(322) Früher war Pierre Malz Buchhalter bei Wilhelm & Cie. gewesen.

Früher war Pierre Malz Buchhalter bei Wilhelm & Cie. gewesen. Gleich nach der Handelsschule hatte er dort angefangen. Gezeichnet und gemalt hatte er auch damals schon, aber es war keine Alternative zu einem vernünftigen Beruf. Wilhelm & Cie. war spezialisiert auf den Vertrieb von Schrauben und Muttern, sowohl für den Maschinenbau als auch für den Bau.

Nach dem Krieg war Bertold Wilhelm, der Sohn des Gründers, eine Partnerschaft mit der Texas Screw Products eingegangen. Den Besitzer hatte er während seines Aufenthalts in einem amerikanischen Gefangenenlager kennen gelernt. Durch die Partnerschaft konnte Wilhelm die Einkaufspreise stark senken, was dem Unternehmen und ihm zu großem Wohlstand verhalf.

Gisbert, Bertolds Sohn, war der Unternehmenschef, als Malz eintrat. Anfangs erging es Wilhelm & Cie. weiterhin gut, aber Gisbert hatte nicht den Schneid seines Großvaters oder die Vision seines Vaters. Andere Unternehmen in der gleichen Branche wuchsen viel stärker und bauten ihre Kundenpräsenz aus. Gisbert musste ein Segment nach dem anderen aus Mangel an Rentabilität aufgeben. Schließlich waren die Einsparpotenziale erschöpft, aber der Umsatzrückgang hielt weiter an. Malz, der die Geschäftszahlen genau kannte, verfolgte die Entwicklung genau und wusste früher als alle anderen Mitarbeiter, dass es zu Ende ging. Wilhelm & Cie., eingetragen im Handelsregister unter der Nummer HRA 227,  musste Insolvenz anmelden.

Da es wenig Substanz gab, wurde der Betrieb geschlossen und abgewickelt. Malz verlor seinen Job wie alle anderen auch. Ihn traf es weniger hart, als er erwartet hatte. Es wäre ihm schwer gefallen zu sagen, ob er vorher glücklicher war oder nicht. Sein Leben war vorher in Ordnung und das änderte sich auch nicht, nachdem er arbeitslos war und keine weitere Anstellung mehr fand. Man schickte ihn in den Vorruhestand und dann in die Rente. Er hatte noch weniger Geld, fühlte sich aber reicher, weil er jetzt viel Zeit hatte, um sich wieder auf das Zeichnen und Malen zu konzentrieren. Daraus eine Existenz aufzubauen, war natürlich zu spät. Er passte sich an und sein Leben verlief in anderen, wenn auch nicht weniger geregelten Bahnen.

(323) Die Rennpferde waren gesattelt und wurden warmgeführt.

Die Rennpferde waren gesattelt und wurden warmgeführt. Sigrid Wilhelm lehnte sich gegen die Absperrung zum Führring. Sie beobachtete die Jockeys, die mit den Trainern der Pferde konferierten und sich ihre Anweisungen für das anstehende Rennen abholten.

Zu den Pferderennen war Sigrid ursprünglich gekommen, weil eine Freundin sie mitgenommen hatte. Die Freundin hatte gemeint, dass man dort interessante Männer kennen lernte. Dieser Meinung konnte Sigrid nicht folgen. Die dort anwesenden Männer rochen entweder nach Pferden, Alkohol oder billigem Rasierwasser, schlimmstenfalls nach allen dreien, und waren in ihren Augen völlig uninteressant. Wetten wollte sie auch nicht. Dennoch kam sie öfters hierher und zwar ausschließlich wegen der Jockeys.

Die meiste Zeit auf der Rennbahn verbrachte sie am Führring, denn nur hier konnte sie die Jockeys aus der Nähe beobachten. Natürlich würde sie dies nie zugeben, aber beim Anblick der schmalen Körper mit ihren kleinen Hintern, den weißen Hosen in glänzenden ledernen Reitstiefeln und der farbenfrohen Bekleidung fühlte sie eine erotische Anspannung.

