(128) Dienstmädchen hatte es im Hause Bruns nie gegeben.

Dienstmädchen hatte es im Hause Bruns nie gegeben. Eric hatte die sexuelle Fantasie quasi von seinem Vater geerbt. Bruns Senior war ein Handelsreisender und verbrachte deshalb viele Nächte allein unterwegs. Dass er einen Teil seiner Einsamkeit mit Pornografie füllte, war verständlich.

Eric hatte natürlich nie mit seinem Vater darüber gesprochen und er glaubte auch nicht, dass seine Mutter davon wusste.

Er hatte das Versteck mit der Zeitschriftensammlung seines Vaters gefunden und machte davon ebenfalls Gebrauch.

Dem Anschein nach gab es zwei Varianten, die für Bruns Senior besonders befriedigend waren: Sex mit Dienstmädchen sowie Sex zwischen Normal- und Kleinwüchsigen. Seltsamerweise gab es keine Hefte, die diese Vorlieben kombinierten, aber wahrscheinlich war der Markt dafür zu eng. Warum Bruns Senior sich für genau diese Spielarten der menschlichen Sexualität interessierte, konnte Eric nicht erklären. Sex mit Kleinwüchsigen hatte ihn selbst nie interessiert. Er verurteilte das Interesse seines Vaters keinesfalls, konnte ihm aber nicht folgen.

Dienstmädchen hingegen nahmen in Erics Fantasien eine zentrale Rolle ein, insbesondere in Kombination mit Spanking. Sonst hatte Eric wenig Gemeinsamkeit mit seinem Vater. Hätten beide über ihre jeweiligen Dienstmädchenfantasien miteinander sprechen können, wären sie sich vielleicht näher gekommen. So aber war ihre Beziehung recht oberflächlich.

Wenn sein Vater nach ein paar Tagen zuhause sich wieder auf den Weg machte, untersuchte Eric noch am gleichen Abend das Versteck des Vaters, um zu sehen, ob es Neuzugänge gegeben hatte. Da die Geschäfte von Bruns Senior nicht so gut liefen, war das eher selten der Fall. Viele Hefte waren daher bereits in einem sehr abgegriffenen Zustand.

Eric hatte bis dahin nie mit jemand darüber gesprochen.

Rosa fand die Geschichte mit den vererbten Fantasien sehr interessant, denn sie war Biologin.

(129) Eric und Rosa kannten sich seit ihrer Studienzeit.

Eric und Rosa kannten sich seit ihrer Studienzeit. Eric war Germanistikstudent gewesen. Getroffen hatten sie sich im Filmclub. An ihrem Kennenlernen beteiligt war ein anderes Pärchen, Kathrin und Rüdiger. Kathrin Michels war Rosas beste Freundin und Rüdiger Wegel war ein Kommilitone von Eric.

Rüdiger war ein Hüne, viel größer als Kathrin, die ihm nur bis zur Brust reichte. Wo immer die beiden auftauchten, sorgten sie für Aufsehen. Im Filmclub setzte sich Rüdiger jedes Mal weit vorn an die Seite, denn trotz seiner dicken Brille konnte er die Filme schon von der fünften Reihe aus nicht gut erkennen. Für ihn, so scherzte er, waren alle Filme im Filmclub „schräg“.

Rüdiger und Kathrin waren bereits seit der Grundschule zusammen und wirkten wie ein altes Ehepaar. Die Fundamente der Beziehung zwischen Rosa und Eric waren schnell gelegt: Eric war bereits im Filmclub; Rüdiger fand, dass Eric auch eine Frau haben sollte; Kathrin dachte, dass ihre Freundin Rosa gut passen könnte und lud sie zur Vorstellung von ‚Einer flog übers Kuckucksnest‘ ein. Danach gingen die beiden Paare in eine Kneipe und diskutierten über den Film im Allgemeinen und geschlossene Anstalten im Speziellen. Überliefert wurde der Spruch von Rüdiger, nachdem auch die Ehe eine geschlossene Anstalt sei.

