(43) Hey Rod, gehst du mit raus, Frisbee spielen?

„Hey Rod, gehst du mit raus, Frisbee spielen?“ Josh lehnte sich neben Rod an die Bücherwand. Rod tippte verbissen die Fußnoten seiner Hausarbeit ein und würdigte ihn keines Blickes. „Was glaubst du, auf der Grundlage deiner bisherigen Erfahrungen?“ – „Irgendwann musst du doch mal entspannen, Rod. Was willst du erreichen? Du bist doch schon auf der Dean’s List.“

Rod wandte sich zu Joshua Thurow und betrachtete ihn. Sein Zimmernachbar im Studentenheim war wie meistens mit nacktem Oberkörper unterwegs. Auf seiner ausgezehrten Brust war in dünner blauer Linie der Umriss eines Kuhschädels tätowiert. Die Hörner reichten bis zu den äußeren Enden der Schlüsselbeine. Rod konnte ihn nicht ansehen und blickte wieder auf den Bildschirm seines Laptops. „Meine Pläne sind langfristiger. Du lebst zugedröhnt in den Tag hinein. Ich will etwas aus meinem Leben machen.“ – „Wenn du wüsstest, wie sehr du mich zum Kotzen bringst…“

Joshua wandte sich ab und ging hinaus. Als er den Flur hinunter wankte, dachte er, dass es eigentlich nicht schlecht wäre, wenn Rod und all die anderen einmal fühlen könnten, was sie bei ihm bewirkten. Entgegen seiner Gewohnheit machte er einen Abstecher in die Bibliothek. Es gelang ihm erst im zweiten Anlauf, nachdem er sich ein Hemd übergestreift hatte. In der medizinischen Abteilung fand er in einem Buch, was er suchte. Auf einem Zettel, den er sich borgte, schrieb er ‚Orpec‘ auf. Damit verließ er den Campus und ging in eine Apotheke. Die Verkäuferin schaute im Computer nach und fragte ihn stirnrunzelnd nach der beabsichtigten Verwendung. „Für meine Katze“, antwortete Joshua und lächelte gewinnend.

Am nächsten Morgen stand Joshua ungewohnt früh auf und schlich sich in die Küche der Cafeteria, wo die Aushilfe gerade den riesigen Kaffeeboiler gefüllt hatte. Als die Frau in den Kühlraum ging, handelte Joshua blitzschnell. Er klappte den Deckel des Wasserbehälters auf, goss den Brechwurzelsirup hinein und verschwand aus der Küche.

Rod fand es kurz darauf bemerkenswert, dass Joshua a) mit ihm frühstückte, b) so früh auf den Beinen war und c) Wasser trank. Während er noch rätselte, begann das große Erbrechen. Innerhalb weniger Minuten verwandelte sich die Cafeteria in einen Ort des Grauens. Selbst Joshua und die Teetrinker konnten sich dem Kollektivzwang nicht entziehen. Es war ein denkwürdiger Tag. 83 Personen mit einem durchschnittlichen Mageninhalt von 241 ml ergab einen Gesamtausstoß von genau 20 Litern. Auf einer Fläche von 240 m² stand die Kotze daher im Schnitt etwa 0,083 mm hoch. Aufgrund der flüssigkeitabsorbierenden Fähigkeiten der in dem Erbrochenen enthaltenen Klümpchen, stand die Kotze an manchen Stellen höher.

(44) Prof. Wobb hatte die Schweinerei nicht selbst gesehen.

Prof. Wobb hatte die Schweinerei nicht selbst gesehen. Daher fiel es ihm leicht, das Ereignis unter Katharsis abzulegen. Auf jeden Fall hatte das Frühstück mehr auf dem Campus bewegt, als die meisten Vorlesungen. Vielleicht wäre eine solche Kur auch für den Lehrkörper ab und zu ganz hilfreich. Leerkörper. Er schmunzelte und legte die Pfeife in den Aschenbecher.

