(251) „Das war knapp“, sagte Charlotte…

„Das war knapp“, sagte Charlotte, „ich dachte wirklich, sie wären wegen uns da. Irgendeine Alarmanlage, die wir übersehen hätten.“ – „Dann wären sie früher dagewesen“, antwortete Damien, „aber mir ist auch das Herz stehen geblieben, als ich das blaue Blinken sah.“

Ein paar Tage nach dem Einbruch saßen sie am Strand, schauten sich den Sonnenuntergang an und tranken Champagner.

Aus der Zeitung hatten sie erfahren, dass der Polizeieinsatz einer Statue galt, die Studenten aus dem University College in London entführt und an der Kirche ausgesetzt hatten. Erst danach suchte Damien seinen Hehler auf und verkaufte den Schmuck. Mit dem Geld konnten sie erst einmal für einige Zeit in ihrem Strandhäuschen untertauchen.

Damien küsste Charlotte. Sie waren seit über zehn Jahren zusammen im Geschäft und er fand, dass sie ein gutes Team waren. Vor allem sorgte Charlotte auch dafür, dass er nicht zu gierig wurde. Ihre Einbrüche erledigten sie in unregelmäßigen Abständen, nie in der gleichen Gegend und immer nach anderen Ablaufmustern. Sie waren sehr vorsichtig bei ihren Einsätzen. Wenn ihnen bei der Planung ein Detail nicht gefiel, bliesen sie den ganzen Einsatz ab.

Aus Damiens Sicht konnte ihre kriminelle Karriere noch ewig so weitergehen, zumindest so lange es ihm die Bandscheiben erlaubten, von außen in eine Wohnung einzusteigen.

Charlotte zeigte auf einen Punkt in der Ferne. „Schau mal, das sieht aus, als ob da jemand angespült wurde.“ Damien blickte über die Schulter. „Vielleicht ein Baumstamm“, meinte er träge. „Nein, das ist ein Mensch“, widersprach sie, erhob sich und ging in Richtung des Strandguts. Er stellte das Glas ab und folgte ihr seufzend.

Es war ein Mann, der angeschwemmt worden war. Er trug Pullover, Jeans und Lederschuhe. Seine Hände waren schrumpelig. Charlotte fühlte nach seinem Puls. „Er lebt. Wir sollten einen Krankenwagen rufen, aber anonym, um nicht in irgendetwas hineingezogen zu werden. Komm, pack mal mit an, wir ziehen ihn ins Trockene.“

Die Schleifspuren, die der Körper im Sand hinterließ, wurden schnell von den Wellen wieder getilgt.

(252) „Patient X ist aufgewacht“, informierte Schwester Doris Dr. Paul.

„Patient X ist aufgewacht“, informierte Schwester Doris Dr. Paul. Er folgte ihr in das Krankenzimmer. Der Patient setzte sich auf und schaute den Arzt erwartungsvoll an.

„Wie bin ich hierhergekommen?“, fragte er. Dr. Paul erzählte ihm, dass man ihn in der Brandung gefunden hatte und dass man sonst keine Informationen habe. „Können Sie sich an etwas erinnern?“, befragte er den Unbekannten.

Der Mann, den sie in Ermangelung eines Namen Patient X nannten, dachte nach und erklärte: „Ich bin Astronaut, oder werde zum Astronauten ausgebildet. Nächste Woche soll ich zum Mond fliegen. Trug ich einen Raumanzug? Ich bin vielleicht bei einem Testflug verunglückt. Hat Mission Command sich gemeldet? Sicher sucht man mich. Ohne mich kann der Flug nicht stattfinden.“ Schwester Doris und Dr. Paul sahen sich an: Posttraumatischer Schock und Realitätsverlust.

„Wir haben keine weiteren Verletzungen an Ihnen festgestellt“, erläuterte Dr. Paul. „Allerdings möchte ich zur Sicherheit ein paar Checks bei Ihnen machen. Wie heißen Sie?“ Patient X sah ihn an und wusste keine Antwort.