Die Begegnung wurde wiederholt und beim dritten Mal trafen sich Rosa und Eric bereits allein. Nach der Uni heirateten sie sehr schnell, noch bevor Eric beim Fernsehen anfing und Rosa für die Pharmaindustrie arbeitete.

Kathrin und Rüdiger hingegen trennten sich, bevor sie mit dem Studium fertig waren. Kathrin lernte im Studentenausschuss einen anderen Mann kennen und verließ Rüdiger. Kathrin und Rosa verloren sich danach vollständig aus den Augen.

Rüdiger geriet durch die Trennung von Kathrin aus der Bahn und brach sein Studium ab. Seine Eltern unterstützten ihn noch längere Zeit und er blieb auch mit einigen Freunden, wie Eric in Kontakt. Dann wurden die Treffen seltener. Erst nach Jahren erinnerten sich Rosa und Eric an Rüdiger. Sie stellten aber fest, dass sie beide keine Ahnung hatten, was Rüdiger machte oder wo er sich gerade aufhielt.

(130) Rüdiger hatte nach dem Abbruch seines Studiums…

Rüdiger hatte nach dem Abbruch seines Studiums zuerst ein paar Gelegenheitsjobs übernommen, dann war er Taxifahrer geworden. Es war, als ob das Ende seiner Beziehung mit Kathrin ihm alle Energie geraubt hätte. Eigentlich war sie es gewesen, die die wesentlichen Entscheidungen traf und er hatte sie dabei unterstützt. Allein war er nicht in der Lage, neue Perspektiven zu finden und so driftete er durchs Leben. Sein Dasein änderte sich, als er Ernst Koch kennen lernte. Eines Tages bekam Rüdiger von seinem Taxiunternehmen einen Auftrag. Er sollte einen wiederhergestellten Computer aus der Reparatur holen und zu einem Ernst Koch hinbringen.

Koch wohnte in einem allein stehenden, recht prachtvollen Haus. Rüdiger trug den Computer im Karton die Außentreppe hoch, bis zur Haustür und klingelte. Es rührte sich zunächst nichts und er überlegte sich, was er jetzt wohl machen sollte. Dann erblickte er einen Schatten hinter der Glasscheibe der Tür und es wurde ihm aufgemacht. Vor ihm saß ein Mann im Rollstuhl, der keine Hände und keine Füße hatte. Wie Rüdiger später herausfand, konnte Koch über ein Blasröhrchen den Cursor eines am Rollstuhl montierten Laptops bedienen. Der Laptop funktionierte wie eine Fernbedienung mit der Koch u.a. die Haustür öffnen und schließen konnte.

„Wo soll ich Ihnen den Computer hinstellen?“, fragte Rüdiger und versuchte, sein Zögern zu überspielen. „Kommen Sie mit“, sagte der Mann, „ich zeige es Ihnen.“ Der Mann surrte mit seinem elektrischen Rollstuhl voraus. Rüdiger stellte den Computer auf und schloss ihn an. Koch wollte wissen, warum er Taxi fahre, da er doch augenscheinlich über vielseitigere Talente verfüge. Rüdiger meinte etwas beschämt, es habe sich halt so ergeben. Der Behinderte lud ihn auf einen Kaffee ein, den Rüdiger zubereiten musste, da Kochs Hilfskraft gerade außer Haus war und eine Besorgung erledigte.