Thurow hatte er eine Verwarnung erteilen müssen. Bei aller geheimen Sympathie: Thurow war einfach zu dumm. Er hatte die Flasche des Brechmittels einfach in seinen Abfalleimer geworfen, wo die Putzfrau sie fand. Zufälligerweise war es die Schwester der Frau, die für die Wiederherstellung der Cafeteria zuständig war, nachdem der Hausmeister eine Grobsäuberung mit dem Hochdruckreiniger vorgenommen hatte. Prof. Wobb hatte Zweifel, dass die Gardinenpredigt, die er eben gehalten hatte, etwas bei dem Studenten bewirken würde. Thurow war einfach ein Idiot, der es im Leben zu nichts bringen würde.

Lester Wobb schloss die Schublade seines Schreibtischs auf und entnahm das Manuskript, an dem er bereits seit sieben Jahren schrieb, allerdings mit großen Unterbrechungen.

Eigentlich war Wobb Professor für Altgriechische Philologie mit einer Spezialisierung auf Theater. Es hatte sich einfach so ergeben. Viele Jahre seines Lebens hatte er mit dem Studium der Werke Euripides verbracht. Als sein Studienfach anfing, ihn zu langweilen, war es bereits zu spät gewesen. Wie bei einem Klempner, so kam es ihm vor, hatte sich sein Leben immer weiter entwickelt. Doktor, Heirat, Professur, Vaterschaft. Später, als er dachte, dass er es nicht länger aushielt, war er Dekan geworden und konnte endlich Euripides & Co. an den Nagel hängen. Aber bald ödeten ihn die Verwaltungsvorgänge ebenso an wie griechische Tragödien, mit denen sie viel gemeinsam hatten.

Irgendwann hatte er als Nebenbeschäftigung mit dem Schreiben eines Kriminalromans angefangen. Später hatte er aber aus innerer Lähmung damit aufgehört. Erst als seine Frau ihn verlassen hatte, fand er neuen Mut. Er überarbeitete den ersten Entwurf des Manuskripts und führte ihn fort. Wenn es so weiterging, würde er die Geschichte in zwei Monaten abgeschlossen haben. Er strebte auf jeden Fall eine Veröffentlichung an, mit Sicherheit unter Pseudonym. Dafür hatte er mit Anagrammen seines Namens experimentiert. Am besten gefiel ihm ‚Bret Bowles‘. Es hatte etwas Absolutes an sich. Es klang sehr männlich. Er schlug den Manuskriptstapel auf und fing an zu lesen.

(45) Wie auch immer, wann und wo, die Welt versinkt bei Eskimo…

„Wie auch immer, wann und wo, die Welt versinkt bei Eskimo…“ Eiskrem wäre nicht schlecht. Es war heiß im Auto. Aber Gene Volpe, den sie wegen seiner imposanten Statur „Big Bopper“ nannten, musste im Fahrersitz ausharren. Es könnte sein, dass Peter Paluzzi schnell weg wollte. Nur das Autoradio leistete ihm Gesellschaft. Bisher hatte Gene sich bewährt und es war zu erwarten, dass er bald vom Fahrer zum Kapitän aufsteigen würde. Paluzzi schätzte ihn sehr und vertraute ihm mehr, als all den anderen Soldaten in seinem Team. Darauf war Gene stolz. Er öffnete das Handschuhfach, nahm ein Sahnebonbon aus der Tüte und schob es sich in den Mund. Sein Blick fiel auf einen jungen Typ, der ihm schon vor ein paar Minuten aufgefallen war, als er an Genes Wagen vorbeigegangen war. Lederjacke, Jeans, eine Kamera in der Hand. Gene richtete sich auf und beobachtete ihn unbemerkt durch den getönten Sonnenschutzstreifen auf der Windschutzscheibe. Der Typ kam näher und machte ein Foto von Genes Auto. Genes Nasenlöcher weiteten sich. Als der Typ vorbeigegangen war, bewegte sich Gene sehr schnell. Tür auf, ein paar schnelle Schritte und schon hatte er den Typ am Wickel. Er drückte das zitternde Bündel gegen die Häuserwand. „Wer bist Du“, zischte Gene. Es brauchte einen knackigen Faustschlag in die Magengrube, bis der Typ antwortete mit „Adam Lewandowsky, Fotograf“. Er arbeite für niemanden, er sei Freelancer. Gene schob ihn in einen dunklen Hinterhofdurchgang und vermöbelte ihn ein bisschen. „Die Stickerei auf der Jacke. Ich fand sie interessant, wollte sie fotografieren.“ Auf Genes Nylonjacke war über seiner linken Brust ‚Big Bopper‘ aufgestickt. Ein Geschenk von seiner Gang. Auch darauf war Gene stolz. Aber er glaubte nicht, dass dieser Lewandowsky nur seine Jacke fotografieren wollte. Er schlug noch ein paar Mal mit dem Teleskopschlagstock zu, während er überlegte, was er mit dem Vogel anfangen sollte.

