(134) Bevor Kati Wendel ihren späteren Ehemann kennen lernte…

Bevor Kati Wendel ihren späteren Ehemann kennen lernte, war ihr Leben von Sorgen geprägt. Alles, womit sie konfrontiert wurde, machte ihr Angst. Sie war gelähmt in ihrer Furcht vor Krieg, Umweltzerstörung und unkontrollierter Einwanderung. Zu schaffen machte ihr einerseits die strikte Hausverwaltung, die sich um das Gebäude kümmerte, in dem sie wohnte. Andererseits fühlte sie sich angegriffen, wenn eine aufgeplatzte Mülltüte aus dem Müllcontainer heraushing und sich keiner darum kümmerte. Ein Hundehaufen auf dem Bürgersteig konnte ihr den Tag vergällen. Jede Bemerkung und jeder Blick der Kollegen deutete sie als Mobbing – sie fühlte sich beobachtet, bewertet und abgelehnt. Jeden Tag erwartete sie die Kündigung. Essen verursachte ihr Ekel, weil sie sich vorstellte unter welchen barbarischen Umständen die Bestandteile zusammen gekommen waren. Nachts hatte sie Schlafstörungen, weil der geringste Lärm sie vom Schlafen abhielt. War es ruhig, hatte sie Angst davor, dass es jederzeit laut werden konnte. An Sonntagen unternahm sie lange einsame Spaziergänge entlang der Klippen und bei einem dieser Ausflüge beschloss sie, sich umbringen.

Genau an jenem Tag traf sie Wendel zum ersten Mal. Er war ebenfalls alleine dort, um den Standort für ein neues Hotel anzusehen. Zunächst wollte sie warten, bis er wieder weg war. Dann fing es heftig an zu regnen. Beide waren im Nu durchnässt. Er nahm sie mit in sein Auto, zu dem sie gemeinsam durch den starken Regen liefen.

Sie fror und er drehte die Heizung auf Höchstleistung. Die Feuchtigkeit aus ihren Kleidern und ihren Haaren verdampfte, vermischte sich und schlug sich an den Fenstern nieder. Draußen versank die Welt in einem milchig-diffusen Licht, während die Tropfen hypnotisch auf das Autodach prasselten. In Gegenwart von Karlludwig Wendel war es ihr plötzlich so, als ob sich ein Schalter in ihrem Kopf umgelegt hätte. Sie hatte keine Angst mehr. Alle Sorgen fielen von ihr ab und wurden durch eine friedliche Gleichgültigkeit abgelöst. Es war, als ob sie den Selbstmord vollzogen hätte und Wendels Auto ihre Wolke im Himmel des Jenseits sei.

Sie hatte sich Wendel im Auto hingegeben, noch bevor sie seinen Namen kannte. Es war ein Neubeginn, der sich dort in einem Geländewagen am Rande der Klippen während eines Wolkenbruchs vollzog.

(135) Antoine hörte Kati aufmerksam zu.

Antoine hörte Kati aufmerksam zu. Manchmal raschelte der Mann mit der Lupe beim Umblättern, sonst summte nur die Klimaanlage im Hintergrund. Antoine fand die Geschichte von Kati inspirierend.

Als sie geendet hatte, sagte er: „Vielen Dank dafür. Ich will nicht anmaßend klingen, aber ich kann mit dem Zustand, den sie geschildert haben, ich meine, bevor Sie Herrn Wendel trafen… Ich kann das sehr gut verstehen.“ Sie antwortete nicht und hinter der Sonnenbrille konnte Antoine nicht einmal ausmachen, ob sie ihn anschaute oder nicht. Er erhob sich und setzte sich direkt neben sie. „Auch bei mir ist es nicht einfach. Ich habe es noch keinem gesagt, aber ich… Ich bin schwul.“

