(159) Es war ein Reinfall gewesen.

Es war ein Reinfall gewesen. Jerry Carinola war sauer auf sich selbst. Lou war zwar ein guter Freund, aber in diesem Fall ganz klar die falsche Besetzung. Jerry hätte sich einen Experten holen müssen. Jemanden der nicht nur die Namen der Waffen herunterlesen konnte, sondern einen, der die verdammten Dinger auch selbst abgefeuert hatte.

Jerry zog die goldene Taschenuhr aus seiner Weste. Sein Großvater hätte diese Operation viel souveräner durchgeführt und sich nicht so schnell geschlagen gegeben. Er hätte auf die richtigen Leute gesetzt.

Damals nach dem Zweiten Weltkrieg hatte der alte Carinola in Argentinien ein Vermögen angehäuft. Er kaufte in großem Stil Farmland im eigenen Namen, aber mit fremdem Geld und verkaufte es weiter an flüchtige Nazis. Großvater hatte in allen Situationen die richtigen Leute an seiner Seite gehabt, sogar beim Roten Kreuz und in der Kirche. Politische Interessen hatte er nie gehabt. Nur das Geschäft war wichtig für ihn. Für Jerry war er stets ein Vorbild gewesen.

Zu seinem Vater hatte Jerry hingegen ein schwieriges Verhältnis gehabt. Natürlich hatte es viel damit zu tun, dass Großvater seinen Sohn herablassend behandelte und ihm ständig vorhielt, dass er seine Gene stärker in seinem Enkel Jerry wiederfand als in seinem Sohn Lucius. Lange Zeit hielt Jerry seinen Vater deshalb für einen Waschlappen. Erst Jahre nach dem Tod des Großvaters waren sich die beiden nähergekommen und es entwickelte sich eine Art Freundschaft zwischen ihnen. Sie wurde auch nicht getrübt, als Lucius sich entschloss, das geerbte Vermögen zu einem Großteil für Entwicklungshilfe in der Dritten Welt einzusetzen.

Seltsamerweise war die Gelegenheit, mit dem afrikanischen Rebellenführer Geschäfte zu machen, auf Initiative seines Vaters entstanden. Das verlieh der Tatsache, dass Jerry nicht erfolgreich war, eine bittere Note. Die Taschenuhr tickte in seiner Hand weiter und er überlegte, was sein Großvater gemacht hätte, um Lou zu ersetzen.

(160) Lucius Carinola stieg in die Limousine…

Lucius Carinola stieg in die Limousine und der Fahrer schloss die Tür hinter ihm. Die Klimaanlagenkühle im Inneren des Hummers war angenehm nach der staubigen Hitze draußen. Sein Gespräch mit Generalleutnant Tikolo war nicht erfreulich verlaufen und Carinola bedauerte es, sich eingemischt zu haben.

Eines seiner Entwicklungshilfeprojekte bestand darin, die Bewohner eines Flüchtlingslagers unweit des Rebellenstandorts von Tikolo wieder in ihre ursprünglichen Siedlungsgebiete zurückzuführen. Deshalb war er auf das Wohlwollen des Rebellenführers angewiesen. Tikolo hatte ihm damals sein Einverständnis in Aussicht gestellt, wenn Carinola ihm bei der Waffensuche helfen würde. Das wiederum hatte Carinola auf die Idee gebracht, seinem Sohn auf die Sprünge zu helfen. Jerry hatte bisher keine glückliche Hand gehabt bei seinen Projekten, die Carinola aus dem Familienvermögen mitfinanzierte. Allerdings schien Jerry auch bei der Beschaffung von Waffen für Tikolo nicht richtig voran zu kommen und Tikolo hatte deswegen gerade einen Wutanfall bekommen. Dabei hatte er mit seiner Reitpeitsche eine Wassermelone entzwei geschlagen. Die Saftspritzer hatten auch Carinola ins Gesicht getroffen.

Lucius ließ sich jetzt von seinem Fahrer in die Hauptstadt zurückbringen. Er steckte in einem echten Dilemma, gefangen zwischen seinem Wunsch, den Flüchtlingen zu helfen, seinen Sohn zu unterstützen und dem Zorn von Tikolo zu entgehen. Ein erfolgreicher Waffendeal war gut für Tikolo und deswegen gut für die Flüchtlinge, die zurück in ihre Heimat durften. Und ein erfolgreicher Waffendeal war gut für Jerry, der damit nicht weiter das Familienvermögen belastete. Damit würde Lucius mehr Geld übrig bleiben, um seine Entwicklungsprojekte aufzubauen. Ein erfolgreicher Waffendeal bedeutete aber auch einen längeren Bürgerkrieg und das war schlecht für die Flüchtlinge. Er dachte an Joseph Carinola, seinen Vater, der nie ein Dilemma gekannt hatte und unbeirrbar seinen Weg gegangen war. Was hätte er an seiner Stelle unternommen?

