(138) Orangefarbene Zentaianzüge waren zwar nicht Zombie-Canon…

Orangefarbene Zentaianzüge waren zwar nicht Zombie-Canon, sahen aber sehr spektakulär aus. Konstantin und Volker waren nicht die Einzigen, die dem Thema der Party nicht vollständig entsprachen. Die Kostümierung eines Bankers, der im Straßenanzug aufkreuzte, erschloss sich erst nach einigem Überlegen. Dann gab es eine große, als Catwoman verkleidete Frau, die von einem Kleinwüchsigen im Pinguin-Kostüm begleitet wurde. Ansonsten gab es viel Blut, Hirn und Gedärme, wie es Volker ausdrückte. Manche Verkleidungen sahen sehr professionell aus, als ob ein Maskenbildner stundenlang daran geschuftet hätte. Volker stürzte sich auf den Tisch mit den Getränken, in dessen Mitte eine Bowle aus schäumendem Blut stand.

Auf einer Couch im mittleren Zimmer erblickte Konstantin zwei Mädchen, die ihn anzogen. Beide hatten je ein Auge mit Gaze verbunden, das andere war Hämatom-rot angemalt. Im Gesicht und auf der Kleidung hatten sie Blutspritzer. Beide trugen weiße T-Shirts, aber mit unterschiedlichen Aufschriften: ‚I kill everything I fuck‘ und ‚I fuck everything I kill‘.

„Hey“, sagte er zu den beiden, „wie gefährlich ist es, hier bei euch zu sitzen?“ – „So lange wir nur hier sitzen, ist alles im grünen Bereich“, meinte I-Fuck ernst. I-Kill musste lachen. Er setzte sich dazu. „Tolles Outfit“, meinte I-Kill, „Mann oder Frau? Und warum die Kamera?“ Jetzt musste Konstantin lachen. „Mann, hört man doch wohl. Und ich bin Fotograf.“ – „Stimmen sind bei Zombies nie eindeutig. Wir zum Beispiel sind Männer.“ Jetzt war es an I-Fuck zu kichern. „OK, Männer, klasse Shirts. Gefällt mir.“ – „Haben wir von einem Foto aus dem Internet“, erklärte I-Kill. „Wo hast du deine Klamotten her?“ – „Ich muss das jeden Tag tragen, damit ich alle Körperteile beieinander halte. Sonst verliere ich hier einen Arm, da ein Bein und die Hirnmasse tropft runter. Außerdem ist es sauberer.“ – „Ich verstehe“, sagte I-Kill und rückte näher, „hast du Lust zu ficken?“

(139) Unter der Pinguinmaske war Ringelmann sehr heiß…

Unter der Pinguinmaske war Ringelmann sehr heiß, er spürte den Schweiß an der Innenseite herunter in den Hals rinnen. In dem Frack fühlte er sich zudem sehr eingeengt. Auch die laute Musik, die auf ihn einprasselte, setzte ihm zu. Überall neben ihm standen große Menschen, teilweise mit zerrissenen Kleidern, teilweise mit Blutspritzern oder gar offenen Wunden.

In der Enge zwischen den Zombies fühlte er sich wie eine gestrandete Muschel in der Brandung. Ständig wurde er von einer Seite zur anderen geschoben, Ellbogen trafen ihn am Kopf und Füße trampelten auf seinen herum. Er hielt sich am Bein der Frau fest, um nicht umzufallen. Er wusste, dass es ihr nicht recht war, denn immer wieder löste sie seinen Griff, wie man es mit Kindern machte, um ihnen etwas aus der Hand zu nehmen, was noch nicht für sie bestimmt war.

Ringelmann war schwindlig vor Hitze. Er hätte sich gern hingesetzt. Allerdings gab es keine freien Sitzgelegenheiten und wenn er versuchte, in eine Richtung zu gehen, um wenigstens eine Wand zum Anlehnen zu finden, wurde er von der Menschenmenge zurückgedrängt. Oder die Frau hielt ihn am Kragen fest und zog ihn wieder zu sich zurück. Es war wie in einem Gefängnis.

