(104) Ich stelle mir ein großes Zimmer vor.

„Ich stelle mir ein großes Zimmer vor. Gedämpftes Licht, vielleicht ein flackernder Kamin. Mittendrin ein feierlich gedeckter Tisch. Für zwei. Kerzenschein. Wir sitzen am Tisch und tragen beide schicke Abendgarderobe. Du sitzt vor mir im Smoking mit schwarzer Fliege. Die Speisen werden immer von Bediensteten gebracht, die man aber selbst nie sieht. Wir trinken Champagner aus Kristallgläsern, die so schön tönen, wenn man mit ihnen anstößt.

Dann kommt der erste Gang. Es sind Ziegenkäse-Ravioli mit feinstem Trüffelöl beträufelt. Die Ravioli zergehen einem im Mund und der Käse hat einen Geschmack, der nicht von dieser Welt ist. Während ich sie esse, stelle ich mir vor, wie ich nackt vor dir liege und du mit einem ölgetränkten Ravioli über meine Brust fährst. Du lässt es umher kreisen, so dass meine Brust ganz glänzend aussieht. Mit der geränderten Bordüre des Ravioli fährst du wie mit einem Zahnrad um meinen Nippel herum. Dann steckst du mir den Ravioli in den Mund und leckst das Trüffelöl von meiner Brust. Du trinkst einen Schluck Champagner, behältst ihn im Mund und saugst damit an meiner Brust, so dass ich das kalte Prickeln des Champagners verspüre.

Dann kommt, wieder wie von Geisterhand, der Hauptgang. Es gibt Saltimbocca mit Parmaschinken und Salbeiblättern. Wir sind schon so aufgewühlt, dass wir unser Essen gar nicht mehr von den Tellern essen wollen. Weil wir uns schon so intensiv geküsst haben, ist das Fleisch schon etwas abgekühlt und du legst mir mit deinen Fingern die dünnen Kalbsschnitzel auf die Oberschenkel. Du beißt Stücke von dem Fleisch ab und ich spüre, wie du einem Raubtier gleich an dem Fleisch reißt. Zwischen zwei Bissen des Fleisches verwöhnst du mich mit der Zunge oder fütterst mich. Wenn du fertig bist, bin ich von dem reichen Bratenfonds ganz glitschig und du fällst komplett über mich her. Wir rollen uns nackt auf dem Teppichboden und lieben uns wie die Tiere.

Und dann kommt das Dessert. Es ist ein Kuchen, der innen eine Füllung von noch flüssiger Schokolade hat. Du stopfst mir Stücke davon in den Mund, dass mir die warme Schokolade an den Wangen herunter läuft. Mit der anderen Hand bringst du mich noch einmal zum Höhepunkt inmitten eines Esszimmers, das wie nach einer Schlacht aussieht. So in etwa sieht meine Phantasie aus. Wie wäre das für dich?“

Bertram hatte ihr sehr konzentriert zugehört, dabei streckenweise vor Aufregung den Atem angehalten. Als sie geendet hatte, meinte er strahlend: „Das ist wunderbares Material. Ich hatte ja keine Ahnung. Ja, damit kann ich etwas anfangen. Liebes, ich sehe dich mit ganz anderen Augen. Ich bin froh, dass du mir davon erzählt hast.“

(105) Als Bertram ihr sagte, sie solle sich diesen speziellen Samstag frei halten…

Als Bertram ihr sagte, sie solle sich diesen speziellen Samstag frei halten, hatte sie nach dem Grund gefragt. Er hatte geschmunzelt und skandiert: „Ü-ber-ra-schung!“

Sie musste nachmittags die Wohnung verlassen und durfte auf keinen Fall vor 20 Uhr zurück sein. Das alles war sehr ungewöhnlich für Bertram, aber sie ahnte schon, dass es etwas mit ihrer Phantasie zu tun hatte. Sie war aufgeregt und gespannt, wie Bertram ihre Vorstellungen umgesetzt hatte.

Den Nachmittag verbummelte sie in der Stadt, hatte aber in Anbetracht der noch kommenden Ereignisse weiche Knie. Kurz nach acht Uhr klingelte sie an ihrer eigenen Wohnungstür. Bertram öffnete die Tür und trug einen Smoking. Er sah sehr elegant darin aus. Er wiederum genoss ihre Bewunderung. „Komm rein. Es ist alles fertig. Du musst zuerst in das Schlafzimmer gehen und Dich umziehen. Es liegt alles bereit.“ Es roch nach feinem Essen. Sie tippte darauf, dass Bertram Essen hatte liefern lassen, denn er selbst konnte sich nicht einmal Rührei zubereiten.

