(73) Ich glaube, es gibt etwas zu feiern.

„Ich glaube, es gibt etwas zu feiern“, Holger umarmte Franziska und folgte ihr in die Küche, wo sie das Bündel Fleisch in den Kühlschrank legte. „Es sieht wirklich so aus, als ob Nowak versetzt wird. In die Hauptstadt. Er hat es mir heute quasi selbst gesagt.“ – „Das ist gut?“, fragte Franziska und goss sich ein Glas Weißwein ein. „Aber ja, denn wer sollte ihn sonst ersetzen? Ich bin jetzt schon seit zwei Jahren Kriminaloberkommissar und warte auf eine Führungsposition. ‚Stellvertretender Leiter des Dezernats Raub und Erpressung‘ ist zwar nett, aber irgendwann reicht es nicht mehr. Ich habe mich weiter entwickelt.“ – „Das klingt gut. Magst Du auch ein Glas?“ Sie schenkte ihm ein Glas ein, reichte es ihm und ging ins Wohnzimmer weiter. „Und sonst will keiner den Job haben? Das ist ja schön für dich.“ – „Ja vielleicht einer. Der Stadler, aus dem Einbruchsdezernat. Aber ich glaub‘, der hat weniger Chancen. Ist aber auch schon länger Stellvertreter dort und sein Chef wird erst in fünf Jahren in Ruhestand gehen. Bis dahin passiert da nix.“

Franziska hatte sich auf das Sofa gesetzt und eine Zeitschrift aufgeschlagen. Sie blätterte darin. Böhm trank einen Schluck und sah nachdenklich aus. „Aber er hat wenig Ahnung von Raub und Erpressung.“ Franziska schaute auf: „Wer entscheidet denn die Nachfolge?“ – „Das gewichtigste Wort hat bestimmt der Polizeipräsident…“ – „Und was würdest Du entscheiden, wenn du Polizeipräsident wärst?“ Holger schaute in sein Glas. „Na ja, ich würde nach den bisherigen Erfolgen schauen, das Ansehen in der Organisation… Sowas halt.“ – „Und wie vergleicht Ihr Euch da, Du und der andere…“ – „Stadler. Er ist schon sehr erfolgreich. Gute Aufklärungsquote. Gerade auch im Schnittbereich zum bandenmäßigen Einbruch. Hmm… Womöglich sieht es bei ihm besser aus als bei mir. Ich hatte in letzter Zeit etwas Pech. Vielleicht könnte ich mich in den nächsten Wochen stärker ins Zeug legen. Was meinst Du?“

Franziska legte die Zeitschrift weg. „Das kann ich nicht beurteilen, mein Lieber. Du musst tun, was du tun willst. Ich mach‘ uns jetzt mal ein Steak.“ Sie ging in die Küche. Holger setzte sich mit dem Glas Wein auf das Sofa. Aus Franziskas Reaktionen wurde er nicht klug. Mal hatte er den Eindruck, dass sie ihn antrieb, Karriere zu machen. Dann wieder war ihr Desinteresse so groß, dass er am liebsten gar nichts erzählte von seinem Job. Auf keinen Fall aber durfte er Stadler an sich vorbei lassen. Er würde sonst zum Gespött der Kollegen werden. Genauso gut könnte er sich wieder zur Streife melden.

(74) Der Mann trug eine schwarze Schimaske.

„Der Mann trug eine schwarze Schimaske. In der Hand eine Pistole, mit der er auf mich zielte.“ Dietrich Sporleder erzählte Holger Bach ein weiteres Mal die Geschichte des Raubüberfalls auf seinem Eisenwarenladen.

