(312) Detlev Spinell betrachtete sich im Spiegel.

Detlev Spinell betrachtete sich im Spiegel. Er war frisch gebadet, seine Haare und sein Schnurrbart waren perfekt frisiert. Auf der Stirn hatte er eine schmale, runde Locke drapiert. Er sah hinreißend aus, fand er. Die Frau, auf die er sich seit Tagen konzentrierte, würde ihm heute nicht widerstehen könnte. Er tippte auf Industriellenwitwe, reich, sehr hässlich, mit einer enorm großen Nase. Er hatte sich mit Orfea Larga zum Rudern auf dem See hinter dem Kurhaus verabredet.

Er stand in der Lobby ihres Hotels. Natürlich musste er auf sie warten. Er bemerkte, wie gerade ein dicker Mann in tiefhängenden Jeans, Sweatshirt und Baseballkappe eincheckte. Man hätte ihn für ein Straßenkid auf Steroiden halten können, wären da nicht die vielen Vuitton-Koffer gewesen, die drei Pagen nacheinander hereintrugen.

Spinell hingegen reiste prinzipiell mit sehr leichtem Gepäck, da es öfters vorkam, dass er schnell die Flucht ergreifen musste.

Als Orfea später mit ihm im Ruderboot saß, betrachtete sie ihn eingehend. Das Jackett hatte er abgelegt und er saß in Weste und Hut vor ihr, die Riemen in den Händen. Er verstand es sehr gut zu rudern, schien ihr aber etwas schwächlich. Bankier und Erbe, schätzte sie. Wahrscheinlich der verwöhnte Sohn eines alten Patriarchen, der sein Leben mit Müßiggang befüllte, weil sein Vater ihn nicht arbeiten ließ. Irgendwann würde der Alte am Schreibtisch sitzend den Löffel abgegeben und der Sohn würde die Bank erben. Natürlich würde er sie herabwirtschaften. Aber vorher könnte es für Orfea sehr lohnend sein.

Sie zwinkerte ihm zu. Er entblößte seine Lippen und zeigte vollständige, wenn auch vergilbte Zahnleisten. Beide dachten in dem Augenblick das Gleiche: ‚Es ist alles auf dem richtigen Weg…“

(313) Ducky D. saß in Suite 197 inmitten seiner Koffer und atmete schwer.

Ducky D. saß in Suite 197 inmitten seiner Koffer und atmete schwer. Er wollte nicht sterben. Und doch war es das, was ihm der Arzt vorhergesagt hatte. Drei Monate. Seine Leber war kaputt durch jahrelange Exzesse. Von dem Kurort hatte er viel gehört. Es war ihm Ernst, er wollte sein Leben vollständig verändern.

Deshalb hatte er auch seine übliche Entourage nicht mitgenommen, die ganzen Speichellecker, billigen Flittchen und Drogenpusher. Er reiste sozusagen inkognito, ohne Sonnenbrille und ohne Bling.

Der erste Arzttermin noch am gleichen Tag nährte Hoffnung und Zweifel zu gleichen Teilen. Der Arzt machte einen sehr kompetenten Eindruck und hatte Duckys Krankenakte genau studiert. Allerdings war er sehr zurückhaltend in der Prognose. Er erklärte, dass die Kur schlimmer sein würde als der Drogenentzug, den Ducky vor einem Jahr unternommen und abgebrochen hatte.

„Es gibt keine Ausweichmöglichkeiten, es ist alles schlecht für sie: Drogen, Alkohol, Rauchen, Pillen, gutes Essen, sogar Limonade. Die einzige Chance, die Sie haben, ist es, so lange wie möglich mit gesunder, leichter Kost auszuhalten. Dazu das Kurwasser. Wenn Sie das nicht schaffen, sollten sie am besten gleich wieder gehen und sich ein paar schöne Wochen machen, bevor Sie sterben.“

Bereits der erste Abend war für Ducky eine Qual gewesen. Er hasste das Kurwasser und das gedünstete Gemüse mit dem gekochten Hühnerfleisch war völlig ohne Geschmack. Ihm fehlten Zigaretten, Alkohol und Drogen, in der Reihenfolge. Er legte sich ins Bett und fiel nach kurzer Zeit in einen Albtraum.