Gene wurde kurz abgelenkt, als er ein Geräusch von der Straße zu hören glaubte. Lewandowsky nutzte die Gelegenheit und riss sich los. Er versuchte zu flüchten, aber Gene war schneller und brachte ihn mit einem Hieb des Teleskopstocks gegen das Knie zum Stolpern. Lewandowsky stürzte nach vorne auf einen Flaschenbaum, der an der Wand stand. Einer der Metallzinken bohrte sich in sein rechtes Auge. Der Fotograf war auf der Stelle tot. Gene überlegte kurz, dann ging er zurück zum Wagen und setzte ihn rückwärts in den Durchgang. Er lud die Leiche in den Kofferraum und wartete weiter auf Paluzzi.

(46) Warum auf ein Wunder warten? Wir helfen gern – Reinigung Stern.

„Warum auf ein Wunder warten? Wir helfen gern – Reinigung Stern. Beim nächsten Piep ist es 16 Uhr. Buck FM.“

Philip Paluzzi müsste jeden Augenblick aus der Vorlesung kommen. Sein Vater hatte Gene nicht verziehen. Der Chip in Lewandowskys Kamera hatte später gezeigt, dass ihn wirklich nur die Stickerei auf Genes Blouson interessierte. Gene hatte demnach überreagiert. Die Strafversetzung nach Harvard war aber vor allem fällig geworden, weil er Paluzzi eine halbe Stunde mit einer Leiche im Kofferraum herumgefahren hatte. Gene wusste immer noch nicht, was er sonst hätte tun sollen, wagte aber nicht zu fragen. Er hatte das Gefühl seither nur auf Bewährung zu leben.

„Hi Bopper“, Philip setzte sich auf den Beifahrersitz. „Alles ok?“ – „Ja, alles bestens“, Gene ließ den Motor an. Philips Handy klingelte. „Nach Hause?“ Philip nickte. „Hi Dad. … Ja, die Prüfung lief gut. Internationales Gesellschaftsrecht ist meine Stärke. … Ich weiß. Verlass Dich auf mich. Ich werde Dich nicht enttäuschen.“

Als er aufgelegt hatte, rollte er mit den Augen. „Mein Vater kann es nicht erwarten, dass ich endlich ins Unternehmen einsteige.“ Gene antwortete nicht. Die Zeiten änderten sich gewaltig. Nicht nur seine persönliche Zukunft war ungewiss. Es war ihm nicht klar, welche Aufstiegsmöglichkeiten es noch für ein Kind von der Straße wie ihn geben konnte. Die Zeiten waren schwierig, wenn man außer seiner Kraft und seinem Mut nicht viel aufzuweisen hatte. Er würde wahrscheinlich immer nur der Fahrer bleiben, dazu verdammt die gefährlichen Arbeiten zu verrichten. Er war ein Wegwerfartikel.

„Heute Abend fahren wir mit dem Buick zu einer Party nach Rockport. Wir nehmen zwei Freunde mit, Chuck Brewster und Richard Warren. Du kannst dich an sie erinnern?“ Gene nickte. Chuck war ein kinnloser, schweinchenfarbener Waschlappen und Richards Stimme alleine reichte schon aus, um Genes Hände am Lenkrad zu verkrampfen.