(161) Wir alle bedanken uns bei Ihnen, dass Sie dieses humanitäre Projekt hier umsetzen.

„Wir alle bedanken uns bei Ihnen, dass Sie dieses humanitäre Projekt hier umsetzen“, Ludger Dietz hielt die Rechte von Lucius Carinola in beiden Händen und bewegte sie pumpend auf und nieder. „Der Staat kann nicht überall einspringen und private Hilfe ist heute notwendiger denn je.“ Lucius drehte den Kopf verlegen zur Seite und blinzelte wegen des hellen Aufsteckscheinwerfers der Fernsehkamera.

„Herr Minister“, antwortete er, „es ist mir ein Bedürfnis, denen zu helfen, die weniger Glück hatten als ich. Und ich bin stolz auf die Unterstützung von den vielen Mitarbeitern, die mit mir gemeinsam diesen Weg gehen.“

Als das Fernsehteam abgezogen war, setzten sich Dietz und Carinola auf die mit schwarzem Leder bezogene Clubgarnitur und tranken zusammen Bier. „Das tut gut“, seufzte Dietz. „Mann, ist das heiß hier. Sogar jetzt am Abend noch. Wie schaffen Sie das?“ – „Man muss viel trinken“, zwinkerte Carinola ihm zu. Sie lachten.

„Wie schätzen Sie Generalleutnant Tikolo ein?“, erkundigte sich Dietz. Carinola holte aus und erklärte Dietz die komplizierte Gemengelage zwischen der Regierung, der Opposition und den Rebellen. Im Grunde genommen waren alle korrupt oder würden es werden, wenn sie an die Macht kämen. „Wohin sollte Ihrer Meinung nach die Entwicklungshilfe steuern?“, erkundigte sich Dietz. „Wenn Ihre Entwicklungshilfe aus Schecks besteht, ist es egal, was Sie damit machen. Das Geld verschwindet auf jeden Fall in den gleichen tiefen Taschen. Wenn Sie etwas bewegen wollen, müssen Sie hier sein und den Finger drauf halten, was mit Ihrem Geld passiert.“

Dietz nickte und betrachtete den Teppich, der unter dem Clubsessel herausschaute. „Interessanter Gedanke“, antwortete er. „Sie wissen natürlich, dass wir quasi gezwungen sind, Geld auszugeben. Gleichzeitig können wir es uns aber nicht leisten, überall dort zu sein, wo unser Geld hin soll. Aber danke für die Anregung, es ist immer hilfreich, mit Experten zu diskutieren.“ Er trank noch einen Schluck Bier. „Hören Sie, Sie kennen sich ja hier gut aus. Was, meinen Sie, kann ich meiner Frau von hier mitbringen?“

(162) Marlis Dietz nahm den Blumenstrauß entgegen…

Marlis Dietz nahm den Blumenstrauß entgegen und ließ sich von dem kleinen schwarzen Jungen mit den schneeweißen Zähnen  auf die Wange küssen. Wenigstens waren zwei Bildreporter dabei, sonst hätte sich der Besuch der Asylantenintegrationsbegegnungs- und -tagesstätte (AIBT) überhaupt nicht gelohnt. Ludger war schon einen Schritt vorausgegangen. Er hätte auch auf sie warten können, anstatt dass sie sich jetzt beeilen musste, um ihn einzuholen. Was sollte sie jetzt mit dem Blumenstrauß machen? Sie reichte ihn mit einer derart wirschen Bewegung an einen Personenschützer weiter, dass die Zellophanfolie laut raschelte. Freundlich sah der Gorilla sie nicht an, das war nicht respektvoll, sie würde zu gegebener Zeit darauf zurückkommen.

Ludger hatte diesen schwer zu deutenden Gesichtsausdruck, der für die meisten Gelegenheiten passte. Er schien interessiert, aber nicht zu sehr. Marlies kannte ihn lange genug, um zu wissen, dass es pure Langweile war, die sich auf seinen Gesichtszügen zeigte. Der Leiter der AIBT, Björn Eisermann, sah ganz nett aus, vielleicht ein bisschen pummelig. Wie Ludger vor zwei Jahren auch, bevor Marlis seine Ernährung umgestellt hatte.

