(22) Edith verfluchte die Lichtverhältnisse in dem stollenartigen Gang…

Edith verfluchte die Lichtverhältnisse in dem stollenartigen Gang, in dem sie ihren, wie sie sagte, ‚mobilen Schönheitssalon‘ aufgebaut hatte. Sie verschob den Lichtkegel der Lampe und verglich ihr Werk mit der Polaroid-Aufnahme, die sie als Referenz am Ende des vorherigen Drehtags geschossen hatte. Die frischen klaffenden Wunden quer übers Gesicht und am Hals sahen richtig aus. Sie bat Jonas Bader, den Schauspieler, der Tarus spielte, den Kopf in den Nacken zu legen. Mit etwas Kleber korrigierte sie den Sitz der aus der Wunde herausragenden Luftröhre. Götz Spendel, der Regisseur, Autor und Produzent kam dazu. „Sieht lecker aus. Seid Ihr bereit? Dann kann es loslegen. Edith, bring Blut und Hirn mit, damit wir den Verlauf des Kampfes entsprechend dokumentieren können.“ Götz war Ende Vierzig und machte mit gleicher Begeisterung stets die gleiche Art von billigen Horrorfilmen, die im Schnitt ein wenig mehr Geld einbrachten, als sie kosteten. Die Filme waren sehr günstig gedreht, weil Götz immer neue Kontingente an jungen Schauspielern und Crewmitgliedern für seine Projekte gewinnen konnte.

Jonas und Edith folgten ihm durch den Gang, der direkt auf den unterirdischen Bahnsteig führte, wo die Kampfszenen gedreht wurden. Gunnar Bertelsen, der zweite Kämpfer, gesellte sich zu ihnen. Ihn für die Rolle des Akor herzurichten war eine Herausforderung für Edith gewesen. Dennis, der Schauspieler, der die Rolle bisher gespielt hatte, war zwischenzeitlich nach Indien gereist und stand nicht mehr zur Verfügung. Götz hatte Gunnar, einen norwegischen Austauschstudenten, in einem Fitnessstudio getroffen und ihn gleich vom Crosstrainer weg engagiert. In der dunklen Umgebung des Tunnels würde es nur akribischen Zuschauern auffallen, dass Dennis durch Gunnar ausgewechselt worden war.

Götz drückte den Schauspielern die Äxte in die Hand und ließ sie auf den Gleisen in Position gehen. Die Handlung des Films mit dem Arbeitstitel „Axtzombies im Tunnel“ war, wie alle Werke von Götz Spendel, sehr übersichtlich und unmittelbar einleuchtend. Es ging dabei um zwei Zombies, die sich in einer (künftigen?) postapokalyptischen Weltvision in einem Tunnelsystem verschanzt hatten und sich mit den letzten ihnen zur Verfügung stehenden Waffen, nämlich Äxten, bekämpften. Da es Spendel auch noch gelungen war, eine Schauspielstudentin zu gewinnen, hatte er vor, das Skript noch zu verändern, um eine Liebesgeschichte mit einzubauen. Auf jeden Fall musste Tarus siegen und das Mädchen gewinnen, denn Gunnar war schon auf einem Rückflug nach Norwegen gebucht und stand nur noch an diesem Drehtag zur Verfügung. Spendel hoffte wie immer auf eine erfolgreiche Serienproduktion und deshalb war es für ihn wichtig, seine Helden, sprich Jonas, im direkten Zugriff zu haben. Nach einem spannenden und blutigen Axtduell würde deshalb Tarus die Oberhand gewinnen und Akor den Schädel spalten. An dieser letzten Einstellung arbeitete Sim Balkhausen, der Mann für die Special Effects, gerade in einem Nebengang. Er füllte die von Edith vorbereitete Hirnmasse in einen Kunstkopf, der vage an Gunnar erinnerte.

(23) Letzte Woche waren Triss und ich in der alten 3c-Linie unterwegs.