Während andere, die nach ihm aufgenommen wurden, bereits Verantwortung übernommen hatten, kam sich Gene wie ein Kindermädchen vor. Er holte die Jungs vom Sport ab, brachte sie zu Partys und sorgte dafür, dass ihnen nichts Böses wiederfuhr. Er dachte an das brennende Bild des heiligen Franz. ‚Wie dieser Heilige, so brennt meine Seele. Lebendig trete ich bei und werde nur mit dem Tode scheiden.‘ Er musste Paluzzis Gunst wieder erlangen. Am besten wäre es, er könnte Philip aus Lebensgefahr retten. Eine richtige, knappe Lebensrettung. Nichts war Paluzzi wichtiger als Philip. Jeden Tag rief er mehrmals an, um sich nach den Studienfortgang seines Sohns zu erkundigen. Gene wartete auf den Moment, in dem er seine Bestimmung erfahren würde.

(47) Bist Du oben blank und kahl, komm zu Zweithaarstudio Stahl!

„Bist Du oben blank und kahl, komm zu Zweithaarstudio Stahl!“ Philip schob eine CD in das Autoradio. Er konnte nicht verstehen, warum Gene ständig diese schreckliche Radiostation hörte. Aber jetzt war nicht der richtige Zeitpunkt es zu besprechen. Die Party war sehr zivilisiert gewesen. Alles Leute aus den besten Familien. Manche hatten Vorfahren, die auf der Mayflower ins Land gekommen waren. Nicht wie seine, die 1903 aus Palermo auf der Karamania in Ellis Island ankamen. Alle hatten getrunken, getanzt und geredet. Vielleicht würde er irgendwann wirklich dazu gehören und nicht nur, weil sein Vater ihm das Studium finanzierte.

Gene steuerte den Wagen unbeirrbar durch die dunkle Nacht. Philip schaute zur Rückbank. Richard und Chuck schienen sich angeregt zu unterhalten. Beide waren angetrunken. Richard stieß ein bähendes Lachen aus. „Na Leute, was gibt es zu lachen?“, fragte Philip. Chuck winkte ab und versuchte, Richard den Mund zuzuhalten, als dieser reden wollte. Richard befreite sich und sagte lachend: „Chuck meinte, ob dein Vater jetzt auf dem Maultier reitet, weil du sein Auto hast.“ Er stieß ein weiteres Lachen aus, allerdings versiegte es bereits nach der ersten Phase, als er Philips entgleiste Gesichtszüge sah. Chuck stöhnte. Gene spürte, wie seine Ohren heiß wurden. Er nahm Exit 43 Richtung Walnut Street und blieb in der großen Kurve unter den Bäumen stehen. Er machte das Radio aus. Es war still im Wagen. „Was?“, quäkte Richard, „das hast du doch gesagt!“ – „Es war ein Scherz“, verteidigte sich Chuck.

Gene stieg aus, ging um den Wagen herum, riss die Tür auf und zerrte Chuck mit dem Arm aus dem Wagen. Er schleuderte ihn auf den Waldboden am Rand der Straße. Chuck lag auf dem Bauch und Gene hielt seinen rechten Arm hoch. Als Hebel setzte er Chuck einen Fuß auf die Rippen. Jetzt standen Philip und Richard neben ihm und schrien durcheinander auf ihn ein. „Du hast keinen Respekt“, sagte Gene zu Chuck und drehte ein wenig an dem Arm. Chuck schrie vor Schmerz. „Lass ihn los“, schrie Philip. „Scheiße“, wiederholte Richard wie eine Mantra, ging ein paar Schritte auf und ab, raufte sich die Haare. „Mr Paluzzi würde das nicht gerne hören, dass er auf Maultieren reiten soll.“ – „Bopper, hör auf. Mein Vater würde wollen, dass Du aufhörst. Lass ihn los.“ Richard ergriff Genes Arm und versuchte ihn von Chucks Handgelenk zu lösen. „Du verdammter Wop…“ Gene zog seinen Teleskopschläger aus der Jackentasche und ließ ihn auf Richards Kopf hinunter krachen. Richards Stimme erstarb und er sank zu Boden. Philip wandte sich ab und stützte sich gegen das Auto. Mit der Faust schlug er auf das Dach ein.

