(220) Hajo Keller wurde vom Bellen des Nachbarhunds geweckt.

Hajo Keller wurde vom Bellen des Nachbarhunds geweckt. Er schlug die Augen auf und schloss sie gleich wieder, als ihn das Tageslicht blendete. Er tastete neben sich. Das Bett war leer. Da er im Haus keine Geräusche hörte, musste seine Frau bereits zur Arbeit gegangen sein.

Keller döste weiter vor sich hin, bis der Durst nicht mehr auszuhalten war. Er richtete sich auf und gewöhnte sich langsam an das Licht. Er schnüffelte an seinen Klamotten, die neben dem Bett auf einem Haufen lagen. Sie waren noch ok und er zog Unterhose und –hemd an.

Als er aufstand, war ihm, als ob sein Kopf gleich in einem Feuerball explodieren würde. Es wurde ihm kurz schwarz vor Augen, dann ging er in die Küche. Er öffnete den Kühlschrank und nahm eine Dose Bier heraus. Hastig öffnete er sie und trank sie in einem Zug halb leer. Andächtig spürte er dem Getränk nach, wie es sich in seinem Körper verteilte und ihn langsam entspannte. Noch ein Schluck und er fühlte sich schon sehr viel besser. Er trank die Dose leer.

Während er sich auf den geöffneten Kühlschrank stützte und überlegte, ob er gleich noch ein zweites Bier trinken sollte, hörte er Schritte vor der Haustür. Hinter der Milchglasscheibe konnte er eine Gestalt ausmachen und hörte es rascheln. Ein Sprayer, fuhr es ihm durch den Kopf. Ein Kamerad hatte erzählt, dass Jugendliche bei ihm ‚Nazis raus‘ quer über die Fassade gesprüht hatten. Keller stellte die leere Bierbüchse auf den Kühlschrank und tapste auf nackten Füßen in den Flur.

Aus dem Regenschirmständer zog er behutsam einen Baseballschläger aus Aluminium und näherte sich weiter der Tür. Mit der rechten Hand hob er den Schläger auf Schulterhöhe, mit der linken ergriff er die Klinke und riss die Tür mit einem Ruck auf. Der Postbote war bereits im Begriff zu gehen und wandte sich wieder um, als er die Tür hörte. In der Türöffnung stand Hajo Keller in Unterhemd und Unterhose, beides fern von blütenweiß, mit einem schlagbereiten Baseballschläger in den Händen. Beide Männer schauten sich einen Moment stumm an. Der Hund nebenan bellte. Dann fiel der Otto-Katalog, den der Postbote an den Türrahmen gelehnt hatte, mit einem Plopp vor Kellers Füße. Keller sah hinunter, bückte sich, um den Katalog zu nehmen, murmelte ein ‚Danke‘ und schloss die Tür.

(221) Martin Rodemann, der Postbote, musste lächeln…

Martin Rodemann, der Postbote, musste lächeln, als er seinen Handwagen auf dem Bürgersteig weiterschob. Er mochte Herrn Keller nicht, seit dieser ihn einmal in ein Gespräch über ausländische Mitarbeiter bei der Post verwickelt hatte. Keller hatte ihm einreden wollen, dass sein Job von Ausländern bedroht sei.

Frau Keller kannte Rodemann besser. Er bedauerte die Frau, dass sie mit einem solchen Scheusal verheiratet war. Etwas später auf seiner Tour kam er zu einem Haus, das jedes Mal für eine Überraschung gut war. Rodemann wurde aus Edith Barthel nicht klug. Er kannte sie seit etwa fünf Jahren, seit er die Tour übernommen hatte. Mal versuchte die Vierzigjährige, mit ihm zu flirten, manchmal schrie sie ihn an, dann gab sie ihm Trinkgeld oder lud ihn auf einen Kaffee ein. Von einem Tag zum anderen konnte sich ihr Verhalten völlig verändern. Er hatte bisher auch nicht herausgefunden, was sie den ganzen Tag machte.

Ein Besuch bei Frau Barthel war auf jeden Fall das Highlight seiner Tour und manchmal schloss er vorher Wetten mit sich selbst ab, wie sie drauf sein würde.

