(169) Es ist alles in Ordnung, Jacky.

„Es ist alles in Ordnung, Jacky. Du musst nicht mehr weinen. Opa geht es wieder gut. Das war ja ein Schreck, oder? Hast du auch geglaubt, der Wagen kann nicht rechtzeitig anhalten?“ Jacky hatte sich unter den Arm seines Großvaters gebohrt und war jetzt ganz ruhig.

Aus dem Haus gegenüber trat Eugene Binder heraus, ein sehr nobel aussehender Mann mit grauen Haaren und Sonnenbrille. Er überquerte die Straße zu ihnen herüber. Seine Füße steckten in Slippern aus dünnem Leder und er hatte seinen Übergangsmantel nur über die Schultern drapiert.

„Mann“, sagte er schroff zum Großvater, „das war ja hochgradigst fahrlässig, wie Sie die Straße überquert haben. Und dann auch noch mit einem Kind. Da ist man doch verantwortungsbewusster.“ – „Ja, mein Herr“, antwortete der Großvater, „Sie haben recht, das war sehr unüberlegt von mir. Ich hätte es nicht überlebt, wenn dem Kleinen etwas zugestoßen wäre.“

Binder baute sich jetzt vor der Bank auf und stieß die Hände in den Hosentaschen nach vorn, während er den Rücken für den nächsten Angriff nach hinten legte. „Wenn der Fahrer des Wagens nur einen Tick unachtsamer gewesen wäre, dann…“ Er suchte nach der geeigneten Schreckensalternative, ließ dann aber den Satz ausklingen.

„Wir haben echtes Glück gehabt“, meinte der Großvater und strich Jacky über den Kopf. „Sie haben Ihren Enkel sehenden Auges in Gefahr gebracht“, hakte Binder noch ein. „Jetzt ist es gut“, warnte der Großvater und wollte aufstehen. Sein Gehstock, der durch den Schlag auf die Motorhaube angeknackst war, brach entzwei und der Großvater sank wieder auf die Bank.

„Wie konnten die Eltern Sie bloß mit dem Kind alleine lassen“, hob Binder nochmals an. Jetzt riss dem Großvater die Geduld. „Hauen Sie ab, machen Sie sich vom Acker!“ Der kleine Junge hatte wieder angefangen zu weinen und sein Großvater tätschelte ihm die Wangen. „Da“, sagte er, „nicht mehr weinen. Du musst nach Hause laufen, dein Vater muss mich hier abholen. Ohne Stock kann dein Großvater nicht gehen.“ Der kleine Junge lief los.

„Alleine ist er auf jeden Fall sicherer als mit Ihnen“, stänkerte der noble Herr und überquerte die Straße zurück zu seinem Haus. Der Großvater schleuderte ihm zuerst eine Hälfte des gebrochenen Spazierstocks nach, und dann die andere. Binder winkte ab, setzte sich in seinen Wagen und fuhr weg.

(170) Herr Binder, schön, Sie wieder zu sehen.

„Herr Binder, schön, Sie wieder zu sehen.“ Der Butler nahm Eugene Binder den Mantel ab. „Guten Tag, Simpson“, antwortete Eugene und ließ sich von dem Bediensteten in das Wohnzimmer führen. „Eugene“, rief ein alter, weißhaariger Herr, „gut dass du kommst, du musst hier etwas klären.“ Archy Summer, bis zu seinem Ruhestand einer der besten Anwälte für Gesellschaftsrecht, stand auf und bot Eugene seinen Platz an. Binder begrüßte auch die anderen beiden Anwesenden, die er seit vielen Jahren kannte: Herb Bishop und George Weston.

George erklärte: „Herb hat uns erzählt, dass die Mona Lisa im Louvre eine Kopie ist, weil die Nazis das Gemälde verschleppt hatten. Gegen Ende des Weltkriegs hätten die Nazis das Gemälde zum Schutz in einem österreichischen Salzbergwerk versteckt. Dort sei es 1945 von alliierten Soldaten gefunden worden, zusammen mit einer großen Menge anderer Gemälde. Die meisten der Kunstwerke kamen wieder zurück an ihre Plätze, die Mona Lisa sei allerdings wieder verschwunden. Einer der Soldaten habe sie gestohlen. Die Franzosen hätten im Louvre eine Kopie aus dem 16. Jahrhundert aufgehängt und hätten kein Interesse daran, dass die Wahrheit herauskommt.“

