(353) Wir hatten damals ja noch viel weniger Geld als später.

„Wir hatten damals ja noch viel weniger Geld als später“, begann sie. Eric hatte sie wieder einmal darum gebeten, ihm von früher zu erzählen. Manchmal tat Susanne das gern, denn es war immerhin eine Möglichkeit, ihre Talente im Geschichtenerzählen zu nutzen. Wahrscheinlich hatte sie selbst mehr Vergnügen dabei als Eric. Aber wenigstens war er ein guter Zuhörer und unterbrach sie nicht ständig.

„Bei unserer Hochzeitsreise sind wir mit dem Zug zum Rheinfall nach Schaffhausen gefahren. Und wir sind nur eine Nacht in einer kleinen Pension geblieben. Am nächsten Tag fuhren wir wieder zurück.“

Sie erinnerte sich, wie sie mit Heinzpeter von einer Aussichtsplattform auf die Gischt des Wasserfalls hinunterschaute. Sie hatte ein Gedicht von Mörike im Kopf, wusste aber schon damals, dass es keinen Sinn machte, Heinzpeters Geduld damit zu strapazieren. Er hatte sie im Arm gehalten, immerhin. Er redete nur, um sich über andere Touristen lustig zu machen oder um irgendwelchen Schwachsinn zu erzählen, bei dem sie für sich mit den Augen rollte.

Kurz nach der Hochzeitsreise hatten sie den großen Streit gehabt. Er erklärte ihr, dass er nicht damit einverstanden sei, dass sie arbeitete. Heute hätte sie sich auf keinen Fall darauf eingelassen. Damals war sie noch jung und war sich der Tragweite des Moments nicht bewusst. Sie hatte geglaubt, dass es nur vorübergehend sein würde und sie bald wieder arbeiten konnte.

Dann aber war sie mit Eric schwanger geworden. Heinzpeter hatte sich darüber gefreut und sie hatte gedacht, dass jetzt alles besser werden würde. Ein weiterer Fehler von ihr. Als Kind war Eric bereits sehr schwierig gewesen und verlangte ständig nach seiner Mutter. Sie konnte nicht anders, als sich um ihn zu kümmern. Eigentlich war Eric auch heute noch schwierig und auf sie angewiesen.

(354) Silke Hasecke und Marina Steiger waren fertig in der Maske…

Silke Hasecke und Marina Steiger waren fertig in der Maske und saßen jetzt in den Kulissen für die neue Szene, einem nachgebauten Friseursalon. Sie trugen bereits Lockenwickler in den Haaren und über ihnen schwebten die Trockenhauben.

Helge Baus, der Regisseur, hatte sich einen Stuhl herangezogen und saß vor ihnen. „Silke, in dieser Szene soll schon im Ansatz der Frust von Susanne Sturm zu spüren sein. Sie erzählt ihrer Freundin von der gerade zu Ende gegangenen Hochzeitsreise. Man merkt, dass diese Frau mit ihrem Ehemann nicht mehr glücklich wird.“ – „Das verstehe ich, Helge“, antwortete sie, „aber warum lässt sich diese Frau das gefallen, mit all ihrer Intelligenz? Sie macht sich selbst unglücklich und zieht ein Monster heran… Warum tut sie das?“

Helge dachte nach. „Ich weiß nicht warum, aber so war es. Eric Sturm ist irgendwie durch sie zum Serienmörder geworden. Spiel es so, wie du es spürst. Dann sehen wir weiter.“