„Letzte Woche waren Triss und ich in der alten 3c-Linie unterwegs. Wir kamen gerade aus der Kurve in den alten Jakobsbahnhof, als wir helles Licht sahen. Langsam pirschten wir uns heran und sahen wie zwei Männer mit Äxten aufeinander eindroschen. Beide hatten bereits übelste Wunden und bluteten heftig.“

Roy nahm einen Schluck aus der Trinkflasche und reichte sie an Leon weiter. Triss hielt Wache am Eingang der Wabe, wie sie die kurzen Stollen nannten, die als Schutzräume für die Arbeiter gedacht waren. „Wir hatten aber schnell gepeilt, dass da ein Film gedreht wurde. Wegen der Scheinwerfer, der Kamera und so weiter. War aber sehr beeindruckend. Da wir nicht wussten, ob die Filmleute von Wachen begleitet wurden, haben wir uns nicht allzu lange aufgehalten.“

Leon nickte. „Die waren bestimmt nicht alleine da. Es kennt sich ja nicht jeder hier unten so gut aus wie wir. Und neben den Graffitileuten und uns gibt es auch noch andere, die sich hier herumtreiben. Mit einem Kumpel haben wir auf einer anderen ungenutzten Strecke zwei Leichen in einer Wabe gefunden. Waren in Plastiksäcke eingeschnürt. Wir wussten zuerst nicht, was es war. Hat unglaublich gestunken, als wir das Paket geöffnet hatten.“ – „Scheiße, ja. Ich hatte davon in deinem Blog gelesen.“

Sie packten ihr Zeug ein und gingen zum Eingang der Wabe. Triss war kaum zu erkennen, so dicht hatte sie sich an die Wand geschmiegt, registrierte Roy zufrieden. Er war stolz auf sie. Keiner der anderen Urban Explorer der Gruppe hatte eine Freundin, die als echtes Vollmitglied bei allen Unternehmungen dabei war.

Roy hatte Triss in der Stadtbibliothek getroffen. Beide wollten das gleiche Buch ausleihen, das sich mit der Geologie beschäftigte, auf der die Stadt gebaut war. Zuerst hatten sie sich nur misstrauisch beäugt. Dann hatten sie sich vorsichtig genähert, denn sympathisch fanden sie sich schon. Triss war unabhängig unterwegs. Roy hatte sie dann seinen lose vernetzten Kontakten vorgestellt und sie hatten einige Expeditionen in der Gruppe unternommen.

Das große gemeinsame und exklusive Projekt von Triss und Roy war es, die geheime Verbindung zu finden, mit der Post zwischen den wichtigsten Sortierstellen und der Regierung hin- und hergeschoben wurde. Neben den 197 km des offiziellen U-Bahn-Streckennetzes, gab es parallel ein weiteres Schienennetz, das bisher noch kein Illegaler betreten hatte und von dem alle nur gerüchteweise gehört hatten.

Roy vertraute Triss sogar so weit, dass er sie mit zu seinen Eltern nach Hause genommen hatte. Anfangs wollte sie nicht, schließlich gab sie nach, bedauerte es aber gleich wieder. Natürlich war der Besuch ein Reinfall gewesen. Kurz darauf trennten sie sich. Die Postbahn wurde später von einer anderen Gruppe, darunter Leon gefunden.

(24) Triss‘ Liste von Dingen, die sie in ihrem Leben hätte anders machen müssen

Triss‘ Liste von Dingen, die sie in ihrem Leben hätte anders machen müssen (Quelle: ihr verschlüsseltes Computertagebuch)

1  Viel früher von Zuhause weglaufen
Die Funktion ihrer Eltern war nur notwendig, solange sie nicht in der Lage war, für sich selbst zu sorgen. Wirtschaftliche Unabhängigkeit war die Voraussetzung für Freiheit

2  Früher anfangen, eigenes Geld zu verdienen
Wirtschaftliche Zusammenhänge waren für sie durchschaubarer und daher vertrauenswürdiger.