Sie ging ins Schlafzimmer. An der Kleiderstange am Schrank hing ein Abendkleid in Gelb-Orange, ihrer Lieblingsfarbe. Sie fühlte den Stoff und nahm an, dass es Seide war. Schnell schlüpfte sie in das Kleid. Es passte. Bertram musste eines ihrer Kleider genommen haben, um die richtige Größe zu finden. Er hatte sich so viel Mühe gegeben. Sie war erregt und gleichzeitig auch bewegt. Sie schminkte sich passend zu ihrem Kleid und legte Parfüm auf. Dann öffnete sie die Tür. „Bertram! Kann ich rauskommen?“ Bertram kam aus dem Wohnzimmer. Sie sah umwerfend aus und er sagte es ihr. Sie strahlte ihn an. Es würde ein toller, unvergesslicher Abend werden. Er nahm sie an der Hand und führte sie ins Wohnzimmer.

Er hatte umdekoriert, so wie sie es sich erträumt hatte, bis auf das Kaminfeuer natürlich. Ein sehr festlich gedeckter Tisch, Kerzenschein, gedämpfte Musik. Daisy machte einen sehr zufriedenen Eindruck, bis sie Elmar sah, der einen Smoking trug und lässig am Bücherregal lehnte.

„Darf ich Dir Elmar Hofeldt vorstellen, meine Liebe. Elmar, meine Frau Daisy.“ Elmar ergriff Daisys Hand und pflanzte einen Kuss darauf. „Sehr erfreut, Daisy. Sie sehen wunderschön aus. Ich bin überwältigt.“ Daisy war verwirrt. „Sie sind der Kellner…?“ – „Nein, meine Liebe“, unterbrach sie Bertram, „den Part übernehme ich. Elmar ist der Mann des Abends.“

Daisy brauchte einen Augenblick, bis sie die Konstellation verstand, die Bertram sich ausgedacht hatte. Dann lief sie zurück in ihr Schlafzimmer und ließ die beiden Herren im Smoking im romantischen Kerzenschein stehen. Die Tür hatte sie abgeschlossen und sie reagierte nicht auf Bertrams Bitten. Irgendwann später schloss sie auf und als Bertram in den Flur trat, war sie schon an der Haustür und schlüpfte hinaus. „Egoistisches Aschloch“, waren ihre einzigen Worte, dann knallte sie die Tür hinter sich zu.

(106) Tut mir leid, Elmar. Damit hatte ich nicht gerechnet.

„Tut mir leid, Elmar. Damit hatte ich nicht gerechnet.“ Bertram ließ sich auf einen Stuhl plumpsen. Er hatte kurz überlegt, Daisy hinterher zu laufen, hatte sich dann aber dagegen entschieden. „Nicht schlimm, Bertram. Nicht alle Frauen sind fürs Swingen gemacht. Das hatte ich dir ja schon ganz am Anfang gesagt. Manche lieben es, viele hassen es. Manche gewöhnen sich daran, andere nicht.“

Bertram hatte Elmar über eine Kontaktanzeige kennen gelernt. Er hatte ihn ausgewählt, weil Elmar sich schriftlich gut ausdrückte und auf dem Foto gepflegt aussah. Als sie sich zum ersten Mal getroffen hatten, fand Bertram seine Erwartungen erfüllt. Er mochte Elmar auch als Mensch und fand es aufregend, durch ihn mit einer ihm bis dahin völlig unbekannten Welt in Kontakt zu kommen.

