(190) Als Christian Leube in Swjosdny Gorodok angekommen war…

Als Christian Leube in Swjosdny Gorodok angekommen war („Willkommen im Sternenstädtchen“), hatte man ihm Wassili Stepanowitsch Alexejew vorgestellt. Wassili war Kosmonaut und hatte bereits Weltraumerfahrung. Er würde Christian während seines Aufenthaltes als Ausbildungspartner zur Seite stehen.

Als erstes wollte Wassili wissen, wie Christians Vater mit Vornamen hieß. „Michael“, antwortete Christian. Fortan nannte ihn Wassili stets Christian Michailowitsch und wollte selbst mit Wassili Stepanowitsch angeredet werden. Abends saßen sie zusammen und tranken Cola. Wassili erzählte von seiner Ausbildung zum Flugingenieur, dann zum Kampfpilot, schließlich zum Kosmonaut. Seinen ersten und bislang einzigen Einsatz als Kosmonaut hatte er als Bordingenieur bei einer russisch-amerikanischen Mission zur MIR.

Wassili Stepanowitsch schwärmte Christian von der unglaublichen Perspektive auf die Erde vor, die man von der Weltraumstation habe. Er wollte so schnell wie möglich dahin zurück. Leube erzählte im Gegenzug von seinem Studium als Physiker und dann von seiner Bewerbung als Wissenschaftsastronaut.

„Wassili, warum wolltest du Kosmonaut werden?“ – „Ha“, antwortete Wassili, „um meinem Vaterland, der Sowjetunion zu dienen. Leider diente sie mir überhaupt nicht, sondern löste sich kurz darauf in ihre Bestandteile auf. Christian Michailowitsch, liebst du dein Vaterland?“ – „Die Frage habe ich mir noch nie gestellt“, antwortete Christian. „Du bist ja auch ein Kapitalist. Ihr Kapitalisten seid alle Opportunisten.“ Wassili schien es damit sehr ernst zu sein und Christian wusste nicht, wie er damit umgehen sollte. Dann brach Wassili Stepanowitsch in schallendes Gelächter aus und Christian lachte erleichtert mit. „Ich bin Kommunist“, fuhr Wassili fort. „Nur Kommunisten können ihr Vaterland wirklich lieben. Es ist eine Schande, dass es immer weniger werden. Auf die Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken!“ Er hob sein Glas. Christiaan wollte zuerst wieder los lachen, merkte aber noch rechtzeitig, dass dies für Wassili kein Spaß war. Christian hob sein Glas und antwortete: „Nastrovje!“

(191) Später saßen sie bei Wassili in der Wohnung.

Später saßen sie bei Wassili in der Wohnung. Diesmal gab es Wodka. „Da draußen kann man das nicht trinken, es gibt überall missgünstige Schnüffler und am Ende darf ich nicht mehr nach oben.“ Wassili goss ein und sie tranken.

„Weißt du“, fragte der Russe, „wer meine liebste Kapitalistin ist?“ Christian schüttelte den Kopf.

Wassili zog seine Brieftasche hervor, klappte sie auf und zog ein Foto heraus. Er legte es vor Christian auf den Tisch. Vom Blickwinkel her und angesichts der Grobkörnigkeit schien das Bild von einer Überwachungskamera aufgenommen zu sein. Es zeigte eine junge Frau mit dunklem, lockigem Haar, die eine Maschinenpistole an einem Schulterriemen trug.

„Weißt du, wer das ist?“, fragte Wassili und berührte mit dem Nagel seines Zeigefingers den Kopf der Frau. Christian schüttelte wieder den Kopf und blickte ihn fragend an. „Das ist Patty Hearst!“

Wassili erklärte, dass er die Bekehrung der Erzkapitalistin durch die im Grunde kommunistische ‚Symbionese Liberation Army‘ für die beste Lösung des Kapitalismus halte. „Ihr Großvater war Milliardär, einer der schlimmsten kapitalistischen Hetzer überhaupt. Sie wird entführt und schließt sich den Kommunisten an. Zusammen überfallen sie eine Bank und verteilen die Beute an die Armen von San Francisco. Das gefällt mir, Christian Michailowitsch. Das hat Potenzial.“

