(114) Ich bin Schauspieler und soll in einer Woche für eine Rolle vorsprechen.

„Ich bin Schauspieler und soll in einer Woche für eine Rolle vorsprechen. Es gibt einen Haken: ich soll einen Sänger spielen, aber ich kann nicht singen.“ Gerry Steiner sah Frau Weber verzweifelt an.

„Es gibt keinen Grund, warum Menschen nicht singen können. Jeder kann es lernen. Allerdings ist eine Woche sehr kurz.“ – „Ich bin dafür zu allem bereit. Sie wurden mir empfohlen. Wenn es einen Weg gibt, dann nur mit Ihnen.“ Frau Weber fühlte sich geschmeichelt, diese Worte von einem gutaussehenden jungen Mann zu hören. „Erzählen Sie mir mehr.“

Steiner gab ihr eine Zusammenfassung der Situation. Bei der Rolle ging es um Herb Jones, ein Sänger, der vom Drehbuchautor offensichtlich Dean Martin nachempfunden war. Jones hatte bisher sorglos in den Tag hinein gelebt und sich nur für Musik und Frauen interessiert. Eines Nachts ging er nach einem Auftritt in einer Hotelbar zu seinem Wagen in die Tiefgarage. Angelehnt an einen Pfeiler fand er einen Sterbenden, der ihm einen Fotochip übergab. Er sollte den Chip an eine bestimmte Adresse bringen. Dann starb der Unbekannte. Schon bald darauf wurde der Sänger verfolgt und man versuchte, ihn umzubringen.

„Die Rolle wäre für mich der Durchbruch.“ – „Das habe ich verstanden“, sagte Frau Weber. „Jetzt die entscheidende Frage: welche Art Musik sollen Sie dort in dem Film singen?“ – „Bei dem Vorsprechen in einer Woche muss ich ein einziges Lied singen: Sway, von Dean Martin.“ – „Aha. Mambo“, erwiderte Frau Weber. „Wie ausgeprägt ist denn ihr Rhythmusgefühl? Tanzen Sie?“ – „Ich will ehrlich mit Ihnen sein: ich tanze wie ein Stück Holz und ich kann mich glücklich schätzen, dass mein Herz schlägt, ohne dass ich den Takt vorgeben muss.“

Frau Weber lächelte: „Das nenne ich eine Herausforderung. Kennen Sie den Liedtext? Gut, dann fangen Sie einfach mal an, zu singen. A cappella, ohne Begleitmusik. Dann bekomme ich einen Eindruck und kann mir überlegen, wie wir am Besten vorgehen. Stehen Sie auf, Herr Steiner. Hier, nehmen Sie die Kerze als Mikrofon.“

Steiner stellte sich hin und fing an zu singen: „When marimba rhythms start to play, dance with me, make me sway. Like a lazy ocean hugs the shore, hold me close, sway me more…” Frau Weber lehnte sich zurück. Steiner hatte nicht übertrieben. Es würde sehr kompliziert werden. Sie dachte: ‘Geld zählen, das beruhigt‘. Sie konnte es sich aber nicht verkneifen, zu fragen: „Wissen Sie übrigens, woher der Ausdruck ‚Mambo‘ stammt? Nein? Mambo bedeutet ‚Gespräch mit den Göttern.‘“

(115) Jake Sparks war der Kopf einer kriminellen Bande, die es schon seit Generationen gab.

Jake Sparks war der Kopf einer kriminellen Bande, die es schon seit Generationen gab. Mit ihm vollzog sich der Übergang von illegalen Geschäften in schmutzigen Hinterhöfen zu ehrbaren Transaktionen bei vollem Tageslicht.

Ein großer Teil des ungesetzlich erworbenen Vermögens konnte nun mithilfe von Online-Banking zwischen Briefkastenfirmen in Offshore-Finanzzentren reingewaschen und in den Kreislauf der offiziellen Volkswirtschaft eingebracht werden. Da bei diesen Geschäften Fäuste und Pistolen nicht die entscheidenden Waffen waren, brauchte Sparks die Unterstützung von versierten Personen. Er kaufte sich unter anderem Politiker. Einer davon war Bill Cramer.