„Herb hat eine blühende Fantasie. Das klingt fast so wie seine Golfgeschichten“, meinte Archy. „Vielleicht hast du die Mona Lisa ja selbst gestohlen“, frotzelte Eugene, „du warst doch 1945 als Soldat drüben.“ – „Genau“, fügte George hinzu, „die wahre Mona Lisa hängt bei dir Zuhause in einem Geheimzimmer im Keller und abends vor dem Schlafengehen gehst du zu ihr und drückst ihr einen Schmatz auf die Lippen.“

Herb seufzte: „Warum nenne ich diese Bande von Schwachsinnigen eigentlich Freunde?“ – „Weil niemand sonst deine Räuberpistolen anhören würde“, antwortete Eugene, „aber dafür hat man ja Freunde.“ – „Auf die Mona Lisa“, toastete Archy und hob sein Glas. „Auf die Mona Lisa“, antworteten die anderen drei.

(171) Herb Bishop hatte wirklich einen Hang dazu, haarsträubende Geschichten zu erzählen.

Herb Bishop hatte wirklich einen Hang dazu, haarsträubende Geschichten zu erzählen. Jedes Mal, wenn einer in seiner Anwesenheit eine besondere Erfahrung zum Besten gab, konnte man sicher sein, dass Herb selbst auch schon so etwas Ähnliches erlebt hatte, aber in noch bemerkenswerterer Form. Er konnte immer noch einen drauflegen. Nur eine Geschichte hatte er noch nie erzählt. Er hoffte, dass sie niemals wieder zum Vorschein käme.

Es geschah in Deutschland, kurz nach dem Krieg. Der Schwarzmarkt blühte und Herb gehörte zu einer Einheit, die das Treiben in Schach halten sollte. Allerdings war er selbst gleichzeitig als Händler tätig und tauschte rege seine Zigaretten- und Schokoladenrationen gegen Schmuck, Uhren und anderes Kleinzeug.

Einmal war Herb allein unterwegs, als ihm ein Junge über den Weg lief. Er folgte ihm in ein Hinterhaus und stellte ihn. Der Junge hatte eine schwere Goldkette mit Kreuzanhänger dabei, die er verkaufen wollte. Herb prüfte die Kette und bot dem Jungen fünf Päckchen Zigaretten an. Der Junge wollte zehn. Die Kette war mehr wert, aber Herb hatte nur sieben Päckchen bei sich. Er bot dem Jungen alle sieben Päckchen an. Der Junge sagte, das könne er nicht, er müsse für die ganze Familie sorgen. Er forderte die Kette zurück. Herb hielt sie in der Hand und der Junge mühte sich an ihm ab, kratzte und biss ihn. Irgendwann war bei Herb eine Sicherung durchgebrannt und er hatte den Jungen am Hals gepackt und ihm mit einer Hand die Luft abgedrückt. Der Junge war dünn und schwach, es war nicht einmal schwer. Als er den toten Jungen losgelassen hatte, bemerkte er in der Tür einen jungen deutschen Polizist, der ihn beobachtete.

Herb überlegte schnell. Der Deutsche war zwar nicht bewaffnet, aber es konnte sein, dass draußen amerikanische Polizisten waren, zu deren Gruppe der Deutsche gehörte. Der junge Mann schien auch nicht zu wissen, was er tun sollte. Beide waren wie gelähmt. Dann öffnete Herb seine Umhängetasche und zeigte dem Polizisten die sieben Päckchen Zigaretten darin. Er schritt auf den Deutschen zu, hängte ihm die Tasche um und ging an ihm vorbei durch den Durchlass zwischen den Häusern wieder auf die Straße. Nichts geschah um ihn herum. In seiner Jackentasche umschloss seine Hand die Kette mit dem Kruzifix.

(172) Gerhard Oppermann trank einen Schluck Wodka aus der Feldflasche…

Gerhard Oppermann trank einen Schluck Wodka aus der Feldflasche und starrte in das Lagerfeuer. Seit Jahren war es sein Traum gewesen, nach dem Abschied aus dem Polizeidienst nach Kamtschatka zu fliegen, um dort einen Braunbären zu schießen. Die Reise hatte ihn 7.000 Euro gekosten. Was für ihn ein Batzen Geld war. Und dann hatte er gepatzt.

