(83) Es war ein langweiliger Nachmittag in den Osterferien.

Es war ein langweiliger Nachmittag in den Osterferien. Arnold und Othmar spielten auf dem Fußboden in Arnolds Zimmer mit seinem Fischertechnik-Baukasten.

„Was willst du mal später werden?“, fragte Othmar. Er hatte eben erzählt, dass er Arzt werden wollte, wie sein Vater (45 Jahre, Chirurg, funktionierender Alkoholiker, alle zwei Jahre ein neuer Mercedes, im Sommer drei Wochen Urlaub in der Toskana, diverse sexuelle Abenteuer außerhalb der Ehe). Arnolds Vater war ein unzufriedener Lehrer (43 Jahre, Magengeschwür, ein gebrauchter Opel, Wanderurlaub in der Eifel, zu sehr mit sich selbst beschäftigt, um außereheliche Verhältnisse zu haben). Arnolds Vater haderte ständig damit, dass er vieles mit seinem Leben anfangen könnte, wenn er nur nicht so eingespannt wäre in der Schule.

„Ich will ein Ingenieur werden und große Dinge bauen“, antwortete Arnold. „Kraftwerke, Staudämme, Schiffskanäle.“ – „Wirst du dann hier wegziehen?“ – „Ich werde überall zu Hause sein. In Afrika, Asien, Amerika. Aber hier bleibe ich wohnen.“ – „Hier bei deinen Eltern?“ – „Ich werde mir im Garten ein eigenes Haus bauen. Mit viel Platz für meine Spielzeuge, denn die werden dann sehr groß sein. Weil ich sehr viel Geld verdienen werde. Und mittags gehe ich zu meiner Mutter essen.“ – „Ich weiß nicht, ob ich bei meinen Eltern wohnen bleibe. Sie streiten sich immer und ich kann schwer einschlafen. Ich träume dann sehr schlecht und wache immer wieder auf.“ – „Mein Vater wird wahrscheinlich bald sterben. Er sagt immer, dass es ein Wunder ist, wie er das alles durchsteht.“ – Was meint er damit?“ – „Ich weiß es auch nicht. Aber er klingt dabei wie ein Cowboy, auf den man geschossen hat, und der bald sterben muss. Wasser… Wasser…“ – „Und was sagt Deine Mutter?“ – „Ich glaube, sie wird froh sein. Sie sagt immer, dass dieses ständige Herumnörgeln ihr jeden Spaß raubt. Wenn er weg ist, wird es bestimmt besser.“ – „Ich glaube, mein Vater wird ewig leben. Wenn er abends noch eine Flasche Wein öffnet, sagt meine Mutter, er soll nicht so viel trinken. Und er antwortet dann, dass der Alkohol ihn konserviert. Ich habe meine Mutter gefragt, das heißt, es erhält ihn. Er wird ewig leben.“ – „Wahrscheinlich so wie das Skelett in der Schule. Immer wenn man Karten holen muss, steht es in der Vitrine und grinst einen an.“ – „Ich habe immer Angst davor und mag gar nicht Karten holen gehen.“ – „Pah, du bist ein Angsthase. Du willst Arzt werden und hast Angst vor einem Skelett?“

(84) Arnold Leonhard Prager befand sich im dritten Semester seines Maschinenbaustudiums…

Arnold Leonhard Prager befand sich im dritten Semester seines Maschinenbaustudiums, als bei seinem Vater, Leonhard Maximilian Prager, Magenkrebs im fortgeschrittenen Stadium (T4) diagnostiziert wurde. Arnold besuchte seinen Vater oft an den Wochenenden.