Jetzt nahm sie ihre Sonnenbrille ab und schaute ihn spöttisch an. „Aber ich bitte Sie, das weiß doch jeder.“ – „D-d-das kann nicht sein…“ – „Doch. Und wissen Sie was: es interessiert keinen. Wenn ich Ihnen meine Geschichte erzählt habe, dann nicht, weil ich auch Ihre Details wissen wollte. Sie fanden mich kühl und ich habe Ihnen erklärt, warum das so ist. Ich hoffe, das hat Ihnen einige Fragen beantwortet. Ich selbst habe keine Fragen, die Sie betreffen. Meinetwegen führen Sie ein einsames Leben, weil Sie zu schwach sind, der Welt Ihr wahres Gesicht zu zeigen. Vielleicht ist es ja auch wirklich hart. Aber ich kann Ihnen versichern, dass die Leute ins Rudelsburg kommen, weil das Essen gut ist und eben die Leute dorthin gehen, die da hingehen. Was Sie privat machen, und sei es hinter der Küchentür, interessiert keinen. Und ich habe keine Lust hier Ihr Gejammer anzuhören. Unter dem Vorwand, dass ich Ihnen etwas Intimes über mich berichtet habe und Sie dafür das Recht haben, Ihr kleines Köfferchen mit aufgestauten Gefühlen zu öffnen und mich damit zu bewerfen. Es interessiert mich nicht.“

Antoine fühlte sich durch ihre Rede gedemütigt. Es war jetzt bereits das zweite Mal an diesem Abend. Erst das Erbrechen von Herrn Wendel, vor der gesamten Kundschaft eines Mittwochabends. Und jetzt Frau Wendel, die seine Gefühle zertrampelte. Er fühlte sich, als säße er in diesem Plastikstuhl über einem Abgrund in den die Stahlbeine des Stuhls meterlang hinunter ragten.

Frau Wendel hatte die Brille wieder aufgesetzt und blätterte in aller Seelenruhe weiter in der veralteten Illustrierten. Es war, als ob ihm die Luft wegblieb. Er stand auf, musste sich dabei am Stuhlrücken festhalten. Dann wankte er aus dem Warteraum hinaus.

Als er weg war, wandte sich Frau Wendel unvermittelt an den Mann mit der Lupe und herrschte ihn an: „Und Sie? Wollen Sie mir auch noch etwas erzählen?“ Der Mann schreckte auf, sah sie mit großen Augen an. Er steckte die Lupe als Lesezeichen in das Buch, sprang auf und lief aus dem Zimmer.

(136) Arnim Walker rannte die Stufen hinunter, ging sehr schnell am Empfang vorbei und flüchtete aus dem Krankenhaus.

Arnim Walker rannte die Stufen hinunter, ging sehr schnell am Empfang vorbei und flüchtete aus dem Krankenhaus. Erst als er zweimal um die Ecke gebogen war und sich vergewissert hatte, dass ihm niemand folgte, setzte er sich auf eine Parkbank, um wieder zu Atem zu kommen.

Er musste auf der Hut sein. Eigentlich hatte er nicht erwartet, dass man ihm sogar in einem Krankenhaus auflauerte. Aber es stand einfach zu viel auf dem Spiel. Er lebte in einem Doppelzimmer in einem Männerwohnheim. Tagsüber suchte er sich zum Arbeiten immer verschiedene Orte aus. Bibliotheken, Kirchen, Wartezimmer von Krankenhäusern… Unverdächtige Orte, an denen er nicht auffallen würde. Seine Aufzeichnungen hatte er alle in einer schwarzen Kladde notiert. Darin steckten auch viele Zeitungsausschnitte und Fotos, die er aus Büchern herausgerissen hatte.

In diesen Aufzeichnungen hatte er vorhin auch gelesen. Manches war sehr klein geschrieben, dafür brauchte er die Lupe. Er hatte sie auf einem Flohmarkt gefunden und gegen ein Buch ausgetauscht. Seine Leidenschaft verfolgte ihn seit vielen Jahren und es war auch seiner Obsession geschuldet, dass er zuerst seinen Job und dann seine Wohnung verlor. Aber, er war einer ganz großen Sache auf der Spur. Er kam der Lösung immer näher. Er musste nur vorsichtig sein, dass ihn niemand um die Früchte seiner Forschungen brachte.

Im Wohnheim gab er seine Kladde keinen Augenblick aus der Hand. Beim Schlafen verstaute er sie in seinem Kopfkissen. Wenn er im Waschraum war, wickelte er sie in seine Unterhose, die er in seine Hose stopfte, die er auf seine Schuhe legte.

