(291) Selbstbewusst schritt Inga durch die Hotellobby…

Selbstbewusst schritt Inga durch die Hotellobby und stieg in den Aufzug. Während die Kabine in den dritten Stock fuhr, überprüfte sie ihr Aussehen im Spiegel. Der Hotelflur war leer.

Sie klopfte an die Tür von Nummer 331. „Hallo Hardy“, grüßte sie und schlüpfte an dem großen, breiten Mann im Bademantel vorbei ins Zimmer. „Hallo Inga“, antwortete Hardy und schloss die Tür. Er half ihr aus dem Mantel.

Auf dem Tisch standen ein Eiskübel mit Champagner und zwei Gläser. Inga setzte sich in den Sessel. Hardy machte die Flasche auf und schenkte ein. Er gab ihr eines der Gläser und stieß mit ihr an. „Danke, dass du Zeit mit der Bestie verbringst.“ Sie tranken. „Lieber Hardy, wenn alle Männer so wären wie du, wäre die Welt ein besserer Ort.“

Hardy lachte und setzte sich. Er hatte Inga nach einem gewonnenen Boxkampf kennen gelernt. Er wollte feiern und sein Trainer hatte ihm Inga geschickt. Seitdem hatten sie sich öfters gesehen und Hardy glaubte fest daran, dass sie ihm Glück brachte. Mittlerweile verdiente der Boxer ansehnliche Kampfbörsen und war im Gespräch, der nächste Herausforderer des amtierenden Weltmeisters im Schwergewicht zu sein.

Hardys Kampfstil war sehr robust und er hatte erstaunliche Nehmerqualitäten. Die Presse schrieb von ‚Bulldozer Hardy List‘.

„Wie geht das Geschäft?“, erkundigte er sich. „Sind alle nett zu dir, oder soll ich mal mit dem einen oder anderen ein Wort reden?“ – „Alles im grünen Bereich“, antwortete sie, „ich komme darauf zurück, wenn es sein muss.“ – „Und dein Vater?“ – „Unverändert, er ist sehr tapfer.“ Hardy schüttelte mitfühlend den Kopf. „So eine Krankheit, da kannst du nichts machen. Tut mir echt leid für dich.“ – „Danke“, sagte sie und hielt ihr Glas hin, „schenk mir noch ein bisschen nach.“ Er tat es.

„Und was hätte mein großer böser Boxer denn gerne?“, neckte sie ihn und kraulte ihm die haarlose Brust unter dem Bademantel. Er küsste ihre Hand und setzte sie auf seinen Oberschenkel. „Da ist aber jemand sehr wach“, bemerkte Inga und zeigte nach unten. Der Boxer lächelte stolz. „Also, was kann ich meinem starken Hardy Gutes tun?“, wiederholte sie. Er legte seine Hand auf ihr Knie und meinte: „Ganz normal. Auch Boxer sind nur Männer.“

(292) Jost Lehnert hustete in sein Taschentuch…

Jost Lehnert hustete in sein Taschentuch, schaute kurz hinein und klappte es wieder zu. Schon der kurze Weg zur Tür, um Inga herein zu lassen, hatte ihn erschöpft und er rang nach Atem.

„Wie geht es dir heute?“, fragte sie. „Beschissen. Aber besser als morgen“, antwortete er keuchend. Es roch streng in der Wohnung, aber ein Fenster durfte sie nicht öffnen. Jede Erkältung könnte tödlich sein, hatte der Arzt gesagt. Während Inga hinter ihm ins Wohnzimmer gekommen war, hatte sie angefangen, etwas aufzuräumen. „Lass das jetzt“, fuhr er sie an. „Dafür habe ich jemand. Lass das alles liegen.“ Sie setzte sich zu ihm an den Tisch.

Ihr Vater litt an einem Lungenemphysem, das ihn früher oder später umbringen würde. „Ich werde bald etwas Geld zusammen haben und wir können dir dann eine günstiger gelegene und besser ausgestattete Wohnung nehmen.“ – „Ich will hier nicht raus“, knurrte er trotzig. „Wo hast du das Geld überhaupt her?“ – „Der alte Herr, für den ich arbeite, ist sehr reich und will helfen“, log sie. Die Wahrheit konnte sie ihm natürlich nicht sagen. Sie hatte ihrem Vater erzählt, dass sie als Gesellschafterin bei einem Millionär arbeite.