3  Weniger Zeit vergeuden
Ständig wurde sie in Dinge hineingezogen, mit denen sie sich nicht identifizierte. Immer öfters nein schafft Abhilfe.

4  Ihren Bruder Dominik doch in die Schlucht zu stoßen
Die perfekte Gelegenheit hatte sich in der Kindheit bei einem Sonntagsspaziergang ergeben. Sie hatte es nicht getan. Er wurde zu einem frömmelnden, winselnden Klinkenputzer, den die Welt bestimmt nicht vermisst hätte.

5  Sich von Roy nicht anquatschen zu lassen
Die Nummer mit den Urban Explorers war lächerlich gewesen. Harmlos wie ein Stamm Pfadfinder ohne Gruppenleiter

6  Als Sechsjährige nicht monatelang um einen Hund betteln
Der Hund stellte sich als eine zu große Belastung heraus und das Betteln vorher war erniedrigend gewesen.

7  Handeln anstatt zu Quatschen
Zu oft war sie in Diskussionen verwickelt worden und hatte ihre Gegenpartei nicht umstimmen können. Darauf zu verzichten, hätte Zeit gewonnen.

8  Keine unnützen Floskeln benutzen
Ein belastender Faktor ihrer Erziehung war es, immer zu Freundlichkeit und Höflichkeit angehalten worden zu sein. Egal ob man es fühlte oder nicht. Sie fühlte es selten.

9  Mehr wegwerfen und auf das Wesentliche konzentrieren
Sie schleppte zu viel Zeug mit sich herum, das nicht notwendig war. Es fiel ihr leider oft schwer, reinen Tisch zu machen und Unnützes über Bord zu werfen.

10 Nicht zu lange auf den ersten Sex warten
Sie hätte damit vermieden, sich längere Zeit mit etwas zu beschäftigen, das am Ende nur enttäuschend war.

(25) Nacht. Das Holzhaus stand verlassen da.

Nacht. Das Holzhaus stand verlassen da. Ein Blitz zuckte durch das Bild und warf einen langen Schatten des Hauses nach hinten, wo man in der Entfernung sogar noch die Berge erahnen konnte. Sofort darauf stiegen an der Vorderseite schwarze Rauchwolken aus den Fensterhöhlen auf. Die Fenster an der Seite und der Kamin schienen nicht betroffen zu sein. Bald bestand die ganze Vorderfassade nur noch aus dichtem Qualm, der sich über das Dach nach hinten verzog.

Als der Rauch weg war, schien das Haus in der Zeitlupenaufnahme zu implodieren. Die geraden Linien vibrierten und brachen. Wie von einem Sturm eingedrückt, zerplatzten die Holzplanken und verwirbelten in der Tiefe des Schattens. Eine Staubwolke stieß auf und hüllte die Szene in eine Wolke.

Im Anschluss daran noch einmal die gleichen Bilder in noch langsamerer Geschwindigkeit. Dann wurde es kurz dunkel, gefolgt von den Bildern eines Trümmerfeldes vor einem blauen Himmel. Darüber der Schriftzug ‚Operation Upshot-Knothole, 17 March 1953 Test Shot Annie 16 kt‘.

Triss schaute sich um. Die Jungs, die mit ihr vor dem Fernseher saßen, sahen alle wie hypnotisiert aus. Scheinbar wie auf Kommando hoben die meisten die rechte Hand mit der Bierflasche zum Mund und tranken.

Für Triss war der Film über die Serie von Atomtests nichts Neues und der Abend mit den Katastrophenfreaks ödete sie an. Nach Annie kam Nancy mit den 4391 toten Schafen, dann Ruth, Dixie und Ray. „Das ist doch alles Scheiße“, warf sie auf einmal ein. Alle Köpfe drehten sich zu ihr. „Wie meinst Du das?“, fragte Klaus, der in der lose organisierten Gruppe der Freaks so etwas wie eine Leitfigur war. Klaus hatte auch das Viewing in seiner Wohnung organisiert. Triss stand auf und schnallte sich den Rucksack um.