Sparks hatte Cramer systematisch aufgebaut und ihn bei seinen Wahlkämpfen finanziert. Sparks hatte sozusagen auf Cramer gewettet und gewonnen, denn Cramer wurde zu einer der einflussreichsten Politiker der zweiten Reihe, der in vielen Ausschüssen Entscheidungen wesentlich beeinflussen konnte. Sparks und Cramer hielten ihre physischen Treffen auf ein Minimum begrenzt. Die meiste Zeit tauschten sie sich über abhörsichere Mobiltelefone mit nicht registrierten Rufnummern aus.

Der Tote in der Tiefgarage war ein Journalist, der schon lange Sparks auf der Spur war. Er hatte einen Tipp erhalten, dass ein Treffen mit einer hochstehenden Persönlichkeit anstand. Dass es sich dabei um Cramer handelte, wurde ihm erst bewusst, als er mit der Kamera im Anschlag auf dem Flachdach eines Bürohauses lag und mit einem Richtmikrophon versuchte, das Treffen zu überwachen. Das Mikrofon hatte versagt, aber er hatte mit dem Teleobjektiv mehrere gute Fotos schießen können von dem Treffen, das ihm gegenüber zwei Stockwerke tiefer stattfand. Als er Cramer sah, den Sparks wie einen guten Freund umarmte, war er verblüfft.

Dann entdeckten ihn Sparks Leute auf dem Dach und er musste fliehen. Im Treppenhaus erwischten sie ihn mit einer Kugel. Der Journalist konnte sich noch in die Tiefgarage schleppen. Dass eine Übergabe des Fotochips stattgefunden hatte, bemerkten Sparks‘ Leute erst, als sie die Bänder der Überwachungskameras untersuchten.

Sparks und Cramer waren sich einig, dass der Chip um jeden Preis gesichert werden musste und der Empfänger des Chips eliminiert. Als Cramer sich beschwerte, dass das Treffen nicht ausreichend abgesichert gewesen war, brauchte es nur eines Blickes von Sparks, um ihn zum Schweigen zu bringen. „Ich kümmere mich darum. Wir haben jemand, der solche Fälle löst. Zurück zu unserem Thema: Wie wird die Regierung auf die neuen Sonderempfehlungen der OECD reagieren?“ – „Ganz einfach. Die Regierung wird sagen, dass unsere Gesetze gegen die Geldwäsche schärfer sind und daher die Sonderempfehlungen keine Auswirkungen bei uns haben werden.“ – „Gut, damit kann ich leben.“

(116) Über das Autokennzeichen hatte Clark leicht herausgefunden, was er wissen wollte…

Über das Autokennzeichen hatte Clark leicht herausgefunden, was er wissen wollte: Herb Jones, Klubsänger, an diesem Abend gebucht im Tequila Sunrise Pickup. Als Clark am Vormittag mit seinem dunkelgrünen Ford Mustang GT dort vorfuhr, war das Lokal noch geschlossen. Ein Putzmann verriet ihm für einen mittleren Geldschein, wo Jones zurzeit wohnte. Clark verjagte die Kids, die an seinem Wagen standen und hineingafften. Er fuhr zu der angegebenen Adresse, ein einstöckiges Haus mit einer Wohnung oben und einer Wohnung unten. Jones wohnte unten.

Clark ging um das Haus herum. Das Fenster zum Wohnzimmer war gekippt. Innen war es ruhig. Mit ein paar präzisen Handgriffen öffnete er das Fenster, nahm seine High Standard 107 aus dem Holster und stieg ein.

Nacheinander sicherte er die Räume, die alle menschenleer waren. Nur das Schlafzimmer war noch übrig. Die Tür war angelehnt. Als er hineinspähte, sah er, dass jemand unter der Decke im Bett lag. Mit der Pistole im Anschlag schob er die Tür weiter auf. Sie machte kein Geräusch. Er schaute sich im Zimmer um. Auf der Kommode bemerkte er neben einem Autoschlüssel einen Kamerachip, der wie beschrieben aussah. Er steckte ihn ein. Dann nahm er ein Kissen, das auf der Erde lag, trat ans Bett und feuerte eine Kugel durch das Kissen in die Bettdecke, dort wo sich der Kopf abzeichnete. Er wartete eine Sekunde, dann hob er die Bettdecke an. Darunter lag eine nackte junge Frau. Er hatte sich nicht erkundigt, ob Jones allein lebte. Er wäre auch nicht zwingend anders vorgegangen. Nein, es hätte seine Vorgehensweise nicht beeinflusst.

