(200) Korbel traf sich mit Herk Pitzer, einem Sozialarbeiter…

Korbel traf sich mit Herk Pitzer, einem Sozialarbeiter, den er bei einem Einsatz kennen gelernt hatte. Er erkundigte sich, wie er helfen könne. Herk sagte ihm, dass er eine Gruppe von Jugendlichen betreue, die sich sehr für das Skateboardfahren interessierten – das wäre vielleicht ein guter Start. „Was kann ich dabei genau tun?“, fragte Georg Korbel.

Herk nahm ihn eines Abends mit, als er die Gruppe besuchte. Es waren Jungs zwischen zwölf und 15 Jahren, die meisten Kinder von Einwanderern. Als Korbel zum ersten Mal dabei war, drehten ihre Runden auf einem Platz mit Bänken, Mauern und Treppenstufen als Hindernisse. Insgesamt waren sie zu zwölft. Die Annäherung war nicht so einfach, denn eigentlich wollten die Skateboarder nichts mit einem Polizisten zu tun haben.

Korbel fragte sie, ob er denn etwas für sie tun könnte, etwas, das sie schon immer mal machen wollten. Irgendwann erzählten sie im Gespräch, dass sie gern auf der großen Freitreppe vor der Oper skaten wollten. Dort waren die Treppenabsätze für bestimmte Kunststücke in der richtigen Tiefe und es gab eine Rampe, die in der Verlängerung des Geländers für Skateboarder eine magische Anziehung ausübte. Allerdings war es nicht möglich, diesen Spot zu nutzen: An allen strategischen Stellen waren Metallstangen und Ketten platziert. Alle Blicke richteten sich auf Korbel. Er dachte kurz nach und sagte, dass er ja mal ein paar Anrufe machen könnte.

Am nächsten Tag redete er mit einem Verantwortlichen in der Oper, der ihn an andere Personen bei der Gemeindeverwaltung verwies. Dort kam er nicht weiter und deshalb wendete er sich an einen Stadtrat. Korbel erklärte ihm das Projekt und versuchte, den Politiker dadurch zu gewinnen, dass ein Erfolg der Aktion bestimmt auch in der Presse Erwähnung fände. Am Ende des Gesprächs hatte er nicht den Eindruck, dass sein Anliegen auf Sympathie stieß.

Doch kurze Zeit später bekam er einen Anruf von der Sekretärin des Stadtrats. Sie teilte ihm mit, dass die Aktion zunächst einmalig und nicht-offiziell stattfinden könne. Abhängig vom Ergebnis würde man dann weitersehen. Beim nächsten Treffen berichtete Korbel von seinem Erfolg, aber die Skateboarder waren weiterhin skeptisch.

Als sich aber alle am verabredeten Tag vor der Oper trafen, waren Arbeiter der Stadtverwaltung gerade dabei, die letzten Stangen und Ketten zu entfernen. Korbel spürte, wie er plötzlich zum Held der Jungs geworden war. Angeregt von Herk applaudierten ihm alle. Korbel setzte sich mit Herk auf eine Bank und beobachtete die Skater, wie sie das neue Terrain erkundeten.

Einer der Jungs hatte es sich in den Kopf gesetzt, oben auf der Treppe Anlauf zu nehmen, dann auf das Geländer der großen Treppe zu springen und 20 Stufen hinunterzurutschen. Beim dritten Versuch schaffte er es auf das Geländer, verlor aber nach der siebten Stufe das Gleichgewicht und landete mit dem Gesicht nach vorn auf dem Treppenabsatz.

(201) Helmut Menzel saß nach Ladenschluss hinten in dem kleinen Büro…

Helmut Menzel saß nach Ladenschluss hinten in dem kleinen Büro und hatte mehrere Ordner offen auf der Erde neben seinem Stuhl liegen. Er berechnete gerade den Einkaufspreis aller Waren, die in seinem Geschäft und dem angehängten Lager enthalten waren. Er kam auf € 169.423,50. Davon würde er ca. € 100.000 herausnehmen können und separat verkaufen für ca. € 75.000. Bei dem anschließenden Brand würde der Rest der Waren vernichtet werden. Leere Kartons, die mit verbrennen würden, sollten vortäuschen, dass alle Stofftiere von der Lagerliste auch wirklich verbrannt waren. Er würde aus der Aktion einen Wert von € 75.000 zurückbehalten. Genug, um die kosmetische Chirurgie für seinen Sohn Leon zu bezahlen.