Christian warf ein: „Soweit ich weiß, hat sie danach behauptet, dass sie unter LSD-Einfluss stand und zu dem Bankraub gezwungen wurde. Bill Clinton hat sie in vollem Umfang rehabilitiert und jetzt arbeitet sie als Schauspielerin in Hollywood.“ Wassili machte eine wegwerfende Handbewegung. „Das ist alles Gehirnwäsche durch den CIA und geschah im Auftrag ihres Vaters. Sie hatte in ihrem Leben einen klaren Moment und das war, als sie die Bank ausgeraubt hat.“ Sie tranken noch ein Glas. „Wer ist denn deine Traumfrau, mein kapitalistischer Freund?“, forschte Wassili.

(192) Jetzt war es an Christian, seine Brieftasche hervorzuziehen…

Jetzt war es an Christian, seine Brieftasche hervorzuziehen und ein Foto auf den Tisch zu legen. Es zeigte ein junges, blondgelocktes Mädchen mit einem Samtumhang um die Schultern, einem Diadem auf der Stirn und einem Zepter in der Hand. „Eine Prinzessin? Der Traum der Kapitalisten?“, fragte Wassili mit hochgerissenen Augenbrauen.

Christian erzählte von Heike, seiner Jugendliebe. Auf dem Foto war sie gerade Schönheitskönigin geworden in ihrer Heimatstadt. Er hatte Heike lange vorher gekannt und mit ihr auch seine Unschuld verloren. Für ihn war sie auch heute noch die perfekte Frau: schön, zärtlich, aber auch witzig und sehr zuverlässig. Na ja, zumindest bis sie Schönheitskönigin wurde. Dabei hatte Christian ihr überhaupt vorgeschlagen, bei der Wahl mitzumachen. Anfangs wollte sie nicht, aber dann ließ sie sich von ihm überreden.

Sie gewann. Danach stieg ihr der Ruhm zu Kopf. Viele Männer interessierten sich für sie und sie genoss es, im Scheinwerferlicht zu stehen. Auf einmal war Christian ihr nicht mehr genug. Er war damals blind vor Liebe gewesen und es mangelte ihm an Selbstrespekt.

Irgendwann hatte Heike keine Lust mehr, ihn mit Ausreden abzuspeisen, sondern sie sagte ihm, dass er in ihren Augen nur ein Würstchen sei, nichts im Vergleich zu den Männern, die sie jetzt kennen lernte. Erst da begriff er, dass er sie verloren hatte.

„Ja, die Monarchie ist Ausbeutung, das sagte schon Lenin“, pflichtete Wassili ihm bei. „Was geschah dann mit deiner Heike?“ Christian wusste es nicht, sie waren nicht in Kontakt geblieben. „Du trägst immer noch ihr Foto in deiner Brieftasche, sie bedeutet dir noch etwas. Geh‘ und suche sie. Vielleicht wirst du sie aus dem Weltraum entdecken und ihr zuwinken.“ – „Und du“, entgegnete Christian, „was würdest du mit Patty Hearst machen, wenn sie zu dir käme?“ – „Natürlich kapitalistische Banken überfallen. Nastrovje!“

(193) Heike beugte sich weiter nach vorn und schaute intensiv in den Spiegel.

Heike beugte sich weiter nach vorn und schaute intensiv in den Spiegel. Einem Radarstrahl gleich suchten ihre Augen auf der Haut nach Zeichen des Verfalls. Es war eine routinemäßige Untersuchung, der sie sich jedes Mal unterzog, wenn sie allein vor einem Spiegel saß und nicht in Eile war. In Eile war sie selten und vor einem Spiegel saß sie jederzeit gern.

Durch das ständige Nachschauen war sie so sehr mit ihrem Gesicht vertraut, dass sie die tatsächlich voranschreitende Alterung nicht bemerkte. Was ihr auffiel, waren hingegen größere Veränderungen von einem Tag zum anderen, die nur auf den Lichtverhältnissen oder auf ihrer Einbildung beruhten. Während sie langsam älter geworden war, hatte sie die wesentlichen Anzeichen dafür verpasst.