Elmar war Stammgast in einem Swinger Club, Traudel’s Swinger Paradies. „Es kommt immer wieder vor, dass Männer ihre Ehefrauen mitbringen, ohne ihnen vorher zu sagen, wo es hingeht. Das hat aus meiner Erfahrung noch nie funktioniert. Du musst mit den Frauen immer ehrlich sein, ihnen sagen, was du denkst und was du von ihnen haben willst.“ Bertram nickte zustimmend. „Aber du musst ihnen auch etwas geben, womit sie sich gut fühlen. Ich will dich nicht kritisieren, aber ich kann es gut verstehen, dass Daisy weggelaufen ist. Es war zuviel für sie.“ Bertram senkte den Kopf. „Wenn Frauen emotional instabil werden, dann hat keiner etwas davon.“

Elmar erzählte Bertram von einer Episode bei Traudel. Ein Stammbesucher, „nennen wir ihn Udo“, hatte ein schlechtes Gewissen, weil er sich immer alleine dort vergnügte. Er wollte das ändern und lud deshalb seine Frau, „nennen wir sie Roswitha“, in den Club ein. Er sagte nur, dass es sehr gesellig werden würde, vergaß aber zu erwähnen, dass das gesellige Beisammensein Nacktheit erforderte und mit gegenseitigen Geschlechtsakten kombiniert war.

Udo brachte also Roswitha mit und kam recht früh, bevor die Hüllen gefallen waren. Zuerst war es ganz nett und Roswitha empfand die anderen Menschen offen und herzlich.

Die Eskalation begann in drei Schritten: a) eine Frau legte Udo ihre Hand auf den Schritt; b) eine andere Besucherin setzte sich auf dem Barhocker so hin, dass Roswitha sah, dass sie keine Unterhose trug und c) Traudel fragte sie, ob sie nur zuschauen oder auch mitmachen wollte.

Als alle anderen Anwesenden nackt waren, bekam Roswitha einen Schreikrampf und lief aus dem Haus. Udo sagte nur, „sie geht nach Hause oder kommt zurück“. Sie kam auch zurück, allerdings in Begleitung einer Polizeistreife, der sie etwas von Sodomie und Frauenhandel erzählt hatte. Den Beamten war die Kontrolle peinlicher als den Anwesenden, aber sie mussten ihre Aufgabe erfüllen. Alle Anwesenden mussten sich ausweisen und angeben, dass sie freiwillig da waren. Am Ende fuhr Udo mit seiner Frau nach Hause. Seitdem hatte Elmar ihn nicht mehr gesehen.

(107) Heute wollte er sie fragen.

Heute wollte er sie fragen. Norbert Nebel hatte seine Freundin Patricia Theilmann in den Vergnügungspark eingeladen. Um 22 Uhr, wenn es dunkel sein würde, wollte er mit ihr Riesenrad fahren. Wenn die Gondel ganz oben sein würde, wollte er sie fragen, ob sie ihn heiraten würde. Er fand, dass das ein guter Plan war. Bis dahin, würden sie noch über den Rummelplatz gehen und tun, wozu sie gerade Lust hatten.

Norbert war aufgeregt und, wie immer, redete er dann viel. Nach dem Hähnchenessen berichtete er ihr von seinem Streifeneinsatz im Swinger Club am Vortag. Es war seine aufregendste Begebenheit der letzten Tage. Patricia fand solche Themen abartig, aber Norbert dachte, sie müsste sich daran gewöhnen. Es gehörte zu seinem Beruf und mit wem sollte er darüber sprechen, wenn nicht mit ihr. Die Notwendigkeit, dass Polizeibeamte in der Ehe Rückhalt bekamen, hatte auch ein Polizeipsychologe in dem letzten monatlichen Rundschreiben erwähnt.

Norbert erzählte Patricia von der Einrichtung des Clubs, den auf dem Fußboden liegenden Matratzen, den anfangs nackten, nicht mehr allzu jungen Leuten, dem Weidenkorb mit den Kondomen und den Sexspielzeugen. „Diese perversen Schweine…“, murmelte Patricia und schnitt ihm das Wort ab: „Ich will hier rein!“

Sie standen vor dem Rotor. Norbert zahlte und dann stiegen sie in die Trommel. Sie stellten sich nebeneinander an die Innenwände, die Musik wurde lauter, die Trommel begann sich zu drehen, immer schneller. Dann sank der Boden ab und sie hingen an der Wand, fixiert durch die Zentrifugalkraft. Patricia bereute bald ihren Entschluss und schaute nach oben zur Trommel hinaus. Norbert mochte die Fahrt und drehte sich an der Wand einmal um die eigene Achse, so dass er mit dem Kopf nach unten stand. Patricia sah die Zuschauer, die immer verschwommener aussahen. Der Junge im roten Pullover war nur mehr ein ständig wiederkehrender Punkt, auf den sie sich konzentrierte.