Dennoch, es war ein Fehler. Clark, der aus Gründen der Coolness schon vor Jahren seinen Vornamen abgelegt hatte, war nicht zufrieden mit sich. Fehler waren für ihn ein Zeichen der Schwäche. Er ließ die Waffe sinken und schaute grimmig auf den blutigen Kopf, der so gar nicht mehr zu dem jungen verletzlichen Körper passte. Dann hörte er wie Papier hinter ihm raschelte. Er drehte sich um und sah Jones mit einer Bäckereitüte in der Tür stehen. Jones hatte ein Faible für gutgeölte Türen. Hyperempfindlicher Musiker.

Als Clark die Waffe hob, reagierte Jones schnell. Er zog die Schlafzimmertür hinter sich zu und stürmte aus dem Haus. Clark war ihm auf den Fersen. Jetzt galt es schnell zu sein. Jones sprang auf die Straße und hechtete in Todesangst hinüber. Clark war dicht hinter ihm. Seine Augen waren auf Jones fixiert, bis er den Geländewagen bemerkte, der auf ihn zurollte und dann über ihn fuhr. Reflexartig drückte er ab, würde aber nie mehr erfahren, ob er Jones erwischt hatte oder nicht.

(117) Scheiße, Scheiße, Scheiße!

„Scheiße, scheiße, scheiße!“ – „Er hat geschossen!“ Anita gab Gas. „Du begehst Fahrerflucht!“ Beppo hielt sich an der Handschlaufe fest, als Anita mit hoher Geschwindigkeit in eine Nebenstraße einbog. „Schnauze“, zischte sie.

Beppo sah mit schreckgeweiteten Augen nach vorne. Anita steuerte den Wagen im Zick-Zack durch eine Reihe von weiteren Nebenstraßen. Dann erreichte sie eine Ausfallstraße, der sie Richtung Stadtauswärts folgte. „Warum hast du das getan?“ – „Was hätte ich denn sonst tun sollen. Der Typ war bewaffnet.“ – „Eben!“ – „Nichts eben. Räuber oder Gendarm. Beides wäre für uns nicht sonderlich gut. Willst Du dass eine Verkehrsstreife kommt und uns hilft, den Jeep aufzuräumen. Schon vergessen, was wir im Kofferraum transportieren?“ – „Ja, ist ja schon gut. Lass mich überlegen.“ – „Es gibt nichts zu überlegen. Wir müssen raus aus der Stadt.“ – „Wenn jemand das Kennzeichen notiert hat?“ – „Unwahrscheinlich, die Straße war leer. Autotyp vielleicht, Kennzeichen eher nicht.“ – „Du weißt es nicht!“ – „Jetzt mach dir nicht ins Hemd. Beppo! Lass mich mal machen.“

Beppo wandte sich ab und schaute angestrengt zum Seitenfenster hinaus. Sie fuhren schweigend weiter. Als Anita aus der Beschleunigungsspur auf die Autobahn preschte, fragte Beppo: „Was ist dein Plan?“ – „Wir müssen erst einmal Land gewinnen und dann weg von der Straße. Den Rest des Tages den Ball flach halten. Dann werden wir mal die Fühler ausstrecken und hören, ob man uns sucht und worum es geht. Vielleicht haben wir der Menschheit ja einen Gefallen getan. Der Typ sah nicht wie ein Bulle aus. Und dann organisieren wir die Übergabe für das Zeug im Kofferraum. Am besten ein Treffpunkt auf dem Land, im Wald. Was weiß ich.“ – „Vielleicht finden die das gar nicht gut und werden uns mit Betonschuhen versenken!“ Anita lachte. „Du schaust zu viele Krimis, Mann. Nee, die sind froh, dass wir den Scheißtransport übernehmen.“