Er sprach niemanden an und wurde nie angesprochen. Deshalb hatte ihn die Frau im Wartezimmer auch so erschreckt. Natürlich hätte er ihr viel erzählen können. Aber das würde er niemals tun. Nicht nach all den Mühen, die es gekostet hatte, das herauszufinden, was er jetzt wusste.

(137) Arnim Walker war dem Goldschatz der Nazis auf die Schliche gekommen.

Arnim Walker war dem Goldschatz der Nazis auf die Schliche gekommen. Es hatte mit einem Buch über den Zweiten Weltkrieg begonnen. Darin war beschrieben, welche Unmengen an Gold die Nazis bei ihren Feldzügen und Plünderungen erbeutet hatten. Das Buch enthielt auch eine Aufstellung, wie viel davon nach dem Krieg gefunden wurde. Dazwischen klaffte eine riesige Differenz. Das hatte seine Aufmerksamkeit erregt.

Walker las alles, was er über diese Zeit finden konnte. Er beschäftigte sich mit dem Toplitzsee und dem Stolpsee. Er studierte Geschichten von Schatzsuchern und ihren Bemühungen, das Gold zu finden. Bisher waren alle erfolglos geblieben. Walker überlegte sich, was er an Stelle der Nazis gemacht hätte, als die Russen und die Amerikaner kamen. Dann hatte er die Erleuchtung.

Als die Reichsbank im Februar 1945 ihre Goldvorräte nach Merkers (Thüringen) in das Salzbergwerk transportierte war das ein großer Aufwand. Eine solche Unternehmung riskierte man nicht ein zweites Mal für den ungemein größeren Teil des Nazischatzes. Nachdem sie auf das Bergwerk aufmerksam gemacht worden waren, war es für die Amerikaner der 3. Armee, ein Leichtes gewesen, den Schatz innerhalb der Stollengänge zu finden. Er war sogar hinter einer Tresortür versteckt, so als ob man zeigen wollte: „Hallo, hier ist etwas sehr Wertvolles versteckt!“

Die Sache war für Walker klar: an dem entdeckten Fundort war nur ein Teil des Schatzes gewesen. Man hatte die Aufmerksamkeit so sehr darauf gelenkt, dass das gesamte Bergwerk nur unvollständig erkundet wurde. Das ergab Sinn.

Walker beschäftigte sich mit Merkers. Zusammen mit verbundenen Bergwerken ergaben die erschlossenen Stollen eine Fläche, die der Stadt München entsprach. Auf einem Plan sah er, dass es mehr Stollen und Nebenstollen zu geben schien, als es Straßen in München gab. Es war ein richtiges Labyrinth. Es wäre sehr leicht, darin einen unermesslich großen Goldschatz unter Schutt zu verstecken.

Zu diesem Zeitpunkt war seine Leidenschaft voll entflammt. Er ermittelte weiter. Wie würde man das Versteck dokumentieren? Es einfach auf einen Zettel zu schreiben – das wäre zu unvorsichtig. Ein Zettel konnte gefunden werden, der Träger würde gefoltert werden, um die Wahrheit dahinter heraus zu bekommen. Am Sinnvollsten schien ihm ein Informationsspeicher, der quasi öffentlich verfügbar war und den man deshalb nicht zu verstecken brauchte. Er las sich tiefer ein in die Geschichte und Gepflogenheiten der Deutschen Reichsbank.

Dann hatte er eine weitere Erleuchtung. Die erste Inspiration war, dass die Reichsbank mit Hollerith-Lochkarten arbeitete. Damit konnte man praktisch mit einer Schablone bestimmte Punkte markieren. Das führte ihn zu der eigentlichen Erkenntnis: Die Reichsbank druckte Banknoten. Darauf waren komplizierte Guillochen gedruckt. Für den Graveur wäre es sehr leicht, an entscheidenden Stellen kleine Fehler in das Guilloche-Muster einzubauen und damit bestimmte Punkte zu markieren. Man müsste diese auf eine Lochkarte übertragen, auf den Plan von Merkers legen und entsprechend ausrichten. An einem der Punkte würde der größte Teil des Goldhortes sein. In der Bibliothek fand Walker den Rosenberg Katalog, der die deutschen Banknoten ab 1871 aufführte.