Dann kam das in Bier gebadete Hähnchen zurück. Die Energie ihres Würgens war nur wenig stärker als die Zentrifugalkraft. Das Erbrochene verteilte sich auf Gesicht und Haare. Als Norbert seine persönliche Rotation vollzogen hatte und wieder zu Patricia hinübersah, musste er unwillkürlich lachen. Es war ein nervöser Reflex. Er konnte nichts tun, seine Arme waren an der Wand fixiert. Er konnte nichts sagen, weil Musik und Ansager zu laut waren. Weil er ihr mitteilen wollte, dass alles gut werden würde und er sie auch jetzt liebe, lächelte er.

Aus Patricias Sicht lachte er sie aus. Er, dem nichts etwas anhaben konnte und Kapriolen machte, hatte sie ausgelacht, als sie sich vor der Welt blamierte und mit vollgekotztem Kopf an der Wand hing. Die Trommel verlangsamte sich und Patricia rutschte nach unten auf die abwaschbare Plastikmatte des Bodens, der ihr entgegenkam. Tränen mischten sich mit der Kotze.

Als sie sich auf dem Klo halbwegs säuberte, stand er betroffen vor dem Container. Als sie herauskam, schrie sie ihn an und sagte ihm, er könne sich zum Teufel scheren. In Norberts Augen reflektierten sich die Strahlen der untergehenden Sonne in den Fenstern der Riesenradgondeln.

(108) Kollege Nebel, würden Sie bitte bei Herrn Ihle in der Küche bleiben und darauf achten, was er macht.

„Kollege Nebel, würden Sie bitte bei Herrn Ihle in der Küche bleiben und darauf achten, was er macht. Er ist tatverdächtig.“ Polizeimeister Norbert Nebel hatte eine sehr schlechte Nacht gehabt. Zuerst hatte er sich mit seiner Freundin Patricia gestritten. Dann warf sie ihn aus der gemeinsamen Wohnung. Er hatte den Rest der Nacht bei seinem Bruder auf der Ausziehcouch verbracht.

Am ersten Einsatz des Tages ging es um den Tod einer Rentnerin. Die Putzhilfe hatte sie gefunden und vermutete ein Verbrechen. Sie hatte die Polizei gerufen und ausgesagt, dass der Ehemann dahinter stecken könnte. Die Spurensicherung war noch an der Arbeit. Mehr wusste Nebel nicht.

Gustav Ihle saß regungslos auf der Eckbank in der Küche. Er trug einen hellblauen Jogginganzug. Vor ihm stand eine leere Tasse. „Guten Tag Herr Ihle. Ich bin Polizeimeister Nebel und leiste Ihnen etwas Gesellschaft.“ Ihle schaute zwar nicht auf, aber Nebel hatte den Eindruck, dass er ihn aus den Augenwinkeln beobachtete. Er stellte sich neben die Küchentür. Nach einigen Minuten hob Ihle den Kopf und sagte mit weinerlicher Stimme: „Kann ich noch etwas Kaffee haben?“ Nebel ging schnell seine Optionen durch und entschied sich, hilfsbereit zu sein.

Die Kaffeekanne stand in der Maschine und war fast leer. „Die Filtertüten und der Kaffee sind im Schrank ganz links.“ Nebel füllte die Kaffeemaschine mit Wasser und legte den gebrauchten Filter auf die Arbeitsplatte. Als er aus der Blechdose Kaffee in die neue Papiertüte löffelte, bemerkte er, wie Ihle die Schublade des Küchentischs geöffnet hatte und darin etwas verstaute, das er aus der Hosentasche kramte. Nebel warf den Kaffeelöffel hin und sprang zum Tisch. Er hielt Ihles Hand fest und schaute, was er gerade in die Schublade gelegt hatte. Ihle saß verdattert da und wehrte sich nicht.

Nebel fand drei Packungen Medikamente sowie ein Plastiktütchen mit weißen Pillen. Er schrie nach den Kollegen von der Kripo. Ihle wurden Handschellen angelegt. Eine Leibesvisitation brachte nichts weiter zutage. Auf die Fragen, was das für Pillen seien, gab Ihle keine Antwort. Er sagte nur: „Sie hat mein Leben ruiniert.“ Dann schwieg er. Nebel und ein Kollege mussten Ihle zur Vernehmung ins Polizeipräsidium fahren. Als sie ihn abgeliefert hatten, war es Zeit für ihre Mittagspause.