Heute hatte er zwei Briefe für sie (Kontoauszüge und Telefonrechnung), die er natürlich auch in den Briefkasten werfen konnte. Aber er klingelte. Es dauerte ein paar Momente, dann öffnete sie ihm. Heute war sie bester Laune und lächelte ihn an. Allerdings bat sie ihn nicht herein auf einen Kaffee, wie sie es sonst manchmal tat. Er gab ihr die Briefe und sie plauderten ein wenig über das Wetter und über die Bauarbeiten, die eine Hälfte der Straße in eine Mondlandschaft verwandelten.

Dann verabschiedete sich der Postbote, er musste weiter. Sie wünschte ihm noch einen schönen Tag und schloss die Tür. Rodemann bedauerte es, dass er nicht von Anfang an, als er die Tour übernommen hatte, eine Statistik darüber geführt hatte, wie Frau Barthel sich verhielt. Daraus ließe sich vielleicht eine Systematik ableiten. Vielleicht hatte es ja etwas mit dem Mond zu tun.

Insgeheim hoffte er darauf, Frau Barthel an einem Tag zu besuchen, an dem sie Lust auf Sex hätte. An einem solchen Tag würde sie ihn bestimmt hereinbitten und er fand sie schon sehr attraktiv. Er kannte solche Storys von Kollegen, aber er selbst war noch nie auf ein Schäferstündchen hereingebeten worden. Vielleicht bei Frau Barthel…?

(222) Edith Barthel blickte auf die Uhr.

Edith Barthel blickte auf die Uhr. Zehn Minuten konnte sie ihm noch geben, aber es wurde Zeit, dass sie sich umzog. An der Tür ihres Schlafzimmers hing ihre Arbeitskleidung, die sie gestern Abend dort aufgehängt hatte: eine Netzstrumpfhose, ein Korsett aus schwarzem Satin und ein Lederminirock. Sie zog sich um. Dann legte sie die oberschenkelhohen Schaftstiefel aus Lackleder an sowie die langen Handschuhe aus Satin. Sie beschaute sich im Spiegel und überprüfte ihr Makeup. Herr Momsen würde zufrieden sein.

Sie ging ins Nebenzimmer, das komplett abgedunkelt war. Als sie den Lichtschalter betätigte, leuchteten mehrere schwache Glühbirnen an altmodischen Wandkandelabern auf und erhellten den Raum spärlich. Sie nahm eine Reitgerte von der Wand und trat zu der hüfthohen schwarzen Truhe mitten im Raum.

Mit der Reitgerte schlug sie auf die Truhe und sprach wirsch: „Aufwachen!“ Sie hob den Deckel hoch und klappte ihn zurück. Dann entriegelte sie die Vorderseite und ließ sie mit einem Krachen nach unten schwingen. In der Truhe lag ein nackter, mit roten Seilen gefesselter Mann. Über dem Kopf trug er eine Ledermaske ohne Augenöffnungen, aber mit einem Ausschnitt für den Mund, in dem ein roter Ballknebel steckte. Sabber lief an der Maske herunter und tropfte auf den mit rotem Gummi bezogenen Boden der Truhe. An den Händen trug der Mann Handschellen, die über seinem Bauch mit den Seilen fixiert waren.

Herr Momsen schien eine gute Nacht gehabt zu haben. Sie löste die Handschellen und gab ihm einen Hieb mit der Reitgerte, als er sich daraufhin am Bauch kratzte. Sie half ihm, die Beine über den Rand der Truhe zu drehen und sich aufrecht hinzusetzen. Sie löste die Seile und befahl ihm aufzustehen. Mit zitternden Knien tat er es. Dann nahm sie ihm die Ledermaske ab. Dahinter erschien das aufgedunsene rote Gesicht eines Endvierzigers, der sie mit dankbaren Augen anblinzelte.

Sie schnallte den Knebel auf und nahm den Ball aus seinem Mund. „Danke, Herrin“, sagte er. „Jetzt mach dich sauber, du Schwein“, herrschte sie ihn an. „Du ekelst mich an.“ Als er sich zu der Badezimmertür wandte, gab sie ihm noch einen Hieb mit der Gerte auf den Hintern, bedauerte es aber gleich wieder, denn der Striemen würde für ein paar Tage sichtbar bleiben.

(223) Als Eckart Momsen sich auf dem Fahrersitz niederließ…

Als Eckart Momsen sich auf dem Fahrersitz niederließ, zuckte er zusammen. Er würde seiner Frau für ein paar Tage seinen Hintern verbergen müssen. Ungeschickt von Lady Agatha. Sonst war er zufrieden. Diese Übernachtungen waren besser als jede Therapie. Nirgendwo fühlte er sich so geborgen, als wenn er nackt und gefesselt in ihrer Truhe lag. Alle Optionen waren ihm genommen und er konnte zur Ruhe kommen. Außerdem fand er es erregend, einer ihm eigentlich unbekannten Frau ausgeliefert zu sein. Etwas Abenteuer, aber mit überschaubaren Risiken.