Zwischen der Einlagerung des Goldes und dem Ende des Krieges war nur ein Motiv gedruckt worden, die ‚Schörner Scheine‘ und zwar in den Ausführungen zu zehn, 50 und 100 Reichsmark. Walker hatte Aufnahmen von allen drei Ausführungen in Sammlerzeitschriften gefunden und aus der Bibliothek gestohlen. Mit der Lupe versuchte er die Muster nachzuvollziehen, aber die Auflösung der Fotoaufnahmen war nicht ausreichend.

(138) Sehr geehrter Herr Walker, vielen Dank für Ihr Interesse…

„Sehr geehrter Herr Walker,

vielen Dank für Ihr Interesse an der von uns angebotenen Banknote Notausgabe 1945 Schörner 50 RM (Ro. 181). Sie haben schon verstanden, dass wir ein Münz- und Banknotenhandel sind, oder? Das heißt, wir kaufen und verkaufen Münzen und Banknoten. Ihre Anfrage, von der Ro. 181 ein detailliertes Foto zu erhalten, hat uns verwirrt. Wenn Sie ein Bild der Banknote besitzen wollen, dann müssen Sie die Banknote kaufen! In den 59 Jahren unseres Bestehens haben wir noch nie Detailaufnahmen unserer Waren irgendjemandem zur Verfügung gestellt. Auch hochgestellte Persönlichkeiten und Sammler gehen bei uns ein und aus. Auch diese Herrschaften kaufen und wollen nicht Fotos haben. Wir bitten um Ihr Verständnis. Hochachtungsvoll, Ingeborg Kaplan geb. Mehring, Münzen Mehring.“

Horst stand ausgehbereit in der Tür und hatte ihren Mantel über dem Arm drapiert. „Ich komm‘ ja schon“, rief sie ihm zu und schob den Brief in den frankierten Umschlag. „Hetz‘ mich nicht. Wir verpassen doch nichts am Anfang. Dieser Ansager ist unglaublich langweilig. Du könntest ja auch mal die Korrespondenz erledigen“, herrschte sie ihn an. „Du kannst das besser“, antwortete er unterwürfig und half ihr in den Mantel.

Auf dem Weg zum Theater gab sie ihm die Anweisungen für den folgenden Tag. Es gab ein halbes Dutzend Kataloganfragen und mindestens zehn Bestellungen, die bearbeitet werden mussten. Außerdem hatte sie in den letzten Tagen siebzehn Neuerwerbungen (das meiste davon Inflationsgeld) akquiriert, die noch in die Datenbank aufgenommen werden mussten. Er trottete neben ihr her und merkte sich die Aufgaben.

Eigentlich hatte er Glück mit Ingeborg. Er kannte keine Frau, die so zielstrebig und so gut organisiert war. Ihre Kenntnisse von Münzen und Banknoten hatte sie von ihrem Vater mitbekommen. Es war schon enorm. Als ihr Vater sich zur Ruhe setzte, schenkte er ihr den Laden und Horst konnte dann in Vollzeit einsteigen. Sie war zwar etwas temperamentvoll, aber insgesamt hatte er eine gute Partie gemacht.

Der Höhepunkt seiner Woche war ihr gemeinsamer Besuch bei einer Kleinkunstbühne, jeden Sonntagabend. Dort wurde meistens ein recht gutes Varieté-Programm angeboten. Manchmal gab es Zauberer, Jongleure oder Sänger. Ingeborg gönnte sich ein Viertel Moselwein und Horst trank zwei Bier. Dann gingen sie wieder nach Hause. Meistens, wenn es Ingeborg danach war, schliefen sie zuhause miteinander.

(139) Aber ich werde Sie jetzt nicht länger langweilen, meine sehr verehrten Damen und Herren.

„Aber ich werde Sie jetzt nicht länger langweilen, meine sehr verehrten Damen und Herren. Denn hier kommt er schon, der unglaubliche, der wunderbare Herr Lehmann! Applaus, meine sehr verehrten Damen und Herren!“

Herr Lehmann trat vor den Vorhang und schaute während des Applauses ungerührt ins Publikum. Er trug einen grau karierten Wollmantel, einen Hut und Lederhandschuhe. Die Handschuhe zog er aus, nahm den Hut ab und legte die Handschuhe hinein. Er stellte den Hut auf die Erde und zog den Mantel aus. Darunter trug er einen Anzug aus dem gleichen Stoff wie der Mantel. Das Publikum lachte. Herr Lehmann wartete, bis es wieder ruhiger war und setzte mit einer weichen, monotonen Stimme an.