„Du bist bestimmt viel lieber bei dem reichen Sack als bei mir. Du brauchst auch nicht hierher zu kommen. Ich komme ganz gut klar.“ – „Ach Vater“, versuchte sie ihn zu beruhigen, aber er hatte mal wieder einen schlechten Tag. Sie wusste immer gleich beim Eintritt in die Wohnung, wie alles sein würde. An manchen Tagen war er angenehm und sie konnte mit ihm reden. An anderen Tagen war er unausstehlich. „Mark kommt nachher auch noch.“ Mark war Ingas Bruder. Es würde also ein sehr schlechter Tag werden, dachte sie.

„Willst du eine Tasse Tee?“, fragte sie. Seine Antwort („Der kommt mir schon aus den Ohren raus“) sprach sie stumm mit, als sie Wasser für zwei Tassen Tee in die Kanne laufen ließ. Mit versteinerter Miene sah sie eine Zigarettenkippe im Ausguss liegen. Sie spürte, dass ihr Vater sie beobachtete. Er wollte sehen, wie sie auf die Kippe reagierte. Es war eine Provokation. Sie setzte das Wasser auf und nahm die Teetassen aus dem Schrank.

(293) „Warum hast du immer noch keinen Mann?“

„Warum hast du immer noch keinen Mann“, bohrte er. Es war wirklich ein sehr schlechter Tag für Inga. Wieder einmal war sie nahe daran, die Bombe zu zünden: Von ihrer Mutter wusste sie, dass Jost Lehnert nicht ihr richtiger Vater war. Er hatte es nie erfahren.

Sie kannte ihren richtigen Vater nicht und Jost Lehnert war zumindest lange Zeit ein guter Ersatz gewesen. Sie hatte es bisher nie übers Herz gebracht, es ihm zu sagen. Seit dem Tod ihrer Mutter hatte ihr die Wahrheit oft auf der Zunge gelegen, sie hatte es aber nie über sich gebracht, ihn damit zu verletzen. Irgendwann war es einfach zu spät gewesen und mit dem Fortschreiten seiner Krankheit konnte sie ihm das nicht mehr antun. Sie hoffte, es würde ihr nicht doch einmal in Notwehr herausrutschen. Gelegenheiten dazu schien es immer öfter zu geben.

Es klingelte. Sie ließ Mark herein. Er war zwei Jahre älter als sie. Als Kinder waren sie sehr eng verbunden gewesen, aber irgendwann hatte Mark die Religion für sich entdeckt und war zu einem Radikalchristen geworden. Seitdem hatten sie sich nichts mehr zu sagen. Für den Vater war Mark aber für alle Zeit der Erstgeborene. Wenigstens das stimmte, wusste Inga noch von ihrer Mutter.

„Inga bekommt Geld von dem alten Sack, damit ich hier wegziehe“, krähte der Vater Mark an. „Hier geht es dir doch gut“, antwortete Mark. „Warum gibt der Typ Geld aus, wenn er Vater doch nicht einmal gesehen hat, was, Inga?“ – „Er mag mich und ich habe ihm von Vater erzählt“, antwortete sie. „Und was musstest du dafür tun? Wie tief musstest du sinken, um das zu erreichen? Welch gottloses Leben du doch führst!“

Mark stand da wie ein Prediger, mit ausgebreiteten Armen. „Unser Vater braucht kein Geld, keine neue Wohnung… Er braucht Gott in seinem Herzen.“ Jost Lehnert fing an zu husten. „Lass mal gut sein“, keuchte er zwischen Hustenstößen, „meine Lunge ist so aufgebläht, da bleibt kein Platz für irgendetwas anderes in meinem Brustkorb.“

(294) Zufrieden besah sich Mark Lehnert die sechs Mitglieder seiner Gebetsgruppe…

Zufrieden besah sich Mark Lehnert die sechs Mitglieder seiner Gebetsgruppe, die sich vor dem Krankenhaus versammelt hatten. Sie standen auf der niedrigen Mauer am Zugangsweg und hatten so alle Besucher im Blick. Wie jedes Mal trugen alle weiße Hemden oder Blusen sowie schwarze Hosen oder Röcke. Sie hatten Schilder angefertigt mit Slogans wie ‚Abtreibung ist Mord‘, ‚Ich will leben‘ unter der Silhouette eines Embryos, ‚Gott sagt, du sollst nicht töten‘ und ‚Jedes 7. Kind stirbt im Bauch der Mutter‘. Mark trug eine Tafel mit der Aufschrift ‚Gott schickt euch alle zur Hölle‘. Mit Trillerpfeifen waren sie ausgerüstet und pfiffen alle Besucher des Krankenhauses aus.