Kurz vor Ladenschluss hatte der Unbekannte Sporleder gezwungen, ihm den Inhalt von Registrierkasse und Tresor auszuhändigen. Über 20.000 Euro. Sporleder war in den Tagen vorher nicht dazu gekommen, die Einkünfte zur Bank zu bringen. „Wer ist sonst noch bei Ihnen im Laden?“, fragte Bach. „Normalerweise mein Sohn Hanno. Er war aber zu dem Zeitpunkt bereits auf dem Weg nach Hause.“ – „Soso, das ist aber ein Zufall. Keine weiteren Zeugen. Auch Fingerabdrücke gibt es keine… “ – „Wie ich sagte, der Mann trug Handschuhe.“ – „Wir haben gehört, dass die Geschäfte momentan nicht so gut laufen, stimmt das, Herr Sporleder?“. Der Geschäftsmann rückte seine Brille zurecht. „Es gab schon bessere Zeiten und es werden auch wieder bessere kommen.“ Bach blätterte in seinem Notizblock zurück. „Wissen Sie, ich kann mich des Verdachts nicht erwehren, dass dieser Überfall inszeniert wurde, und zwar von Ihnen und Ihrem Sohn.“ – „Herr Kommissar, mein Sohn war auf dem Weg nach Hause…“ – „Es gibt aber keine Zeugen dafür. Und ich bin übrigens Oberkommissar.“ – „Meinetwegen. Ich habe Ihnen erzählt, was geschah. Dabei bleibe ich.“

Bach blieb ebenfalls bei seiner Sicht der Dinge und nahm Vater und Sohn fest. Während die Presse bereits von dem fingierten Raubüberfall berichtete, suchte er krampfhaft nach Beweisen, um die Festnahme zu rechtfertigen. Die Eisenwarenhandlung lief wirklich sehr schlecht und die beiden Sporleders waren am Rande der Insolvenz. Neben der Aussage von Dietrich Sporleder gab es keine Anhaltspunkte, dass wirklich ein Raub stattgefunden hatte. Auch ergaben sich keine Verdachtsmomente daraus, dass Sporleder die Einnahmen nicht zur Bank gebracht hatte. Laut der Bank kamen die Einzahlungen aus der Eisenwarenhandlung immer sporadisch rein. Bach hatte bei dem Sohn Handschuhe gefunden, deren Fasern identisch waren mit denen, die man am Tresor gefunden hatte. Das war aber kein Beweis, denn Sporleder Junior war ja ständig in dem Laden. Bach ließ die Wohnungen von Vater und Sohn durchkämmen auf der Suche nach dem verschwundenen Geld. Auch den Laden und das Lager ließ er zweimal durchsuchen. Bis hin zum Spülkasten der Toilette wurde alles auseinandergenommen. Nichts. Schließlich musste Bach beide Sporleders wieder freilassen. Sein Übereifer trug ihm einen Tadel ein.

(75) Hannelore Moll saß in einem Sessel neben dem Speiseraum des Altersheims.

Hannelore Moll saß in einem Sessel neben dem Speiseraum des Altersheims. Kriminaloberkommissar Stadler begrüßte sie freundlich und setzte sich neben sie. Er überreichte ihr eine Schachtel mit Konfekt. Es war nicht das erste Mal, dass er sie im Altersheim besuchte. Schon längere Zeit war er hinter ihren vier Söhnen her, die Serieneinbrüche verübten. Leider hatten sie bislang keine eindeutigen Spuren hinterlassen.

„Frau Moll, ich mache mir Sorgen um Ihre Söhne. Bisher ging es nur um Einbruch. Jetzt haben sie, alles schaut danach aus, einen bewaffneten Raubüberfall verübt.“ Frau Moll war hin- und hergerissen. Sie wollte die Details hören, aber ihre Söhne nicht belasten. Stadler erzählte ihr bereitwillig den Hergang der Tat und dass keiner verletzt worden war. Sie schien erleichtert. Er fuhr fort und sagte, dass damit die Karriere ihrer Söhne eine neue Dimension erreichte und es künftig auf beiden Seiten zu mehr Gewalt kommen würde. Es werde nicht mehr lange dauern und es würde jemand verletzt oder gar getötet werden. Sie schwieg. „Frau Moll, ich habe hier in der Tasche einen Durchsuchungsbefehl für Ihr Zimmer. Draußen sind vier Polizisten, die ich dazu hereinrufen kann. Sie können mir aber auch einfach geben, was Sie für Ihre Söhne aufbewahren und wir vermeiden jegliches Aufsehen.“ Stadler nickte lächelnd einer alten Dame zu, die, über ihren Rollator gebeugt, langsam an ihnen vorbei schlurfte und dabei versuchte, möglichst viele Gesprächsfetzen aufzufangen. Als sie vorbei war, meinte Frau Moll: „Was passiert mit meinen Jungen?“ Er erklärte ihr, dass vielleicht alle für einige Zeit ins Gefängnis kämen. Er gehe aber davon aus, dass die Tat nur von einem verübt worden war. Es würde aber auch die Entwicklung der Brüder zu weiteren Gewalttaten bremsen. Er zückte den Hausdurchsuchungsbefehl. Sie seufzte und bat ihn, ihr zu folgen. „Aber welcher es war, das werde ich Ihnen nicht verraten!“