Anita hatte Beppo nur dabei, weil er kräftig war und normalerweise tat, was sie ihm sagte. Wäre er intelligenter, gäbe es andere Probleme. Bei der Lektüre eines Artikels über Lebensmittellogistik, war ihr die Idee gekommen, eine Dienstleistung anzubieten zwischen Groß- und Einzelhandel im Drogensegment: aufteilen, verpacken, verteilen. Da sie als Konsumentin über gute Kontakte verfügte, war sie so zur Unternehmerin geworden. Wenn man Beppo berücksichtigte, sogar zur Arbeitgeberin. Wichtig war es jetzt, einen Reputationsschaden aufgrund des Autounfalls zu vermeiden. „Wir verbringen die Nacht in einem Motel“, informierte sie Beppo. „Ich kenne den Geschäftsführer.“

(118) Anita stellte den Motor ab und gab Beppo mit einer Kopfbewegung zu verstehen, dass er ihr folgen solle.

Anita stellte den Motor ab und gab Beppo mit einer Kopfbewegung zu verstehen, dass er ihr folgen solle. Sie öffnete die Tür der Holzhütte, über der das Schild ‚Empfang – Motel Post‘ hing.

Drinnen war es dunkel. Es roch nach muffigem Holz und Zigarettenrauch. Anita drückte auf die Rezeptionsklingel auf dem Empfangstresen. Daneben stand ein Schild ‚Johnny Neumann – Geschäftsführer‘.

„Anita!“ Beppo erschrak, als er die brüchige Stimme hörte. Aus dem Nichts kommend stand ein kleiner, dürrer Mann hinter ihnen. Er trug eine schwarze Sonnenbrille, die ihm viel zu groß schien. Im Mundwinkel hing eine selbstgedrehte Zigarette. Sein Schädel war auf der Stirn eingedellt, wie von einem Daumen. „Hallo Johnny. Das hier ist Beppo. Wir brauchen ein Zimmer für eine Nacht. Diskret.“ Johnny ging um den Tresen herum. Er griff mit der linken Hand in den Setzkasten an der Wand und nahm einen Schlüssel mit klobigem Holzanhänger heraus. Darauf stand ‚29‘. „Das ist für die Hochzeitsuite, unser diskretestes Zimmer.“

Als er die Zigarette aus dem Mund nahm, bemerkte Beppo, dass Johnny die rechte Hand fehlte. Der Arm endete über dem Handgelenk. Elle und Speiche hatten eine Spalte in der Mitte, in die Johnny seine Zigarette geklemmt hatte. „Alles klar, Sportsfreund“, fragte er Beppo, der ihn anstarrte. Beppo wandte sich ab. Johnny fuhr fort: „Es ist ganz hinten am Bachlauf und hat sogar eine Garage. Gleiches Schloss. Direkter Zugang vom Zimmer in die Garage.“ – „Danke Johnny. Das passt. Wir sind hier als Jochen und Johanna Müller. Ich komme nachher noch mal vorbei zum Telefonieren.“ – „Ich lauf nicht weg.“ Johnny klopfte mit seiner Hand ans Bein – es klang nach hohlem Plastik. Dabei keuchte er ein heiseres Lachen.

Als sie wieder im Wagen saßen, fragte Beppo: „Was ist denn mit Johny passiert?“ – „Johnny hat es nie einfach gehabt in seinem Leben“, antwortete Anita. „Ich habe ihm den Job besorgt, schon vor Jahren. Wir können uns voll auf ihn verlassen.“

Sie fuhren den Wagen in die Garage. Anita schaute sich um, stieg hinunter zu dem Bachlauf, der hinter der Nummer 29 floss. Als sie zurückkam nickte sie und schloss die Tür auf. Das Zimmer war in Ordnung. Beppo warf sich auf eins der beiden Betten und schaltete den Fernseher ein. Anita zog ihre Cowboystiefel aus und legte sich auf das andere Bett. „Kannst du den Ton abschalten und mich in zehn Minuten wecken.“ Sie puhlte das Kopfkissen unter der Decke heraus und drehte sich auf die Seite. Beppo drückte den ‚Mute‘-Knopf der Fernbedienung.

(119) Beppo zappte von einem Kanal zum Nächsten.

Beppo zappte von einem Kanal zum Nächsten. Keiner davon sagte ihm zu, bis er zu einer Szene kam, die ihn den Finger vom ‚Up‘-Knopf nehmen ließ.

