die beiden liefen davon und hielten triumphierend die Tasche in die Höhe. Herr Mayer schrie, laut und ausdauernd. Endlich kam ein Polizist auf ihn zu. Herr Mayer erklärte, was ihm gerade geschehen war. Er zeigte dem Polizisten mit dem Finger die beiden Räuber, die man von weitem immer noch sehen konnte. „Erschießen Sie die beiden Räuber!“, forderte er den Polizisten auf. Doch dieser zuckte nur mit den Achseln und ging weiter.

(148) Manchmal wünschte sich Sebastian Oberhuber, dass es tatsächlich erlaubt sei, in Flagranti erwischte Räuber einfach abzuknallen.

Manchmal wünschte sich Sebastian Oberhuber, dass es tatsächlich erlaubt sei, in Flagranti erwischte Räuber einfach abzuknallen. Am besten noch, ohne dass man darüber ellenlange Berichte verfassen müsste. Aber was dieser Knallkopf eben von ihm verlangt hatte, das war nicht möglich.

Oberhuber kehrte zu seinen Gedanken zurück. Vor einem Schaufenster blieb er stehen und betrachtete sich. Trotz des Schnurbarts sah er einfach nicht wie eine Autoritätsperson aus. Er hatte schmale Schultern, dünne Arme und seine Brust schien eher nach innen gewölbt als nach außen. Kein Wunder, dass Frauen ihn gar nicht wahrzunehmen schienen. Schon öfters hatte er es eingerichtet, dass er einer der Kolleginnen, die er besonders scharf fand, um die Mittagszeit wie zufällig über den Weg lief. Falls es auch nur das geringste Interesse an ihm gab, wäre es völlig normal gewesen, ihn zu fragen, ob er mit in die Kantine gehen wollte. Aber außer einem willkürlichen Hallo war nie etwas passiert.

Beim Streifendienst war in seinem derzeitigen Revier keine Frau eingeteilt. Aktiv würde sich an ihn auch keine Frau erinnern. Aber auch gestützt wäre sein Bekanntheitsgrad äußerst gering. Ein wenig Ermunterung hätte ihm den ersten Schritt einfacher gemacht, aber für Frauen schien er einfach nicht zu existieren.

Oberhuber ging weiter und kam an einem Fitnessstudio vorbei. Im Aushang sah er Fotos von den Geräten und den Trainingsräumen. Daneben auch ein paar Vorher-Nachher-Fotos auf denen sich quallenförmige Fettwänste in wohlgeformte Muskelprotze verwandelten.

Oberhubers Ausgangslage war natürlich sehr viel günstiger und es war auch nicht sein Ziel, Mr. Universum zu werden. Er wollte nur an den entscheidenden Stellen etwas Muskelpolsterung aufbauen. Die Chancen standen nicht schlecht, dass er mit etwas Disziplin seinem Körper eine bessere Form geben konnte. Er müsste sich genauer erkundigen. In Uniform konnte er nicht hineingehen, aber nach Dienstschluss würde er mal vorbei schauen. Bis dahin wollte er auch im Polizeicomputer nachschauen, ob irgendetwas gegen den Laden vorlag. Bei einigen Fitnessstudios verkehrte viel Halbweltgesindel, da wäre es für ihn sehr schlecht, dort angetroffen zu werden.

Wenn er erst einmal einen ansehnlichen Körper haben würde, wäre ein Tattoo auch nicht schlecht. Während er weiter längs des Bahnhofs in Richtung Revier zurückging, malte er sich aus, welches Motiv er wählen würde. Etwas Geschmackvolles für die Ewigkeit. Vielleicht ‚Sebastian‘ an der Stelle auf der Brust, wo er jetzt außen das Schild mit ‚Oberhuber‘ trug. So nach dem Motto: wer bis dahin gekommen ist, der darf auch Sebastian zu Herrn Oberhuber sagen. Das gefiel ihm und er lächelte einer Prostituierten zu, die ihn aus stumpfen Augenhöhlen ansah.