Er war unterwegs in den Bergen und erreichte eine Kuppe, die fast völlig im Nebel lag. Er ging auf ein Feuer zu. Als er sich näherte, erkannte er, dass zwei grauhaarige nackte Frauen um das Feuer herum standen. Während er wie hypnotisiert auf die langen Nippel an ihren verschrumpelten Brüsten starrte, bemerkte er plötzlich, dass sie ein kleines Kind zwischen sich in die Flammen hielten. Als das Kind gar war, rissen sie es in Stücke und verschlangen es.

(314) Schweißgebadet wachte Anneka auf.

Schweißgebadet wachte Anneka auf. Im Zimmer war es stockdunkel. Schnell machte sie Licht. Um sie herum schien alles normal. Mit schwachen Knien stand sie auf und schlurfte in die Küche. „Malu“, rief sie und hob das Tuch über dem Vogelkäfig hoch. Sie öffnete den Käfig und holte den grüngrauen Kanarienvogel, der auf dem Käfigboden lag, vorsichtig heraus. Er bewegte sich nicht. Vorsichtig blies sie ihn an. Er blinzelte und strampelte, um sich zu befreien.

Anneka atmete auf und setzte sich an den Küchentisch. Den Vogel legte sie sorgsam vor sich hin. Malu stellte sich sofort auf die Beine und sah sie an.

„Malu, es geht dir gut. Ich hatte wieder diesen schrecklichen Traum. Das Kind… gebraten und gegessen… Wie schön, dass es dir gut geht.“

Aus einer Schale nahm sie eine Handvoll Vogelkörner und streute sie vor Malu auf die Tischplatte. Er schaute ihr aufmerksam zu und pickte dann ein paar Körner auf. Mit den kleinen Füßen scharrte er darin. Anneka fröstelte und holte sich einen Pullover aus dem Schlafzimmer. Seit Wochen hatte sie fast jede Nacht diesen Alptraum, in dem sie ein Kind bei lebendigem Leib über einem Feuer briet und es dann verspeiste. Sie konnte sich den Traum nicht erklären, denn sie hatte nie Kinder bekommen und auch noch keine abgetrieben.

Auch diese Nacht würde sie nicht mehr einschlafen können. Sie setzte sich wieder zu Malu an den Tisch. Der Vogel hatte die Körner in einer seltsamen Anordnung von diagonal verlaufenden Linien angeordnet und schaute sie an, als ob er ihr etwas mitteilen wollte.

„Was soll ich nur machen?“, fragte Anneka und raufte sich die Haare. Als sie auf ihre Hände sah, merkte sie, dass sie wieder ein ganzes Büschel ihrer weißen Haare darin hielt. Auch das ging jetzt schon seit Wochen so. Sie war am Verzweifeln. Malu tschilpte.

(315) Die braunen Blätter taumelten im Wind vom Baum herab.

Die braunen Blätter taumelten im Wind vom Baum herab. Manche drehten sich um sich selbst, andere segelten in der leichten Brise gerade herunter. Jakob saß auf der Bank unter dem Baum und schaute ihnen zu. Er war traurig, weil seine Freunde beim Fußball die Mannschaften aufgeteilt hatten und keiner ihn haben wollte. Er hatte ein ganz neues Fußballtrikot an, um das er seine Mutter sehr lange angefleht hatte. Als sie es endlich kaufte, war es das falsche gewesen. Auch deshalb hatten seine Freunde ihn ausgelacht.

Seine Mutter war schuld. Besonders in den letzten Wochen, in denen sie sehr schlecht schlief, war sie oft ungerecht zu Jakob gewesen.

Jakob war in Gedanken versunken, deshalb hatte er die fette Frau nicht ankommen sehen. Sie setzte sich auf die Bank, an das andere Ende. Verstohlen sah er zu ihr hinüber. Sie betrachtete ihn und sprach ihn dann an: „Bist du Karlo?“ Jakob wäre am liebsten einfach weggegangen, war aber zu höflich dazu. Die Frau passte auch nicht in das Muster der Menschen, vor denen ihn seine Mutter gewarnt hatte. „Nein“, antwortete er, „ich bin Jakob.“