Eisermann stellte dem Herrn Minister und seiner Gemahlin eine junge Frau vor: Francine Bemba, ursprünglich aus dem Kongo, habe dort sehr gut Deutsch sprechen gelernt. Jetzt warte sie auf das Ergebnis ihres Asylantrags.

„Freut mich sehr“, sagte Marlis Dietz, „schauen Sie, das hat mir mein Mann mitgebracht. Aus Afrika. Erkennen Sie es?“ Sie hob ihre Halskette mit einem Anhänger aus geflochtenem Bast hoch. Francine schaute auf den Anhänger und dann in Marlis Dietz‘ Gesicht. Sie schien völlig ratlos. Die beiden Bildreporter drückten mehrfach auf ihre Auslöser und erhellten die Szene mit zuckenden Blitzlichtern. Eisermann entschärfte den Moment der Stille, indem er vorschlug, dass sich die Gruppe jetzt die gemeinschaftliche Küche anschauen sollte, in der traditionelle Gerichte vorbereitet seien.

Der Tross zog weiter, Francine Bemba blieb zurück. Ein paar Meter weiter flüsterte Marlis Dietz ihrem Mann ins Ohr: „Die war ja seltsam. Meinst du, sie ist dumm, die Arme? Die hat ja überhaupt nichts verstanden. Dabei sollte sie doch Deutsch sprechen.“

(163) Du darfst dir keine Gedanken machen, Francine.

„Du darfst dir keine Gedanken machen, Francine. Manche Leute hier sind so. Wenn die Afrika hören, dann ist das für die so groß wie Klein-Kleckersdorf. Alles nebeneinander.“ Björn half ihr vom Motorrad und nahm ihr den Helm ab. Er hatte Francine zu sich nach Hause eingeladen, weil er bei ihr Anzeichen von Lagerkoller erkannte. Sie musste im Lager leben, während ihr Asylantrag bearbeitet wurde, obwohl sie im Kongo sehr gut Deutsch gelernt hatte. Aber auch die Sprache hatte sie nicht auf das Leben in Deutschland vorbereitet. Wenigstens war es für Francine kein Problem gewesen, als er ihr erzählte, dass er noch bei seiner Mutter lebte. Bei deutschen Frauen war das ein heikler Punkt, meistens sogar ein Beziehungskiller. Dabei war es bei ihm nur reine Bequemlichkeit.

Er klingelte kurz an der Wohnungstür und öffnete dann mit dem Schlüssel. „Hallo Mutter, wir sind hier.“ Er hörte es im Bad rumoren. Er zeigte Francine das Wohnzimmer und ging in die Küche, um Getränke zu holen. Als er zurückkam, stand seine Mutter im Flur und starrte ihn an. Sie war im Bademantel und hatte eingedrehte Lockenwickler im Haar. „Jetzt schon?“, stammelte sie. „Sechs Uhr, wie gesagt. Hallo Mutter.“ Er gab ihr einen Kuss auf die Wange. „Komm hallo sagen. Doch, doch, sie beißt nicht. Francine, meine Mutter. Mutter, das ist Francine Bemba.“ Die beiden Frauen begrüßten sich. Frau Eisermann genierte sich wegen ihrer Aufmachung und kehrte erst einmal ins Bad zurück, um sich fein zu machen, wie sie sagte.

Bevor sie das Zimmer verließ, gab sie Francine ein Fotoalbum und sagte verschwörerisch: „Erklärungen nachher.“ Als sie hinausgegangen war, fragte Francine: „Was ist das?“. Jetzt war Björn an der Reihe, geniert zu sein. „Es ist ein Fotoalbum mit meinen Kinderfotos. Das musst du dir nicht ansehen…“ – „Aber sehr gerne“, antwortete Francine und schlug das Album auf. Es begann mit einem Foto von Björn als Baby nackt in einer Plastikwanne. Später Björn mit seinem Lieblingsschubkarren. Dann Björn, der dem Weihnachtsmann ein Gedicht aufsagte. Irgendwann Björn bei der Erstkommunion. Francine deutete auf die Kerze und fragte ganz ernst: „Ist das ein Fruchtbarkeitssymbol?“ Erst als Björn keine Antwort darauf einfiel, lachte sie ihn aus.