Der Reiseveranstalter hatte alles perfekt organisiert. Nachdem man ihn in Petropawlowsk am Flughafen abgeholt hatte, verbrachte er zuerst einen Tag in der Stadt. Am nächsten Morgen wurde er mit einem alten Armeehelikopter zu den Jagdgründen geflogen. Gestern waren sie zuerst auf die Pirsch gegangen, aber außer ein paar Spuren und Losung hatten sie nichts gefunden.

Heute hatte es eine traumhafte Situation gegeben. Einer der Treiber machte eine frische Spur aus, der sie folgten. Es war perfekt, sie kamen gegen den Wind zu einer Stelle, an der eine Bärin mit einem Jungen saß. Oppermann und die Treiber lagen bäuchlings auf einer Anhöhe und hatten die beste Einsicht. Das Bärenjunge tollte sorglos umher und die Mutter schien sehr entspannt. Er schaute fragend auf den Treiber, denn er fand es nicht in Ordnung, die Mutter des Kleinen abzuknallen. Aber der Treiber machte ihm Zeichen, dass das in Ordnung sei, er solle jetzt schießen.

Oppermann legte das Gewehr an und setzte das Zielfernrohr an sein Auge. Als er die Bärin voll im Visier hatte und gerade die Luft anhalten wollte für einen sicheren Schuss, erblickte er plötzlich vor seinem inneren Auge das Bild des kleinen Jungen und daneben den amerikanischen Soldaten, der Oppermann die Tasche mit den Zigaretten umhängte. Das Bild überlagerte die Bärin. Er setzte ab. Der Treiber sah ihn verwundert an.

Oppermann legte erneut an. Und wieder, als er die Bärin anvisierte, kam ihm das Bild des Jungen in den Sinn, wie er dalag, als Oppermann sich über ihn beugte. Jetzt öffnete der Junge seine Augen und starrte ihn klagend an. Oppermanns angespannter Zeigefinger verkrampfte und der Schuss löste sich. Die Treiber fluchten. Die Bärin und ihr Junges verschwanden im Handumdrehen hinter einem Felsblock.

(173) Es muss aufhören!

„Es muss aufhören“, Götz Reichler unterstrich seine Worte, indem er mit der Handfläche auf den Tisch schlug, „diese Trophäenjagden sind eine Schande. Beispiel: Jedes Jahr werden in Kamtschatka zweihundert Bären von reichen Säcken abgeknallt. Das reduziert den Bestand und früher oder später werden die Tiere ganz aussterben.“ Ilka versuchte, interessiert zu schauen. Eigentlich hatte sie beim Tierrettungsdienst angefangen, weil dort ein junger Tierarzt arbeitete, den sie sehr sympathisch fand. Meistens hatte sie aber Bereitschaft mit Götz, dessen Militanz sie nervte.

Bevor Götz noch einmal ausholen konnte, klingelte das Notfalltelefon. Götz hob ab, schrieb die Adresse auf und sagte knapp: „Wir sind unterwegs.“ Es ging um eine Riesenschlange, die ein Radfahrer in einem Graben ausgemacht hatte. Als sie mit ihrem Lieferwagen eintrafen, standen zwei Polizeiautos davor und eine Ansammlung Neugieriger versperrte den Weg. Götz schob sich durch, Ilka hinterher. Das Tier war etwas unter zwei Meter lang, armdick und lag träge in dem Graben. „Ich bin kein Experte“, sagte Götz zu dem Polizisten, der ihn gerufen hatte, „aber das scheint mir eine gelbe Anakonda zu sein. Ungiftig. Mag Wasser, aber hier müsste es ihr etwas zu kalt sein, die kommt vom Amazonas.“ – „Das ist ein weiter Weg für so ein Kriechtier“, meinte der Polizist trocken. „Wahrscheinlich aus einen Terrarium ausgebüxt. Was machen wir?“, fragte Götz. „Können Sie das Ding in den Zoo fahren?“

Mit der Hilfe von zwei Polizisten gelang es Götz und Ilka die Schlange in den Lieferwagen zu hieven. Das Tier war apathisch, es war einfach zu kalt. Sie legten es in eine Plastikbox, deren Deckel sie mit Zurrbändern fixierten. Während der Fahrt rief Ilka im Zoo an und kündigte den Gast an.

