(2) Du langweilst dich, mein Junge, ich sehe es dir an.

„Du langweilst dich, mein Junge, ich sehe es dir an“, sagte seine Mutter und lächelte ihn bedauernd an. Bert schüttelte den Kopf. „Ich bin gerne hier“, log er. „Es ist schön, zu sehen, dass du so viele Freunde hast.“ – „Hallo Bert“, sagte die Frau neben seiner Mutter. „Kannst du dich noch an mich erinnern?“ Bert konnte auch mit der Stimme nicht mehr anfangen. „Stella Hauser ist unsere frühere Nachbarin“, erklärte seine Mutter. „Wir liefen uns zufällig vorgestern über den Weg und da lud ich sie natürlich ein.“

Im gleichen Augenblick fühlte Bert sich zurückversetzt an einen sonnigen Nachmittag vor sehr, sehr langer Zeit. Seine Mutter hatte weg gemusst, es hatte wahrscheinlich etwas mit Fritz zu tun. Deshalb hatte sie ihn zu Stella gebracht. Bert erinnerte sich, wie er mit Stella auf ihrer Terrasse hinter dem Windschutz aus blauem Segeltuch saß. Herr Hauser war nicht zu Hause gewesen. Sie hatte ihm eine Limonade hingestellt und trank selbst Weißwein, den sie sich aus einer Karaffe in ein Glas einschenkte. Er las einen Comic und sie saß nur mit zurückgelehntem Kopf in der Sonne. Irgendwann ging Stella ins Haus und kam in einem Bikini zurück. Bert fühlte einen Kloß im Hals, als er neben ihr saß und versuchte, nicht zu offensichtlich hinzustarren. Sie hatte eine Schachtel Rosinen mitgebracht und ihn gefragt, ob er Rosinen mochte. Bert hatte stumm genickt. Sie hatte ihm ein paar davon aus der Schachtel auf die linke Handfläche geschüttelt und er hatte sie eine nach der anderen mit der rechten Hand in den Mund geschaufelt. Noch nie zuvor hatte er einfach so Rosinen gegessen. Sie waren köstlich. Stella füllte seine Hand wieder und bediente sich auch daraus. Nach und nach hatten die beiden an dem Nachmittag die ganze Packung Rosinen geleert. Bert füllte immer wieder seine Hand auf und hielt sie vor sich hin, den Ellenbogen auf die Armlehne des Sonnensessels gestützt. Stella und er bedienten sich abwechselnd von den Früchten. Bert freute sich, wenn Stellas Hand sich seiner näherte und er ihre Fingerspitzen auf seiner klebrigen Hand spürte. Irgendwann war die Schachtel leer, die Sonne hinter dem großen Baum verschwunden und Berts Mutter war gekommen, um ihn wieder abzuholen. Kurz darauf kam dann die Scheidung von Fritz. Auch später dachte Bert immer wieder an diesen Nachmittag zurück, wenn er Rosinen aß. Ab und zu, wenn er sich schlecht fühlte, kaufte er eine ganze Packung und vertilgte sie alleine. Immer ging es ihm danach besser. Jetzt stand Stella ihm gegenüber und schaute ihn mit klaren Augen an. Er fragte sich, ob ihr dieser Nachmittag auch noch so präsent war, traute sich aber nicht, danach zu fragen. Sie war kleiner, als er sie in Erinnerung hatte. Er tat so, als ob er sich vage an sie erinnerte, und war dabei sehr höflich zu ihr.

(3) Stella Hauser stieg aus der Straßenbahn Linie 163.