Einer der Jockeys, Nico Kunze, hatte es Sigrid besonders angetan. Jedes Mal, wenn er vor einem Rennen im Führring auf und ab ging, schaute sie ihm fasziniert auf den Schritt. Gern hätte sie ihn kennen gelernt, ihn vielleicht verführt, aber noch wusste sie nicht, wie sie es anstellen sollte. So blieb es erst einmal nur beim Zuschauen.

Seit dem Tod von Gisbert hatte sich ihr Leben völlig verändert. Sein Ableben war gutes Timing gewesen. Erst hatte er das ganze Vermögen auf ihren Namen umschreiben lassen, dann kam die Insolvenz, schließlich starb er. In der Ehe hatte er Sigrid kurz gehalten, sowohl bei allem, was Geld anbelangte, als auch bei Sex und Zuspruch.

Seit seinem Tod war sie frei und reich. Es war nicht sein Plan gewesen, aber Gisbert hatte gut für sie gesorgt. Sie war ihm auch nicht mehr böse für die vielen vergeudeten Jahre an seiner Seite, in denen sie sich tödlich gelangweilt hatte.

(324) Hannes Bender war genervt von seinem Sohn.

Hannes Bender war genervt von seinem Sohn. Natürlich liebte er ihn über alles, aber seit einigen Wochen bestand Francis darauf, Reiten zu lernen. Er wollte Jockey werden. Bender glaubte, dass es damit zusammenhing, dass Francis zu klein war für sein Alter und deshalb nach alternativen Möglichkeiten der Bestätigung suchte. Bender hatte ihn mit zur Rennbahn genommen, um ihm die in seinen Augen jämmerlichen Gestalten vorzuführen.

„Löwe, das ist nichts für einen richtigen Mann. Schau dir die Knirpse an, die wurden doch nur Jockey, weil nichts an ihnen dran ist. Der da zum Beispiel, der fällt doch bei jedem kräftigen Windstoß um. – „Das ist Nico Kunze“, entgegnete Francis, „er hat vor zwei Jahren das Deutsche Derby gewonnen.“ Bender seufzte. „Mag sein, aber es ist ja immer noch das Pferd, das läuft.“ – „Er hat auf Falke gewonnen. Das Pferd hatte vorher noch nie einen Sieg errungen.“

Bender griff die Hand des Jungen und zog ihn mit sich. Francis kam mit, zuerst widerstrebend, dann fügte er sich. „Hör mal, Löwe, ich sage es jetzt zum letzten Mal: Jockey ist nichts für dich. Du musst an dir arbeiten. Ich mache dir einen Vorschlag. Wir denken uns gemeinsam einen Parcours aus, bei dem wir unsere Muskeln mal so richtig arbeiten lassen. Das schlägt an, du wirst sehen. Und es macht Spaß.“ Francis schwieg, er dachte nur, dass er seinen Vater hasste. Wie immer in solchen Augenblicken, spielte er im Geist fantasievolle Todesarten für ihn durch.

In den nächsten Tagen plante Bender eine Reihe von Fitnessübungen, die sie gemeinsam ausführen würden, teilweise zuhause im Keller, teilweise draußen im Stadtpark. Er besorgte Expander, Hanteln und ein Standfahrrad. Bestandteil des Trainings waren auch Holzhacken, Freiübungen im Park und Waldläufe. Er stellte ein abgestimmtes und, wie ihm schien, abwechslungsreiches Programm zusammen. Nachdem er Francis weiter bearbeitet hatte, konnte sie mit den Trainingseinheiten beginnen.

Bender führte Buch über die Fortschritte, die Vater und Sohn erzielten und gab Francis ein Mal in der Woche eine Übersicht, wo sie gerade standen. Bender war sehr zufrieden damit, wie er die Jockey-Krise bewältigt hatte.