In ihrem Zimmer zeigte sie auf einen Karton, der oben auf dem Schrank stand. Stadler zog seine Schuhe aus und stieg auf einen Stuhl, um ihn zu erreichen. Er nahm ihn herunter und klappte den Deckel zurück. Mit einem Kleiderbügel aus Holz stocherte er darin. Unter anderem enthielt die Kiste eine schwarze Schimaske, etwas Schweres, in ein Tuch gewickelt (der Form nach eine Pistole) sowie einen dicken Umschlag, in dem Stadler einen Bündel Geldscheine erkennen konnte. „Ist es das, was Sie wollten?“, fragte Frau Moll und sah ihn traurig an. Der Polizist nickte. „Ich habe eine Bitte. Würden Sie meinen Söhnen bitte nicht sagen, dass ich Ihnen die Kiste freiwillig gegeben habe? Ich hatte schon soviel Kummer mit den Kerlen. Nicht mal jetzt, in meinen letzten Tagen, lassen sie mich in Ruhe.“ Stadler versprach ihr, dass er nichts von ihrer Mitarbeit erwähnen würde. „Ich muss jetzt wieder an meinen Platz. Bald gibt es Essen. Sie finden bestimmt alleine wieder hinaus.“

(76) Josef Moll war als erster im Hof und wartete auf seine Brüder.

Josef Moll war als erster im Hof und wartete auf seine Brüder. Eine Stunde Hofgang am Tag war nicht viel, darum umso wertvoller. Als Wolfgang, Justus und Arved neben ihm standen und alle gemeinsam rauchten, stellte Josef noch einmal die Fragen, die ihn seit Anfang der Untersuchungshaft beschäftigten.

„Warum wurden wir gefasst? Warum gab es plötzlich Beweise? Warum stellt man uns Fragen nach Waffen?“ Keiner seiner Brüder antwortete. „Ich hatte heute Besuch von unserem Anwalt, der mir ein paar Antworten geben konnte. Irgendeiner von Euch Armleuchtern hat mit einer Waffe einen Raubüberfall auf eine Eisenwarenhandlung verübt. Die Beute waren 20 Riesen. Geld und Pistole wurden bei Mutter gefunden.“ Er beobachtete seine Brüder genau und fuhr fort. „Wer von Euch Hornochsen war das?“ Wolfgang und Justus schauten verstohlen zu Arved, der mit den Augen einem Riss in der Ziegelsteinmauer folgte. „Hast Du uns etwas zu sagen, Arved?“ – „Na ja, Josef, Du sagst immer, dass ich zu wenig Initiative zeige. Ich wollte mal etwas anderes versuchen…“ Josef warf seine halbgerauchte Zigarette weg und wollte Arved an die Gurgel fahren. Er wurde aber von Justus und Wolfgang davon abgehalten.

