(343) Mit größter Sorgfalt drehte Gottlieb Hinz den Deckel wieder auf die Thermoskanne…

Mit größter Sorgfalt drehte Gottlieb Hinz den Deckel wieder auf die Thermoskanne, nachdem er daraus Tee getrunken hatte. Er setzte das Nachtsichtgerät an und suchte von seinem Hochsitz den Waldrand auf der anderen Seite ab. Plötzlich sah er zwei helle Punkte aus dem Unterholz leuchten. Der Hirsch war wieder da!

Vor zwei Wochen hatte er ihn an dieser Stelle gesehen, aber keinen Schuss auf ihn abgeben können. Seither war Hinz, wann immer es ging, zu dem Hochsitz zurückgekehrt und hatte auf diesen Moment gewartet. Jetzt hatte er vielleicht eine Chance. Die hellen Punkte näherten sich dem Waldrand.

‚Komm raus‘, dachte er. In den Umrissen der dürren Äste glaubte er das Geweih ausmachen zu können. Langsam setzte er das Fernglas ab und nahm das Jagdgewehr in die Hand, legte den Lauf auf die Bretterwand des Hochsitzes und entsicherte die Waffe. Durch das Zielfernrohr hatte er die Umrisse des Hirschen nach einigem Suchen wieder gefunden. Das Tier schien schließlich heraus zu kommen. Hinz hielt den Atem an und krümmte den Finger auf dem Abzug. Erst als er den Druckpunkt bereits überschritten hatte, erkannte er, dass es eine Hirschkuh war, die aus dem Dickicht herausgetreten war. Irgendetwas musste sie aber gewarnt haben, denn sie zog sich blitzschnell zurück und die Kugel verfehlte sie. In dem Dunkel des Unterholzes hatte der Jäger aber den Eindruck, dass er etwas anderes getroffen hatte.

Hinz kletterte vom Hochsitz herunter und eilte zu der Stelle. Er fand ein Hirschkalb, das er angeschossen hatte. Sein Hinterlauf war getroffen und es konnte nicht mehr laufen. Zitternd lag es da. Hinz wollte ihm schon den Gnadenschuss geben. Dann dachte er, dass seine Tochter Heidi das Jungtier bestimmt gern pflegen würde. Er nahm seine Jacke, wickelte sie um das Tier und trug es in seinen Wagen, wo er es auf den Beifahrersitz bettete.

Auf der Fahrt nach Hause befreite sich das Hirschkalb unerwartet aus der Jacke, in die es eingeschnürt war. Es sprang Hinz an, der als Reaktion darauf das Steuer herumriss und frontal gegen einen Brückenpfeiler prallte. Der Jäger und das Hirschkalb starben noch am Unfallort.

(344) Elisabeth Hinz ergriff das Papiertaschentuch, das Edwin Kolb ihr entgegenhielt und schnäuzte sich.

Elisabeth Hinz ergriff das Papiertaschentuch, das Edwin Kolb ihr entgegenhielt und schnäuzte sich. Heidi saß neben ihr und langweilte sich. Ihre Mutter hatte ihr erzählt, dass Vati tot sei, so wie die Hasen, Wildschweine und Rehe, die er mit nach Hause brachte. Heidi hatte gefragt, ob sie Vater jetzt essen würden. Darauf hatte die Mutter sie geohrfeigt und Heidi hatte sie danach ignoriert.

Edwin Kolb, ein älterer Herr in dunklem Anzug mit weißem Einstecktuch, räusperte sich. „Wenn Sie einverstanden sind, würde ich Ihnen die Qual der Wahl gerne abnehmen und Ihnen ein Gesamtangebot für eine würdige Zeremonie unterbreiten. Etwas, das Ihren finanziellen Rahmen nicht sprengt, aber dennoch von Ihrer großen Liebe und Ihrem Respekt vor dem Verstorbenen zeugt.“ Frau Hinz nickte. „Was soll nur aus uns werden?“, fragte sie und schaute Heidi an, die sofort wegschaute.