(325) Jetzt komm doch, Löwe, etwas schneller bitte.

„Jetzt komm doch, Löwe, etwas schneller bitte.“ Nach den Freiübungen auf der Lichtung im Park (Knie- und Rumpfbeugen sowie Liegestütze) hatten Bender und sein Sohn planmäßig den Ausdauerlauf begonnen. Bender fand, dass Francis sich nicht genug Mühe gab und das Engagement seines Vaters nicht ausreichend schätzte.

Gestern hatte Francis wieder mit den Pferden angefangen. Bender hatte ihn daraufhin einfach ins Bett geschickt. Der Junge musste endlich verstehen, was gut für ihn war. Bender drehte sich um und bedeutete Francis mit rudernden Armen, dass er sich beeilen sollte.

Als sie an der großen Blumenwiese vorbeiliefen, bemerkte Bender einen Asiaten, der vor einer auf einem Stativ befestigten Fotokamera stand und zu den Blumen hinunterschaute. „Ha“, sagte er sich, „jetzt wollen sie schon unsere Blumen kopieren. Kommen hierher, machen Fotos davon und bald kann man das Zeug nur noch für teures Geld aus Asien importieren.“ Er legte einen Zwischensprint ein bis zum Ende der Wiese, um Francis nochmal dazu zu motivieren, schneller zu laufen.

Tateki Sakurada war verzückt. Auf dieser Wiese hatte er völlig unverhofft eine Anacamptis pyramidalis entdeckt. Das war eine seltene europäische Orchideenart, die er bisher nur aus Büchern kannte. Die Orte ihres Vorkommens wechselten von Jahr zu Jahr, deshalb war es auch nicht leicht, sie zu finden. Ihre kleinen dunkel-purpurroten Blüten türmten sich zu einer Pyramide auf, an deren Spitze noch ungeöffnete Knospen saßen. Warum diese schöne Blume auf Deutsch nur Hundewurz hieß, konnte Sakurada nicht vertehen. Er verkürzte das Stativ und kniete hinter der Kamera nieder. Im Makromodus fokussierte er auf einzelne Blüten und versuchte sowohl die Narben als auch die Pollinien gleichzeitig abzubilden. Sakurada war ganz aufgeregt von seiner Entdeckung, für die allein sich seine Reise fast gelohnt hätte.

Europäische Blumen waren sein Hobby und Sakurada reiste jedes Jahr dorthin, um Blumen zu entdecken und abzubilden. Seine Kollegen in Tokyo machten sich nach seiner Rückkehr jedes Mal einen Spaß und zeigten ihm Fotos von Sehenswürdigkeiten, die er an seinem Urlaubsort bestimmt nicht gesehen hatte, wie zum Beispiel den Eiffelturm nach seiner Parisreise. Sie hatten Recht, denn in Paris hatte er seine ganze Urlaubszeit tatsächlich im Jardin botanique verbracht.

(326) Allerdings konnte auch Sakurada nicht nur vom Anblick schöner Blumen leben.

Allerdings konnte auch Sakurada nicht nur vom Anblick schöner Blumen leben. Nachdem er die Aufnahmen beendet hatte, verließ er den Stadtpark und machte sich auf die Suche nach einem Restaurant. Von weitem sah er ein Café in einem schönen Patrizierhaus mit einer vorgenauten Terrasse. Er steuerte darauf zu. Kurz bevor er ankam, erkannte er, dass an einem der Tische auf der Terrasse ein japanisches Pärchen saß. Sofort bog Sakurada in eine Nebenstraße ein. Er hatte keine Lust auf ein belangloses Gespräch. Nachher musste er aus Höflichkeit noch Fotos von dem Paar machen oder sie wollten ihn begleiten. Dazu hatte er weder Lust noch Zeit.