Die Tränen traten ihm in die Augen, als ihm ein Knie in den Rücken gestoßen wurde. Er geriet ins Straucheln und ging nieder auf ein Knie, um sich wieder zu fangen. Von vorn bekam er noch einen Schlag an den Kopf, der ihn nach hinten taumeln ließ. Er stürzte und blieb auf dem Rücken liegen. Ein Schuh trat ihm auf die rechte Hand. Mit der linken versuchte er sich zu befreien, aber dann kam ein Tritt von der Seite in die Niere, der ihn aufschreien ließ.

Niemand schien den Schrei zu hören und in Zeitlupe sah er, wie ein großer Fuß sich von oben auf sein Gesicht niedersenkte, zuerst die Nasenspitze erreichte, sie eindrückte, den Knorpel brach und sich weiter auf ihn senkte.

Er schloss die Augen und spürte, wie er anfing zu fallen. Es war ein endloser Fall. Alle Schmerzen, die er jemals verspürt hatte, quälten ihn jetzt noch einmal. Kein Ton kam mehr über seine Lippen. Um ihn herum Schall und Wahn, aber ohne Bedeutung für ihn. Er fiel unaufhaltsam ins dunkle Nichts.

(140) Sein Körper zuckte mehrmals und verkrampfte sich.

Sein Körper zuckte mehrmals und verkrampfte sich. Dietmar Ringelmann wachte auf. Wieder ein Albtraum. Er atmete schwer. Seine Arme und Beine taten ihm weh, als ob er wirklich zertrampelt worden wäre. Hatte er geschrien? Er horchte in den dunklen Raum, es war still. Man hatte ihn nicht gehört.

Seit Wochen plagten ihn ähnliche Albträume, aus denen er wie gefoltert aufwachte, oft schreiend. Deshalb hatten Bianca und er getrennte Zimmer im Hotel genommen. Er konnte es ihr nicht zumuten.

Ringelmann lag noch eine weitere Stunde wach im Bett und hatte Angst davor, wieder einzuschlafen. Heute war ein wichtiger Tag: Es ging um den nationalen Titel im Tauziehen. Er hoffte, dass er ausreichend fit sein würde, er wollte die anderen sieben Mitglieder der Mannschaft nicht enttäuschen. Sie waren seit sechs Jahren ein Team und hatten dieses Jahr die Chance, in ihrer Gewichtsklasse (720 kg) Meister zu werden. Allerdings wurde er den ganzen Tag über die Erinnerung an den wiederkehrenden Albtraum nicht los.

Die Endrunde wurde am frühen Nachmittag am Strand ausgetragen. Das war einerseits gut, weil man in dem feuchten Sand guten Halt bekam. Den hatte die andere Mannschaft aber auch, und deshalb würde die Kraftanstrengung in Summe gleich sein.

Die Sonne stand hoch, war aber jetzt im September nicht mehr so stark. Dietmar war der Ankermann in der Mannschaft. Seine Kollegen standen vor ihm aufgereiht neben dem Tau. Auf der anderen Seite konnte er die Silhouetten der Gegner sehen. Seitlich von der Mitte befand sich der Kampfrichter. Die Zuschauer, darunter Bianca und ihre beiden Schwestern, standen weiter hinten. „Seil auf!“, rief der Kampfrichter und hob dann seine Arme in die Horizontale. Dietmar schlang das Tau um die Schultern und nahm es fest in beide Hände. „Spannen!“ Er schlug den Absatz eines Schuhs in den feuchten Sand und zog das Tau straff. „Fertig!“ Dietmar registrierte die Spannung in den Muskeln seines Vordermanns. „Pull!“ Mit einem Ruck waren seine Arme und Beine von dem Kraftaufwand erstarrt. Sein Atem hatte kurz gestockt, nach einem Moment hatte er sich den Befehl gegeben, ruhig zu atmen. Der Zug was sehr stark und sie wurden zuerst zentimeterweise nach vorn gezogen. Dann setzte die Bewegung in die Gegenrichtung ein und er spürte das Momentum, mit dem seine Mannschaft sich einen Vorteil erarbeitete. Sie konnten mehrere Schritte in Folge zurückgehen. Plötzlich passierte es sehr schnell. Das Tau verlor die Spannung und Dietmar fiel nach hinten. Durch den Schwung konnten drei seiner Mannschaftskameraden nicht stoppen und traten ihm auf Arme und Beine.