Nach drei Monaten verstarb Leonhard Prager. Die geringe verbleibende Lebensdauer seines Vaters war Arnold von Beginn an bekannt gewesen. Sein Vater hatte es ihm gleich nach der Diagnose mitgeteilt und ihn gebeten, seine eigenen Lebensziele unbeirrt zu verfolgen. Trotzdem warf ihn der Tod seines Vaters aus der Bahn. Nach einer Trauerzeit von drei Wochen eröffnete Arnold seiner Mutter, dass er eine Auszeit bei seinem Studium nehmen wollte. Er meldete sich als Volontär zur Arbeit in Sarid, einem Kibbuz in der Jesreelebene südöstlich von Nazareth und reiste am nächsten Tag dorthin.

Er arbeitete hart in den Grapefruitplantagen und versuchte sein vorheriges Leben für einige Zeit zu vergessen. Bei einem Erntefest lernte er Katharina Klee kennen. Die beiden verliebten sich und beschlossen zu heiraten. Katharina nahm ihn mit zu ihrer Familie, die ihn erst nach Zögern akzeptierte.

Die Klees hatten seit der Gründung eines Chemiewerks Ende des 19. Jahrhunderts ein großes Vermögen angesammelt. In einem Kompromiss einigte man sich darauf, dass Katharina Arnold zwar heiraten durfte, aber ein Ehevertrag regelte, dass Arnold kein Anrecht auf Teile des Klee-Vermögens hatte. Arnold nahm sein Studium nicht wieder auf. Um den Schein zu wahren, gab man ihm einen kleinen Direktorenposten, den er sobald wie möglich wieder aufgab. Seine Mutter besuchte er ab und zu, schickte ihr Geld – aber der Kontakt blieb abgekühlt bis zu ihrem Tod.

Katharina war sehr an Reisen interessiert und Arnold begleitete sie dabei. Als seine Mutter starb, saß er am Great Barrier Reef an Deck einer Motoryacht, während Katharina zu dem Korallenriff hinunter getaucht war. Je älter sie wurden, desto mehr erschien er wie ihr Bediensteter. Ihr war das nicht unrecht.

Zwischendurch hatte Katharina, auf Drängen ihrer Familie, ein Kind (Leonora Marie) auf die Welt gesetzt, kümmerte sich aber nicht weiter darum. Arnold fühlte sich in der Pflicht gegenüber Leonora, konnte aber nur wenig Zeit mir ihr verbringen, da er fast durchgehend mit Katharina unterwegs war.

(85) Während er auf Leonora wartete, dachte Arnold zurück…

Während er auf Leonora wartete, dachte Arnold zurück an die Geschichte, die ihm eine Haushälterin vor fast zehn Jahren erzählt hatte. Damals war er mit Katharina in den Anden gewesen. Vielleicht auch am St. Lorenz-Strom. Egal. Leonoras Internat hatte für die Mädchen einen Kurs im Ballonmodellieren organisiert. Ein lokal sehr anerkannter Luftballonkünstler zeigte dabei, wie man aus einem Ballon Tiere, Pflanzen oder andere Gegenstände modellieren konnte. Dann durften es die Schülerinnen unter seiner Anleitung selbst versuchen.

Es begann mit einem Hund, der aus einem einzigen Ballon geformt wurde. Leonora, so erzählte es die Haushälterin, war sehr begabt darin, sowohl praktisch als auch künstlerisch. Unter Mithilfe des Künstlers schuf sie aus sechs Ballons einen Jesus am Kreuz. Der Lendenschurz bestand aus einem Taschentuch. Erst mit dieser Geschichte war Arnold bewusst geworden, dass Leonora ein sehr religiöses Mädchen geworden war. Er wunderte sich, da es dafür in der Familie kein Beispiel gab.

Und jetzt wartete er auf sie, um ihr auszureden, in ein Kloster einzutreten. Sie hatte es ihren Eltern in einem Brief angekündigt und um ihren Segen gebeten. Katharina war tagelang stinkig zu Arnold gewesen. Er habe sich nicht genug um das Mädchen gekümmert und jetzt habe sie sich einen solchen Schwachsinn in den Kopf gesetzt. Da Leonora aber mittlerweile 18 war, konnte man ihr die Entscheidung nicht verbieten.