Mark stand dem Eingang am nächsten und skandierte einer verängstigt aussehenden Frau hinterher: „Noch ehe ich dich im Mutterleib formte, habe ich dich ausersehen, noch ehe du aus dem Mutterschoß hervorkamst, habe ich dich geheiligt. Jeremias 1,5.“ Hinter der Glastür hatten sich zwei Pfleger aufgebaut und hielten der Frau die Tür auf. „Du Hure Babylon“, schrie Mark, bevor die Tür sich wieder schloss.

Eine halbe Stunde nach Beginn ihrer Aktion kam die Polizei. Mark stellte sich den Beamten entgegen und zeigte ihnen die Kopie eines Gerichtsurteils. „Hören Sie, Herr Lehnert“, sagte der ältere der beiden Polizisten, „wir sehen uns ja hier nicht zum ersten Mal. Das Urteil betrifft Gehsteigberatung. Das hier ist eine unangemeldete öffentliche Versammlung, die ich hiermit auflöse. Versammlungsgesetz § 15. Die Schilder sind beschlagnahmt. Aber das wissen Sie ja noch von letzter Woche. Ich hoffe, wir brauchen Sie dieses Mal nicht festzunehmen, oder?“ – „Gott wird euch alle bestrafen“, rief Mark mit hasserfülltem Gesicht, als ihm der Beamte das Schild abnahm. „Wir rufen ihn mal an und fragen nach“, antwortete der Polizist, „bis dahin gehen Sie alle bitte nach Hause, in die Kirche, oder meinetwegen in eine Konditorei, sonst müssen wir Sie festnehmen.“

(295) Es war still.

Es war still. Er hatte alle Kommunikationskanäle abgeschaltet und genoss es, völlig entbehrlich zu sein. Es war für ihn das höchste Glück. Nicht einmal Gedanken schienen sich noch zu regen. Jahre hätten vergehen können, ohne dass er es merkte. Irgendwann kehrte sein Bewusstsein zurück und dadurch auch seine Neugier.

Gott ging wieder auf Empfang. Sofort erfüllte kakophonisches Gedröhn den Raum. Er schaltete die meisten Frequenzen wieder aus und der Lärm wurde erträglicher. Er hörte Wünsche („Ich möchte, dass mein Mann mich wieder liebt“ oder „Bitte mach, dass ich mein Bein nicht verliere“), Flüche („Gott wird dich zur Hölle schicken“), Gebote („Gott hat uns aufgetragen, dass wir den Sonntag heiligen müssen und wer das Gegenteil macht, wird von Gott im Jenseits bestraft werden“) oder Predigten („Gott ist, was er tut. Und er tut, was er ist.“)

Gott seufzte, es hatte sich nichts geändert, seit er das letzte Mal hineingehört hatte. Es schien, als ob sich die Marke ‚Gott‘ verselbstständigt hatte und er selbst am Wenigsten gebraucht wurde.

Er schaltete die Kommunikation wieder ab. Ob er sich einmischte oder nicht, machte keinen Unterschied, denn jeder sah nur das, was er sehen wollte. Eigentlich würde er am liebsten alle, die in seinem Namen sprachen, zur Hölle schicken. Leider hatte er aber keine Ahnung, wie er es anstellen sollte. Wahrscheinlich war es auch nicht notwendig, denn alle, die ihn anriefen, waren längst in ihrer selbstgemachten Hölle. Er würde daran nicht viel verschlechtern können.

Was ihm wichtig erschien, war allerdings, die toten Seelen zu empfangen und ihnen ein paar Ratschläge für die Ewigkeit mitzugeben. Denn, so pflegte er zu sagen: „Die Ewigkeit ist verdammt lang!“

(296) Hallo. Ich bin Gott.