„Letzten Sonntag hatte ich mit meiner Frau ein ernstes Gespräch. Ich schwieg mit ernstem Gesicht, während sie mit mir schimpfte. Ich hatte nämlich unseren Hochzeitstag vergessen. Nicht absichtlich, denn wie sagte der große Petrarca: ‚ Keine Wunde ist in mir so vernarbt, dass ich sie ganz vergessen könnte.‘ Später habe ich dann noch ein paar Blumen für sie gefunden. Bei unserem Nachbarn im Garten.

Gefreut habe ich mich übrigens, als meine Frau mich ins Restaurant einlud. Allerdings musste ich die Freude mit meiner Schwiegermutter teilen, denn sie war auch dabei. Zahlen musste ich aber alleine, da wollte sie nicht mit mir teilen. Der Ober fragte mich mit Anteilnahme, ob die gnädige Frau auch bei uns wohnte. Das nicht, antwortete ich ihm, aber sie wird mir heute Abend ganz bestimmt noch heimleuchten.

Es war aber ein trauriger Abend für meine Schwiegermutter. Wir saßen neben der Kapelle und deshalb konnte ich nur die Hälfte ihrer Schmähungen hören. Die andere Hälfte schrieb sie mir zur Sicherheit auf Zettel und warf sie mir zu. Der Kellner sammelte aus Versehen einen der Zettel ein und brachte dem Nebentisch einen feuchten Waschlappen. Er hatte den Inhalt des Zettels für eine Bestellung gehalten.

Aber jetzt mal im Ernst: der Abend ging auch wieder vorbei. Plötzlich war es Mitternacht und die Schwiegermutter saß jetzt bei uns zuhause auf dem Sofa. Ich sagte: ‚Ich weiß nicht, wie Ihr das aushaltet, aber ich muss jetzt schlafen gehen‘. Darauf meine Frau: ‚Es ist beachtlich, wie du die gleiche Aktivität an so vielen Orten nacheinander und ununterbrochen fortsetzen kannst.“

Das Publikum lachte stärker. „Ja, Sie lachen. Ich hätte auch gerne gelacht. Aber dann wäre ich aufgewacht und wäre der harten Realität in die Faust gelaufen. Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit, meine Damen und Herren. Sie waren ein bezauberndes Publikum!“ Herr Lehmann verbeugte sich, las Hut und Mantel auf und verschwand hinter dem Vorhang.

(140) Ingeborg hatte der Darbietung mit einem säuerlichen Gesicht gefolgt…

Ingeborg hatte der Darbietung mit einem säuerlichen Gesicht gefolgt, wie Horst in Seitenblicken feststellte. Als der Ansager zu der nächsten Nummer überleitete, sagte er Ingeborg, dass er auf die Toilette müsse und stand vom Tisch auf.

Aus den vorherigen Besuchen wusste er, dass es von den Toiletten im Untergeschoss eine Verbindungstür zu den Künstlergarderoben gab. Horst öffnete diese Tür. Der Flur dahinter war leer, aber beleuchtet. Er schlüpfte hindurch. An den Garderobentüren waren Klebestreifen angebracht, auf denen die Namen der Künstler standen. Horst schaute rechts und links, während er den Gang hinunterging. Dann stand er vor der Tür mit dem Schriftzug ‚Herr Lehmann‘. Er sammelte sich kurz und klopfte dann. Ein paar Sekunden passierte nichts, dann wurde die Tür von innen ruckartig aufgerissen. Vor ihm stand Herr Lehmann oder Klausjürgen Basel, wie Horst aus dem Programmheft entnommen hatte.