Arnold hatte allerdings klare Anweisungen von Katharina erhalten, dass das Kind auf keinen Fall ins Kloster gehen dürfte. Es war die Art von Anweisungen, derer er sich nicht widersetzen sollte. Als Leonora kam, platzierte sie sich auf einen Sessel ihm gegenüber und schaute ihn aufmerksam an. Sie war erwachsen geworden. „Deine Mutter möchte nicht, dass du ins Kloster gehst“, fing er an und nahm nicht an, dass er überzeugend wirkte. Leonora erklärte ihm ihre Gründe, die er aber gleich wieder vergaß, denn sie waren erwartungsgemäß.

Schließlich machte er ihr den Vorschlag, den Katharina ihm eingegeben hatte. Leonora sollte für ein Jahr auf Weltreise gehen, um die Welt nach Belieben zu erkunden. Danach könne sie tun, was immer sie wolle. Niemand würde ihr dann im Wege stehen. Katharina konnte sich nicht vorstellen, dass jemand die Welt bereisen konnte, ohne Lust auf mehr zu bekommen. Leonora zögerte. Er fügte hinzu: „Bitte akzeptiere es, du hast keine andere Chance. Und ich auch nicht.“

(86) Leonora hatte sich gerade an den wiegenden Gang des Elefanten gewöhnt.

Leonora hatte sich gerade an den wiegenden Gang des Elefanten gewöhnt. Zusammen mit Patrick, einem anderen Touristen, saß sie auf einer Art Sofa, das quer über den Rücken des Elefanten geschnallt war. Vor ihnen saß der Treiber. Die Elefantensafari hatte am frühen Morgen begonnen und die sechs Tiere, von denen Leonoras der letzte war, bewegten sich jetzt die sanfte Böschung hinunter zum Fluss. Patrick Sundermann hatte sie erst am Vortag kennengelernt. Eigentlich wollte sie in Kanota die Elefanten nur sehen, am besten vom Jeep aus, aber er hatte sie zu der Safari eingeladen.

Leonora wollte Indien so schnell wie möglich wieder verlassen. Die Hitze und die oft übermächtigen Gerüche in den Städten waren zu viel für sie. Europa und Ägypten waren noch interessant gewesen. Jerusalem war eine Offenbarung und hatte sie in ihrem Glauben bestärkt. Alles was danach kam, war nur noch eine Zumutung. Aber es war auch eine letzte Möglichkeit für sie, sich die Schöpfung anzuschauen, bevor sie sich nur noch um ihre Seele kümmern wollte.

Patrick war speziell nach Indien gekommen und wollte die Erleuchtung finden. Sie hatten gestern Abend länger darüber diskutiert, aber er war zu esoterisch verquast, als dass sie ihm ihren katholischen Standpunkt erklären konnte. Er war kurz vorher in einem Aschram in Dayalbagh gewesen und hatte dort, wie er sagte, sein Bewusstsein erweitert. Leonora hielt ihn für einen Schwätzer. Wenigstens war er während der Safari ruhig und versuchte nicht, sie mit seinen mystischen Visionen zu missionieren.

Mit einem Ruck kippte plötzlich der Horizont nach unten. Leonora schrie kurz auf und dachte, sie würde vom Sitz fliegen. Patrick hatte sofort den Arm um sie gelegt und hielt sie zurück. Der Treiber, der vor ihnen saß, schien aufgeregt. Nach einem Moment entledigte sie sich Patricks Arm und schaute nach unten. Schnell begriff sie, was vorgefallen war. Der Elefantenbulle, auf dem sie ritten, hatte Gefallen an der Elefantendame gefunden, die jetzt seit einiger Zeit in Rüssellänge vor ihm ging. Er hatte die Gelegenheit des Abstiegs zum Fluss genutzt und sie bestiegen. Genau konnte es Leonora nicht erklären, aber es war davon auszugehen, dass der Bulle sein Glied eingeführt hatte. Patrick lachte und sagte etwas über das Mysterium des Lebens, worauf sie ihn wütend anschaute. Sie war kein Blaustrumpf, aber auf einem kopulierenden Elefanten zu sitzen, gehörte nicht zu ihren Vorstellungen von Vergnügen. Diese Weltreise war ein reines Fiasko. Vielleicht konnte sie wenigstens ihren Vater überzeugen, dass sie ihre Reise jetzt unterbrechen durfte, um wieder nach Hause zu fliegen.