(48) Gene drehte noch einmal an Chucks Arm…

Gene drehte noch einmal an Chucks Arm und wollte gerade fordern, dass Chuck um Entschuldigung bitten sollte, als er merkte, dass ein Wagen hinter dem Buick angehalten hatte. Er drehte seinen Kopf dahin: es war ein feuerroter Fiat 131 Mirafiori mit verdunkelten Schreiben. Auch Philip starrte darauf. Chuck wimmerte vor sich hin, Richard war weiterhin still.

Nach einiger Zeit wurde das Fenster am Fiat etwas herunter gedreht. Zigarettenrauch kam heraus. Im Radio lief ein Werbejingle: „Benthams Pillen wirken intensiv lang, sicher und schnell, fruchtig und pur. Buck FM.“ Das Radio wurde ausgemacht und das Fenster rollte jetzt komplett runter. Am Steuer des Wagens saß ein massig aussehender Mann. Er hatte lange gelockte weiße Haare und einen ebenso weißen Rauschebart. Zwischen Zeige- und Mittelfinger der linken Hand hielt er eine Zigarette und auf der Nase trug er eine schwarze Ray-Ban Wayfarer Brille. Sonst schien das Auto leer zu sein.

Der Fahrer drehte den Kopf zu Gene und starrte ihn an. Gene stand regungslos da. Mit einer Hand hielt er Chucks Handgelenk fest und in der anderen seinen Teleskopstock. Chuck fragte, was los sei. Keiner antwortete. Richard erwachte aus seiner Bewusstlosigkeit und stand auf. „Scheiße“, jammerte er und hielt sich den Kopf. Gene konnte den Blick des Unbekannten nicht ertragen und schaute weg. Der Fahrer hatte seine Zigarette ausgeraucht und schnippte die Kippe aus dem Fenster vor Genes Füße. Gene schaute hinunter. Er trat die glimmenden Reste aus.

„Es reicht jetzt, wir gehen“, sagte Philip schließlich. Er nahm Gene den Schlagstock ab und warf ihn in den Wald. Dann half er Chuck aufzustehen. Gene schaute unentschlossen zu. Als Chuck und Richard im Wagen saßen, kurbelte der Fahrer des Fiat das Fenster wieder hoch und fuhr wieder. Dabei ließ er seine Fünftonhupe erklingen.

Zwei Tage später war Gene wieder in der Nacht im Buick unterwegs. Diesmal war er alleine. Er hatte den Auftrag eine Bücherkiste in Boston abzuholen. Von diesem Auftrag kam er nicht zurück.

Philip Paluzzi versuchte den Zwischenfall mit Brewster und Warren ungeschehen zu machen, aber in Kürze war die Geschichte an der Universität allen bekannt. Es wurde ihm vom Dekan nahegelegt, freiwillig Konsequenzen zu ziehen. Philip verließ Harvard und konnte seinen Vater davon abbringen, diese Schmach zu rächen. Paluzzi beschloss, die Fortbildung seines Sohns zunächst zur Familie nach Sizilien zu verlagern. Danach würde man sehen. Für einen Paluzzi gab es immer einen Platz.

(49) Gottlieb Gläser überprüfte ein letztes Mal seine Fotoausrüstung…

Gottlieb Gläser überprüfte ein letztes Mal seine Fotoausrüstung und verließ das Hotel. Am Tag davor war er durch die ruhigen Straßen eines Vororts spaziert, um die Schönheit von Gottes Wirken in den Vorgärten und Häusern zu dokumentieren. Kurze Zeit später hatte ein Streifenwagen neben ihm angehalten. Nachdem die Polizisten ihn überprüft hatten, rieten sie ihm, sich die Schönheit von Gottes Wirken doch in dem großen Kunstmuseum anzusehen. Dorthin war er heute unterwegs.