(141) Dietmar Ringelmann lag am Pool.

Dietmar Ringelmann lag am Pool. Seine Mannschaft hatte alle drei Züge gewonnen, sie waren jetzt Tauziehmeister. Vor fünf Jahren noch hätten sie nie mit diesem Erfolg gerechnet. Es waren harte Trainingseinheiten gewesen und ihr Trainer hatte sie nach allen Regeln der Kunst getriezt. Aber jetzt hatte sich die Anstrengung gelohnt.

Am Vortag hatten sie sehr lange gemeinsam gefeiert und er wusste nicht, was mehr schmerzte, sein Kopf vom Kater oder sein Körper von den Stößen und Tritten seiner Kameraden, die mehrere Male auf ihn gefallen waren.

Er freute sich, einen weiteren freien Tag hier im Hotel zu genießen, morgen musste er wieder arbeiten. Die anderen waren am frühen Morgen abgereist.

Bianca war mit ihrer Schwester Alexandra noch einmal am Strand spazieren gegangen. Wo war eigentlich Daniela? Gerade als er sich fragte, wo die jüngere Schwester seiner Frau war, kam sie in einem weißen Bademantel aus dem Hotel und lächelte ihm zu. Er winkte zurück. Daniela war das verrückte Huhn unter den drei Schwestern, ständig für Eskapaden gut. Wenn sie nicht gerade irgendwo in der Welt unterwegs war, besuchte sie recht häufig Bianca. Dietmar freute sich jedes Mal darauf, weil es einen frischen Wind in ihr Haus brachte.

„Hallo Dietmar“, rief sie, als sie bei ihm ankam. Sie streifte den Bademantel ab. Darunter trug sie einen gelben Badeanzug. Sie gab ihm einen Kuss auf die Wange und legte sich dann auf die Liege neben ihm. „Hast du dich wieder erholt von den unmenschlichen Anstrengungen gestern?“, fragte sie. „Klar“, antwortete er, „wir sind doch nicht aus Pappe.“

Sie bat ihn, ihr den Rücken mit Sonnenmilch einzucremen, was er bereitwillig tat. Dann schlug sie ihr Buch auf und vertiefte sich darin. Dietmar betrachtete die Wellen des Pools, in denen sich die Kachelfugen des Bodens schaukelnd in Wellenform reflektierten.

„Sag mal, hast du noch das Catwoman-Kostüm vom Fasching?“, erkundigte er sich. „Nein, das war nur geliehen, warum?“ – „Ach nur so, ich hatte letztens die Fotos in der Hand und es fiel mir gerade wieder ein.“

(142) Ich habe ihn über ein Dating-Netzwerk kennen gelernt.

„Ich habe ihn über ein Dating-Netzwerk kennen gelernt“, erklärte Alexandra. „Ich wollte einfach mal einen Mann treffen, der nicht im gleichen Unternehmen arbeitet oder mit Freunden von Freunden befreundet ist. Ich wollte etwas Neues.“ – „Und dann?“, fragte Bianca.

Alexandra, ihre Schwester, hatte einen knapp 40-jährigen Mann kontaktiert, der ihr interessant vorkam. Er hatte viele Jahre im Ausland verbracht und war erst vor kurzem wieder zurück nach Deutschland gekommen. Er hatte hier keine Bekannten mehr und war, so sagte er, daran interessiert, einen neuen Freundeskreis aufzubauen. Er hatte ein angenehm kantiges Gesicht, fand Alexandra, die sonst nur Männern kannte, die eher puddingähnlich waren. Bei Erwin war das anders.