Basel hatte ein fett-glänzendes Gesicht und hielt einen Wattebausch in der Hand. Horst hatte ihn wohl gerade beim Abschminken gestört. Basel sah ihn streng an und fragte dann mit entrüsteter Stimme: „Was wollen Sie von mir?“ Basels Stimme war in Wirklichkeit um einiges tiefer als auf der Bühne. Die dunklen Augenbrauen waren auf der Bühne versteckt gewesen. Jetzt stoben sie ihm förmlich aus dem Gesicht. Horst stellte sich zuerst vor. „Gestatten, Kaplan.“ Basel schaute ihn starr an. Horst sah, dass in der Garderobe eine Frau mit kurzen blonden Haaren saß, die interessiert zu ihm herüberschaute. Er fasste Mut. „Ich wollte Ihnen zu dem Auftritt gratuliert. Es war famos!“ Basel machte zuerst nur „Ha!“. Horst wusste nicht, ob das ein Ausdruck der Freude war. Wahrscheinlich nicht. Dennoch fuhr er fort: „Ihre Beobachtungen sind wie aus dem wirklichen Leben.“ – „Und das wollten Sie mir mal eben sagen? Wer sind Sie denn überhaupt, Herr Kaplan? Wofür halten Sie sich? Sie Armleuchter. Sie Würstchen. Sie glauben wohl auch, dass es ist wie im Affenhaus im Zoo? Man geht da hin und klopft an die Scheibe und dann erwarten Sie, dass der Affe sich vor Ihnen verneigt, einen Handstand macht und Dreirad fährt? Es war ‚famos‘? Dann genießen Sie es doch im Stillen. Das Lob aus Ihrem Mund lässt mich zweifeln. All diese Witze kann ich nun nicht mehr erzählen, weil ich jedes Mal Ihre traurige Visage vor Augen hätte. Ich würde denken: das ist der Witz, über den Herr Kaplan gelacht hat. Diese Witze sind verbrannt. Es muss erbärmlich gewesen sein.“ Kaplan stand vor dem Conférencier und sein Mund schnappte auf und zu. „Jetzt stehen Sie nicht hier rum und machen Blasen. Hauen Sie ab!“ Er griff auf einen Stuhl neben der Tür, nahm eine Autogrammkarte, warf sie vor Kaplan auf den Boden und knallte die Tür zu.

Nachher machte Ingeborg Horst Vorwürfe, dass er sich eine Autogrammkarte geholt hatte, von einem Typen, der laue Witze in Serie produzierte. Er habe einfach keinen Stil.

(141) „Das war recht hart“, meinte Josie Mink, als Basel die Tür zugedonnert hatte.

„Das war recht hart“, meinte Josie Mink, als Basel die Tür zugedonnert hatte. „Wenn du einmal weißt, warum das Publikum in Wirklichkeit lacht, kannst Du diesen Beruf gleich an den Nagel hängen. Erste Regel für einen Komiker: Kein Ideenkontakt mit den Zuschauern!“

Josie hatte Basels neues Programm im Publikum verfolgt. Sie war etwas beunruhigt. Als Basel noch nicht bekannt war und sie sein Management übernommen hatte, war sie ganze Tage am Stück unterwegs gewesen, um Auftritte für ihn zu organisieren. Nach und nach kam der Erfolg. Herr Lehmann, Basels Bühnenfigur, kam beim Publikum an. Aber seit ein paar Monaten genügte das Basel nicht mehr. Vor kurzem hatte er gesagt, dass ihn seine eigene Show langweilte und er etwas völlig Neues erschaffen würde. Das Programm, das er an diesem Abend gegeben hatte, war wohl ein Beispiel dafür. Sie empfand die aufgewärmten Sprüche als Rückschritt. Sie hatte den Eindruck, dass die meisten Zuschauer mehr aus einer Pawlowschen Reflexhandlung lachten, denn aus Vergnügen. Allerdings war Basel insgesamt sehr kritikempfindlich und eigenartig. Er weigerte sich zum Beispiel, einen Assistenten einzustellen, weil er Angst hatte, dieser könnte ihm seine Gags stehlen. Ein anderer Komiker hatte Basel darauf einmal entgegnet, seine Gags seien so alt, dass sie schon hundertfach geklaut worden seien, auch von Basel. Basel hatte ihm einen Aschenbecher an den Kopf geworfen und dafür eine Anzeige wegen Körperverletzung kassiert. „Die neuen Gags heute waren schon so etwas wie eine Zeitreise für mich“, äußerte Josie vorsichtig. Sie konnte es sich nicht leisten, dass Basel die Agentur wechselte. Gleichzeitig hatte sie den Eindruck, dass seine Entwicklung in die falsche Richtung zeigte.