Eigentlich hieß er Werner Gläser und war Buchhalter. Diese weltlichen Bücher hatte er aber vor Jahren für immer geschlossen und sich nur noch dem einen Buch, der Bibel, gewidmet. Er hatte Kontakt gesucht mit anderen religiösen Menschen, die ebenfalls ihr Leben der Bibel gewidmet hatten. Michael Anderson, ein Baptistenprediger in den USA, hatte Gläsers Brief beantwortet. Anderson schrieb, er habe Gläsers Wunsch verspürt, Gott nahe zu kommen und er wolle ihm dabei helfen. Gottlieb, genau zu diesem Zeitpunkt hatte Gläser seinen Vornamen geändert, solle mit seiner Fotokamera herumziehen und in Andersons Auftrag die Schönheit von Gottes Wirken auf Bildern festhalten. Er habe keine Einschränkungen – er solle dokumentieren, was er als Ausdruck von Gottes Größe verstehe. Anderson publizierte die Fotos von Gläser in seiner Missionszeitschrift und zahlte ihm jeden Monat ein kleines Gehalt. Überhaupt war Michaels religiöse Organisation sehr großzügig. Sie hatten ihm sogar einen Flug in die USA gezahlt und ihm dort ihre Überzeugung im Detail vermittelt. Seitdem verstand sich Gläser als Baptist.

Leider durfte er ihm Museum nicht fotografieren – deshalb war ein Besuch auch sinnlos für ihn. Er hätte Michael keine Ergebnisse abliefern können und Ergebnisse waren für Michael immer entscheidend. Wenn A dann B. Ganz konsequent. Gläser setzte sich auf eine Parkbank in der Grünanlage des Museums und packte seine Fotoausrüstung aus. Mit dem langen Teleobjektiv begann er, Passanten zu portraitieren. Sie alle stellten die Schöpfung dar, waren also alle Ausdruck der Schönheit von Gottes Wirken.

Nachdem er eine Stunde intensiv fotografiert hatte, schaute er sich die Ergebnisse auf dem kleinen Bildschirm an. Das erste Foto zeigte eine Frau, deren Mund unnatürlich breit war. Er löschte das Bild. Auf dem nächsten Foto war ein Mann mit einer dicken Warze im Mundwinkel. Auch ihn löschte Gläser. Die nächste Frau war grell geschminkt. Ein Mann hatte derart buschige Augenbrauen, dass sie seine Augen fast vollständig abdeckten. Der nächste ein wahres Spitzbubengesicht. Eine Frau trug eine Perücke… Er löschte sie alle. Als gerade die „Speicherkarte leer“-Anzeige aufschien, wurde ihm auf die Schulter getippt. Er schaute auf und blickte auf die Sonnenbrille eines der Streifenpolizisten vom Vortag. „Herr Gläser, wir haben uns gestern wohl falsch verstanden, was?“

(50) Der Moment für das Foto des Tages war gekommen.

Der Moment für das Foto des Tages war gekommen. Katja stand an der Kasse des Friseursalons und fertigte die Vorgängerin von Frau Keitel ab. Gerlinde Keitel beugte sich nach vorne, legte ihre Zeitschrift auf die Ablage unter dem Spiegel und ergriff ihre Handtasche. Sie nahm ihre Digitalkamera (Casio QV-R61) heraus und setzte die Handtasche neben den Friseurstuhl auf den Boden. Sie schaltete die Kamera ein und suchte auf dem Display einen geeigneten Bildausschnitt.

Ihr Enkel Daniel hatte ihr die Kamera vor zwei Jahren geschenkt und seitdem ging sie nie ohne den Fotoapparat aus dem Haus. Sie hatte sich vorgenommen, jeden Tag immer nur genau ein Foto zu schießen. Dabei überlegte sie sich vorher ganz genau, was sie fotografieren wollte. Es war Teil ihrer Tagesroutine geworden.