(87) Als Patrick Sundermann bei seiner Rückkehr aus Indien die Tür zu seiner Wohnung aufschloss…

Als Patrick Sundermann bei seiner Rückkehr aus Indien die Tür zu seiner Wohnung aufschloss und hineinging, war ihm, als ob seine Nase ein eigenes Leben entwickelt hätte. Noch nie hatte er Gerüche derart intensiv wahrgenommen. Er stellte den Rollkoffer aus dem Weg und drückte die Wohnungstür hinter sich zu.

Er riss das Gepäcklabel ab und ging in die Küche. Als er den Abfalleimer öffnete, schlug ihm ein barbarischer Müllgestank entgegen, obwohl die Tonne leer war. Als er sich umsah, bemerkte er einen anderen, fauligen Geruch und ging ihm nach. Hinter dem Brotkasten fand er schließlich ein Stück Schimmel, das er als Käserest identifizierte. Auf dem Klo war es der intensive Gestank von Urinstein, der ihn störte. Im Schlafzimmer belästigte ihn der Schweißgeruch des einzigen T-Shirts, das im Wäschekorb lag. An der Bettwäsche bemerkte er einen käsigen Geruch.

Sundermann ging zurück in die Diele und öffnete den Koffer. Gleich schien es ihm, als ob die Duftkulisse seiner Indienreise ihn ansprang und seine Wohnung erfüllte. Es war ihm so, als ob sich das Schwarzweiß-Bild eines alten Films von einem Moment zum anderen mit Farbe füllte. Es waren Gewürzdüfte von Pfeffer und Kardamom, die er erschnüffelte. Schwere blumige Gerüche. Im gleichen Augenblick hatte er den Aschram in Dayalbagh wieder vor Augen und verneigte sich vor der Erinnerung, die Hände vor der Brust gefaltet.

Der Aufenthalt im Aschram hatte ihm wirklich die Sinne erweitert und er fühlte sich auf dem Weg zur Erleuchtung.

Die Meditation hatte wohl seinem Geruchssinn eine völlig neue Dimension eröffnet. Vielleicht hätte er länger im Aschram bleiben sollen, anstatt an dieser unnötigen Rundreise teilzunehmen. Möglicherweise hätten sich ihm auch weitere Sinne geöffnet und er wäre auf seiner Lebensreise weiter gekommen. Aber das war jetzt nicht mehr zu ändern.

Sundermann stellte sich vor den Spiegel und schaute sich an. Seine Haut war für seine Verhältnisse sehr dunkel gebräunt. Ein langer, wenn auch spärlicher Bart bedeckte Mund und Kinn. Wenn er lächelte, schob sich das Barthaar auseinander und zeigte seine weißen Zähne. In den zwei Monaten waren auch seine Haare gewachsen und er fand, dass er etwas Messianisches an sich hatte. Vielleicht war der Geruchssinn seine persönliche Bestimmung. Er würde es herausfinden. Der erste Schritt war getan.

(88) Sundermann zog die Klotür hinter sich zu und schloss die Augen.

Sundermann zog die Klotür hinter sich zu und schloss die Augen. In kurzen Zügen atmete er die Luft durch die Nasenlöcher ein und aus. Als er die Augen wieder öffnete, sah er einen Mann, der sich an die weißgekachelte Wand der Zelle lehnte und nach oben schaute. Auf dem heruntergeklappten Toilettendeckel saß eine Frau und hatte ihre Lippen um seine Eichel geschlossen. Mit den Händen bearbeitete sie Glied und Hodensack. Der Mann stöhnte.