Trotzdem wusste sie aus der Werbung, dass sie etwas tun musste, um auch künftig jung auszusehen. Seit Monaten beschäftigte sie sich mit der Frage ‚Botox: ja oder nein?‘. Mittlerweile hatte sich die Frage umgewandelt in ‚Botox: heute oder morgen?‘

Würde sie es nicht ausprobieren, so wäre es, als ob sie sich aufgegeben hätte, vermittelten ihr die Zeitschriften, die sie ausgiebig las. Sie beschloss, morgen die Nummer anzurufen, die sie sich längst notiert hatte. Es war zwar jetzt noch nicht nötig, aber es würde den Alterungsprozess in der Zukunft verlangsamen. Sie schraubte ein Döschen mit Gesichtscreme auf, tupfte von dem Inhalt ein bisschen auf Stirn und Wangen und rieb die Creme mit den Fingerspitzen ein.

„Und auf ins Getümmel“, sagte sie sich. Der Rest ihres Tages war eng getaktet: Zuerst eine Stunde Pilates-Training, dann ihre Tochter aus der Schule abholen, dann sich für den Abend zurechtstylen, dann Achim bei der Vorvernissage der „American Art“-Ausstellung im Museum treffen.

(194) Achim zog Heike an der Hand hinter sich her durch die Menschenmenge.

Achim zog Heike an der Hand hinter sich her durch die Menschenmenge. Sie hatte Mühe, ihm stöckelnd zu folgen. Achim war Regionalleiter im Vertrieb eines Versicherungsunternehmens. Sein Talent, neue Kunden zu gewinnen, hatte sich in der Versicherung bereits bis auf Vorstandsebene herumgesprochen und er hatte eine glanzvolle Karriere vor sich. An diesem Abend wollte er unbedingt einen potenziellen Kunden treffen, wegen dem er überhaupt erst dem Freundeskreis des Museums beigetreten war. „Wenn das klappt“, hatte er ihr gesagt, „das ist unsere Rente.“

Endlich hatte Achim Dr. Langheinrich entdeckt. Heike konnte aufatmen, die wilde Jagd hatte ein Ende. Sie schüttelte dem älteren Herrn die Hand. Achim nahm das Gespräch an sich und da Dr. Langheinrich ohne Gattin gekommen war, hatte Heike Gelegenheit, sich das Gemälde, das hinter ihr hing, anzuschauen.

Es kam ihr bekannt vor: ein älteres Bauernpaar vor einer Scheune. Er hielt eine Mistgabel in der Hand und schaute etwas sauertöpfisch drein. Sie trug eine Schürze, das Haar in einem Dutt und schien Angst vor der Zukunft zu haben. Heike fragte sich, wie sie und Achim irgendwann mal aussehen würden. Sie konnte ihn sich nicht so zurückgezogen vorstellen, dafür war er viel zu aktiv und extrovertiert. Er würde wahrscheinlich eher mit einer Harley Davidson aus der Scheune gebraust kommen und dabei winken. Wie würde sie später einmal sein? Manchmal ertappte sie sich dabei, dass sie sich überlegte, was ihr noch alles zustoßen könnte. Wäre es möglich, dass auch sie einmal verbittert dreinschauen würde? Oder würde sie bei Achim hinten auf dem Motorrad sitzen? Oder allein vor der Scheune stehen, weil Achim mit einer anderen Frau auf dem Sozius durchgebrannt war?

„American Gothic“, unterbrach Achim ihre Gedanken. Dr. Langheinrich war von einer fetten Frau mit Diamantencollier entführt worden. „Das ist der Titel des Bildes“, fügte Achim erklärend hinzu. „Es ist von Grant Wood. Interessanterweise ist die Frau die Schwester des Malers und der Mann ist sein Zahnarzt. Das wäre ja auch ein seltsames Paar.“

(195) Ärzte, Versicherungsvertreter, Anwälte… Vorvernissagepublikum vom Feinsten.

‚Ärzte, Versicherungsvertreter, Anwälte… Vorvernissagepublikum vom Feinsten‘, dachte Carly, als sie in einem Zug alle Räume der Ausstellung durchschritt. Künstler waren hier nicht zu finden, nur Leute, die selbst schon museal waren und nur als Alternative zu Oper oder Lions-Club hierherkamen. Um eine noch feinere Abstufung der gesellschaftlichen Strahlkraft zu erreichen, würde es bald auch die Vor-vor-Vernissage geben. Sie holte ihren Mantel wieder an der Garderobe ab und zog ihn über ihr schwarzes Kleidchen. Der Besuch war kurz und ohne Vergnügen gewesen.

