(281) Otto Pitz saß in seiner Laube und erholte sich vom Schrebergärtnern.

Otto Pitz saß in seiner Laube und erholte sich vom Schrebergärtnern. Plötzlich schreckte ihn ohrenbetäubender Lärm auf. Es war, als ob ein Düsenjet in seinen Rabatten landen würde. Er eilte nach vorn zum Zaun und schaute unter dem tiefhängenden Zweigen des Haselnussstrauchs durch. Sein Herz blieb fast stehen. Eine Rockergang, mindestens zehn Motorräder, kampierte im Pulk auf dem Brachland gegenüber. Ein paar Frauen waren auch dabei, aber sie schienen Pitz nicht vertrauenswürdiger zu sein als die Männer.

Er zog sich zurück, um nachzudenken und um nicht aufzufallen. Bald lugte er wieder durch den Strauch. Die Rocker waren noch da. Ein Motor röhrte auf, einer der Kerle spielte an der Gasschaltung. Ein anderer hatte Pitz entdeckt. Er redete mit seinen Kumpanen, deutete herüber.

Der Rentner duckte sich ab und hetzte zu seinem Schuppen zurück. Mit zittrigen Händen suchte er und fand eine Dose mit Pfefferspray, die er sich mal gekauft hatte, als es eine Reihe von Einbrüchen gegeben hatte. Er hatte das Zeug nur einmal an einer Nacktschnecke ausprobiert, sonst war die Dose noch unberührt. Er überlegte sich, ob er die Polizei rufen sollte. Was sollte er sagen? Die Beamten würden kommen und wieder abziehen, da nichts passiert war. Und dann würden die Rocker sich wahrscheinlich rächen. Er war ratlos.

Howie hatte Luke den alten Mann gezeigt, der verängstigt herübergeschaut hatte. „Ich sollte mal rübergehen und mit ihm reden. Wenn er die Polizei ruft, führt das zu endlosem Gerede und damit ist keinem geholfen“, sagte Luke.

Er überquerte die Straße in Richtung der Holztür im Zaun. Einen Augenblick hatte er geglaubt, einen Schatten hinter den Sträuchern zu sehen. Er rief „Hallo?“. Keine Antwort. Jetzt hatte Luke die niedrige Tür erreicht und beugte sich etwas darüber, um besser zu sehen. Er öffnete die Pforte und wollte hineingehen, als Pitz ihn von der Seite ansprang und ihm eine Ladung Pfefferspray ins Gesicht sprühte. Luke schrie auf vor Schmerz.

Danach passierte alles sehr schnell. Die anderen Clubmitglieder kamen angerannt, sahen Luke, der sich beide Hände vor das Gesicht hielt und Otto Pitz, wie angewurzelt, noch mit der Spraydose in der erhobenen Hand. Einer schlug ihm die Dose weg und Howie rammte ihm seine behandschuhte Rechte ins Altmännergesicht. Weitere Clubmitglieder kamen mit Baseballschlägern und Motorradketten.

(282) „Das Miststück klemmt“, murmelte Jürgen Damm

(282)

„Das Miststück klemmt“, murmelte Jürgen Damm und zerrte an der Pistole. Der Schlitten ließ sich mit Kraft wieder zurück bewegen, aber gebrauchen konnte man die Waffe nicht. Er legte sie auf die Zeitung und las noch einmal den Artikel, der ihn dazu geführt hatte, seine alte Armeepistole aus dem Kellerversteck hervorzuholen.

„Rockergang schlägt Rentner in Schrebergarten: Lebensgefahr!“ Er kannte Otto Pitz vom Sehen. Das und die Brutalität des Angriffs (Knochenbrüche, Prellungen, Gehirnerschütterung, Nasenbruch) hatte ihn tief schockiert. Mit offenem Mund hatte er den Artikel gelesen, besonders den Augenzeugenbericht der Nachbarin, die die Polizei gerufen hatte. Man hoffte, die Schuldigen bald zu finden.

Von einem Augenblick zum anderen fühlte sich Damm wehrlos und dachte daran, dass die Tage sich wieder verkürzten und er seine Abendspaziergänge im Dunkeln machen würde. Er brauchte Schutz und deshalb hatte er sich an die alte Pistole erinnert.