(164) Elfriede Eisermann saß auf dem Rand ihrer Badewanne…

Elfriede Eisermann saß auf dem Rand ihrer Badewanne und drehte sich die Lockenwickler aus den Haaren. Francine war ihr sympathisch, sie hatte ein so warmes, erdiges Lachen. Es war bei Björn aber nie klar, welche Absichten er bei Frauen verfolgte und sie hatte es aufgegeben, darüber zu spekulieren. Aber schön wäre es, noch einmal jung zu sein. Als sie so alt war wie Björn, hatte sie eine heiße Affäre mit Hein König. Auch jetzt noch, wenn sie an ihn dachte, erinnerte er sie an Hans Albers.

Elfriede war damals nicht zu bändigen gewesen, sogar nachts war sie aus dem Schlafzimmer geflohen und hatte sich mit Hein auf der Tenne getroffen. Natürlich war damals nicht alles perfekt gewesen, aber die Zeit mit Hein schien ihr die beste Zeit ihres Lebens gewesen zu sein. Ihretwegen hätte es ewig so weitergehen können.

Hein hatte dann bei einem Küstenmotorschiff angeheuert und sie sahen sich nicht mehr so oft. Doch das schadete ihrer Liebe nicht. Eine Heirat war geplant gewesen, aber Elfriedes Vater war dagegen, weil sie noch zu jung war. 1964 geriet Heins Schiff, die Nordmark, in einen schweren Sturm und sank vor Borkum. Alle Seeleute an Bord kamen um, und mit ihnen auch ihr Hein. Es musste alles sehr schnell gegangen sein. Zunächst dachte sie nur ans Sterben, sie war untröstlich, und heulte nur noch.

Eisermann, einen jungen Kollegen ihres Vaters, lernte sie ein Jahr später kennen. Er bemühte sich um sie und sie willigte irgendwann ein, ihn zu heiraten. Zehn Jahre später war Eisermann tot und noch weitere 25 Jahre später saß sie im Bad und drehte die Lockenwickler aus den Haaren. Wo war die Zeit geblieben? Und wie wäre es gewesen, wenn das Meer um Borkum am 15. April 1964 ruhiger gewesen wäre oder die Ladeluken der Nordmark den Wellen Stand gehalten hätten…

(165) Ein schwacher Wind wehte aus Westen, so als ob die untergehende Sonne pusten würde…

Ein schwacher Wind wehte aus Westen, so als ob die untergehende Sonne pusten würde, um die Wellen doch noch etwas aufzukräuseln. Elfriede König nippte an ihrem Champagnercocktail und ließ ihren Blick über die Reling von Deck 12 der ‚Sea Empire‘ auf das glatte Meer schweifen.

Nach seiner wundersamen Errettung aus der gekenterten Nordmark hatte Hein König auf Bitten Elfriedes die aktive Seefahrt an den Nagel gehängt und bei einer Schiffswerft angefangen. Langsam, mit Fleiß und guten Ideen, hatte er sich hochgearbeitet, zuerst zum Projektchef, dann zum Gesamtproduktionsleiter. Als einer der ersten setzte er das weitestmögliche Outsourcing von Bauarbeiten um und steigerte dadurch die Wirtschaftlichkeit des Unternehmens enorm. So war es keine Überraschung, dass er die Unternehmensleitung übernahm, als der Besitzer sich zur Ruhe setzte.

Da Kreuzfahrtschiffe die Spezialität der Werft waren, kam Elfriede in den Genuss, an allen Jungfernfahrten dieser Schiffe teilzunehmen, und das auch noch meistens in der Owner’s Suite. Sie hatte auch viel Zeit dazu. Kinder hatten sie keine, da Hein bei dem Schiffsuntergang eingeklemmt und dadurch zeugungsunfähig geworden war.

In drei Tagen würde das Schiff wieder in Miami anlegen und Elfriede würde zurück nach Hause fliegen. Und dann würde man sehen. Es war ja nicht so, als ob sie große Verpflichtungen hätte. Manchmal überlegte sie sich, was aus ihr geworden wäre, wenn Hein damals umgekommen wäre. Sie hätte viel mehr kämpfen müssen in ihrem Leben und vielleicht wäre es ein größeres Abenteuer geworden.

Elfriede blickte auf die Uhr. Sie musste los zu ihrem Friseurtermin auf Deck 10. Sie reichte dem Barmann ihre Bordkarte und verstaute das ungelesene Buch in ihrer Strandtasche.

(166) Für jeden, der ihn kannte, war der Kapitän der ‚Sea Empire‘ ungewöhnlich nervös.

