(230) Hi, ich bin Gilly Shiner.

„Hi, ich bin Gilly Shiner. Meine Hobbys sind alles was man draußen machen kann, zum Beispiel Tontaubenschießen oder Reiten. Ich liebe mein Pferd. Im Winter nähe ich gerne Quilts mit meiner Mutter. Und natürlich interessiere ich mich für Rodeo, besonders wegen der tollen Siege, aber auch wegen der fürchterlichen Niederlagen. Nichts kann dramatischer sein als Rodeo.“

Ein Mann im Western-Kostüm unterbrach sie: „Sehr gut, Gilly. Bring das Rodeo früher, das will die Jury hören. Zweite Frage: „Warum willst du Miss Rodeo werden?“

Gilly stellte sich in Position, etwas seitlich, die Hand in die Hüfte, ein Bein etwas durch den langen Schlitz des cowboystiefelhohen Jeansrocks vorangestellt.

„Als ich jung war, habe ich viel Zeit mit meinem Großvater verbracht. Er hat mir das Reiten beigebracht und mir die Liebe zu unserem Land und zum Rodeo ans Herz gelegt. Aus diesen Erfahrungen heraus wäre ich, so glaube ich es, eine sehr gute Botschafterin des Rodeos. Rodeo ist ein Ausdruck von uns selbst und von unserem Lebensstil. Als Miss Rodeo wäre ich ein Symbol für diesen Lebensstil, und das ist eine sehr verantwortungsvolle Rolle. Wenn ich zur Miss Rodeo gewählt werde, dann werde ich dieses Symbol mit Würde und Geduld darstellen. Das alles kenne ich von meinem Großvater, er war Cowboy auf der kleinen Ranch, auf der ich aufgewachsen bin. Und es tut mir so leid, dass mein Großvater heute nicht dabei sein kann, denn vor sechs Monaten hat ihn der Blitz draußen auf der Range getroffen, als er gerade dabei war, das Vieh zu beruhigen und eine Stampede zu vermeiden. Er wäre so stolz darauf, mich hier zu sehen.“

„Perfekt, Gilly. Vielleicht zum Schluss den Finger bis fast ans Auge, als ob du eine Träne wegwischst. Aber nicht das Makeup verwischen.“ Gilly versuchte es. „Ja, du bist ein Naturtalent. Mach mich stolz heute Abend. Und du darfst mich nicht anders behandeln als die anderen Juroren, ok?“

(231) Man hörte nur das leise Zischen der Klimaanlage an der Zimmerdecke.

Man hörte nur das leise Zischen der Klimaanlage an der Zimmerdecke. Jack saß auf dem Stuhl neben dem Bett und schien in die Ferne zu starren, weit über die Mauern des Motelzimmers hinaus. Gilly lag bäuchlings auf dem Bett, das Laken um ihre Hüften geschlungen, und sie wusste nicht, was sie sagen oder tun sollte. Jack war nicht der erste Mann, mit dem sie zusammen war, aber die anderen waren genauso alt wie sie gewesen und vor denen hatte sie nicht so großen Respekt wie vor Jack. Immerhin war er es gewesen, der ihr überhaupt vorgeschlagen hatte, an dem Wettbewerb teilzunehmen. Er hatte einen wesentlichen Anteil daran, dessen war sie sich sicher, dass sie gewonnen hatte. Wenn dem nicht so gewesen wäre, hätte sie es abgelehnt, mit ihm in dieses Motel zu fahren. Sie fand ihn nett, aber eher so wie ihren Großvater, auf keinen Fall wie einen Liebhaber.

Als junger Mann war Jack selbst ein Rodeo-Cowboy gewesen, vielleicht hatte ihr auch das imponiert. Aber das war lange her. Jack war jetzt alt, seine Haut war faltig und mit Altersflecken übersät. Sein Bauch war aufgebläht und sein Hintern knochig. Leider war sein Schwanz nicht steif geworden, sonst wäre es für Gilly wenigstens schon vorbei gewesen.

Es hatte mehrere Anläufe gegeben, aber trotz aller Bemühungen sowohl ihrer- als auch seinerseits hing sein Gemächt schlaff vor den spannungslosen Hoden herunter.

Sie war sich nicht sicher, ob er sich konzentrierte, um noch einen weiteren Versuch zu machen oder ob er aufgegeben hatte. Zu fragen wagte sie nicht.