Stella Hauser stieg aus der Straßenbahn Linie 163. Als die Tram weitergefahren war, beschloss sie, nicht gleich nach Hause zu gehen. Langsam spazierte sie in die entgegengesetzte Richtung um den Block herum. Sie setzte sich an einen Tisch vor dem Straßencafé, zu dem sie öfters hinging, wenn sie nicht gleich nach Hause wollte. Sie bestellte sich ein Glas Weißwein. Die Tische um sie herum waren gut besetzt. Viele junge Leute, aber auch Paare, im gleichen Alter wie sie, oder noch älter. Obwohl sie bereits seit 23 Jahren mit Alfred verheiratet war, hatte sie den Eindruck, dass es immer schlimmer mit ihm wurde. Früher war er wenigstens viel unterwegs gewesen. Durch die vielen einsamen Tage hatte sie sich oft vernachlässigt gefühlt. Heute wäre sie froh, wenn Alfred sich für irgendetwas interessieren würde. Er saß den ganzen Tag nur in der Wohnung, schaute fern, las oder starrte aus dem Fenster. Wenn er mit ihr sprach, dann ging es immer um irgendwelche Vorhaben, die er sich ausdachte, aber nie umsetzte. Mal wollte er das Angelzeug im Keller wieder auf Vordermann bringen und an den See fahren. Seine Fotosammlung wollte er einscannen und sortieren. Oder er beabsichtigte, den verwahrlosten Schrebergarten wieder nutzbar herzurichten. Aber es blieb bei seinen Worten. Nie unternahm er etwas, er hockte immer nur in der Wohnung herum. Allein der Klang seiner nöligen Stimme, wenn er anhob und seine Pläne vortrug, reichte schon aus, um Stellas Puls zu beschleunigen. Manchmal verspürte sie richtig Ekel vor ihm. Wie wäre ihr Leben verlaufen, wenn sie Alfred Hauser nicht geheiratet hätte?

Das Wiedersehen mit Uta Zanners Sohn hatte ihr einen Stich versetzt. Sie hatte immer noch ein schlechtes Gewissen, weil sie damals aus purer Langeweile und wegen übermäßigen Weinkonsums versucht hatte, Bert zu verführen. Uta hatte es natürlich sofort bemerkt und danach jahrelang nicht mehr mit ihr geredet. Das war es aber nicht, was sie vorhin bewegt hatte. Es war ihr klar geworden, dass sie an jenem Nachmittag, als sie auf Bert aufpassen sollte, noch eine Wahl gehabt hätte, ihr Leben zu verändern. Alle Fakten lagen damals auf dem Tisch. Alfred hatte sich bereits als Enttäuschung herausgestellt. Und doch hatte sie es vorgezogen, die endlosen folgenden Tage verstreichen lassen. Sie war abgesichert gewesen. Alfred hatte nie große Erwartungen an sie gestellt. Dafür hatte er ihr auch nie Dankbarkeit gezeigt. Stella schaute auf die Uhr. Alfred würde jetzt im Bett liegen. Sie zahlte ihren Wein und vollbrachte den Gang um den Block. Die Fenster zu ihrer Wohnung waren dunkel.

(4) Nein, es war immer wieder das Gleiche.

Nein, es war immer wieder das Gleiche. Sie war eben zur Tür hereingekommen und schon schien es ihm wie ein Albtraum. Immer die gleichen Abläufe. Sein Leben bestand nur aus Wiederholungen, und er musste sie über sich ergehen lassen. Es konnte so nicht weitergehen. Alfred wälzte sich auf die andere Seite und zog die Decke über sein Ohr. Er wollte eingeschlafen sein und es nicht merken müssen, wenn sie zu ihm ins Bett steigen würde. Warum hatten sie nicht zwei Schlafzimmer? Warum konnte er nicht einfach ausbrechen aus diesem Trott?