Masahiro Endo und Kurumi Katagiri schrieben Postkarten an ihre Familien, Freunde und Arbeitskollegen in Japan. Kurumi schrieb die für den Text vorgesehene Seite fast vollständig voll und unterschrieb dann. Sie reichte die Karte weiter an Masahiro, der ein paar Worte hinzufügte, ebenfalls unterschrieb und sich dann wieder seinem Reiseführer widmete.

Die Kellnerin stellte sich an den Tisch und erkundigte sich, ob sie noch etwas haben wollten. Kurumi schrieb weiter, Masahiro schaute sie verständnislos an. Die Kellnerin versuchte es auf Englisch. Masahiro schüttelte den Kopf und sie ging wieder. Er vertiefte sich erneut in das Buch. Kurumi beendete wieder eine Postkarte und reichte sie an Masahiro. So geschah es weiter, bis alle Postkarten ausgefüllt waren. Dann nahm sich Kurumi den Stapel noch einmal vor und schrieb auf jede Postkarte die vollständige Adresse des Empfängers. Bei manchen Adressen musste sie Masahiro fragen, der sie bestätigte oder korrigierte.

Als alle Adressen vermerkt waren, griff sie in ihre Handtasche und holte Briefmarken heraus, die sie eine nach der anderen aufklebte. Als sie auch damit fertig war, stieß sie die Postkarten bündig und legte sie vor sich hin. Masahiro schloss sein Buch und rief die Kellnerin. Sie legte eine Rechnung vor ihn, er zückte die Brieftasche und zahlte. Das Paar suchte seine Sachen zusammen, Kurumi nahm als letztes die Postkarten in die Hand und dann gingen sie wieder.

(327) Dobby Nussbeck schob seine Brille zur Nasenwurzel hoch…

Dobby Nussbeck schob seine Brille zur Nasenwurzel hoch und blickte auf die kurze Liste auf dem Zettel in seiner Hand: ‚Blumen. Vase. Kalender. Schal. Parfüm. ?.‘ Eigentlich war nichts dabei, was ihm als Geschenk zum Muttertag ausreichend erschien. In der Schule hatten sie darüber diskutiert und die Lehrerin hatte gemeint, dass dies für Mütter ein ganz wichtiger Tag sei und für Kinder die beste Gelegenheit, um ihre Dankbarkeit für alles auszudrücken. Die Klasse sollte sagen, was für sie ‚Alles‘ bedeutete und die Lehrerin schrieb alle Zurufe in einer Liste an die Tafel: ‚Immer da sein. Bei Krankheiten pflegen. Essen kochen. Saubermachen. Wunden verbinden.‘ Das leuchtete Dobby ein, aber er wusste nicht, was denn ausreichend sein könnte, um seine Dankbarkeit dafür auszudrücken. Dazu hatte es keine Hinweise von der Lehrerin gegeben.

Dobby starrte ins Fenster des Blumenladens, vor dem er stand. Wäre eine Blume von hier ein ausreichender Beweis? Die abgeschnittenen Pflanzen sahen für ihn nicht anders aus als das Unkraut in der Brache hinter dem Haus. Außerdem schimpfte seine Mutter jedes Mal, wenn die Blumen verwelkten. Es war ihm auch nicht klar, warum sie überhaupt Blumen kaufte, denn mittlerweile müsste sie doch wissen, dass sie immer verwelkten.

Er ging weiter. Am Briefkasten an der Ecke sah er einen Mann und eine Frau, die Postkarten in den Schlitz warfen. Sie sahen fremd aus, wie die Schauspieler in den Karatefilmen, die sein Vater anschaute und die er nicht mochte. Einen Film könnte er seiner Mutter schenken. Aber was für einen? Und würde sie darin seine Dankbarkeit erkennen? Er betrachtete wieder seine Liste. Eine Vase ohne Blumen schien nicht richtig. Kalender hatte sie mehr als genug. Ein Schal war im Sommer nutzlos. Und das Parfüm seiner Mutter, das hatte er herausgefunden, war einfach viel zu teuer für ihn. Als er noch im Kindergarten war, hatte er ihr etwas Selbstgebasteltes geschenkt. Das war aber jetzt nicht mehr möglich, weil die Ansprüche an seine Dankbarkeit gestiegen waren. Die geklebten Pappfiguren waren ihm auch heute peinlich. Warum konnte er nicht einfach ‚Danke‘ sagen? Aber die Lehrerin hatte von einem Geschenk gesprochen, also einer Sache.