„Mit Euch Idioten ist ja nichts los. Hier sitzen, glotzen und Bier trinken. Ist das alles?“ Sie schaute in die Runde. „Ach, vergisst es doch.“ In zwei Schritten war sie bei der Tür, riss sie auf und knallte sie hinter sich zu.

Auf dem Bildschirm schraubte sich ein weiterer Atompilz in den blauen Himmel. Darüber stand „Test Shot Nancy 24 kt“. Alle Köpfe wandten sich wieder dem Dokumentarfilm zu.

(26) Annie Reeves setzte sich in den Wagen.

Annie Reeves setzte sich in den Wagen. Aber sie war nicht gleich in der Lage, den Motor anzulassen. Jedes Mal, wenn sie ihren Vater im Pflegeheim besuchte, war es das Gleiche. Als Zwölfjährige hatte sie ihn einmal gefragt, was er in seinem Leben anders gemacht hätte, wenn er die Gelegenheit dazu gehabt hätte. Er hatte kurz überlegt und sie dann angelächelt. „Ich hätte deinen Namen nicht für den ersten Test verwenden sollen, sondern für den wichtigsten. Dann wäre dein Name jetzt unsterblich.“

Die Atomtestreihe war das Lebenswerk ihres Vaters, von dem er bis zu seinem Tod zehrte. George Reeves war in Santa Fe Regionalleiter bei der Atomenergiekommission gewesen. Man hatte ihn ausgewählt, um Operation Upshot-Knothole zu organisieren. Das war eine Reihe von elf atmosphärischen Nukleartests. Den ersten Test hatte er nach seiner geliebten Tochter, Annie, benannt. Ein weiterer Test, genannt Grable, war der erste Versuch mit einer atomaren Artilleriegranate und auf diesen war Reeves besonders stolz. Allerdings war er traurig darüber, dass sein ganzer Stolz einem Test galt, der nicht den Namen seiner Tochter trug.

George hatte seine Antwort bald wieder vergessen, aber Annie musste immer wieder daran denken. Zuerst hatte es sie gefreut, dass ihr Vater etwas ändern wollte, um ihren Namen in besserem Licht erscheinen zu lassen. Später ging ihr auf, dass es ihm gar nicht um seine Tochter gegangen war, sondern um die Testreihe. Wäre sie nach 1953 geboren worden, hieße sie jetzt wahrscheinlich Grable Reeves. Ihr Vater wollte seinem größten Erfolg auch in seinem Privatleben ein Denkmal errichten.

Annies Mutter war vor zehn Jahren gestorben und erst danach fiel ihr auf, wie leer das Leben ihres Vaters eigentlich war. Er schien keine Interessen zu haben und keine Kontakte von früher zu pflegen. Auch mit ihr redete er kaum, was Annies monatlichen Besuche zu einer Qual für sie, vielleicht auch für ihn machten. Aber, wenn sie ihre Besuche einstellen würde, würde sie sich noch schlechter fühlen.

Hätte man sie gebeten, ihren Vater zu beschreiben, hätte sie wahrscheinlich auf seine große Zuverlässigkeit hingewiesen. Seine Hilfsbereitschaft, wenn man ihn um einen Gefallen bat. Ansonsten wäre ihr nicht viel eingefallen. Ihr Vater George Reeves war ein leeres Blatt Papier für sie.

(27) Mark Zinn hatte schon immer einen leichten Zugang zu anderen Menschen gehabt.

Mark Zinn hatte schon immer einen leichten Zugang zu anderen Menschen gehabt. Kurz nach dem Beginn des Semesters hatte er bereits Kontakte zu vier neuen Studenten geknüpft. Er gab den erfahrenen Ingenieursstudenten und schaffte es damit, sich jedes Jahr erneut ein Gefolge aufzubauen. George Reeves war der einzige ältere Student, der nicht früher oder später den Kontakt zu Mark abgebrochen hatte.