Der Vertriebsleiter (Europa, Mittlerer Osten und Afrika) für Zahnräder aller Art fuhr geradewegs ins Büro. Auf dem Bürostuhl schmerzte sein Hintern noch mehr und er dachte wieder an Lady Agatha. ‚Das ist Kundenbindung‘, dachte er für sich. Auf seinem Schreibtisch lagen die Vorbereitungen für seine Dienstreise ab dem kommenden Tag. Den Striemen würde er so gut verbergen können.

Er überprüfte die Reiseunterlagen. Er stutzte und verglich die Daten mit seinem Terminkalender. „Frau Lutze“, schrie er, „kommen Sie doch mal her.“ Frau Lutze, eine kleine Frau unbestimmten Alters kam herein. „Herr Momsen, Sie haben gerufen?“ – „Sie haben meine Flugreisen gebucht, richtig?“ Sie nickte. Er schaute sie scharf an. „Ja, die habe ich gestern gebucht, Herr Momsen.“ – „Dann verstehe ich nicht, warum ich am Donnerstag irgendwo wegfliegen soll, bevor ich dort überhaupt angekommen bin. Können Sie mir das erklären, Frau Lutze?“ Sie blickte ihn an, wie vom Donner gerührt. Er lehnte sich im Stuhl zurück, rutschte aber gleich wieder nach vorn, weil ihn der Hintern wieder schmerzte.

„Da muss ich wohl einen Fehler gemacht haben, Herr Momsen. Es tut mir leid. Ich werde sofort alles überprüfen und korrigieren.“ – „Frau Lutze, das passiert Ihnen ständig. Wo sind Sie mit den Gedanken? Warum kann ich mich nicht auf Sie verlassen?“ Sie trat näher an den Schreibtisch, nahm die Flugbestätigungen mit zitternden Händen. „Bitte nicht schreien, Herr Momsen.“ – „Ich schreie nicht, ich bin nur außer mir wegen dieser Inkompetenz!“ Frau Lutze fing an zu weinen. „Jetzt werden Sie nicht hysterisch, Frau Lutze. Ich kann das nicht mit ansehen.“

(224) Eckart Momsen war gerade wieder in Gedanken…

Eckart Momsen war gerade wieder in Gedanken an die vergangene Nacht versunken, als es an der Tür klopfte. Die Tür öffnete sich und Friedrich Gramlich, sein Chef, trat ein. Der Vertriebsleiter war erstaunt, denn sein Chef besuchte ihn sonst nie. Er erhob sich und streckte die Hand aus. Gramlich wehrte ab und sagte: „Bleiben Sie sitzen, Herr Momsen, wir sollten nicht so förmlich sein.“

Momsen setzte sich wieder hin und verzog das Gesicht, als ihm der vergessene Hieb wieder ins Gedächtnis gerufen wurde. „Alles klar?“, fragte Gramlich. Sein Gegenüber nickte: „Was kann ich für Sie tun?“

Gramlich setzte sich ihm gegenüber und tat so, als würde er die Wände mit den aufgehängten Flipchart-Seiten studieren. „Was denken Sie sich eigentlich dabei, wenn Sie Mitarbeiter wie Frau Lutze so zusammenstauchen?“ Momsen hatte nicht mit dieser Frage gerechnet. „Wie meinen Sie das?“

„Schauen Sie, wir wollen hier unseren Mitarbeitern ein Zuhause bieten. Sie sollen sich wohl fühlen, denn wir wollen sie behalten. Die guten natürlich nur. Frau Lutze ist in meinen Augen eine gute Mitarbeiterin. Sehen Sie das auch so? Wir machen natürlich alle mal Fehler, oder?“ – „Natürlich, ja, das stimmt, Herr Gramlich.“ – „Genau. Kann es sein, dass Sie, Herr Momsen, Probleme im Umgang mit weiblichen Mitarbeitern haben? Dass dies der Grund ist, warum Sie es Frauen gegenüber nicht schaffen, den angemessenen Respekt zu zeigen?“ Der Vertriebsleiter versuchte nachzudenken, allerdings hatte er nur das Bild von Lady Agatha vor Augen. „Wissen Sie, Momsen, einerseits mag ich Ihre raubeinige Art, wenn Sie es der Konkurrenz zeigen und wenn Sie wie eine Panzerbrigade unbeirrbar nach vorne stürmen. Bei unseren Mitarbeitern aber ist das fehl am Platz. Ich habe bereits mit dem Personalchef besprochen, Sie werden einen Kurs zum Abbau ihrer sexistischen Aggressionen absolvieren. Wir können es uns in dieser Zeit nicht leisten, schlecht mit einem Teil unserer Mitarbeiter umzugehen. Sind Sie mit meinem Vorschlag einverstanden?“ Momsen nickte. „Das freut mich.“