Sundermann griff in seine Jackentasche und nahm sein Notizbuch heraus. Er notierte die Szene in ein paar Worten, die er später noch genauer katalogisieren würde. Dann klappte er den Deckel hoch, öffnete seinen Hosenschlitz, nahm seinen Schwanz heraus und urinierte in die Kloschlüssel. Seit er die Gabe des absoluten Geruchs hatte, war er in der Lage nicht nur Gerüche genau unterschieden zu können. Zusätzlich konnte er auch ganze Szenen visualisieren, ausgehend von dem Reiz, den seine Nase empfand. Es war wie ein Buch, das er aufklappte. Besonders Orte, an denen Körperflüssigkeiten ausgetauscht wurden, waren sehr ergiebig für ihn. Es war, als ob jede Zelle, die sich in Geruch auflöste, auch ein Teil der Persönlichkeit des Menschen aufbewahrte, dem die Zelle gehört hatte.

Wenn Sundermann in eine Toilette kam und es roch nach Fäkalien, konnte er bestimmen, ob der Geruch von einem Mann oder einer Frau stammte, wie alt, in welcher Stimmung er oder sie war. Es war faszinierend. Sundermann hatte das Gefühl, eins mit der Welt und den anderen Menschen geworden zu sein.

Wenn er in ein Hotelzimmer kam, konnte er sich zuerst den Geschichten widmen, die sich in dem Hotelzimmer abgespielt hatten und die seine Vorbewohner erlebt hatten. Wenn er morgens beim Auschecken ein Zimmermädchen sah, konnte er mit eindeutiger Sicherheit sagen, wann sie zum letzten Mal sein Zimmer gereinigt hatte.

Einmal hatte er beim Eintreten in ein Zimmer einen mittelalten Mann vor sich gesehen, der sehr traurig war und viele Stunden mit einer Pistole in der Hand auf dem Bett gesessen hatte. Er hatte sie immer wieder in die Hand genommen, sie angesehen und dann wieder abgelegt.

Sundermann spürte, dass es ein potenzieller Selbstmörder war. Er fragte am Empfang nach dem Namen des Vorbewohners, bekam ihn nicht. Er ging noch einmal zurück, als der Nachtportier im Frühstücksraum beschäftigt war. Sundermann entnahm den Namen (Gerhard Johns) und die weiteren Koordinaten aus dem Meldebuch, ging wieder in sein Zimmer und rief an.

Nach mehrmaligem Läuten nahm eine Frau ab. Sie meldete sich als Gabi Johns. Sundermann fragte nach Gerhard Johns und sie sagte ihm, dass ihr Mann seit drei Stunden tot war. Sundermann legte auf, hob den Hörer aber noch einmal an, um daran zu riechen. Lungenkrebs, dachte er. Gemischt mit kaltem Zigarettenrauch.

(89) Danke für den Tee, Frau Bast.

„Danke für den Tee, Frau Bast.“ Gabi Johns hob die Tasse an ihre Lippen. „Wofür hat man Nachbarn, Frau Johns. Sie sind sehr tapfer.“

Im Nebenzimmer waren zwei Polizisten in Zivil dabei, die Spuren zu sichern. Der Kommissar hatte gesagt, dass dies die Vorschriften in solchen Fällen seien. Frau Johns hatte ihren Mann gefunden, als sie von ihrer Arbeit als Bibliothekarin zurückkam. Er hatte sich mit einer Pistole in den Kopf geschossen. Dabei hatte sie nicht einmal gewusst, dass ihr Mann eine Waffe besaß. Der Kommissar hatte genickt und gesagt, man werde mehr über die Pistole herausfinden.