Der Bildschirm zeigte einen großen Raum, der aussah, wie man sich eine Gummizelle vorstellte. Die Wände waren mit einem weichen Material beschichtet, das an der Oberfläche wie Kunstleder schien. Es gab direkt in die Wand angebaut ein Sofa, ebenfalls aus einem weichen Stoff mit abgerundeten Ecken. Darauf saßen in Abständen von etwa einem Meter mehrere junge japanische Frauen in Badeanzügen. Beppo konnte ihr Alter nicht genau einschätzen.

Als er sich in das Programm einschaltete, saß ein Mann, der eine Frankenstein-Monstermaske und Monsterhandschuhe trug, zwischen zwei Frauen auf dem Sofa. Er war dabei die Frau zu seiner Linken in der Taille zu kitzeln. Sie schien sehr kitzlig zu sein, ihr Gesicht war vor Lachen verzerrt. Sie war schon halb vom Sofa gerutscht. Obwohl sie mit ihren Händen wie wild herumwedelte, schien sie sich nicht wirklich zu wehren.

Unten rechts auf dem Bildschirm zählte eine Uhr die Sekunden abwärts. Als die Anzeige bei null angelangt war, sprang sie gleich wieder auf 30 zurück. Gleichzeitig eilte der Monstermaskenträger eine Frau nach rechts weiter und setzte sich wieder. Die Kamera schwenkte mit. Als er saß, fing die Uhr wieder an zurück zu zählen und er griff sich wieder die Frau zu seiner Linken und fing an, sie zu kitzeln. Die Frau hätte eine Schwester der ersten Frau sein können. Alle Frauen ähnelten sich sehr. Als die Uhr bei null angelangt war: wieder das gleiche Wechselspiel.

Beppo war irgendwie fasziniert von dem Spektakel, das sich ihm bot. Er fragte sich, was der Sinn der Sendung war. Die Tonspur würde ihm wohl keine Antwort geben. Plötzlich merkte er, dass eine Viertelstunde um war. Das heißt er musste fast 30 Frauen gesehen haben, die gekitzelt worden waren. Entweder das Sofa in dem Studio war riesengroß oder die Kamera hatte einmal um 360 Grad geschwenkt und war schon längst wieder bei der ersten Frau angekommen. Es war ein Rätsel. Allerdings wollte er nicht, dass Anita ihn sah, wie er eine solche debile Sendung schaute. Deshalb zappte er zuerst wieder auf Position 1, bevor er den Ton ganz leise wieder anstellte. Eine Nachrichtensendung.

Beppo schubste Anita leicht an. Sie war gleich wieder wach. Ein Einspieler zeigte die Folgen von Studentenprotesten auf dem Bildschirm. „Mach mal lauter“, bat sie ihn. „Das sieht ja übel aus. Das wird sie bestimmt mehr beschäftigen, als unser kleiner Autounfall. Wir haben Glück.“

(120) Sie hatte längere Zeit mit sich gerungen und von ihrem Mansardenfenster aus die Straße betrachtet.

Sie hatte längere Zeit mit sich gerungen und von ihrem Mansardenfenster aus die Straße betrachtet. Die Situation hatte sich offensichtlich beruhigt. Noch eine Stunde vorher hatte unter ihrem Fenster ein Wasserwerfer eine ganze Horde Jugendlicher vor sich her getrieben. Jetzt war es leer draußen.

Lieselotte Rang schaute auf die Uhr und traf eine Entscheidung. Sie zog die Gardinen wieder zu, setzte sich vor dem Spiegel ihren Hut auf, legte ihren Mantel an und ergriff Regenschirm und Handtasche. Vor dem Kruzifix neben der Garderobe bekreuzigte sie sich routiniert und ging nach unten. Zwei patrouillierende Bereitschaftspolizisten grüßten sie. Die Straßen waren nass und voller Unrat. Dafür waren sie ansonsten leer.