(149) OK, Herrschaften, lassen Sie uns den Einsatz von heute Abend besprechen.

„OK, Herrschaften, lassen Sie uns den Einsatz von heute Abend besprechen. Es geht los um 22 Uhr. Ziel ist der Supermarktparkplatz an der Nördlichen-Ringstraße. Von dort kommen immer wieder Klagen von Anwohnern wegen der sogenannten Dogger.“

Roland Kunz, der Einsatzleiter, stand vorne am Stadtplan und erläuterte die Vorgehensweise. Sein Spitzname war ‚Roboto‘ und das hing mit seiner monotonen Stimme zusammen. Oberhuber hatte sich in die letzte Reihe gesetzt, neben einen Betonpfeiler, der ihn halb verdeckte. Es bereitete ihm Schwierigkeiten, die Augen offen zu halten. Mit den vielen Schichtwechseln geriet sein Schlafrhythmus durcheinander und er war gerade an seinem toten Punkt. Außerdem hatte er sich noch nicht an die Anabolika-Präparate gewöhnt, mit denen er seinen Muskelaufbau begleitete.

Roboto fuhr fort und deutete dabei auf einen vergrößerten Kartenausschnitt: „Die Dogger treffen sich in dem hinteren Teil des Parkplatzes. Von dort sind sie nicht direkt von der Straße einsehbar. Bis zu 15 Autos wurden dort schon gesehen. Die meisten sind reine Spanner – Männer die alleine kommen. In einer Handvoll Autos befinden sich Paare, heterosexuell. Es gibt eine Signalsprache, mit der der Ablauf organisiert ist. Wenn ein Paar bereit ist und Zuschauer möchte, signalisieren sie das mit dem kurzen Einschalten der Wageninnenbeleuchtung. Dann treten die Spanner an den Wagen. Manchmal zeigt eine Frau eine Solo-Show, meistens ist es heterosexueller Sex mit dem Partner. Die Zuschauer stehen nebeneinander und befriedigen sich dabei. Wenn das Paar im Wagen Berührung wünscht, werden Fenster heruntergekurbelt. Manchmal werden auch Gaffer zum Mitmachen animiert. Es kam bereits zu richtigen Orgien mit einer Vielzahl von Teilnehmern. In der Regel sind die Leute friedlich. Manchmal kommt es zu Streit, weil einer der Gaffer sich ohne Einladung einmischt. Auch das verläuft in der Regel glimpflich. Waffen sind nicht zu erwarten, Handgreiflichkeiten nur im überschaubaren Maße. Unser Ziel heute Abend ist es, möglichst viele Teilnehmer im wahrsten Sinne des Wortes mit heruntergelassenen Hosen zu erwischen und ihre Personalien festzustellen. Danach entscheiden wir, ob wir Anzeige erstatten oder nicht. Wir wollen, dass die Leute eingeschüchtert werden und diesen Ort nicht mehr für ihre Treffen nutzen. Ich zeige Ihnen jetzt, wie wir uns aufstellen und in welcher Reihenfolge wir eingreifen werden. Gibt es vorher Fragen?“

Einer der Kollegen meldete sich mit einer langatmigen Frage, bei der Oberhuber die Augen zufielen.

(150) Der Mond tauchte den Parkplatz in sein kaltes Licht.

Der Mond tauchte den Parkplatz in sein kaltes Licht. An einem Ende stand ein weißer Wagen, ein prächtiger Chevrolet Impala SS Hardtop Coupé – eine Rarität von 1966. Der Polizist näherte sich im Schatten der Gesträuche, die den Parkplatz in einzelne Buchten aufteilten. Als er sich bis auf fünf Meter genähert hatte, hielt er inne und wartete.