Sie traf ihn eines Sonntagnachmittags draußen in einem Café. Als sie auf ihn zukam, stand er auf und lächelte sie an. Seine Zähne waren makellos. Er war schmaler und muskulöser, als sie es sich vorgestellt hatte. Sein Händedruck fühlte sich trocken und fest an. Seine Haare hätten für ihren Geschmack etwas länger sein können, aber das ließ sich ändern. Er war sehr zuvorkommend. Das Gespräch bestätigte sie darin, dass sie aus ihren alten Mustern ausbrechen musste, um ihr Glück zu finden.

Zwei Tage später trafen sie sich erneut, diesmal zum Abendessen in einem einfachen Lokal mit französischer Küche. Sie bewunderte die Gewandtheit, mit der Erwin französisch sprach und dafür sorgte, dass ihre Wünsche erfüllt wurden.

Sie war zu dem Zeitpunkt schon versucht, ihn mit nach Hause zu nehmen, aber sie wollte nichts überstürzen. Er drängte sie auch nicht. Erwin war ihr sehr angenehm in seiner lässigen Art.

Sie trafen sich noch weitere Male. Es war ihr klar, dass er wusste, dass sie ihn begehrte. Als er sie an einem Abend bis zu ihrem Hause begleitete, bat sie ihn mit nach oben. Es war aufregend, ihn hinter sich auf der Treppe zu wissen, ohne seine Schritte zu hören. Eigentlich wollte sie Kaffee kochen, aber dazu kam es nicht. Sie küssten sich. Unter seinem Hemd spürte sie seine Muskeln. Sie fühlte sich in seinen Armen geborgen. Kurze Zeit später lagen sie auf dem Sofa und er drang in sie ein. Es war einige Zeit her, dass sie das letzte Mal mit einem Mann zusammen gewesen war und sie spürte, wie gut ihr der Sex tat.

Danach hatte sie Decken aus dem Schlafzimmer geholt und sie lagen nebeneinander auf der Erde vor dem Sofa. Als sie seine Brust streichelte, hielt sie inne und zog die Decke herunter. Vom Bauch bis zu den Brustwarzen zog sich eine breite Narbe herauf. Sie war gut verheilt, aber leichte Unebenheiten zogen sich wie eine sanfte Gebirgskette über seinen Rumpf.

Alexandra sah Erwin fragend an. „Elfenbeinküste 2002“, erklärte er. Sie musste ihm die ganze Geschichte über viele Fragen entlocken. Erwin war zwanzig Jahre bei der Fremdenlegion gewesen und hatte vor drei Monaten seinen Dienst beendet. Seine Verwundung durch eine Machete hatte er sich bei der Operation ‚Einhorn‘ an der Elfenbeinküste zugezogen. Ein paar Tage hatte er in Lebensgefahr geschwebt, wurde dann aber wieder gesund. Jetzt wollte er ein neues Leben beginnen. „Du warst doch damals kaum 20 Jahre alt, wie kam es dazu, dass du in die Fremdenlegion gegangen bist?“, fragte Alexandra.

Erwin blickte ihr in die Augen und sprach: „Das willst du nicht wissen. Und ich kann es dir nicht sagen. Kannst du akzeptieren, dass du es nie erfahren wirst?“ Während sie darüber nachdachte, zog er sich an und verließ die Wohnung, ohne sich auch nur ein einziges Mal nach ihr umzudrehen. Die letzte und im Grunde einzige Frage, die er ihr gestellt hatte, konnte sie nicht beantworten.

(143) Das Haus hatte sich verändert.

Das Haus hatte sich verändert. Die neuen Besitzer hatten zur Straße hin ein weiteres Fenster in die Wand gebrochen und an der Seite einen Wintergarten angebaut. In Erwins Erinnerung hatte das Haus stets einen freundlichen Eindruck gemacht, wenn er sich ihm näherte. Mit dem neuen Fenster erschien es ihm allerdings schlecht gelaunt.