„Ganz genau“, antwortete Basel laut, während er sich weiter abschminkte. „Es ging um die Meta-Ebene des Schwiegermutterwitzes. Aber man kann nicht erwarten, dass diese Trampel draußen so etwas verstehen. Ich bin darüber hinweg, einfach nur Gags zu schreiben, die von Leuten schenkelklopfend konsumiert werden wie Bier und Brot. Ich bin nicht deren Hofnarr. Es geht um viel mehr.“ Josie schwieg. Sie wollte mit ihrer Künstleragentur lediglich Geld verdienen und bei Geld gab es keine Meta-Ebene. „Was haben Ihre Gespräche mit den Fernsehsendern ergeben?“ Basel drehte sich zu ihr und musterte sie kritisch. „Sind Sie von mir überzeugt?“ Sie starrte ihn an und sprach schnell in die unangenehme Pause, die entstanden war: „Natürlich, ich betreue Sie!“ – „Gut“, antwortete er. „Ich habe nachgedacht. Die Zeit ist reif: ich will eine eigene Fernsehsendung! Und Sie kümmern sich darum.“

(142) Realistischerweise ging ihre Geschäftsbeziehung mit Herrn Lehmann zu Ende.

Realistischerweise ging ihre Geschäftsbeziehung mit Herrn Lehmann zu Ende. Josie brauchte Ersatz. Beim Hinausgehen schaute sie auf ihre Uhr und beschloss, ein Spontanscouting zu machen. Ein Freund hatte ihr einen Schlammcatcher empfohlen, eine echte Type mit großem Unterhaltungswert, der nur auf seine Entdeckung wartete. Eigentlich hatte sie vorgehabt mit Basel essen zu gehen, aber das konnte sie sich auch sparen.

Schlammcatchen? Warum nicht, sie hatte nichts Besseres vor. Die Veranstaltung fand im Keller eines Abrisshauses statt, war illegal und eigentlich nur ein Sideact der Dance-Veranstaltung in den anderen Stockwerken. Sie zahlte Eintritt und folgte handgeschriebenen ‚Catch as catch can‘-Schildern die Treppe hinab in den Keller. Die anderen Zuschauer waren allesamt jüngere Leute. Getränke verkaufte jemand aus einer alten, mit Eis gefüllten Badewanne am Fuß der Treppe. In einem großen Raum war ein niedriges, aufblasbares Schwimmbecken aufgestellt, das wadenhoch mit einem gelbbräunlichen, unappetitlich aussehenden Schleim gefüllt war. Es roch muffig-erdig im Keller. Scheinwerfer standen auf Dreibeinen um das Becken herum und tauchten es in gleißendes Licht.

Josie kam gerade zum finalen Kampf des Abends und sie hatte Glück, denn Sam Petersen, genannt ‚Yosemite Sam‘, kam nach der Ansage eines fetten Armeeparkaträgers wie ein Gummiball in den Raum gehüpft. Petersen war erstaunlich fit für seine 61 Jahre. Er trug einen roten Einteiler, der bereits aus den Ausscheidungskämpfen eine Schlammkruste aufwies. Der Catcher war etwas korpulent und seine Rundungen wurden unvorteilhaft von seinem Outfit hervorgestrichen. Auf seinem Kopf saß eine Baseballmütze und darunter trug er einen mit getrocknetem Lehm zersetzten struppigen Vollbart. Hinter ihm kam Rudi Rost, sein Gegner, in grün und mit Glatze.

Josie wurde von den Zuschauern hinter ihr ganz nahe an den Beckenrand geschoben. Aus einem Ghettoblaster ertönte ein Gong und beide Kämpfer sprangen in den Schlamm. Am Anfang konnten sie sich noch gut gegenseitig festhalten. Das wurde aber immer schwieriger. Einen Schiedsrichter gab es nicht, wohl auch weil es keine Regeln gab. Sam hielt sich an Rost fest, dessen Einteiler einriss und seinen Oberkörper freigab. Das schien Rost zu behindern, denn mit ein paar schnellen Handgriffen riss er sich das Kleidungsstück unter dem Johlen der Menge vom Leib und stand erst einmal rosig nackt da in seiner Massigkeit.