Es herrschte eine unangenehme Stille zwischen ihnen, neben der Klimaanlage war nur sein regelmäßiges Atmen zu hören. Während ihrer ein Jahr dauernden Titelträgerschaft würde sie viel Zeit mit Jack verbringen, einiges davon auch auf Reisen. Es war ihr nicht klar, was dieser Nachmittag im Motel für Konsequenzen haben würde. Musste sie erwarten, dass er ständig neue Versuche starten würde? Würde er aufhören, wenn er einmal einen Orgasmus in ihr gehabt hatte oder würde er es ständig wiederholen wollen? Nicht einmal hinauslaufen und wegfahren konnte sie, denn sie waren in Jacks Auto gekommen. Sie hasste sein hörbares Atmen.

(232) Was meint ihr, haben sie es vorher getrieben oder erst danach?

„Was meint ihr, haben sie es vorher getrieben oder erst danach?“ Sydneys Augen sprühten Funken. „Sowohl als auch“, antwortete Taylor. „Mich hat er auch versucht zu begrapschen“, fügte Bailey hinzu, „aber ich habe ihm ganz klar nein gesagt. Deshalb wurde ich nur Vierte.“ – „Ich glaube“, entgegnete Sydney, „das war nur einer der Gründe. Ich hätte gewinnen müssen, aber der Jurypräsident hatte das letzte Wort.“ – „Ich wäre zu gerne Mäuschen“, sagte Taylor. „Nach der Coronation sind die beiden ja sofort in Jacks Wagen abgehauen. Vorwand: Gilly braucht für die Parade morgen noch ein anderes Pferd. Da steckte ein ganz anderer Hengst dahinter.“ – „Hengst wäre übertrieben“, meinte Sydney. „Woher weißt du das?“, fragte Bailey, jetzt sehr aufmerksam, „Du hast ihm nachgegeben?“ Taylor und Bailey schauten Sydney vorwurfsvoll an. Sie wand sich und enthüllte dann: „Also gut, aber ihr dürft es niemandem weiter erzählen. Ja, da war was. Aber nur oral, mehr nicht!“ – „Du Schlampe“, Baileys Augen waren sehr schmal, als sie Sydney beschimpfte, „du wolltest uns betrügen, um zu gewinnen.“ – „Naja, zwischen mir und Jack war auch was, am letzten Dienstag…“ – „Bei mir war es auch am Dienstag“, fuhr Sydney hoch. „Ach ja. Bei mir hinter den Pferdewagen…“, sagte Taylor. „Bei mir auch. Das ist unglaublich. Er hat es bei allen versucht und dann am Ende Gilly genommen.“ – „Nein, mich hat er nicht bekommen“, triumphierte Bailey. „Aber dafür wahrscheinlich alle anderen. Was hat Gilly, was wir nicht haben? Warum sie?“

Die drei gescheiterten Kandidatinnen des Miss Rodeo Pageant redeten noch lange miteinander, ohne dass sie sich trösten konnten. Vielmehr wurde ihnen dadurch der Schmerz des Versagens noch tiefer ins Fleisch getrieben. Sie waren sich einig, dass die Welt des Rodeos nicht ihren Vorstellungen entsprach. Es hatte sich so viel geändert im Vergleich zu der Zeit ihrer Idealvorstellungen. Jetzt, wo auch schon japanische Rodeo-Cowboys herumliefen.

(233) Zu allen, die er traf, sagte er den gleichen Spruch: Hi. Ich bin Uchida Hikoma aus Japan.

Zu allen, die er traf, sagte er den gleichen Spruch: „Hi. Ich bin Uchida Hikoma aus Japan. Ich liebe Rodeo. Ich möchte Rodeo nach Japan bringen.“ An jedem Tag trug er wechselnde, aber vollständige Westernoutfits, vom Stetson bis zu den Silbersporen. Natürlich kaufte er alles immer wieder neu, denn das war für ihn eine Frage der Ehre. Seinen Gesprächspartnern signalisierte es aber, dass er ein Neuling war.