Als er weg war, meinte Marina leise: „So ein Bullshit. Hat keine Ahnung. Kein Wunder, dass er schon drei Mal geschieden ist.“ – „Wie würdest du Susanne Sturm anlegen?“ – „Da kann ich dir nicht helfen“, entgegnete Marina. „Ich glaube aber, dass diese Frau vielleicht die Intelligenz hatte, ihr Leben anders zu gestalten. Es wurde aber von ihrer Umwelt weder gewünscht noch toleriert. Was hätte sie denn machen sollen? Wenn es der Typ nicht gewesen wäre, dann halt ein anderer, vergleichbarer. Heute hätte sie mehr Möglichkeiten gehabt.“ Silke lehnte sich zurück im Sessel. „Ich mach’s so, wie Helge gesagt hat. Mal schauen, wie es rauskommt. Mein Gott, es ist ein TV Movie. Sowas versendet sich. Hast du Lust, dir nachher eine Linie reinzuziehen?“ – „Danke“, Marina klopfte sich mit dem Finger gegen die Nasenspitze, „ich habe schon. Meine Szenen kommen dann viel besser.“

(355) Was ist los, warum die Eile?

„Was ist los, warum die Eile?“ Marina setzte sich zu Maxim Wolter an den Tisch. Er war ihr Agent und hatte am Telefon gesagt, dass sie sich sofort treffen müssten. Als die Kellnerin weg war, schaute er um sich und legte dann ein Foto auf den Tisch.

Marina musste schlucken. Es war eine Nacktaufnahme von ihr. Sie versuchte zu lächeln. „Ich war jung und brauchte das Geld“, sagte sie. „Das ist die FSK-12-Version. Es gibt auch noch die XXX-Fassung. Und die hat eine gewisse Zeitung, die das Übermorgen veröffentlichen will.“ Marina wurde bleich. „Du musst das verhindern, Maxim!“ Sie wollte nach dem Foto greifen und stieß dabei das halbleere Wasserglas um. Maxim legte eine Papierserviette auf die Lache.

„Das ist schwierig, es sind ja quasi Pressefotos dieser Pornoproduktion.“ – „Soft…porno“, korrigierte sie ihn. „Hör mal, das ist auch eine Chance für dich. Wir können etwas daraus machen. Das bekommt sehr viel Presseaufmerksamkeit.“ Sie war entsetzt. „Auf keinen Fall, niemals. Ich will damit nichts mehr zu tun haben.“ Maxim legte seine Hand auf ihre zitternden Hände. „Marina, sie werden die Fotos veröffentlichen, so oder so. Wir können uns nur überlegen, ob wir in die Offensive gehen wollen und es für unsere Zwecke nutzen. Oder ob du für ein paar Wochen ganz weit weg Urlaub machen möchtest.“ Sie folgte der Holzmaserung des Tisches mit ihrem rechten Zeigefinger.

„Wenn dir deine Karriere wichtig ist, dann musst du mir vertrauen, dass ich das Beste daraus mache. Aber ich kann es nicht ungeschehen machen.“ Sie nickte, er hatte Recht. „Wie viele Filme waren es?“ – „Nur einer.“ – „Sie haben mir gesagt, der Film hieß ‚Junge Mösen – Harte Schwänze‘, stimmt das?“ Marina vergrub den Kopf in ihren Armen. „Ich glaube, den Titel werden sie nicht veröffentlichen. Ich werde auf jeden Fall mein Bestes tun, damit es nicht passiert.“

Maxim legte den Arm um Marina. „Du musst da durch und ich verspreche dir, dass du nachher besser und stärker da stehst als vorher. Ich treffe die Jungs morgen früh, wir diskutieren dann, was veröffentlicht wird. Ich rufe dich sofort an, wenn ich Näheres weiß. Und mach keinen Blödsinn. Ich pass auf dich auf.“

(356) Für den Rest des Tages war Marina unkonzentriert gewesen…

Für den Rest des Tages war Marina unkonzentriert gewesen und hatte ihre Mitspieler fast in den Wahnsinn getrieben. Abends ging sie zur Party eines Produzenten. Zuhause hätte sie es nicht ausgehalten. Die meisten der Anwesenden kannte sie aus Film und Fernsehen.

