(53) Durch die Blätter der Schusterpalme beobachtete Hannelore Kuhn…

Durch die Blätter der Schusterpalme beobachtete Hannelore Kuhn, wie Heidi Fellner sich zum Ausgang des Klinikums bewegte. „Sie hat eine große Handtasche dabei und trägt ein Dreiteiler-Kostüm“, flüsterte Frau Kuhn in die Banane, die sie wie ein Telefon an die Wange hielt. Als die Unbekannte draußen war, richtete sich Frau Kuhn wieder auf. Schon hatte Steffen Kreger, der Krankenpfleger, sie entdeckt und kam mit Kopfschütteln auf sie zu. Sie ließ die Banane sinken.

„Frau Kuhn, Sie hatten mir doch versprochen auf Ihrem Zimmer zu bleiben. Kaum bin ich nicht da, schon laufen Sie mir weg.“ Bereitwillig ließ sie sich von Kreger zurück auf Zimmer 191 führen. Als der Pfleger die Tür geschlossen hatte, sagte sie zu ihm: „Sie beobachten mich. Die Männer in dunklen Anzügen. Sie wissen, wo ich bin und lassen mich nicht aus den Augen.“ Kreger nahm die Banane aus ihrer Hand und legte sie auf den Tisch.

„Frau Kuhn, niemand ist hinter Ihnen her. Außerdem passen wir auf Sie auf. Ruhen Sie sich aus, bald gibt es Mittagessen.“

Frau Kuhn war vor einer Woche eingeliefert worden. Sie hatte einen Nervenzusammenbruch erlitten. An ihrem Arbeitsplatz, bei irgendeiner Behörde. Kreger, der sie von Anfang an betreute, bemerkte, dass sie keine Besucher hatte und tippte auf Einsamkeit als Ursache für die Belastungsreaktion. Trotz der Medikamente, die sie bekam, war Frau Kuhn weiterhin sehr unruhig. Seit sie im Krankenhaus war, litt sie unter Wahnvorstellungen und hatte paranoide Anfälle. Und immer wieder benutzte sie irgendwelche Gegenstände, um damit Telefongespräche zu mimen. Dr. Lelleck, der sie behandelte, hatte schon versucht, sie über ein gleichermaßen simuliertes Telefongespräch therapeutisch zu erreichen. Er war aber gescheitert, weil sie nicht auf ihn einging. Sie hatte immer nur von den Männern in dunklen Anzügen geredet.

„Können Sie nicht noch ein bisschen hierbleiben? Ich habe Angst, dass einer von denen hier reinkommt und mich umbringt.“ Frau Kuhn sah Kreger flehend an. „Ich bin draußen im Dienstzimmer und sehe jeden, der in den Flur kommt. Sie brauchen also keine Angst zu haben.“ Kreger fragte sich, ob Frau Kuhn ihre Medikamente vielleicht gar nicht einnahm. Er nahm sich auch vor, ein paar Nachforschungen zu machen, um vielleicht doch Freunde oder Familienmitglieder zu finden. Jemand, der Frau Kuhn emotional stabilisieren könnte. Er würde am nächsten Tag bei ihren Arbeitskollegen nachfragen.

(54) Klaas Steinfest zog seinen rechten Schuh aus.

Klaas Steinfest zog seinen rechten Schuh aus. Die Dornwarze hatte sich seit seiner letzten Sitzung beim Podologen regeneriert und drückte beim Gehen auf den Knochen. Mit der linken Hand knetete er die schmerzende Stelle, mit der anderen klappte er den Laptop auf und streifte den Zeigefinger über den Fingerabdruckleser. Auf dem Bildschirm erschien das Bild von einer Überwachungskamera. Hannelore Kuhn saß auf dem Bett und telefonierte wieder mit ihrer Banane. Steinfest gratulierte sich dazu, wie er, in einer kühnen Aktion verkleidet als Handwerker, die Kamera vor zwei Tagen im Zimmer installiert hatte. Seitdem brauchte er nur ins Krankenhaus zu gehen, wenn Frau Kuhn wieder einmal ausgebüxt war, wie eben.