Die Reaktion der Leute war unterschiedlich. Die meisten waren einverstanden, sich mit ihm fotografieren zu lassen (seine Kamera war immer dabei). Manche fragten ihn, welches seine Lieblingsdisziplin sei. („Bullenreiten finde ich am Spannendsten. Wir haben auch sehr starke Stiere in Japan.“) Manche fragten ihn, wer in seinen Augen der beste Rodeo-Cowboy sei. („Tuff Hedeman ist der Beste, den ich gesehen habe. Aber es gibt vielleicht noch Bessere. Ich möchte sie nach Japan holen.“)

Fast alle fanden ihn sympathisch, nahmen ihn aber nicht ganz ernst. Rodeo hatte für sie nichts mit Japan zu tun. Hikoma war bereits seit drei Jahren in den USA unterwegs. Immer von Mai bis Juli reiste er ein und schaute sich einen der regionalen Circuits an. Im ersten Jahr war es Texas gewesen, dann der Turquoise Circuit (New Mexico und Arizona) und jetzt der Wilderness Circuit (Nevada, Vermont und Süd-Idaho).

Jedes Jahr hatte er sich natürlich neue Klamotten zugelegt, aus Respekt war er es dem Sport schuldig. Jedes Jahr war sein Wunsch größer geworden, mit einem Team von amerikanischen Rodeo-Cowboys eine Profi-Tour in Japan auf die Beine zu stellen. Das Geld dazu stand bereit, denn Hikoma hatte es im Immobiliengeschäft weit gebracht. Seine Leidenschaft gehörte aber dem Rodeo, seit er im japanischen Kabelfernsehen den Film „8 Seconds to Glory“ gesehen hatte.

(234) Hi. Ich bin Uchida Hikoma aus Japan.

„Hi. Ich bin Uchida Hikoma aus Japan. Ich liebe Rodeo. Ich möchte Rodeo nach Japan bringen.“ Der Cowboy, Clyde Bell, drehte sich zu ihm um und musterte ihn von oben bis unten. Dann schritt er langsam ein Mal um Hikoma herum, um ihn noch eingehender zu betrachten. Dann stellte sich Bell wieder an die Bar und trank einen Schluck aus seinem Bierglas.

Hikoma suchte den Augenkontakt mit dem Barmann, hob eine Hand mit zwei ausgetreckten Fingern und zeigte mit der anderen auf das Bierglas von Clyde Bell.

„Bullenreiten?“, fragte Hikoma. Bell antwortete nicht. Hikoma fing an, von seinem Traum zu erzählen, den Rodeo nach Japan zu bringen und dass er dafür ein ganzes Team amerikanischer Rodeo-Cowboys einstellen wolle.

Bell antwortete immer noch nicht, allerdings hätte Hikoma an den mahlenden Bewegungen von Bells Gesichtsmuskulatur erkennen können, dass er einen Effekt auf Bell hatte, allerdings nicht den gewünschten.

Clyde Bell war in seiner Jugend zwar ein sehr begabter Nachwuchsreiter gewesen, aber er hatte Probleme mit den Showelementen. Zum Bespiel hasste er die Rodeo-Clowns. Insgesamt mochte er die Pro Rodeo-Vereinigung nicht und eigentlich mochte er auch das Publikum nicht. Für ihn bestand Rodeo in seiner pursten Form nur aus einem Mann und einem Stier. Bell war mit seiner engen Auslegung stets angeeckt und schließlich hatte man ihm die Lizenz entzogen. Tragisch war, dass Bell sich aber kein Leben außerhalb des Rodeos mehr vorstellen konnte und mittlerweile sogar als Rodeo-Clown arbeitete, in der Hoffnung wieder eine Lizenz zu erlangen. Auf der Selbstrespektskala war er am untersten Ende angekommen. Sein Aggressionspotenzial hatte sich aber noch nicht daran angepasst.

Was er von Hikoma hörte, brachte ihn auf. Der ständige Redefluss des Japaners und die Tatsache, dass Rodeo für Clyde Bell nichts in Japan verloren hatte, führten dazu, dass bei Bell eine Sicherung durchbrannte.

Abrupt wandte er sich Hikoma zu, holte mit der Rechten aus und streckte Hikoma mit einem Faustschlag auf die Kinnspitze nieder. In der Bar wurde es ganz still.

(235) Clyde Bell stellte sich mit dem Rücken zum Tresen…

Clyde Bell stellte sich mit dem Rücken zum Tresen, um alle anderen Gäste im Auge zu halten. Der Barmann war nach vorn gekommen, hatte Hikoma untersucht und gemeint: „Er schläft nur.“ Bell nickte.