Auf der Straße sah sie gerade, wie Domenik Schrader, genannt ‚Dodo‘, in ein Taxi stieg. Sie schubste seinen Hintern in hellbraunen Cordhosen hinein und drängte sich hinter ihm in den Wagen. Erstaunt blickte er sie an und sagte dann: „Carly, wie schön. Fährst du auch zu Schönberg?“ – „Hallo Dodo“, antwortete sie, „natürlich, lass mich dir Gesellschaft leisten.“

Dodo war eine Legende, ein gescheiterter Alkoholiker mit Kunstproblem, wie er der Klischeekiste eines Boulevard-Journalisten hätte entstiegen sein könnte. Immer noch eine spitze Zunge und keine Angst vor niemandem. ‚In der Gosse liegen und die Sterne gucken‘, war sein Motto. Sie stiegen bei der Galerie Schönberg aus und waren gleich im Vernissage-Getümmel.

Schönberg war gerade beim letzten Absatz seiner Künstlerlobhudelei angekommen, denn er hielt nur noch eine seiner blauen Karteikarten in der Hand.

„Neugier und Ehrgeiz sind zwei der wichtigsten Werkzeuge seines Schaffens. Sein Ziel ist es nicht, Ordnung zu formen, sondern es ist seine Absicht, dem Chaos und seiner sich verändernden Energie Gesta1t zu geben.“

Dodo trat auf Schönberg zu, packte seine Hand, näherte seinen Mund Schönbergs Ohr und schrie, dass es jeder im Raum hörte: „Höschenschnüffler! Du bist der Höschenschnüffler der Kunst!“ Schönberg hielt sich schmerzverzerrt das Ohr zu und stieß Dodo kopfschüttelnd weg. Einige andere alte Recken schlugen Dodo lachend auf die Schulter, worauf er sich zu ihnen wandte und schrie „Ihr seid auch nicht besser! Ihr habt kein Geld und malen könnt ihr auch nicht.“

Carly hatte schon während Schönbergs Rede Augenkontakt mit dem Künstler aufgenommen. Sie stand jetzt neben ihm und teilte eine Zigarette mit ihm. Er könnte, so dachte sie, ein weiteres Stück in ihrer persönlichen Sammlung werden.

(196) Die erste halbe Stunde nach dem Aufwachen war für Eberhard Kraushaar etwas schmerzhaft gewesen.

Die erste halbe Stunde nach dem Aufwachen war für Eberhard Kraushaar etwas schmerzhaft gewesen. Erst nach zwei Aspirin Effekt und einem Doppio macchiato wurde ihm klarer im Kopf. Er hatte den Fehler gemacht, nach der Vernissage Dodo zu einem Nightcap mitzunehmen. Am Ende waren er und Dodo allein gewesen und die Künstlerleber war einfach besser im  Training. Aber es war sehr informativ gewesen. Jetzt kannte Eberhard die neuesten Tratschgeschichten zu den wichtigsten Galeristen. Er würde die Kenntnisse bei anstehenden Verhandlungen bestimmt nutzen. Vor allem war es sehr lustig gewesen und trotz des Chaos im Kopf fühlte sich Eberhard beschwingt.

Er checkte seinen Terminkalender auf dem Touchscreenpanel und war erfreut, dass er bis 15 Uhr keine Termine hatte. Somit war er erst einmal frei, zu tun, was er mochte. Er beschloss, dass es ein guter Tag war, um eine Spritztour mit dem Segway zu unternehmen. Wann immer es seine Zeit erlaubte, benutzte Kraushaar den Roller. Es war ihm wichtig, stets an der Spitze der Entwicklung zu stehen, deshalb war er auch Venture Capitalist geworden. Als Business Angel half er jungen Technologieunternehmen, ihren Markt zu finden und verdiente mit an den steigenden Unternehmenswerten. Auch bei Kunstfragen wollte er an der vordersten Front dabei sein. Und so auch bei Fortbewegungsmitteln.