(328) Ich fahr schon mal den Wagen aus der Garage…

„Ich fahr schon mal den Wagen aus der Garage“, rief Fabian Nussbeck nach oben. Er schaute ins Wohnzimmer, in dem sein Sohn saß und ein Buch las. „Tschüss, Dobby, geh nicht zu spät ins Bett.“ – „Tschüss, Papa“, antwortete Dobby, „Viel Spaß.“ Als Caroline in ihrem Sommerkleid aus dem Haus kam, saß Fabian bereits im Auto. Sie fuhren los.

„Alles ok?“, fragte Fabian. „Ich glaube schon, letzte Woche, als wir ins Kino gingen, hat es ja auch gut geklappt. Er ist jetzt alt genug, um alleine klar zu kommen.“ – „Dann fangen ja neue Zeiten für uns an. Eigentlich könnten wir in unserer Beziehung wieder da ansetzen, wo wir vor sieben Jahren aufgehört haben.“ – „So schlimm war es doch auch nicht, wir waren die ganze Zeit über auch ein Paar. Aber die Zeit ist wirklich einfach so verronnen, als ob jemand auf den Fast Forward-Knopf gedrückt hätte. Ich freue mich auf die Gartenparty heute Abend.“ – „Ich auch, wir müssen nehmen, was wir bekommen“, bestätigte Fabian. „Wir sind zwar aus dem Gröbsten raus, aber Ruhe werden wir erst in zwölf Jahren haben. Und bis dahin werden sich die Strohblumen hoffentlich in Staub aufgelöst haben.“

Caroline musste lachen. „Ja, ich weiß auch nicht, was er sich dabei gedacht hat. Dieses vertrocknete Zeug kann ich auf den Tod nicht ausstehen. Aber sie gleich in den Mülleimer zu tun, habe ich nicht übers Herz gebracht. Irgendwann werden sie halt weg sein. Eine scheußliche Erfindung der Floristen, dieser Muttertag.“ – „Glücklicherweise läuft der Vatertag anders ab.“ – „Ihr habt es gut – gerade an dem Tag könnt ihr einfach abhauen. Wir Mütter müssen die ganze Lobhudelei über uns ergehen lassen.“ – „Du magst es doch auch ein bisschen…“ – „Nee“, wehrte sie ab, „kein bisschen. Würde mal gerne wissen, ob es meiner Mutter anders ergangen ist, damals. Ich dachte auch jedes Mal, was zum Teufel ich für meine Mutter tun sollte. Vielleicht ist es ihr genauso auf den Senkel gegangen. Jetzt kann ich sie ja leider nicht mehr fragen. Wie war das bei dir?“ – „Ganz anders. Wir fünf Geschwistern waren mehr untereinander beschäftigt als mit den Eltern.“

(329) Wie kommst du mit deinen Hausaufgaben voran?

„Wie kommst du mit deinen Hausaufgaben voran?“, fragte Alban streng. Fabian lag auf dem Bett und blickte von ‚Winnetou 2‘ auf. „Noch ein paar Seiten, bitte, dann fang ich an.“ – „Das sehe ich anders. Lesen kannst du später. Außerdem bist du heute dran, Liana beim Kochen zu helfen.“ – „Ist Mutter denn heute nicht da?“ – „Nein, sie ist noch im Krankenhaus, kommt erst später. Also Buch weg und fang an mit den Hausaufgaben.“