Götz fuhr fort mit der Aufzählung weiterer Abschusszahlen deutscher Jäger im Ausland. Kurz bevor sie am Zoo ankamen, beschloss Ilka, ihre gemeinnützige Mitarbeit bei der Tierrettung einzustellen.

(174) Knut Faber hastete die Treppen hoch zur Wohnung seiner Freundin, Gritt Hoffmann.

Knut Faber hastete die Treppen hoch zur Wohnung seiner Freundin, Gritt Hoffmann. Er war spät dran und sie erwartete ihn zum Essen. Die Tür war nur angelehnt. Er schlüpfte hinein und hängte seinen Parka an die Garderobe. Vor dem Spiegel strich er sich schnell die Haare glatt und ging dann in die Küche. Gritt saß am Tisch und starrte ihn vorwurfsvoll an. „Tut mir leid“, sagte er, „wir hatten einen Notfall. Man hat eine gelbe Anakonda gefunden und zu uns gebracht. Hatte ich noch nie gesehen. Tolles Tier.“ Sie sagte nichts.

„Es tut mir wirklich leid. Ich hätte dich auch angerufen, aber es war so hektisch und dann habe ich mein Handy nicht gefunden. Ich bin sofort hierhergekommen.“ – „Wir müssen reden“, sagte sie. ‚Oh je‘, dachte er, setzte sich und verfiel in Duldungsstarre.

Gritt erklärte ihm, dass sie sich zu schade sei, ihr Leben mit einem Loser zu verbringen. Knut sei ohne jegliche Ambitionen und lasse sich von der Welt herum schieben. Sie habe keine Lust mehr, ständig auf ihn warten zu müssen und ständig um Verzeihung gebeten zu werden. Seine Geschichten von seinem Beitrag zur Rettung der Tierwelt seien nur ein Deckmantel für seine Lahmarschigkeit.

„Ich habe jemand anderen getroffen. Ich wollte es dir heute Abend sagen, aber sogar dazu kommst du zu spät. Das Essen habe ich weggeworfen. Deine Sachen, die hier überall herumlagen, habe ich in eine Tasche gepackt, sie steht unter der Garderobe. Bitte nimm sie und geh jetzt.“

Er hatte die ganze Zeit über nur auf seine Hände gestarrt und nach irgendetwas gesucht, was er ihr hätte entgegnen können. Aber sie schien es zu spüren, denn jedes Mal, wenn er an einen möglichen Einwand dachte, sprach sie genau diesen Punkt an und zerstörte ihn, bevor Knut ihn auch nur hervorbringen konnte.

Jetzt, nachdem sie geendet hatte, saß sie nur da und sagte wieder nichts mehr. Er schaute zu ihr auf, sie wich seinem Blick aus. Dann trat er in den Flur, griff die kleine Sporttasche, zog seinen Parka an und verließ die Wohnung.

(175) Als Knut die Treppe hinunterging…

Als Knut die Treppe hinunterging, erinnerte er sich an ein anderes Mal, als er mit einer kleinen Sporttasche flüchtete. Damals war er 17 Jahre alt gewesen und er riss von zu Hause aus. Er konnte sich nicht mehr erinnern, was der genaue Anlass gewesen war, aber es hatte ihn sehr verletzt. Eines Abends, seine Eltern waren gemeinsam unterwegs und er war allein Zuhause, fasste er den Entschluss, wegzugehen. Er packte die kleine Tasche und verließ sein Elternhaus.

An der Auffahrt zur Autobahn stellte er sich hin und hob den Daumen. Ein Wagen hielt an, der Fahrer war unterwegs nach Karlsruhe. Dort fand Knut schnell eine Mitfahrgelegenheit nach Straßburg und von dort aus nach Paris. Ein LKW-Fahrer aus dem Elsass, der mit Ausstellungstücken für eine Möbelmesse durch die Nacht nach Paris fuhr, nahm ihn mit. Knut merkte, dass er insgeheim auf Paris gehofft hatte, obwohl er kein besonderes Ziel anvisiert hatte.

Mit einer der ersten Métros fuhr er ins Zentrum und kam um neun Uhr früh mit seiner Sporttasche aus der Métro Jardin des Tuileries hoch. Er war überwältigt, einfach woanders zu sein, der Provinz entflohen.