Steinfest kannte nicht die ganze Geschichte. Hannelore Kuhn hatte in einer geheimen Forschungseinrichtung gearbeitet. Steinfest wusste nicht für wen, an was oder in welcher Funktion. Es war halt geheim und es bestand keinen Grund, dass er diese Details kennen musste.

Auf jeden Fall war Frau Kuhn vor zwei Wochen am Arbeitsplatz ausgetickt. Da sie alleinstehend war, hatte man sie zuerst am Arbeitsplatz interniert. Als ihr Zustand sich nicht verbesserte, wurde sie in ein Krankenhaus gebracht. Steinfests Job bestand darin, sicherzustellen, dass Frau Kuhn weder weglief, noch von Vertretern fremder Mächte entführt wurde. Welter, Steinfests Vorgesetzter, war etwas vage bei den „fremden Mächten“, aber Steinfest wusste, worauf es ankam. Auf jeden Fall sollte er Frau Kuhn liquidieren, falls Gefahr drohte, dass sie in einen fremden Einflussbereich kommen sollte oder einfach nur unkontrollierbar wurde. Eigentlich gab es nur zwei gute Möglichkeiten: Komplettgenesung oder Tod. Alles andere war unspezifisch, aber für Steinfest glücklicherweise irrelevant.

Er gähnte. Noch drei Stunden bis zu seiner Ablösung. Dann ein Bier und ein Abendessen in einer Kneipe. Noch ein Bier zuhause und dann ins Bett. Und morgen wieder auf den Laptop starren. Vielleicht am Wochenende seine Schwester Ilse besuchen. Er fuhr nur zu ihr hin, weil er niemanden sonst kannte und kaum Hoffnung hatte, das zu ändern. Wenn er natürlich seine Freizeit dazu nutzte, zu seiner Schwester zu fahren, würde er sicher keine Frau kennen lernen. „Ein Teufelskreis.“ Steinfest erschrak. Jetzt hatte er sich wieder dabei ertappt, dass er alleine sprach. Er musste es sich abgewöhnen. Man konnte nicht beim Geheimdienst arbeiten und Selbstgespräche führen. Vor allem nicht, ohne es zu merken. Sonst würde er irgendwann wie Frau Kuhn enden.

Auf dem Laptopschirm sah er, dass Frau Kuhn ihr Gespräch beendete, die Banane pellte und hinein biss. Fast schien es Steinfest, als ob sie ihn dabei anschaute.

(55) Oben auf der Treppe standen die beiden ausgestopften Löwen…

Oben auf der Treppe standen die beiden ausgestopften Löwen, die ihn jedes Mal vorwurfsvoll ansahen. Steinfest ging auf dem abgetretenen Läufer den Flur hinunter zur ersten Tür. Sie stand offen und er sah wie Kurtmartin Welter, ihm den Rücken zukehrend, die Gewichte an der Standuhr hochzog. Steinfest klopfte dezent und trat ein. „Diese Uhr macht mir Probleme“, stellte Welter fest, nachdem er Steinfest begrüßt hatte. „Sie bleibt immer wieder stehen und ich muss ihr einen Schubs geben.“ Er lehnte sich in seinem Sessel zurück. „Wie geht es Ihnen, Steinfest?“