Mit einem Ruck richtete er sich auf, hielt kurz ein und stieg dann aus dem Bett. Mit schnellen Bewegungen zog er sich an und trat in den Flur. Dort stand Stella, noch in ihrem hellen Übergangsmantel, und starrte ihn an. Er legte seine Hand auf ihr Gesicht, drückte sie nach rückwärts in die Küche und knallte die Tür zu. Durch den sich schließenden Spalt sah er noch ihre geschocktes Miene. Alfred verließ die Wohnung. Draußen stand der Nachbar und fragte, was das für ein Geschrei sei. Hinter ihm seine Frau, auf dem Kopf trug sie Lockenwickler. Alfred ohrfeigte ihn, dass er sich um die eigene Achse drehte und verpasste ihm einen Fußtritt, der ihn in die Arme seine Frau beförderte. Dann war Alfred auf der Straße und erwischte zwei Jugendliche, die Plakate an die Hauswand klebten. Dem einen rieb er das Gesicht über den Rauputz, während er den anderen im Schwitzkasten hielt. Der wehrte sich und schlug seinem Angreifer mit der Faust in die Nieren. Alfred war es, als ob sein Kopf immer größer wurde. Seine Zähne schienen in die Breite zu wachsen. Mit einem Schrei entlud sich seine Spannung und er schleuderte die beiden Plakatkleber auf die Straße. Dort wurden sie von einem riesigen Lastwagen überrollt, der beim Vorbeifahren eine blendendweiße Staubwolke aufwirbelte.

Dahinter erschien wie aus dem Nichts eine Gruppe von Motorradfahrern, die auf Alfred zu brausten. Ihr Anführer schwang eine Kette, mit der er im Vorbeifahren Alfred treffen wollte. Alfred ergriff im letzten Augenblick die Kette und zog den Biker von seiner Maschine. Mit der Waffe schlug er jetzt selbst auf die darauffolgenden Motorradfahrer ein. Am Ende lag um Alfred herum ein Haufen ineinander verkeilter Motorräder. Dazwischen schauten die Helme, Arme und Beine ihre Fahrer hervor. Alfred warf die Kette weg. Er hatte sie alle besiegt und reckte die Arme triumphierend gegen Himmel. Er hatte es ihnen allen gezeigt. Alfred wachte auf und wälzte sich noch einmal auf die andere Seite. Stella lag jetzt neben ihm und schien noch wach. Es konnte so nicht weitergehen. Nein…

(5) Dirk Hesse erzählte Rainold Trapp von seinem Problem.

Dirk Hesse erzählte Rainold Trapp von seinem Problem. Hesse importierte Brillen aus China. Der größte Teil seines Absatzes ging an einen Großhändler, der seinerseits alle wesentlichen Handelsketten belieferte. Der Großhändler wollte jetzt Hesses Geschäft übernehmen. Anderenfalls würde er die Brillen künftig selbst importieren. Hesse wollte nicht verkaufen und sah sein Geschäftsmodell am Ende. Durch die drohende Vertragsverletzung fühlte er sich persönlich angegriffen. Über Kontakte war er an Trapp herangetreten. Man hatte ihm gesagt, dass Trapp der Mann für alle Fälle sei.

Jetzt saß Trapp vor ihm am Picknicktisch des Autobahnparkplatzes und schaute ihn mit unbewegter Mimik an. Als Hesse geendet hatte, fragte Trapp: „Mit welcher Dosis von Gewalt wollen Sie Ihrem Ärger Ausdruck verleihen? So viel wie nötig? Weniger? Oder mehr?“ Je länger Hesse über den Sinn dieser Worte nachdachte, desto weniger gefielen sie ihm. „Um Ihnen die Entscheidung zu vereinfachen: Ich wende nur so viel Gewalt an, wie nötig. Aber auch nicht weniger. Ich möchte, dass Sie das wissen. Mein Handeln hat für Sie Konsequenzen. Es gibt ein Vorher und ein Nachher. Wenn Sie im Nachher sind, ist eine Rückkehr ins Vorher nicht mehr möglich. Es ist sozusagen eine Wasserscheide. Können Sie damit leben?“

Hesse schaute auf den Parkplatz hinter Trapps Rücken, wo der Wind eine leere Plastiktüte über den Asphalt trieb. Er räusperte sich. „Ich dachte, das bräuchte ich nicht zu wissen. Ich sage Ihnen, was mein Problem ist und kaufe mir bei Ihnen eine Lösung.“ Trapp schien auf einem Mal größer als vorhin. Er stützte sich auf die dunkle Tischplatte und lehnte sich nach vorne. „So einfach ist das nicht. Irgendwann finden Sie heraus, was passiert ist. Wo der archimedische Punkt des Großhändlers lag. War es sein Hund, sein Haus, seine Tochter. Sie werden die Zusammenhänge erkennen. Wenn Sie jetzt nicht bereit sind, damit umzugehen, werden Sie es nie sein. Damit bringen Sie mich in Gefahr. Sie würden versuchen, klare Entscheidungen mit Ausreden und Entschuldigungen auszupolstern. Und irgendwann würden Sie Ihr Gewissen erleichtern wollen, indem Sie mich ans Messer liefern.“ Ein LKW fuhr an den beiden Männern am Picknicktisch vorbei und brachte die Plastiktüte zum Platzen. Hesse zuckte zusammen.