Der Rollstuhlfahrer erzählte, dass er als Kind in einem Autounfall beide Hände und Füße verloren habe. Seine Eltern seien bei dem Unfall ums Leben gekommen und seitdem sei er auf sich gestellt. Am Ende fragte ihn Koch, ob Rüdiger Interesse an einem Job bei ihm habe. Nicht als Krankenpfleger, dafür habe er jemanden, sondern als eine Art Privatsekretär oder Gesellschafter. „Aber ich habe in so etwas keine Erfahrung“, beteuerte Rüdiger. „Was soll ich denn genau machen?“ – „Das werden wir dann schon sehen“, antwortete Koch und fügte zwinkernd hinzu: „Es wird auf jeden Fall etwas mit Hand und Fuß sein, das verspreche ich Ihnen.“

(131) Ernst Koch war der Reichtum in die Wiege gelegt worden.

Ernst Koch war der Reichtum in die Wiege gelegt worden. Nach dem Tod seiner Eltern hatte ihn zunächst eine Tante großgezogen. Nach ihrem Tod erhielt er einen Vormund, bis er die Volljährigkeit erreichte.

Es zeigte sich früh, dass er sehr geschäftstüchtig war und das Vermögen seiner Eltern durch geschickte Investitionen mehren konnte. Durch seine Behinderung schien er ein sehr feines Gefühl für die Fähigkeiten anderer Menschen entwickelt zu haben und vertraute bei seinen Investitionen vor allem auf die richtigen Mitarbeiter. So viel Glück er auch im Geschäftsleben hatte, ansonsten schien er vom Pech verfolgt.

Koch hatte eine junge Frau kennen gelernt, die ihn wirklich liebte und hatte mit ihr einen Sohn. Allerdings starb die Frau kurz darauf an einem angeborenen Herzklappenfehler, den sie ihm verschwiegen hatte. Er machte sich große Vorwürfe, weil eine Operation, die er leicht hätte bezahlen können, die Rettung für sie gewesen wäre. Ihr Tod hatte Ernst Koch aus der Bahn geworfen. Er kümmerte sich nicht genug um seinen Sohn, aber stellte ihm zu viel Geld zur Verfügung. Karl Koch, so hieß der Sohn, war in schlechte Gesellschaft geraten. Er lebte auf dem Land in einer Wohngemeinschaft, eine Keimzelle für eine Art Neonazi-Sekte.

Rüdiger lernte Karl anlässlich mehrerer Besuche kennen und fühlte, dass er Ernst Koch vor seinem Sohn schützen musste. Der Grund von Karls Besuchen war jedes Mal Geld. Er musste jeden Monat bei seiner Sekte den Großteil seiner Einkünfte abliefern und von einem wie ihm, der einen reichen Vater hatte, erwartete man mehr als von jedem anderen.

Ernst Koch gab ihm ständig weiter Geld. „Es ist ein Fehler“, erklärte er Rüdiger, „das weiß ich. Aber wenn Sie einmal angefangen haben, gibt es kein Zurück. Ich weiß nicht, was Karl machen würde, wenn ich ihm den Geldhahn zudrehte. Ich glaube, es ist günstiger für mich, ihm Geld zu geben.“

Karl hasste Rüdiger und versteckte es nicht. Er sagte, Rüdiger habe einen schlechten Einfluss auf seinen Vater und er solle bloß aufpassen. Ernst Koch besaß noch von seinem Vater eine Mauser Hsc. Rüdiger hatte die Waffe ständig in Reichweite.

(132) Eines Tages eröffnete Ernst Koch Rüdiger…

Eines Tages eröffnete Ernst Koch Rüdiger, dass er nach langem Nachdenken eine Lösung für das Erbschaftsthema gefunden habe. Koch glaubte an Vorahnungen. Seine Vorahnung bedeutete ihm, dass er bald sterben werde. Er spüre es.

Seit seinem schweren Unfall und des darauffolgenden langen Krankenhausaufenthaltes war Koch nicht mehr bei einem Arzt gewesen. Er meinte, er habe die Gesamtsumme aller Arztkontakte, die einem Menschen vergönnt seien, bereits mehrfach überschritten. Deshalb war es auch schwierig, seine körperliche Verfassung überprüfen zu lassen und gegebenenfalls Maßnahmen gegen seinen Tod zu ergreifen.