Folgende Sujets gab es beispielsweise in ihrer Sammlung: Iskender, der freundliche Gemüsehändler, beim Abwägen von zwei Bund Spargel. Frau Keitels Nachbarin Frau Barthel bei einem Schwatz mit Herrn Rodemann, dem Postboten. Metzgermeister Heinzelmann beim Messerwetzen. Herr Kortz beim Gassigehen mit seinem Mops Ralf. Apotheker Buchbinder, wie immer geistesabwesend hinter dem Verkaufstresen. Pfarrer Gondorf, bevor er die Kirche verließ und sich als Trauerredner selbständig machte. Herr und Frau Fendler schauen ihrem Sohn Theo zu, der ihren Umzug organisierte. Von ihrer Familie hatte Frau Keitel nur ein einziges Foto geschossen, ihren Enkel beim Rasenmähen. Ihre Familie fand sie insgesamt langweilig.

Frau Keitel hatte jetzt einen Blickwinkel gefunden, bei dem sie unter Mithilfe des Spiegels den Friseursalon fast vollständig erfassen konnte. Darauf zu sehen war auch Katja an der Kasse. Gerade kam Frau Artmann herein. Schnell drückte Frau Keitel auf den Auslöser und betrachtete das fertige Bild. Sie war zufrieden mit dem Foto, ließ die Kamera in die Handtasche gleiten und stellte die Handtasche wieder vor den Spiegel. Sie grüßte Frau Artmann, die ihren Mantel an der Garderobe hinter ihr aufhängte und vertiefte sich wieder in ihre Zeitschrift.

Auf einer Seite war ein Bild von einer Demo abgedruckt, bei der ein Polizist einem jungen Mann mit einem Knüppel auf den Kopf schlug. Der junge Mann hatte ein schmerzverzerrtes Gesicht und seine Brille flog ihm von der Nase. Frau Keitel blätterte schnell weiter.

(51) Deshalb ist es klar, dass Ultrahochvakuum im Allgemeinen…

„Deshalb ist es klar, dass Ultrahochvakuum im Allgemeinen und Titan-Sublimationspumpen im Speziellen nicht ohne Ausheizen funktionieren können. Das war’s für heute. Schönen Tag noch, die Herren.“ Prof. Daubner, der Vakuumpapst, klappte sein Notizbuch zu und verstaute es in seiner Aktenmappe. Bevor er den Reißverschluss zugezogen hatte, flitzte Alexander Fellner bereits aus dem Hörsaal hinaus. Vakuumtechnik war nicht sein Lieblingsfach, die Lehre von der Leere fand er irgendwie unbefriedigend. Die Vorlesungsreihe war aber Pflicht für sein Studium der Mikrosystemtechnologie.

Schon als Kind hatte er sich in die Konstruktion von sehr kleinen Schiffs- oder Flugzeugmodellen geflüchtet. Mit ruhigen Fingern eine Pinzette unter einem mächtigen Vergrößerungsglas oder einem Mikroskop zu führen, war für ihn der Eintritt in eine andere Welt. Bei seiner Studienwahl hatte er kurz auch Neurochirurgie erwogen, es aber schnell wieder verworfen, weil menschliches Gewebe ihm zu unordentlich vorkam.

Alexander hatte seiner Mutter versprochen, ihr als Mustersohn bei einem Fundraising-Cocktail zur Seite zu stehen. Zuvor musste er noch in seine Wohnung fahren, um sich dort umzuziehen. Sein Fahrrad stand gleich hinter der Bibliothek.

Als er auf dem Weg dorthin um eine Ecke bog, stand er plötzlich hinter einer Gruppe von etwa zehn Schwarzvermummten, denen auf zwanzig Meter Entfernung ein Trupp Bereitschaftspolizisten gegenüberstand. Alexander blieb wie angewurzelt stehen. Es war, als ob er sich in einen Film verirrt hätte. Als einige Männer vor ihm anfingen, mit aufgelesenen Kieselsteinen nach den Polizisten zu werfen und sie mit Schmährufen anschrien, sah es schon sehr echt aus. Alexander war unentschlossen. Sein Kremastermuskel zog sich zusammen, sein Mund wurde trocken und seine Hände schwitzten. Offensichtlich war er nicht vermummt, warf nicht mit Steinen und gehörte daher nicht zu den Rowdies. Er musste zu seinem Fahrrad.