„Ich möchte nicht für Sie arbeiten. Sie werden bestimmt einen anderen finden, der besser passt. Wir haben uns nie getroffen.“ Trapp stand auf und ging, ohne sich umzusehen, in das angrenzende Maisfeld hinein. Hesse schaute ihm nachdenklich hinterher. Wegen der hohen Pflanzen konnte er nicht erkennen, in welche Richtung Trapp ging.

(6) Bevor er aus dem Maisfeld trat, schaute Trapp sich um.

Bevor er aus dem Maisfeld trat, schaute Trapp sich um. Die Luft war rein. Er stieg in seinen Landrover. Sein Instinkt hatte sich nicht getäuscht. Hesse war ihm schon am Telefon wie ein Weichei vorgekommen. Auf solche Menschen konnte man sich nicht verlassen. Trapp hatte sich geschworen, nie mehr für Auftraggeber zu arbeiten, denen es an Konsequenz mangelte.

Während der Rückfahrt zu seinem Pferdehof, informierte er den Kontaktmann, der ihn mit Hesse in Verbindung gebracht hatte. Als er auf den Hof fuhr, registrierte er zufrieden, dass Erika bereits auf ihn wartete. „Benjy ist bereit“, verkündete sie, als Trapp ausstieg. Gemeinsam gingen sie in den Stall zu dem weiß gekachelten Raum neben den Boxen. Erika streichelte den jungen Hengst am Hals und sprach beruhigend auf das Tier ein. Benjy war anders als sein Vater Jason. Seine grundlose Aggressivität machte es schwer, mit ihm zu arbeiten. Trapp hatte deshalb beschlossen, den Hengst zu kastrieren. Erika hatte ihn gebeten, den Eingriff zu verschieben. Vielleicht würde sich Benjys Verhalten ja bessern. Trapp hatte abgelehnt, weil die Komplikationsgefahr bei der Kastration mit dem Alter stieg.

Er zog einen weißen Kittel über seine Straßenkleidung und wusch sich die Hände am Waschbecken. Währenddessen zog Erika zwei Spritzen auf, eine zur Beruhigung und eine zur lokalen Betäubung. Nachdem er die erste Spritze gesetzt hatte, wartete Trapp auf ihre Wirkung und inspizierte das Besteck, das Erika vorbereitet hatte. Es war alles in Ordnung und er küsste sie auf den Mund. Bevor er die zweite Spritze verabreichte, besprühte er Benjys Hodensack großzügig mit einer Desinfektionslösung. Dann zog er sich Operationshandschuhe über. Erika stellte sich vorne neben das Pferd und kraulte seinen Hals. Mit der Spitze eines Skalpells testete Trapp, ob die Lokalanästhesie schon wirkte. Als Benjy nicht reagierte, sagte er: „Es geht los.“ Mit präziser, entschlossener Bewegung setzte er einen Schnitt in die Mitte des Hodensacks. Er griff hinein und legte die Hoden frei. Das Skalpell reichte er Erika und bekam von ihr die Fasszange, mit der er einen Hoden festhielt und dann mit der eigentlichen Kastrationszange abtrennte. Vorsichtig löste er den Griff, um zu sehen, ob die Blutgefäße ausreichend abgeklemmt waren. Den Eingriff wiederholte er mit dem zweiten Hoden. Benjy war entgegen seiner Art sehr geduldig. Trapp versorgte die Wunde und vernähte den Schnitt mit routinierten Bewegungen.