Auf jeden Fall wollte er vermeiden, dass das Erbe seinem Sohn Karl und dessen Nazisekte in die Hände fiel.

Koch hatte eine Stiftung für notleidende Künstler eingerichtet und beabsichtigte, sein gesamtes Vermögen dorthin zu übertragen. Sein Interesse an Künstlern rührte daher, dass Ernst Koch selbst gern Schauspieler geworden wäre. Der Höhepunkt seines Lebens war für ihn eine kleine Produktion, die er selbst finanziert hatte, und bei der er den Geist von Hamlets Vater spielen durfte.

Mit Rüdigers Hilfe hatte Koch ein Altersheim für Künstler ausfindig gemacht, dass er für die Stiftung kaufen wollte. Er hatte mit Bewohnern des Heims gesprochen und sie nach ihren Erfahrungen befragt, besonders nach ihren Erfahrungen mit Markus Ludwig, dem Leiter der Institution. Alle Erkundigungen ergaben ein sehr positives Bild und bestärkten Koch in seinem Entschluss.

Bei seinen Gesprächen hatte Koch auch den ältesten Bewohner des Heims, Siegfried Pabst, einen ehemaligen Musiker und Komponisten, kennen und schätzen gelernt. Die beiden Herren fanden sofort einen innigen Draht zueinander.

Der Kaufakt fand in dem Altersheim selbst statt. Nachdem der Notar wieder gegangen war, saßen Ludwig, Koch, Pabst und Rüdiger, zusammen mit ein paar weiteren rüstigen Bewohnern, bei einem Glas Wein zusammen. Ernst Koch fühlte sich in dem Umfeld sehr wohl. Er dachte daran, selbst dort einzuziehen.

(133) Siegfried Pabst konnte sich noch sehr gut an sein erstes Auslandsengagement erinnern.

Siegfried Pabst konnte sich noch sehr gut an sein erstes Auslandsengagement erinnern. In den 1930ern war er als 16-Jähriger von zu Hause weggelaufen. Er arbeitete als Pianist auf einem Dampfer nach Asien und bezahlte so die Überfahrt.

In Shanghai fand er ein Engagement im mondänen Shanghai-Club, einem berüchtigten Treffpunkt der Unterwelt. Besitzer und Geschäftsführer des Nachtklubs war Yu Sheng Ho, inoffiziell der Pate von Shanghai, der ihn selbst eingestellt hatte. Ausschlaggebend für Ho war gewesen, dass Pabst den Star des Clubs, die bildhübsche Singh-Sung, am Flügel begleiten konnte. Singh-Sung war die Geliebte des Paten und von Pabsts Spielweise sehr angetan.

Der Club war sehr glamourös, die High Society ging dort ein und aus. In der Stadt gab es durch die französischen und englischen Handelsniederlassungen einen immensen Reichtum. Gleichzeitig war die Stadt auch ein gefährliches Pflaster wegen des Glücksspiels und des Opiumhandels. Die Polizei war notorisch korrupt und es galt das Gesetz des Stärkeren. Siegfried Pabst verlor in dem Club seine Unschuld, und zwar an Mai-Ling, die Schwester von Yu Sheng. Mittlerweile waren ihm von dieser Zeit besonders die positiven Aspekte in seinen Erinnerungen geblieben. Allerdings war es damals sehr gefährlich für ihn geworden.

Plötzlich brach ein Bandenkrieg aus und Singh-Sung wurde im Club ermordet. Die ganze Scheinwelt brach in sich zusammen. Siegfried Pabst bekam Angst um sein Leben und verließ Shanghai auf dem Seeweg zurück nach Deutschland.

Kurz nach seiner Ankunft musste er erneut die Flucht ergreifen, diesmal vor den Nazis. Er wanderte schließlich nach New York aus. Dort arbeitete er viel am Broadway und machte sich vor allem als Arrangeur einen guten Namen. Im Alter kehrte er nach Deutschland zurück, schrieb Filmmusik und setzte sich schließlich in dem Altersheim zur Ruhe.