An einem Freitagabend, gingen Mark und George mit den vier Neuen aus. Sie zogen durch einige der Kneipen in einem Arbeiterviertel. Mark gefiel sich in seiner Rolle als Anführer, George war wie immer recht still. Als die letzte Kneipe geschlossen hatte, kehrten die sechs gemeinsam wieder in Richtung der Studentenstadt um. Ein Teil des Weges ging am alten Güterbahnhof vorbei. Mark blieb neben einem Kesselwagen stehen, der mit einer öligen Kruste überzogen war. Er griff eines seiner Lieblingsthemen des Abends erneut auf und erklärte, was es bedeutete Ingenieur zu sein, Pionierarbeit zu leisten und die Menschheit, in eine bessere Zukunft zu führen. Manchmal müsse man auch Risiken eingehen und Mut beweisen auf der Suche nach neuen Erkenntnissen.

Er deutete auf den Kesselwagen. „Wer von den Herren würde sich denn trauen, diesen Kesselwagen an einer Seite hochzuklettern und an der anderen wieder herunter?“ Die vier angesprochenen Frischlinge waren nervös, schauten weg und reagierten nicht. Mark tat, was er immer tat, wenn er eine Mutprobe als Aufgabe stellte. Er wartete und wiederholte seine Frage.

Plötzlich ließ George seine Jacke auf den Boden fallen und stieg über den niedrigen Zaun auf das Gleisbett. Mark war verblüfft, sagte aber kein Wort. Die anderen Studenten dachten, es wäre so abgesprochen und George würde ihnen jetzt zeigen, was von einem richtigen Ingenieur erwartet werde. George hatte weiche Knie, als er eine Hand auf die Leiter des Kesselwagens legte und sich hochzog. Er spürte die klebrige Ölschicht an den Händen und krabbelte an der Leiter nach oben. Der Himmel über ihm war mit orangebeleuchteten Wolken tief verhangen. Als er auf dem Scheitelpunkt des Kessels angekommen war, musste er sich aufrichten und drehen, um auf der anderen Seite die Leiter zum Herunterklettern mit den Füßen zu ertasten. In diesem Moment sahen die fünf Studenten zwischen Georges Arm, den er zum Balancieren angehoben hatte, und der Hochspannungsleitung über ihm einen grellen Lichtbogen überschlagen. Der Lichtbogen war so hell, dass sie Augenblicke lang geblendet waren. Als sie wieder etwas erkennen konnten, lag George vor ihnen auf dem Gleisbett.

(28) Nach dem Unglück mit George brach Mark Zinn sein Studium ab.

Nach dem Unglück mit George brach Mark Zinn sein Studium ab. Bevor die Untersuchung des Vorfalls beendet war, zog er nach Europa. Einige Zeit vegetierte er völlig antriebslos vor sich hin und lebte von Geld, das er aus der Erbschaft einer Großmutter bekommen hatte. Irgendwann ging es ihm wieder besser und er begann sich nach einem Lebenszweck und vor allem nach einer Verdienstmöglichkeit umzuschauen.