Bei dem unglücklichen Sturz auf der Operntreppe war Leon mit dem Gesicht über den Quarzsandaufstrich geschürft, der zur Rutschhemmung auf den Stufen aufgetragen war. Es war so, als ob sein Gesicht ausradiert worden wäre. Noch jetzt verzerrte sich Menzels Gesicht schmerzhaft, wenn er daran dachte. Als er und seine Frau im Krankenhaus ankamen, war Leon bereits vollständig bandagiert. Der Arzt hatte die Eltern behutsam darauf vorbereitet, dass ein kosmetischer Eingriff erforderlich sein würde, um das Gesicht von Leon wiederherzustellen. Es bestand zwar eine Chance, dass die Gemeindeverwaltung für den Unfall eintreten würde. Allerdings würde Menzel klagen müssen, da keiner von allein die Verantwortung übernahm. Für eine Klage fehlte ihm das Geld und eine Krankenversicherung hatte er nicht abgeschlossen. Menzel musste das Geld erst einmal selbst aufbringen. Leider liefen seine Geschäfte nicht sonderlich gut und Menzel hatte, in der Hoffnung ständig wachsenden Verkaufs über das Internet sein Lager mit Stofftieren stark vergrößert.

Es blieb ihm nur noch der Versicherungsbetrug. Er hatte die Police der Feuerversicherung durchgesehen, die ihm ein windiger Vertreter aufgeschwatzt hatte. Zum ersten Mal war er froh, dass die Versicherungssumme relativ hoch war. Sogar der Betriebsausfall war mit abgedeckt. Menzel hatte keine andere Wahl.

Allerdings hatte er sich verkalkuliert. Das Feuer brannte nicht, wie er es erwartet hatte. In Menzels Lager verkohlten lediglich einige Rollen Plastikfolie. Der Kunststoff verstreute sich überall als Ruß und setzte sich an den Stofftieren fest. Dadurch wurden sie nahezu unverkäuflich. Der Brand hatte sich hingegen über einen Lüftungsschacht in den Briefmarkenladen nebenan verlagert. Dort war alles ausgebrannt.

Damit die fehlenden Stofftiere dem Versicherungsinspektor nicht auffallen würden, hatte Menzel sie zurückbringen und ebenfalls berußen müssen. Wenigstens war es der Feuerwehr nicht aufgefallen, während sie im Nachbarladen gegen die Flammen kämpfte. Menzel hoffte, dass seine Haftpflichtversicherung in Ordnung war.

(202) Ottmar Zander konnte es nicht fassen…

Ottmar Zander konnte es nicht fassen, als sein Vermieter ihn anrief und ihm sagte, dass sein Laden in Brand stünde.

Kurze Zeit später stand er auf der anderen Straßenseite vor dem Geschäft. Er sah, dass die Flammen aus dem zerbrochenen Schaufenster züngelten und das Leuchtschild bis zu „Zand… Briefm…“ weggeschmolzen hatten. Er hätte tanzen können.

Seit Wochen hatte er mit dem Plan gespielt, sich aus dem Geschäft zurückzuziehen und zu verkaufen. Allerdings würde er für die angesammelten Briefmarken bei einem Komplettverkauf keinen besonders hohen Preis erzielen. Er hatte sich damit abgefunden, noch mehrere Jahre so weiter zu machen und nach und nach seine Bestände abzubauen.

Der Brand öffnete ihm jetzt neue Perspektiven, denn die Versicherung würde die Marken zum Marktwert ersetzen und zwar in bar, denn eine Wiederbeschaffung war in der Form nicht möglich. Glücklicherweise geschah es auch noch in der Frist, die ihm die Versicherung gesetzt hatte, seine Holzschränke durch feuerresistente Stahlschränke zu ersetzen.

Von dem Vermieter, der ihn gesehen hatte und auf ihn zugekommen war, erfuhr er, dass niemand zu Schaden gekommen war. Beide stimmten überein, dass der Besitzer des Nachbarladens großes Glück hatte, weil sich das Feuer nicht dorthin ausgedehnt hatte. Besonders da man wusste, dass Herr Menzel chronisch in wirtschaftlichen Schwierigkeiten war.