„Wie kommst Du auf diese schwachsinnige Idee? Wir machen nie etwas mit Schusswaffen“, keifte er. Arved zuckte mit den Schultern: „Ich wollte eben mal etwas Neues ausprobieren. Außerdem habe ich keine Lust, immer nachts zu arbeiten. Da bin ich nicht auf der Höhe. Raubüberfälle kann man auch tagsüber machen. Weißt du, das entspricht einfach mehr meinem Lebensrhythmus.“ Wolfgang warf ein: „Warum hast Du uns nichts von deinen Plänen erzählt?“ – „Es sollte eine Überraschung werden. Ich wollte nicht, dass Ihr denkt, ich sei unfähig. Ich wollte Euch zeigen, dass ich auch etwas in der Birne habe.“ Justus hielt weiter Josef fest, der seinen Bruder zu gerne gewürgt hätte. „Und warum versteckst du die Beute und die Waffe ausgerechnet bei Mutter?“ – „Weil ich ihr traue. Sie hat immer zu mir gehalten. Ihr hättet mich ausgelacht. So wie immer!“

Die Glocke klingelte, der Freigang war zu Ende. „Aber verrate mir noch eins, Arved. Warum in Gottes Namen musste es eine Eisenwarenhandlung sein? Wenn Du schon mit einer Knarre reingehst und eine lange Gefängnisstrafe riskierst, warum dann nicht irgendwo, wo es sich lohnt?“ – „Das habe ich mir überlegt, Josef. In einer Eisenwarenhandlung zahlt man nicht mit Kreditkarte. Alle benutzen Bargeld. Das war der Grund. Schlau nicht?“

(77) Josef versuchte noch mehrere Male, Arved zu schlagen oder zu würgen.

Josef versuchte noch mehrere Male, Arved zu schlagen oder zu würgen. Dann wurden er, Justus und Wolfgang aus der Untersuchungshaft entlassen. Allerdings nicht, wie Josef hämisch vermutete, weil Arved den Überfall aus reiner Blödsinnigkeit gestanden hatte, sondern weil sich seine DNA-Spuren an der Maske fanden. „Vor Angst gesabbert, hat er“, höhnte Josef später.

So verblieb Arved alleine im Gefängnis. Zwar war er weiterhin in seinen Bewegungen und in der Organisation seines Tagesablaufs eingeschränkt, wie in Gefängnissen üblich. Dafür erfreute er sich aber einer ungewohnten Freiheit. Zum ersten Mal in seinem Leben kommandierten ihn seine Brüder nicht herum. Gleichzeitig genoss er den Respekt der anderen Insassen. Zwar war er nicht aus dem gleichen Holz geschnitzt wie Josef, aber er war ein Mitglied der Moll-Familie und Blut galt in diesen Kreisen mehr als Wasser. Opportunismus blühte. Allerdings fühlte Arved sich einsam, da seine Brüder sonst fast seine einzigen Gesprächspartner waren. Seine Mitinsassen gingen zwar respektvoll mit ihm um, aber keiner wollte sich mit Arved einlassen, da seine Beziehung zu Josef bekannterweise recht schwierig war. Arved wurde mit der Zeit immer trauriger.

Zwei Tage nachdem auch sein Zellengenosse aus der Untersuchungshaft entlassen worden war, saß Arved im Gemeinschaftsraum und schaute fern. Es lief ein Filmquiz, bei dem zwischendurch immer Ausschnitte aus Filmen gezeigt wurden. Eine Frage lautete: „Wer war Cody Jarrett?“ Die Antwort, die Arved nicht wusste, war: „Ein kaltblütiger Gangster, in ‚Sprung in den Tod‘ von James Cagney gespielt. Sein einziger Bezugspunkt ist seine liebende Mutter.“ Es folgte ein Filmausschnitt, in dem James Cagney von der Polizei gestellt wurde. Er stand auf einem riesigen Gastank und ein Scharfschütze nahm ihn unter Beschuss. Cagney wurde getroffen, gab aber nicht auf. Schließlich feuerte er zwei Kugeln in den Tank. Hohe Gasflammen schossen heraus. Im Flammenschein schrie er: „Ich hab’s geschafft, Ma! Jetzt bin ich ganz oben!“. Dann explodierte der Tank in einem Feuerball.

Nach der Sendung war Einschluss. Arved ging in seine Zelle zurück. Als es in dem Gebäude ruhig wurde, band er mit einem Betttuch eine Schlinge um seinen Hals, verknotete es am Bettgestell, stieg auf das obere Bett, schrie „Ganz oben!“ und warf sich hinunter. Allerdings war das Bettlaken zu lang und er schlug mit der Schulter auf den Zellenboden auf. Arved brach sich das Schlüsselbein und schrie vor Schmerz, bis die Beamten ihn fanden und in die Krankenstation trugen.