Als er die Straße entlang rollte, genoss er die Aufmerksamkeit seines Publikums. Dass er mit seinem Fahrradhelm auf dem Roller lächerlich wirkte, war ihm nicht bewusst und auch dann wäre es ihm egal gewesen. Sein Ziel war, wie bei den meisten seiner Segway-Ausflüge, ein Pavillon im Stadtpark, wo er sich mit einer Zeitung in die Sonne setzte und ausgiebig den Wirtschaftsteil studierte. Mittlerweile war er sehr wendig auf dem Roller. Beim ersten Mal hatte ihn ein Hund verfolgt und versucht, nach seinem Mantel zu schnappen. Kraushaar hatte seinen Hintern angezogen, um dem Hund keine Angriffsfläche zu bieten. Dadurch hatte er aber sein Gewicht nach hinten verlagert und den Segway zum Stehen gebracht. Der Hund hatte seinen Haltungsfehler ausgenutzt und ihm in den Hintern gebissen.

Längere Zeit hatte Kraushaar diese Anekdote verwendet, um zu erklären, warum  man sich im Leben und im Geschäft in den Wind lehnen musste.

(197) Passanten blieben stehen und schauten dem Segway-Fahrer nach.

Passanten blieben stehen und schauten dem Segway-Fahrer nach. Mit einem kecken Hüftschwung leitete Kraushaar eine scharfe Wendung in eine Nebenstraße ein.

Gerade in diesem Augenblick stürmten zehn Meter vor ihm drei schwarz gekleidete Männer mit Skimasken aus einer Bank heraus und sprangen in das Auto, das davor auf der Straße parkte. Sie hatten eben die Filiale überfallen und trugen Plastiktüten mit Geld in der einen Hand und Pistolen in der anderen. Der Fahrer, der im Wagen geblieben war, drehte den Zündschlüssel.

Der Segway-Fahrer erkannte sofort, was passierte und versuchte, so schnell wie möglich weiterzufahren. Der Motor des Fluchtwagens ächzte und keuchte, sprang aber nicht an. Der Fahrer versuchte es noch einmal. Wieder nichts. In der Ferne hörte man Sirenen. Einer der Bankräuber schnellte aus dem Wagen, die Plastiktasche noch in der Hand, und sprintete hinter dem Segway her.

Kraushaar hörte die Laufschritte und versuchte, schneller zu fahren. Aber er war schon am Maximum. Der Bankräuber griff mit der freien Hand nach Kraushaars Mantel, rutschte aber ab und geriet ins Straucheln. Der Segway-Fahrer konnte wieder etwas Distanz gewinnen. Der Räuber war aber wieder auf den Beinen und hastete ihm hinterher. Diesmal klappte es und er zog Kraushaar vom Segway. Der Roller blieb sofort stehen, Kraushaar stürzte zu Boden. Der Bankräuber sprang auf die Standfläche des Gefährtes und drückte die Lenkstange nach vorn. Der Roller fuhr wieder los.

Mittlerweile war der Streifenwagen in die Nebenstraße eingebogen und keilte das Auto der Bankräuber ein. Ein zweiter Streifenwagen kam dazu, die drei Täter aus dem Wagen wurden sofort festgenommen.

(198) Ein Passant wies die Polizisten auf den flüchtigen Bankräuber hin.

Ein Passant wies die Polizisten auf den flüchtigen Bankräuber hin. Einer der Polizisten, Georg Korbel, lief in die angegebene Richtung. Korbel war ein guter Läufer, drei Mal in der Woche trainierte er 10-Kilometer-Strecken und jedes Jahr machte er bei dem Stadtmarathon mit. In Uniform lief er nicht gern, besonders nicht wegen der Waffe, die in seinem Hüftholster hin und her pendelte. Nach kurzer Zeit lief er an Kraushaar vorbei, der ihn neu orientierte.

Von weitem konnte Korbel den Flüchtenden erkennen. Es sollte dem Fahrer eigentlich klar sein, dass er keine Chance hatte. Der Polizist versuchte auszumachen, ob der Mann bewaffnet war oder nicht. Er konnte nur die Plastiktüte in der einen Hand erkennen, die andere hatte der Räuber an der Lenkstange. Korbel war jetzt bis auf zehn Meter heran gekommen. Er schwitzte stark, Sprints waren nicht seine Stärke. „Bleiben Sie stehen. Polizei!“, schrie er dem Flüchtigen hinterher. Der machte aber keine Anstalten zu stoppen.