„Sehen Sie“, fuhr Dr. Paul fort. „Wir werden einen Scan bei Ihnen durchführen, um sicher zu gehen, dass Sie keine Gehirnverletzungen haben, oder etwas in der Art. Sie brauchen auf jeden Fall Ruhe. Schwester Doris wird Ihnen einen Schreibblock geben. Ich bitte Sie, darin alles zu notieren, was Ihnen einfällt. Besonders Dinge, die uns helfen, Ihre Familie zu verständigen. Telefonnummern, Adressen, Namen, irgendetwas. Verstehen Sie, was ich sage?“

„Für wen arbeiten Sie“, fragte Patient X. „Sie sollen verhindern, dass ich die verborgene Seite des Monds erforsche. Das ist eine Verschwörung. Wie viel hat man Ihnen gezahlt?“ Patient X wurde immer aufgeregter und versuchte aufzustehen, Dr. Paul hielt ihn fest. Schwester Doris lief hinaus und rief Bernhard, einen Pfleger aus der psychiatrischen Abteilung. Mit seiner Hilfe wurde Patient X an das Bett fixiert.

(253) Patient X konnte fünf Bewegungen durchführen…

Patient X konnte fünf Bewegungen durchführen: Zehen des rechten Fußes, Zehen des linken Fußes, Finger der rechten Hand, Finger der linken Hand, Kopf. Alles andere war durch die Gurte um Brust, Schultern, Oberschenkel, Fußknöchel und Handgelenke unmöglich. Er konnte nur daliegen und an die Decke starren.

Alles, woran er dachte, war die Flucht. Er würde sich nicht einfach festhalten lassen. Zwei Mal am Tag wurde er von einer der Schwestern gefüttert und ein Mal am Tag, morgens, gewaschen. Das war der einzige Zeitpunkt, an dem die Magnetschlösser, die die Fixationsgurte hielten, geöffnet wurden. Zwei der Schwestern trugen die Schlüssel, mit denen die Schlösser geöffnet werden konnten, an einer Halskette und eine Schwester steckte ihren Schlüssel in die linke Tasche ihres Schwesternkittels. Er entwickelte einen Plan.

Als die dritte Schwester ihn beim nächsten Mal gewaschen und wieder fixiert hatte, sagte er ihr, er habe ein Kribbeln im Ohr, als ob ein Käfer drinnen wäre. Sie beugte sich über ihn und er drehte den Kopf zur Seite, damit sie in sein Ohr schauen konnte. Mit der linken Hand konnte er gerade bis unter die Naht der Kitteltasche heranreichen. Mit den Fingerspitzen ertastete er den Schlüssel und schnippte mit dem Daumen gegen die Tasche. Der Schlüssel flog über den Taschenrand hinaus und landete fast geräuschlos auf dem Bett. Mit der Hand bedeckte er ihn für den Rest des Tages.

Nachts konnte er damit unter Verrenkungen das Schloss am linken Handgelenk öffnen. Danach war es einfach und bald stand er frei neben dem Bett. Er öffnete die Zimmertür einen Spalt und spähte hinaus. Die Tür lag direkt im Blickfeld der wachenden Schwester.

Er trat ans Fenster und erkannte, dass er sich im zweiten Stock befand. Allerdings verlief direkt neben dem Fenster ein Fallrohr der Regenrinne nach unten. Im Schrank fand er seine Kleidung. Er zog sie an, bevor er sich auf das Fensterbrett stellte. Er testete das Metallrohr, es war stabil. Mit einem Arm hielt er sich fest und zog den Rest des Körpers nach, dann hing er an dem Rohr. Langsam hangelte er sich nach unten. Auf Höhe des ersten Stockwerks hatte sich hinter einer Befestigungsschelle feuchtes Laub gesammelt. Im Dunkeln griff er hinein und rutschte ab. Er fiel nach hinten. Im Fallen sah er noch die Lichter im Garten des Krankenhauses, dann verlor er das Bewusstsein. Sein Kopf war gegen die Umfassung eines Lichtschachts geprallt.

(254) Der tiefe Basston brachte seinen Magen zum Vibrieren.

