(261) Der Architekt Sven Ebert hatte seinen potenziellen Bauherren in eine ruhigere Ecke bugsiert.

Der Architekt Sven Ebert hatte seinen potenziellen Bauherren in eine ruhigere Ecke bugsiert. Party konnte man nachher machen, aber er wollte sein Konzept so lange erklären, wie Johannes Guberath noch nüchtern und aufnahmebereit war.

„Sie haben ein unglaubliches Grundstück oben auf den Klippen. Das ist wirklich einmalig und wir müssen daraus etwas Denkwürdiges machen. Das sehen Sie doch auch so, oder?“ Guberath stimmte zu, gab aber zu bedenken, dass es ihm vor allem darauf ankam, einen wirtschaftlichen Wert zu schaffen. „Aber genau das will ich auch. Sehen Sie: Denkwürdig heißt ja, man erinnert sich daran. Und das führt zu den höchsten Preissteigerungen. Es geht hier nicht um ein Mietwohnungsreihenhaus, sondern um einen Meilenstein von Wohnhaus. Das Johannes-Guberath-Haus, so wie man auch vom Frederick C. Robie House spricht, das Frank Lloyd Wright in Chicago gebaut hat. Etwas Wertiges und Bleibendes.“

Guberath gab ihm Recht, stellte aber in Frage, ob es wirklich sinnvoll sei, das geplante Wohnhaus zur Hälfte über den Klippenrand hinaus zu bauen und dann mit Streben abzustützen. Er wisse nicht, ob sich die Bewohner des Hauses darin wohl fühlen würden. Immerhin habe man den Eindruck, das Haus könne jeden Augenblick abstürzen. Das könne einen negativen Einfluss auf die Wertentwicklung haben.

„Herr Guberath, ich habe das alles mit den Geologen und den Statikern doppelt und dreifach überprüft: die Konstruktion ist völlig sicher. Sie werden sehen, in den Architekturmagazinen wird das Haus so oft abgebildet werden, dass Sie alleine dadurch einen enormen Wertzuwachs haben. Gratiswerbung, was will man mehr?“

Guberath schien zu zögern. Er gab zu bedenken, dass der Ruhm natürlich vor allem auf Ebert, den Architekten, zurückfallen würde und dass es aber er sei, der als Bauherr das gesamte Risiko zu tragen habe. „Herr Guberath, haben Sie morgen eine Stunde Zeit? Ich möchte Ihnen das Haus zeigen, das ich gerade baue. Auch hier gab es eine Komplikation, die das Bauvorhaben scheinbar unmöglich gemacht hat. Der Bauherr und ich haben das aber bestens gemeistert.“ – „Was war das Problem?“, fragte Guberath interessiert.

Ebert erklärte ihm, dass es sich um einen Bungalow mit extrem hohen Decken handelte, einer vollständig verglasten Fassade und verborgenen Pfeilern. Es wirke so, als ob die Decke, ja das ganze Dach über der Wohnfläche schwebe.

(262) Wolf Benz, der Polier, winkte dem Fahrer der Betonpumpe zu.

Wolf Benz, der Polier, winkte dem Fahrer der Betonpumpe zu. „Weiter zurück“, schrie er, „da passt ja noch ein Bus dazwischen.“ Er blickte hinüber zu den Maurern. „Schulz, jetzt mal zack, zack, hau den letzten Riegel in die Verschalung und dann fertig. Wir gießen jetzt.“

Er schaute zurück zu der Pumpe. „Stopp, du Vollidiot, hast du keine Augen im Kopf.“

Es war keine übliche Baustelle, denn das Haus, an dem sie bauten, hatte fast keine Außenwände. Sie waren gerade dabei, die letzte tragende Säule zu gießen, aber sogar die Verschalung war so dünn, dass man sie von der Seite kaum sah. Benz hatte den Eindruck, es nur mit Idioten zu tun zu haben. Ohne ihn wäre es das reinste Chaos.