Ottmar Zander konnte sein Glück kaum fassen.

Es gab eine Untersuchung der Versicherung und innerhalb von zwei Monaten wurde ihm der Wert des Briefmarkenbestands auf sein Konto ausgezahlt. Zwei Tage später erfüllte Herr Zander sich einen Lebenstraum und flog nach Las Vegas. In einem Taxi ließ er sich zuerst den Strip hinauf und hinunter fahren und schaute staunend wie ein Kind aus dem Autofenster. Er wies den Fahrer an, ihn ins Luxor zu fahren, dem pyramidenförmigen Hotel, dessen Scheinwerfer in der Spitze kilometerweit in den Nachthimmel leuchtete.

Als Zander eingecheckt hatte, lud ihn die Dame vom Empfang zu einem Cocktail in der Lobbybar ein. „Gerne“, sagte Zander. Er war zwar etwas enttäuscht, dass die junge Frau nicht bei ihm sitzen blieb, aber es trübte seine Gesamtfreude kaum. In dem tiefen Clubsessel lehnte er sich zurück, schaute empor bis zur Spitze der inneren Pyramide und fühlte sich befreit.

(203) Vor den einarmigen Banditen an der Lobbybar…

Vor den einarmigen Banditen an der Lobbybar beobachtete Zander ein altes, sehr auffällig gekleidetes Paar, das nebeneinander auf Barhockern saß. Er trug ein orangefarbenes Cowboy-Outfit mit passendem Stetson, sie trug einen fuchsiafarbenen Freizeitanzug. Beide rauchten eine Zigarette nach der anderen und fütterten routiniert die Automaten aus einem Plastikeimer mit Chips. Gleichzeitig redete die Frau aufgeregt auf den Mann ein, während dieser kaum zu antworten schien.

„Ich kann es nicht glauben, dass du unseren Thrift Savings Plan aufgelöst hast und dir alles hast auszahlen lassen. Es war doch sicher angelegt. Was sollen wir jetzt mit dem Geld machen?“ May beobachtete die rotierenden Scheiben des Automaten, als ob sie ihr die Antwort anzeigen würden. Rick grummelte nur. „Haben wir Schulden?“, fragte sie. „Nein“, Rick schaute starr auf die Scheiben seines Automaten. May hatte für einen Moment aufgehört, ihr Gerät zu füttern und blickte Rick von der Seite an. „Rick, hast du das Geld ausgegeben?“ – „Nein, liegt auf dem Konto.“ – „Alles?“ – „Bis auf ein wenig für die Reise hierher.“ – „Wie viel?“, hakte May atemlos nach. „Fünf.“ – „Wie, fünf? Fünftausend?“, May war entsetzt. Rick sagte nichts. „Und wo ist das Geld? Du hast es doch nicht etwa hier bei dir?“ – „Nein, ich bin doch nicht blöd.“ – „Also, wo ist es?“ – „Im Hotel.“ May hielt sich sichtbar zurück, um Rick nicht anzubrüllen. „Du hast das Geld im Hotelzimmer gelassen? Fünftausend Dollar? In Vegas?“

May rang nach Worten. Sie wusste, dass Rick noch verstockter reagierte, wenn man ihn für dumm hielt, aber ihr fiel keine andere Bezeichnung ein für sein Verhalten. Nachdem sie zwei Mal ein- und ausgeatmet hatte, sagte sie: „Wir gehen jetzt auf der Stelle ins Hotel, holen das Geld und bringen es auf die Bank. Sofort, hörst du!“

An den Bewegungen seiner Zigarette erkannte May, dass Rick mit sich rang. „Sofort“, wiederholte sie, um seine Widerrede im Kein zu ersticken. Die Spitze der Zigarette senkte sich, sie hatte gewonnen. Sie nahm die beiden Eimer und marschierte mit Rick im Schlepptau zur Kasse, um die verbliebenen Chips einzulösen.

(204) Larry, schau mal rüber, der Opa. ‚Orange Cowboy‘ nannten sie ihn.