Pitz hatte noch versucht, sich mit Pfefferspray zu wehren, aber das hatte nicht ausgereicht. Damm würde besser vorbereitet sein. Allerdings musste die Pistole erst einmal wieder instandgesetzt werden. Legal ging das nicht, denn er besaß keinen Waffenschein.

Nachmittags fuhr Damm zu einem Waffengeschäft in der übernächsten Stadt, wartete, bis er mit dem Verkäufer allein war und fragte, ob der Laden auch besondere Reparaturen durchführe. Hendrik Bohm, dem Besitzer, war klar, dass Damm kein Polizist in Zivil war, sondern jemand wie er. Ein normaler Bürger, aber nicht ständig mit allen Buchstaben des Gesetzes in Einklang.

Sie gingen in die fensterlose Werkstatt. Damm nahm die Waffe heraus, wickelte sie aus der Zeitung und legte sie hin. Bohm zog Handschuhe über und sah sich die Pistole an. Er pfiff leise durch die Zähne. Es war eine Original FN 1922, die von der Wehrmacht als Pistole 641(b) eingesetzt wurde. Zwei Details waren es, die bei Bohm Freude auslösten: Auf der Visierlinie befand sich ein graviertes ‚W‘ mit einer Krone darüber und am Abzugsbügel der Stempel ‚WaA613‘. Von dieser Waffe gab es weniger als tausend Stück und die meisten davon existierten nicht mehr. Bohm hielt eine Rarität in Händen.

„Woher haben Sie die Waffe?“, fragte er. „Ich weiß es nicht mehr.“ Bohm überlegte kurz, ob Damm log, war aber gleich wieder in die Waffe vertieft. Er bot Damm an, die Waffe gegen eine neue zu tauschen. Damm lehnte ab. Bohm versprach, die Pistole wieder in Stand zu setzen. „Etwa eine Woche, ich rufe Sie an.“ – „Ich komme vorbei, in genau einer Woche“, verbesserte ihn Damm.

(283) Bohm stieg die Betontreppe hinunter in den Keller des verlassenen Lagerhauses.

Bohm stieg die Betontreppe hinunter in den Keller des verlassenen Lagerhauses. Licht drang durch die Ritze der Stahltür. Er hörte ein Lied von Frank Sinatra, Manfreds persönlichem Held. Da es Manfreds Anlage war, hatte er ein Vorrecht bei der Auswahl der Musik.

Bohm öffnete die Tür und trat in den Clubraum. Siegmar, Manfred, Rocky – die üblichen Verdächtigen saßen am Spanplattentresen und prosteten ihm mit ihren Bierflaschen zu. Weiter hinten, am Ende des langen, breiten Flurs standen neue Sargdeckel mit Zielscheiben dran. „Gute Sache, Siegmar“, lobte Bohm, „Eiche?“ – „Jo“, antwortete Siegmar Jahns. Er war Bestatter und brachte mangelhafte Erzeugnisse der eigenen Sargproduktion mit in den Club. Die Sargdeckel eigneten sich hervorragend als Kugelfang und zur Befestigung der Zielscheiben.

Rocky pellte sich vom Barhocker und stellte sich in Position. 20 Meter Entfernung zu den Zielscheiben. Er hob den Arm mit der HK Mk23, zielte und feuerte in kurzen Abständen zwölf Mal, bis das Magazin leer war. Der Knall kam wie ein hartes bellendes Husten aus allen Ecken des Kellers wieder zurück. Siegmar hob das Fernglas an die Augen und nickte anerkennend: „Nicht schlecht!“ Rocky drückte seiner Mk23 einen Schmatzer auf und setzte sich wieder.

Bohm stellte sich in die Mitte an den Tresen. „Ich habe euch etwas Feines mitgebracht.“ Er griff in die Manteltasche und zog die 641 heraus. Er hatte sie repariert und standesgemäß in einen passenden Holster von Krieghoff geschoben. Bohm erläuterte, dass es die belgische Browning in dieser Ausführung nur etwa 3.000 Mal gebe. Das ‚W‘ zeige, dass die Waffe aus holländischen Beständen stammte, was die Pistole zu einer noch größeren Rarität machte.