„Alle Kinder rennen über die Wiese, außer Fritz, den trifft der Blitz! Schulz, bist du jetzt endlich fertig mit dem Getrödle?“ Schulz nickte, der Schweiß rann ihm unter dem Helm hervor.

„Jetzt hängt doch den verdammten Rüssel in die Verschalung, wir haben nicht mehr viel Zeit“, schrie Benz den Pumpenfahrer an, der eifrig dabei war, den Verteilungsmast auszuschwenken. Als er fertig war und Schulz, der auf die Verschalung geklettert war, den Daumen hochhielt, schrie Benz „Beton Marsch!“. Die Pumpe fing an, das Betongemisch über den Endschlauch auszuspucken. Alle Augen waren auf die Verschalung gerichtet.

„Viertel voll“, schrie Schulz, der einen Flaschenrüttler in die Betonmasse hielt, um Luftblasen zu verhindern. Plötzlich lief Benz auf die Schaltafel zu und warf sich mit voller Wucht dagegen. „Holz, holt Holz, die Tafel steht nicht fest. Beton Halt!“, schrie er und drückte mit dem Rücken gegen die Wand, stemmte sich mit den Beinen in den erdigen Untergrund. Zwei Arbeiter kamen mit Balken angerannt, die sie rechts und links von Benz an die Verschalung lehnten, dann das andere Ende in den Boden rammten und mit Vorschlaghämmern zwei Keile davor in den Boden trieben. Benz lief vor Anstrengung rot an im Gesicht. Als die Balken fest waren, prüfte er die Stabilität der Schaltafel. Sie hielt. Die Bauarbeiter und auch der Fahrer der Pumpe klatschten ihm Beifall.

Benz lachte, froh, den Einsturz der Verschalung verhindert zu haben. „Schulz!“, schrie er nach oben zu dem verdatterten Bauarbeiter, „der Riegel saß nicht fest. Wenn das nochmal vorkommt, bist du gefeuert, das ist eine Abmahnung! Du hast fünf Minuten Zeit, da ‘reinzusteigen und den Riegel zu fixieren!“

(263) Rosi stand in der Tür und schaute ins Wohnzimmer.

Rosi stand in der Tür und schaute ins Wohnzimmer. Ein Bild für die Götter, dachte sie. Wolf saß auf der Couch und Natascha auf seinem Schoß. Beide schauten ganz konzentriert auf den Fernsehschirm. Es lief ein Trickfilm mit dem kleinen Ferkel Rongipongi, das zusammen mit dem Bären Balduin unterwegs war.

Rosi holte ihre Digitalkamera und schoss ein Foto. Als Wolf und Natascha nach der Quelle des Blitzlichts schauten, hatten beide den gleichen erschrockenen Gesichtsausdruck. Rosi meinte nur: „Sah gerade so schön friedlich aus“, und kehrte wieder in die Küche zurück.

Nachher brachte Wolf Natascha ins Bett. Wie an den meisten Abenden las er ihr noch eine Gutenachtgeschichte vor, ebenfalls mit dem Ferkel Rongipongi, denn das war zur Zeit Nataschas Lieblingsfigur. Aber bevor Rongipongi den Satz sagen konnte, mit dem jede Geschichte endete, nämlich ‚Und morgen ist wieder ein ganz neuer Tag‘, war Natascha bereits eingeschlafen. Wolf zog die Decke etwas höher und hauchte ihr einen Kuss auf die Stirn.

Danach aß er mit Rosi zu Abend. Er erzählte ihr von den Tagesereignissen auf der Baustelle, auch von der Fastkatastrophe mit der Schaltafel, bei der er sich einen steifen Nacken geholt hatte. Nach dem Essen massierte sie ihm die Schultern und bedauerte ihn ein bisschen, das mochte er gern.