Nachdem sie Gerhard gefunden hatte, war sie als erstes zu Frau Bast gegangen. Die beiden Frauen kannten sich eigentlich nur flüchtig, aber Frau Bast hatte gleich alles in die Hand genommen und die Polizei gerufen. Sie hatte auch den Brief gefunden, den die Polizei an sich genommen hatte. Frau Johns hatte ihn mehrmals lesen können, bis die Polizei kam. Er war sehr kurz gewesen. ‚Meine liebste Gabi, es tut mir leid. Es hat nichts mit Dir zu tun. Ich liebe Dich. Ich bin unheilbar krank und habe Angst. Lebe Dein Leben weiter. Adieu, Gerhard.‘ Sie hatte nicht gewusst, dass Gerhard krank war. Er hatte sich vor zwei Monaten verändert, war sprunghaft gewesen und redete weniger. Aber das war nicht das erste Mal.

Sein Leben als Handelsvertreter war nicht einfach. Er war ständig auf der Reise gewesen, dabei viel allein und immer wieder der Ablehnung seiner Kunden schutzlos ausgeliefert. Außerdem rauchte er zu viel. Der Kommissar hatte gemeint, dass auf jeden Fall eine Obduktion stattfinden würde und man dabei herausfinden würde, ob Gerhard Johns krank war.

„Ich dachte ihn zu kennen. Gerhard und ich sind jetzt seit dreiunddreißig Jahren ein Paar, aber das scheint nicht ausreichend zu sein, um jemand wirklich zu kennen. Ich erinnere mich an die Hochzeit, als sei es gestern gewesen. Er hatte bei einer Ruderpartie um meine Hand angehalten. Ganz romantisch. Ich hatte sofort zugesagt. Ich war die erste meiner Freundinnen, die heiratete. Alle waren neidisch auf mich. Und ich war so stolz. Gerhard sah so hübsch aus. Er hatte volle glänzende Haare und eine tolle glatte Haut. Sie fühlte sich immer so seidig an.“ Sie stockte und ihre Gesichtszüge verzerrten sich. Sie fing an zu schluchzen. „Gerhard, wie konntest Du mir das antun? Warum hast Du Dir ins Gesicht geschossen?“ Frau Bast hielt ihr ein weiteres Papiertaschentuch hin.

(90) Als Gerhard Johns sich das Leben genommen hatte, hatte Frau Bast sich sehr betroffen gefühlt.

Als Gerhard Johns sich das Leben genommen hatte, hatte Frau Bast sich sehr betroffen gefühlt. Im Nachhinein glaubte sie, dass sie den Schuss sogar gehört hatte, dabei aber eher an Straßenlärm gedacht hatte. Es konnte aber auch ein Irrtum gewesen sein und sie hatte Frau Johns nichts davon erzählt.

Sie selbst war bereits seit über zehn Jahren Witwe (Herzinfarkt) und wusste, wie schwer das Alleinsein oft war. Ihre Tochter Leah war selbst viel beschäftigt und der Kontakt mit ihr nur sporadisch. Insgeheim hoffte Sonja Bast, dass sie in Gabi Johns eine Gefährtin finden würde und dass die beiden Damen öfters Dinge gemeinsam unternehmen würden.

Am Anfang schien Frau Johns dankbar für die Fürsorge zu sein. Dann brauchte sie etwas Abstand, um mit ihrer Trauerarbeit voran zu kommen. Dafür hatte Frau Bast Verständnis, denn sie hatte es selbst so erlebt.

Nach einiger Zeit musste es Frau Johns aber wieder besser gehen, denn sie war viel unterwegs. Frau Bast bemerkte dies, da sie unwillkürlich zuhören musste, wenn Frau Johns ihre Wohnungstür auf- und zuschloss. Ein paar Mal hatte Frau Bast einen Vorstoß gewagt, wenn sie wusste, dass Frau Johns gerade nach Hause gekommen war. Immerhin ein Zeitpunkt, an dem sie am wenigsten stören würde. Sie hatte Frau Johns zu einem Spaziergang oder zu einem Theaterbesuch eingeladen. Es wurde ihr aber rasch klar, dass Frau Johns nichts weiter von ihr wissen wollte. Ihr letzter Versuch war es gewesen, Frau Johns ein Stück Kuchen zu bringen. Am nächsten Tag stand der Kuchenteller abgespült vor der Wohnungstür, ohne dass Frau Johns geklingelt hätte. Fassungslos bemerkte Frau Bast später, dass Frau Johns das Stück Kuchen in den Müll geworfen hatte. Ganz deutlich hatte sie ihr Gebäck durch die transparente Tüte unten im Mülleimer gesehen. So als ob Frau Johns ihr damit ausrichten wollte, dass Frau Basts Freundschaft ihr nichts bedeutete.