Am anderen Ende des Lokals hörte man einen Stuhl, der über den unebenen Holzboden weggeschoben wurde. Dann ein Paar Stiefel mit Sporen, die langsam, aber fest aufgesetzt wurden. Alle Augen, bis auf die von Clyde Bell, wandten sich dahin. Der helle Hut verdeckte die Augen von Lester Tibbs, aber sein Mund sah entschlossen aus. Er marschierte nach vorn zum Tresen, direkt auf Bell zu.

„Das war nicht freundlich, Clyde“, tadelte er mit ruhiger Stimme. „Lester, wer hat dich nach deiner Meinung gefragt?“, antwortete Bell. „Du hast den Gene-Autry-Code für Cowboys verletzt, Clyde. Das kann ich nicht dulden.“

Bell lachte heiser: „Bin ich der singende Cowboy, oder was? Der Cowboy-Code war für zehnjährige picklige Jungs gedacht.“ – „‚Nummer eins: Du sollst nicht zuerst schießen, keine Kleineren schlagen und dir keinen unlauteren Vorteil nehmen.‘ Du hast zwar nicht geschossen, Clyde, aber für mich sieht es so aus, dass du Gebot Nr. 1 gebrochen hast.“ – „Lester, misch dich nicht ein, ich sage es nicht noch einmal.“

Bell und Tibbs standen sich jetzt gegenüber. Bell hob die Fäuste. Tibbs kam näher auf ihn zu, seine Arme blieben unten. Bell rückte einen Schritt zurück und lehnte jetzt wieder mit dem Rücken gegen den Tresen. Eines der beiden Biergläser hinter ihm fiel um, rollte über die Tresenkante und zersprang mit einem satten Klirren am Boden. Tibbs rückte noch einen Schritt näher.

Als Bell zuschlagen wollte, schnellte die Linke von Tibbs wie ein Blitz hoch, wehrte den Schlag ab und Tibbs‘ Rechte schlug von unten hart gegen Bells Brustbein. Bell schnappte nach Luft, als Tibbs ihm seine linke Gerade auf die Nase wuchtete. Man hörte das Brechen des Nasenbeins und Blut schoss Bell aus den Nasenlöchern. Schließlich schlug Tibbs einen rechten Uppercut unter Bells Kinn. Bell ging zu Boden, fiel neben Hikoma nieder und sein Blut tropfte auf Hikomas nagelneuen Stetson.

(236) „Cut“, schrie eine Stimme.

„Cut“, schrie eine Stimme. „Wir machen 30 Minuten Pause, dann die gleiche Szene noch einmal.“

Bell (im wirklichen Leben Lando Daniels) setzte sich auf und klopfte Hikoma (Ken Yamazaki)auf den Oberschenkel. „Alles ok?“ Yamazaki nickte: „Ich habe deine Knöchel fast gespürt. Perfekter Schlag.“ Tibbs (Stacey Rawlings) half beiden hoch. „Ich weiß nicht, ob wir das nochmal besser hinkriegen, aber du solltest dir auf jeden Fall eine neue Nase anschrauben lassen.“ – „Ja, ihr könnt jetzt Pause machen, ich muss erst mal wieder in die Maske und umziehen kann ich mich auch noch, ich bin voller Blut. Das Blutkissen war viel zu groß.“ Daniels zog sich die Kunststofffolie aus der Nase.

Rawlings klopfte ihm auf die Schulter und verließ das Set, vorbei an den Bühnenbildnern und den Requisiteuren, die nach dem Dreh wieder Ordnung schufen und alles in die Ausgangsposition zurück brachten. Rawlings nickte dem Regisseur zu, der ihm ein Daumenhoch-Zeichen machte.

Der Schauspieler ging zur Halle hinaus zu seinem Wohnwagen und stieg ein. Nachdem er die Tür geschlossen hatte, verharrte er einen Augenblick still und genoss die Ruhe. Sein Wohnwagen war so etwas wie sein Heiligtum. Als junger Schauspieler hatte er in den vielen Pausen am Set herumsitzen müssen. Dabei musste er in schwachsinnigen Diskussionen mitreden oder sich den letzten Tratsch anhören. Seit er Starstatus erreicht hatte, war es anders. Er hatte ein vertragliches Recht auf einen eigenen Wohnwagen und konnte sich dorthin zurückziehen, wenn er nicht drehen musste. Er konnte vor allem die Tür schließen und niemand durfte ihn stören. Wenn er wollte, bräuchte er nicht einmal den Regisseur herein zu lassen. Seine persönliche Burg mit Zugbrücke.