Fabian grummelte, setzte sich aber an den Tisch vor das aufgeklappte Schulheft. Alban hob den Eimer mit den Kartoffeln wieder hoch und trug ihn in die Küche. „Nachschub“, sagte er zu Liana, die gerade die letzte Kartoffel schälte. „Danke. Zu wievielt sind wir denn heute Abend?“, fragte sie. Alban zählte auf: „Wir fünf, Mutter etwas später. German bringt vielleicht noch einen Freund mit. In einer halben Stunde kann Fabian dir helfen. Ich muss noch etwas schreiben für morgen.“ Im Flur traf er auf Ana, die mit einem Korb schmutziger Wäsche auf dem Weg in die Waschküche war. „Grüße von Vater“, sie stellte ihre Last kurz ab, „er rief vorhin an, weil er ein paar Notizen aus seinem Arbeitszimmer brauchte.“ – „Geht es ihm gut?“ – „Klang so. Er meinte, Mailand sei ganz in Ordnung und die Konferenz laufe gut. Samstag kommt er zurück.“

Als Alban am Schreibtisch saß und begonnen hatte mit dem Aufsatz zum Thema ‚Wenn du Frieden haben willst, sei kriegsbereit!‘, hörte er, wie die Haustür aufging und German vom Fußballtraining zurückkam. Er hatte seinen Kumpel Arno mitgebracht. „Du hast es gut“, erklärte Arno gerade. „Ich muss extra fragen, ob ich heute Abend hier bei dir essen darf. Bei dir geht das alles so leicht. Ich wünschte, meine Eltern wären auch so.“ – „Deine Eltern haben einfach zu viel Zeit. Hier stellt sich die Frage gar nicht, denn wir sind alle so beschäftigt, dass jeder froh ist, wenn der andere selbst klarkommt.“ – „Das stimmt“, bestätigte Arno, „mein Vater kommt um sechs nach Hause und hat nichts anderes vor als Nachrichten zu schauen und meine Mutter scheint sich eh den ganzen Tag nur damit zu beschäftigen, was ich a) falsch mache, b) besser machen soll oder c) auf keinen Fall machen sollte.“ – „Siehst du“, entgegnete German, „ein Hoch auf Doppelverdiener-Akademikerhaushalte.“

(330) Jahre später schloss German sein Ingenieurstudium ab…

Jahre später schloss German sein Ingenieurstudium ab und weitere Jahre später heiratete er Ella, die Schwester eines Kommilitonen. Ihre Hochzeitsreise führte sie nach Duino, 20 Kilometer nördlich von Triest. Es war eine Empfehlung von Ellas Vater gewesen, einem großen Bewunderer von Rilkes Duineser Elegien. Da der Vater die Hochzeitsreise finanzierte, hatte German eingewilligt.

In Duino gab es Kirchen und Schlösser zu besichtigen. Mehrere Male gingen sie auch den Rilkeweg zwischen Sistiana und Duino, wie von Ellas Vater angeregt. Nach fünf Tagen war es German aber zu langweilig geworden und er erkundigte sich beim Portier, was man denn sonst noch tun könne. Als der Portier Motorbootfahren erwähnte, leuchteten Germans Augen auf und er ließ für den gleichen Tag ein Boot reservieren.

Als er mit seiner Frau in dem kleinen Hafen an Bord ging, fragte Ella, ob er schon mal Motorboot gefahren sei.