Dann saßen sie noch gemeinsam vor dem Fernseher. Wolf bastelte an einem Bett für das Puppenhaus, das er Natascha zum Geburtstag schenken wollte. Rosi meinte, ein Schweinestall für Rongipongi wäre wohl angebrachter, denn Natascha wünschte sich nichts lieber als ein Ferkel. Beide waren sich aber einig, dass ein Schwein ihnen auf keinen Fall ins Haus käme.

(264) Natascha sah sich im Traum ganz nahe an dem tiefen Graben im Zoo.

Natascha sah sich im Traum ganz nahe an dem tiefen Graben im Zoo. In der Hand hielt sie eine Erdnuss. Auf der anderen Seite des Grabens stand ein Elefant. Er streckte seinen Rüssel zu ihr aus, aber er konnte die Erdnuss nicht erreichen. Auch als Natascha ihren Arm ganz weit ausstreckte, war der Rüssel immer noch zu kurz.

Der Elefant lehnte sich nach vorn. Dadurch verlor er das Gleichgewicht und stürzte in den Graben. Als er unten war und heraufschaute, trötete er ganz kläglich. Natascha fühlte sich schlecht, denn eigentlich war es ja ihre Schuld gewesen. Ihr Arm war einfach zu kurz. Sie warf eine Erdnuss in den Graben zu dem Elefanten.

Um Natascha herum versammelten sich Leute, die alle riefen: „Der arme Elefant, was können wir bloß tun? Muss er jetzt in diesem tiefen Graben sterben?“

Plötzlich erschien Papi auf der anderen Seite des Grabens. Sie rief ihm zu: „Der Elefant, Papi, du musst den Elefanten retten!“

Ihr Vater gab ihr das Daumenhoch-Zeichen und schaute sich um. Er erblickte etwas, lief nach rechts und kehrte gleich darauf mit einem dicken, langen Seil zurück. Er band eine große Schlinge in ein Ende und warf das Seil hinunter zu dem Elefanten, der mit den Vorderbeinen hineintrat. Papi zog das Seil an, es umschloss jetzt die Brust des Elefanten, der erwartungsvoll zu Natascha hochsah. Ihr Vater stemmte sich in den Sand und gurtete das Seil um seinen Körper.

Dann zog er… aber nichts passierte. Er zog noch einmal und der Elefant kam ein Stückchen hoch. Immer wieder zog Vati an dem Seil. Nach einiger Zeit stand der Elefant wieder oben neben Vati. Alle Leute klatschten.

Der Zoodirektor ging zu Vati und heftete ihm einen Orden an. Er sprach: „Vielen, vielen Dank, Sie haben unserem Elefanten das Leben gerettet. Sie sind ein Held. Ab jetzt dürfen Sie und Ihre Tochter Natascha immer und für alle Zeit gratis in den Zoo kommen.“

(265) Leopold Braun fand, dass hier zu viel Aufhebens um eine einfache Hilfeleistung gemacht wurde.

Leopold Braun fand, dass hier zu viel Aufhebens um eine einfache Hilfeleistung gemacht wurde. Der Elefant wäre wahrscheinlich auch von allein wieder aus diesem Graben herausgekommen. In der Wildnis gab es ja auch keine Kraftmeier, die entlaufene Dickhäuter wieder auf den richtigen Weg brachten.

„Bonzo, wir gehen nach Hause“, rief er. Zusammen mit seinem Schäferhund verließ Braun den Zoo. Auf dem Weg zur Bushaltestelle kam ihm ein Mann entgegen, ebenfalls mit einem Schäferhund. Beide Hunde wurden sofort unruhig. Der andere Mann rief herüber: „Halten Sie Ihren Rüden zurück, meine Hündin ist in Hitze.“ – „Die beschnüffeln sich ja nur ein bisschen“, beschwichtigte ihn Braun, „lassen Sie ihnen den Spaß doch.“ Der andere antwortete ungeduldig: „Ich sage Ihnen, dass Sie Ihren Hund zurücknehmen sollen. Das führt zu nichts. Aus, Bianka! Aus!“ Er zerrte an der Leine und versuchte, die Hündin hinter sich zu ziehen.