Die Frau saß breitbeinig auf der Bank, ihr Bauch schien zwischen ihren Beinen durchzuhängen. Hoffentlich würde ihn keiner seiner Freunde hier mit ihr sehen. Das würde zu weiteren Hänseleien führen. „Weißt du denn, wo mein Karlo ist?“, forschte die Frau weiter. „Jakob antwortete wahrheitsgemäß: „Ich kenne keinen Karlo.“ Die Frau sah traurig aus. „Ja, wo ist denn mein Karlo? Ich habe ihn verloren, er ist weg.“ Jakob fühlte sich unwohl, wusste nicht, wie er mit der Situation umgehen sollte. „Vielleicht ist Karlo schon nach Hause gegangen, er wartet vielleicht dort auf Sie.“ Einen Augenblick blickte sie ihn hoffnungsvoll an. Dann jedoch: „Karlo ist nicht zu Hause. Ich war eine schlechte Mutter. Karlo ist nicht da.“ Sie verstummte, als ob sie nach Karlos Rufen horchte. Dann schien es, als ob ihr Bauch erbebte. Jakob starrte sie an. Sie fing an zu schluchzen. Zuerst tonlos, mit klagend geöffneten Mund. Dann brach der Schmerz aus ihr heraus und sie heulte laut auf. Als sie ihre Hände vor das Gesicht hob, ergriff Jakob die Chance und lief davon.

(316) Die Wohnungstür knallte ins Schloss.

Die Wohnungstür knallte ins Schloss. Kora drehte sich zur Seite und rief „Jakob?“ Jakob machte kehrt und schaute ins Zimmer. „Guten Tag“, grüßte er. „So ist es besser“, antwortete Kora und wandte sich wieder ihrer Kundin Cornelia Albrecht zu.

„Jungs“, sagte Frau Albrecht entschuldigend, „meiner ist auch so.“ Kora antwortete: „Ein schwieriges Alter.“ Sie setzte wieder die Nagelschere an und schnitt den Nagel des rechten großen Zehs von Frau Albrecht ab. Den abgeschnittenen Nagel platzierte sie auf das Handtuch, das über ihren Knien gespannt war und auf dem Frau Albrechts Fuß ruhte. Nach und nach legte sie die anderen neun Zehennägel in diagonalem Muster auf das Handtuch.

„Ich habe manchmal Angst, dass Jakob wird wie meine Brüder. Sie sind beide sehr intelligent, haben es aber nur dahin gebracht, eine Imbissbude zu führen.“ – „Sagen Sie das nicht, meine Liebe“, entgegnete Frau Albrecht. „Es ist so schwierig; eine gute Imbissbude zu finden, man kann darin durchaus seine Erfüllung finden.“ – „Nun, ich hoffe, dass Jakob noch etwas Besseres findet als eine Wurstbude.“

Kora legte Frau Albrechts linken Fuß auf die Seite und setzte den Hornhauthobel an. „Sie haben einen schönen Kettenanhänger“, bemerkte Frau Albrecht. „Das ist ein Kanarienvogel, nicht wahr?“ – „Das stimmt“, antwortete Kora. „Es ist das letzte Geschenk von Jakobs Vater. Ich verbinde viele Erinnerungen damit.“ – „Es passt hervorragend zu Ihrer Augenfarbe, dieses Graugrün“, fuhr Frau Albrecht fort. „Danke“, antwortete Kora und sie fühlte, wie sie errötete. „Es passt auch sehr gut zu ihren platinblonden Haaren. Ich würde so etwas ja nicht tragen können. Aber an Ihnen sieht es so spacig aus. Ich meine das natürlich nur positiv.“

Kora seufzte. „Es hatte sich so ergeben. Jetzt möchte ich keine dunklen Haaransätze, deshalb bleibt es erst einmal dabei. Ich könnte mir heute aber auch etwas anderes vorstellen.“ – „Ich verstehe Sie so gut“, antwortete Frau Albrecht. „Frau Möbius, könnten Sie auch nach dem rechten kleinen Zeh schauen, ich glaube, ich entwickle dort ein Hühnerauge in meinen Louboutins.“

(317) 3×0,1 + 1×0,2 + 3×0,5 + 3×1…

3×0,1 + 1×0,2 + 3×0,5 + 3×1 + 9×2 + 8×5 + 2×10 + 4×20 + 6×50=463. Dirk Möbius notierte die Zahl und schloss die Geldbombe ab. Er überprüfte, dass er an allen Geräten Strom und Gas abgeschaltet hatte und die hochgezogene Verkaufstheke gesichert war.