(134) Der Verkauf des Altersheims an Ernst Koch war für Siegfried Pabst ein freudiges Ereignis gewesen.

Der Verkauf des Altersheims an Ernst Koch war für Siegfried Pabst ein freudiges Ereignis gewesen. Er hatte in Koch einen neuen Freund gefunden, dem er sich sehr verbunden fühlte. In einem der vielen Gespräche an dem Abend hatte Pabst für einen großen Lacher gesorgt, als er sagte: „Ich habe leider fast nur noch falsche Freunde – sie sind alle tot.“

Danach war Pabst sehr müde. Erika, die junge Pflegerin, brachte ihn auf sein Zimmer und half ihm, sich fürs Bett zurechtzumachen. Als sie gehen wollte, umklammerte er ihren Arm und flüsterte: „Danke, danke, danke…“ Sie hatte ihm die Hand gedrückt und sich dann verabschiedet.

Erika war spät dran. Die Arbeit im Altersheim war nur ein Broterwerb für sie. Eigentlich war sie selbst Schauspielerin, aber bisher hatte sie es nicht geschafft, davon auch leben zu können. Zurzeit arbeitete sie in einer Experimentalproduktion, zu deren Generalprobe sie gerade etwas zu spät dran war. Das Stück war so wirr, dass auch sie es nicht ganz verstand. Erika hoffte, dadurch zumindest Kontakte zu bekommen, die ihr später weiterhelfen würden. Bisher war das allerdings nicht passiert und sie rechnete damit, dass es maximal noch drei Vorstellungen des Stücks geben würde. Auch deshalb war sie froh über die Arbeit in dem Altersheim.

Allerdings hatte der Pflegejob Erika auch künstlerische Zweifel beschert. Sie verbrachte den ganzen Tag mit Künstlern, die zumeist verbittert waren und deren Leben sich in diesem Stadium nicht wesentlich von dem von Erikas Großeltern unterschied. Bisher hatte sie angenommen, dass die Kunst etwas Erhabenes sei, das alle Lebensabschnitte zum Besseren veränderte, wenn man nur lange genug dran bliebe. Jetzt war sie sich dessen nicht mehr so sicher.

Sie war in Gedanken versunken, als sie zu der Theaterprobe unterwegs war.

Plötzlich tauchten aus einer Nebenstraße vor ihr fünf Gestalten in orangefarbenen Lycra-Anzügen auf. Die Anzüge verhüllten nicht nur den ganzen Körper, sondern auch den Kopf, die Hände und die Füße. Dann bemerkte sie den Fotografen auf der Leiter, daneben einen Assistent, der einen Reflektor hochhielt. Es mussten Werbeaufnahmen sein. Durch die engen Anzüge konnte man die Körperformen ausmachen, drei Männer und zwei Frauen, alle eher jung und athletisch gebaut.

Wahrscheinlich Schauspieler, fuhr es ihr durch den Kopf. Sie schluckte, möglicherweise würde auch sie ihr Geld irgendwann so verdienen müssen. Es konnte so nicht weitergehen. Sie stoppte und drehte sich zu den anonymen Figuren um. Sie begaben sich gerade wieder auf ihre Ausgangsposition zurück, um von da aus noch einmal unbekümmert um die Ecke zu kommen.

(135) Konstantin Pohl legte das Mautgeld mit der linken Hand auf den Metallteller.