Die Polizisten kamen langsam näher. Er sah ihre Knüppel und ihre klobigen Gelenkschützer. Als er noch unschlüssig da stand, fingen die Polizisten wie auf Kommando an, mit erhobenen Knüppeln nach vorne zu sprinten. Die Vermummten, zwischen denen Alexander stand, stoben auseinander. Nur Alexander blieb stehen. „Bitte, ich muss da dur…“, konnte er noch sagen, da traf ihn ein Knüppel am Kopf und bevor er auf dem Kieselboden ankam, war er bereits bewusstlos.

(52) Der Oberarzt hatte Heidi Fellner beruhigt…

Der Oberarzt hatte Heidi Fellner beruhigt, dass es gute Chancen gäbe, dass ihr Sohn ohne dauerhafte Schäden aus dem künstlichen Koma aufwachen würde. Die Narkose war notwendig gewesen, um weitere Schäden abzuwenden. Mittlerweile sei die Hirnschwellung aber schon zurückgegangen.

Frau Fellner stand an Alexanders Krankenhausbett und kam sich etwas verloren vor. Sie hielt kurz seine Hand, ließ sie aber wieder los, weil es ihr seltsam erschien. Auf jeden Fall war es nicht schlimm, dass sie erst am nächsten Morgen gekommen war, sie hätte ohnehin nichts ändern können. Der Cocktailempfang hatte sich bis in den Abend gezogen und dann war es zu spät gewesen. Sie beschloss, sich doch einen Moment hinzusetzen. Sie hatte noch etwas Zeit bis zu dem Mittagessen mit einem befreundeten Unternehmensberater, der ihr sein Adressbuch für ein großes Fundraising-Event zur Verfügung stellen wollte. Vielleicht könnte sie aus gegebenem Anlass die Spenden daraus Schädelhirnverletzten widmen. Sie nahm ihr Filofax aus ihrer Birkin Bag und schrieb dazu eine Notiz hinein.

Um die Aktion zu befördern, wäre es natürlich notwendig, dass die Medien von ihrem Schicksalsschlag berichteten. Selbst konnte sie es ja schlecht erwähnen, es wäre unangemessen. Vielleicht ein kurzes Interview am Krankenbett ihres Sohnes. Eigentlich recht bald, bevor man ihn aus dem Koma erwecken würde. Die vielen Maschinen im Hintergrund sahen beeindruckend aus. Allerdings waren die Einwegkleidung und die Schuhüberzieher aus blauem Plastik schwierig. Trotzdem. Die Journalistin würde sie als Freundin ausgeben – die Krankenschwestern würden nicht einmal merken, dass ein Interview stattfand.

Vor dem Hintergrund dieser persönlichen Tragödie könnte kein Prominenter seine Teilnahme an dem Event abschlagen. Sie notierte ein paar Namen, die bisher immer widerspenstig waren und bei denen sie jetzt einen größeren Hebel hatte. Zufrieden klappte sie das Filofax zu und schaute fast zärtlich zu Alexander.

Eigentlich kannte sie ihren Sohn nur sehr wenig. Wer hätte gedacht, dass er sich an einer unangemeldeten und auch noch gewalttätigen Demonstration beteiligen würde. Bisher hatte sie nie den Eindruck gehabt, dass er sich für irgendetwas engagieren würde. Er war oft zu weich und ließ sich bereitwillig bei allem einspannen. Natürlich fand sie es toll, dass sie bei Events auf ihn zählen konnte. Aber noch lieber wäre es für sie, wenn er unangepasster wäre und eigene Positionen vertreten würde. Sie musste herausfinden, was der Hintergrund der Demo gewesen war. Vielleicht könnte sie sein Anliegen mit einem Event unterstützen.

Sie schaute auf die Uhr und stellte fest, dass sie auf der Stelle los musste. Charity Lady war ein harter Job, aber jemand musste ihn erledigen.