Dann hatte Sam ihn auch schon umgestoßen. Er nahm einen Anlauf und flog im Bogen auf Rost zu. Der Glatzkopf konnte sich knapp zur Seite retten, so dass Sam mit einem Bauchklatscher landete. Ein Schlammtsunami brach sich an den Beckenrändern und spritzte bis in die Gesichter der Zuschauer in den ersten Reihen. Josie war vorne von oben bis zu den Knien mit dem kackfarbenen Schlamm bespritzt. Sie japste, schloss aber schnell den Mund, als sie merkte, dass der Schlamm ihr in den Mund lief. ‚Meta-Schlammcatchen‘, dachte sie. ‚Warum nicht Meta-Schlammcatchen?‘ Sie wandte sich ab und ging. Sam Petersens Entdeckung würde weiter auf sich warten lassen.

(143) „Rudi, es tut mir wirklich leid. Ich hätte dich verletzen können.“

„Rudi, es tut mir wirklich leid. Ich hätte dich verletzen können.“ – „Kein Thema, Sam, ich konnte mich rechtzeitig wegrollen. Ich hoffe, deine Bauchlandung hat nicht zu sehr geschmerzt.“

Nach der Performance waren Sam, Rudi und ihr Kollege Jaap van Landewyck zur Feier des Tages zum All-you-can-eat-Mongolen-Grill gezogen. Ihnen war zum Feiern zumute, denn der Veranstalter hatte sie nicht nur cash ausbezahlt, sondern auch noch eine Prämie draufgelegt. Der Typ liebte Schlammcatchen. Insbesondere hatte er ein Auge auf Jaap geworfen, aber dieser hatte bisher beständig alle Avancen zurückgewiesen.

„Was haben wir für nächste Woche geplant“, fragte Rudi. Sam organisierte die Truppe und fand Events, bei denen es sich lohnte, aufzutreten. „Momentan sind wir Donnerstag, Freitag und Samstag gebucht. Möglicherweise auch Montag, also: Freihalten, bitte.“ Am Buffet schnitten sie sich selbst Scheiben ab von den ausgelegten Fleischstücken. Sam legte noch etwas Alibi-Gemüse dazu. Dann gab er ihre Auswahl an den chinesischen Koch am Grill, der alles auf einer großen Stahlplatte über dem Feuer grillte. Sie standen am Tresen und warteten, bis das Fleisch gar war.

Jaap zog Sam zur Seite. „Sam? Ich möchte gerne nächste Woche frei nehmen, wenn es geht.“ Sam dachte nach. „Das geht, Jaap. Ich rotiere das Team ein wenig, das ist kein Problem. Irgendetwas Besonderes?“ – „Meine kleine Nichte feiert Geburtstag. Ich muss hinfahren, da ich auch der Pate bin.“ – „Na, das ist doch klar. Brauchst Du einen Vorschuss?“ – „Nein, Sam. Vielen Dank. Das passt schon. Ich habe ja mein Sparbuch.“ Das Fleisch war gar und der Koch gab ihnen die gefüllten Teller zurück. „Danke, Ming“, sagte Sam und der Koch deutete eine Verbeugung an.

Sie aßen schweigend. Als sie fertig waren, spendierte Sam eine Runde Bier. Nach dem ersten Schluck lehnte sich Rudi zurück und sagte: „Sam, ich habe gestern einen Dokumentarfilm gesehen. Dabei ging es um Catchen, aber nicht nur im Schlamm. Ich wollte Euch noch anrufen, aber der Film lief schon länger, als ich einschaltete. Wir sollten uns mal überlegen, ob das etwas für uns ist. Hört mal zu: Die zeigten einen Match in einem Becken mit toten Fischen und einen anderen in einem Becken mit Götterspeise, wisst Ihr, das ist dieses Wackelpuddingzeug…“ – „Mensch Rudi! Was schaust Du Dir denn für Sachen an. Das war ja bestimmt nicht jugendfrei. Nee, das ist nichts für uns. Willst Du Dir einen toten Fisch aus der Poritze puhlen? Ich nicht. Wir bleiben beim Schlamm. Nicht wahr, Jaap?“ Jaap nickte. „Aber, wie wäre es mit Frauen?“ – „Jaap, ich bitte dich!“ Sam war ganz entsetzt. „Kaum retten wir dich vor dem Lustmolch vorhin und schon geht bei dir die Fantasie durch. Nein, nein, nein. Mein Ring bleibt jugendfrei und es bleibt beim Schlamm.“