Siegmar war fasziniert. „So eine hatte ich ja noch nie in den Händen“, meinte er. Er wog sie erst auf der flachen Hand, bevor er sie fest packte und damit auf eine Zielscheibe anlegte. „Fantastisch.“ Er reichte die Waffe weiter an Rocky, der sie andächtig mit den Fingerspitzen berührte. „Die ist original. Wie viele damit wohl erschossen wurden?“ Als letzter war Manfred dran. Er fragte Bohm: „Darf man?“ Bohm nickte und stellte eine Packung Munition auf den Tresen. Manfred belud das Magazin und steckte es in den Griff der Pistole. Er stellte sich auf das große schwarze Kreuz der 20 Meter-Schussposition und hob die Pistole, sie mit beiden Händen umklammernd. Er drückte ab und alle lauschten andächtig dem nachhallenden Knall.

(284) „Er ist friedlich eingeschlafen, das ist mein größter Trost“

„Er ist friedlich eingeschlafen, das ist mein größter Trost“, Renate Korn wischte sich die Tränen aus den Augenwinkeln. Hansjürgen, ihr Sohn, legte seine Hand auf ihre. Siegmar Jahns, der Bestatter, saß ihnen gegenüber und sah neutral-betroffen aus.

Hansjochen Korn war nach langer Krankheit zu Hause einfach im Schlaf gestorben. Renate hatte es erst am nächsten Morgen gemerkt. Viele von Korns Feinden hatten nicht dieses Glück gehabt.

Korn stammte aus kleinen Verhältnissen, hatte sich mit Grips und Gewalt hochgearbeitet und dafür viele Revierkämpfe führen müssen. Zimperlich war er nie gewesen. Seiner Frau und seinem Sohn hinterließ er, soweit Jahns es abschätzen konnte, ein großes, gutgehendes Bordellimperium.  Nachdem der Patriarch aber nicht mehr da war, würde das Geschäft künftig stärker unter Druck geraten. So wie beim Römischen Reich, dachte Jahns.

Korn hatte seine Trauerfeier noch selbst genau planen können. Von der Blumendekoration (Lilien, weiß) bis zum Chor (gemischt, schwarze Kleidung, Psalm 23) – er hatte alles geregelt. Offener Sarg, also mit entsprechender Aufbereitung.

Jahns hatte Übung, denn es war nicht das erste Mal, dass er für die Halb-/Unterwelt arbeitete. Auch die Sitzordnung bei der Trauerfeier hatte Korn entworfen. Renate überreichte Jahns das Dokument. „Was ist, wenn nicht alle kommen?“, fragte er. „Sie werden kommen“, antwortete Korn. „Bitte stellen Sie jemand neben den Sarg. Ich will nicht, dass die Leute Nadeln in ihn stechen, um sicher zu gehen, dass er auch wirklich tot ist“, bat Renate Korn. Jahns sicherte ihr zu, dass er sich darum kümmern werde.

Bei allen Entscheidungen, die Hansjochen Korn nicht selbst getroffen hatte, gab es keine Diskussionen: Mutter und Sohn wählten jedes Mal die teuerste Variante. Sie wussten, dass die anwesenden Wettbewerber jedes Detail bewerten würden und sie wollten sich keine Blöße geben. Vor allem nicht vor Balzer und Nowak.

(285) Hansjürgen Korn war mit der Trauerfeier und dem Leichenschmaus zufrieden.

Hansjürgen Korn war mit der Trauerfeier und dem Leichenschmaus zufrieden. Es war eine letzte Ehrerbietung für seinen Vater gewesen, gleichzeitig aber auch ein Test für das Erbe, das er angetreten hatte. Besonders bei Uwe Balzer und Ruttger Nowak fühlte er sich unsicher. Die beiden waren die größten Konkurrenten seines Vaters. Hansjürgen würde sie fest im Auge behalten müssen. Zu dritt beherrschten sie den Markt und deshalb war jeder den beiden anderen gegenüber misstrauisch.

