(108) Herr Prof. Schreiner wird jeden Augenblick hier sein.

„Herr Prof. Schreiner wird jeden Augenblick hier sein. Nehmen Sie Platz.“ Gernot bedankte sich bei der Sekretärin und setzte sich auf den Stuhl in dem schmucklosen Besprechungsraum. Die Tür fiel zu.

Gegenüber von Gernot hing ein etwas eingerissenes Poster der letzten Olympischen Spiele an der fleckigen Wand. Durch das offene Fenster hörte er das Aufdotzen eines Basketballs, das manchmal aussetzte, bevor man ihn gegen das Brett donnern oder durch das Netz rauschen hörte.

Vor dem Termin hatte sich Gernot informiert. Prof. Schreiner war eine Koryphäe in seinem Spezialgebiet, der Sportpsychologie. Eigentlich konnte sich Gernot darunter wenig vorstellen, er wollte nur Sportlehrer werden. Aber das Urteil von Prof. Schreiner würde darüber entscheiden, ob Gernot an der Sportschule angenommen wurde oder nicht.

Die Tür öffnete sich und ein älterer Herr mit rotem Gesicht trat ein. Erst als er auf dem Stuhl hinter dem Tisch saß und ein weißes Blatt Papier sowie einen Kugelschreiber vor sich hingelegt hatte, schaute er Gernot an.

„Schreiner. Sie sind…?“ – „Gernot Heinzelmann“, antwortete Gernot. „Ja, gut. Nennen Sie mir drei Gründe, warum wir jemanden wie Sie aufnehmen sollten?“

Diese Eröffnung hatte Gernot nicht erwartet und er war einen Augenblick sprachlos. „Fällt Ihnen auch nichts ein?“, hakte Prof. Schreiner nach. Das brachte Gernot in noch größere Bedrängnis. Er hatte sich zwar auf fiese Fragen vorbereitet, aber jetzt fielen ihm gerade die Antworten nicht ein.

Je länger Prof. Schreiner ihn stumm anschaute, desto blasser wurde Gernot. „Herr Heinzelmann? Jetzt kippen Sie mir nicht vom Stuhl. Wollen Sie ein Glas Wasser?“ Gernot nickte matt. Prof. Schreiner ging hinaus und kehrte mit einem Glas Wasser zurück, stellte es vor Gernot. „Jetzt trinken Sie mal einen Schluck. Und dann erzählen Sie mir mal, was Sie bisher so gemacht haben in Ihrem Leben.“

Gernot war verwirrt, aber das Gespräch verlief jetzt so, wie er es sich eigentlich vorgestellt hatte. Wahrscheinlich hatte der Professor in auf eine psychologische Probe stellen wollen. Gernot begann zu erzählen.

(109) Gernot Heinzelmann war der dritte Sohn in einer Metzgerfamilie…

Gernot Heinzelmann war der dritte Sohn in einer Metzgerfamilie in fünfter Generation. Sein Vater war vor fünf Jahren gestorben und seitdem führte offiziell Andreas, der Älteste und ein gelernter Metzgermeister, das Unternehmen. Der zweitälteste Sohn Richard war nach dem Tod des Vaters ebenfalls in die Firma zurück gekehrt und seitdem trug der Lieferwagen die Aufschrift ‚Heinzelmann und Söhne‘, darüber die Zeichnung eines rosigen grinsenden Metzgerschweins mit gezücktem Messer. Die Harakiri-Sau, wie Andreas das Bild nannte. In Wirklichkeit wurden die Geschicke des Unternehmens, und auch der Familie, weiterhin von der Mutter, Frau Heinzelmann, bestimmt.

Gernot fühlte sich von der Familie ausgeschlossen. Einem Schulfreund hatte er mal gestanden, dass er nicht einmal als Vegetarier einen schwereren Stand haben könnte. Die Idee mit dem Sportstudium war von dem Schulpsychologen gekommen. Nach Auswertung der Berufseignungstests orakelte er, dass das Sportlehrertum Gernots Bestimmung im Leben sei. Auch um sich aus der Umklammerung der Familie zu lösen, hatte er sich mit der Idee angefreundet. Der Schulpsychologe wertete dies als Erfolg seiner umfangreichen Testreihen.

Zuhause verspotteten Andreas und Richard ihn wahlweise als ‚Doktor Sport‘ oder als ‚Turnlehrer‘. „Jetzt lasst den Jungen doch in Frieden“, verteidigte ihn seine Mutter dann. „Gernot wird seinen Weg gehen. Ich liebe alle meine Söhne.“

Andreas war unter den drei Brüdern anfangs stets der Rebell gewesen. Dann, mit seiner Ausbildung im städtischen Schlachthof, hatte er sich zu einem arbeitsamen, aber engstirnigen Spießer gewandelt. Beruflich war er allerdings offen für neue Ideen. Sehr früh führte er zum Beispiel Produkte aus texturierten Soja-Proteinen ein, was ihm Gernot nicht zugetraut hätte.