Herr Kolb räusperte sich noch einmal. „Haben Sie denn besondere Vorstellungen zu den musikalischen Arrangements?“ – „Jägermusik“, antwortete sie. Kolb nickte und notierte. „Und… ich weiß nicht, wie ich es sagen soll?“ – „Reden Sie frei heraus, Frau Hinz, ich bin seit fast fünfzig Jahren im Beruf.“ – „Es würde meinem Mann viel bedeuten. Könnten Sie dafür sorgen, dass das Hirschkalb, das im Wagen war, mit ihm in den Sarg gelegt wird?“

Kolb stierte sie mit großen Augen hinter seiner vergoldeten Brille an und senkte den Notizblock. „Das werde ich auf keinen Fall zulassen“, presste er heraus. „Nicht als Bestatter und vor allem nicht als gläubiger und praktizierender Christ. Wie soll das denn aussehen beim Jüngsten Gericht, wenn alle auferstehen und es kommt heraus, dass Ihr Mann beim Tiere gelegen hat? Frau Hinz, ich werde jetzt so tun, als ob Sie diese Frage niemals gestellt haben.“ Frau Hinz ließ den Kopf zwischen den Schultern hängen. Versöhnlich fügte Kolb hinzu: „Mein Sohn wird sich um Ihren Verstorbenen kümmern. Er wird in den besten Händen sein.“

(345) Frau Zisch arbeitete seit fünf Jahren für das Bestattungsunternehmen Kolb.

Frau Zisch arbeitete seit fünf Jahren für das Bestattungsunternehmen Kolb. Als sie anfing, wollte der alte Herr Kolb eigentlich in den Ruhestand gehen und sie sollte seinem Sohn Eduard, der den Betrieb übernehmen wollte, zur Hand gehen. Allerdings hatte Edwin Kolb seine Meinung bald darauf wieder geändert und ließ seinen mittlerweile vierzigjährigen Sohn weiterhin im Unklaren, wann er sich zurückziehen wollte. Seine Standardsprüche waren „So eine billige Arbeitskraft wie mich findest du nimmermehr“ und „Du bist doch schon Geschäftsführer und es gehört alles der Familie“.

Gabi Zisch wusch und kleidete die Leichen ein. Herrichtungsarbeiten nahm Eduard Kolb vor. Vor fünf Jahren war Herr Kolb sen. wieder einmal sehr unangenehm zu seinem Sohn gewesen und Eduard war zu ihr in den Keller gekommen. Er sah ihr zu, wie sie eine junge Frau herrichtete. Es war ihre 313. Leiche gewesen, seit sie bei der Firma Kolb arbeitete. Nachdem sie fertig war und sich die Hände gewaschen hatte, hatte Eduard sie recht unbeholfen auf den Mund geküsst. Sie war erschrocken gewesen, er ebenso. In seiner verklemmten Art hatte sie ihn irgendwie süß gefunden und hatte ihn zurück geküsst.

Als allein erziehende Mutter und Leichenwäscherin obendrein war Gabi Zischs Erfolg bei Männern eingeschränkt. Seit dem ersten Kuss hatten sie und Eduard, wenn es sich ergab, zwei- bis drei Mal in der Woche Sex im Sarglager. Sie hatten sich dafür einen Sarg hergerichtet, der eigentlich für schwer übergewichtige Leichen vorgesehen war. Eduard hatte große Angst, dass sein Vater dahinter kommen könnte, deshalb wollte er sie auch nie in das Wohnhaus mitnehmen, in dem er mit seinem Vater lebte.

Frau Zisch hatte die vage Hoffnung, dass Eduard sie nach dem Ableben seines Vaters heiraten würde. Einmal hatte sie in einem Alptraum Herrn Kolb sen. auf dem Behandlungstisch gehabt und während sie mit einem Schwamm seinen Oberkörper wusch, hatte er die Augen geöffnet und geschrien: „Es gehört alles der Familie!“

(346) Helga Linge putzte das Fenster in ihrem Schlafzimmer.

Helga Linge putzte das Fenster in ihrem Schlafzimmer. Als sie die Außenseite fertig hatte, schloss sie das Fenster und kontrollierte ihre Arbeit von innen. Ein paar Streifen fielen ihr noch auf. Sie wollte gerade das Fenster noch einmal öffnen, als sie auf das Lagerhaus auf der anderen Seite ihres Gartens blickte. Es gab dort ein großes Fenster, durch das man sonst wegen einer Jalousie nicht hineinschauen konnte. Jetzt war die Jalousie offenbar hochgezogen. Dahinter sah Helga Möbel und zwei Personen. Genau konnte sie es wegen der Entfernung aber nicht erkennen.

Sie ging zu Haralds Kleiderschrank und nahm seine Spiegelreflexkamera mit starkem Zoomobjektiv heraus. Harald war begeisterter Vogelbeobachter und manchmal ganze Wochenenden unterwegs.