Steinfest erzählte von Frau Kuhn. Nur die wichtigsten Punkte, ohne in Details zu gehen. Er wusste, dass Welter seine Berichte genau las und daher bestens informiert war. Es kam mehr darauf an, wie er redete, als was er sagte. Welter lobte ihn für die intelligente Platzierung der Kamera. Steinfest entspannte sich leicht. Dann lehnte sich Welter nach vorne und stützte sich auf seine Unterarme. Instinktiv wich Steinfest etwas zurück. „Heute Vormittag bekamen wir einen Anruf von Herrn Kreger, Kuhns Pfleger. Er macht sich Sorgen um Frau Kuhn und fragt sich, warum keiner aus der Firma sie besucht.“ Steinfest wollte sich verteidigen, aber Welter wischte den Anfang eines Einwands vom Tisch. „Nicht Ihr Fehler. Ich hätte es mir denken können. Die Einlieferung ins Krankenhaus war ein unkalkulierbares Risiko. Das war der Fehler.“ Welter schaute ihn an, um sicherzustellen, dass Steinfest genau verstand, was er implizierte. Steinfest senkte den Blick. „Sie brauchen nicht mehr zu dieser Überwachung zurück zu kehren, Steinfest. Der Fall ist“, er schaute auf die Uhr und verglich die angezeigte Zeit unwillkürlich mit dem Zifferblatt der Standuhr, die munter vor sich hin tickte, „wahrscheinlich gerade gelöst worden.“ Steinfest sagte nichts.

„Steinfest, Sie sind etwas weich geworden. Ich spüre es und weiß auch, wie das kam. Es geschah, weil Sie immer alleine arbeiten. Frau Kuhn kannte die Spielregeln. Alles was jetzt passiert ist, würde sie selbst gut heißen, wenn sie noch die wäre, die für uns gearbeitet hat.“ Welter kam um den Schreibtisch herum und setzte sich auf die Kante, Steinfest gegenüber. „Nehmen Sie sich zwei Wochen Urlaub. Danach werden wir sehen, worauf wir Sie dann ansetzen. Am besten eine Aufgabe in einem Team. Damit Sie wieder mehr unter Leute kommen, Steinfest.“ Welter knuffte ihn mit der Faust gegen die linke Schulter. Beide standen auf. Steinfest bedankte sich für den Urlaub und überhaupt. Sie schüttelten sich die Hände und Steinfest verließ Welters Büro. Als er zwischen den Löwen die Treppe hinunterstieg, sah er vor dem inneren Auge wieder Frau Kuhn, wie sie in die Banane biss und ihn dabei anschaute.

(56) Als Klaas Steinfest aus der Tür trat, verfluchte er seine Schwester Ilse ein weiteres Mal.

Als Klaas Steinfest aus der Tür trat, verfluchte er seine Schwester Ilse ein weiteres Mal. Am Pool lagen ein Dutzend andere Singles in Badezeug und alle schauten zu ihm rüber. Steinfest war im Vergleich zu allen anderen a) um Generationen älter b) Farbkategorien bleicher (ins Grünliche tendierend) c) adipös fetter. Ilse hatte ihm eine Woche Urlaub in einem österreichischen Singlehotel gebucht. Er sollte endlich eine Frau finden. Steinfest wusste schon, dass der Plan gescheitert war, noch bevor er sein Badetuch auf die Liege platzierte und sich darauf legte. Er empfand die Blicke, die sich bei Erwiderung von ihm abwandten, als verstört. Er legte ein zweites Badetuch über seinen Oberkörper. Das Buch („007 James Bond greift ein“), das er mitgebracht hatte, legte er auf den kleinen Tisch neben der Liege. Er schloss die Augen und fragte sich, ob das Getuschel der Schönen, Fitten und Jungen um den Pool herum, ihm galt. Er konzentrierte sich auf den ungewohnten leichten Windzug, den er auf seinen Beinen verspürte.

Beim Abendessen hatte man ihn an einen Tisch mit fünf anderen platziert. Wortführer waren Uwe, ein Autohändler, und Carsten, ein Computervertriebsmann, die sich um die Gunst von Elke bemühten. Elke war eine wahrscheinlich frisch geschiedene Raucherin mit viel Tagesfreizeit und einem generös ausgestatteten Schminkkoffer. Die beiden anderen Frauen waren nur Staffage und spielten wohl keine Rolle.