Durch Zufall fand er eine Veranstaltung, bei der Vertriebsmitarbeiter für eine französische Weinsorte gesucht wurden. Es waren keine besonderen Erfahrungen und Vorkenntnisse notwendig. Er lernte Hames Krugh kennen, einen anderen Amerikaner, der bei der Veranstaltung mit großem rhetorischem Können die Qualität der Weine lobte und die Verdienstmöglichkeiten für Mitarbeiter der ersten Stunde erläuterte. Nach der eigentlichen Präsentation stand Mark mit Hames und anderen Kandidaten an einem Tapeziertisch, über den man ein langes weißes Tischtuch gelegt hatte. Alle probierten den Rotwein aus dem Château de Cazaux, einem Gut aus der Nähe von Bordeaux, das bis dahin noch unbekannt war. Mark und auch die anderen Kandidaten hatten kein Weinverständnis, ließen sich aber von Hames überzeugen, dass sie noch nie einen besseren Bordeaux getrunken hatten. Nach einigen Gläsern zog Hames Mark zur Seite und drückte ihm einen Vertrag in die Hand mit den Worten, „Ich vertraue Ihnen, dass Sie mit dem Reichtum umgehen können, der Sie erwartet“. Mark unterschrieb, so wie die anderen auch. Damit hatten sie ein Recht darauf, den Wein von Château de Cazaux mit 50% Rabatt zu beziehen und zu vermarkten. Sie hatten allerdings auch die Pflicht, zunächst einmal 500 Flaschen abzunehmen, zu zahlen und zu lagern. Um erfolgreich zu sein, erklärte ihm Hames in den nächsten Tagen, musste er weitere Vertriebler anwerben und für sich arbeiten lassen. Hames bezeichnete diese Leute als „Downliner“. Mark sog diese neuen Kenntnisse auf und hängte sich mit großem Elan in die Akquisition. Er druckte Prospekte, tourte durch Restaurants mit seinem Wein und organisierte Verkostungen. Dabei warb er andere Verzweifelte an, die seine Downliner werden sollten, so wie er der Downliner von Hames war.

Nach drei Monaten war Mark mit seinem Konto tief in den roten Zahlen. Er hatte immer noch 479 Flaschen in einem angemieteten Lagerraum, der ihm von Hames empfohlen worden war. In den meisten Restaurants, in denen er vorsprach, war er ausgelacht oder beschimpft worden. Von den drei Downlinern hatte er sich mit zweien verkracht und einer war spurlos verschwunden. Mark verfiel aufs Neue in eine große Lethargie, die er nur überlebte, weil seine andere Großmutter verstarb. Damit diese Erbschaft möglichst lange vorhielt, verlegte sich Mark aufs Schmarotzen. Wo es kostenlos etwas gab, war er nicht fern.

(29) In dem großen Saal konnte Mark die angespannte Erwartung der vielen Menschen spüren.

In dem großen Saal konnte Mark die angespannte Erwartung der vielen Menschen spüren. Um sechs Uhr hatte er bereits den dritten Nachschlag vom Büffet aufgegessen und beobachtete die Menschen, die ihren Blick auf die große Leinwand richteten. Mark war ungeladen in die Parteizentrale gekommen, weil er vage hoffte, andere Dumme zu finden, die den Rest seines Weines kaufen wollten. In seinen Gedanken bezeichnete er den Wein als ‚Grand Cru du Garage‘. Zumindest konnte er gratis essen und trinken.

Als die Ergebnisse aus der ersten Hochrechnung der Parlamentswahlen verkündet wurden, ging ein kollektiver Ausruf der Enttäuschung durch den Raum. Mark beobachtete die enttäuschten Gesichter, die weiter am Fernsehbild hingen, als ob sie eine unverzügliche Korrektur erwarteten. Am Nebentisch stand ein jüngerer Mann, bei dem Mark einen flüchtigen Anschein von Zufriedenheit bemerkte. Er nahm sein Glas Bier und ging hinüber, stellte sich dem Mann vor. „Ralph Niehaus“, antwortete der Mann. Mark tastete sich mit ein paar Fragen vor und Niehaus bekannte sein großes Bedauern über den Ausgang der Wahl. Mark musste subtiler vorgehen. Er deutete in kleinen Erzählbröckchen an, dass er ein ungeladener Gast sei und nur zur Wahlparty gekommen sei, um die Niederlage zu erleben. Langsam öffnete sich Niehaus und ließ sich sogar zu einem offenen Lächeln hinreißen. Er erzählte Mark, dass er Firmenkundenbetreuer bei einer Bank am Platz sei. Mehrmals wurden sie von anderen Parteigängern unterbrochen und mussten Mitgefühl über den ungerechten Wahlausgang heucheln. Dadurch fühlten sie sich verbunden. Mark schlug schließlich vor, das Gespräch in einer Kneipe fortzusetzen.