Konstantin Pohl legte das Mautgeld mit der linken Hand auf den Metallteller. Mit der rechten Hand nahm er die Kamera vom Beifahrersitz, hielt sie an sein Auge und fragte: „Darf ich Sie fotografieren?“

Verblüfft schaute ihn die Kassiererin an. Dann dämmerte es ihr: „Sie sind das, dieser Verrückte…“ Sie musste lachen. „Ich habe schon von Ihnen gehört.“ Konstantin drückte ab, das Blitzlicht feuerte. „Vielen Dank, Sie sind ein Schatz“, rief er, drückte den Fuß auf das Gaspedal und brauste los auf die Brücke, für deren Überquerung er gerade gezahlt hatte.

Wenn Konstantin guter Laune war, machte er Fotos von Mautstellenkassiererinnen und –kassierern. Er ordnete diese Fotos in ein Album ein und mittlerweile war es halb gefüllt mit verdutzt aussehenden oder lachenden Frauen und Männern in Mautkassen.

Konstantin war gerade bester Laune, denn er hatte die Testaufnahmen für das Mobilfunkunternehmen abgeschlossen. Er hatte den Eindruck, dass die Idee mit den orangefarbenen Zentai-Anzügen gut ankommen würde. Mal sehen, was sein Assistent Helge daraus machen würde. Übermorgen würde Konstantin der Agentur die Abzüge präsentieren und er erhoffte sich damit das OK, die Fotos noch einmal mit großem Budget zu wiederholen. Seiner Meinung nach würden die ersten Abzüge, quick und dirty, besser sein als das geleckte Endprodukt. Aber der Kunde sollte bekommen, was er verlangte und Konstantin verdiente auch besser an großen Aufträgen als an kleinen.

Die Darsteller müssten auf jeden Fall ausgetauscht werden. Konstantin hatte Sportstudenten genommen wegen der athletischen Körper, fand aber ihre Bewegungsabläufe zu fade. Für die eigentlichen Aufnahmen würde er Schauspieler nehmen. Die wussten sich besser zu bewegen und waren dankbar für jeden Job.

Jetzt war der anstrengende Teil seines Tages zu Ende und er war unterwegs zu einer Party, wo hoffentlich ein paar unentdeckte Schönheiten auf ihn warteten. Manchmal ergab sich daraus auch mehr. Als er am höchsten Punkt der Brücke angekommen war, streckte Konstantin seinen Arm aus dem Cabrio gegen Himmel und spürte den frischen Wind auf seiner Hand.

(136) Der Gastgeber der Party war Heiko Frings…

Der Gastgeber der Party war Heiko Frings, der Freund eines Bekannten von Konstantin. Genauso gut hätte man auch sagen können, der Bekannte eines Freundes oder der Bekannte eines Bekannten… Konstantin machte hier keinen großen Unterschied. Seine Aufträge bekam er fast ausschließlich aus dem Kreise seiner tausend besten Freunde, pflegte er zu sagen.

Heiko war Architekt und nutzte seine Wohnung als Showcase seines Könnens. Entsprechend minimalistisch eingerichtet, karg und unbequem schien Konstantin die Behausung. Er stellte sich vor, dass es in einem verborgenen Teil des Hauses noch eine Kammer geben müsse mit Teppichen, Tierfellen, Ölschinken an der Wand und Zinntellern auf Eichenholz-Anrichten.

Er war froh, dass Heiko ihn gleich an der Tür empfing, sonst hätte er ihn bestimmt nicht wiedererkannt. Heiko schien sich wirklich zu freuen, vielleicht dachte er auch nur, dass Konstantin Fotos für eine Einrichtungszeitschrift schießen würde. Zumindest war er an seiner Spiegelreflex gleich als Fotograf erkennbar. Die Party war schon sehr gut im Gange. Die Chillout-Musik war eher leise, denn Heiko war es wichtig, mit seinen Gästen zu reden. Ab und zu drehte einer der Eingeladenen den Lautstärkeregler an der Anlage hoch, bis es Heiko merkte und die Lautstärke wieder drosselte.