Rawlings setzte sich in den bequemen Sessel und goss sich einen Tee aus der Thermoskanne ein. Dann zog er die Stiefel aus, öffnete den Knopf seiner Jeans und legte die Beine auf das Sideboard hoch. Er nahm sein Buch vom Tisch. Auf Seite 271 klappte er die Seitenecke zurück und fing an zu lesen.

(237) Arne betrachtete die Karte sehr eingehend.

Arne betrachtete die Karte sehr eingehend. Immer wieder fuhr sein rechter Zeigefinger die geplante Route nach. Auf der ersten Seite seines Expeditionstagebuchs hatte er die voraussichtliche Dauer der einzelnen Etappen festgehalten. Arne hatte intensiv mit sich gerungen, dann aber doch die einfachere Variante gewählt und an wesentlichen strategischen Stellen Proviantlager eingeplant.

Im Geiste überprüfte er alle Annahmen und stellte gleichzeitig die Liste mit den notwendigen Vorräten zusammen.

Lange Zeit war Arne sich nicht sicher gewesen, welche Richtung er nehmen würde: Von oben nach unten oder von unten nach oben. Da es zwischen den Ebenen nur eine Verbindung gab, waren nur diese beiden Richtungen für die Expedition praktikabel. Er hatte sich schließlich entschlossen, von unten nach oben vorzugehen, es schien ihm einfach natürlicher. Und dann jeweils im Uhrzeigersinn.

Er würde deshalb im Heizungskeller anfangen. Allein für diesen Raum hatte er sechs Tage veranschlagt. Ins Erdgeschoss würde er nach fünf Wochen hochsteigen. In der zwölften Woche rechnete er damit, im ersten Stockwerk anzukommen. Der letzte Aufstieg unter das Dach in der siebzehnten Woche und er erwartete ein Ende der Expedition durch das ganze Haus in weniger als zwanzig Wochen.

Auf dem Weg dorthin wollte er das Haus vollständig dokumentieren durch Zeichnen, Kartieren und Fotografieren. Das Auswerten aller Proben und Unterlagen würde Monate, wenn nicht Jahre in Anspruch nehmen. Die Ergebnisse plante er in einem Buch zu veröffentlichen. Es sollte den Titel ‚Die Reise durch mein Haus‘ tragen.

Es klingelte an der Haustür. Es war Beate, seine Nachbarin. Sie fragte ihn, ob er Lust habe, mit ihr an den Strand zu gehen. Arne war unschlüssig. „Bist du immer noch daran, die Expedition durch das Haus zu planen?“ Er nickte. „Das hat Zeit, komm doch mit mir an den Strand. Ich spendiere auch ein Eis.“ – „OK“, antwortete Arne und setzte seinen Strohhut auf.

(238) Wann soll die Expedition denn losgehen?

„Wann soll die Expedition denn losgehen?“, erkundigte sich Beate. „Bald“, antwortete Arne unbestimmt. „Freust du dich darauf?“, forschte sie nach. „Weiß nicht“, meinte er. „Also ich könnte das ja nicht. Diese Geduld, wochen- und monatelang unterwegs zu sein… Fühlst du dich manchmal alleine?“ Er dachte nach. „Nein… Aber komm doch mit.“ – „Nein, das dürfte ich nicht.“ Etwas später: „Wirst du denn nachts im eigenen Bett schlafen?“

„Nein“, er blieb stehen und sah sie mit großen Augen an, „das würde das Konzept der Expedition verletzen. Es muss ein Zimmer nach dem anderen erforscht werden.“

Mittlerweile waren sie am Strandzugang angekommen. Ein hoher Pfosten aus Aluminium war davor aufgestellt worden und daran waren jede Menge Verbotszeichen angebracht. Daneben lehnte Herr Heunemann und grinste unter seinem Dschingis-Khan Schnurrbart.

„Herr Heunemann, was haben Sie sich wieder ausgedacht?“, empörte sich Beate. „Ausgedacht, gar nichts. Das sind alles ganz normale Regeln, die jeder einhalten muss. Nur so können sich alle wohlfühlen.“ – „Was ist das?“, Beate deutete auf ein Zeichen.“ – „Singen Verboten“, antwortete Herr Heunemann. „Viele können es einfach nicht“, fügte er erklärend hinzu, „und es tut weh beim Zuhören.“

„Und das hier?“ – „Kein Ballspielen.“

Weiter gab es noch ein Verbot von Schwimmflossen („Kann man drüber stolpern“), ein Verbot von Sandburgen („Behindern die Sicht, wenn man liegt“), ein Verbot von übermäßiger Körperbehaarung („Kann feuergefährlich sein“) und ein Verbot von Lupen (siehe übermäßige Körperbehaarung).