Sicherheitshalber zog Helga die Vorhänge fast ganz zu und legte die Kamera an. Jetzt konnte sie einen Mann und eine Frau hinter dem Fenster erkennen. Die Möbel waren in Wirklichkeit Särge. Sie zoomte näher heran und stellte fest, dass die Frau den Mann oral befriedigte. Helga stockte der Atem. Dann zog die Frau sich aus und der Mann ebenso. Sie stiegen in einen Sarg und hatten Sex miteinander.

In ihrer Aufregung betätigte Frau Linge den Auslöser der Kamera. ‚Das ist nicht gut‘, dachte sie sofort. Zum einen würde Harald merken, dass sie seine Kamera benutzt hatte – das würde ihm nicht passen. Zum anderen hatte es auch den Anschein, als ob sie ihre Nachbarn ausspionierte. Sie musste das Bild auf jeden Fall löschen.

Helga wechselte in den Abspielmodus der Kamera und hatte das inkriminierende Foto gleich als erstes auf dem Display. Sie drückte die Taste mit dem Papierkorb-Zeichen und bestätigte die Löschung. Das Foto, das dann in dem Display erschien, war das einer anderen nackten Frau. Helga war verwirrt. Sie zoomte hinein und dabei fiel ihr die Kamera vor Schrecken fast aus der Hand.

Sie sah ein Foto von Elke Bahr, der Nachbarin von gegenüber, allerdings nackt. Frau Bahr schien einen durchtrainierten Körper zu haben, registrierte Helga. Vor allem aber bedeutete es, dass Harald voyeuristische Fotos von der Frau gegenüber gemacht hatte. Das fand Helga in mehrerlei Hinsicht falsch. Sie setzte sich aufs Bett, um zu überlegen, was zu tun sei. Haralds Vogelbeobachtungshobby schien ihr plötzlich sehr suspekt. Was geschah eigentlich, wenn er ganze Wochenenden mit anderen ‚Vogelfreunden‘ verbrachte?

(347) Dittmar Bahr öffnete den Briefkasten und entnahm drei Umschläge.

Dittmar Bahr öffnete den Briefkasten und entnahm drei Umschläge. Einer davon kam von einer Versandhandelsfirma, bei der seine Frau Elke öfters bestellte. Wahrscheinlich eine Mahnung. Eine Rechnung der Stadtwerke. Der dritte Brief war handschriftlich an ihn persönlich adressiert. Interessiert öffnet er ihn.

Im Innern fand er ein Foto. Als er den Abzug richtig herum drehte, erkannte er darauf seine Frau, nackt in ihrem Badezimmer. Ihm wurde ganz heiß. Er untersuchte den Umschlag genauer – es gab keinen Absender, die Adresse war in Druckbuchstaben geschrieben. Dittmar Bahr nahm das Foto wieder in die Hand und versuchte sich vorzustellen, von wo aus das Foto geschossen worden war. Es musste von gegenüber, vom Haus der Linges aus aufgenommen sein, wahrscheinlich erster Stock. Er schaute durch das Fenster nach drüben und verglich mit dem Foto. So musste es sein. Mittlerweile war er sehr zornig geworden. Er sah Harald Linge vor sich, der jedes Mal freundlich winkte, wenn er Dittmar Bahr vor dem Haus begegnete. Bahr stellte sich vor, wie Linge aus einem abgedunkelten Zimmer zu Elke herüber glotzte. Er lauerte darauf, dass sie ins Badezimmer ging, um dann schamlos Fotos zu schießen mit einer Kamera, die über ein enorm langes Teleobjektiv verfügen musste. Bahr zerknüllte den Briefumschlag und schmiss ihn in die Ecke. Vielleicht wusste Elke sogar davon und genoss es gar. Sein Herz raste und es war ihm so, als ob er in seinen Ohren nur noch sein eigenes Herz hörte.

Bahr öffnete die Haustür und lief in zügigem Schritt zur Straße, schaute links und rechts, überquerte sie, bog in die Garagenauffahrt der Linges ein und schritt weiter zur Haustür. Es fühlte sich an, als ob er keine Luft mehr bekam. Er sammelte sich kurz und klingelte. Ein Schatten kam von innen auf die Tür zu. Bahrs Blick verengte sich, er fokussierte nur auf Augenhöhe auf den Spalt, den die Tür bald mit dem Rahmen bilden würde. Jetzt, die Tür öffnete sich. Er sah den Kopf von Harald Linge, der irgendetwas zu sagen schien. Seine Lippen öffneten und schlossen sich, aber Bahr hörte nur sein Herz klopfen. Plötzlich tauchte eine Faust in seinem Blickfeld auf. Es war seine eigene und sie traf Linge mitten auf dem Mund. Dann noch einmal auf das rechte Auge.