„Ich bin deutscher Ingenieur“, antwortete German, „mit Motoren kenne ich mich aus. Der hier hat 229 Pferdestärken.“ Der Vermieter zeigte ihm, wie der Motor zu starten war und wo der Entkupplungsknopf lag. German bedankte sich und fing an, die Leinen einzuholen. Als er die Vorspring lösen wollte, bedeutete der Vermieter ihm, aufzuhören und sprang wieder an Bord. Er erklärte German, dass er den Hebeleffekt der Befestigung nutzen musste, um unbeschadet von der Kaimauer loszukommen. Er begann das Manöver und sprang erst im letzten Moment wieder auf die Kaimauer zurück. German knurrte zu Ella: „Der hält mich wohl für einen Volltrottel.“ Vor Aufregung hatte er ein paar Schweißperlen auf der Stirn. Als das Boot weit genug von der Kaimauer entfernt war, holte er die Fender ein. Durch den leichten Wellengang drehte sich das Boot etwas weiter in Richtung der kleinen Hafenausfahrt. Ella winkte dem Vermieter zu, der mit drei Freunden von der Kaimauer zuschaute. German drückte jetzt den Gashebel mit Schwung nach vorne. Das Motorboot machte eine Satz, German verlor etwas das Gleichgewicht, hielt sich mit der Hand am Steuerrad fest, drehte es dadurch nach links und raste mit hoher Geschwindigkeit auf die Kaimauer zu. Ella schrie, der Vermieter ebenso und der Bootskörper splitterte beim Auftreffen auf die Steine auf.

Germans Faust umklammerte weiter mit aller Kraft das Steuerrad. Sein rechtes Auge zuckte und er sah sehr grimmig aus.

(331) Kay Nussbeck öffnete die Türen seines Busses.

Kay Nussbeck öffnete die Türen seines Busses. Die ersten Mitreisenden (deutscher Rotary Club) standen bereits davor. Die anderen kamen die Treppe vom Hôtel de Paris herunter. Einige der Männer schauten sich noch den Ferrari Testarossa an, der vor dem Bus parkte.

Frau Kreuter, eine rassige Mittfünfzigerin mit rasselndem Goldschmuck am Handgelenk, war auch schon da und begrüßte ihn überschwänglich. Sie setzte sich, wie an jedem Tag, ganz vorn rechts und würde ihm auch heute ständig Blicke zuwerfen.

Kay wohnte außerhalb von Monaco, aber die meisten Touren, für die ihn sein Chef einteilte, betrafen deutsche Touristen, die in Monaco übernachteten.

Die Busgesellschaft war nun vollzählig und Frau Kreuter nahm das Mikrofon. Sie begrüßte alle, hoffte, dass sie eine gute Nacht verbracht hatten und noch etwas Geld aus dem Spielcasino retten konnten. Heute waren sie nach St. Paul de Vence unterwegs, eine Fahrt von etwa 45 Minuten. Zuerst in das Museum für Zeitgenössische Kunst, die Fondation Maeght, dann ein Spaziergang durch die Stadt selbst. Als sie von den Prominenten erzählte, die dort gelebt hatten (von Marc Chagall bis Curd Jürgens), bog Kay bereits scharf links ab in den Boulevard de la Princesse Charlotte. Durch das Schaukeln geriet Frau Kreuter etwas aus dem Gleichgewicht und hielt sich an seiner Schulter fest. Er spürte den Druck ihrer Finger und überlegte sich, ob er sie am Abend in ihrem Hotelzimmer besuchen sollte. Sie würde es bestimmt zu schätzen wissen.

Kay steuerte den Bus weiter den Berg hoch, vorbei am Jardin Exotique, auf den Frau Kreuter ebenfalls einging.

Das Busfahren hatte Kay bei der Bundeswehr gelernt und als er vor Jahren in Nice gestrandet war, war es die einzige Möglichkeit für ihn gewesen, Geld zu verdienen. Damals lag er noch im Streit mit seinem Vater und tat alles, um den alten Herrn zu provozieren. Kay hatte sich gut eingelebt und mittlerweile hatte ihm auch sein Vater verziehen, dass er nicht Ingenieur geworden war, wie er selbst. Wenn er nicht gerade Touristen herumfuhr, machte Kay das gleiche wie auch vorher in seinem Leben: er hörte Musik, las ein Buch, rauchte einen Joint, trank einen Pastis in der Dorfkneipe. Für ihn konnte es immer so weitergehen.