Bonzo, den Braun an einer Aufroll-Hundeleine führte, ging ihr hinterher. „Aus! Halten Sie Ihren Hund zurück“, kreischte der Mann. Braun lächelte und höhnte: „Sie sind wohl hitziger als Ihre Hündin.“ Bonzo war dabei, Bianka zu besteigen. Der Mann stieß ihn mit dem Fuß herunter. „Das werden Sie bereuen, Sie Idiot“, keuchte er angestrengt.

Er griff Bianka ins Halsband, löste die Leine und haute ihr damit eins hinter die Ohren. Er hob den Zeigefinger, befahl: „Bianka, fass!“ und zeigte auf Braun. Bianka fing an zu knurren, legte die Ohren an und zerrte an dem Halsband, das Brauns Gegner noch festhielt.

Braun griff seinerseits in das Halsband von Bonzo, löste die Leine und sagte: „Bonzo, fass!“. Er zeigte auf den Mann. Kauernd standen sie sich gegenüber, hielten ihre knurrenden, scharrenden Hunde am Halsband und sahen sich hasserfüllt an.

Beide ließen die Halsbänder im gleichen Moment los. Die Hunde schnellten nach vorn, standen sich aber gegenseitig im Weg, stutzten kurz, dann lief Bianka seitwärts weg und Bonzo folgte ihr.

Enttäuscht starrten die beiden Männer ihnen nach. Dann folgten sie eilig ihren Hunden, die über die Straße in eine Grünanlage entlaufen waren.

(266) Carola Daub schaute kurz in den Rückspiegel…

Carola Daub schaute kurz in den Rückspiegel, als Roman auf der Rückbank zwei Gläser mit Champagner füllte, eines für sich und eines für Dana. Ein schönes Paar, dachte Carola. Das Taxifahren hatte sie vor Jahren aufgegeben, aber für Hochzeiten standen sie und ihr Mercedes-Benz 250 SE von 1968 gern zur Verfügung. Dana und Roman hatten gerade in der Kirche geheiratet und Carola fuhr die beiden in ihrem blumengeschmückten Oldtimer vor die Tore der Stadt. In einer alten Mühle sollte die Hochzeitsfeier mit einer Vielzahl geladener Gäste stattfinden.

Carola wagte noch einen schnellen Blick auf das junge Paar, das sich zugeprostet hatte und jetzt mit ineinander verschränkten Augen trinken wollte. Die beiden Schäferhunde hatte sie fast übersehen! Reflexartig bremste die Taxifahrerin sehr stark, die Hunde liefen schnell weiter, das Auto hinter ihr konnte auch noch rechtzeitig bremsen. Carola war geschockt.

„Ich bin völlig nass!“, schrie Dana hinter ihr auf, „mein Makeup ist ruiniert, mein Dekolleté ist nass!“ Carola drehte sich um: „Es tut mir leid, zwei Hunde liefen über die Straße, ich musste bremsen…“ Roman versuchte, Dana zu beruhigen: „Das ist nicht so schlimm, hier, nimm mein Taschentuch. Hauptsache, es ist nichts passiert.“ Das brachte Dana erst recht in Rage. „Ich sehe furchtbar aus. Warum redest du dir immer alles schön? Hör auf, an mir rumzuputzen. Ich will nicht mehr zu der Feier hin.“

Das regte Roman auf und er hielt Dana vor, dass sie ständig Dinge aufbausche und nicht praktisch denke. Sie konterte, dass es ihm wohl egal sei, wie sie aussehe und wie sie sich fühle. Hauptsache, die Hochzeit sei durch. Roman machte den Fehler, zu bemerken, dass seine Mutter ihn vor solchen Reaktionen gewarnt habe. Der Streit drohte zu eskalieren.