Der tiefe Basston brachte seinen Magen zum Vibrieren. Hohe Töne drangen dazwischen wie Nadelstiche an seine Ohren. Dazu pulsierte das Licht im Staccato-Takt. Alles war wie in Nebel verhüllt. Er befand sich in einem riesigen Raum, so groß wie ein Flugzeughangar.

In der Tiefe machte er ein kleines gelbweißes Dreieck aus, ganz weit oben. Es bewegte sich auf und ab und schien näher zu kommen. Dann sah er, dass es eine spitze Mütze war, weiß mit einem verwirrenden Streifenmuster. Darunter ein weißes Gesicht, wie eine Maske. Das Gesicht schien hoch in der Halle zu schweben. Dann erkannte er den Körper der Figur, die weiter auf ihn zuschritt. Sie trug ein langes Kleid, das bis zum Boden reichte. Beim Schreiten beulte sich das Kleid vorn aus, allein die Knie mussten auf zwei Meter Höhe sein. Der Patient raffte sich auf und wich schwankend zurück vor dem Riesen, der unbeirrbar weiter auf ihn zukam.

X wandte sich um und fing an zu laufen. Er fand, dass die Halle hier niedriger wurde. Das gab ihm Hoffnung, irgendwann würde der Riese nicht mehr weiterkommen. Die Halle erschien ihm jetzt wie ein Trichter. Er schaute sich um, der Riese kam näher, wurde aber gleichzeitig kleiner.

Patient X lief weiter. Hinten war eine Tür, aber je länger er darauf zulief, desto weiter entfernt schien sie. An der Tür konnte er die aufgemalte Zahl 241 erkennen. Der Riese war jetzt ungefähr so groß wie er selbst und schien schneller zu werden. Mit letzter Kraft erreichte X die Tür, riss sie auf und warf sie hinter sich wieder zu.

Er war oben auf einer Wendeltreppe. Im Halbdunkel tastete er sich die Treppe hinab und sah unten ein rundes Zimmer. In der Mitte stand ein Frisörstuhl. Als er unten ankam und sich umblickte, war die Treppe fort, wie aufgelöst.

Plötzlich sprang ein Schatten wie aus dem Nichts vor ihm auf. X wich zurück und landete in dem Stuhl. Die Armlehnen schienen seine Arme zu ergreifen und festzuhalten. Er schaffte es nicht, sich loszureißen.

Der Schatten näherte sich, es war ein Mann in einem weißen Kittel. In der Hand hielt er ein Rasiermesser. Das Rasiermesser näherte sich seinem Gesicht. X. konnte nicht anders als die Klinge anzustarren. An der Klinge liefen jetzt Blutstropfen hinunter und tropften auf ihn. Immer mehr Blut rann heraus. Daneben die Fratze des Mannes, der ihn anstierte. Die Staccato-Töne schwollen wieder an. Zitternd schloss er die Augen.

(255) Plötzlich wurde es still.

Plötzlich wurde es still. Er öffnete blinzelnd die Augen, es war, als ob er im Licht eines starken Schweinwerfers säße. Der Mann mit dem Rasiermesser war weg. Er schien auf einer Bühne zu sein, aber der Zuschauerraum war leer. Es war ihm, als ob er unter sich die Beine eines Menschen fühlte, als ob er bei jemandem auf dem Schoß säße.

Er drehte den Kopf und erschrak, als er in die großen Augen eines hässlichen Hasen blickte. Das Gesicht war weißglänzend wie Satin, darauf stachen Schnurrbarthaare aus Kunstfasern heraus. Die Nase war aufgezeichnet. Darunter zwei riesige glänzende Nagerzähne, direkt hinter ihm. Die Augen schauten böse.

X wollte sich losreißen, aber der Hase griff ihm unter den Armen an die Brust und hielt ihn fest. Dabei bewegten sich die langen rosafarbenen Ohren des Hasen. Es schien ihm, als ob die Ohren aus Pappe waren. Um das Gesicht herum wucherte der gleiche braune Plüschstoff, der auch die Pfoten umhüllte. Er saß beim Osterhasen auf dem Schoß und der Osterhase wollte ihm etwas antun.