Als er das Haus vor 20 Jahren Hals über Kopf verlassen hatte, konnte er nicht zurückblicken. Jetzt war er wieder da und versuchte sich zu erinnern, wie es war, darin zu wohnen. Sein Zimmer war im ersten Stock gewesen, genau über dem Hauseingang. Von da aus hatte er einen Blick auf die Straße gehabt, konnte sehen, wer zur Tür kam oder in die Garageneinfahrt fuhr.

Vor allem hörte er alle Geräusche des Hauses und konnte so erraten, wer sich wo befand und was er tat. Es war, als ob er das Gehirn war und das Haus der Körper. Über die Nervenbahnen der Geräusche sprach das Haus zu ihm. Er hatte viel Zeit in seinem Zimmer verbracht und die ganzen achtzehn Jahre, in denen er dort gewohnt hatte, war das Haus sein bester Freund gewesen. Die ersten zwei Jahre seine Lebens hatte er woanders gewohnt, aber daran konnte er sich nicht mehr erinnern. Die ganze bewusst erlebte Zeit seiner ersten zwanzig Jahre hatte er an diesem Ort verbracht.

Zur Schule war er nie gern gegangen, weder in den Kindergarten noch in die Grundschule noch ins Gymnasium. Keiner mochte ihn. Meistens wurde er ignoriert, oft gehänselt und manchmal gequält. Er hatte es überstanden, denn er hatte ein Zuhause, in das er zurückkehren konnte.

Er überquerte die Straße und näherte sich dem Haus über die Garageneinfahrt. Als er davor stand, legte er die Hand auf die Rauputzfassade und horchte hinein.

(144) Es war ein frischer Frühlingsnachmittag…

Es war ein frischer Frühlingsnachmittag, als das junge Paar mit dem Kinderwagen auf dem Bürgersteig stand und den Anblick des Hauses auf sich wirken ließ. Sie schienen sorglos und fröhlich zu sein, so als ob das ganze Leben vor ihnen läge und seine Arme willkommen heißend nach ihnen ausstreckte. Sie nahmen Erwin aus dem Kinderwagen, hoben ihn hoch und zeigten ihm das Haus. Es war ein schönes Bild: Die Mutter in einem Blumenkleid hielt das Kind in weißer Babykleidung vor der Brust. Neben ihr in einem blauen Anzug mit Krawatte, der Vater, der den Arm schützend um seine kleine Familie legte.

Sie hinterließen bei der Besichtigung einen hervorragenden Eindruck. Die jungen Eltern schauten sich das Haus von innen an, blickten zu den Fenstern hinaus, schlenderten durch den Garten. Sie versuchten sich das Leben vorzustellen, das ihnen das Haus ermöglichen würde und die Geborgenheit, die es ihnen gewähren würde.

Die junge Frau war ganz besonders von dem Garten angetan. Sie war eine große Liebhaberin von Krocket und plante, im Garten ein Spielfeld anzulegen. Sie träumte von ruhigen Sonntagnachmittagen, an denen sie mit ihrer Familie und mit Freunden draußen im Garten saß und ein Spiel Krocket genoss. Der junge Mann war von dem Arbeitszimmer mit der Holztäfelung und den hohen Bücherregalen begeistert, in denen er seine Sammlung unterbringen würde. Der kleine Erwin schien mit allem Freundschaft geschlossen zu haben und krabbelte schon während der ersten Besichtigung vergnügt durch die Zimmer.

Mit Hilfe der Eltern des Mannes und einem bereits zugesagten Bankkredit konnte noch am gleichen Tag der Kauf des Hauses per Handschlag besiegelt werden.

(145) Er kann es sein. Vom Alter her ist es möglich.