Frau Bast hatte bestimmt über eine Minute vor dem geöffneten Mülleimer gestanden, während sie die Botschaft in sich aufnahm. Sie schwor sich, für ihre Nachbarin keinen Finger mehr zu rühren. Sie nahm zum Beispiel keine Pakete aus dem Versandhaus mehr für sie an. Und als ein Polizist kam, um wegen einer Einbruchsserie zu warnen, gab sie die Nachricht auch nicht an Frau Johns weiter. Das übernahm, sie hörte es am darauffolgenden Abend, als sie zufällig an ihrer Wohnungstür in das Treppenhaus horchte, die Nachbarin aus dem Erdgeschoss. Mit der wollte Frau Bast fortan auch nichts mehr zu tun haben, grüßte sie auch nicht mehr auf der Straße. Sie war es leid, immer von allen ausgenutzt zu werden und nichts im Gegenzug dafür zu erhalten.

(91) Leah Bast legte den Zeitungsausschnitt neben das Telefon und wählte die Nummer ihrer Mutter.

Leah Bast legte den Zeitungsausschnitt neben das Telefon und wählte die Nummer ihrer Mutter. Sie hatte es sich zur Gewohnheit gemacht bei jedem Anruf ein paar Anekdoten berichten zu können. Damit wollte sie verhindern, dass ihre Mutter einerseits zu sehr über ihre Probleme sprach, andererseits zu viele Fragen über Leahs Probleme stellen konnte.

Leider war es diesmal nur eine kurze Meldung. Ein 92-jähriger Amerikaner namens Paul Cole entdeckte sich selbst auf dem Cover der Abbey Road-LP der Beatles. Er war 1969 als Tourist in London gewesen und durch Zufall auf das Foto geraten. Man konnte ihn schräg oben hinter John Lennons Kopf erkennen, direkt neben dem schwarzen Polizeiwagen. In der Meldung stand, dass Cole zwar ein paar Lieder der Beatles gehört habe, die Musik ihm aber nicht gefalle. Er bevorzuge klassische Musik.

Die Vorteile der Story waren für Leah: Ihre Mutter konnte die Beatles einordnen; mit etwas Glück würde sie sogar das Foto der vier Musiker vor dem geistigen Auge haben, wie sie die Straße überquerten. Nachteile der Geschichte waren: Sie fragte nach dem alten Mann, wie er denn lebe, ob er „einsam“ lebe, ob er Kinder habe usw. „Hier steht, dass seine Frau Organistin ist“, antwortete Leah, die sich vorwarf, nicht mehr Geschichten gesammelt zu haben.

Frau Bast redete ständig von ihrem Alltag, der sich kennzeichnete durch: Rücksichtslosigkeit anderer Menschen unter besonderer Berücksichtigung ihrer Nachbarin, die egoistisch nur ihren eigenen Interessen nachging; die allgemeine Einsamkeit in ihrem Leben; dass sie keine weiteren Kinder gehabt hatte; dass ihr Mann schon so früh verstorben war und sie seither ihr Leben ganz alleine meistern musste; dass alles teuer geworden war; dass ihre Beine immer schwächer wurden; warum Leah immer noch keine Familie gegründet hatte, mit der sie vielleicht öfters zu Besuch kommen würde, gerne auch mit Kindern.