Linge ging zu Boden und Bahr kehrte zurück in sein Haus. In ein paar Minuten würde er sich fragen, wie er mit Elke umgehen sollte.

(348) Diana legte das Buch mit den ‚Pikanten Voyeurgeschichten‘ bäuchlings auf das Sofakissen…

Diana legte das Buch mit den ‚Pikanten Voyeurgeschichten‘ bäuchlings auf das Sofakissen und streckte den Arm nach der Glasschale auf dem Tisch aus. Sie griff hinein und fischte eine Haselnusspraline heraus, die sie genüsslich auspackte und in den Mund steckte. Die Bestrafung des ‚Vogelbeobachters‘ hatte ihr gefallen. Sie empfand es als befriedigend, dass die Strafe, zumindest in dieser Geschichte, der Tat kurz auf dem Fuß folgte. Dann fiel ihr ein, dass die Frau des Voyeurs die Tat ja nur entdeckt hatte, weil sie selbst die Nachbarn ausspionierte. Allerdings, dachte Diana, lag der Fall hier anders. Immerhin wusste Frau Linge nicht, was in dem Lager vor sich ging und nutzte die Kamera quasi nur als Sehhilfe. Der Badezimmervoyeur hingegen hatte seinem Opfer aufgelauert und es aus dem Hinterhalt fotografiert. Sie überlegte, ob man sie auch im Bad oder im Schlafzimmer beobachten konnte. Tagsüber war das unwahrscheinlich, aber abends, wenn es draußen dunkel war und sie Licht anhatte, war das nicht ausgeschlossen. Sie nahm sich vor, künftig besser darauf zu achten.

Das Buch hatte sie sich eigentlich nur gekauft wegen der Umschlagsillustration: Ein Mann im Frack küsste leidenschaftlich eine Frau im Abendkleid und draußen vor dem französischen Fenster versteckte sich ein anderer Mann im Frack und schaute ihnen wie gebannt zu. Der Mann draußen hatte sie an ihren Onkel Egbert erinnert, der oft zu Besuch kam, als sie noch ein Kind war. Er war immer sehr lustig gewesen und sie hatte es schade gefunden, dass ihre Eltern mit Onkel Egbert irgendwann Streit bekommen hatten und er nicht mehr zurückkehrte. Sie bedauerte, nie gefragt zu haben, was damals eigentlich vorgefallen war. Jetzt war es zu spät, sie würde es nie mehr erfahren. Sie drehte das Buch wieder um und las die nächste Geschichte.

(349) Die Autofenster waren bereits beschlagen.

Die Autofenster waren bereits beschlagen. Raul hatte Hedda auf den flachgelegten Sitz gedrückt und küsste sie leidenschaftlich. Mit einer Hand stützte er sich an der Kopfstütze ab, mit der anderen streichelte er die Innenseite ihrer Oberschenkel. Sie stöhnte leise.

Dann zuckte Raul zusammen. Er glaubte, dass draußen, neben dem Auto, ein Zweig geknackt hatte. Er versuchte durch das Fenster nach draußen zu sehen, aber es war stockdunkel. „Was ist?“, flüsterte Hedda. „Nichts“, antwortete er und küsste sie, bevor sie ein weiteres Wort sagen konnte.

Innerlich fluchte Dieter Selfried, denn er hatte den Zweig eigentlich bemerkt. Allerdings hatte er sich so sehr nach links gebeugt, um an der B-Säule des Autos vorbei zu sehen, dass er das Gleichgewicht fast verloren hatte und dabei war er auf den Zweig getreten. Sie hatten ihn nicht bemerkt. Das war auch nicht verwunderlich, denn er war vollständig in matte schwarze Kleidung gehüllt. Sogar das Gesicht hatte er sich mit schwarzer Tarnschminke eingeschmiert.

So geschützt stand er nur einen Meter vom Wagen entfernt und beobachtete Raul und Hedda. Selfried kannte mehrere Orte im Park, wohin Liebespaare im Auto hinfuhren. Manchmal verbrachte er mehrere Abende hintereinander im Park, mal an dem einen oder anderen dieser Orte. Dann wieder kehrte er für Wochen nicht zurück, bis ihn die Lust wieder dahin trieb.