„Armer Benjy“, sagte Erika. „Jetzt ist er ein Wallach, bevor er auch nur einmal Hengst sein durfte.“ – „Nur keine Sentimentalitäten“, erwiderte Trapp. „Es war notwendig. Was er nicht kennt, wird er auch nicht vermissen.“

(7) Erika schaute auf den Pelikan, der seinen Schnabel weit aufriss…

Erika schaute auf den Pelikan, der seinen Schnabel weit aufriss, damit sein Junges in seinem Kehlsack stöbern konnte. Irgendwie war sie von dem Anblick gerührt. Wenn Rainold sen. nicht dabei war, durfte sie das. Rainold jun. war schon etwas vorausgelaufen zu den Elefanten und winkte sie aufgeregt herbei. Sie schob den Kinderwagen weiter. Als sie angekommen war, hob sie Rainold hoch und setzte ihn sich auf die Schultern. Eine große Menschenmenge hatte sich vor dem Elefantengehege angesammelt. Heute wurde der kleine Elefant getauft und das war auch der Grund, warum sie beide überhaupt hier waren. Im Gehege standen zwei Männer, von denen einer ihr bekannt vorkam.

Rasmus Cornelius kam sich in dem Elefantengehege etwas verloren vor. Er konnte die Zuschauer in der Distanz nicht so gut sehen und war sich nicht sicher, ob sie ihn auch erkannten. Der Zoodirektor hatte sich aber geweigert, die Taufe weiter vorne abzuhalten. Er sagte, das würde das Elefantenjunge zu sehr beunruhigen. Auch die Fotografen mussten vor der Absperrung bleiben. Wenigstens waren sie mit Teleobjektiven ausgerüstet. Allerdings war Cornelius sehr unzufrieden mit seinem Presseagenten. Es war wieder eine halbausgegorene Sache, wie schon so oft. Der Deal war, dass er den kleinen Elefanten begrüßte und der Zoodirektor verkündete, dass der Kleine jetzt Anton hieße, wie der Rollenname, unter dem Cornelius vor Urzeiten bekannt worden war. Anton… 227 Folgen lang. Für die meisten Leute war er immer noch Anton, der in kurzen Hosen herumlief und freche Streiche spielte. Die Journalisten waren nie an seinen anderen Projekten interessiert, immer nur an Anton.

Endlich ließ man auch den kleinen Elefanten ins Gehege. Eine Welle der Rührung umfasste die Menge. Mit dem Rüssel tastete der kleine Elefant die Menschen vor ihm ab, wie bei einem Abzählreim. Cornelius packte den Rüssel und bewegte ihn kurz auf und ab, wie eine Hand, die man schüttelt. „Das reicht“, zischte der Zoodirektor. Laut sagte er: „Und damit heißt unser kleiner neuer Zoobewohner Anton. Vielen Dank, Herr Rasmussen.“ Cornelius lächelte und versteckte, dass ihm schlecht war. Früher hätte er sich mit Medikamenten und Alkohol dagegen gestemmt. Aber auch das ging nicht mehr. Alle Aufmerksamkeit galt jetzt dem Elefanten. Cornelius ging zurück zu den beiden Türen an der rückwärtigen Gehegewand. Ein Wärter rief ihm einen Hinweis zu, sonst hätte er sich wahrscheinlich für die linke Tür entschieden. Diese führte zum Bullengehege. Cornelius mied die Menschenansammlung vor dem Graben und ging in die andere Richtung. Als er an den Pelikanen vorbeikam, öffnete einer der Vögel seinen Schnabel bis zum Anschlag und blähte den Kehlsack auf. Cornelius starrte auf den Eingang zur Speiseröhre, der aussah wie ein Abflussrohr. Wie ein schwarzes Loch, das alles verschlingen würde. Schnell ging er weiter zum Papageienhaus.

(8) Cornelius öffnete beide Flügel der Eingangstür zu seinem Haus.