„Aber Herr Heunemann“, warf Beate ein, „vieles davon sind doch genau die Sachen, wegen denen man überhaupt an den Strand geht. Und das soll jetzt alles verboten werden?“ – „Es ist alles verboten. Und es sind Dinge, die nur eine Minderheit praktiziert, die Mehrheit aber stört. Deshalb wird künftig jeder an diesem Strand glücklich werden.“

Beate schüttelte traurig den Kopf: „Nein, genau das Gegenteil wird geschehen. Keiner wird mehr sein Glück hier finden, sondern nur das, was am wenigsten stört. Man kann hier nur noch liegen, keinen Laut von sich geben und am Ende des Tages nach Hause gehen. Das war es dann.“

Heunemann strich sich über seinen Schnurrbart. „Dann verbiete ich es einfach, an diesem Strand unglücklich zu sein“, sprach er, „Problem gelöst.“

(239) „Das geht doch nicht“, entrüstete sich Beate…

„Das geht doch nicht“, entrüstete sich Beate, „ich kann doch nicht bestimmen, was ich fühlen soll.“ Arne wiegte den Kopf hin und her. „Naja, wenn du dich darauf konzentrierst, müsste es gehen, aber es braucht natürlich viel Selbstdisziplin.“

Sie legten die Strohmatten aus und darauf die Badetücher. Beate öffnete ihre Kühltasche und zog zwei Cornettos heraus. „Ich glaube, die sind noch nicht verboten“, meinte sie. Arne bestätigte: „Nee, die waren nicht auf der Liste. Aber ich glaube, wir müssen das Papier im Anschluss auch aufessen, sonst gibt es Probleme.“

Beate schleckte am Eis und schaute zum Horizont. „Irgendwie erinnert Heunemann mich an meine Großtante Anni. Sie besuchte uns nicht so oft, weil mein Vater sie nicht mochte. Sie war die Tante meiner Mutter. Aber wenn sie kam, machte sie alle kirre. Sie hat jedes Mal einen Riesentheater verursacht, mal war dieses nicht recht, dann jenes nicht. Sie musste alles bestimmen und alle waren ständig auf Trab wegen ihr. Und dann verkündete sie zwischendurch scheinheilig: ‚Ich will euch ja gar keine Umstände machen. Ich brauche gar nichts. Lasst es uns doch einfach gemütlich machen.'“ Beate ahmte ihre krächzende Stimme nach. „Und dann im nächsten Augenblick hieß es dann: ‚Kann ich noch eine Tasse Kaffee haben? Habt ihr noch ein Kissen für mich?‘ So ging das die ganze Zeit. Was meinen Vater besonders genervt hat, war, dass sie ständig meine Mutter bemitleidete, wegen der vielen Arbeit im Haus. Aber wenn sie da war, hat sie nie auch nur einen Handschlag getan.“

Beate lachte über ihre eigene Erinnerung. „Es ist ja ein wenig eklig beim Eisessen, aber die Geschichte ist wirklich zu komisch. Als Tante Anni gestorben war, sind alle über ihr Haus hergefallen. Besonders ihr Sohn Benno, mein Onkel.

Tante Anni war ihr ganzes Leben sehr geizig gewesen. Deshalb hegten alle die Erwartung, dass sie einen Schatz im Haus versteckt hielt. Die Verwandtschaft stellte alles auf den Kopf. Aber das einzige Bemerkenswerte, das sie fanden, war eine Zuckerdose in der Küche, in der Tante Anni die aus Zuckerdragées heraus gelutschten Mandeln aufbewahrte. Sie verwendete die Kerne für Mandelplätzchen, die sie öfters buk. Wenn man Tante Anni besuchte, gab es nur selbstgebackene Mandelplätzchen. Sie haben nicht gut geschmeckt, aber irgendwann hat jeder zugegriffen. Die Dose mit den abgelutschten Mandelkernen war für alle eine grässliche Entdeckung. Aber einen Schatz hat man nie gefunden.“