Carola fand ihre Sinne wieder und griff in das Handschuhfach. Aus Erfahrung hatte sie darin eine Notfalltasche mit Nadel und Faden, Tabletten, künstliche Ansteckblumen (sehr gut bei Flecken), und unter vielen anderen Dingen auch ein gut ausgestattetes Makeup-Set. Sie reichte es an Dana weiter. „Ich glaube, das wird es richten. Ich fahre mal eben zur Seite und dann können Sie sich noch einmal frischmachen.“ Roman drückte sie einen Mars-Riegel in die Hand. „Zucker beruhigt“, meinte sie zwinkernd.

(267) „Hallo Roman“, begrüßte Chiara ihren Chef.

„Hallo Roman“, begrüßte Chiara ihren Chef. Die Kunststudentin hielt in seiner Abwesenheit die Stellung in der Galerie Friedrich. „Tolle Hochzeit, ich habe bis vier Uhr getanzt. Noch einmal meine Glückwünsche.“

Roman bedankte sich. „Ist es klar bei dir für übernächste Woche? Dann sind wir aus dem Gröbsten raus und Dana und ich können in die Flitterwochen fahren.“ – „Kein Problem. Ein Bild wurde heute für dich abgegeben. Es kommt von Einar Lamprecht“.

Einar war ein alter Freund, manchmal auch Kunde der Galerie und empfahl Roman ab und zu neue Künstler.

Der Galerist nahm das Bild mit in sein Büro und packte es aus. Eine Ölarbeit auf Leinwand. Er stellte den Keilrahmen auf die Staffelei seinem Schreibtisch gegenüber und setzte sich an seinen Platz. Figürlich. Großzügige Pinselführung. Verschwommene Darstellung, aber viel Energie. Frisch. Mann und Frau mit Papierhüten auf dem Kopf an einem Tisch. Ambiente wie Ball auf einem Kreuzfahrtschiff. Wehmütig. Sehr präsent.

Roman stellte sich in die hinterste Ecke des Raums und betrachtete das Gemälde noch einmal von weitem. Abwechslung von kräftigen Farbfeldern und schattenhaften Strichsilhouetten. Sah nicht schlecht aus.

Sein Telefon klingelte. Es war Einar, der ihm zunächst auch noch einmal zur Hochzeit gratulierte. „Hast du mein Paket bekommen?“, fragte er, „wie gefällt es dir?“ – „Sieht ansprechend aus, wer ist der Maler?“

Einar erklärte ihm, dass das Bild von August Fliegel war, einem bisher völlig unbekannten Künstler, der noch nie ausgestellt hatte. „Wo hat er studiert? Wie alt? Wie lebt er?“ Fliegel war 53 und Jurist bei einer Bank. „Oh Gott, ein alter Autodidakt“, entfuhr es Roman, „und dann auch noch in bürgerlichen Verhältnissen lebend. Vergiss es, das kauft keiner.“ – „Aber es hat dir gefallen, oder?“ – „Hör mal, Einar, ich bin Galerist. Ob ich etwas gut finde oder nicht, spielt keine Rolle. Hier gibt es keine Story. Klingt eher wie jemand, der bei mir kaufen sollte. Meine Kunden würden nie von ihresgleichen Kunst kaufen. Von einem Bankjuristen, ich bitte dich. Künstler müssen jung, abgefuckt und desperate sein. Zumindest am Anfang. Am besten noch drogensüchtig, aidskrank oder mit zertrümmerter Wirbelsäule.“

(268) Bodard Peter setzte sich auf den Klappstuhl…

Bodard Peter setzte sich auf den Klappstuhl auf der anderen Straßenseite und betrachtete in allen Einzelheiten das Setup durch den Motivsucher.