„Larry, schau mal rüber, der Opa. ‚Orange Cowboy‘ nannten sie ihn.“ Larry schaute aus dem Fenster. „Tolle Farbkombi mit der Oma in Pink.“ – „Das ist Fuchsia“, verbesserte ihn Ryan. „Was hab ich doch für ein Glück, so einen gescheiten Partner zu haben“, antwortete Larry. Sie saßen beide im Laderaum eines Lieferwagens und überwachten den Eingang zu einem Lagerhaus hinter dem Best Western Hotel in der Paradise Road. „Die sind es auf jeden Fall nicht“, fügte er hinzu, „denn die würden den Stein nicht schleppen können.“

Larry und Ryan waren Beamte des Las Vegas Metropolitan Police Department und gehörten zur Spezialeinheit gegen organisiertes Verbrechen. In der Ladung einer Frachtmaschine war Zöllnern am Flughafen ein Grabstein aus Beton aufgefallen. Einer der Beamten hatte gerade seinen Vater verloren und kannte sich daher gut mit Grabsteinen aus. Ihm leuchtete es nicht ein, warum jemand einen so schweren Gegenstand, den man überall besorgen konnte, per Luftfracht schickte. Hinzu kam, dass das Paket aus Jamaika stammte.

Roscoe, der Drogenhund, hatte sofort angeschlagen und eine Röntgenaufnahme zeigte, dass der Stein ein Geheimnis barg. Mit einem Presslufthammer wurde er geteilt. Einzementiert im Inneren fanden die Zöllner ein Metallkästchen mit 23 Kilo Marihuana. Der Stein wurde wieder zusammengeklebt, eingepackt und in das angegebene Lagerhaus geliefert. Ziel war es, den Empfänger zu fassen.

Deshalb waren Larry und Ryan seit zwei Tagen in dem Lieferwagen postiert und warteten. Abends übernahm ein zweites Team die Nachtschicht. Larry und Ryan arbeiteten jetzt schon über zehn Jahre zusammen und hatten seitdem mehr Zeit miteinander verbracht als mit ihren Ehefrauen.

(205) Am nächsten Tag fuhr ein Pickup-Truck vor dem Lagerhaus vor…

Am nächsten Tag fuhr ein Pickup-Truck vor dem Lagerhaus vor und ein sportlicher junger Mann stieg aus. Er klingelte an der Eingangstür. Ryan stieß Larry an: „Ich glaube, wir haben etwas. Ich fordere schon mal Verstärkung an, für alle Fälle.“ Er gab den vereinbarten Code über Funk durch. Kurze Zeit darauf ertönte der Summer in ihrem Lieferwagen. Der Lagerverwalter hatte das Gegenstück unter dem Tresen und war angewiesen worden, ihn zu betätigen, wenn der Abholer auftauchen würde.

Larry legte seinen Pistolengurt an, während Ryan den Ruf nach Verstärkung bestätigte. „Keine Panik, Larry“, sagte er dann, „der Kerl wird sich den Stein nicht unter den Arm klemmen und wegflitzen.“ – „Der Wagen ist leer, er ist allein.“

Die Polizisten stiegen aus und überquerten im Schutz des Pickup-Trucks die Straße. Der Stahlrollladen des Lagers fuhr quietschend hoch. Sie versteckten sich hinter dem Pickup.

Unter dem Wagen hindurch konnten sie beobachten, wie der junge Mann einen Gabelstapler mit einer großen Kiste herausfuhr. Als er sich hinter den Pickup stellte und anfing, die Holzkiste auf die Ladefläche zu senken, stahlen sich Larry und Ryan vor den Wagen.

Plötzlich fuhr ein Streifenwagen mit Sirenengeheul auf den Hof. Der Mann sprang vom Gabelstapler und flüchtete durch den engen Durchlass am Lager vorbei. Larry rannte ihm nach, Ryan sprintete auf der anderen Seite um das Lager herum. Genau dahinter trafen sich alle drei und angesichts der auf ihn gerichteten Pistolen hob der junge Mann die Hände hoch. Er musste sich mit gespreizten Beinen gegen die Lagerwand lehnen, Larry filzte ihn auf der Suche nach Waffen. Dann legte Ryan ihm Handschellen an.