Diana klappte das Buch zu. Diese Geschichte mochte sie nicht, sie war ihr zu gruselig. Vor allem die Tatsache, dass in ihrer Gegend bereits mehrere Frauen Opfer eines Serienmörders geworden waren, hatte ihr allen Spaß daran verdorben.

Eigentlich hatte sie mit leicht-erotischen Liebesgeschichten aus der viktorianischen Zeit gerechnet, nicht mit Spannern. Sie überlegte, ob sie das Buch einfach an den Online-Buchladen zurückschicken sollte. Sie entschied sich aber dagegen, weil die Haselnusspralinen bereits Spuren auf dem Buchdeckel hinterlassen hatten.

(350) Die Läden würden in einer halben Stunde schließen.

Die Läden würden in einer halben Stunde schließen. Es war Freitagabend und in der Fußgängerzone war nur schwer durchzukommen. Weihnachten war nicht mehr allzu weit entfernt.

Eric Sturm kümmerte die Kälte nicht. Er trug seine Windjacke offen, darunter nur ein Hemd, bei dem die oberen zwei Knöpfe ebenfalls offen waren. Er schritt gegen den Fluss der Passanten die Einkaufsstraße hoch. Er beobachtete sehr genau die Frauen, die ihm entgegenkamen. Eigentlich beobachtete er nur Frauen einer bestimmten Kategorie. Folgende Kriterien, waren ihm dabei wichtig: Glatte Haare (Locken interessierten ihn nicht); smartes Business-Outfit (Jeans, Schlabberpullis oder Kleider mit billigen Blumenmustern waren nichts für ihn); Make-up (Er hatte keinen Blick übrig für verschlafene, verheulte oder verknitterte Gesichter).

Was ihn reizte, waren berufstätige Frauen, die eine gewisse Klasse hatten. Wenn er auf der Straße einer Frau begegnete, die seine Aufmerksamkeit erregte, konnte es vorkommen, dass er kehrt machte und ihr folgte. Möglicherweise verlor er während der Verfolgung das Interesse. Das konnte passieren, wenn die Verfolgte jemand anderen traf und ein längeres Gespräch begann oder in einer Kneipe einkehrte. Manchmal folgte er einer Frau aber auch bis zu ihrem Wohnhaus. Er achtete darauf, wo genau sie wohnte, ob sie allein lebte, ob jemand auf sie wartete. Es konnte vorkommen, dass er Stunden auf der Straße verharrte, um dies herauszufinden. Es war nicht ausgeschlossen, dass er ins Haus ging und an der Wohnungstür horchte. Wenn alles passte, war es möglich, dass er am nächsten Tag wieder dort war. Denkbar, dass er sich irgendwann Zugang zu der Wohnung verschaffte, wenn die Frau nicht da war. Es konnte sein, dass er dies mehrmals tat. Wenn alles passte, würde er eines Tages in der Wohnung bleiben, bis die Frau nach Hause kam. Soweit war es bisher fünf Mal gekommen. Bei jeder der fünf Frauen war es das letzte Mal gewesen, dass er sie sah oder in ihrer Wohnung war. Er hatte jede der fünf Frauen umgebracht.

(351) Opfer #1

Opfer #1

Gina, (29 Jahre), Kundenbetreuerin in einer Werbeagentur, ledig, lebte allein. Kleidung: flippig, aber gepflegt. Tötungsart: von hinten erdrosselt. Lag auf dem Bauch, Täter hatte sie mit einem Knie im Rücken fixiert. Vergewaltigung: versucht, nach dem Tod des Opfers. Allerdings kam es weder zur Penetration noch zum Samenerguss. Besonderheiten: Täter durchsuchte die gesamte Wohnung des Opfers. Augenscheinlich wurde nur die Brieftasche des Opfers entwendet.

Opfer #2

Katharina, (41 Jahre), Auktionatorin (Spezialität Kunstgewerbe), geschieden, lebte allein. Kleidung: Nadelstreifenkostüm. Tötungsart: mit der Hand Mund und Nase zugehalten. Täter muss ihr dabei in die Augen geschaut haben. Vergewaltigung: ja, allerdings erst nach dem Tod des Opfers. Besonderheiten: Täter durchsuchte den Kleiderschrank des Opfers und legte die gesamte Kleidung auf einen Haufen. Handtasche des Opfers wurde entwendet.