„Hallo. Ich bin Gott. Ihr könnt mich nicht sehen. Aus irgendeinem Grund kann man hier zwar hören, aber nicht sehen. Ihr seid jetzt alle tot. Obwohl ihr natürlich wusstet, dass es so kommen würde, ist es dennoch eine Überraschung. Die gute Nachricht ist: es gibt jetzt keine Gefühle mehr, es tut nichts weh. Ihr seid einfach nur tot.

Ihr fragt euch jetzt, bin ich im Himmel oder in der Hölle oder sonstwo. Ich würde sagen, ihr seid sonstwo, denn Himmel und Hölle gibt es natürlich nicht. Wenn ihr euer bisheriges Leben danach ausgerichtet hattet und jetzt enttäuscht seid, nicht im Himmel zu sein, dann tut es mir leid, aber es war nicht meine Idee. Es ist ein wenig so wie bei einer Flugreise: alle haben unterschiedliche Preise gezahlt, aber am Ende reisen alle in der gleichen Maschine.

Vielleicht sind welche unter euch, die erleichtert sind, weil sie die Hölle erwarteten. Ich glaube, das habt ihr eher hinter euch.

Die nächste Frage, die ihr euch bestimmt stellt ist: Was ist hier los, was kann ich machen? Ich weiß ja nicht, was ihr euch so vorgestellt habt, aber hier ist kein Ferienclub mit All-inclusive. Hier ist nichts, es passiert nichts und man kann auch nichts tun. Dafür habt ihr aber sehr viel Zeit. Das Leben war vorher. Wenn ihr es vorher nicht genossen habt, jetzt ist es zu spät. Ob ihr alleine seid? Ich fürchte ja, denn ihr hört mich zwar, könnt aber selbst nichts mitteilen, auch untereinander nicht. Ihr habt bestimmt noch mehr Fragen, aber ich weiß nicht mehr Antworten darauf. Mir geht es ja auch nicht viel besser als euch. Ehrlich gesagt, weiß ich ja nicht einmal, ob ihr mich hören könnt.

Also, macht das Beste daraus, ihr habt eh‘ keine Wahl. Und, wenn jemand doch einen Weg findet, wie man hier eine Partie Schach spielen könnte, ich wäre gerne dabei. Mäxchen wäre auch ok.“

(297) Krebsgeschwüre und Blutiges Meer

‚Krebsgeschwüre und Blutiges Meer – Stehen wir vor dem Jüngsten Gericht?

Pater Zölpich (67) ist ein Kenner der Apokalypse (Bibel, Offenbarung des Johannes). Er ist aber auch Naturwissenschaftler. „Die Anzahl der Krebserkrankungen steigt. Das Erdöl aus den undichten Bohrstellen im Ozean wurde mit Chemikalien behandelt: es färbt das Meerwasser rot. Die Meere sind fast leergefischt. Die Hitze nimmt zu und viele Arme, die sich keine Klimaanlage leisten können, sterben im Sommer. Der Euphrat ist schon fast ausgetrocknet.“

Für den Pater ist es klar: die Menschheit steht mittendrin in der Offenbarung des Johannes. „Wir sind kurz vor dem Jüngsten Gericht. Christus wird bald über die Menschen richten.“ Für die nächsten Monate erwartet der Pater eine Fortsetzung der Plagen: Verschattung der Sonne infolge der Verschmutzung der Erdatmosphäre, Zunahme der Erdbebentätigkeit und Hagelstürme unglaublichen Ausmaßes. (Lesen Sie auf Seite drei: Wie können Sie sich vor dem Hagel schützen? Ist es besser, beim Jüngsten Gericht vorn oder hinten in der Schlange zu stehen?).