Cornelius öffnete beide Flügel der Eingangstür zu seinem Haus. „Willkommen, meine Herren. Ich hoffe, Sie haben es leicht gefunden.“ Der Journalist, Erwin Hoss, und sein Fotograf, Heiko Schindler, schüttelten ihm die Hand und traten über die Schwelle. Schindler stellte seine beiden Taschen auf die Erde und begann, seine Kameras vorzubereiten. Erwin Hoss besprach die Einzelheiten der Homestory mit Cornelius. Zuerst ein Rundgang durch das Haus mit Heiko Schindler. Dann ein Gespräch, „am Küchentisch“, wie er sich ausdrückte. „Wollen Sie Ihren Fans etwas Bestimmtes übermitteln?“, fragte er. Cornelius bedauerte, dass er seinen Agenten gefeuert hatte, und meinte: „Ich will nur, dass sie sehen, dass ich ein normaler Mensch bin.“ – „Soso“, antwortete Hoss und Cornelius ahnte schon, dass es für diese Antwort einen Minuspunkt gab. Der Rundgang verlief fehlerfrei. Schindler fragte nach einem Heimkino. Cornelius bestritt, dass es ein solches gab. Immer wieder posierte er lässig an bestimmten Stellen, die der Fotograf ausgewählt hatte. Dabei lächelte er gewinnend und hätte doch am liebsten geheult. Warum war es nur so schwer ohne Alkohol und Pillen?

Im Gespräch musste er Hoss die wichtigsten Abschnitte seiner Lebensstory erzählen, denn der Journalist war schlecht vorbereitet. Er schien auch nicht wirklich an den Antworten interessiert zu sein. Immerhin lief ein Tonband. „Schauen Sie sich noch öfters Filme von früher an?“, fragte ihn Hoss. „Nein“, log Cornelius, „mit meinen neuen Projekten habe ich leider keine Zeit dazu.“ Die Homestory war vor Monaten mit dem Magazin vereinbart worden, als sein Agent noch eine PR-Offensive gestartet hatte. Einziger Erfolg der Offensive war, neben der Homestory, die klägliche Elefantentaufe gewesen. Und sogar dafür hatte Cornelius noch zahlen müssen. „Sehr schön“, meinte Hoss und es klang wie der Schlussstrich unter dem Interview. „Wo werden Ihre Fans Sie denn bald wieder sehen?“ Cornelius lächelte matt und sagte, er sei in Verhandlungen mit einem bekannten Regisseur, er könne aber noch nichts verraten. Im Flur hatte Schindler bereits seine Ausrüstung verpackt. Sie schüttelten Cornelius die Hand zum Abschied und er winkte ihnen in der Ausfahrt hinterher. Als sie weg waren, schloss Cornelius sorgfältig beide Flügel der Tür. Im Keller holte er sich eine Flasche Single Malt aus dem Versteck und verkroch sich damit in das Heimkino hinter der Tapetentür. Mit der Fernbedienung startete er den Player mit der DVD der ersten Anton-Staffel. Er setzte die Flasche zum Trinken an.

(9) Die Homestory, die ich vor drei Wochen bei Herrn Burgschauspieler Ludwig Franz abgeschossen habe…