Gegenüber machte gerade das Café Angélina auf. Er hatte vor einer Woche im Reiseteil der Tageszeitung über das Lokal gelesen. Er überquerte die Straße, setzte sich in das Café und bestellte einen Africain, eine heiße Schokolade, für die Angélina bekannt war. Sie schmeckte köstlich, er war wie im Delirium. Es war so, als ob die heiße Schokolade alles beinhaltete, was ihm Zuhause gefehlt hatte und dass dies der Grund war, warum er ausgerissen war. In kleinen Schlucken verkostete er das Getränk und beobachtete durch die großen Schaufenster, wie sich draußen langsam die Straßen füllten.

(176) Als Knut wieder herauskam…

Als Knut wieder herauskam, schaute er sich um und beschloss, nach links in Richtung Louvre zu gehen. Er studierte das Schaufenster eines Buchladens und wechselte auf die andere Straßenseite, als die Läden mit Touristennippes überhand nahmen. Durch das Gitter um den Jardin herum sah er im Inneren helle Lichter. Beim nächsten Tor betrat er den Park und erkannte, dass das Licht von großen Scheinwerfern kam, die auf Gestellen montiert waren. Alle waren auf ein rundes Wasserbassin ausgerichtet, vor dem eine junge Frau posierte. Um sie herum standen mehrere Gruppen von Leuten, die ihr zusahen. Zwischen den Scheinwerfern und dem Bassin waren Schienen ausgelegt. Darauf fuhr ein kleiner Wagen mit einer Kamera und einem Mann, der daneben saß. Es wurde ein Film gedreht.

Knut erreichte eine Kette von Absperrungsgittern, die den Drehort vom restlichen Park abtrennten. Er folgte dem Gitter bis zu einem Sockel, auf dem ein römischer Soldat aus Stein montiert war. Dort konnte er durchschlüpfen und näherte sich der Filmcrew von hinten.

„Hey, was machst du hier?“, rief eine weibliche Stimme, die ihn innehalten ließ. Er drehte sich um und erblickte eine kleine Frau mit Schürze, die zwischen einem Stuhl und einem großen Rollenkoffer stand, die Hände in die Hüfte gestemmt. „Ich schaue nur“, sagte er. Sie rief ihn zu sich. Es stellte sich heraus, dass sie auch Deutsche war und bei dem Filmdreh für das Schminken verantwortlich war. „Woher wussten Sie, dass ich Deutscher bin?“, wunderte sich Knut. „Weil auf deiner Tasche irgendwas mit ‚Sportverein‘ steht.“

Sie quetschte ihn aus und er erzählte bereitwillig, dass er von Zuhause weggelaufen war und niemand wusste, dass er in Paris sei. Astrid, so hieß die Maskenbildnerin, machte ihm keine Vorwürfe, wie er es erwartet hätte. Sie meinte nur, dass er Glück habe, an sie geraten zu sein, es gäbe noch ganz andere Menschen in Paris. Sie setzte ihn auf eine Bank und als ein Typ in schwarzem Blouson Knut mit aggressivem Blick befragen wollte, sagte sie etwas zu ihm und er ließ von dem Jungen ab.

Knut sah zu, wie Astrid das Model für eine andere Einstellung neu schminkte. Die Dreharbeiten waren für einen Parfüm-Werbespot. Als alle Einstellungen abgedreht waren, hatte Astrid frei. Sie packte ihr Arbeitsmaterial zurück in den Rollenkoffer und gab Knut einen Korb zum Tragen. In der Rue de Rivoli rief sie ein Taxi und nahm Knut mit nach Hause.

(177) Hélène schüttelte den Kopf.

Hélène schüttelte den Kopf. „Eine Schande, wenn Eltern so wenig auf ihre Kinder Acht geben“, sagte sie. Astrid hatte ihr gerade erzählt, dass Knuts Eltern bis zu ihrem Anruf nicht gemerkt hatten, dass ihr Sohn nicht mehr Zuhause sei. Es schien ihnen auch nicht notwendig, Knut abzuholen. Sie baten lediglich, dass Astrid ihn in den Zug nach Hause setzen möge, man würde ihr die Kosten für das Zugticket erstatten. „Kein Wunder, dass er weggelaufen ist. Sehr intelligent, empfindsam… Eigentlich war es ein schöner Tag mit ihm.“ – „Vielleicht solltest du es noch einmal überdenken, dass du keine Kinder haben möchtest“, gab Hélène ihr zu bedenken. Sie hatte zwei Kinder und fand, dass Astrid mit ihrer starren Einstellung einen Fehler machte. „Du würdest auch schneller den richtigen Mann finden.“ – „Wie den da drüben“, meinte Astrid und zeigte diskret mit dem Kopf in die gegenüberliegende Ecke des Bistros.