Nebel ging nicht gleich in die Kantine, sondern stellte sich im Innenhof in eine Ecke und versuchte Patricia zu erreichen. Es klingelte, aber sie drückte seinen Anruf weg. Er würde eine neue Wohnung brauchen. Auf der Tageskarte stand Chili con Carne.

(109) Dr. Wilczek setzte sich ins Auto und klappte seinen Aktenkoffer auf.

Dr. Wilczek setzte sich ins Auto und klappte seinen Aktenkoffer auf. Aus dem hintersten Fach nahm er eine Tüte mit rohen Möhren, die er am Vormittag selbst geschabt und mit Zitronensaft beträufelt hatte. Er nahm eine davon heraus und biss hinein. Beim Kauen dachte er an seinen Termin zurück. Gustav Ihle, der neue Mandant, für den er Pflichtverteidiger geworden war, wollte auch mit ihm nicht reden.

Wilczek hatte Einsicht in die Akten genommen. Der Sachverhalt schien klar und plausibel. Magda Ihle kränkelte schon jahrelang und die Spannungen zwischen ihr und ihrem Mann wurden immer größer. Mehrmals hatte Ihle seiner Frau vor den Augen der Putzhilfe, den Tod gewünscht und einmal sogar gesagt, dass er sie noch zur Strecke bringen werde. Daher auch das Misstrauen der Putzhilfe.

Nach Aussage des Rechtsmediziners und aufgrund der aufgefundenen Medikamente hatte Ihle schon seit zwei Wochen die blutdrucksenkenden Pillen seiner Frau gegen selbst hergestellte Placebos ausgetauscht. Er zählte darauf, dass sie früher oder später einen massiven Schlaganfall erleiden würde. Und da nur er ständig bei ihr war, brauchte er nur zu warten, dass sie daran starb. Und so kam es auch. Da die Putzhilfe schnell die Polizei rief, hatte Ihle versäumt die Beweise wegzuräumen und hatte sie zuerst nur schnell in der Hosentasche verstaut und vergessen. Die Silikonform, mit der er die Placebos erstellt hatte, wurde im Hobbyraum gefunden. Bei seiner Festnahme hatte er auch noch gesagt, dass seine Frau sein Leben ruiniert habe. Gegen Affekt sprach die längere Vorbereitungszeit der Tat. Ein Versehen war auch ausgeschlossen, weil Ihle eine ganze Menge Placebos produziert hatte und eines davon bei seiner Frau im Magen gefunden worden war. Es war nicht zu erwarten, dass Ihle auch im Falle einer Verurteilung mit einer hohen Strafe zu rechnen hätte, denn er war immerhin bereits 79 Jahre alt.

Am sinnvollsten wäre wahrscheinlich ein Geständnis, schneller Prozess, verständnisvoller Richter, Bewährungsstrafe und schnell wieder aus dem Gefängnis raus. Allerdings schien Ihle auch nicht jemand zu sein, der die neue Freiheit nutzen würde. Wilczek wollte am nächsten Tag noch einmal mit ihm sprechen.

Die Möhren waren alle. Er startete den Wagen und machte sich auf den Weg zu einem anderen Mandanten. Jan Stiller, ein Konzeptkünstler, hatte wieder einmal Schwierigkeiten mit der Exekutive. In einem Interview hatte er seine nächste Aktion angekündigt: eine Ausstellung mit Blindgängern aus dem Zweiten Weltkrieg. Allerdings sollten die Blindgänger alle noch scharf sein. Prompt bekam er eine Anzeige wegen eines geplanten Verstoßes gegen das Waffengesetz sowie einer Gefährdung der öffentlichen Sicherheit. Wilczek hoffte, dass Stiller noch keine Exponate in seinem Atelier gelagert hatte.

(110) Herr Stiller, die Aufregung wegen Ihrer letzten Performance…

Lars Henschel: Herr Stiller, die Aufregung wegen Ihrer letzten Performance unter dem ungewöhnlichen Titel ‚Auto-Ikone Subito!‘ ist noch nicht verklungen, schon planen Sie neue Aktionen. Was ist Ihr nächstes Projekt, das Sie hier den Lesern unseres Regionalblattes exklusiv vorstellen können?