(78) Wie geht es Ihnen, Herr Moll?

„Wie geht es Ihnen, Herr Moll?“ Arved hob den Kopf. Ein Mann stand neben seinem Krankenhausbett. Es war Matthias Schober, der Gefängnisgeistliche, der ihn besuchte. „Darf ich mich einen Augenblick zu Ihnen setzen?“ Arved stöhnte uneinladend, Schober setzte sich trotzdem hin. Er schaute sich um. „Wollen Sie, dass ich den Raumtrenner aufstelle, damit wir etwas mehr Ruhe haben?“, fragte Schober. Arved stöhnte nochmals und sagte „Ist schon ok“.

Schober räusperte sich. „Ihre Brüder sind ja jetzt wieder weg…“, begann er. Arved drehte sich zur Seite und wandte Schober den Rücken zu. „Sie fühlen sich vielleicht alleine, oder? Kann ich mir vorstellen.“ Arved lag still. „Sie hatten ja wirklich Glück gehabt gestern. Fast hätten Sie sich so sehr im Laken verheddert, dass es Ihnen das Genick hätte brechen können.“ Schober lehnte sich etwas vor, um zu sehen, welche Reaktion Arved zeigte. „Es war doch ein Unfall, nicht wahr?“ Arveds Miene veränderte sich nicht. Schober lehnte sich wieder zurück.

„Obwohl alle so eng beieinander hocken, kann die Einsamkeit gerade hier schon erdrückend sein. Für viele ist es kaum auszuhalten.“ Er wippte mit den Füßen. „Sie haben immerhin Ihre Familie. Man sagt mir, dass bei den Molls der Zusammenhalt sehr stark ist. Eine richtige Familie. Das ist doch etwas.“ Seine Fußspitze fuhr dem herabhängenden Zipfel der Bettdecke nach. „Irgendwie sieht mir Ihr Fall wie eine Aufopferung aus. Aber ich weiß sehr wenig darüber. Ich kann mich täuschen.“

Schober stand auf und ging zu dem schießscharten-schmalen Fenster. Auf dem leeren Hof spiegelten sich die grauen, tiefhängenden Wolken in den Pfützen. „Ich bin noch nicht so lange hier. Es ist auch für mich nicht immer einfach.“ Er schaute zu Arved hinüber. „Sie sind nicht so geschwätzig, habe ich den Eindruck. Nun, es ist auch ein Ort, an dem man viel für sich behält.“ Arved reagierte nicht. Schober bückte sich und schaute wieder zum Fenster hinaus. „Ich nehme an, für mich ist es einfacher, denn ich kann abends zumindest nach Hause gehen.“ Der Geistliche setzte sich wieder hin. „Sehen Sie das aber nicht zu positiv. Denn auch in seinen eigenen vier Wänden kann man ja durchaus auch ein Gefangener sein, nicht wahr.“ Er legte die Hände auf seine Knie. „Aber ich sehe, Sie sind mit Ihren eigenen Gedanken beschäftigt und ich möchte Sie nicht länger stören.“ Schober stand auf und wandte sich zum Gehen. „Wenn irgendetwas ist, fragen Sie nach mir. Matthias Schober, der Himmelskomiker, wie man mich hier nennt.“ Arved drehte sich zu ihm um und fragte: „Hat mein Bruder Sie zu mir geschickt?“

(79) Vielleicht kommt dein Vater noch, bevor du ins Bett musst.

„Vielleicht kommt dein Vater noch, bevor du ins Bett musst. Vielleicht dauert die Sitzung aber auch länger.“ Marieluise Schober streichelte ihrem Sohn Matthias über die Haare. Heute war sein siebter Geburtstag und er hatte sich auf ein Geschenk seines Vaters gefreut.