(110) Richard Heinzelmann hatte ein Hobby…

Richard Heinzelmann hatte ein Hobby, das dem Metzgerberuf etwas näher schien: Er züchtete Kampfhähne. Es hatte mit zwei Küken begonnen, die seine Mutter ihm als Kind mitgebracht hatte, als er wegen Krankheit ein paar Tage nicht aus dem Haus durfte. Er hatte die beiden Küken allein aufziehen wollen. Eines davon war zwar nach ein paar Tagen gestorben, das andere aber überlebte in einem Karton neben dem Ofen, zugedeckt mit einem alten Geschirrtuch.

Danach hatte Richard einen Kraienkopp geschenkt bekommen, der ursprünglich für den Kampf gezüchtet worden war. Bereits damals, und heute noch mehr, sah Richard keine Veranlassung, seine Hähne kämpfen zu lassen. Ihm war vor allem das Züchten und der Austausch mit den Züchterkollegen wichtig.

Nach den Kraienköppen kamen Hint Horoz dazu und Richard wurde in dem Verein Zuchtwart für diese Rasse türkischer Kampfhühner. Seine Eltern fanden sein Hobby sinnlos, da die Tiere so wenig Fleisch auf den Rippen hatten, dass sie wirtschaftlich uninteressant waren.

Richards Traum waren allerdings die Shamo, eine sehr alte japanische Rasse mit einer sehr markanten, fast eckigen Körperform. Sie standen fast komplett aufrecht, mit einem langen Hals und einem ganz geraden Rücken. Andreas, dem Richard die Fotos gezeigt hatte, nannte sie „kleine Federgodzillas“, worauf ihm Richard erklärte, dass alle Hühner von den Dinosauriern abstammten.

Richard studierte Bücher über Shamo, die er sich für teures Geld aus dem Ausland schicken ließ. Er sammelte Bilder und konnte auch auf einem schlechten Schwarz-Weiß-Foto auf Anhieb noch den Unterschied zwischen einem O-Shamo und einem Chu-Shamo ausmachen.

Während mehrerer Jahre sparte er für eine Reise nach Japan. Dort, in der Heimat der Shamo, wollte er ein reines Paar erwerben und es für Zuchtzwecke nach Hause bringen. Jahrelang pflegte er einen Briefwechsel mit Fumiaki Taguchi, dem führenden japanischen Züchter. Die Kommunikation wurde allerdings erschwert, da Richards Englisch sehr schlecht war und Fumiaki gar kein Englisch verstand. So konnte Richard nur durch die Übersetzungskünste von Taguchis Nichte mit dem Züchter kommunizieren.

Eines Tages war es soweit: Richard hatte genügend Geld gespart und kaufte ein Flugticket nach Japan, zu Fumiaki Taguchi und seinen Shamos.

(111) Die Reise war beschwerlich.

Die Reise war beschwerlich. Über seine Nichte hatte Fumiaki Richard Anweisungen gegeben, wie er ihn finden konnte. Zuerst mit dem Flugzeug nach Tokio. Dort übernachtete Richard ein Mal in einem Kapselhotel am Busbahnhof. Früh am nächsten Morgen nahm er den Bus, der ihn nach Mutsu brachte, an der Nordspitze der Honshu Insel. Es war eine schier endlose Fahrt von 769 Kilometern. Mutsu war eine schreckliche kleine Stadt, übersät mit grauen Betonhäusern unter verrosteten Wellblechdächern. Dort verbrachte er die zweite Nacht. Mit einem weiteren Bus fuhr er zunächst sehr früh nach Ohata und dann mit einem zweiten Bus nach Yagen Onsen, einem kleinen Dorf, das für seine heißen Quellen bekannt war. Gegen Mittag stieg er dort aus.

An der Bushaltestelle wartete ein Mädchen auf ihn, Fumiakis Nichte. Ihr gesprochenes Englisch verstand Richard überhaupt nicht und sein Englisch schien für sie genauso unverständlich zu sein. Beide empfanden es aber unhöflich, mit geschriebenen Zetteln zu kommunizieren. So blieb vieles im Ungefähren. Richard war erschöpft von der langen Reise, auf der er jede einzelne Nacht schlecht geschlafen hatte. Yagen Onsen mit seinen kleinen niedlichen Häusern schien ihm wie im Traum.