Um den Wagen herum, sah er mindestens zwei Gestalten. Eine davon bewegte sich jetzt zur Rückseite des Wagens, wo der Polizist eine gute Sicht hatte. Es war ein Mann. Er küsste das äußere der drei runden Rücklichter. Seine beiden Hände umkreisten dabei die rote Abdeckung. Dann streichelte er die beiden anderen Lichter. Er beugte sich hinunter zu der Stoßstange aus Chrom und fing an, sie zu lecken. Auf den Knien rutschte der Mann am Wagen entlang und zog seine Zunge über die ganze Länge der Stoßstange.

Der Polizist ging weiter an den Gesträuchen entlang, um die andere Seite des Wagens einzusehen. Dort war ebenfalls ein Mann zugange. Er hatte die Tür des Wagens geöffnet und rieb seinen Schritt an der Kante der Wagentür. Er ging etwas in die Knie und hob sich dann auf Zehenspitzen. Sein Becken presste er gegen die Tür. Mit den Händen hielt er sich an der Oberseite fest. Seinen Kopf hatte er dabei in den Nacken gelegt.

Der Polizist spürte, dass ihn die Situation, die er beobachtete, nicht unberührt ließ. Er war selbst erregt. Der Mondschein fing sich am Bug der Motorhaube, die spitz nach vorne zulief. Er hatte eine unbändige Lust und wollte diese Stelle des Wagens streicheln. Auch der Grill darunter lief zur Mitte spitz zu. Auch ihn wollte er an der Stelle berühren.

Als er aus dem Schutz des Gebüschs herauskam, spürte er, dass wenigstens der Mann an der Wagentür ihn bemerkt hatte. Er rieb aber weiterhin sein Geschlechtsteil an der Türkante. Der Polizist kauerte sich mittig vor den Wagen und schaute über die Motorhaube zur Windschutzscheibe, entlang dem Grat das sich von vorne bis hinten über die Haube durchzog. Er berührte den Bug der Motorhaube mit den Fingerspitzen, Ein Zittern ging durch seinen Körper, der vor Freude erstarrte. Mit der Zunge touchierte er die Spitze. Sie schmeckte metallisch und kühl. Er bewegte sich aufwärts und traf auf das Chevrolet-Logo, das sich wie ein Paar Flügel zu beiden Seiten ausdehnte. Mit den Lippen folgte er den Umrissen des Logos, die Oberlippe an der Oberkante und die Unterlippe an der Unterkante.

(151) James Graham Ballard zog das Blatt Papier aus der Schreibmaschine, zerknüllte es und warf es in den Papierkorb.

James Graham Ballard zog das Blatt Papier aus der Schreibmaschine, zerknüllte es und warf es in den Papierkorb. Natürlich hatten Autos etwas Erotisches. Aber zu zeigen, wie jemand seinen Schwanz in das Auspuffrohr eines Autos stopfte, das war noch eine andere Sache. Sex im Auto war auch schon abgedroschen. Natürlich fickten die Menschen in Autos. Warum sollten sie auch sonst in abgestellten Fahrzeugen sitzen?

Ballard starrte an die Wand. Was auch immer er über die Erotik von Autos sagen wollte, niemand konnte ihm etwas vorschreiben. Es war seine Welt und er schuf die Regeln. Aber jetzt war er blockiert. Er nahm die Tageszeitung und breitete sie vor sich aus. Schnell blätterte er die Auslandsmeldungen durch (Neue Regierung in Jordanien, Drogentod von Jimi Hendrix).

Auf der Seite mit den Regionalnachrichten war die große Schlagzeile: ‚Tot in der Unterführung‘. Eine junge Frau hatte mit ihrem Freund eine Tanzveranstaltung besucht. Auf dem Rückfahrt irrte sich ihr Freund und er fuhr auf der falschen Seite in eine Unterführung hinein. Ein Wagen kam ihnen entgegen, sie stießen frontal zusammen. Die junge Frau saß nicht angeschnallt auf dem Beifahrersitz und wurde durch die Wucht des Aufpralls durch die Windschutzscheibe auf die Straße katapultiert, wo sie kurz darauf verstarb.