Jan Stiller: Das nächste Projekt, lieber Lars Henschel, wird alle Ausstellungen, die wir bisher kannten, in den Schatten stellen. Dabei geht es um einen wahrhaft explosiven Stoff, der niemand ruhig lassen wird.

LH: Große Worte, Herr Stiller. Worauf dürfen wir uns genau einstellen?

JS: Kunstaustellungen haben ihre Schärfe verloren. Niemand geht heute mehr zu einer Vernissage und erwartet mehr als Schnittchen und laue Puffbrause. Es sind After Work-Kaffeekränzchen für Pseudo-Leistungsträger geworden. Meine nächste Aktion wird Performances wieder die Schärfe zurückgeben, mit der man am offenen Herzen der Gesellschaft operieren kann.

LH: Das klingt sehr spannend. Für unsere Leser: Können Sie noch konkreter werden?

JS: Folgendes: Es wird eine Ausstellung mit Blindgängern aus dem Zweiten Weltkrieg sein…

LH: Das sind Fliegerbomben, die nach dem Abwurf nicht explodiert sind. Sie können, müssen aber nicht, noch scharf sein, das heißt explodieren können.

JS: …die wir so darbieten, wie sie gefunden wurden.

LH: Sie könnten also noch scharf sein?

JS: Auf jeden Fall! Sie nähern sich dem Kern des Konzepts, lieber Herr Henschel. Möglicherweise ist der Zünder komplett am Asch. Vielleicht sind sie noch scharf. Unter Umständen werden sie durch die Wärme bei der Vernissage aktiviert. Es kann sein, dass die Zelluloidplättchen, die bisher durchgehalten haben, durch den Transport mit dem letzten Tropfen Aceton in Kontakt kommen und sich auflösen. Es ist eine ungewisse Situation, vergleichbar mit den Grundprinzipien unseres Lebens. Die Performance heißt ‚Blind gehen – Sterbend sehen‘.

LH: Das klingt gefährlich. Glauben Sie denn, dass zu dieser Aktion Zuschauer kommen werden?

JS: Natürlich. Wir alle brauchen den Kick. Es ist die Spannung zwischen Leben und Tod. Zwischen gut durchbluteter Pfirsichhaut und einem Hacksteak. Gewalt in ihrer sinnlosen Urform. Archaische Angstgefühle wie Schweine vor dem Schlachthof.

LH: Noch eine Frage: Sie müssen ja auch von etwas leben und die Ausstellungsstücke können Sie ja nicht verkaufen. Wie verdienen Sie mit dieser Kunst Geld?

JS: Ich könnte Ihnen jetzt sagen, dass Geld bei mir keine Rolle spielt. Aber ich komme aus kleinen Verhältnissen, daher: ja, Geld spielt eine Rolle. Die Bomben werden nach der Ausstellung kontrolliert zur Explosion gebracht und die Splitter können von Sammlern erworben werden.

LH: Haben Sie die erforderlichen Exponate schon bereit?

JS: Dazu möchte ich jetzt nichts sagen. Nur so viel: es gibt genug.

LH: Im Namen unserer Leser: vielen Dank für diese Ausführungen. Wir wünschen Ihnen mit Ihrer neuen Performance ‚Blind gehen – Sterbend sehen‘ einen Bombenerfolg.

(111) „So ein Idiot“, dachte Gregor Kamp und faltete den Regionalteil seiner Tageszeitung zusammen.

„So ein Idiot“, dachte Gregor Kamp und faltete den Regionalteil seiner Tageszeitung zusammen. Er bemerkte, dass ihm Schweiß auf der Stirn stand und nahm seine Serviette, um ihn wegzuwischen. Ein Blick auf die Uhr: er hatte noch Zeit, bevor er den Jungen bei seiner Mutter abholen konnte. Jeder zweite Samstag.