Ein älterer, gepflegter Mann, den sie noch nie zuvor gesehen hatte, war im Gespräch mit dem Gastgeber. Sie fragte eine andere Schauspielerin, wer das sei. „Ossian Rogge“, kam die geflüsterte Antwort. Marina hatte viel über Rogge gelesen und gehört, hatte ihn aber noch nie persönlich getroffen. Rogge eine schillernde Persönlichkeit zu nennen, wäre eine Untertreibung gewesen. Er war das Bindeglied zwischen der Unterwelt und der Welt der Medien, Mäzene und Spendengalas. Immer wieder ermittelte die Staatsanwaltschaft gegen ihn, aber nie waren die Anschuldigungen zu beweisen. Marina überlegte kurz und fasste sich ein Herz.

Sie ging in Rogges Richtung, wurde aber fünf Schritte vorher von einem kompakten, kahlgeschorenen Mann im schwarzen Anzug aufgehalten. Rogge hatte sie bereits bemerkt und sprach: „Fritz, das ist ok.“ Zu ihr gewandt: „Entschuldigen Sie, er möchte nur spielen. Sie sind Marina Steiger, nicht wahr?“

Marina spürte, wie ihr Gesicht warm wurde und nickte erfreut. „Sie haben eine große Karriere vor sich, Marina Steiger. Darf ich Ihnen ein Glas Champagner anbieten?“ Fritz reichte ein Glas an Rogge, der es Marina übergab. Sie stießen an. Martina machte ein ernstes Gesicht: „Ich habe ein Problem, Herr Rogge.“ – „Nennen Sie mich Ossian. Ein Problem, sagen Sie? Machen Sie mir die Freude und lassen Sie mich es für Sie lösen.“

Sie erzählte ihm in aller Offenheit von den Fotos und der Zeitungsstory. Er hörte aufmerksam zu und nickte. Dann streckte er die Hand aus. Fritz griff in die Innentasche seines Sakkos und gab Rogge ein Mobiltelefon. Rogge wählte eine Nummer und ging zwei Schritte abseits.

Marina beobachtete, wie er freundlich ins Telefon sprach, zuhörte, sprach, zuhörte und das Telefon wieder zuklappte. Er kam zu ihr zurück. „Die Story wurde soeben beerdigt“, erklärte er, „und die Aufnahmen haben sich gerade alle in Luft aufgelöst.“

Es war Marina, als ob sie von der Erde abgehoben hätte und mit Rogge gemeinsam zu den Sternen flog. „Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Vielen Dank“, stammelte sie. „Nichts zu danken“, antwortete Ossian, „es wird der Moment kommen, wenn auch Sie mir helfen können. Gefallen gegen Gefallen.“

(357) Rafael Stang schaute durch den Türspion auf den Bürgersteig.

Rafael Stang schaute durch den Türspion auf den Bürgersteig. Die Demonstranten standen immer noch vor seinem Tabledance-Lokal. Zwischen den beiden Straßenlaternen rechts und links hatten sie ein Banner gespannt: ‚Du sollst deine Tochter nicht zur Hurerei anhalten, dass nicht das Land Hurerei treibe und werde voll Schandtat (3. Moses 19:29)‘. Normalerweise hätte das ‚Diamond Nipple Saloon‘ seit einer Stunde geöffnet und mittlerweile hätte ein Dutzend Gäste den Verrenkungen einer Tänzerin zugeschaut.

So aber traute sich kein Kunde herein. Er hatte bereits versucht, mit dem Anführer der wütenden Christen zu reden. Der war sehr höflich gewesen, hatte sich sogar vorgestellt („Karsten Schiffner, angenehm“), war aber nicht bereit gewesen, die Demonstration abzubrechen. Stang hatte gehofft, dass die Demonstranten irgendwann aufgeben würden, danach sah es aber nicht aus. In jeder weiteren Minute würde er immer mehr Umsatz verlieren.