Der Mann war vielleicht zwanzig und sah nicht wie ein Ganove aus. In seiner Aussage wies er sich als Gerald Hock aus und gab an, Student zu sein. Er war sehr kooperativ und beantwortete bereitwillig alle Fragen, die die Beamten hatten.

(206) Der Versender des Grabsteins war Allen Hock, Geralds Bruder.

Der Versender des Grabsteins war Allen Hock, Geralds Bruder. Allen war Offizier in der Heilsarmee. Er hatte zunächst als Kadett eine Offiziersausbildung besucht und war nach seiner Beförderung zum Lieutenant nach Jamaika geschickt worden. Was ihm an der Heilsarmee gefallen hatte, war die konsequente und tatkräftige Art der Hilfe für Menschen in Not.

Anlässlich seiner Reise nach Jamaika verließ Allen die USA zum ersten Mal in seinem Leben. Nach Aussage von Gerald war er schockiert von den einfachen Verhältnissen, in denen Jamaikaner leben mussten. Allen wollte etwas tun, um ihr Leben zu verbessern. Leider waren die Mittel der Heilsarmee für Jamaika sehr begrenzt und es erwies sich als sehr schwierig, lokale Sponsoren zu finden.

Allen überlegte und kam auf die Idee, das in Jamaika im Überfluss verfügbare Marihuana in die USA zu schicken und das Geld aus den Erlösen in Jamaika in die Armenhilfe zu stecken. Er hatte seine Pläne nur mit seinem Bruder Gerald besprochen, denn er glaubte, dass die Heilsarmee für solche Aktionen noch nicht reif sei. Gerald hatte die Idee mit dem Grabstein gehabt, weil es ihm sehr unwahrscheinlich schien, dass Zöllner einen Grabstein zerschlagen würden. An die Möglichkeit, den Stein mit Röntgenstrahlen zu durchleuchten, hatte er nicht gedacht. Auch hatte er nicht geglaubt, dass Drogenhunde auch die kleinsten Anhaftungen am Beton erschnüffeln konnten.

Auf Nachfrage der Polizisten gab Gerald an, dass er noch keine Abnehmer für die Drogen gesucht hatte. Er hatte zuerst die Ware in der Hand halten wollen, denn er hatte erwartet, dass man ihn sonst nicht ernst nehmen würde. Ein Unrechtsbewusstsein hatte er nicht, schließlich wurde sowieso Marihuana geraucht und die Aktion war für einen guten Zweck.

Um zu verhindern, dass er seinen Bruder warnen konnte, wurde Gerald in Untersuchungshaft genommen.

(207) Auf ihrer Rundreise durch Jamaika war die Reisegruppe in Montego Bay angekommen.

Auf ihrer Rundreise durch Jamaika war die Reisegruppe in Montego Bay angekommen. Der Bus hatte sie in der Nähe des Crafts Market aussteigen lassen. Von den Verkäufern wurden die Touristen begeistert empfangen. Überall, wohin sie gingen, wurden sie von einem Knäuel Menschen umringt. Jeder der Standbesitzer wollte die Touristen zu seinen Waren ziehen.

Rudger Eichhoff war am Strand stehen geblieben, denn er mochte keine Menschenansammlungen. Er ging weiter zum Pier 1, einem Restaurant, und blickte auf das Meer hinaus. Ein Motorboot fuhr vorbei und dahinter zog es fünf Wasserskifahrer in Pyramidenformation. Die beiden obenstehenden Sportler hielten gemeinsam die jamaikanische Flagge hoch. Eichhoff warf seine Zigarette in die Gischt.

„Das hatten wir schon in den 90er-Jahren im Fernsehen, bei ‚Wetten, dass…‘. Aber da wurden die Schifahrer von einem Helikopter gezogen. Und es waren sechs Leute. Eine Pyramide braucht sechs Leute, nicht fünf. Drei unten, zwei darüber und noch einer ganz oben drauf. Mit fünf ist das höchstens eine Mastaba, aber keine Pyramide.“

Er sprach gern mit sich selbst. Gemächlich spazierte er wieder zurück in Richtung Crafts Market. An der Ecke des Busbahnhofs hatte sich eine Blaskapelle der Heilsarmee aufgestellt und spielte ein Marschlied. Eichhoff fluchte auf seine Mitreisenden, die immer noch nicht vom Markt zurück waren und stellte sich vor die Kapelle.