Karl Schober war vielbeschäftigt, um die Gemeinde, in der er Bürgermeister war, am Laufen zu halten. Ständig kamen die Leute zu ihm mit irgendwelchen Bitten. Er war für viele Menschen sehr wichtig. Manchmal wurde Matthias von seinen Schulkameraden deswegen aufgezogen, manchmal schlugen sie ihn, ohne einen bestimmten Grund zu haben.

Er war eine Enttäuschung für seinen Vater, der „keinen Politiker“ in ihm sah. Matthias wollte auch kein Politiker werden, denn sonst müsste er ständig mit allen möglichen Leuten reden, ihnen zuhören und bedeutungsschwer mit dem Kopf nicken oder ihn entschlossen schütteln. Matthias konnte sich nicht erinnern, an seinen Geburtstagen jemand anders als seine Mutter zu Hause erlebt zu haben. In der Schule hörte er immer wieder von Geburtstagspartys, bei denen, außer ihm, alle eingeladen waren. Er hätte gerne gewusst, was man machen musste, um eine Einladung zu verdienen. Er hatte es bisher nie herausgefunden. Am Frühstückstisch hatte sein Vater seiner Mutter etwas von einem ‚Geschenk‘ zugeraunt. Deswegen war Matthias optimistisch, dass sein Vater noch vorbeikommen würde. Alle paar Minuten stand er am Wohnzimmerfenster und schaute hinaus. Bei dem kleinsten Geräusch dachte er, der Moment sei gekommen.

Erst als er die Hoffnung schon aufgegeben hatte, hielt ein Auto vor der Tür. Den 53’er Opel Kapitän erkannte er sofort am Klang. Sein Vater! Als Matthias die Treppe herunterstürmte, stand der Vater schon im Flur. Mit seiner schwarzen Hornbrille und seinem dunkelbraunen Anzug sah er sehr streng aus. Aber er lächelte auch ein wenig. Er hielt Matthias eine weiße Pappschachtel hin. Matthias nahm die schon etwas eingedrückte Schachtel, bedankte sich und machte sie auf. Währenddessen war auch die Mutter in den Flur getreten und stand neben dem Vater.

In dem Karton fand Matthias etwas Glattes, Farbiges. Er zog es heraus und faltete es auseinander. Es sah aus wie ein aufblasbarer Strandballon und richtig, da war auch schon das Ventil zum Aufblasen. Matthias zog den Stopfen ab und setzte das Mundstück an die Lippen. Er blies recht schnell und nach einigen Zügen war der Ballon ganz prall. Er hörte, wie seine Mutter freudig fragte, ob sie am Wochenende ans Meer fahren würden. Sein Vater gab einen missmutigen Ton von sich und preschte aus dem Haus. Während der Motor angelassen wurde, stand der kleine Matthias mit dem Strandballon in der Hand da und schaute seine Mutter fragend an. Da er den Stopfen nicht richtig reingedrückt hatte, entwich Luft aus dem Ballon, der bald wieder schrumpelig war.

(80) Die junge Frau erschien ihm besessen.

Die junge Frau erschien ihm besessen. Sie schrie, weinte, ihr Körper verkrampfte sich und ihre Hände spreizte sie in einer grotesken Art von sich. Pfarrer Schober wusste nicht, was er tun sollte. Auf eine solche Situation hatte ihn das Priesterseminar nicht vorbereitet. „Sie dürfen so nicht von Ihrem Vater reden! Wenn Sie ihn nicht ehren, werden Sie auch Gottvater nicht ehren können.“

Er stellte sich vor sie hin und versuchte, ihre absurd abgespreizten Arme auf die Sessellehnen zu drücken. Aber sie war stärker als er und er wollte sie auch nicht zu fest anfassen. Auf seinem Schreibtisch sah er das Seil, mit dem er später der Jugendgruppe Knoten beibringen wollte. Er nahm es und fesselte Viktoria Gellenberg an den Sessel (Doppelter Überhandknoten). Als sie sich nicht mehr bewegen konnte, erhob sie ihre Stimme zu einem gellenden Schreien. Der Pfarrer war verzweifelt, sah den Wimpel, der neben dem Seil gelegen hatte, und stopfte in ihr in den Mund. In dem Augenblick bemerkte Schober, dass seine Haushälterin mit entsetztem Blick in der Tür stand. Er wollte ihr erklären, was passiert war, aber als er auf sie zuging, warf sie die Tür zu und schloss sie von außen ab.