Endlich stand er Fumiaki gegenüber, mit dem er seit fast fünf Jahren Briefe ausgetauscht hatte. Fumiaki war alt, grau und seine Augen schienen Richard nicht wahrzunehmen. Erst als die Nichte die beiden zu den Shamo führte, kam Licht in die Augen des Greises. Richard war tief bewegt, als er endlich vor dem Gehege stand. Vor Erschöpfung und vor Aufregung entfuhr ihm ein Schluchzen und er fing an zu weinen. Er sank auf die Knie. Fumiaki sah zu ihm nieder und legte ihm tröstend seinen Arm um die Schulter. Er begann zu erzählen. Die Nichte schien erstaunt, so als ob der Alte sonst nie redete. Sie übersetzte, aber Richard konnte ihre Übersetzung natürlich genau so wenig verstehen wie die Originalaussagen von Fumiaki. Trotzdem fühlte er eine große Zugehörigkeit zu Fumiaki, seiner Nichte und den Shamo.

Richard blieb drei Tage und drei Nächte in Yagen Onsen. Er verbrachte die meiste Zeit neben Fumiaki auf der Bank neben dem Gehege. Sie erzählten sich abwechselnd, was ihnen durch den Kopf ging und keiner verstand die Worte des anderen. Aber sie fühlten, dass es etwas Größeres gab, das sie verband. Als Richard wieder abreiste, schenkte ihm der Alte vier junge Shamo, drei Hennen und einen Hahn. Richard bedankte sich überschwänglich und war, wie bereits bei seiner Ankunft, tief berührt.

(112) Es war nicht einfach, den Käfig mit den Shamo für den Flug einzuchecken.

Es war nicht einfach, den Käfig mit den Shamo für den Flug einzuchecken. Richard hatte eine Decke gekauft, die er in den Käfig legte. Außen, um das Gitter herum, brachte er Wellpappe an, um Zugluft zu vermeiden. Er befragte die Dame beim Check-in mehrmals, ob auch wirklich keine Gefahr bestünde und seine Hühner sicher den Flug überstehen würden. Mit viel Lächeln versicherte sie ihm, dass alles zum Besten sei und die Fluggesellschaft sehr viel Erfahrung im Transport von Tieren habe. ‚Hühner sind aber anders‘, dachte Richard noch, dann wurde der Käfig von einem Mitarbeiter der Fluggesellschaft abtransportiert.

An Bord des Flugzeugs hatte Richard einen Gangplatz neben dem Ehepaar Queck, das gerade seinen 25. Hochzeitstag gefeiert hatte und jetzt wieder auf dem Flug zurück aus ihren zweiten Flitterwochen war. Man kam ins Gespräch und Richard erzählte bereitwillig von seiner Reise nach Yagen Onsen und von dem unglaublichen Geschenk, das ihm Fumiaki Taguchi gemacht hatte.

Als der Flug Nr. 359 die Lena überflog, klagte Herr Queck über Kopfschmerzen und bemerkte, dass er sich vielleicht erkältet habe. Bis zum Jenissei hatte sich sein Befinden weiter verschlechtert. Über Moskau schließlich verspürte Frau Queck Fieberschübe bei ihrem Mann und verständigte die Stewardess. Danach wurde ein mitreisender Arzt bemüht, der Herrn Queck befragte, was er in Japan besucht habe, was er gegessen habe, ob er vielleicht mit Geflügel in Kontakt gekommen sei… Frau Quecks Augen schossen gleich zu Richard. „Er, er hat Hühner mit an Bord genommen. Japanische Hühner!“, keifte sie. Richard erklärte die Situation, der Arzt wiegte den Kopf bedeutsam hin und her. Schließlich kam der von der Stewardess herbeigerufene Flugkapitän dazu und sprach mit dem Arzt. Dann meinte der Kapitän, es sei besser, wie geplant nach Frankfurt weiter zu fliegen, da dort die medizinische Versorgung von Herrn Queck besser gewährleistet sei. Richard wurde in eine leere Sitzreihe in der ersten Klasse umquartiert und sollte sich nicht grundlos von seinem Platz entfernen.

Als das Flugzeug in Frankfurt landete, wurde es an einen Stellplatz abseits der großen Terminals gebracht und dort wurde eine Quarantäne verhängt. Eine medizinische Mannschaft in Schutzanzügen kam an Bord und untersuchte die 349 Passagiere einzeln. Diese wurden dann in ein Gebäude gebracht und ein Tierarzt untersuchte die Shamo. Nach weiteren Blutuntersuchungen und elf Stunden Wartezeit gab die Fluggesellschaft Entwarnung. Die mittlerweile vollständig zermürbten Passagiere wurden aus der Quarantäne entlassen. Bei Herrn Queck war eine Lungenentzündung entdeckt worden, er musste ins Krankenhaus.