„Die Homestory, die ich vor drei Wochen bei Herrn Burgschauspieler Ludwig Franz abgeschossen habe, war auch nicht schlecht. Das war mit Ronald zusammen. Mittendrin haben wir festgestellt, dass Franz die Wohnung speziell für uns gemietet hatte. Das war auch der Grund, warum alles so adrett aussah. Hat ihm nicht gut getan.“ Schindler schüttelte noch jetzt den Kopf bei der Erinnerung an diese Homestory, die in Wirklichkeit keine war. „Ja, wir haben einen seltsamen Beruf“, pflichtete ihm Hoss bei. Mit einer Bewegung seines Zeigefingers bestellt er noch einmal die gleiche Runde bei dem Schankkellner. „Einmal war ich bei dem großen Schriftsteller Gerald Rückborn. Ich hatte mich sehr gut vorbereitet, sogar eins seiner Bücher quergelesen. Total verkopftes Zeug, ich habe nichts davon verstanden. Moral und Intelligenz hatten sie ihm mit der Suppenkelle eingeflößt, dachte ich. Aber die Verlagsleitung wollte das Interview. Wir fuhren also hin. Das Haus war wie ein Kloster. Keine Polstermöbel – nur harte Stühle und Bänke. Keine Teppiche, nur Fliesen wie im Leichenschauhaus. Kaum geheizt, auch im Winter nicht – und es war Winter. Jagdtrophäen an der Wand wie Nimrod persönlich. Uns fror der Asch ab. Zu trinken gab es nur Wasser und Tee. Dafür mehr verklärte Sprüche, als in der Bibel stehen. Eine Fassade gegen die du eigentlich keine Chance hast.“ – „Und, was hast Du daraus gemacht?“, fragte Schindler gespannt. „Es war wie verflixt. Nichts, was einen Leser interessieren könnte. Als Rückborn mal für Nobelpreisträger musste, bin ich zurück ins Arbeitszimmer geschlichen und habe den Inhalt seines Mülleimers in meine Umhängetasche gekippt. Volles Risiko.“ – „Guter Move. Wenn man nichts findet, muss man tiefer graben. Und, was ergab die Analyse?“ – „Ganz unten war das Kalenderblatt des Tages, an dem wir ihn besuchten. Darunter noch ein paar Weinkorken. Darüber ein paar Mahnungen, leere aber zerknüllte Blätter Papier. Dazwischen sieben zerknüllte Papiertaschentücher. Laborergebnis dazu: alle mit Sperma vollgepumpt.“ – „Das nenne ich gute Arbeit“, entgegnete Schindler anerkennend. „Ja, dabei war es erst früher Nachmittag, als wir ihn besuchten. ‚Gerald schnäuzt den Kasper ohne Ende.‘ Eigentlich wäre es ein schöner Artikel geworden. Aber natürlich hat die Verlagsleitung den Artikel vollständig zensiert. Heraus kam eine Lobeshymne auf den Mann mit der eisernen Moral.“ – „Jaja, wir sind die Unbestechlichen…“

(10) Nachdem Rückborn lange genug vor dem leeren Blatt Papier gesessen hatte…

Nachdem Rückborn lange genug vor dem leeren Blatt Papier gesessen hatte, zerknüllte er das Blatt und warf es in den Papierkorb. Er trank noch einen Schluck Rotwein und konzentrierte sich auf das nächste weiße Blatt. Wenn er nur lange genug darauf starrte, würde ihm etwas einfallen, mit dem er es füllen konnte. Es war ja alles in ihm drin. Er musste es nur zu Tage fördern.

Seine Augen konnte er kaum noch offenhalten, denn die Lider wurden immer schwerer. Plötzlich schreckte er hoch, als die Tür zu seinem Arbeitszimmer aufgerissen wurde. Dan Aykroyd alias Dr. Stantz kam aufgeregt herein. Auf dem Rücken trug er ein blinkendes Protonen-Pack. „Wir haben ein Gespenst in der Kirche!“, schrie er Rückborn an, der vor Schreck sein Weinglas umstieß, das sich in die Packung mit den Kleenex-Tüchern entleerte. Der Wandschrank wurde aufgeschlagen und Harold Ramis alias Dr. Spengler trat heraus. „Ray, du hast den Heiligen Geist gesehen. Das ist normal.“ Darauf öffnete sich noch einmal die Tür und Richard Feynman trat herein. „Prof. Feynman!“, riefen Stantz und Spengler gleichzeitig. „Guten Abend“, antwortete Feynman. „Ich habe gehört, dass es hier eine ungeklärte Frage gibt. Das hat mich hergerufen. Dr. Stantz, Sie haben in der Kirche ein Gespenst gesehen. In welcher Kirche war das?“ Stantz deutete auf Rückborn. „In seiner Kirche.“ – „Herr Rückborn, was ist das für eine Kirche, die Sie als Ihre Kirche bezeichnen?“