Uwe fragte Klaas nach seinem Beruf und Klaas, bevor er nachgedacht hatte, sagte das, was er immer sagte: „Beamter.“ Alle feixten, sogar die Staffage-Frauen. Uwe und Carsten schienen sich darin übertreffen zu wollen, Klaas zu demütigen. Er hätte bei keinem ihrer Witze lachen können, auch wenn sie nicht auf seine Kosten gegangen wären.

Endlich gab es Nachtisch und Klaas konnte sich entfernen. Er wollte eigentlich auf sein Zimmer, schaute dann aber in der Lobby vorbei und sah zum ersten Mal an dem Tag einen anderen Mann, der auch nicht fitter, schöner oder schlanker war als er selbst. „Darf ich?“, fragte er und setzte sich hin, als sein Gegenüber ihm freundlich zugenickt hatte.

Steinfest nahm sich eine angebotene Zigarette und gemeinsam schauten die beiden Oldies durch das Fenster in die Ferne, in der am Horizont noch die letzten Strahlen der untergegangenen Sonne zu sehen waren. Von unten aus der Bar, drang Gekreische nach oben. Wahrscheinlich hatte Uwe Elke einen Eiswürfel ins Dekolleté geflitscht. Er hatte es vorhin bereits angekündigt.

(57) Wie gefällt es Ihnen hier im Hotel?

– Wie gefällt es Ihnen hier im Hotel?

– Das Hotel ist sehr schön. Tolles Zimmer. Fantastische Aussicht. Aber ich passe nicht richtig rein.

– Sind Sie kein Single?

– Das schon. Meine Schwester hat es für mich arrangiert. Wollte mir etwas Gutes tun. Aber ich bin vielleicht zu alt dafür.

– Unsinn. Dass Sie hier sind, zeigt doch schon die richtige Einstellung. Sie wollen jemand treffen. Sie wollen Ihr Leben verändern.

– Und Sie? Wie geht es Ihnen hier?

– Mir geht es sehr gut. Fairerweise sollte ich Ihnen aber sagen, dass ich der Besitzer des Hotels bin.

– Oh… Ich wollte das Hotel nicht kritisieren. Es ist nur… die Leute…

– Ich verstehe nur zu gut, was Sie meinen. Leider kann man sich die Gäste nicht aussuchen.

– Wie kamen Sie dazu?

– Nach meiner Scheidung wollte ich noch einmal von vorne anfangen. Ein Urlaub eignet sich dafür sehr gut. Wie auch Ihre Schwester erkannt hat. Ich komme zwar selbst aus der Gastronomie, aber ich fand damals kein Hotel, das passte. Überall Familien oder Pärchen. Ich fühlte mich als Aussätziger. Da kam mir die Idee mit einem Hotel nur für Singles.

– Und, haben Sie mittlerweile eine Frau gefunden?

– Nein, das nicht. Aber ich habe herausgefunden, dass ich keine brauche. Dass ich auch so glücklich sein kann. Ich gebe Ihnen jetzt mal einen Tipp, der auch Ihren Aufenthalt verbessern wird. Sie werden sehen. Hier im Hotel ist an jedem Samstag Bettenwechsel. Die meisten bleiben eine Woche und, glauben Sie mir, alle kommen mit sexuellen Erwartungen hierher. Für die spirituellen Erfahrungen gibt es Meditationswochenenden im Kloster. Auf jeden Fall: wer hier bis Dienstag nichts am Laufen hat, wird langsam unruhig. Deshalb gibt es mittwochs eine große Party. Auf die sollten Sie sich konzentrieren. Da läuft immer was. Man muss nur Geduld haben.

– Ich such aber eher etwas Langfristiges.

– Auch die Ewigkeit beginnt mit dem nächsten Augenblick. Nehmen Sie Ihre Tischbesetzung. Habe lange daran gearbeitet. Elke wird spätestens am Montag mit Uwe und Carsten gemeinsam in der Falle landen. Und die beiden anderen Frauen bei Ihnen am Tisch… Ich schlage Ihnen vor, dass wir teilen. Sie dürfen zuerst auswählen.