An diesem Abend, so schien es ihm, gab es eine Art Waffenstillstand und irgendwann saßen die beiden alten Hasen mit Hansjürgen Korn zusammen an einem Tisch. Balzer und Nowak erzählten zuerst Anekdoten über Hansjochen Korn. Manche Geschichten kannte Hansjürgen, andere waren ihm neu.

Dann redeten sie über den Markt. Nowak beschwerte sich über das Internet. Sicher, man könne darüber werben, räumte er ein, aber sonst mache das Internet alles kaputt. „Diese Anonymität ist schrecklich“, klagte er, „die Leute holen sich zu Hause lieber einen runter, als dass sie unter Menschen gehen.“ Balzer pflichtete ihm bei. „Bei allen Mädchen brauchst du im Internet Fotos von vorne, hinten, oben, unten… Wozu soll das gut sein, wo bleibt die Romantik?“

Renate hatte sich früh zurückgezogen, auch das ein Zeichen, dass ihr Sohn jetzt die Geschäfte führte. Hansjürgen genoss das Gespräch, auch weil er wusste, dass am nächsten Tag bereits wieder das Recht des Stärkeren galt.

Für alle Trauergäste gab es am Ausgang ein Präsent, noch von Korn selbst ausgedacht und nur wenige Tage vor seinem Ableben in Auftrag gegeben. Als er ihnen davon erzählt hatte, waren Renate und Hansjürgen anfangs nicht sehr angetan gewesen, hatten sich dann aber Hansjochen gefügt. Obwohl er im Sterben lag, hatten sie noch Angst vor ihm gehabt und so war auch diesmal sein Wunsch Befehl.

Später am Abend, viele Gäste waren bereits gegangen, kam Ulf Sieber, ein Aushilfskellner, mit einem Tablett schmutziger Gläser am Tisch mit den Präsenten vorbei. Er blickte sich um und als keiner zuschaute, steckte er eine der weißen Schachteln mit schwarzem Rand in die Tasche seiner Schürze.

(286) Maren klebte den Zettel mit der Nummer 7 an die weiße Schachtel…

Maren klebte den Zettel mit der Nummer 7 an die weiße Schachtel mit dem schwarzen Rand. „Sieht etwas düster aus“, bemerkte sie zu Ulf, der sie nur angrinste. „Etwas ganz besonderes“, antwortete er.

Es klingelte schon wieder. Maren drückte auf den Türöffner und holte Ulf das gewünschte Bier aus dem Kühlschrank. Durch die angelehnte Wohnungstür trat Till ein. Sie gaben sich Wangenküsschen und er drückte ihr ein unförmiges, von Zeitungspapier umhülltes Bündel in die Hand. „Da hast du dir aber wirklich sehr viel Mühe gegebene“, meinte Maren, pappte die Nummer 8 darauf und stellte es zu den anderen Päckchen unter den Weihnachtsbaum.

Nach einer halben Stunde tönte Maren mit einem Löffel gegen ihr Weinglas. „Der große Moment ist gekommen“, verkündete sie. „Wir schreiten zur diesjährigen Verlosung der Hausgräuel.“ Sie setzte sich eine Weihnachtsmütze auf und griff sich die Jutetasche mit den Losen. Ihre Gäste scharten sich gespannt um sie herum.

Maren hielt die Tasche Grit hin. Sie zog die Nummer 7. Maren suchte mit kreisendem Finger, fand Ulfs Schachtel und überreichte sie Grit. Grit kratzte den Klebestreifen mit dem Nagel auf und zog ihn ab, bevor sie die Schachtel öffnen konnte. Darin fand sie einen Quader aus durchsichtigem Acryl, in dem eine 9×19 mm Patrone eingebettet war. Auf der Patrone war eingraviert „Hansjochen Korn“ sowie seine Lebensdaten. Ulf erklärte die Herkunft des Objekts. Gritt erklärte sich außerstande, dieses Hausgräuel mit nach Hause zu nehmen, worauf alle auf sie einredeten, dass sie es machen musste, denn so waren nun einmal die Spielregeln.