Was Ballard an der Geschichte besonders fesselte war das große Foto zwischen der Schlagzeile und dem Text. Im Hintergrund saß man die beiden Wagen, deren Motorraum völlig eingedrückt war und deshalb an Boxerhunde erinnerte. Bei einem der Wagen waren sogar die Vorderräder nach hinten versetzt worden. Dazwischen lagen weit verstreut Wrackteile. Die Szenerie war von den Scheinwerfern der Rettungskräfte taghell ausgeleuchtet.

Im Vordergrund lag eine Decke, unter der sich eine menschliche Form abzeichnete. Unter der Decke lag ein graziler Frauenarm nach vorne gestreckt. Die Finger waren in einer Stellung, mit der man sonst andere Menschen zu sich her bittet. Die Hand sah unversehrt aus. Unter der Decke musste es aber erhebliche Wunden geben, denn sie war dunkel verfärbt. Bei dem Opfer konnte man auch durch die Schatten klar ihren Busen und ihre Taille ausmachen. Allerdings schien der ungewöhnliche Winkel ihrer Beine einen Eindruck auf die rohe Gewalt zu geben, die der Tote vor ihrem Ableben zugesetzt hatte.

Ballard war vom Anblick des Opfers fasziniert. Autounfälle. Vielleicht gab es hier etwas zu tun. Er nahm sich vor, noch am gleichen Tag in die Bibliothek zu gehen, um dort mehr über die Verletzungen von Opfern automobiler Gewalt zu recherchieren.

(152) Nelly Bray schleppte die Bände mit den März 1964-Ausgaben der The Shepperton Post…

Nelly Bray schleppte die Bände mit den März 1964-Ausgaben der The Shepperton Post zu ihrem Platz im Lesesaal. Soweit sie zurückdenken konnte, wusste sie, dass sie ein Adoptionskind war. Allerdings hatten ihre Eltern gesagt, dass sie nicht wüssten, wer ihre wahren Eltern seien.

Als Nelly vor kurzem nach Unterlagen suchte, um das Antragsformular für die Universität auszufüllen, war ihr ein Zettel in die Hand gefallen. ‚Nelly Daniel 3 Wochen alt. Mutter: Ginny Daniel‘. Sie erkannte die Handschrift ihrer Mutter. Bevor sie mit ihr darüber reden wollte, brauchte sie mehr Informationen. In der Kartei der Bibliothek hatte sie den Namen ‚Daniel, Ginny‘ gefunden.

Am Rand einer der letzten Seiten einer Freitagausgabe fand sie den Artikel, den sie suchte: ‚Mord an Betrügerin – Rache eines Opfers? – Die Polizei untersucht den mysteriösen Mord an einer vorbestraften Betrügerin, Ginny Daniel. Daniel wurde am Dienstag erwürgt in einem Hotelzimmer der Innenstadt gefunden. Von dem Täter fehlt bisher jede Spur. Daniel war vorbestraft, weil sie verheiratete Männer erpresste, mit denen sie mit dieser Absicht ein Verhältnis begonnen hatte. Davor war sie die Lebensgefährtin von Otto Henry, dem Gewaltverbrecher, der vor zwei Jahren bei einem Überfall erschossen worden war. Daniel soll bei diesem missglückten Raub, bei dem drei unschuldige Passanten ums Leben kamen, beteiligt gewesen sein. Allerdings war ihr damals nichts nachzuweisen gewesen. Eine Tochter aus ihrer Beziehung mit Henry war nach dem Tod des Vaters verschwunden. Die Polizei bittet…‘ Nelly saß längere Zeit wie versteinert auf ihrem Stuhl.