Als er gerade das Licht löschen wollte, öffnete sich die Tür des Imbisswagens und Jork stieg herein. Dirk und Jork waren eineiige Zwillingsbrüder und hatten ihr ganzes Leben aufeinander ausgerichtet. Sie waren jetzt 37 (Jork ein paar Minuten älter als Dirk), wohnten in einer gemeinsamen Wohnung, trugen die gleiche Kleidung und betrieben gemeinsam einen Imbiss in der Nähe des Hauptbahnhofs.

Sogar viele Stammkunden wussten nicht, dass es Herrn Möbius in zwei Ausführungen gab. Oft wurden die beiden bedauert, weil es doch unmenschlich sei, wenn man von morgens früh bis abends spät diesen Job machen müsse. Meistens aber wechselten sich die Brüder am Nachmittag ab und fanden, dass sie ein angenehmes Leben hatten.

Jork legte ein längliches, in Packpapier eingewickeltes Objekt auf die Arbeitsplatte. Auf Dirks fragenden Gesichtsausdruck antwortete er: „Mach mal auf!“ Dirk entrollte das Papier und betrachtete verdutzt den Inhalt. Dann ging ihm ein Licht auf und er lachte zusammen mit seinem Bruder. Sie gaben sich High five.

„Wagst du es?“, fragte Dirk. „Klar, wenn sie kommt, mach ich es. Das wird ein Spaß. Gehen wir einen trinken?“ – „Klar, gute Idee.“

Dirk nahm die Geldbombe unter den Arm und schloss den Imbisswagen ab. Den Schlüssel gab er an Jork weiter, der am nächsten Tag Frühschicht hatte.

„Hallo Buddha“, rief Dirk zu dem Obdachlosen hinüber, der eben die letzten Überreste der Currywurst verdrückte, die ihm Dirk vorhin gegeben hatte. Buddha winkte zurück. Er war manchmal wochenlang weg, kehrte aber wieder zurück und verharrte Ewigkeiten im Lotossitz auf dem Bürgersteig hinter dem Imbiss. Er war sehr wortkarg und hatte sich nie vorgestellt. Mit der Zeit hatten sie ihn Buddha genannt und er hatte kein Problem mit dem Namen. Sie hatten ihm sogar eine Arbeit im Imbissstand angeboten, aber Buddha hatte dankend abgelehnt. Er hatte gemeint, dass er nicht so einer sei.

(318) Jork öffnete eine neue Tüte mit vorfrittierten Pommes…

Jork öffnete eine neue Tüte mit vorfrittierten Pommes und schüttete gerade den Inhalt in den Trog neben der Fritteuse, als er ihre schrille Stimme hinter sich hörte. „Hurenfickschwanz!“ Jork leerte die Tüte und noch bevor er sie zerknüllt und in den Abfallsack geschmissen hatte, noch einmal: “ Hurenfickschwanzeierbaum.“ Er drehte sich um und am Tresen stand eine eher unscheinbare, ältere Dame. Ihre Schminke hatte sie etwas zu großzügig aufgetragen und auch bei ihrem blutroten Lippenstift hatte sie nicht gegeizt. Er und Dirk kannten ihren Namen nicht, aber sie nannten sie ‚Lady Tourette‘.

„Schwanzfickhurenbock“, kam es aus ihr heraus, ohne dass sich ihre Miene dabei verändert hätte. Sie kehrte seit ein paar Jahren regelmäßig drei Mal in der Woche bei der Imbissbude ein, manchmal blieb sie aber mehrere Wochen aus. Die Zwillinge wussten sonst nichts über sie und auch keiner der anderen Kunden kannte sie.

„Hurenschwanzfick.“ Ihr Vokabular veränderte sich über die Zeit, blieb aber konsequent im genital-skatologischen Bereich. Auch die Reaktion der Brüder hatte sich über die Zeit verändert. Zuerst verblüfft, dann amüsiert, mittlerweile genervt. Erst vor kurzem hatte ein befreundeter Arzt die Diagnose ‚Tourette‘ gestellt.