Opfer #3

Roberta, (43 Jahre), Augenärztin, geschieden, lebte allein. Kleidung: sportlich, teuer. Tötungsart: mit einem Kissen erstickt, nachdem der Täter sie in einem Kampf bewusstlos geschlagen hatte. Vergewaltigung: ja, erfolgte, während das Opfer bewusstlos war. Besonderheiten: Täter zerschnitt die gesamte Kleidung des Opfers. Handtasche des Opfers wurde entwendet.

Opfer #4

Olivia, (31 Jahre), Wirtschaftsjournalistin, ledig, lebte allein. Kleidung: dezent, business-mäßig. Tötungsart: erstickt durch Druck des Unterarms auf die Kehle. Vergewaltigung: ja, während das Opfer erdrosselt wurde. Besonderheiten: Hautfetzen des Täters unter den Fingernägeln des Opfers. Täter versuchte, Feuer im Schlafzimmer des Opfers zu legen, Brand erlosch, nachdem er den Tatort verlassen hatte. Handtasche des Opfers wurde entwendet.

Opfer #5

Erna, (47 Jahre), Schnittdirectrice für Damenoberbekleidung, geschieden, lebte allein. Kleidung: Vorliebe für erlesene Textilien. Tötungsart: mit den Händen von vorn erdrosselt. Vergewaltigung: ja, während das Opfer erdrosselt wurde. Besonderheiten: Hautfetzen des Täters unter den Fingernägeln des Opfers. Täter zerschnitt die gesamte Kleidung des Opfers und schnitt die langen Harre des Opfers bis auf wenige Zentimeter ab. Handtasche des Opfers wurde entwendet. Täter blieb nach der Tat noch 2-3 weitere Stunden in der Wohnung des Opfers.

(352) Mutter, komm mal, ich habe einen ganz Großen am Haken.

„Mutter, komm mal, ich habe einen ganz Großen am Haken.“ Eric Sturm winkte ganz aufgeregt und Susanne Sturm tastete sich vorsichtig zur Uferböschung. In den letzten Monaten waren ihre Schmerzen beim Gehen immer stärker geworden. Eric wollte, dass sie zum Arzt ging, aber dazu hatte sie keine Lust. Es war eh‘ alles vermurkst.

„Ich hätte etwas aus meinem Leben machen können“, sagte sie oft zu Eric, „wenn ich deinen Vater nicht kennen gelernt hätte. Ich hatte studiert, hätte viel Geld verdienen können, schöne Kleider kaufen. Stattdessen wollte dein Vater, dass ich Zuhause versauere.“ Dass auch Eric sie enttäuscht hatte, erwähnte sie nicht, es war nicht die Schuld des Jungen. Er war sehr lieb zu ihr und irgendwie schätzte sie es auch, dass er noch bei ihr wohnte, aber Eric war etwas dämlich. Sie führte es auf die schlechten Gene seines Vaters zurück. Körperlich war Eric so zäh wie sie selbst, aber die Defizite im Oberstübchen musste er von seinem Vater haben. Verflucht sei er, auch wenn er längst in seinem Grab verrottet war, dachte sie. Heinzpeter Sturm hatte sie geheiratet, weil er der erste war, der sie gefragt hatte und weil er am Anfang ihrer Beziehung so unkompliziert und zuverlässig schien.

„Das sieht ja schwer aus“, bemerkte sie, während Eric konzentriert versuchte, den zappelnden Fisch näher ans Ufer zu ziehen. Plötzlich sprang der Fisch hoch, konnte sich irgendwie vom Haken lösen und verschwand wieder im trüben Wasser. „Ha“, sagte Susanne und schlurfte wieder zu dem Klappstuhl zurück.

Sie fand den Angelausflug sterbenslangweilig und war nur mitgekommen, weil sie vorher mehrere andere Vorschläge von Eric ausgeschlagen hatte. Der Junge gab sich Mühe und sie wollte kein Spielverderber sein. Beim Angeln war er wenigstens beschäftigt und versuchte nicht, ständig mit ihr über etwas zu sprechen, wovon er sowieso nichts verstand. Unter anderen Umständen hätte sie intelligente Freunde gehabt, die geistreiche Gespräche mit ihr führen würden und auch ihre Witze verstünden.

Nachdem der Tyrann endlich ins Grab gegangen war, war sie verurteilt, den Rest ihres Lebens mit einem Trottel zu verbringen. Sie seufzte und griff sich wieder das abgewetzte Exemplar von ‚Krieg und Frieden‘.