Er strampelte mit den Beinen, versuchte, sich loszureißen. Dadurch zerkratzte er sich die Brust an den scharfen Krallen seines Gegners. Als er dem Osterhasen wieder ins Gesicht schaute, öffnete dieser sein Maul. Die oberen Nagezähne hoben sich an, dahinter kamen viele weitere Reihen von rasiermesserscharfen Zähnen zum Vorschein. Der Osterhase ist ein Hai, schoss es ihm durch den Kopf.

Das Maul wurde größer und größer. Es schien ihm, als ob er in einen Strudel von Zähnen hinunterschauen würde. Die Zahnreihen drehten sich abwechselnd in entgegengesetzte Richtungen. In der Mitte gähnte ein schwarzer Schlund. Je länger X in den Schlund hineinblickte, desto größer wurde dieser und schien auf ihn zuzukommen. Er hatte Angst davor, hineinzufallen. Besonders fürchtete er sich vor den rotierenden Zahnreihen.

Das Licht ging aus, jetzt war alles nur noch Schlund, er war vollständig darin gefangen. Er schrie aus voller Lunge.

(256) Schlagartig wachte Gabriel Beyer auf.

Schlagartig wachte Gabriel Beyer auf. Er registrierte seine Lage. Er lag im Bett in einem weißen Raum. Ein Schlauch steckte in seinem linken Nasenloch. Am rechten Arm war ein anderer Schlauch angelegt, durch den eine Infusionslösung tropfte. Auch aus seinem Penis kam ein Schlauch und aus seinen After. Er war vollständig verschlaucht.

Eine Krankenschwester kam herein und ging wieder hinaus, als sie bemerkte, dass er wach war. Dann kamen ein Arzt und noch ein Pfleger herein. Beim Anblick des Pflegers zuckte Beyer zusammen und schien sich zu fürchten. Der Arzt stellte sich als Dr. Paul vor und versuchte, ihn zu beruhigen. Als er sicher war, dass von Beyer keine Aggressionen mehr ausgingen, schickte er Bernhard, den Pfleger, weg.

Dr. Paul erkundigte sich, wie er heiße. „Gabriel Beyer“, antwortete der Patient ohne zu zögern. „Wo bin ich?“ Dr. Paul erklärte ihm, dass er im Koma gewesen war, nachdem er sich bei einem Fluchtversuch verletzt habe. Davor sei er am Strand gefunden und ins Krankenhaus eingeliefert worden.

Beyer konnte sich daran nicht erinnern. Er konnte dem Arzt aber den Namen seiner Frau mitteilen, seine Adresse, die Mobiltelefonnummer seiner Frau, bis hin zu seiner eigenen Sozialversicherungsnummer. Es stellte sich heraus, dass er vor fünf Wochen an seinem Heimatort, 300 Kilometer entfernt, verschwunden war und eine Vermisstenanzeige vorlag. Seine Frau eilte noch am gleichen Abend ins Krankenhaus und sie fielen sich in die Arme.

Am nächsten Tag besuchte Dr. Paul ihn am Bett. „Ich denke, wir können Sie nach Hause entlassen. Sie haben eine Amnesie für die Zeit zwischen Ihrem Verschwinden und Ihrem Aufwachen aus dem Koma. Wir können nicht nachvollziehen, wie es dazu kam, dass Sie an den Strand angespült wurden.“ Beyer sah den Arzt mit neutralem Gesichtsausdruck an.

„Dass Sie unseren Pfleger Bernhard in ihren Träumen gesehen haben, ist nicht verwunderlich, schließlich musste er Sie ruhigstellen, als Sie am Anfang handgreiflich wurden. Die Träume, die Sie mir gestern beschrieben haben, könnten aber ein Hinweis darauf sein, dass Sie unbewältigte Konflikte in Ihrer Vergangenheit haben.“

Beyer schien skeptisch zu sein. Dr. Paul fuhr fort: „Eine Therapie könnte für Sie sinnvoll sein. Ich kenne einen Therapeuten in Ihrem Heimatort und ich würde Sie bitten, ihn zu besuchen. Wie gesagt, es gibt nichts, warum ich Sie hier festhalten sollte, aber passen Sie gut auf sich auf.“

(257) Bernhard kam in die Wohnung und hängte seine Jacke an den Haken.