„Was darf es sein?“, fragte Jork, obwohl er die Antwort bereits kannte. „Hurenfickschwanzwurst.“ – „Gerne“, antwortete er. Aus dem Kühlschrank holte er den Bullenpenis, den er am Vortag vom Schlachthof geholt hatte, legte ihn zwischen ein Brötchen und überreichte alles Lady Tourette mit den Worten: „Die Schwanzwurst, bitte.“ Lady Tourette starrte die Penisspitze an, die zwischen den Brötchenhälften herauslugte und schrie angeekelt auf. Zum ersten Mal konnte sie vor Schock kein Wort herausbringen. Sie drehte sich um und wandte sich aufgewühlt weg.

Einige Meter weiter befragte sie ein Passant: „Können Sie mir sagen, wo ich die Georgenstraße 157 finde?“ Da war sie bereits wieder die alte und antwortete: „Schwanzfickhurenbock.“

(319) Lady Tourette, Lady Tourette/ Sie war gar nicht so nett…

„Lady Tourette, Lady Tourette/ Sie war gar nicht so nett/Schwanzfickhurenbock/ Schwanzfickhurenbock/ Schwaaanzfiiickhuuurenbooock.“ Kunto Banda beendete das Stück mit einem animalischen Röcheln und sackte zusammen, während der Schlagzeuger seiner Band ‚Kotzbrocken‘ das Lied mit einem kakophonischen Schlagzeugsolo abschloss.

Die Menge war gut drauf, aber Kunto war verwirrt. Mit seinen dreiundzwanzig Jahren hatte er viele Konzerte erlebt und war bei einigen Tourneen dabei gewesen. Normalerweise kamen zu den Konzerten von Kotzbrocken eher weniger Zuschauer als erwartet. Für heute hatte er mit der üblichen überschaubaren Menge gerechnet. Doch dann fand sich vor einem Publikum wieder, das fünf Mal so groß war, als er es geträumt hätte und auch noch vor der Bühne tanzte. Sonst standen die Zuschauer eher träge-passiv vor der Bühne, mit einer Bierflasche in der Hand. Dass mal jemand ein paar wankende Bewegungen machte, war die große Ausnahme und bei den Hardcorefans verpönt.

Was ihn aber am meisten erstaunte, war die Anzahl der Frauen vor der Bühne. Das Stammpublikum von Kotzbrocken waren männliche Singlepunks in Lederjacken. Das Gekreische von Frauen in Sommerkleidern machte ihn fertig. Er hatte auch Mitleid mit dem versprengten Haufen von Fans, die sich in einer Ecke wie zum Schutz gegen die Spaßmeute zusammengestellt hatten. Sogar ihre Iros schienen ihm schlaff.

Kunto wusste nicht, dass ein lokaler Radiosender eine Promotionaktion veranstaltet hatte, bei der fünf Zuhörer Eintrittskarten zum Konzert gewinnen konnten. Sie mussten dafür zu einem Song von Kotzbrocken, der im Hintergrund lief, möglichst abgefahren grölen. Der Wirt, in dessen Saal das Konzert lief, hatte dem Sender dann weitere fünfzig Karten spendiert. Der Sender promotete Kotzbrocken als die schlechteste Band des Jahres, dafür aber unfreiwillig lustig. Die Karten waren schnell weggegangen und durch die Werbung waren noch viel mehr Neugierige angezogen worden. Der Wirt freute sich über die zusätzlichen Getränkeinnahmen.

(320) Leonz war traurig.

Leonz war traurig. ‚Kotzbrocken‘ war mit großem Abstand seine Lieblingsband und bei vielen Liedern kannte er die Texte auswendig. Natürlich würde er nie auf die Idee kommen, mitzusingen, denn es war schließlich nicht Karneval. Der Krach sollte auf der Bühne sein, war seine Ansicht. Diese Spaßheinis hatten ihm den Konzertbesuch völlig verdorben. Jetzt stand er an der Bushaltestelle und wartete auf die 179.

Als Max Brust im Radio von der Promotionaktion für Kotzbrocken hörte, hatte er sich vorgenommen, mit der Kamera vorbeizuschauen. Er war begeisterter Hobbyfotograf und verkaufte mittlerweile viele seiner Bilder über das Internet an Fotoagenturen. Er arbeitete an einem Fotobuch, das er veröffentlichen wollte und das sich mit ‚Nachtmenschen‘ befasste.