„Er kann es sein. Vom Alter her ist es möglich“, flüsterte Else Fendler, obwohl man sie durch das geschlossene Fenster draußen nicht hören konnte. „Was macht er da, warum steht er da angelehnt an das Haus? Ist ihm schlecht?“, flüsterte ihr Ehemann Karlheinz zurück. „Wir sollten die Polizei rufen.“ – „Warum geht er nicht einfach wieder? Es ist alles verjährt, er war ja auch noch minderjährig.“ – „Ich habe Angst. Was ist, wenn er auch zu uns kommt, und uns mit einem Krocket-Schläger umbringt? Der ist doch nicht normal. Ich rufe die Polizei. Die Nachbarn sind im Urlaub, die können es nicht. Wir müssen was tun.“

Sie trat in den Flur und er hörte, wie sie den Hörer abnahm, die 110 wählte und aufgeregt von ihren Beobachtungen erzählte. Karlheinz Fendler ließ Erwin nicht aus den Augen.

Die Erinnerungen von vor 20 Jahren stiegen wieder in ihm auf. Die Straße war voller blinkender Polizeiwagen gewesen. Krankenwagen standen da und fuhren wieder weg, um den beiden Leichenwagen Platz zu machen. Else hatte die Eltern gefunden und noch Jahre später davon Albträume gehabt. Er hatte Elses Schrei gehört und war zu ihr hingelaufen.

Erwin hatte seinen Eltern Krocketbälle in den Mund gestopft und sie in den Garten geschleppt. Mit Krockettoren um den Hals hatte er sie wie aufgespießte Käfer am Boden fixiert und ihnen dann mit dem Krocketschläger den Kopf eingeschlagen. Karlheinz hatte sich übergeben müssen, direkt daneben in die Büsche. Als sie wieder dazu in der Lage waren, hatten sie die Polizei gerufen.

Erwin hatte man nicht erwischt. Niemand wusste etwas. Manche behaupteten, er habe sich selbst gerichtet, andere sagten, dass er zur französischen Fremdenlegion gegangen sei. Und jetzt war er zurück und lehnte sich an sein Elternhaus.

Else kehrte zurück und flüsterte: „Sie sind unterwegs.“

Als sie beide wieder hinter der Gardine aus dem Fenster schauten, trat Erwin einen Schritt zurück, schaute noch einmal am Haus hoch und ging langsam die Straße hinunter. Karlheinz wollte Else zurück halten, aber sie war schneller. Sie lief aus dem Haus, ihr Gerechtigkeitssinn oder ihre Rachegelüste trieben sie.

„Halt“, schrie sie ihm nach, „Haltet den Mörder!“ Es war sonst niemand auf der Straße. Erwin blieb kurz stehen und sprintete dann los. Am Ende der Straße sprang er in den Graben und dann sah Else noch, wie er den Abhang hochlief, in den Wald hinein.

(146) Ich musste damals sogar meinen Hockeyschläger abgeben.

„Ich musste damals sogar meinen Hockeyschläger abgeben“, lachte Theo. Seine Mutter blickte ihn vorwurfsvoll an. Versöhnlicher fuhr er fort: „Aber es ist ja jetzt wieder in Ordnung. Er kam ja nicht her, um euch zu meucheln, sondern… vielleicht… weil er Heimweh hatte.“ – „Ich hoffe, sie erwischen ihn und er muss hinter Gitter. Was er seinen Eltern angetan hat…“ Else zitterte immer noch. Der Anblick von Erwin hatte die Bilder der schrecklichen Bluttat wieder vor ihrem inneren Auge erstehen lassen. Die Polizei war zwar kurz nach Erwins Verschwinden gekommen, hatte ihn aber nicht mehr erwischt. Sie hatten in einer großen Fahndung den Wald abgeriegelt und auch jetzt streiften noch zwei Hundertschaften mit Spurenhunden durch den Wald.

„Ich will, dass unser Haus bewacht wird“, hatte Else ihrem Mann gesagt. Karlheinz hatte es an die Polizei weitergegeben. Der ermittelnde Kommissar hatte ihm gesagt, dass man auf jeden Fall eine verdeckte Streife in der Nähe postieren wollte, für den Fall, dass Erwin noch einmal zurückkäme. Das Nachbarhaus würde man ebenso im Auge behalten.