(58) Da Klaas Steinfest keine Anstalten machte, aus seinem Leben zu erzählen…

Da Klaas Steinfest keine Anstalten machte, aus seinem Leben zu erzählen, holte Kaspar Raisch, der Besitzer des Singlehotels, selbst aus. Raisch war in Plauderlaune und Steinfest konnte nicht behaupten, dass er gerade etwas Wichtigeres zu erledigen hatte.

„Ich habe vor vielen Jahren als Sicherheitsbeauftragter in einem Hotel gearbeitet. Eine Mischung aus Rausschmeißer und Bursche für alles. Ich habe viel dabei gelernt. Über die Hotellerie, aber vor allem über die Menschen. Nirgendwo entlarvt sich der Mensch mehr, denn als Gast in einem Hotel. Kennen Sie Tears Slime Puke? Die Punkband? Die hatten bei uns übernachtet. Waren auf Tournee und gaben ein oder zwei Konzerte in der Stadt. Der Leadsänger war völlig durchgeknallt. Nannte sich Laser Ox und war genauso stur. Schon am Nachmittag, als sie ankamen, war er betrunken. Unglaublich. Danach muss er weiter gesoffen haben. Oder ich weiß nicht, was er sich sonst in den Körper gepustet hat. Zum Konzert mussten sein Manager und der Schlagzeuger ihn ins Auto schleppen. Wahrscheinlich haben sie ihn dann wieder fitgespritzt, denn das Konzert fand statt. Vielleicht hatten sie auch Doubles. Wie bei Saddam. Auf jeden Fall, war er komplett durchgedreht, als er nach dem Konzert wieder im Hotel ankam. Ich war natürlich, wie schon am Nachmittag, in der Lobby postiert. Wir hatten Probleme erwartet. Ich hätte ihm am liebsten eins über die Rübe gegeben und gut ist. Aber schon damals war ich soweit: das kann man in der Hotellerie leider nicht bringen.

Ox hatte zwei Groupies dabei. Sie verschwanden alle zuerst in seiner Suite. Anfangs war es ruhig. Die Ruhe vor dem Sturm. Dann laute Musik. Zimmernachbarn beschwerten sich, besonders eine Dame. Ich hin, es war mein Job. Das übliche. Nach dem zweiten Mal habe ich ihm den Strom in der Suite abgedreht. Es kam zu einem Tumult im Hotelflur. Ox verpasst der Nachbarin eine Ohrfeige. Ich versuche, die beiden zu trennen. Da beißt er mich in den Arm. Sie werden nicht raten, was ich tat. Ich biss ihn zurück in seinen Arm. Je fester er biss, desto fester biss ich. Sein Problem: ich trug Uniform, er war nackt am Oberkörper. Er ließ los, ich auch. Er blutete, ich nicht. Dafür verlor ich meinen Job. Immerhin hat Ox mir am nächsten Tag eine Flasche Whisky schicken lassen. Meine Aktion hatte ihn beeindruckt. So jung wie damals möchte ich gern mal wieder sein. Ich hörte später, dass er meine Bissmale in ein Tattoo verarbeiten ließ. Und dann wurde das Tattoo zu einem Coverbild eines Albums der Tears Slime Puke. Wenn mir mal etwas zustoßen sollte, mit dem Coverbild kann man mein Gebiss identifizieren.“

(59) Steinfest fiel dabei auch eine Hotelgeschichte ein.

Steinfest fiel dabei auch eine Hotelgeschichte ein. Nicht, dass er sie selbst erlebt hatte. Sie stammte von einem früheren Kollegen, der jemand aus seiner anderen Abteilung kannte, der es selbst erlebt hatte.

Das Hotel, um das es ging, war um einen ovalförmigen Innenhof gebaut. Die Fenster aller Zimmer waren auf diesen Innenhof ausgerichtet. Deshalb konnte man auch gut in die Zimmer hineinschauen. Steinfest erzählte nicht, dass er die Geschichte nur aus dem Grund kannte, weil die Abteilung immer wieder Honigfallen (sprich junge, appetitliche Frauen, meistens blond) auslegte für Vertreter fremder Mächte (der Ausdruck hatte sich bei ihm festgesetzt), die man mit den entstandenen Bildern erpressen konnte.