Rückborn war zuerst sprachlos. Seine drei Besucher schauten ihn an. „Ich besitze keine Kirche. Ich bin Teil von ihr. Sie definiert, was ich bin. Und gemeinsam mit anderen Gläubigen stellen wir die Kirche dar.“ Feynman kratzte sich am Kopf. „Also sind Sie gleichzeitig ein Teil davon und die Kirche ist ein Teil von Ihnen, richtig? Interessant. Wurde das schon einmal wissenschaftlich untersucht? Ich bin einfach nur neugierig.“

Rückborn hatte sich wieder etwas gefangen. „Was machen Sie alle hier in meinem Arbeitszimmer? Warum lassen Sie mich nicht in Ruhe arbeiten?“ – „Gentlemen“, sagte Feynman, „ich glaube wir sollten unserem Freund hier nicht weiter zur Last fallen. Er wird bestimmt seine Probleme alleine bewältigen können. Lassen Sie uns spazieren gehen. Dabei kann man am besten nachdenken. Das habe ich von meinem Vater. Er war Uniformverkäufer und ich habe sehr viel von ihm gelernt.“

Stantz, Spengler und Feynman verließen das Zimmer. Rückborn goss sich zur Beruhigung ein weiteres Glas Rotwein ein, zerknüllte das Blatt Papier und warf es in den Papierkorb. Dann legte er sich ein paar Kleenextücher bereit.

(11) Feynman trat mit Stantz und Spengler aus dem Haus.

Feynman trat mit Stantz und Spengler aus dem Haus. „Rückborns beste Tage sind vorbei. Keine Inspiration mehr. Nur noch Alkohol und Masturbation“, stellte Stantz fest. „Es ist sehr traurig, zu beobachten, wie er ständig in der gleichen Schleife festhängt“, fügte Spengler hinzu.

„Sehen Sie, meine Herren, wir müssen die Welt aus einem anderen Blickwinkel betrachten. Zum Beispiel: Was ist das für ein Ding auf Ihren Rücken?“ Stantz antwortete: „Das ist ein Protonen-Pack.“ Feynman blieb stehen und deutete auf das Pack. „Jetzt wissen wir also wie das Ding heißt, aber wir wissen noch nicht im Geringsten, wie es arbeitet.“ Stantz schaute ratlos zu Spengler, der sich schließlich räusperte und sagte: „Es ist ein tragbarer Teilchenbeschleuniger, der einen Strahl mit geladenen Teilchen ausstößt. Damit kann man Ektoplasma einfangen und festhalten.“ – „Schon besser“, Feynman lächelte und bohrte dann nach. „Aber wie hält es das Ektoplasma fest?“ – „Na gut, Professor“, antwortete Spengler, „der Protonenstrahl zerstreut die psychokinetische Energie, das heißt die Hülle, in der sich Geister bemerkbar machen und…“ – „Stopp, stopp, stopp“, Feynman wedelte mit den Händen. „Ektoplasma? Psychokinetische Energie? Gespensterhülle? Meine Herren, Sie benutzen eine Menge von Schlagwörtern, die wissenschaftlich klingen. Aber Sie gehen den Dingen nicht auf den Grund. Das mag vielleicht für die Gespensterjagd ausreichend sein, aber wir sind doch Wissenschaftler! Sie sind doch Wissenschaftler, nicht wahr?“ Stantz und Spengler nickten heftig. Stantz zeigte auf das Wort „Dr.“ auf seinem Namensschild an der Brust. „Sehr schön, Dr. Stantz. Wieder ein Wort, damit wir nichts zu erklären brauchen. Den Unterschied zwischen einfachem Wissen und wirklicher Kenntnis habe ich von meinem Vater gelernt. Einmal gingen wir im Park spazieren. ‚Siehst du den Hasen dort?‘, fragte er mich. ‚Auf Malaiisch heißt er ‚arnab‘, auf Finnisch ‚jänis‘, auf Albanisch ‚lepur‘ und auf Koreanisch ‚toki‘. Du kannst den Hasen in allen Sprachen der Welt benennen, aber am Ende weißt Du daraus nichts über ihn.‘ Das lernte ich von meinem Vater.“