Konstantin durchquerte die Wohnung, um ein Gefühl für die Räumlichkeiten zu bekommen. Hinten heraus war eine Dachterrasse, von der man einen weitläufigen Blick über die beleuchtete Stadt hatte. Am Horizont war es sehr hell, dort lag der Hafen. Die Wohnung würde er sich merken. Als Location für eine Margarinewerbung könnte sie passen.

Auf den ersten Blick waren ihm bei seinem Durchgang keine neuen Gesichter aufgefallen. Die Männer schienen alle Kunden oder mögliche Kunden von Heiko zu sein. Es waren Leute, die es sich leisten konnten, einen Architekten zu beschäftigen und denen es wichtig war, wie die Welt sie einschätzte.

Bei den meisten Frauen vermied es Heiko, genau hinzusehen. Harte, verbrauchte Gesichter mit zerrupften Augenbrauen, bunt bemalten Lippenkissen und traurigen Piercings. Bei den Körpern gab es nur Extreme: entweder ausgemergelte KZ-Leiber oder obszön gespannte Whales. Bei den Männern registrierte er eine ähnliche Tendenz. Wahrscheinlich würde irgendwann der letzte optisch annehmbare Mensch ausgestorben sein und alle Werbebilder würden vollständig am Computer erstellt werden.

Konstantin schenkte sich ein Mineralwasser ein und blickte auf die Uhr. Wenn innerhalb der nächsten fünf Minuten niemand auftauchen würde, der entweder so schön oder so hässlich war, dass er seinen Blick anzog, würde er wieder gehen.

(137) Hey Konstantin!

„Hey Konstantin!“ Konstantin erkannte die Stimme sofort und drehte sich um. „Hi, Volker!“ Er stellte das Glas ab und ergriff die Schultern des Ankömmlings, der dasselbe bei ihm tat. In der Grundschule waren sie die besten Freunde gewesen. Volker hatte damals die Ambition, Schriftsteller zu werden und schrieb ständig Geschichten. Konstantin hatte es ihm gleichtun wollen, aber seine Ergüsse waren nur ein schwacher Abklatsch. Volkers Eltern waren dann weggezogen und Volker musste auf ein anderes Gymnasium.

Während des Studiums hatten sie sich wiedergetroffen – Konstantin war an der Kunsthochschule und Volker studierte Volkswirtschaft. Danach wurde Konstantin Werbefotograf, später mit eigenem Studio. Volker hatte sein Studium abgebrochen und war wieder zum Schreiben zurückgekehrt, allerdings für eine Werbeagentur. Beide fanden es sehr lustig, dass sich ihre Wege so doch wieder kreuzten. Bisher hatten sie allerdings noch an keinem Auftrag zusammengearbeitet.

„Bis du auf Casting-Suche hier?“, fragte Volker. „Das bin ich doch immer. Ich habe die Hoffnung noch nicht aufgegeben, die Essenz der Schönheit zu finden.“ – „Manchmal hilft es auch, das Gegenteil zu finden. Erst durch wahre Hässlichkeit erschließt sich einem die Schönheit“, dozierte Volker. „Du bist immer noch der gleiche Knallkopf“, lachte Konstantin, „aber als Werbetexter hast du dein Traummedium gefunden.“ – „Ich gebe es zu“, erwiderte Volker, „für alles andere wäre meine Aufmerksamkeitsspanne auch zu kurz, nur ein Schatten, der vorüber streicht. Außer vielleicht zum Werbefotografen. Hast du Lust, noch mit zu einer anderen Party zu fahren? Du hast doch bestimmt ein Auto, oder?“ – „Klar. Wo geht es hin?“ – „Zu einem Ort zelebrierter Hässlichkeit: Eine Zombie-Party.“ – „Klingt gut. Als Werber kann man uns glücklicherweise das Hirn ja nicht wegfressen. Aber wir brauchen das entsprechende Outfit.“ – „Wir könnten uns die Nasen blutig hauen…“ – Ich habe eine bessere Idee“, entschied Konstantin.