(113) Die Lungenentzündung vom Flughafen war versorgt.

Die Lungenentzündung vom Flughafen war versorgt. Patrizia trat in den abgedunkelten Flur. Als sie in das Schwesternzimmer zurückkam, erschrak sie über die Schatten, die sie anzuspringen schienen.

Es waren Kolleginnen von ihr, die nur für sie zu der Nachtschicht gekommen waren. Patrizia heiratete am nächsten Tag. Leider hatte sie keine Zeit für einen Junggesellenabschied gehabt und den anderen Krankenschwestern erging es nicht anders. Deshalb hatten sich die Kolleginnen, ohne Patrizias Wissen, auf der Station verabredet, um dort über Nacht mit ihr zu feiern. Eigentlich waren alle noch kaputt von ihren jeweiligen Tag- und Frühschichten, aber sie nahmen es mit einer gewissen Nonchalance. Bei der Planung fielen Sätze wie „Wer weiß schon, was die Zukunft bringen wird“, „Wir sind doch alle jung – wann denn, wenn nicht jetzt?“ oder „Was ist Leben? Das, was man draus macht.“

Heimlich hatten sie den Abend schon eine Woche vorher geplant, denn es galt, einen Ausgleich zu schaffen zwischen dem gemeinsamen Feiern und trotzdem auf das Wohl der Patienten zu achten. Dazu kam, dass nicht alle sich die Nacht um die Ohren schlagen konnten. Minutiös hatten sie deshalb einen Zeitplan ausgearbeitet, damit Patrizia während der ganzen Nachtschicht Gesellschaft hatte und nicht selbst arbeiten musste. Das alles im fliegenden Wechsel, damit jede auch noch ein bisschen Schlaf bekam.

Ein bisschen quälen wollten sie Patrizia aber trotzdem, denn schließlich war es ja eine Art Junggesellenabschied. Eine der Kolleginnen hatte einen Vorschlag, der zu ihrem großen Erstaunen von allen für gut befunden wurde: Jede der Schwesternkolleginnen würde eine Kartoffel mitbringen und sie Patrizia in die Strumpfhose stecken. Am Ende der Nacht würden ihre Beine so geschwollen aussehen wie sie sich manchmal in Wirklichkeit anfühlten, wenn sie aus dem Krankenhaus nach Hause kamen. Eine Schwester hatte eine große Tüte Kartoffeln gekauft und in einer Abstellkammer versteckt, und alle, die nacheinander jeweils für ein Weilchen kamen, nahmen sich eine große Kartoffel daraus und steckten sie Patrizia in die Strumpfhose. Alle tranken ein Glas Wein mit ihr, aber jede nur ein Glas, so dass die Arbeit erledigt werden konnte.

Am Ende der Nachtschicht saß Patrizia betrunken am Schwesterntisch und trug eine Strumpfhose, in der die Kartoffeln bis zum Knie reichten und in der sie kaum gehen konnte. Sie war gerührt von ihren Kolleginnen, weil sie wusste, dass alle wertvollen Schlaf für sie geopfert hatten. Ihre Kollegin Annemarie, deren Idee die Nacht gewesen war, besuchte sie als Letzte.

(114) In meiner Ausbildungszeit gab es ein paar wirklich wilde Geschichten.

„In meiner Ausbildungszeit gab es ein paar wirklich wilde Geschichten“, erzählte Annemarie. „Einmal waren Myriam, eine Freundin, die du nicht kennst, und ich von drei Ärzten zu einem lustigen Abend eingeladen worden. Nun ja, wir waren jung und neugierig – wir gingen hin. Der Abend fing ganz nett an, es war nach einer langen Stressperiode eine gute Möglichkeit, etwas Dampf abzulassen. Alkohol gab es in rauen Mengen und alle waren reichlich beschickert. Irgendjemand kam dann auf die glorreiche Idee, Strippoker zu spielen.“ Patrizia verdrehte die Augen und prustete los.

„Ja, ich weiß, aber wir waren jung und unerfahren… Die Begeisterung, wie du dir denken kannst, war größer auf Seiten der Männer als bei uns. Aber wir haben mitgemacht und der Alkohol hatte daran bestimmt einen wesentlichen Anteil. Das Spiel lief ein paar Runden und war recht ausgeglichen. Myriam war die erste, die zu müde wurde, aus dem Spiel ausstieg und sich auf das Sofa legte. Ich hatte etwas später keine Lust mehr und stieg auch aus. Irgendwie war die Spiellust der Männer aber so sehr entfacht, dass das keine Rolle spielte und sie verbissen weitermachten. Ich nickte kurz ein und als ich wieder aufwachte, lief das Spiel immer noch und die Ärzte waren fast komplett nackt.