Für jeden, der ihn kannte, war der Kapitän der ‚Sea Empire‘ ungewöhnlich nervös. Giambattista Vico blieb nicht wie sonst im Kapitänssessel sitzen, sondern war ständig in Bewegung, schlenderte vom 2. Offizier zum Leitenden Ingenieur, stellte eigentlich unnötige Fragen, schaute sich die Routenplanung an oder stand auf der Brückennock und starrte am Schiffskörper hinunter in die Wellen. Kurze Zeit darauf erfuhr die Brückencrew die Erklärung: VIP-Besuch war angesagt.

Sandy Newman, die Pressefrau der ‚Sea Empire‘, geleitete Al Pacino in den Brückenraum. Kapitän Vico versuchte seine Erregung zu verstecken, was ihm aber vor den anderen Besatzungsmitgliedern nicht gelang. Sandy stellte den Kapitän vor. Pacino sagte: „I am Al Pacino. How are you?“ Er streckte Vico die Hand entgegen. Nachdem der Kapitän sich gefangen hatte, stellte er seine Kollegen vor. Und bei jedem sagte Al Pacino seinen Namen klar und deutlich, so als ob man ihn keinesfalls kennen musste. Der Schauspieler war sehr freundlich und jovial im Umgang. Pacino ließ sich die verschiedenen Geräte auf der Brücke erklären, erkundigte sich nach der Größe der Mannschaft (1.213), wunderte sich über die unglaubliche Kraft der Schiffsmotoren (89 MW) und durfte auf Geheiß des Kapitäns das Schiffshorn betätigen.

Al Pacino drückte einmal nur ganz kurz auf den Knopf, war über den satten Sound verblüfft und wollte es gleich nochmal versuchen. Beim zweiten Mal drückte er länger und musste dabei lachen wie ein kleiner Junge.

Kapitän Vico reichte Sandy eine Fotokamera und sie musste ihn mit Al Pacino knipsen. Für die zweite Aufnahme setzte sich Pacino die Mütze des Kapitäns auf. Schließlich bat Vico noch um ein Autogramm für seinen Sohn Salvatore, der ein großer Fan von Al Pacino sei. Pacino erklärte, dass sein Vater auch Salvatore hieß und beglückwünschte Vico zu der guten Namenswahl. „Woher kommen Sie?“, fragte er. Vico antwortete: „Meine Familie stammt aus Neapel“. Pacino nahm ihn kurz in die Arme und klopfte ihm auf die Schultern. „Wir sind aus einem Holz“, sagte er. Dann nahm er eine Autogrammkarte aus seiner Jackentasche und bat um einen Stift. Auf die Karte schrieb er ‚Für Salvatore, den Sohn eines wahren Freundes‘ und reichte sie Vico, der Mühe hatte, seine Tränen zurück zu halten.

(167) Es hämmerte an der Tür.

Es hämmerte an der Tür. „Hey Sal, mach auf, ich weiß, dass du da drin bist!“ Salvatore öffnete die Haustür und ließ Scott herein. „Jetzt mach keinen Lärm, du hast Glück, dass meine Mutter nicht da ist, sie hätte Salami aus dir gemacht“, sagte Salvatore vorwurfsvoll. „Ich hab‘ gehupt, warum kommst du nicht raus?“ – „Ich habe einen Brief vom Kapitän erhalten, sehr seltsam.“ – „Zeig mal“, Scott riss ihm die Karte aus der Hand. „Das ist ja Al Pacino. Dein Vater ist mit Al Pacino befreundet? Cool!“ – „Was hab‘ ich mit Al Pacino zu tun? Der hat wahrscheinlich auf dem Kahn Urlaub gemacht und meinem Vater ein Trinkgeld gegeben. Wahrer Freund, von wegen.“ – „Jetzt fang nicht wieder an, über die christliche Seefahrt zu klagen. Komm mit, im Auto sind Maddy, Carry und Lobo. Und wenn wir noch lange zögern, hat Lobo beide geschwängert.“

In der Tat hatte Lobo seine Zunge bereits tief in Maddys Rachen gesteckt. Carry lehnte genervt an dem Wagen und rauchte. „Wo wart ihr? Habt ihr noch das Klo geputzt oder was?“ – „Hi Carry“, sagte Sal, „tut mir leid, meine Schuld.“ Nach kurzer Diskussion setzte sich Sal in den Fond. „Was ist das für eine Musik?“, fragte er. „Das ist ‚Zero‘ von den Smashing Pumpkins“, erklärte Scott, „könnt ich stundenlang hören.“ – „Ich nicht“, sagte Carry und drehte das Autoradio aus. „Jetzt fahr doch, ich will auch mal ankommen.“

Scott ließ den Motor an und rollte auf die Straße zurück. Dann legte er den Hebel auf D und drückte aufs Gaspedal. Der Wagen machte einen Satz nach vorn und Sal schaute angeekelt zu, wie Lobos Zunge noch tiefer in Maddy hineinzurutschen schien. Lobo schien das Schaukeln in den Kurven zu genießen und seine linke Hand streichelte über Maddys Oberkörper.