Frau Rang hatte die Handtasche an ihren linken Arm gehängt. Mit der Hand drückte sie den Regenschirm gegen den Mantel, um die beiden Flügel zusammen zu halten. Die andere Hand pendelte locker an ihrer Seite, während sie mit schnellem Schritt voranschritt. Als sie um die Ecke bog, sah sie die ausgebrannten Autos, die die Halbstarken noch in der Nacht als Barrikade gegen die Polizei aufgetürmt hatten. Die flammenden Autos hatte sie noch in den Frühnachrichten gesehen, während sie einen Zwieback mit Erdbeermarmelade gegessen und einen Espresso aus dem Aluminiumkocher getrunken hatte. Als sie an den Wracks entlang ging, schienen sie ihr viel weniger bedrohlich. Hässlich waren sie allemal mit ihrer abgeblätterten Lackierung und den ausgebrannten Sitzen.

Frau Rang schaute wieder auf die Uhr und beschleunigte den Schritt. Es war Donnerstag und an diesem Wochentag und zu dieser Zeit traf sie sich mit den paar Freundinnen, die noch nicht gestorben waren, in dem Ausflugscafé auf dem Ponton am Fluss. Dieses Treffen war ihr heilig und sie hatte in den vier oder fünf Jahren, seit es das Treffen gab, kein einziges davon ausgelassen. Wenn man wollte, dann ging das auch. Es fing an zu tröpfeln und Frau Rang spannte den Regenschirm auf. Und wenn es Katzen und Mäuse regnete oder brennende Straßenbarrikade aufgeschichtet würden – all das würde sie nicht aufhalten, dachte sie übermütig, während sie gut vorankam und bereits den Fahnenmast des Cafés sehen konnte.

Der Regen wurde stärker. Wie gut, dass sie wegen des Unrats auf der Straße ihre Gummigaloschen angezogen hatte. Als sie ins Café eintrat, grüßte Ilka sie lächelnd. Frau Rang schüttelte den Regenschirm durch die halboffene Tür nach draußen. Das Café war ansonsten völlig leer. Sie setzte sich an ihren angestammten Platz und wartete. Nach fünf Minuten bestellte sie doch ein Kännchen Kaffee. Nach weiteren zehn Minuten auch ein Stück Kuchen. Die anderen waren anscheinend zu feige gewesen, dachte sie grimmig, als sie die Gabel in das Stück Prinzregententorte stach. Es konnten ja nicht alle in der gleichen Nacht gestorben sein.

(121) Ilka Grube nahm jeden Eisbecher einzeln vom Regal und polierte das Glas mit einem Geschirrtuch.

Ilka Grube nahm jeden Eisbecher einzeln vom Regal und polierte das Glas mit einem Geschirrtuch. Die Chefin war schon nach Hause gegangen, weil so wenig zu tun war. Sonst war das Café um diese Uhrzeit brummvoll mit Damen, die nichts mehr schätzten als ein Kännchen Kaffee, ein Stück Kuchen und ein angeregtes Gespräch. Aber heute hatte sich nur die tapfere Frau Rang hinausgewagt. Heute würde sie nicht viel verdienen. Ilka seufzte und nahm das nächste Glas. Woran könnte sie noch sparen?

In all den Jahren, seit Heiner Grube sie im Stich gelassen hatte, waren Verzicht und Sparen ihre zweite Natur geworden. Alles wurde immer teurer, nur sie kam nicht vom Fleck. Wenigstens gab Ethan deutliche Zeichen, dass er es schaffen könnte. Eigentlich war er genauso wie sie und Heiner es sich gewünscht hatten. Sie lächelte und nahm ein neues Glas. Sehr schade, dass Heiner nicht mehr da war und sah, wie gut sich der Junge entwickelte. Ethan war gut in der Schule, höflich mit allen und auch mit ihr. Er war der Grund, warum sie das alles doch aushielt.

Für seinen Geburtstag hatte Ethan sich einen Chemiebaukasten gewünscht. Sie hatte erst gar nicht gewusst, dass es so etwas gab. Sie dachte, er nehme sie wieder auf den Arm. Doch dann holte er den Katalog und zeigte ihr das Foto des Baukastens. Sein Lehrer habe gesagt, dass sei sehr förderlich. Sie musste zugeben, es sah sehr lehrreich aus. Die Abbildung auf dem Deckel der Schachtel zeigte ein richtiges Labor, wie man es in Krankenhausserien sah.