Daneben gab es auch eine andere Frau, die regelmäßig in dem Hotel übernachtete. Sie hatte die Angewohnheit sich abends bei fein dosiertem, aber punktuell hellem Licht vor den offenen Vorhängen der deckenhohen Fenster auszuziehen. Es kann sein, dass die über mehrere Stationen wiederholten Erzählungen aus einem Muttchen eine junge attraktive Frau gemacht hatten (und Steinfest war es in seiner Weitererzählung an Raisch auch nicht an Untertreibung gelegen). Zu berücksichtigen auch, dass die Originalerzähler schließlich ihre Brötchen damit verdienten, pikante bis obszöne Vorgänge auf Film fest zu halten. Tatsache war auf jeden Fall, dass die einsame Stripperin (denn sie war immer alleine im Zimmer), immer wieder für Aufmerksamkeit gesorgt hatte. Bei jedem Mal legte sich die Unbekannte nackt aufs Bett und besorgte es sich selbst. Danach schlüpfte sie unter die Decke und löschte das Licht. Einer der Kollegen hatte die Frau „die Hl. Lola der Handelsvertreter“ genannt.

Allerdings war die Geschichte erst später, nach Ende des Kalten Krieges, in einem abschließenden Bericht über die Aktivitäten in diesem Hotel den Vorgesetzten bekannt geworden. Ein sehr aufmerksamer Mensch hatte um Aufklärung des Sachverhalts gebeten. Jemand hatte daher viel später diese Vorgänge recherchieren müssen. Dabei kam heraus, dass die Dame immer nur an den Tagen im Hotel logierte, wenn auch die Kollegen von der Abwehr ihre Position bezogen hatten. Außerdem hatte die Dame immer ein Zimmer in dem Teil des Hotels, den die Kollegen einsehen konnten. Die Dame selbst konnte nicht mehr gefunden werden. Der von ihr angegebene Name war offensichtlich falsch. Da Steinfest allerdings nur einen Teil der Geschichte erzählen konnte, fehlte leider die eigentliche Pointe.

(60) Annegret blinzelte zur Anzeige des Radioweckers.

Annegret blinzelte zur Anzeige des Radioweckers. Noch zwei Minuten. Sie konnte langsam zu ihrem Höhepunkt kommen. Sie spreizte die Beine weiter, stemmte die Fersen in die Matratze und hob den Unterleib an. Nunmehr mit zwei Händen arbeitete sie zwischen ihren Beinen. Dabei warf sie ihren Kopf von einer Seite zur anderen. Um den Orgasmus zu markieren, wippte sie mit dem Becken ruckartig auf und nieder. Dann lag sie noch eine Viertelminute still, bevor sie sich unter die Bettdecke rollte und auf die Sekunde genau das Licht löschte. Sie hoffte, ihr Auftraggeber würde auch dieses Mal zufrieden sein mit ihrer Vorstellung. Bei den ersten Malen hatte sie sich wirklich befriedigt. Das war aber mühsam gewesen und zeitlich schlechter planbar. Als Annegret einmal einen Orgasmus vorgetäuscht hatte und es deswegen keine Klage gab, täuschte sie weiter, achtete aber darauf, dem Betrachter einen maximalen visuellen Genuss zu bieten. Die Tatsache, dass die bizarre Reihe von Aufträgen weiterging, war ihr eine Bestätigung.

Am meisten mochte sie die darauffolgende Nacht, denn die Hotelbetten waren sehr bequem und das Bettzeug fühlte sich luxuriös an. Nirgendwo schlief sie besser, als in diesem Hotel. Meistens hatte sie dabei erotische Träume. Manchmal ging es richtig zur Sache, manchmal waren die Sequenzen vergleichsweise prüde.