Plötzlich kreischten die Bremsen auf. Es war, als ob der Wagen sich hinten aufbäumte. Sal erkannte, wie der Wagen auf einen alten Mann mit Stock und einen kleinen Jungen zufuhr. Die Fahrt verlangsamte sich zwar, aber es war unklar, ob das Bremsen reichen würde. Scott war im Handumdrehen kreidebleich geworden. Der alte Mann und der Junge drehten sich wie in Zeitlupe um. Beide öffneten den Mund zum Schreien. Scott sah noch, dass sie die gleiche Zahnlücke in den oberen Schneidezähnen vorwiesen.

Der Wagen kam schließlich zum Stehen, ohne Mann und Kind zu berühren. Reflexartig hob der alte Mann seinen Stock und ließ ihn auf die Motorhaube des Autos herunter krachen.

„Du hast mich gebissen, du Sau!“, schrie Maddy. Sal warf seinen Kopf herum. Maddy und Lobo starrten sich mit blutverschmierten Mündern an. Wieder schepperte es an der Motorhaube, der alte Mann hatte das Gleichgewicht nicht mehr halten können und war gestürzt.

„Na klasse“, schimpfte Carry.

(168) Der kleine Junge hatte zuerst mit großen Augen und aufgerissenem Mund…

Der kleine Junge hatte zuerst mit großen Augen und aufgerissenem Mund das Auto auf sich und seinen Großvater zurasen sehen. Auch als es gestoppt hatte, konnte er seinen Gesichtsausdruck nicht so schnell entkrampfen. Mit den Augen folgte er dem Stock seines Großvaters, hörte den scheppernden Knall. Dann stürzte sein Großvater. Erst dann löste sich seine Spannung und er fing hemmungslos an zu weinen. Carry stieg aus dem Wagen und ging neben dem Jungen in die Hocke. Sie redete tröstend auf ihn ein. Scott war auch ausgestiegen und beugte sich über den Großvater, der nicht verletzt war und bereits wieder auf der Straße saß. Scott schickte sich an, ihm unter die Arme zu greifen, um ihm aufzuhelfen.

Im Wagen hatte Lobo, nach dem ersten Augenblick des Schocks, versucht, weiter mit Maddy zu knutschen. Sie stieß ihn von sich und sagte, er sei krank. Sal stieg aus dem Auto und half Scott, den alten Mann aufzurichten. Als er stand, stürzte Scott zurück zum Wagen und schrie Lobo und Maddy an, darauf zu achten, dass kein Blut an die Sitzpolster käme. Maddy stieg auch aus und jetzt saß nur noch Lobo breitbeinig und mit verschmiertem Mund auf der Mitte der Sitzbank. Er schien völlig unbeteiligt zu sein.

Der Großvater redete mit dem Jungen und beruhigte ihn allmählich. Carry ermahnte alle, doch bitte endlich weiter zu fahren, es sei ja jetzt alles in Ordnung. Sal bemerkte, dass er sich bei dem Bremsmanöver die Hand am Deckel des Aschenbechers aufgerissen hatte und selbst blutete. Als er seine Wunde aussaugte, schmeckte er den metallischen Blutgeschmack,

Scott geleitete Großvater und Enkel auf den Bürgersteig und half dem alten Mann, sich zum Ausruhen auf eine Bank zu setzen. Maddy hatte vorn auf dem Beifahrersitz Platz genommen und würdigte Lobo keines Blickes mehr. Carry stieg daher hinten ein und bedrohte Lobo mit dem Verlust wichtiger Körperteile, falls er auch nur daran dachte, sie anzufassen. Sal setzte sich auf Lobos andere Seite und Scott startete den Motor, würgte ihn aber gleich wieder ab, als er losfahren wollte. Carry beschimpfte ihn und schlug ihn mit der Faust auf den Oberarm. Der Motor startete wieder und der Wagen rollte los.