„Was ist jetzt?“, fragte ihn Ramona, die im Bademantel hinter ihm an einem Tisch saß. „Läuft heute noch was oder kann ich mich wieder anziehen? Dann gehe ich nach Hause und packe für meinen Urlaub.“

Stang war unsicher. Er agierte zwar als Geschäftsführer, war aber auch nur Angestellter und zudem war es das erste Mal, dass er diese Verantwortung trug. Er nahm sein Mobiltelefon und wählte eine Nummer.

„Fritz, ich habe ein Problem.“ Er erläuterte die Situation und bat um Instruktionen. Fritz sagte ihm, er solle einen Augenblick warten. Die Leitung war einen Moment tot, dann war Fritz wieder dran. „Der Chef sagt, ich zitiere: ‚Deal with it‘. Alles klar?“ Dann legte er auf.

Stang dachte kurz nach und erklärte dann: „Ich rufe jetzt die Polizei. Soll ich die Typen etwa mit einem Baseballschläger zusammenkloppen?“ Ramona stand auf. „Das mach mal. Ich lege keinen Wert darauf, den Herren in Tracht zu begegnen. In einer Viertelstunde kommen eh‘ zwei weitere Mädels. Du kommst ohne mich klar.“ Stang zuckte die Schultern und wählte den Notruf. Ramona ging in die Garderobe.

(358) Die alte Dame bestellte einen Rotwein bei der Flugbegleiterin.

Die alte Dame bestellte einen Rotwein bei der Flugbegleiterin. Als sie den ersten Schluck getrunken hatte, sagte sie zwinkernd zu Ramona, die neben ihr saß: „Das ist gut für meine Gefäße.“ – „Bestimmt“, meinte Ramona, „außerdem wärmt es die Seele.“

Sie kamen ins Gespräch. Gertraud Helms, so hieß die Dame, war eine echte Globetrotterin. Sie war gerade auf ihrer dritten Weltreise und meinte traurig: „Wahrscheinlich auch meine letzte. Ich wollte, ich wäre noch so jung wie Sie. Ihr jungen Dinger habt ja heute viel mehr Freiheiten als wir damals. Das würde ich richtig ausnutzen.“

Frau Helms hatte nie geheiratet und das Erbe ihrer Eltern war sehr großzügig gewesen. „Ich hatte das Glück, nie arbeiten zu müssen“, erklärte sie. „Aber ich war nie untätig. Ich habe halt nur das gemacht, was mir gefiel. Ramona, womit beschäftigen Sie sich, wenn ich fragen darf?“ Ramona druckste herum, redete von einem Tanzlokal, in dem sie auftrat. Frau Helms unterbrach sie und fragte: „Striptease oder Tabledance?“ – „Tabledance“, bestätigte Ramona erleichtert und beide mussten lachen. „Ich bin ja nicht von gestern“, fügte Frau Helms hinzu. „Habe ich vor ein paar Monaten in Las Vegas gesehen, im Luxor. Das meinte ich vorhin: Es gibt heute viel mehr Freiheiten. Ich glaube, das hätte ich auch mal gerne ausprobiert.“

Ramona entgegnete, dass es auch heute viele Einschränkungen gäbe und erzählte von ihren Erlebnissen vom Vortag. „Ja, meine Liebe“, bestätigte Frau Helms, „es gibt viel Intoleranz und Fanatismus in der Welt. Und oft gerade da, wo man es nicht vermutet. Wenn es Sie interessiert, werde ich Ihnen eine Episode aus meinem Leben erzählen.“

(359) Als Frau Helms jünger war, lernte sie einen Mann kennen…

Als Frau Helms jünger war, lernte sie einen Mann kennen, in den sie sich Hals über Kopf verliebte. Er hatte für sie die richtige Mischung aus Intelligenz, gutem Aussehen, Witz und männlichem Tatendrang.

„Elmar war ein Mann, wie es ihn nur sehr selten gibt. Ich hatte das Glück, sechs Monate mit ihm zu verbringen.“ – „Was geschah dann?“, fragte Ramona.