Karlheinz überbrachte Else die Nachricht. Sie war nicht zufrieden und so musste Karlheinz noch einmal nachfragen, wo die verdeckte Streife denn stehen würde. Ein drittes Mal verweigerte Karlheinz seine Dienste und Else redete deswegen für zwei Stunden nicht mit ihm.

Als Theo nach der Arbeit bei ihnen vorbeischaute, musste er zwischen seinen Eltern schlichten, darin hatte er mittlerweile Erfahrung. Er hatte den Mord damals nicht direkt mitbekommen. Obwohl niemand aus seiner Familie auch nur im Geringsten daran beteiligt war, lag die Tat aber wie ein Schatten auf seiner ganzen Jugend. Als er geheiratet hatte und mit seiner Frau in einem anderen Viertel wohnte, wurde ihm erst klar, dass die Familie nach dem Mord hätte wegziehen müssen. Als er seinen Eltern diesen Vorschlag machte, lachten sie ihn aus. Das alles läge doch schon Jahre zurück, wie er denn auf diese Idee käme. Jetzt wollte er den Gedanken nicht noch einmal ansprechen. Er hoffte, dass die Aufregung sich wieder legen würde. Am besten, man würde Erwin erwischen, dann würde wieder Ruhe einkehren.

(147) Plonk, plonk, plonk, machte der Pogo Stick in der Küche.

Plonk, plonk, plonk, machte der Pogo Stick in der Küche.

Marieluise stieg aus dem Keller hoch. „Rosalie! Hör sofort damit auf. Wie oft habe ich dir gesagt, dass du damit nur im Garten spielen darfst! Der Pogo Stick bleibt draußen.“ Sie wand ihrer Tochter den Stick aus den Händen und stellte ihn draußen vor die Gartentür. Rosalie sah aus, als ob sie gleich vor Wut platzen würde. Ihr Gesicht lief rot an und verzerrte sich. Marieluise fragte sich dann jedes Mal, von wem sie das nur hatte. Es gab sonst niemanden in der Familie, der ähnlich jähzornig werden konnte.

Ihre Tochter stampfte auf. Ein Mal, zwei Mal, immer weiter, so als ob sie noch auf ihrem Stick stünde. Marieluise versuchte, sie zu ignorieren und wechselte ins Wohnzimmer. Rosalie folgte ihr, stampfend und schnaufend. Marieluise drehte sich um, stemmte die Hände in die Hüften: „Was soll das? Suchst du Streit? Oder willst du heute sehr früh ins Bett gehen?“ Zur Antwort stampfte Rosalie nur auf. ‚Ich denke, das bedeutet ja‘, dachte Marieluise. Sie hoffte, dass Theo bald kommen würde. Wenn Rosalie derart schlechte Laune hatte, konnte er sie eher zur Vernunft bringen als Marieluise. Irgendwann fiel ihr nichts Besseres ein als ihrer kapriziösen Tochter zu erlauben, den Fernseher einzuschalten. Gleichzeitig machte sie sich Vorwürfe, damit ihre eigene Autorität zu untergraben. Aber wenigstens war jetzt Ruhe.

Als Theo nach Hause kam, schien er genervt. Er erzählte von dem Aufruhr und den Ängsten seiner Mutter. „Aber das ist doch alles kalter Kaffee“, meinte Marieluise. „Na ja, antwortete er, „Erwin war da, heute. Ich kann sie schon verstehen.“ – „Sie sollten wegziehen, wenn ihnen das auch heute noch so nahe geht“, entgegnete Marieluise. „Ich weiß auch keinen Rat. Warum hockt Rosalie jetzt vor dem Fernseher?“ – „Sie war unausstehlich und es war die einzige legale Maßnahme, sie zur Ruhe zu bringen.“ – „Das wird ihr nicht die richtige Botschaft vermitteln. Sie wird es als Belohnung verstehen.“ – „Du hast recht, aber ich hatte gerade keinen Krocket-Schläger bei Hand.“ Sie zuckte die Schultern. Er sah sie an. Dann mussten beide laut lachen.