Als er so alt war wie der Junge, war es ein ganz anderes Leben. Blindgänger hatte er viele gesehen, sie lagen überall herum. Manche waren so geplant gewesen, hatten Zeitzünder und gingen lange nach dem Abwurf noch hoch. Als Kind hatte er viele gesehen und er hatte Angst vor ihnen gehabt. Unzählige Male holte ihn seine Mutter bei Fliegeralarm aus dem Bett. Das Sirenengeheul hatte er natürlich gehört und jedes Mal zog er sich die Decke über den Kopf und wollte sich nicht bewegen. Mehr als einmal musste seine Mutter ihn aus der Wohnung zerren. Oft nur mit Schlafanzug und Bademantel bekleidet, stiegen sie in den Keller des Nachbarhauses. Es war kalt, muffig, feucht. Seine Mutter setzte ihn auf eine mitgebrachte Decke unter einen Türrahmen. Sie versuchte ihn zu beruhigen. Dann das Warten. Es war dunkel in den Kellerräumen. In jedem Raum gab es eine Kerze, die allerdings oft nicht ersetzt wurde, wenn sie abgebrannt war. Dann kamen die Bomben. Sie hörten die Explosionen und spürten die Erschütterungswellen, die durch den Boden liefen. Zuerst wurden sie immer stärker, dann blieben sie auf der gleichen Intensitätsstufe, wenn der Bombenkrieg genau über ihnen war.

Viele beteten, auch seine Mutter. Manchmal glaubte man schon, es sei vorbei, wenn es für kurze Zeit still war. Dann wieder ein Treffer. Manchmal gab es mehrere Wellen von Angriffen. Schließlich war es wirklich still und dann kam die Entwarnung. Sie gingen wieder nach oben und waren jedes Mal froh, dass ihr Haus nichts abbekommen hatte. Oft aber brannte es in der Nähe und sie hofften, dass das Feuer gelöscht werden konnte, bevor es sie erreichte. An Schlaf war nicht zu denken danach. Und doch ging es irgendwie weiter.

Kamp glaubte den Geruch des Luftschutzkellers noch jetzt in der Nase zu spüren. Seitdem hielt er es an unterirdischen Orten nicht aus. Er mied Tunnels, Tiefgaragen und konnte auch keine Tropfsteinhöhlen besichtigen. Manchmal erstarrte er, wenn er Rauchfleisch roch, weil es ihn an den Geruch erinnerte, der sie oft empfing, wenn sie aus dem Luftschutzkeller wieder nach oben stiegen. Er schaute auf die Uhr. Es wurde Zeit, den Jungen abzuholen.

(112) Hatten Sie ein schönes Wochenende?

„Hatten Sie ein schönes Wochenende?“ Gregor Kamp verzog unmerklich das Gesicht, als er Ludger Bernhardts Stimme hörte. Bernhardt war zwar ein guter Werbemann, aber an seine Stimme konnte man sich nur schwer gewöhnen. Kamp murmelte, dass es ganz ok war. Es war halt eines dieser Wochenenden gewesen, die er mit gutem Willen angegangen war und die doch in Unverständnis und Frust endeten.

Bernhardt ließ sich nicht beeindrucken und übernahm die Führung des Gesprächs. In kurzen Sätzen skizierte er den Aufstieg von Kamps Firma, die unter der Marke GREKA Motorschutzschalter für dreiphasige Elektromotoren produzierte. GREKA war zum Referenzprodukt geworden und bisher uneingeschränkter Markt- und Innovationsführer. Allerdings gab es immer mehr Konkurrenzprodukte aus dem Ausland und Kamp wollte neben der üblichen Messewerbung künftig auch stärker in Fachzeitschriften auftreten.

Kamp nickte. Bernhardt erklärte, dass er für die Werbeanzeigen einen attraktiven Blickfang nehmen wollte. Da die Kunden alle Männer seien, würde sich eine Frau im Bikini gut eignen. In der Hand hielte sie einen GREKA Motorschutzschalter, den sie dem Leser darbot. Dabei sollte sie verführerisch lächeln. Als Hintergrund könnte man einen karibischen Strand mit Palmen nehmen. Kamp sagte nichts, auch als Bernhardt eine Pause einlegte und auf Feedback hoffte. Dann legte Bernhardt noch eine Pappe auf den Tisch, auf der er die Elemente seines Vorschlags als grobe Collage simuliert hatte.

Kamp sah ihn an und erklärte den Vorschlag für Affenkacke. Bernhardts Stimme wurde noch schriller und höher, als er sich zu rechtfertigen versuchte. Kamp drehte die Pappe um und brachte Bernhardt mit einer Handbewegung zum Schweigen. Er erklärte, dass er etwas ganz anderes sehe. Er wollte einen großen Elektromotor im Hintergrund, am besten einen großen Traktionsmotor. Davor ein Ritter in voller Rüstung mit einer Hellebarde in der einen Hand und einem GREKA-Schutzschalter in der anderen. Das Helmvisier offen, mit einem gewinnenden Lächeln. Als Slogan: „GREKA – wir schützen Ihren Motor!“.