Später musste Schober dem Bischof zu erklären, dass Fräulein Schellenberg zu ihm gekommen war, um seinen Rat in Familiendingen einzuholen. Sie hatte Meinungsverschiedenheiten mit ihrem Vater. Bei der Darstellung verwendete sie sehr abfällige Ausdrücke. Das Gespräch kam immer wieder auf ihren Vater zurück und jedes Mal wurde sie aufgebrachter. Der Priester hatte versucht, sie zu beruhigen. Er hatte ihr zugeredet, dass es notwendig sei, Vater und Mutter zu lieben, so wie Jesus uns alle liebte. Er hatte auch das Vierte Gebot bemüht. Aber all das hatte nichts gebracht.

Schließlich sah er keine andere Möglichkeit, als sie durch Fesseln ruhig zu stellen. Wenn die Haushälterin nicht hereingekommen wäre, hätte es auch funktioniert und er hätte sie natürlich auch wieder losgebunden. Natürlich ohne ihr ein Leid zuzufügen. Der Bischof saß hinter seinem Schreibtisch und antwortete nicht. Mit einer Hand drehte er am Bischofsring an der anderen Hand. „Es tut mir leid“, fügte Schober hinzu, „ich bin unerfahren und ich habe Fehler gemacht. Ich möchte dazulernen.“

Am Ende sagte der Bischof zu ihm: „Sie sind noch zu unerfahren in Frauendingen. Ich kann Sie beruhigen: das ist eine der schwersten Prüfungen im Priesterberuf. Aber ich hätte da eine andere Position für sie.“

(81) Noch bevor sie Marcos Brief öffnete, wusste Viktoria Gellenberg, dass er mit ihr Schluss machte.

Noch bevor sie Marcos Brief öffnete, wusste Viktoria Gellenberg, dass er mit ihr Schluss machte. „Ich liebe Dich, aber es ist einfach zu kompliziert mit Dir. Es sind viele Kleinigkeiten, die alle für sich genommen, nicht wichtig sind. Aber in Summe sind sie für mich sehr verstörend. Ich glaube, Du brauchst Hilfe. Das hatte ich auch schon gesagt, aber Du hast nicht darüber reden wollen. Insbesondere bei sexuellen Dingen komme ich mir sehr verloren vor. Dass Du es nicht mit dem Mund machen möchtest, kann ich akzeptieren. Dass Du mich nicht berühren möchtest, ist schwierig. Gar nicht verstehen kann ich es, dass Du mich nicht einmal nackt sehen willst und es ablehnst mit mir gemeinsam im Badezimmer zu sein. Es gibt bestimmt eine Erklärung dafür, aber ich sehe nicht, wie ich damit klarkommen kann. Deshalb möchte ich unsere Beziehung beenden. Ich bin, wie Du siehst, bereits ausgezogen. Ich würde mir wünschen, dass wir Freunde bleiben könnten, glaube aber, dass auch das für Dich schwierig sein würde.“

Viktoria zerknüllte den Brief und stützte den Kopf in ihre Hände. Es war, als ob sie hörte wie die Haustür von außen zugezogen wurde, damals. Wenn die Mutter zur Chorprobe weg war, wenn sie ins Bad gehen musste und ihm ein Bad einlassen, immer ein Schaumbad mit Rosenduft. Wenn die Wanne halbvoll war, musste sie ihn rufen. Wenn er vor ihr stand, wollte er, dass sie ihm beim Ausziehen half. Das Hemd zog er selbst aus. Sie öffnete seinen Gürtel, seine Hose und zog sie herunter, faltete sie und hing sie auf. Dann musste sie seine Unterhose ausziehen. Sie schaute nicht hin. Er stieg in die Badewanne und dankte ihr für das köstlich eingelassene Bad.