Plötzlich raste von der Hauptstraße ein Polizeiwagen herunter und hielt beim Busbahnhof. Zwei Polizisten stiegen aus und kamen von hinten auf die Kapelle zu. Von der Seite schauten sie sich die Bandmitglieder an. Sie nickten sich zu und der stämmigere der beiden Polizisten legte dem Sousaphon-Spieler seine Hand auf die Schulter.

Die Musik verstummte jäh. Der Trompeter, wohl das ranghöchste Mitglied der Kapelle, redete mit den Polizisten. Der Festgenommene versuchte, sich los zu winden, war aber durch das Instrument, das um seinen Körper geschlungen war, entscheidend behindert. Der Posaunist half schließlich, das Sousaphon abzunehmen und die Polizisten legten dem Salutisten die Handschellen an. Dann brachten sie ihn zum Streifenwagen. Die anderen Musiker standen zusammen und beratschlagten sich.

Als die Reisegruppe zurückkam, fragte der Reiseleiter Eichhoff nach dem Grund für den Aufruhr. „Sie haben einen Musiker der Heilsarmee verhaftet.“ – „Warum denn?“, wunderte sich der Reiseleiter. „Er hat falsch gespielt“, antwortete Eichhoff boshaft und stieg in den Bus.

(208) Zwei lange Jahre hatte Kuno Haller den Schmutz und den Lärm ertragen müssen.

Zwei lange Jahre hatte Kuno Haller den Schmutz und den Lärm ertragen müssen. Zuerst waren es der Abbruch der alten Fabrik, danach die unendlichen Ausschachtungsarbeiten gewesen. Es folgten die Fundamente, die Wände und Decken – und ständig der Lärm der Betonpumpen.

Jetzt war das Shopping-Center fertig und Kuno Haller wollte sich ein Bild davon machen. Vom Bau verstand er etwas, denn er war Kranführer gewesen, bevor ihn die Krankheit in den Vorruhestand getrieben hatte. Die Krankheit war sein Alkoholismus, von dem er sich trotz zweier Entzugskuren nicht lösen konnte.

Die jungen Frauen, die Gutscheinheftchen am Eingang des Einkaufszentrums verteilten, ignorierte er verächtlich. Der Bau selbst sah sehr ordentlich aus, gute Ausführung. Aber mit den neuen Baumaterialien war das auch keine Kunst mehr. Die Musik im Hintergrund war ihm zu laut. Die Läden waren nur etwas für Reiche. Sogar wenn ihn etwas interessiert hätte, er hätte es sich nicht leisten können.

Früher war das ganz anderes gewesen. Natürlich hatte er sich als Kranführer keine großen Sprünge erlauben können. Aber, Haller besaß großes Talent für das Wasserskifahren. Und irgendwann hatte er ein paar andere Verrückte in einem Club zusammengebracht und sie probten Showeinlagen. Sie wurden zu Hafengeburtstagen, Regatten, sogar zu Weinfesten am Rhein eingeladen. Dabei führten sie ihre Kunststücke vor. Das Kranfahren war nur mehr ein Zubrot für ihn gewesen. Das größte aber war der Auftritt bei ‚Wetten, dass…‘ gewesen, wo sie sich als Sechserpyramide von einem Hubschrauber des Bundesgrenzschutzes ziehen ließen. Irgendwann fanden die Kameraden, dass Haller unzuverlässig geworden war. Danach ging es nur mehr bergab mit ihm. Als ob sich alle gegen ihn verschworen hätten.

Sein Blick verklärte sich, als er das Schild ‚Freibier‘ erkannte. Die Fußnote darunter schränkte ein: ‚Nur 1 0,3l-Glas pro Person‘. Aber es war besser als nichts. Er setzte sich hin und als der Kellner nach seinem Wunsch fragte, bestellte er ein Bier. Das Bier kam, er trank einen Schluck und zog dann, wie es seine Gewohnheit war, die Zigaretten heraus und zündete eine davon an.