Bernhardt räusperte sich mehrmals, um seine Stimme in den Griff zu bekommen. Er gab zu bedenken, dass eine Ritterrüstung nicht so gut zu einem Innovationsführer passte und vielleicht keinen so effektiven Augenfang böte, wie ein Mädchen im Bikini. Er vermutete, dass es einer solchen Anzeige etwas an Leichtigkeit fehlen würde.

Kamp aber blieb standfest: er wollte einen Ritter und er würde ihn auch bekommen. Das sollte Bernhardt so akzeptieren. Er tat es auch, indem er mit seiner verunglückten Stimme sagte: „Einverstanden, wir bereiten Entwürfe vor.“

(113) Bitte nehmen Sie Platz. Was kann ich für Sie tun?

„Bitte nehmen Sie Platz. Was kann ich für Sie tun?“ Floriane Weber lächelte Ludger Bernhardt an und rückte ihre riesigen Brillengläser zurecht. Bernhardt erzählte ihr, dass er den Eindruck habe, bei seinen Kunden nicht entsprechend ernst genommen zu werden. Seine Stimme entspreche, nun ja, nicht der Norm. „Manchmal komme ich mir vor, wie der Rufer in der Wüste.“ Er sei selbst auch nicht sehr zufrieden mit seiner Stimme. Er könne zum Beispiel das Video der letzten Weihnachtsfeier der Agentur nicht ansehen, weil ihn seine Stimme bei der Ansprache dermaßen schockte. Mit anderen Worten, er sei zur Sprachtherapeutin gekommen, weil er eine andere Stimme haben wollte.

Frau Weber fragte nach, was er sich denn als Ergebnis vorstelle. „Ich will eine tiefe, volle Stimme. Bei der die Menschen hinschauen und denken: Der Mann versteht sein Geschäft. Da höre ich gerne hin. Manchmal denke ich, dass die Leute mich wegen meiner Stimme für einen, pardon, Schlappschwanz halten.“ – „Ich verstehe. Hatten Sie Krankheiten, die Ihre Stimmbänder angegriffen haben?“ Bernhardt schüttelte den Kopf. „Nun, es spricht nichts dagegen, dass wir Ihre Stimmer etwas ‚tiefer legen‘ und vielleicht mehr Ruhe hineinbringen. Ehrlicherweise muss ich Ihnen aber auch sagen, dass es nicht sicher ist, ob wir Ihr persönliches Ziel vollständig erreichen.“

Als sie die praktischen Aspekte der Therapie besprochen hatten, brachte Bernhardt noch zur Sprache, dass man den Werbeauftritt von Frau Webers Sprachtherapiepraxis verbessern könnte. „Sie sind sehr verhalten dabei und mehr damit beschäftigt, Ihren Hintergrund darzustellen, als auf die Probleme Ihrer Kunden einzugehen.“ Frau Weber sagte nichts. „Sie sollten natürlich nichts Unmögliches versprechen, aber ich denke, Sie könnten positiver, proaktiver für Ihre Sache werben. Glauben Sie mir, das kommt bei den Kunden sehr gut an.“

Erwartungsvoll schaute er auf Frau Weber. „Ich habe keine Kunden, wie Sie sagen. Zu mir kommen nur Patienten.“ Bernhardt hob seine Hände, um Verzeihung bittend. „Aber wenn mein Erscheinungsbild so miserabel ist, warum sind Sie denn gerade zu mir gekommen? Warum nicht zu einem Therapeuten, dessen Erscheinungsbild Ihnen eher zugesagt hat?“ Bernhardt lächelte matt. „Na ja, ich dachte mir, dass ich Ihnen vielleicht helfen könnte, Ihre Situation zu verbessern.“ Frau Weber starrte ihn an und rückte wieder an ihrer Brille. „Herr Bernhardt, dann lassen Sie mich auch ehrlich sein. Wir kennen uns jetzt seit einer Viertelstunde. Ich glaube, Ihre Probleme werden Sie allein mit einer tieferen Stimme nicht lösen können. Sie brauchen vielleicht andere Hilfe.“