Gramlich stand auf und meinte, als er schon an der Tür stand, „und jetzt gehen Sie zu Frau Lutze und entschuldigen sich mal. Das wird Ihnen guttun. Bringen Sie ihr mal einen Strauß Blumen mit oder sowas ähnliches. Frauen mögen das.“

(225) Frau Zeller kam zu Gramlich ins Büro…

Frau Zeller kam zu Gramlich ins Büro und legte ein Blatt Papier auf seinen Schreibtisch. „Es ist ein Fax von Ihrer Frau. Ich“, sie räusperte sich, „habe es nicht gelesen.“ Dann ging sie hinaus und schloss die Tür. Gramlich nahm das handgeschriebene Blatt Papier und setzte die Lesebrille auf. ‚Friedrich, wenn Du diese Zeilen liest, bin ich weit weg, zusammen mit den Zwillingen. Ich habe Gott gefunden und möchte ihm mein Leben widmen. Ich kann mir vorstellen, dass Dich das erstaunen wird. Aber ich habe mich in den Jahren unserer Ehe weiter entwickelt, mehr, als Du es gemerkt hast.

Kannst Du Dich an den letzten Sommerurlaub erinnern? Wahrscheinlich nicht, denn Du konntest uns ja nicht begleiten, wie so oft. Die Vorsehung hatte die Mädels und mich zu einem Sommercamp geführt und dort habe ich großartige Menschen getroffen. Sie haben mir geholfen, Gott näher zu kommen. Ich möchte, dass Ricarda und Lucinda in einem gesunden Umfeld aufwachsen, fernab der Stadt mit ihren schädlichen Einflüssen. Leider auch fernab von Dir, denn hinter Deiner Fassade regiert der Leibhaftige. Alles, was Dich motiviert, ist die Gier.

‚Ihr Silber und Gold kann sie nicht retten am Tag des Zornes des Herrn. Sie werden damit ihre Gier nicht sättigen und ihren Bauch nicht füllen; denn all das war für sie der Anlass, in Sünde zu fallen.‘

Auch Du, mein lieber Friedrich, solltest über Dein Leben nachdenken und wie Du ein besserer Mensch vor dem Herren werden kannst. Bitte suche nicht nach uns. Und sei unbesorgt, Dein Geld und Dein Besitz interessieren uns nicht. Aber sollten sich unsere Wege irgendwann einmal kreuzen, dann wisse: ‚Und wenn er sich sieben Mal am Tag gegen Dich versündigt und sieben Mal wieder zu Dir kommt und sagt: ‚Ich will mich ändern!‘, so sollst Du ihm vergeben.‘ Und wenn er nicht mehr zu Dir kommt und dann für immer schweigt, so werde ich ihm auch dann vergeben.

In tiefer christlicher Liebe, Deine Johanna.‘

(226) Der Holzsteg am Fluss war mit Blumen und Fähnchen geschmückt.

Der Holzsteg am Fluss war mit Blumen und Fähnchen geschmückt. Von der kleinen Kapelle, die zwischen den verstreuten Wohn- und Wirtschaftshäusern lag, zog eine Prozession zum Fluss hinunter. Johanna und zwei weitere neue Mitglieder der Gemeinde gingen gleich hinter dem kleinen Jungen mit der Fahne. Johanna hielt Ricarda und Lucinda an der Hand. Hinter ihnen der Rat der Älteren, darunter auch Dismas Kollmann, der Gemeindevorsteher. Zum Schluss der Rest der Gemeinde, alle in feierlicher Stille.

Bei dem Urlaub im vergangenen Jahr war sie beeindruckt gewesen von dem Frieden und der inneren Harmonie, die von allen Gemeindemitgliedern ausging. Insbesondere das Charisma von Dismas, so nannten ihn alle, hatte Johanna nachhaltig beeindruckt.