Ein Haus mit weißgetünchter Bretterwand und rotem Dach. Davor schräg eingeparkt ein roter VW Golf mit Kennzeichen TS-P 263, die Heckklappe ganz offen. In dem Kofferraum Einkaufstüten aus Papier mit einem Baguette und einem Stangensellerie, die herausschauten. Auf der Hutablage rote Tischtennisschläger (Astron Red von TSP Yamato). Neben dem Wagen, mit dem Gesicht zur Straße, ein zehnjähriger Junge im dunkelblauen Kommunionsanzug mit weißen Handschuhen. Einen Handschuh hatte er angezogen, den anderen hielt er in der Hand.

Irgendetwas gefiel ihm nicht, er wusste nur nicht, was es war. Fabiano stellte sich neben ihn und hielt die Hand über das Mikrofonloch des Mobiltelefons. „Bodard, das ist Roman Friedrich für dich. Er fragt, wie die Fotoaufnahmen laufen.“ – „Jetzt nicht. Sag ihm, es läuft beschissen. Ständig will jemand was von mir. Nein, sag ihm, es läuft gut, aber ich brauche vollste Konzentration.“ Bodard scheuchte Fabiano mit einer Handbewegung weg.

„Elvira“, rief er. Elvira, frisch von der Kunsthochschule, kam zu ihm. „Das Hemd geht gar nicht. Ich hatte doch gesagt, dass ich einen Hemdkragen wollte, der völlig waagerecht Richtung Schultern zeigt.“ Er überquerte die Straße und zeigte ihr an dem Jungen, was er meinte. „Ich sehe, was du meinst“, antwortete Elvira. „Wir haben noch drei andere Hemden. Ich hol sie mal und dann können wir vergleichen.“ –  „Wenn das nicht passt, können wir für heute einpacken. So kann ich nicht arbeiten.“

Bevor Elvira wegging, fragte Donnie, der Junge: „Kann ich jetzt etwas trinken gehen?“ – „Nein“, antwortete Peter streng, „wir machen hier Kunst und dafür müssen wir verdammt nochmal alle Opfer bringen.“ Als er erkannte, dass Donnie dem Weinen nahe war, sagte er: „Na gut, hol dir eine Cola. Aber zieh die Handschuhe aus. Und klecker dich nicht voll, ich bring dich um.“ Peter setzte sich wieder auf den Klappstuhl. Es war eine beschissene Idee gewesen, seinen Sohn einzusetzen. Zu viele Kompromisse, die er eingehen musste. So viel Mühe kostete es, nur damit es wie ein Schnappschuss aussah. „Fabiano“, schrie er.

(269) „Ich will mit dir das nächste Setup durchgehen“, erklärte Bodard Fabiano.

(269)

„Ich will mit dir das nächste Setup durchgehen“, erklärte Bodard Fabiano. „Erzähl noch mal, was wir bisher haben.“ Fabiano blätterte in seiner Kladde und hob an: „Wir sehen einen Flur. Ausstattung: weiße Seidentapete mit roter Samtbeflockung, Goldkandelaber mit Gobelinschirmen an den Wänden …“ – „Purpur… purpurfarbene Samtbeflockung“, unterbrach ihn Bodard, der mit geschlossenen Augen und gefalteten Händen vor dem Gesicht auf dem Klappstuhl saß. Fabiano notierte und fuhr fort. „Hinten an der Stirnseite des Flurs steht eine Tür auf. In der Öffnung eine Frau im durchsichtigen Negligé…“ – „Babydoll, grün.“ – „…durchsichtigen grünen Babydoll. Sie schaut in den Flur. Die Tür trägt die Zahl ‚293‘ in Helvetica. Auf der linken Seite eine Tür mit Notausgangschild darüber, man sieht einen Mann hindurch hetzen. Nur eine Hand, ein Teil seines Sakkos und ein Bein ragen noch in den Flur. Er trägt neue schwarze rahmengenähte Schuhe mit einer naturfarbenen Ledersohle.“ – „Die Schuhe müssen sehr glänzen, ohne Lackschuhe zu sein.“ – „Man sieht die Schuhe nicht.“ – „Ich sehe sie.“ – „OK, notiert. Auf der rechten Seite ein Aufzug, der gerade ankommt und in dem man durch die halbgeöffnete Tür eine Frau im Straßenkostüm sieht. Sie wird in den Flur treten. In der linken Hand trägt sie einen Regenschirm.“