Dort redete Niehaus sehr offen. Er erzählte Mark, dass er vor einem Jahr den Glauben an die Partei verloren habe, als er bei der Aufstellung der Wahllisten übergangen worden war. Seitdem habe er sich im Verborgenen zu einer Art passivem Widerstandskämpfer entwickelt und freute sich nun darüber, dass die Partei einen Misserfolg erlitten hatte. Mark fragte nach dem Job und hörte, dass Niehaus auch in der Bank bei einer Beförderung übergangen worden war. Nach einigen weiteren Bemerkungen von Mark, stellte Niehaus sich von alleine die Frage, warum er eigentlich nicht auch in seinem Job den Weg des passiven Widerstands ging. Auch hier war er enttäuscht worden und glaubte nicht mehr an gemeinsame Ziele. Wenn seine eigenen Ziele schon in unerreichbare Ferne gerückt waren, warum sollte er dann nicht etwas Freude an seinem Job haben? Als sie am Ende des Abends auseinander gingen, war Mark zufrieden. Er war immer noch in der Lage, Menschen für sich und seine Ideen einzunehmen. Es war an der Zeit, ein neues Projekt zu beginnen. Er wünschte Niehaus Glück bei seinem Vorhaben.

(30) Ralph Niehaus öffnete die Datei mit dem neuesten Controllingbericht seiner Abteilung.

Ralph Niehaus öffnete die Datei mit dem neuesten Controllingbericht seiner Abteilung. Der Trend der letzten drei Jahre hatte sich fortgesetzt. Das Ergebnis, das er mit seinen Kunden für die Bank erwirtschaftete, war überdurchschnittlich gut, besonders unter Risikogesichtspunkten.

Das System passiven Widerstands, das er sich ausgedacht hatte, funktionierte nicht. Immer, wenn die objektiven Kriterien unklar waren und es einen Spielraum bei Kreditentscheidungen gab, hatte Niehaus konsequent gegen seine Intuition entschieden. Da seine Ergebnisse trotzdem exzellent waren, konnte nur heißen, dass seine Intuition als Banker falsch war.

Dabei hatte er sogar die Grauzone, in der er bewusst falsche Entscheidungen traf, immer weiter ausgedehnt. Er verstand es nicht. Kunden, bei denen er eine positive Prognose hatte und denen er deswegen Kredite ablehnte, gerieten ohne Vorwarnung in Schwierigkeiten. Andere Unternehmer, die er im Grunde für Windhunde hielt, entwickelten sich stetig und seriöse.

Zwei Tage später traf er sich mit Hagen Dietrich, einem Mitarbeiter aus der Risikoabteilung, der seit fünf Jahren sein Kundenportfolio überwachte. „Herr Niehaus, keiner unserer Betreuer kann seine Kunden auch nur annähernd so gut einschätzen wie Sie. Was ist Ihre Methode? Was können wir von Ihnen lernen?“ – „Wissen Sie“, entgegnete Niehaus, „das ist der reine Zufall. Wenn ich nicht sicher bin, würfele ich einfach.“ Dietrich lachte ihn aus und meinte, es schiene ihm, dass andere erfolglose Berater genau dies täten, aber doch Niehaus nicht. Wenn er so eine glückliche Hand habe, solle er es doch gleich im Kasino versuchen. Genau den gleichen Gedanken hatte auch Niehaus in der gleichen Sekunde. Nur war sein Gedanke von Bitterkeit getönt.