Leah hörte sich alles stumm an und gab nur von Zeit zu Zeit bestärkende, bemitleidende oder andere Laute von sich, mit denen sie zeigte, dass sie weiterhin in der Leitung war. Irgendwann glitten ihre Gespräche immer in diese Schienen. Sie hatte schon überlegt, ein Buch von Witzen (‚Lachen bis der Arzt kommt‘) neben das Telefon zu legen und systematisch Witze einzuwerfen, um die Gespräche erträglicher zu machen. Leider war ihre Mutter aber nicht so sehr an Witzen interessiert, das Unterfangen daher zum Scheitern verurteilt.

Nach den Telefonaten mit ihrer Mutter war Leah immer fertig, brauchte erst eine Erholungspause, um wieder einen klaren Gedanken fassen zu können. Sie wollte auf keinen Fall so enden wie ihre Mutter, war aber wahrscheinlich auf dem besten Weg dahin.

(92) Leah war ganz angetan von Tillmann Lampe.

Leah war ganz angetan von Tillmann Lampe. Seine Beschreibung an der Singlebörse im Internet hatte ihr gefallen. Sie hatten gechattet und Emails hin- und hergeschickt. Auch die beiden Telefonate waren ermutigend gewesen. Allerdings war es nicht ihr erstes Date und alle anderen davor hatten sich als Flops entpuppt.

Tillmann war Anwalt für Urheberrecht, war kulturell interessiert, konnte zuhören, hatte Tischmanieren und sah auch noch gut aus. Vom ersten Anblick, von der ersten Begrüßung an hatte Leah einen positiven Eindruck und war immer mehr von ihm und seiner ruhigen souveränen Art angetan. Tillmann redete kaum über seinen Job und fragte sie auch nicht aus. Ihr Gespräch drehte sich um gutes Essen; italienische Rotweine; Kinofilme; Bücher die sie vor kurzem gelesen hatten oder noch lesen wollten; Urlaubsziele, die sie bereits kannten und die sie noch bereisen wollten; Lieblingsfarbe, -schauspieler/in, -musikstil; Hobbys. Leah fragte sich, ob sie vielleicht gerade dabei war einen Mann kennen zu lernen, der zu ihr passte.

Nach und nach leerte sich das Restaurant, in dem sie sich getroffen hatten und sie wechselten hinüber zur Bar. Tillmann schien etwas befangen. „Ist irgendetwas? Du siehst nachdenklich aus“, fragte sie ihn. Er drehte den Barhocker halb zu ihr, stützte sich mit einem Ellbogen auf den Handlauf und schaute ihr in die Augen. „Ich will ganz ehrlich sein. Es ist nicht zum ersten Mal, dass ich ein Date wie dieses habe. Bisher hat es nie geklappt. Ich finde es unfair, wenn wir beide Zeit investieren, um uns besser kennen zu lernen. Denn es gibt etwas, das problematisch sein könnte.“

Leah hielt die Luft an. Es gab einen Haken, es hätte nicht anders sein können. Aber gut, besser jetzt denn später. Sie nickte langsam mit dem Kopf. Lampe erklärte ihr in gemessenen, aber klaren Worten, dass er ein Hobby, nein, ein Interesse habe, das nicht nach jedermanns Geschmack war. Er hatte ein Faible dafür, sich und seine Partnerin in angezogenem Zustand nass zu machen und dann, unter anderem, Sex zu haben. „Nass?“, fragte Leah. „Nass womit?“ Dabei war Lampe nicht festgelegt. Er zählte mögliche Flüssigkeiten auf: „Wasser, Milch, Bier, Wein, Urin,…“ Leah stand auf, nahm ihre Handtasche und wandte sich zum Gehen. Dann zögerte sie. „Wein?“, fragte sie. Er nickte. Sie nahm ihr noch fast volles Glas Rotwein und goss es ihm über den Kopf. Er schloss die Augen, als die Flüssigkeit unter seinem Hemdkragen durchfloss. „Es hätte ja sein können“, sagte er, als sie sich entfernte.