Als sie an dem Steg angekommen waren, bildeten die Gemeindemitglieder am Ufer einen Halbkreis. Johanna und die beiden anderen Täuflinge, ein Mann und eine Frau, alle drei in weißen langen Gewändern, gingen mit zwei der Ältesten auf den Steg. Am Ende des Stegs war eine Leiter und über diese stiegen die fünf ins Wasser. Die Gemeinde am Ufer, unter ihnen Dismas, fing an zu beten.

Als Johanna im Wasser war, es reichte ihr bis zum Bauch, grüßte sie noch ihre Töchter, die zurück winkten.

Die Abläufe hatten sie vorher besprochen. Jeder der Täuflinge wurde von den Älteren an den Schultern gehalten und ein Mal nach hinten umgekippt, so dass der ganze Kopf kurz unter Wasser war. Dazu sagten sie: „Zur Ehre von Gott dem Vater taufen wir dich, auf dass du durch den Tod und die Auferstehung unseres Herrn Jesus Christus und durch die Kraft des Heiligen Geistes ein neues Leben beginnen kannst.“

Johanna kam nach Atem schnappend wieder hoch und hörte die Worte nur verschwommen durch das Wasser in ihren Ohren.

Nach jedem Taufgang applaudierte die ganze Gemeinde. Die Sonne stand mittlerweile recht tief und tauchte das Bild in goldenes Licht. Es war ein Augenblick der Freude und Johanna hatte das Gefühl, endlich Zuhause angekommen zu sein.

(227) Katarina bemehlte die Arbeitsfläche und legte den Teigklumpen in die Mitte.

Katarina bemehlte die Arbeitsfläche und legte den Teigklumpen in die Mitte. Johanna arbeitete mit ihr in der Gemeinschaftsküche, die gleichzeitig auch Bäckerei war. „Was mich wirklich überzeugte, war diese ruhige, abgeklärte Art von Dismas.“ – „Das kann ich verstehen“, bestätigte Katarina und rollte den Teig aus. „Aber du brauchst dir keine Hoffnungen zu machen, Dismas ist an Frauen bereits reich gesegnet.“ Johanna hörte auf, in der Teigschüssel zu rühren. „Wie meinst du das?“

Katarina erklärte ihr, dass Dismas in der Gemeinde mit zwei Frauen verheiratet war. Als Johanna erstaunt reagierte, holte Katarina weiter aus und erklärte, dass bereits in der Bibel die Ehe von einem Mann mit mehreren Frauen nichts Unerlaubtes war, weder im Alten noch im Neuen Testament. Jakob, zum Beispiel, habe die Vorfahren aller zwölf Stämme mit seinen beiden Ehefrauen Rahel und Lea, die Schwestern waren, und mit deren beiden Dienerinnen gezeugt. Dismas hatte bereits am Anfang der Gemeindegründung von Gott die Erlaubnis bekommen, eine zweite Frau zu nehmen. Die anderen Männer hatten dieses Recht nicht von Gott bekommen, deshalb gab es in der Gemeinde auch keine Diskussionen deswegen.

„Es ist ja nicht, als ob er es wie König Salomo triebe“, erklärte Katarina. „Allerdings ist es ein Thema, über das er nicht gerne redet. Deshalb ist es gut, dass ich es dir erkläre und du keinen Fehler machst.“ Sie griff wieder zur Teigrolle. „Aber jetzt schnell weiter, wir müssen fertig sein, bevor die Fragestunde mit Dismas beginnt.“

(228) Ein Mal in der Woche setzte sich die Gemeinde zusammen…

Ein Mal in der Woche setzte sich die Gemeinde zusammen, um Dinge zu besprechen, die die Gemeinschaft betrafen. Im Anschluss konnte jeder Dismas befragen, sowohl zu religiösen als auch ganz weltlichen Themen.

Sie versammelten sich im Gemeindesaal und saßen im Kreis, darunter auch Dismas. Gerade hatten sie über veränderte Arbeitszeiten in der Schreinerei gesprochen, als einer der Älteren sprach: „Bruder Dismas, wir haben heute zum ersten Mal in dieser Runde drei neue Mitglieder. Ich glaube, für alle zu sprechen, wenn ich dich bitte, uns zu ihrer und unserer Erbauung zu erzählen, wie du zu Gott fandest.“ Dismas blickte wohlwollend in die Runde. Alle nickten ihm aufmunternd zu.