Bernhard kam in die Wohnung und hängte seine Jacke an den Haken. „Hallo Celeste“, rief er, „Papi ist da. Wo bist du?“ Er durchschritt die Zimmer und fand seine Tochter oben auf der Treppe sitzend, mit einem aufgeschlagenen Buch auf den Knien. „Hier bist du. Was machst du denn?“ – „Ich lese“, antwortete sie etwas gereizt. „Das sehe ich. Hast du keine Lust, mit Papi im Garten zu arbeiten?“ – „Nein“, entgegnete sie und rollte mit den Augen. „Rutsch doch mal. Was ist das denn für ein Buch?“ Sie hielt sich das Buch kurz vor das Gesicht, damit er den Titel lesen konnte. „Barbara und der sprechende Baum“, las er, „das kenne ich nicht. Worum geht es darin?“ Sie klappte das Buch energisch zu und sagte: „Jetzt lass mich doch lesen. Es interessiert dich doch gar nicht.“ – „Doch, natürlich interessiert es mich, was meine Tochter liest.“ – „Aber du findest Bücher doof.“ – „Überhaupt nicht“, entgegnete er, „ich mag Bücher.“ – „Und warum liest du dann nicht? Du hast ja überhaupt keine Bücher. Mami sagt, du bist beschränkt.“

Bevor Bernhard wusste, was geschah, hatte er Celeste bereits geohrfeigt. Sofort bereute er es. „Entschuldigung, Celeste, das wollte ich nicht.“ Celestes Gesichtsausdruck hatte sich von bassem Erstaunen zu Schrecken und Schmerz verwandelt.

Sie heulte los und warf ihr Buch die Treppe hinunter. Gerade als sie aufstand und in ihr Zimmer lief, trat Hanne zur Haustür herein. „Was ist los?“, fragte sie. Celeste warf die Tür zu. Bernhard zuckte mit den Schultern. „Du hast doch schon wieder etwas gesagt oder getan?“, forschte Hanne mit tadelnder Stimme. „Nein, es war ein Missverständnis“, beteuerte er.

Hanne stieg die Treppe hoch, hob das Buch auf und ging an Bernhard vorbei zu Celestes Zimmer. Sie klopfte an und schlüpfte hinein. Bernhard saß erst unschlüssig da und ging dann in die Küche, um sich eine Cola aus dem Kühlschrank zu holen. Sein Mund war trocken.

Nach einiger Zeit hörte er die Tür und Schritte auf der Treppe. Hanne kam in die Küche. Sie schrie ihn an: „Ja, spinnst du komplett? Wie kannst du ein kleines Mädchen so schlagen? Man sieht ja noch deinen Handabdruck auf ihrer Wange. Du gehörst in Therapie. Warum hast du dich nicht so im Griff wie die Bekloppten, die du beaufsichtigst?“ Hanne hatte die Hände in die Hüften gestemmt und sah ihn wütend an. „Wir gehen zu meiner Mutter. Und wage nicht, dort aufzukreuzen.“

Innerhalb einer Viertelstunde packte sie einen Koffer mit ihren und Celestes Sachen und fuhr davon. Bernhard saß im Wohnzimmer vor dem Fernseher, den Ton ganz leise gestellt, und zappte von einem Kanal zum nächsten.

(258) Später fuhr Bernhard den Laptop auf dem Couchtisch hoch…

Später fuhr Bernhard den Laptop auf dem Couchtisch hoch und schaltete den Fernseher aus. Er gab ein ‚Barbara und der sprechende Baum‘ in der Suchmaschine ein. Auf der Seite eines Online-Buchladens las er die Zusammenfassung. Es drehte sich um ein kleines Mädchen, das einen Baum findet, der die Zukunft vorhersagen kann.