Dort saß Jérôme, ein 71-Jähriger, der ausgiebig mit Gisèle (47) herumknutschte. Der Kellner hatte sich bereits zwei Mal im Vorbeigehen vorwurfsvoll geräuspert, aber die beiden hatten sich nicht stören lassen.

Vor einer Woche hatte der Arzt Jérôme mitgeteilt, dass er Lungenkrebs im fortgeschrittenen Stadium habe und seine Lebenserwartung nur noch zwei Monate betrage. Die Diagnose selbst hatte Jérôme nicht überrascht, denn er hatte jahrzehntelang bei AIWON im Asbest gearbeitet. Dass ihm aber nur so wenig Zeit blieb, hatte ihn aus der Bahn geworfen.

Er hatte beschlossen, seine gesamten Ersparnisse innerhalb der nächsten Wochen zu verbrauchen. Für jeden Tag hatte er ein bestimmtes Budget festgelegt, das er ausgeben wollte. Die Dienste von Gisèle hatte er auch für diesen Zeitraum gemietet. Sie ahnte den Grund, freute sich aber über den steten Geldfluss. Die Küsse hatte sie extra berechnet.

Der Kellner blieb jetzt vor ihnen stehen und räusperte sich lauter. Jérôme ließ von Gisèle ab und schaute auf. „Monsieur, ich würde Sie bitten, jetzt zu zahlen und zu gehen“, sagte der Kellner streng.

(178) Der Bürgermeister stützte sich auf das Rednerpult…

Der Bürgermeister stützte sich auf das Rednerpult und betrachtete salbungsvoll das Publikum. „Gero Kreis ist nicht nur ein erfolgreicher Forscher, sondern ein tüchtiger Kaufmann mit Weitblick, der in raschem Aufstieg für seine Erfindung Absatz in sämtlichen Kulturstaaten der Erde fand und das Unternehmen in Jahren tiefsten Friedens und wirtschaftlichen Gedeihens entwickelte. Von hier aus, seiner Heimatstadt, nahm der vielseitig verwendbare Werkstoff AIWON seinen Siegeszug durch die ganze Welt. Herr Dr. Kreis, wir präsentieren Ihnen unsere herzlichsten Glückwünsche zu Ihrem Geburtstag und freuen uns auf die vielen weiteren, die noch folgen werden.“

Das Publikum in der Gemeindehalle applaudierte gemeinsam mit dem Bürgermeister, alle Augen waren auf den Jubilar gerichtet.

Dr. Kreis schien feuchte Augen zu haben und sehr bewegt zu sein. Nach einigen Augenblicken erhob er sich und schritt selbst zum Rednerpult. „Vielen Dank, Herr Bürgermeister. Auch ich weiß die vertrauensvolle Zusammenarbeit und die Unterstützung, die wir durch Sie erfahren, sehr zu schätzen. Ich bin stolz, ein Sohn dieser Stadt zu sein.

Sie waren in Ihrer Laudatio in meinen Augen zu freundlich und haben den größten Fehler verschwiegen, den ich selbst gemacht habe. Lassen Sie es mich konkret ansprechen: Wir wussten nichts von der Gefährlichkeit des Asbests. Wir sahen nur seine Vorteile und wollten den Menschen mit einem vielseitigen und günstigen Produkt helfen. Es war für mich ein großer Schock, als ich zum ersten Mal Studien las, die einen Anfangsverdacht für seine Karzinogenität belegten. Sehr schnell haben wir damals reagiert und unsere Produktpalette umgestellt. Wir waren einer der ersten Produzenten weltweit, die vollständig auf Asbest verzichtet haben. Damit konnten wir unsere Marktposition ausbauen und haben AIWON zu einem multinationalen Konzern gemacht, der seinen Hauptsitz aber immer noch hier hat. Über die Jahre konnten wir die Zahl unserer Mitarbeiter ständig steigern und es bedeutet mir sehr viel, dass AIWON auch heute noch der größte Arbeitgeber in der Region ist. Sie können sich sicher sein, dass ich auch weiterhin meine Kraft einsetzen werde, um meiner Heimatstadt ein guter Sohn zu sein.“