Dann dachte sie, dass Ethan vielleicht gar studieren wollte. Aber sie verdrängte den Gedanken gleich wieder, denn sie wusste nicht, wie sie das schaffen würde. Nun, die Sorgen würde sie sich machen, wenn es soweit sein würde.

Sie schaute zu Frau Rang, die den letzten Rest Kaffee aus der Kanne in die Tasse schüttete und dabei auf den Fluss schaute. Eigentlich kannte sie Frau Rang nur sehr flüchtig. Sie gab auch immer nur wenig Trinkgeld. Aber sie hatte es bestimmt auch nicht einfach gehabt im Leben und doch durchgehalten. Irgendwie würde es immer einen Weg geben. Morgen würde sie ihrer Chefin die Situation erklären. Gut möglich, dass sie Verständnis haben würde, denn sie mochte Ethan ebenfalls sehr. Vielleicht würde sie Ilka einen Vorschuss geben. Das würde ihr schon helfen. Vielleicht würde Ilka dann morgen kurz während der Arbeitszeit rausschlüpfen können, um den Baukasten im Spielzeugladen zu kaufen. Ethan hatte nachgeschaut und ihr berichtet, dass er ihn ganz zufällig dort gesehen hatte. Das hatte sie süß gefunden, aber nichts gesagt. Es sollte ja eine Überraschung werden. Frau Rang hatte jetzt ihre kleine türkisfarbene Knipsbörse gezückt und blickte mit hochgezogenen Augenbrauen Ilka an.

(122) Er hatte es geschafft. Schon von der Größe her sah das Paket aus wie ein C3000.

Er hatte es geschafft. Schon von der Größe her sah das Paket aus wie ein C3000. Hastig riss er das Geschenkpapier auf und hielt glücklich den Kasten mit dem aufgedruckten Laborbild in der Hand. Aber erst einmal musste er sich bei seiner Mutter bedanken. Sie umarmte ihn, küsste ihn auf beide Wangen und wünschte ihm alles Gute zum Geburtstag. Einen Arm legte er um ihre Schulter, mit dem anderen hielt er weiter den Karton. Dann gab es noch heiße Schokolade und ein Stück Kuchen, das bei der Arbeit übriggeblieben war. Schließlich aber merkte sie, wie sehr es ihn kribbelte und entließ ihn lächelnd in sein Zimmer. Dort konnte er endlich den Karton öffnen.

Es gab einen Einsatz, in dem durchsichtige Plastikflaschen mit einer roten Verschlusskappe eingelegt waren. Darunter waren verschiedene Geräte und Gefäße. Er probierte die Schutzbrille auf, beschaute sich die Glasgefäße und den Bunsenbrenner. Dann nahm er das Begleitbuch und schlug es auf. Es enthielt 360 Anleitungen für verschiedene Versuche. Schnell überflog er die Kapitelüberschriften. Was ist Chemie? – Geräte – Gase – Metalle – Wasser – Fette… Er suchte nach einem Begriff und fand ihn nicht. Auch nicht als er das Buch ein zweites Mal danach durchsuchte.

Ethan suchte nach einer Anleitung zur Herstellung von Sprengstoff. Bei seinen Schulkameraden hatte er angegeben, dass er schlau genug sei, kleine und auch große Bomben zu bauen. Sie hatten ihn ausgelacht und ihm gesagt, das sollte er erst einmal vorführen. Dann hatten sie ihn wieder als Streber gehänselt. Ethan hatte kein Interesse daran, Säuren von Laugen zu unterscheiden. Er wollte nicht feststellen, was in Wasser löslich sei und was nicht. Er hatte überhaupt kein Interesse an Chemie. Seine Prüfungen in dem Fach fielen nur deshalb so gut aus, weil er sich gerne Dinge merkte.

Mit der Sprengstoffsache saß er fest. Er musste etwas in die Luft jagen, um zu zeigen, was er drauf hatte. Der Chemiebaukasten war ein Flop. Leider hatte er das Anleitungsbuch nicht vorher lesen können. Jetzt hatte er ein schlechtes Gewissen, weil seine Mutter so viel Geld für ein nutzloses Geschenk ausgegeben hatte.