Von dem Konzert hatte er sich kontrastreiche Bilder erhofft, einerseits die Punks, andererseits die Gewinner der Radioauslosung. Es war recht dunkel gewesen, aber von dem, was er auf dem Schirm seiner Digitalspiegelreflex hatte sehen können, waren die Bilder interessant geworden.

Nach dem Konzert war er einem traurigen Punk mit schlaffem Iro gefolgt und hatte ein paar Fotos von hinten geschossen. Jetzt stand der Punk in der Lederjacke mit dem The Sex Pistols-Aufnäher an der Bushaltestelle. Brust fragte ihn offen, ob er etwas dagegen habe, fotografiert zu werden. Der Punk schaute ihn mit leeren Augen an. Brust hielt ihm einen Fünfer hin. Der Punk nickte und sah dabei noch trauriger aus. Brust machte mehrere Fotos von Leonz, die meisten von der Seite, sein Blick teilnahmslos in die Ferne gerichtet. Schon während der Aufnahmen war Brust sicher, hier ein paar seiner besseren Aufnahmen zu machen.

Als er fertig war, gab er dem Punk einen weiteren Fünfer und bat ihn, die Freigabeerklärung zu unterschreiben. Der Punk sah ihn verächtlich an, zeigte ihm den Mittelfinger und stieg in den 179er, der eben angekommen war. Als der Bus weg war, setzte sich Brust auf die Bank und füllte den Bogen selbst aus. Als Name schrieb er ‚Sex Pistol‘.

(321) Für sein Buch war Brust viele Nächte unterwegs…

Für sein Buch war Brust viele Nächte unterwegs, vor allem am Wochenende. An diesen Tagen war das Nachtleben viel dichter. Außerdem war es besser mit seinem Brotjob zu vereinbaren, denn er war Gerichtsdiener beim Oberlandesgericht.

Es war Samstagfrüh, 7:19 Uhr und eigentlich war die Nacht vorbei. Er hatte vorher bei einem Bäcker Aufnahmen in der Backstube gemacht. Die Bilder schienen Brust gelungen zu sein. Obwohl ihn die ruhige geschäftige Atmosphäre schläfrig gemacht hatte, wollte er aber noch bei dem Wochenmarkt vorbeischauen. Vor zwei Wochen hatte er den Aufbau fotografiert, musste aber aus Müdigkeit aufgeben, bevor der Markt öffnete. Heute schien der Aufbau im Wesentlichen beendet und schon waren die ersten Kunden mit Einkaufswagen unterwegs. Auf einem Betonpoller, der den Marktplatz von der Straße trennte, saß ein Mann in einem abgewetzten Wintermantel. Er trug eine Wollmütze über dem etwas ausgemergelten Gesicht. Auf dem angewinkelten Knie lag ein Zeichenblock, auf dem er mit Bleistift die Marktszene skizzierte. An den Händen trug er Handschuhe, bei denen die Hälfte der Fingerlinge abgeschnitten war. Atemdampf stieg in der Morgenkälte hoch und sah im ersten Licht der aufgehenden Sonne sehr schön aus. Brust schoss aus der Ferne ein paar Fotos von dem Zeichner, kreiste um ihn herum. Er wollte ihn nicht sofort stören, kam erst allmählich näher heran und bat ihn schließlich um Erlaubnis, ihn fotografieren zu dürfen.

Der Zeichner war einverstanden, unterschrieb am Ende auch den Model release. Brust schaute auf das Formular: der Zeichner hieß Pierre Malz. Während Malz weiter zeichnete, erfuhr Brust im Gespräch, dass der Zeichner seit drei Jahren an jedem Samstag an diesem Ort die gleiche Szene festhielt, immer von 7 Uhr bis 7:30 Uhr. Brust fragte ihn nach dem Grund. Malz dachte kurz nach und antwortete: „Kein Grund, es hat sich so ergeben. Es ist eine gute Szene, vieles ändert sich kaum von Woche zu Woche, aber es gibt auch ständig Überraschungen, plötzliche Veränderungen. Der Käsewagen zum Beispiel kam vor sechs Wochen nicht mehr, dafür an der gleichen Stelle ein Stand, an dem Kaffee ausgeschenkt wird.“ – „Was machen Sie mit den Zeichnungen?“ Malz sah ihn milde lächelnd an und meinte: „Ich zeichne sie, ist das nicht genug?“