„Nun denn“, hob er an, „ich will euch gerne erzählen, wie ich zu Gott kam, denn es hat mein Leben verändert und es ist eine Geschichte der Freude. Damals hieß ich noch anders.“

Als junger Mann war Dismas gezwungen gewesen, den Dienst bei der Armee abzuleisten. Damals war er nur auf sein Vergnügen fixiert, ein durch und durch egoistischer Mensch. Glücklicherweise gab es keine Kriege.

Einmal war Dismas mit einem anderen Soldaten im Manöver. Die beiden bildeten einen Erkundungstrupp, der sich von hinten an die Roten, die feindliche Seite, anpirschen sollte. Sie gerieten in ein Moorgebiet, die dünne Grasnarbe brach ein und sie versanken im Untergrund. Die weiche Erde nahm sie immer weiter auf. Das schwere Marschgepäck zog sie nach unten.

Sie schrien um Hilfe, aber da war niemand, der sie hörte. Als sie schon bis zur Brust eingesunken waren, folgte Dismas einer Eingebung und fing an, zu Gott zu beten. Sein Kamerad Cort verhöhnte ihn deswegen. Dismas versprach Gott, sein Leben zu ändern und anderen Menschen das Wort Gottes nahezubringen, wenn er Cort und ihn retten würde. Das machte Cort wütend und er fluchte ganz gotteslästerlich.

Dismas betete weiter und als nur noch ihre Hälse und Köpfe aus dem Moor herausschauten, wurden sie von Soldaten entdeckt und gerettet. Auch Cort wurde gerettet.

„Kurz darauf war der Militärdienst für uns beide zu Ende“, fuhr Dismas fort, „ich fand meinen Weg zu euch, wofür ich Gott noch einmal tief dankbar bin. Von Cort habe ich nie wieder etwas gehört. Ich wünsche mir von ganzem Herzen, dass auch ihm irgendwann die Liebe zu Gott widerfahren ist.“

(229) Siehst du die Punchlights im Lastwagen?

„Siehst du die Punchlights im Lastwagen? Die Scheinwerfer da? Gut, nimm sie und bring sie zur Bühne, zehn in die Mitte, zehn links und zehn rechts. Verstanden? Und vorsichtig, ja! Wie heißt du überhaupt? OK, Cort, dann mal los.“

Der Beleuchter ging nach hinten in den Saal, wo das Steuerpult aufgestellt war. Cort stieg auf die Ladefläche des Lastwagens. Zuerst brachte er die Scheinwerfer an den Rand der Laderampe, sprang wieder herunter und brachte sie in Paaren zur Bühne.

Über dieser hing eine Banderole mit dem Text ‚Miss Rodeo Pageant‘. Cort hatte davon über die Agentur erfahren und als er den Job hatte, war er mit dem Wohnwagen hochgefahren. Fünf Tage Arbeit, das lohnte sich. Und danach würde man sehen. Irgendwann gab es immer etwas für ihn zu tun.

Es schien Cort, als sei er sein ganzes Leben Roadie gewesen. Er fühlte sich vor allem als ein Mitglied der weitverzweigten Roadie-Familie. Manchmal traf man sich bei Jobs wieder, manchmal war er mit Crews monatelang in Sleeperbussen unterwegs, von einem Konzert zum anderen. Er mochte es, unterwegs zu sein. Am Anfang war es eine Notlösung gewesen, denn Jobs zum Überleben schien es stets nur woanders zu geben. Zuerst hatte er sich dagegen gewehrt und nach Möglichkeiten gesucht, wieder sesshaft zu werden. Mittlerweile aber hatte er sich in der Bewegung wiedergefunden, er hatte diesen Fluss akzeptiert und er war ein Teil davon geworden. Seine Arbeit machte ihm Freude. Er war stolz darauf, alles, was er tat, mit der größten Aufmerksamkeit und Sorgfalt zu erledigen.

Dies war sein erster Miss Rodeo Pageant, ein Schönheitswettbewerb für Frauen, die den Lebensstil des Rodeo verkörperten. Ihm sollte es recht sein. Die Leute wollten Schweinwerfer haben, um den Strass zum Glänzen zu bringen – sie sollten sie haben.

„Hey Chef“, rief er dem Beleuchter zu, „soll ich die Punchlights jetzt an die Traversen hängen?“