Ihr gegenüber saß ein Mann mit hoher Stirn und zu langen dunklen Haaren. Auch er las in alten Zeitungen, schien sich aber immer nur auf Autounfälle zu konzentrieren. Dabei schrieb er Notizen in ein Heft. Irgendwann schaute er zu Nelly hoch und sah, wie starr und bleich sie aussah. „Geht es Ihnen nicht gut, Fräulein?“, fragte er besorgt. „Kann ich Ihnen ein Glas Wasser holen?“ Sie nickte. Als sie getrunken hatte, dankte sie ihm. „Glauben Sie, dass ein Hang zur Gewalt erblich ist?“, fragte sie ihn. Er überlegte. „Ich glaube, es ist alles in uns enthalten. Ob es zum Erblühen kommt oder nicht, hängt von den Umständen ab. Aber prinzipiell ist alles möglich.“ Sie trank noch einen Schluck und fing sich langsam wieder. „Sie interessieren sich für Autounfälle?“ Er folgte ihrem Blick auf die aufgeschlagenen Zeitungsseiten an seinem Platz. „Ich interessiere mich für den Einfluss von Technik auf die menschliche Psyche.“ Unwillkürlich musste sie lachen und meinte: „Das klingt wie eine Kugel in den Kopf.“

(153) Alkohol hatte sie nie sonderlich interessiert.

Alkohol hatte sie nie sonderlich interessiert. Als sie aber aus der Bibliothek herauskam, hatte Nelly das Bedürfnis nach einem starken Drink. Der Typ aus dem Lesesaal hätte ihr bestimmt Gesellschaft geleistet, aber sie wollte alleine sein.

Sie beschloss auf dem Weg nach Hause eine Flasche Whisky zu kaufen. Vielleicht hatte es mit dem neugewonnenen Wissen zu tun, dass sie die Tochter von zwei Berufsverbrechern war. Vielleicht traten dadurch ihre wahren Anlagen zu Tage. Es war mittlerweile dunkel geworden und ein eisiger Wind zog durch die Straßen. Nur die farbige Leuchtreklame des Spirituosenhändlers wirkte wie ein warmer Traktorstrahl, der sie anzog. Der Laden war leer, bis auf den Kassierer, der ihr einen guten Abend wünschte. Es war angenehm in dem Laden. Still, nicht zu hell, sauber. Ein angenehmer Geruch von Verpackungsmaterial mit einer Kopfnote von Alkohol lag in der Luft. Unter den Füßen ein stabiler Holzboden, etwas abgewetzt von den vielen Kunden, die hier Hoffnung kauften. Es gab eine große Anzahl von Whiskys, die sich ihr anboten. Ihr Blick blieb an Jack Daniel’s Nr. 7 hängen. Sie nahm eine Flasche vom Regal.

Bevor sie ihre Gedanken weiterspinnen konnte, wurde die Ladentür aufgerissen und eine Stimme schrie: „Das ist ein Überfall, du Schweinehund. Mach die Kasse auf oder ich blas‘ dir den Schädel weg!“ Am Ende des Ganges sah Nelly zwei Männer mit Gewehren vor der Kasse. Der Kassierer hatte die Hände erhoben, senkte aber jetzt eine und drückte auf einen Knopf an der Kasse. Mit einem Ping öffnete sich die Kassenlade. Der bisher stumme Räuber beugte sich über den Tresen und räumte den Inhalt aus.

Nelly hatte keine Angst. Bisher hatte man sie im hinteren Teil des Ladens gar nicht bemerkt. Es war so, als ob sie unsichtbar wäre. Sie nahm eine zweite Flasche aus dem Regal. Dann schlich sie auf Zehenspitzen den Gang hinunter und hob eine der Flaschen, um sie dem ersten Räuber über den Kopf zu schlagen. Der Blick des Kassierers musste sie aber verraten haben, denn der Räuber drehte sich unversehens um, sah sie und stieß ihr den Gewehrkolben ins Gesicht. Die beiden Flaschen Jack Daniel’s fielen ihr aus der Hand und polterten auf den Boden, ohne zu zerbrechen. Drei Augenpaare sahen sie an. Es war wie in Zeitlupe. Sie lächelte. Bevor es Nelly komplett schwarz vor den Augen wurde, dachte sie erleichtert, dass sie doch kein kriminelles Blut in den Adern hatte. Sie würde weder einen Überfall ausführen, noch ihn verhindern können. Sie war bloß ein Opfer.