„Bleiben Sie stehen, oder ich schieße!“ Korbel nestelte an dem Holster, öffnete es und zog die Pistole. Im Laufen entsicherte er sie und schoss in die Luft. Es knallte und der Flüchtige hörte es. Er zuckte zusammen und fuhr sofort langsamer, fast im Schritttempo. Er ließ eine Hand sinken, Korbel konnte nicht erkennen warum. „Hände hoch!“, schrie der Polizist, jetzt nur noch drei Meter entfernt. Der Räuber nahm jetzt beide Hände hoch, von der einen baumelte die Tüte. Er schien noch nicht loslassen zu können.

Durch das Hochreißen der Arme verlagerte der Räuber sein Gewicht wieder nach vorn und der Roller fuhr gleich wieder los. Korbel blieb stehen, legte mit zwei Händen an, zielte und drückte ab. Er musste getroffen haben, denn der Körper des Bankräubers sackte über dem Lenker zusammen. Der Roller fuhr weiter, hielt sich nach links, gelenkt durch das Gewicht des Räubers und fuhr auf einen Blumenladen los. Der Segway durchbrach das Schaufenster und wurde erst von der Theke gestoppt. Die Floristin hinter der Theke blieb wie versteinert stehen. Korbel forderte einen Krankenwagen über Funk an. Seine Hände zitterten und er hatte Mühe, seine Pistole wieder in den Holster zu stecken.

(199) Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

„Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.“ – „Gott, der unser Herz erleuchtet, schenke dir wahre Erkenntnis deiner Sünden und Seiner Barmherzigkeit“, antwortete der Priester.

Korbel atmete schwer: „Ich habe gesündigt.“ – „Erzähle mir, mein Sohn.“

Korbel erzählte von dem Nachmittag vor zwei Tagen, als er den Bankräuber erschossen hatte. Er haderte mit sich, weil es möglich gewesen wäre, den Flüchtigen festzunehmen, ohne die Schusswaffe einzusetzen. Er hatte die Pistole aus dem Holster gezogen, weil er zuerst dachte, der Räuber sei bewaffnet. Als er zielte und abdrückte, war er aber sicher gewesen, dass der andere nicht bewaffnet war. Allerdings war Korbel physisch am Ende und er glaubte nicht, dass er eine Fortsetzung der Verfolgung durchgehalten hätte. Deshalb war der Schuss, so interpretierte er es, ein Ausdruck seiner Bequemlichkeit gewesen. Gleichzeitig auch ein Zeichen seiner Eitelkeit, denn wäre der Räuber entwischt, hätten ihn andere Polizisten wahrscheinlich schnell gefunden. Es war auch nicht anzunehmen, dass der Räuber eine Gefahr für andere darstellte.

Korbel hatte also den Schuss abgegeben, ohne dass er im Kern einen triftigen Grund dafür hatte. Die letzten beiden Tage hatte er sich mit diesen Gedanken beschäftigt und gemartert. Am Ende drängte es ihn nach einer Beichte.

Der Priester warf ein, dass es eine Entscheidung gewesen war, die er in Sekundenbruchteilen hatte treffen müssen und dass er auch Verantwortung für die Sicherheit anderer Menschen hatte. „Ich fühle mich schuldig“, widersprach Korbel, „er war jung, er hätte sich bessern können.“

„Was würdest du selbst als gerechte Buße empfinden?“, fragte der Priester nach einer Pause. „Mit benachteiligten Jugendlichen arbeiten. Versuchen, ihnen dieses Schicksal zu ersparen“, entgegnete Korbel. „Das ist eine gute Idee“, fand der Priester. „Ich glaube nicht, dass du Schuld hast, mein Sohn, aber es wird dich erleichtern“, fügte er hinzu.

„So spreche ich dich los von deinen Sünden im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.“ Korbel bekreuzigte sich, stand auf und verließ den Beichtstuhl. Er fühlte sich gestärkt.