Enno Harbrecht, einer der Ritter hob den langen Stiel des Rasenrechens (Gardena, 73 cm breit) von der Haube des gelben Aufsitzmähers (Stiga – Rasentraktor Estate Tornado Power HST 17). Sein metallenes Armzeug klapperte, als er den Stiel in den Rüsthaken unter seiner rechten Achsel einhängte. Auf der anderen Seite der gemulchten Strecke saß Burk Wagner, der andere Ritter auf dem orangeroten Aufsitzmäher (Husqvarna Rasentraktor GTH 263T). Noch mit offenem Visier schauten sie sich grimmig an. Sie wussten, dass es nur einen geben konnte.

Der gelbe Ritter ließ den Briggs & Stratton Motor aufheulen. Sein Gegenspieler brachte seinen Kawasaki auf Touren. Wie auf ein Kommando klappten sie ihre Visiere nach unten, hielten die Rasenrechen hoch und fuhren mit der höchsten möglichen Geschwindigkeit aufeinander zu. Die Rechen passierten sich und trafen dann jeweils den Gegner an der Brust. Der gelbe Ritter saß auf einem Komfortsitz mit hoher Rückenlehne, die ihn stützte. Der orangerote Ritter hingegen hatte nur eine niedrige Stütze und wurde vom Druck des Rechens aus dem Schalensitz gehoben. Er fiel zu Boden, gerade vor die Räder des gelben Aufsitzmähers. Sein Gegner konnte sein Gefährt gerade noch rechtzeitig zum Stehen bringen – es war genug der Gewalt. Er klappte sein Visier hoch und reckte mit einem Triumphschrei die Faust gegen den Himmel.

(61) Annegret hatte dem Kampf von der Hollywoodschaukel aus zugesehen.

Annegret hatte dem Kampf von der Hollywoodschaukel aus zugesehen. Sie hatte sich geschmeichelt gefühlt, dass die beiden Männer um ihre Gunst kämpften. Insgeheim hatte sie auch gehofft, dass Enno siegen würde. Sie stand auf, als Enno auf sie zugelaufen kam, seinen Helm von sich schleudernd. Er umarmte sie, hob sie an und ließ sie nicht mehr los. Auf beiden Armen trug er sie zu seinem Haus. Auf dem Weg dorthin passierten sie immer wieder Freunde von Enno, Männer Frauen, Kinder. Alle wünschten dem Paar alles nur erdenklich Gute, viel Glück und Freude. Sie schenkten Ihnen Champagner ein und tranken auf ihr Wohl. Der Weg und die Anzahl von Ennos Freunden schienen nicht enden zu wollen.

Endlich war Ennos weißes Haus mit den Geranien auf den Balkonen in Sicht. Er trug Annegret durch den blumenumrankten Eingang, über die Schwelle, die Treppe hinauf und geradewegs in sein Schlafzimmer. Von dem vielen Champagner und dem ungewohnten Getragenwerden war es Annegret schon ganz schummrig im Kopf. Sie hatte den Eindruck, dass sie ihn mit einem völlig idiotischen Lächeln ansah. Enno legte sie auf das kühle Laken. Der letzte Rest der untergehenden Sonne traf sie durch das geöffnete Fenster. Erst als Enno sich nackt auf sie legte, bemerkte sie, dass sein Rücken bis hinauf zu den Schultern behaart war.

Am nächsten Morgen wurde sie durch das Zwitschern der Vögel auf dem Balkon geweckt. Sie sah sich um. Die andere Seite des Bettes war leer. Enno musste schon früh aufgestanden sein. Sie nahm sein Kopfkissen, das sie nah ans Gesicht zog, um daran zu riechen. Wahrscheinlich war er unterwegs um mit Rasenmähen das Auskommen für Annegret und sich zu verdienen. Später stand sie auf und ließ sich ein warmes Bad ein. Während das Wasser lief, hörte sie durch das geöffnete Balkonfenster dem Zwitschern der Amseln zu.