„Nicht schlecht so weit. Weißt du, ich glaube, wir brauchen ein Filmzitat darin. Etwas nur für die Eingeweihten… Ich hab’s. Auf dem Boden will ich einen Teppichboden, wie in Shining. Weißt du, diese Sechsecke, sehr sechziger Jahre.“

„Genial“, Fabiano schrieb schnell mit, „das gibt gleich einen totalen Chill-Effekt.“

„Natürlich wird es notwendig sein, einen Flur zu finden, der sich zur Kamera hin weitet, damit wir bei den drei Türen genug draufbekommen. Ich denke, es ist am sinnvollsten, wenn wir alles im Studio nachbauen.“ – „Das hatte ich mir auch so gedacht“, nickte Fabiano. Bodard schickte ihn weg. Er würde Fabiano bald gehen lassen müssen, er fing an, zu viel Platz einzunehmen. Irgendwann würde er noch eigene Vorschläge bringen. Soweit durfte es nicht kommen. Elvira war fast schon weit genug, um ihn zu ersetzen. Sie würde sich noch mehr anstrengen müssen.

(270) Die Terrasse in der Owner’s Suite war Gold wert…

Die Terrasse in der Owner’s Suite war Gold wert, fand Enzo. So konnten sie ihre Auftritte bei den anderen Kreuzfahrtteilnehmern besser timen und trotzdem ordentlich Sonne tanken.

Die Reise war Enzos Idee gewesen. Es erinnerte ihn an ‚Help‘ von den Beatles. Die Band als WG. Er lag in dem rechten Liegestuhl und schaute zu den anderen hinüber. Neben ihm Pat, der ein Buch von Harold Robbins verschlang. Daneben Gaston, mit Kopfhörern, nichts tuend. Ganz links Nate, der SMS-Texte verschickte. Enzo hatte gerade ein paar Ideen zusammengekritzelt, wie man ‚T-Spoon‘, ihre Boygroup, besser promoten konnte.

„Hört mal her, ich wollte ein paar Ideen mit euch besprechen.“ Nate stupste Gaston an und alle schauten zu Enzo. „Was wäre, wenn wir für unser nächstes Album ein besonderes Cover designen ließen. Etwas, worüber man redet. Ich habe an Bodard Peter gedacht. Total angesagter Fotograf. Zeug von ihm hängt in New York in der MoMA. Seine Fotos sehen total natürlich aus, wie ein Schnappschuss, sind aber völlig irre durchgestylt. Und wir wären da drin. Damit hätten wir automatisch alle Feuilletons im Sack.“

Die anderen drei fanden, dass das ganz gut klang. „Wie kommen wir an diesen Typen ran?“, warf Nate ein. „Ich kenne seinen Galeristen, das dürfte nicht schwer sein. Wird natürlich noch etwas dauern, bis das alles steht. Habt ihr Ideen, wie wir schneller in die Presse kommen? Ich finde, es ist zu ruhig momentan.“ – „Kreuzfahrt ist ja auch nicht sonderlich aufregend“, meinte Gaston. „Das ist ok“, antwortete Pat, „wir haben etwas Entspannung gebraucht.“ – „Hey, wir könnten ein Gerücht streuen lassen, dass wir uns auflösen und Solokarrieren verfolgen…“ Die anderen drei starrten Nate wortlos an. „Na ja“, ruderte er zurück, „War nur eine Idee. Würde uns aber verdammt viel Presse bringen, da bin ich sicher.“