Dann musste sie sich ausziehen. Nicht zu schnell, es war ja genügend Zeit. Sie wusste, dass er ihr dabei genau zuschaute. Wenn sie dann nackt vor ihm stand, versuchte sie sich mit den Händen zu schützen. Dann musste sie in die Badewanne steigen. Vor ihm kauerte sie zwischen seinen Beinen, im Rücken den tropfenden Wasserhahn. Er sagte, sein kleiner Mann, der seinen roten Kopf aus dem Schaum ihr entgegen reckte, sei von der Arbeit sehr stark angespannt und so dick, dass es ihn schmerzte. Er bat sie, ihm zu helfen, seine Schmerzen abzubauen. Am besten ginge es mit Streicheln und auch mit Küssen. Nach mehreren Malen hatte sie die beste Methode gefunden, wie sie ihm helfen konnte und er lobte sie dafür. Ihrer Mutter durfte sie nie etwas davon erzählen, sonst wäre die Mutter sauer, weil Viktoria ihrem Vater besser helfen konnte, als sie.

(82) Katharina Prager war bereits seit dem Mittagessen müde gewesen…

Katharina Prager war bereits seit dem Mittagessen müde gewesen, wollte aber nicht in die Kabine gehen, um sich auszuruhen. An Deck war es ihr zu windig und so war Arnold mit ihr in die Caffetteria Gli Archi gegangen. Nachdem sie ihren Tee ausgetrunken hatte, positionierte Katharina ihre Handtasche auf dem Tisch, legte ihren Kopf darauf und schlief ein. Ihr Benehmen war Arnold, ihrem Mann, etwas peinlich, aber die Art von Passagieren, die auf dieser Mittelmeerkreuzfahrt unterwegs waren, störte sich nicht daran.

Arnold schaute aus dem Panoramafenster auf das Meer, das er hinter der Promenade durch die Reling schimmern sah. Eine junge Frau kam vorbei und stellte sich an die Reling, schaute auch auf das Meer. Sie trug ein dünnes, weißes Kleid, das im Wind flatterte, so wie ihre langen, blonden Haare. Wenn sie ihren Kopf von einer Seite zur anderen wandte, musste sie den Kopf schütteln, um ihre Mähne zu ordnen. Mit geschlossenen Augen wandte sie ihr Gesicht in Richtung des Windes und schien den Augenblick zu genießen.

Arnold beobachtete sie und gestand sich ein, dass die junge Frau ihm sehr gefiel. Unter ihrem Kleid konnte er einen zauberhaften, schlanken Körper erahnen. Sie strahlte Gesundheit und Glück aus. Die junge Frau war wohl alleine unterwegs. Vielleicht wollte sie frei sein, um andere Menschen kennen zu lernen. Sie war bestimmt freizügig, genoss die sexuellen Freiheiten, die sich ihr boten und fragte nicht, was erlaubt war oder nicht. Arnold seufzte und schaute kurz zu Katharina, die ihre Hand unter der Handtasche hervorgezogen hatte.

Er schaute wieder aus dem Fenster. Wie schön müsste es sein, dieser jungen Frau die Beine zu streicheln. Wie sein Leben wohl verlaufen wäre, wenn er mit ihr hier unterwegs wäre, anstatt mit Katharina. Er stellte sich vor, wie er in seiner Koje lag und sie sich über in beugte, ihn küsste und mit einer Hand seinen Gürtel lockerte. Dann sprach sie mit ihm.

„Mögen Sie noch etwas?“ Arnold erschrak. Der Kellner stand neben ihm und räumte die leeren Tassen ab. Arnold schüttelte den Kopf. Leider war Katharina jetzt aufgewacht und schaute mit verkniffenen Augen hoch. Sie hatte etwas Sabber an den Mundwinkeln. Nach kurzem Nachdenken bestellte sie einen Cognac.

Als Arnold wieder zum Fenster hinausschaute, stand die junge Frau nicht mehr an der Reling. Später bemerkte er sie noch öfters. Auf dem Sitzplan für das Abendessen sah er, dass sie Gellenberg hieß. Prager würde sehr viel besser zu ihr stehen, dachte er.