Als die Wanne voll war und sie darin saß, bemerkte sie, dass in der Ecke ein Bilderrahmen stand. Darin ein Foto, auf dem Enno sie freundlich anschaute. Sie konnte nicht anders und küsste das Bild. Sie lehnte sich in der Wanne zurück und spürte wie der Schaum an ihren Nackenhaaren kitzelte. Sie schloss die Augen und dachte wieder zurück, als die beiden Männer um sie gekämpft hatten. Und dass sie den stärkeren, geschickteren, besseren bekommen hatte. Sobald er wieder da war, würde sie ihm den Rücken rasieren.

(62) Burk prostete Enno mit dem Bier zu.

Burk prostete Enno mit dem Bier zu. Sie saßen sich in der „Two-Swinging-Poles“-Bar am Tanztresen gegenüber und warteten auf Mara, die neue Tänzerin, die man ihnen versprochen hatte. Die Musik mit ihrem hämmernden Rhythmus wurde jetzt lauter gedreht, dahinter hörte man nur den Ansager und DJ etwas rufen, das nach „Geradewegs aus Vegas: Mara!“ klang.

Und da kam sie schon mit verführerischem Hüftschwung durch den Flittervorhang und warf sich zwischen ihnen an die Stange. Sie trug einen knappen Goldlamé-Bikini und weiße Lacklederstiefel, die ihr bis über die Knie gingen. Mit ihren muskulösen Armen zog sie sich hoch. Sie spreizte die Beine und presste sie wieder um die Stange, an der sie sich weiter nach oben schob. Dabei drehte sie sich um die Stange herum. Enno und Burk folgten ihr mit den Blicken und suchten ihre Aufmerksamkeit. Mara setzte sich im Spagat vor der Stange auf den Boden, als ob sie mit ihren Schamlippen den Tresen küssen wollte. Sie sah Enno nur einen kurzen Augenblick an. Er legte seine rechte Hand auf sein Herz und blickte hoffnungsvoll zurück. Aber schon hatte Mara eine Kerze nach oben an der Stange gemacht und hing jetzt kopfüber, drehte sich wieder um die Stange.

Burk winkte ihr zu und schickte Luftküsse. Mara führte an der Stange ein Spagat durch und wirbelte weiter herum. Auch Enno schickte jetzt Luftküsse und heulte leidenschaftlich auf, fast übertönte er dabei die Musik. Mara wandte sich von ihm ab und vollführte ein paar Tanzschritte um die Stange herum, dabei schaute sie Burk in die Augen. Doch als dieser sie lüstern anlächelte, zeigte sie auch ihm die kalte Schulter und ergriff die Stange. In einer großen, aber unmerklichen Kraftanstrengung streckte sie die Beine senkrecht von der Stange weg in den Raum. Zuerst waren ihre Knie keusch zusammengepresst, dann öffnete sie die Beinschere und ließ die beiden Männer an ihren Beinen entlang nach oben schauen. Dies brachte die beiden Helden wieder stark in Wallung. Enno warf ein Bündel Spielgeld in Maras Richtung und Burk tat es ihm nach. Abwechselnd oder sich übertönend riefen beide ihr „Hier… Hier…“ zu. Durch die Aufregung hatten beide mittlerweile rote Gesichter bekommen, schwitzten so stark, dass ihnen das Wasser an der Stirn, den Augenbrauen entlang, an den Wangen hinunter und dann in den Hals bis ins Hemd herunterlief. Ihre Stimmen hatten sich in heiseres Krächzen verwandelt. Mit einer Kerze überschlug sich Mara nach hinten, schüttelte im Rotieren ihre Gesäßkurven den beiden Männern vor den Gesichtern.

Enno und Burk wollten gerade den Tanztresen erklimmen, um ihr Vorrecht auf Mara im Kampf zu entscheiden, als zwei Rausschmeißer sie in den Schwitzkasten nahmen und vor die Tür führten.