Augenblicklich kehrte der Kellner zurück und wies ihn auf das Rauchverbot hin. Haller reagierte nicht und tat so, als ob er angestrengt in die Ferne schaute. Der Kellner verschwand und dann folgte der Geschäftsführer des Restaurants. Er stellte sich breitbeinig vor Haller und sagte ihm, dass er seine Zigarette ausmachen sollte. Dazu hatte er eigens einen Aschenbecher mitgebracht, den er vor Haller hinstellte.

Haller sah ihn verständnislos an und sagte, dass Zigaretten und Bier nun mal zusammengehörten. Der Geschäftsführer erklärte, dass er den Sicherheitsdienst rufe, wenn Haller nicht augenblicklich ginge. Haller sprang so abrupt auf, dass der Geschäftsführer einen Satz nach hinten machte. Dann hob Haller das Glas und leerte es in einem Zug. Er wartete einen Moment und rülpste laut, bevor er das Glas wieder hinstellte. Dann ging er.

(209) Philip Dunker schloss die Tür des Restaurants ab.

Philip Dunker schloss die Tür des Restaurants ab. Er hatte die richtige Entscheidung getroffen, als er der Top-Gastronomie den Rücken kehrte und in seine Heimatstadt zurückkehrte. Im Vergleich zu seinen bisherigen Positionen als Restaurantleiter in berühmten Sternerestaurants wirkte der Job als Geschäftsführer in einem Shopping Center-Restaurant auf den ersten Blick wie ein Abstieg. Dennoch war Philip zufrieden, weil er den Eindruck hatte, endlich ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Durch die geregelten Öffnungszeiten hatte er zeitgleich mit den meisten anderen Leuten Feierabend. Und er brauchte keine Angst davor zu haben, dass hinter jedem beliebigen Gast ein heimlicher Testesser steckte.

An diesem Abend hatte er sich mit Jörg Knittel, einem Jugendfreund, zum Joggen verabredet. Sie trafen sich etwas außerhalb der Stadt auf einem Parkplatz im Grünen. Jörg war startbereit, als Philip ankam. Schnell zog sich Philip um und sie konnten lostraben.

Im Gegensatz zu seinem Freund hatte Jörg seine Heimatstadt nie verlassen. Er brachte Philip viele Dinge näher, die er nicht mehr gekannt oder vergessen hatte. Zum Beispiel auch seinen Laufparcours. Jörg fand, dass man dabei herrliche Ausblicke auf die Stadt hatte. Philip musste erst langsam wieder in Form kommen und hatte deswegen wenig Sinn für reizvolle Ausblicke.

An einer Stelle überquerten sie ein tiefes Tal über eine lange, hohe Brücke. Es war noch recht warm und Philip wollte seinen Pullover ausziehen. Er zog ihn im Laufen über das Gesicht. Gerade als er blind weiterlief, hatte er den Eindruck, dass eine Wespe im Pullover gefangen war. Eine Panikattacke erfasste ihn und er lief geradewegs auf die Brüstung zu.

Er knallte gegen das Schutzgitter, das nachgab und sich über den Rand bog. Durch den Schwung fiel Philip über die Brüstung und wäre 40 Meter in die Tiefe gestürzt, wenn sein Fuß sich nicht im Gitter verfangen und ihn aufgehalten hätte. So hing er kopfüber im Gitter, den Pullover immer noch über dem Kopf. Jörg beugte sich von oben über die Brüstung und erkannte, dass das Gitter nicht mehr lange halten würde. Er rief Philip zu, den Pullover abzustreifen. Philip tat es und sah dann erst, in welcher Lage er sich befand. Jetzt geriet er richtig in Panik.

Jörg musste ihn beruhigen, indem er ständig auf ihn einredete. Philip brauchte etwas Zeit, war dann aber wieder ansprechbar. Jörg streckte seinen Arm aus und befahl dem Freund, seine Hand zu ergreifen. Nach einer Ewigkeit tat Philip wie geheißen. Jörg fasste zu und hielt Philip fest. Er hebelte seinen Fuß gegen die Brüstung und lehnte sich mit seinem ganzen Gewicht nach hinten. Langsam zog er Philip wieder hoch in Sicherheit. Anschließend mussten sie sich erst einmal hinsetzen, sie waren beide mit den Nerven am Ende.