Am Ende des Treffens, bevor er die Tür öffnete, drehte sich Dietrich zu ihm um und sagte: „In der Bank ist ein Gerücht über sie im Umlauf. Ich hoffe, es stimmt nicht. Dennoch sage ich es Ihnen, weil ich es richtig finde, dass Sie davon Kenntnis haben. Der Vorstand soll planen, Sie zu feuern. Ich weiß nicht warum und verstehe es auch nicht. Mich hat man nicht gefragt. Vielleicht stimmt das Gerücht auch nicht. Ich drücke Ihnen die Daumen.“ Er schüttelte Niehaus die Hand und ging hinaus. Niehaus blieb zurück, wie vom Blitz getroffen.

(31) Dieter Reichel starrte auf Niehaus‘ Personalakte…

Dieter Reichel starrte auf Niehaus‘ Personalakte, die vor ihm auf dem Schreibtisch lag. Keine Anzeichen für Fehlverhalten. Jahresbeurteilungen immer einwandfrei. Gleicher Jahrgang wie er. Borkenhagen rächte sich. Es war unfair. Er musste es ausbaden. Spesenbetrug. Der Klassiker. Leicht gesagt. Er würde sich durch Berge von Spesenabrechnungen kämpfen müssen. Vielleicht erst einmal Praktikanten darauf ansetzen. Vielleicht findet sich auch so etwas. Unwahrscheinlich. Schmutzige Sache.

Es klopfte an der Tür. Reichel klappte die Akte zu und legte sie zur Seite. „Herein!“ Er erhob sich, begrüßte Niehaus und bot ihm einen Platz an. Beide setzten sich wieder. Reichel fühlte, dass Niehaus etwas ahnte. Ungewöhnlich war die Einladung ja gewesen. Kurzer Smalltalk, Reichel konnte es nicht anders. Jetzt aber los.

„Herr Niehaus, man hat mich gebeten, mit Ihnen die Aufhebung Ihres Arbeitsvertrags zu verhandeln.“ Jetzt war es raus, das Schlimmste hinter ihm. Kein Zurück, nur noch verhandeln. Reichel lehnte sich zurück.

Niehaus schien schockiert. Er fragte nach den Gründen. Reichel redete von strategischer Ausrichtung, Managemententscheidungen usw. „Und wenn ich nicht will?“ Reichel seufzte und erklärte die Sache mit den Spesen. Niehaus sackte zusammen. Das taten sie immer, denn sie hatten Angst vor einem Makel im Lebenslauf.

Hildemar Borkenhagen, der Sprecher des Bankenvorstands steckte hinter der Verschwörung. Aus Andeutungen hatte Reichel verstanden, dass Niehaus einem Vetter von Borkenhagen einen Firmenkredit gekündigt hatte. Als Borkenhagen es erfahren hatte, konnte er nicht mehr die Kreditkommission umstimmen, es wäre zu auffällig gewesen. Das Unternehmen seines Vetters musste Insolvenz anmelden, was, so Reichels Verständnis, schon länger fällig gewesen wäre, wenn Borkenhagen nicht die Hand darüber gehalten hätte. Warum Niehaus jetzt plötzlich konsequent handelte, verstand Reichel nicht.

„Es gibt keine andere Wahl“, bekräftigte Reichel. „Sie bekommen ein gutes Zeugnis und Zeit, eine neue Stelle zu suchen.“ Niehaus wollte darüber nachdenken. Reichel lehnte ab und schob den bereits von ihm unterzeichneten Aufhebungsvertrag in doppelter Ausführung über die Schreibtischplatte zu Niehaus hinüber. Nachdenken war nicht zielführend. Es führte nur zu Komplikationen und zu Schwierigkeiten für alle. „Wenn Sie vernünftig sind, unterschreiben Sie jetzt. Und Sie sind doch vernünftig, oder?“

Niehaus unterschrieb. Reichel gab ihm ein Original mit und reichte ihm die Hand. „Ich wünsche Ihnen alles Gute. Für Referenzen stehe ich gerne zur Verfügung.“ Niehaus ging grußlos hinaus.