Ulf zog die nächste Nummer, und zwar die 8. Er riss das Zeitungspapier ab, und ein „Boah“ entfuhr ihm, als er einen Clown in den Händen hielt. Die anderen Gäste johlten und Gritt lachte ihn aus. Der Clown stierte Ulf mit hämisch-sadistischem Lächeln an und Ulf wusste sofort, dass er ihn noch am U-Bahnhof entsorgen würde. „Den hast du nicht zu Hause gehabt“, vermutete Maren. Till gab zu, den Clown in einem Trödelladen gekauft zu haben. „Schiebung“, empörte sich Ulf, aber der dämonische Clown gehörte erst einmal ihm.

(287) Weit dahinten trafen sich Himmel und Erde.

Weit dahinten trafen sich Himmel und Erde. Davor floss der Kanal an dem großen Rangierbahnhof entlang. Links konnte Hugo Lorenz den Michigan-See erkennen, hell erleuchtet in der hochstehenden Sonne. Er saß im 73. Stock des Sears-Tower und hörte seit zwanzig Minuten Waring zu, davor waren es Smarandache-Wellin und davor Guido Wiese gewesen. Die Vertriebskonferenz nahm kein Ende. Als seine Region am Vormittag abgehakt war, hatte er eigentlich gehen wollen, aber Waring hatte ihm unmissverständlich klar gemacht, dass der Teamgeist seine Präsenz erforderte. Lorenz musste auf jeden Fall aber noch zu einem kleinen Laden am Lincoln Park, etwa 10 Minuten entfernt, mit dem Taxi.

Von jeder seiner Reisen brachte er Ursula, seiner Ehefrau, eine Clownsfigur mit, meistens aus Porzellan. Sie hatte vor vielen Jahren mit dem Sammeln angefangen, eigentlich nur aus Zufall.

Eine Freundin hatte ihr einen Clown geschenkt. Aus Höflichkeit hatte sie ihn in eine Vitrine gestellt. Prompt bekam sie noch mehr davon. Am Ende war es ein Selbstläufer. Das erste Mal, als er ihr eine Figur mitgebracht hatte, war es mit Ironie gewesen. Dann fand Ursula die Idee der Clownsammlung lustig und es hatte sich eingebürgert, dass jeder, der sie kannte, ihr eine Figur von Reisen mitbrachte.

Der kleine Laden in der North Wells Street hatte eine große Auswahl und Lorenz war etwas unruhig, ob er den Trip dahin noch schaffen würde. Es war die letzte Chance während seines Aufenthalts in Chicago.

Er stand auf und verließ den Konferenzraum. Gwenda, Warings Sekretärin war an ihrem Platz. Sie war immer sehr höflich und nett zu ihm. Er erklärte ihr das Problem und fragte, ob es jemand gebe, der diese Besorgung für ihn erledigen könne, er würde natürlich für die Zeit bezahlen. Gwenda lächelte verständnisvoll und meinte, dass ein Neffe von ihr nicht weit von dem Laden wohne. Sie würde es mit ihm klären.

Eine dreiviertel Stunde später kam Gwenda in das Konferenzzimmer und stellte wortlos eine weiße Tüte neben Lorenz‘ Stuhl. Als er sich vor seiner Abreise bei ihr bedankte, wollte sie nicht einmal Geld von ihm. Er gab ihr trotzdem eine Hundertdollarnote für den Neffen.

Als Ursula bei seiner Rückkehr das Paket öffnete, schaute sie Hugo verblüfft an und holte einen Kunstharzclown heraus, der eine Kettensäge in der Hand hielt, vollständig wie mit Blutspritzern besudelt war und einen irren Gesichtsausdruck hatte. Die beiliegende Karte war von einem Laden für Halloweenzubehör. Es musste ein Mieterwechsel in der North Wells Street 353 stattgefunden haben.

(288) „Ich heiße Inga“, stellte sich seine Sitznachbarin auf 17A vor.