Alle von Zölpich angeführten Naturveränderungen sind wissenschaftlich belegt. Allerdings hat sich bisher noch kein namhafter Wissenschaftler getraut, die einleuchtende Verbindung zwischen diesen Ereignissen und der Bibel zu ziehen. „Die Katastrophe kommt, gerade weil wir sie nicht wahrhaben wollen.“ Als Gründe für die fortdauernden biblischen Plagen macht der Naturwissenschaftler die allgemeine Gottlosigkeit der Menschheit aus. Pater Zölpich: „Gott möge uns gnädig sein. Es geht wahrhaftig zu Ende!“‚

(298) Leute, wir müssen uns darauf einstellen…

„Leute, wir müssen uns darauf einstellen: Irgendwann geht es mit uns zu Ende. Wollt ihr dann in einem Pflegeheim hocken und mit irgendwelchen Spießern Rollatorenrennen veranstalten? Oder wollen wir uns zusammentun und füreinander da sein?“

Theodor blickte sich um. Krista, Ulrich, Siegbert und Simone saßen alle nackt wie er auf den mitgebrachten Handtüchern in seiner Wohnküche und schauten ihn an.

„Ich sehe deinen Punkt, Theo. Wir kennen uns ja alle jetzt so lange, wir waren in vielen Camps zusammen, hatten immer viel Spaß miteinander. Aber eine WG ist da nochmal was ganz anderes.“

Ulrich fand, dass es wie ein Urlaubscamp sei, aber halt ohne bestimmtes Ende. Siegbert, der mit Theodor bereits die auserkorene Wohnung besichtigt hatte, fand die Idee „schlicht grandios“.

„Und du, Simone“, fragte Theodor. Sie räusperte sich: „Ich sage nicht nein, aber wir müssen über ein paar Regeln reden: Es soll sich ja jeder wohlfühlen. Zum Beispiel: wann praktizieren wir FKK und wann nicht?“

Sie fingen an zu diskutieren. Theo und Siegbert waren für komplette Kleidungslosigkeit in der Wohnung. Simone wollte vor dem Nachmittagstee einen vollständigen Kleiderzwang, wobei ihr Krista beipflichtete, allerdings nicht am Wochenende. Ulrich wollte eher einen Kleiderzwang am Abend, da ihm von Herbst bis Frühling grundsätzlich etwas fröstelig war. Unklar war allen, was passieren würde, wenn Nicht-Nudisten zu Besuch kamen, zum Beispiel Verwandte.

Die Wellen schlugen hoch. Theo sprang irgendwann auf: „Das kann doch alles nicht sein, Leute. Ich habe ein Top-Objekt gefunden, Super Lage, in Parknähe, Dachterrasse, Weitsicht, alles. Wir können, sobald wir wollen, dort einziehen. Wir hätten alles, was wir brauchen. Ist es denn möglich, dass gerade das, was uns in der Vergangenheit geeint hat, uns jetzt davon abhält, eine Alters-WG zu gründen?“ – „Der Theo sagt da ein wahres Wort“, pflichtete ihm Siegbert bei. „Sind wir jetzt Nudisten oder nicht?“ – „Mir scheint“, meinte Simone pikiert, „dass wir alle Nudisten sind, aber augenscheinlich nicht alle zum gleichen Zeitpunkt. Und weil der Nudismus für uns alle so wichtig ist, funktioniert das mit der WG nicht.“

(299) Laurenz Eberwein stützte sich mit den Ellbogen auf das Geländer der Dachterrasse

Laurenz Eberwein stützte sich mit den Ellbogen auf das Geländer der Dachterrasse und schaute hinüber zu dem Park. Seine Hände zitterten und er griff sie ineinander. Als er zum ersten Mal an diesem Ort war, hatte er sich ganz anders gefühlt. Damals: euphorisch, frohgemut und dem Neuen gegenüber aufgeschlossen. Heute fühlte er sich alt und verbraucht. Er war gerade dabei, seine Wohnung für einen Spottpreis zu verkaufen, um neu anfangen zu können.

Damals war er hierher gezogen mit Emily und gemeinsam hatten sie Lukas in seiner Tasche in die Wohnung getragen. Eberwein zwang sich, hinunter in den Hof zu schauen und es war, als ob sich eine kalte Faust um sein Herz legte. Da unten, neben den Mülltonnen auf dem schwarzen Asphalt, hatte Lukas gelegen.