Elmar war in vielerlei Hinsicht perfekt, aber er hatte einen entscheidenden Makel: Wenn man es richtig anstellte, war er leicht zu beeinflussen.

„Ich habe versucht, ihn davor zu bewahren, aber gegen die Rituale und Symbole der Nazis konnte ich nichts ausrichten. Er hatte alles und fühlte sich doch hingezogen zu denen, die nichts von all dem hatten. Innerhalb von kurzer Zeit war er selbst zu einem unbeirrbaren Nazi geworden. Er meldete sich freiwillig zur Waffen-SS und wurde nach Russland abkommandiert.“

Er hatte ihr noch ein paar Mal geschrieben, aber sie hatte ihm nicht mehr geantwortet. Ein Jahr später verließ Gertraud Helms Deutschland und reiste zuerst nach Südfrankreich und dann in die Vereinigten Staaten. Nach dem Krieg kehrte sie nach Deutschland zurück, allerdings nie für lange Zeit. Einen Augenblick hatte sie erwogen, Nachforschungen nach Elmar anzustellen.

„Ich habe aber nichts unternommen. Ich hatte damit abgeschlossen, glaubte ich. Eines Tages aber stand er vor meiner Tür. Er war aus der russischen Gefangenschaft entlassen worden und sah jämmerlich aus. Elmar hatte sein Leben retten können, aber alles andere hatte er verloren.“ Gertraud Helms trank einen Schluck Rotwein und zog die Decke höher.

„Er war stumpf, hässlich und ich empfand nur Verachtung für ihn. Er war der einzige, den ich wirklich an mich herangelassen hatte und er hatte mich unendlich schwer enttäuscht. Fanatismus, wofür auch immer, ist eine Krankheit, die alles auffrisst. Am Ende auch den, der durch sie lebt.“

(360) Elmar Lang verspürte einen Stich im Herzen.

Elmar Lang verspürte einen Stich im Herzen. Er erkannte den Greis, der im Café Zeitung las. Er ging ein paar Schritte zurück, um den Mann am Fenster genauer zu studieren. Kein Zweifel, es war SS-Obergruppenführer Dietrich Appel.

Lang sah ihn vor sich, wie er aufrecht neben der Kompagnie stand und immer wieder den Schießbefehl gab. Lang wusste nicht, wie viele der Tausende von Opfern er selbst an dem Tag und dem folgenden umgebracht hatte. Diese beiden Tage hatten sein Leben verändert. Noch heute schreckte er oft in der Nacht hoch, weil er wieder davon geträumt hatte.

Nach dem Krieg war Appel als einer der Haupttäter gesucht worden, aber er war untergetaucht. Nun saß er hier am Fenster. Lang wartete, bis Appel aus dem Lokal kam. Trotz seines Alters war er sehr rüstig und Lang hatte Mühe, ihm zu folgen. Appel verschwand in einem schönen bürgerlichen Haus in einer ruhigen Nebenstraße. Theodor-Spiller-Straße 257. Lang studierte die Namensschilder neben den Klingelknöpfen. Die Namen sagten ihm nichts. Als eine Frau mit Einkaufstaschen die Haustür öffnete, fragte er sie nach dem älteren, rüstigen Herr, der hier wohnte. Sie seien befreundet, aber der Name sei ihm entfallen. „Alzheimer“, fügte er bedauernd hinzu.

Die Frau war sehr freundlich und hilfsbereit: „Sie meinen gewiss Herrn Hafenberg. So ein lieber Nachbar. Wollen Sie mit reinkommen?“ Lang bedankte sich und sagte, er habe vorher noch einen Arzttermin.

Die Episode hatte Lang aufgewühlt. Während er im Elend lebte, führte Appel weiterhin ein schönes Leben. Je länger er darüber nachdachte, desto wütender wurde er. Zuhause schrieb er einen Brief an den Staatsanwalt, in dem er Details zum Massaker und zur Rolle von Appel angab. Darunter schrieb er den neuen Namen von Appel sowie dessen Adresse. Zuerst zögerte er, dann setzte er seinen eigenen Namen unter das Schreiben. Er ging aus dem Haus und warf den Umschlag in den Briefkasten gegenüber.