„Ich heiße Inga“, stellte sich seine Sitznachbarin auf 17A vor. „Guido Wiese“, antwortete er. Sofort dachte er, dass das etwas förmlich klang, aber er war noch im Konferenzmodus. Heimlich hatte er Inga bereits die ganze Zeit beobachtet, aber außer einer kurzen Begrüßung und dem Hin-und Herreichen des Tabletts hatten sie noch keinen Kontakt gehabt. Als er sich die Fotos der Frühjahrskollektion anschaute, hatte sie ihn gefragt: „Business or pleasure?“ Er hatte lachen müssen. „Beides“, antwortete er, „ich bin für alle Märkte in Südeuropa verantwortlich. Fein- und Strickstrumpf.“ – „Sehr interessant“, meinte sie, „und worauf müssen sich meine Beine künftig einstellen?“

So waren sie ins Gespräch gekommen. Inga war auch beruflich in Chicago gewesen. Es gab weitere Gemeinsamkeiten zwischen ihnen. Sie kamen beide ursprünglich aus der gleichen Region, bevor es sie in die große Stadt verschlagen hatte. Beide konnten sich nicht mehr vorstellen, in die Provinz zu ziehen.

Guido war froh, nach den drögen Tagen im Sears Tower endlich wieder mit einem normalen Menschen zu sprechen. Er war selbst erstaunt, dass er sich fast euphorisch benahm und er fand sich ungewohnt schlagfertig. Inga und er lachten viel auf dem Flug und die Zeit verging sehr schnell.

Als fast alle anderen Mitreisenden bereits schliefen, redeten sie weiter flüsternd miteinander, dabei steckten sie die Köpfe ganz nahe aneinander. Guido genoss es, ihre weichen, angenehm duftenden Haare an seiner Nasenspitze und seinen Lippen zu spüren. Er verglich Inga mit Helen, seiner Frau. Es war natürlich unfair, aber es drängte sich ihm auf. Natürlich war Inga jünger als Helen. Vor allem aber schien sie ihm viel lebendiger. Mit ihr hatte er das Gefühl, dass er im Leben mehr Spaß haben könnte, als es jetzt der Fall war. Sie gab ihm das Gefühl, dass er auch etwas anderes war als nur der Brötchenverdiener.

Erst als Flug 269 landete, dachte Guido daran, dass Helen ihn abholen würde. Inga schien ihm schnell wieder weit entfernt zu sein.

Nachher am Gepäckband las er eine SMS, die Helen ihm geschickt hatte, während er im Flugzeug saß: ‚Meine Mutter ist im Krankenhaus. Nichts Ernstes. Bin hingefahren für 3 Tage. Du kommst ja zurecht. Helen‘. Guido sah auf. Inga stand gegenüber, auf der anderen Seite des Bands. Er winkte hinüber. Sie winkte zurück. „Frühstück?“, rief er ihr zu. Sie nickte heftig und lächelte ihn an. Er fühlte, wie sich sein Herz in der Brust verkrampfte.

(289) Es war später Nachmittag, als Guido endlich zu Hause ankam.

Es war später Nachmittag, als Guido endlich zu Hause ankam. Die letzten 24 Stunden waren völlig verrückt gewesen. Er hatte Inga im Flugzeug kennen gelernt, war mit ihr frühstücken gegangen, hatte ihr geholfen, das Gepäck nach oben zu tragen und hatte sie geküsst, kaum dass sie bei ihr in der Wohnung standen. Es hatte bestimmt auch mit dem Jetlag zu tun und der ungewöhnlichen Nacht im Flugzeug, in der er kein Auge zugetan hatte.

Sie hatten sich geküsst, danach hatte sie ihn auf einen Stuhl gesetzt, ihm mit dem Zeigefinger einen Kuss auf die Lippen gepresst und war im Schlafzimmer und im Bad verschwunden. Als sie ihn zu sich rief, lag sie im Bett unter einem seidigen Laken und fragte ihn, ob er ihr nicht noch ein wenig Gesellschaft leisten wollte. Er kam sich vor wie ein Pubertierender. In Windeseile hatte er sich aus dem Auszug gepellt und war zu ihr ins Bett geschlüpft. ‚Wie im Film‘, dachte er während der nächsten Stunden ständig. In ihren Händen fühlte er sich wie Wachs.