Es war für Eberwein auch jetzt noch unvorstellbar, dass der kleine Junge auf das Geländer gestiegen sein musste und… Jedes Mal blieb er in seinen Gedanken stecken. Emily erging es nicht anders. Und sie hatten sich dennoch entfremdet, schon gleich danach. Der Schmerz hatte sie zuerst kurz vereint, dann hatte er Zweifel an ihr gehabt. Sie hatte es gespürt und eines hatte zum anderen geführt. Emily zog aus und dann war die Wohnung noch viel leerer. Es war jetzt das erste Mal, dass er sich wieder auf die Terrasse wagte. Er hatte sich dazu gezwungen, um sich nicht vollständig wie ein Unterlegener zu fühlen.

Seine Hände ballten sich zu Fäusten, die Haut wurde weiß an den Knöcheln. Eigentlich verstand er seine Trennung von Emily nicht. Sie waren auch vorher, vor Lukas, ein Paar gewesen und es hatte ihnen an nichts gefehlt.

Die Scheidung war schnell vorbei gewesen. Die Anwälte hatten sich rasch geeinigt. Es hatte keinen Grund gegeben, dass er und Emily sich noch einmal trafen, und so hatten sie es auch nicht getan. Wäre es möglich, einfach zu Emily zu fahren und einen Neuanfang zu wagen? Wollte er es und würde er es verkraften? Er fühlte sich stumpf. Alle Alternativen waren gleichermaßen uninteressant.

Er hatte beschlossen, eine Auszeit zu nehmen. Vom Job, von der Stadt… Einfach weg zu sein. Mal sehen, was sich ergeben würde. Irgendein neues Ziel finden, eine neue Perspektive.

(300) Die Zahlen des Unternehmens sind hervorragend…

„Die Zahlen des Unternehmens sind hervorragend, die Marktperspektiven können sich sehen lassen und der Aktienkurs lag gestern zum Börsenschluss bei knapp 199. Herr Eberwein: warum treten Sie gerade zu diesem Zeitpunkt zurück?“ Judith Falk legte die Hände in den Schoß und sah Laurenz Eberwein erwartungsvoll an. Sie kannte Eberwein seit langem. Nur deswegen hatte sie dieses Interview ergattert. Es war das einzige, das Eberwein geben würde.

Er saß mit fahlem Gesicht vor ihr und rührte mit fahrigen Gesten in seinem Kaffee, in den er noch keinen Zucker getan hatte. „Sie haben Recht, dem Unternehmen geht es blendend. Es ist das Ergebnis der harten Arbeit der letzten Jahre“, begann Eberwein. „Ich trete ausschließlich aus persönlichen Gründen zurück.“ Er schwieg. Sie wartete, aber er schwieg weiter.

„Gerüchte von möglichen Misserfolgen bei der kürzlich erworbenen australischen Gesellschaft entsprechen also nicht der Wahrheit?“ – „Nein, durchaus nicht“, erwiderte er schmallippig.

„Es gab also auch keine Intrige, des Aufsichtsratsvorsitzenden, der Ihnen im kleinen Kreis mangelnde Dynamik vorgeworfen haben soll?“ – „Nein, auch das nicht. Unsere Beziehung ist gefestigt und unsere Zusammenarbeit hat über die Jahre viele schwierige Ereignisse gemeinsam gemeistert.“ Wieder Schweigen.

Das Gespräch schien Eberwein sehr viel Kraft zu kosten.

Falk lehnte sich nach vorn und sprach: „Es tut mir leid, aber ich muss es fragen, Ihr Unternehmen ist börsennotiert, die Gesellschafter haben ein Recht auf Information. Sie hatten vor nicht allzu langer Zeit einen schweren Schicksalsschlag in der Familie. Ihr kleiner Sohn kam bei einem Unfall ums Leben. Hat der Verlust etwas mit Ihrer Entscheidung zu tun?“

Eberwein schüttelte den Kopf. Sie merkte, dass er gegen die Tränen kämpfte. „Es tut mir leid“, entschuldigte sie sich, „ich bin zu weit gegangen.“ Er schüttelte nochmals den Kopf. „Das verstehe ich nicht“, meinte sie. „Wenn es Ihnen hilft, Sie können mir gerne etwas off the record sagen. Sie waren mir gegenüber immer sehr fair.“

Eberwein schluckte und atmete tief durch. „Es ist nicht, weil ich vor dreizehn Monaten meinen Sohn Lukas verloren habe. Es ist vielmehr, dass ich vor Jahren mich selbst verloren habe.“