Dann surfte er weiter zu bild.de. Er scrollte die Seite hinunter und klickte weiter auf ‚Erotik‘. Er wählte eine Bilderserie aus und zappte sich durch. Zurück zur Suchmaschine. In das Formular gab er ‚riesentitten‘ ein. Bei den Ergebnissen wählte er ‚Schlampen zeigen ihre prallen Euter‘. Eine Serie mit der 18-jährigen Jayla, die Besuch von ihrem notgeilen Vermieter erhielt, machte ihn an.

Jayla war wieder einmal in Verzug mit ihrer Miete. Aber der alte Bock ließ sich jedes Mal dazu verführen, dass die geile Schlampe ihre Miete in natura zahlte. Auch dieses Mal war es nicht anders. Er war von ihren prallen Möpsen so fasziniert, dass er sich auf eine scharfe Nummer mit Jayla einlässt. Sie lässt ihn an ihren naturbelassenen Riesentitten lecken, bevor sie ihm die Hose öffnet und seinen steifen Pimmel herausholt.

Bernhard holte auch sein Glied aus der Hose und setzte sich breitbeinig auf das Sofa vor den Couchtisch.

Jetzt kam die Freundin von Jayla hinzu. Frannie hatte auch einen Megabusen und stürzte sich sofort auf den Vermieter. Jayla lutschte seinen prallen Schwanz und er leckte Frannie. Er nahm sich richtig Zeit dabei, denn schließlich handelte es sich um eine ganze Monatsmiete. Kreuz und quer vögelte der Vermieter die beiden Riesentittenschlampen durch die Wohnung, bevor er am Ende eine volle Ladung Sperma über die Monstertitten der beiden Frauen spritzte.

Gleichzeitig ejakulierte auch Bernhard in das Papiertaschentuch, das er sich vor die Eichel hielt. Das letzte Bild war noch auf dem Bildschirm stehengeblieben. Der Gesichtsausdruck des Vermieters war übertrieben verzerrt und der devote Blick der Frauen, die ihre Brüste wie zu einer Opferung darreichten, war einfach lächerlich. Bernhard knüllte das Taschentuch zusammen und verstaute seinen Penis wieder in der Unterhose. Er schloss das Browserfenster und fuhr den Laptop herunter.

Er fühlte sich einsam zu Hause. Er überlegte, was er einen sprechenden Baum fragen würde.

(259) Obwohl Bernhard bereits seit einem Jahr nicht zum Stammtisch gekommen war…

Obwohl Bernhard bereits seit einem Jahr nicht zum Stammtisch gekommen war, hatte sich nichts geändert. Franz saß am Kopfende, Lulu auf der Bank neben ihm, dann Ingmar und gegenüber Joachim.

Bernhards Platz war frei geblieben. Er trat an den Tisch, klopfte mit den Fingerknöcheln darauf und setzte sich hin. „Ja hallo, der Herr Doktor“, „Bernie, wie kommt’s?“ und ähnliche Sprüche kamen hoch. „Der verlorene Sohn kehrt zurück“, feixte Lulu. „Ich wollt‘ mal vorbeischauen, wie es euch geht“, sagte Bernhard. „Uns geht es wie immer: prächtig“, höhnte Joachim. „Asozial, pervers und arbeitsscheu“, pflichtete Ingmar zu. „Und wie geht es dir, Bernie, in deinem neuen Leben?“, erkundigte sich Franz, „Frau und Stiefkind wohlauf?“ – „Ja“, antwortete Bernhard, „alles in Ordnung.“ – „Macht dein Job bei den Bekloppten noch Spaß?“, hakte Lulu nach. „Na klar, mit denen kommt er sehr gut aus. Sie sind wie Brüder“, prustete Joachim heraus und alle grölten mit.

„Weißt du, Bernie, wir hätten uns schon ein paar Mal fragen können, wie es dir geht“, führte Franz aus, nachdem das Grölen abgeklungen war, „aber es hat keinen von uns interessiert.“

Alle schauten Bernhard an. Er spürte, wie ihm die Zornesröte ins Gesicht stieg, ihm wurde heiß und er wusste nicht, was er antworten sollte.