Später, als seine Erregung abgeklungen war, schlichen sich immer weitere Fragen in seinen Kopf. ‚Was mache ich hier? Wie soll das weitergehen? Was ist mit Helen?‘

Er stellte fest, dass er in einem realen Traum war, den er aber verlassen musste. Es gab dafür keine Zukunft. Irgendwann sagte er Inga, dass er jetzt nach Hause müsste, und sie schien ihm sehr verständnisvoll.

Als Guido im Taxi nach Hause saß, lächelte er wieder. Er hatte ein unglaubliches Abenteuer erlebt, aber es war gut ausgegangen und niemand würde etwas herausfinden. Er freute sich darauf, Helen wieder zu sehen und überlegte, ihr nachzureisen.

Am nächsten Tag wurde ein Briefumschlag im Büro abgegeben. Er war an ihn persönlich adressiert und enthielt Fotos von ihm und Inga beim Sex. Dazu ein Zettel, auf dem geschrieben stand: ‚€50.000‘. Das war es also gewesen: ein abgekartetes Spiel. Guido stornierte alle Termine für den Nachmittag und zog sich in sein Büro zurück.

Ihm wurde klar, dass es nicht bei €50.000 bleiben würde. Er musste die Bilder und die Dateien bekommen. Er fühlte sich gedemütigt. Gleichzeitig spürte er aber auch die Herausforderung, dieses Problem zu lösen. Er fing an zu planen, wie er es schaffen würde.

(290) Guido saß auf dem Rücksitz des Autos…

Guido saß auf dem Rücksitz des Autos und lehnte den Kopf an eine zusammengerollte Decke, die auch etwas über sein Gesicht fiel. Es schien, als ob er schliefe. In Wirklichkeit beobachtete er die Haustür gegenüber.

Ein Taxi fuhr vor. Guido ballte automatisch eine Faust, als Inga aus dem Haus trat. In der Hand trug sie eine Sporttasche. Sie stieg in den Wagen und fuhr weg. Guido schaute an dem Haus hoch. Die Fenster, die zu ihrer Wohnung gehören mussten, waren dunkel. Er wartete noch ein wenig, dann stieg er aus. Am Klingelbrett drückte er gleichzeitig mehrere Knöpfe. Der Türöffner surrte, er war drinnen.

Sein Hobby war Lockpicking und das kam ihm jetzt gerade recht. Mit Spanner und Hook öffnete er mühelos die Wohnungstür.

Als er in die dunkle Wohnung eintrat, empfing ihn Ingas Duft. Es machte ihn wütend, dass er so hereingelegt worden war.

Zuerst durchsuchte er das Schlafzimmer. Schnell fand er die Kamera, die hinter einer Verkleidung versteckt war. Er entnahm die Speicherkarte. Anschließend suchte er weiter. Im Kleiderschrank entdeckte er ein Schmuckkästchen mit weiteren Speicherkarten. Daneben ein Laptop. Er klappte es auf und fand auf der Tastatur einen Zettel mit Passwörtern. Laptop, Speicherkarten und alles andere, das ihm wichtig erschien, stopfte er in den Rucksack, den er mitgebracht hatte. Zur Sicherheit ging er den Rest der Wohnung noch einmal systematisch durch. Im Küchenschrank hinter den Tassen fand er einen weißen Umschlag mit CDs. Auch diesen sackte er ein. Als er fertig war, überlegte er sich, ob er ein Versteck übersehen hatte. Aber es fiel ihm nichts ein. So verließ er die Wohnung.

Als er später zuhause seine Beute sichtete, fand er die Fotos mit ihm auf einer Speicherkarte, der Festplatte des Laptops und auf einer CD. Es wunderte ihn, dass es sonst keine kompromittierenden Fotos gab, nur Bilder von Inga mit Freunden oder Verwandten. Es schienen normale Urlaubs- und Familienbilder zu sein, ohne Erpressungspotenzial.

Zur Sicherheit zerstörte er alle Speichermedien mit einer Kneifzange, baute die Festplatte aus dem Laptop heraus und zerlegte sie ebenfalls in Einzelteile. Noch in der gleichen Nacht verteilte er die Einzelteile auf verschiedene Mülltonnen im Viertel. Er fühlte sich erleichtert.