Ein paar Stunden später, draußen dämmerte es bereits, wachte Lang schweißnass auf, hyperventilierte und musste erst einmal eine Tablette nehmen, um sich zu beruhigen. Dabei dachte er nach.

Schließlich zog er sich an und kehrte zurück zu dem Briefkasten. Er nahm ein Stofftaschentuch, das er vorher mit Feuerzeugbenzin getränkt hatte und stopfte es in den Briefkasten, so dass nur noch ein Zipfel herausschaute. Er blickte sich um und zündete den Zipfel an. Als er überzeugt war, dass das Taschentuch brannte, ging er wieder nach Hause.

(1) Von oben betrachtet schien die Fläche zu leuchten.

Von oben betrachtet schien die Fläche zu leuchten. Feucht-glänzend und von Rissen durchzogen reflektierte sie das Licht, das auf sie fiel. Nur ein kleiner dunkler Fleck war darauf zu erkennen. Bert schaute genauer hin. Fast sah es aus, als ob eine dunkel gekleidete Gestalt den Abhang hinunterlief. Es klackerte, als er seinen Blickwinkel veränderte.

Ja, es schien eine Person zu sein, die in einen dunklen, wallenden Umhang gehüllt war. Sie erinnerte Bert an Bilder, auf denen der Schwarze Tod dargestellt war. Der Kapuzenmann mit der Sense in der einen und der Sanduhr in der anderen knochigen Hand. Der Schnitter Tod. Er war schon sehr erfolgreich gewesen, denn rundherum wuchs nichts mehr. Es gab nur mehr eine durchgehende kahle Eisfläche. Der Sensenmann würde sich ein neues Aktionsgebiet suchen müssen. Bert dachte wieder an die Untersuchung, vor der er geflüchtet war. Genauso gut hätten sie ihm anstatt des Schlauchs auch eine Sense in den Hintern schieben können.

Eine Welle schwappte über den Eisbrocken und brachte ihn zum Klickern. Die Gestalt veränderte sich. Zuerst eine hochgewachsene Frau mit einer Krone, dann eine verhutzelte Figur mit einem Hut. Bert erkannte in ihr die böse Stiefmutter aus Schneewittchen. Mit dem vergifteten Apfel kam sie den siebten Berg herunter zu den sieben Zwergen.

Bert dachte daran, dass er auch heute keinen Apfel gegessen hatte. Er schwenkte sein Glas mit dem Gin Tonic noch einmal und nippte daran. Er musste ein wenig suchen, dann fand er die Unreinheit im Eiswürfel wieder. Jetzt erinnerte ihn der Fleck an Catweazle. Unterwegs mit seiner Kröte Kühlwalda, um wieder in seine eigene Zeit zurückzukehren. Salmei, Dalmei, Adonei. Wenn Zaubersprüche helfen könnten. Abrakadabra und alles wäre in Ordnung. Bert starrte ins Glas und sah, dass der schwarze Einschluss sich aus dem schmelzenden Würfel gelöst hatte und im Glas herumschwamm. Angeekelt stellte er das Glas hin und schaute sich im Zimmer um. Es war nur noch eine Gruppe von drei Rentnern verblieben. Zwei Frauen, die sich angeregt unterhielten, während der Mann aus dem Fenster schaute. Gerade in dem Augenblick kam seine Mutter ins Zimmer, neben ihr eine Frau, die wesentlich jünger schien als sie. Die andere Frau hatte einen frischeren Gesichtsausdruck, kaum Runzeln. Mit einem Strahlen in den Augen schaute sie Bert an, als ob sie ihn wiedererkannte und darauf wartete, dass beim ihm der Groschen fiel. Die Frau kam Bert zwar irgendwie bekannt vor, aber er wusste nicht woher.