Als er aufstand, konnten sie ihr spöttisches Grinsen nicht zurück halten. „Grüß die Bekloppten“, rief ihm Lulu hinterher, die anderen lachten nur.

„Ich dachte, ich seh‘ nicht recht“, brach es aus Ingmar heraus, als Bernhard weg war. „Vielleicht wollte er uns ja einen ausgeben, und wir haben ihn verjagt.“ – „Papperlapapp, wer nicht bei uns ist, ist gegen uns“, warf Franz ein und winkte dem Wirt, „noch eine Runde.“ – „Also zurück zum Thema. Machen wir das mit der Disco?“, fragte Lulu. „Ja, natürlich machen wir das, und wenn sie uns nicht hinein lassen, dann prügeln wir uns den Weg frei. Das können die nicht mit uns machen“, antwortete Joachim.

„Ein wahres Wort gelassen ausgesprochen“, pflichtete Ingmar bei. „Auf die Disco“, Franz hob sein Glas, „es wird denkwürdig sein.“

(260) Es war ein Abend wie jeder andere…

Es war ein Abend wie jeder andere, außer Montag, da hatte die Disco geschlossen. Ludo stand vor der Tür. ‚Besser vor der Tür als hinter Gittern‘, hatte ihm sein Vater gesagt, als er den Türsteher-Job annahm. Eigentlich war Ludo zufrieden, obwohl es nervig war, jeden Abend die gleichen Sprüche anhören zu müssen.

Er hatte ein Repertoire an fünf ablehnenden Sprüchen, die er situationsgemäß einsetzte. 1. Heute nur Stammgäste (Variante 1b: Heute nur Gästeliste). 2. Keine Turnschuhe. 3. Heute nicht, zu viel getrunken. 4. Vielleicht nachher. 5. Willst du Stress?

Nummer 5 wandte er bei Idioten an, die glaubten, es mit ihm aufnehmen zu müssen. Bei Nummer 5 hatte er zur Sicherheit die Hand am Totschläger in der Jackentasche.

Vor ihm wartete eine Schlange an Vielleicht-Nachher-Leuten, also Touristen und Vorortfuzzis, von denen er jede Viertelstunde einen oder zwei hinein ließ. Der Chef mochte es, eine Schlange von Gästen vor der Tür zu haben.

Von weitem erkannte er eine Gruppe von grauhäutigen Loserprolls. Sein Frühwarnsystem sprang an. Drei Männer und eine Frau. Klarer Fall für Nummer 1, Tendenz zu Nummer 5. Drei Männer und eine Frau waren eine heikle Kombination, wusste Ludo. Die Männer kamen leicht in Versuchung, der einen Frau etwas beweisen zu müssen. Könnte unschön werden. Er stellte sich breitbeinig hin und wartete auf die Gruppe.

Ingmar ging an der Spitze. Er blieb vor Ludo stehen, einen guten Kopf kürzer, und fragte unsicher: „Dürfen wir rein?“ Ludo sah auf ihn hinunter und zuckte bedauernd die Schultern: „Heute nur Stammgäste.“ Ingmar drehte sich Hilfe suchend zu Joachim um, der hinter ihm stand. Joachim schob Ingmar zur Seite und baute sich vor Ludo auf. „Hör mal, Meister, wir wollen hier rein“, sprach er fordernd. Ludo wiederholte: „Heute nur Stammgäste.“ Und schaute erst danach Joachim gerade in die Augen. Joachim hielt dem Blick erst stand und so starrten sie sich einige Momente lang an. Dann brach Joachim ab, drehte sich um und sagte: „Es hat keinen Zweck, mit dem kann man nicht reden.“ Lulu wollte etwas darauf antworten, aber Joachim schob sie einfach weiter. Ludo entspannte sich wieder.

Kurz darauf kam Sven Ebert, ein wirklicher Stammgast, mit einem anderen Mann an. Ludo grüßte, öffnete die Samt-Absperrkordel für die beiden Männer und ließ den diskret zugesteckten Geldschein ebenso diskret in seiner Hosentasche verschwinden.