Vor ein paar Tagen hatte er einen Zeitungsartikel gelesen, über einen Unfall bei dem ein Junge eine Hand und ein Auge verloren hatte. Der Junge hatte versucht, Unkrautvernichter und Zucker in ein Metallrohr zu stopfen. Das Problem war wohl, dass es ein Metallrohr war. Zumindest wäre damit ein großer Effekt zu erzielen, dachte Ethan. Auch wenn es gefährlicher war. Leider hatte seine Mutter keinen Garten. Er würde sich also das Unkrautvernichtungsmittel selbst besorgen müssen.

(123) Ethan war nicht zum ersten Mal im Baumarkt.

Ethan war nicht zum ersten Mal im Baumarkt. Das letzte Mal hatten er und seine Mutter eine Farbe ausgesucht, mit der sie den Flur strichen. Er folgte den Schildern zum Gartenbedarf. Dort gab es eine ganze Regalreihe mit Schachteln, Flaschen und Sprühdosen in gelb, rot und grün. Er ging an den Düngemitteln vorbei. Dann kamen die Mittel gegen Schnecken, Milben und Läuse.

Schließlich stand er vor den Unkrautvernichtern. Es gab eine große Auswahl. Die flüssigen Mittel schloss er aus, das war schwieriger zu handhaben. Er nahm eine Schachtel mit dem Markennamen ‚Totalvernichter‘ in die Hand. Auf einer anderen Packung stand ‚Ultrakiller‘. Daneben sah das ‚Unkrautfrei‘ fast friedlich aus. Er entschied sich für den Totalvernichter, der auch den Vorteil hatte, günstiger zu sein.

Ethan stellte die Fünf-Kilo-Schachtel in den Einkaufswagen. Niemand kümmerte sich um ihn. Jetzt brauchte er noch etwas zur Ablenkung. Er hatte sich überlegt, eine Rolle Raufasertapete zu kaufen. Die war groß, billig und er konnte das Papier verwenden, um seine Bomben darin einzupacken. Sogar hier gab es eine große Auswahl. Er nahm die billigste Variante. Immerhin auch 25 Meter. Je näher er den Kassen kam, desto mehr klopfte sein Herz. ‚Mein Vater hat einen sehr großen Garten mit sehr viel Unkraut. Er kann nicht selbst kommen und hat mich geschickt.‘ Er sah sich die Kassiererinnen an. Die meisten waren etwa so alt wie seine Mutter. Ein Blick und sie hätten ihn entlarvt. So wie seine Mutter auch schnell gemerkt hatte, dass er von dem Baukasten enttäuscht war. Ihm wurde heiß auf der Stirn.

An Kasse 31 saß eine junge Frau. Hier wollte er es versuchen. Während sie den Kunden vor ihm abkassierte, legte Ethan den Totalvernichter auf das Band und gleich oben drauf die Tapetenrolle. Als das Band anruckte und wieder stoppte, rollte die Tapete runter und lag jetzt vor der Schachtel. Ethan ließ sie liegen. Die junge Frau trug ein Namensschild. Darauf stand ‚Felizia Schwarzmüller‘. Sie griff jetzt nach der Rolle, grüßte Ethan kurz, schaute ihn dabei an. Mechanisch führte sie die Rolle über den Scanner, wartete auf das Piepsen und legte sie nach links in die Warenausgabe. Als sie den Totalvernichter einscannte, ertönten drei Piepstöne. Sie schaute auf den Bildschirm neben ihr und dann auf Ethan, der sofort rot anlief.

„Wie alt sind… bist du?“, fragte sie ihn. „Dreizehn“, log er. „Ich muss mal den Marktleiter fragen. Tut mir leid“, sagte sie. Sie drückte eine Taste. „Wir müssen einen Augenblick warten“, fügte sie hinzu und starrte dann auf einen weit entfernten Punkt in der Reihe der Kassen. Ethan tat so, als ob er sich nach dem langen Stehen die Füße vertreten wollte. Dann rannte er so schnell er konnte in Richtung Ausgang.

Als der Marktleiter Herr Kreis bei Kasse 31 ankam, schaute Felizia immer noch in Richtung Ausgang. „Was ist los, Frau Schwarzmüller?“ Sie erklärte ihm den Vorfall. „Hat er etwas gestohlen?“ – „Das weiß ich nicht.“, sie zuckte mit den Schultern. Herr Kreis seufzte.