Ich weckte Myriam und wir beobachteten ganz still die letzte Runde gemeinsam. Es war sehr spannend und alle drei schienen gute Karten zu haben. Am Ende gewann der Chirurg mit einem Stringtanga Vorsprung. Die anderen zwei waren komplett nackt. Es war wirklich sehr lustig.“

„Unfassbar. Kenne ich einen der Ärzte?“, forschte Patrizia. Annemarie schüttelte den Kopf. „Und was geschah mit Myriam? – „Sie hat den Chirurgen geheiratet, mittlerweile geschieden. Und ihm geht es nach der dritten Entziehungskur auch wieder besser.“ – Na dann hat sich ja doch noch alles zum Guten gewandt“, meinte Patrizia gähnend.

Ihre Schicht war um. Sie stand auf und zog endlich die Strumpfhose mit den Kartoffeln aus. Bei dem zweiten Bein geriet sie etwas ins Hopsen und die Kartoffeln kullerten über den Boden des Schwesternzimmers.

„Schade, jetzt habe ich wohl den schönsten Anblick verpasst“, rief Heike von der Tür aus und schaute amüsiert. „Alles Gute, liebe Patrizia, lass dich drücken“. Heike arbeitete auf der Kinderstation und kam gerade zu ihrer Schicht. Die beiden Frauen umarmten sich, inmitten der auf dem Boden verstreuten Kartoffeln.

(115) Justine, schau her. Schau in die Kamera, Kleines.

„Justine, schau her. Schau in die Kamera, Kleines. Jetzt lächeln. Bitte.“ Nicole war ganz heiser. Justine lag auf dem Krankenhausbett und weigerte sich, auch nur einen Blick in Richtung der Kamera zu werfen. „Komm, Nicole, wir geben ihr ein paar Momente Ruhe.“. Henning richtete sich aus seiner verkrampften Haltung auf und legte die Minolta XD-7 auf das Bett.

„Das kann doch nicht so kompliziert sein.“ Nicole war verstimmt. „Es ist wichtig. Als ich gestern mit meinem Vater sprach, fühlte ich diese unterschwelligen Vorwürfe ganz deutlich. Er findet es nicht gut, dass die Kleine im Krankenhaus liegt. Er glaubt, dass wir auch als Eltern unfähig sind.“ – „Könnte es sein, dass du dir das einbildest?“, fragte Henning vorsichtig. „Nein, ich kenne meinen Vater. Und dann hat er ständig von Sarah geschwärmt, dass ihre Kinder so nett sind, dass Sarah sich aufopfert für sie, dass er von den Kindern eine selbstgemalte Geburtstagskarte bekommen hat… Er brauchte es gar nicht auszusprechen.“ – „Was aussprechen?“ – „Dass er uns nichts vererben möchte.“ – „Er kann uns nicht enterben“, beschied Henning.

„Das weiß ich auch, aber es wäre auch nicht gut für uns, wenn er seinen Spielraum ausnutzen würde. Ich will ihm zeigen, dass wir das auch können. Dass ich nicht schlechter bin als Sarah. Ich bin auch seine Tochter.“

Sie wandte sich zu Justine, die einfach nur dalag und mit den Fingern die Falten im Betttuch nachstrich. „Tine, du musst jetzt auf den Fotos sehr fröhlich sein. Dann freuen sich deine Mami und dein Papi sehr. Und du wirst dann auch sehr viel schneller gesund werden und du kannst wieder mit nach Hause, mein Schatz. Wollen wir es noch einmal versuchen?“

Justine schien zu nicken, aber ihr Körper verkrampfte sich. „Also los, nimm die Kamera.“ Henning tat wie geheißen und brachte sich in Position. Nicole versuchte, Justines Gesichtsausdruck in die gewünschte Mimik zu orchestrieren, aber die Kleine brachte es nicht fertig zu lächeln.

Als Nicoles Zureden gerade in Schimpfen abzugleiten drohte, trat Heike, die Krankenschwester, ins Krankenzimmer ein und blieb in der Tür stehen. „Was ist denn hier los? Was machen Sie mit dem Kind? Justine braucht Ruhe. Jetzt gehen Sie bitte mal für eine halbe Stunde nach draußen.“ Heike strahlte unbedingte Autorität aus. Das musste auch Nicole anerkennen und sie zog Henning mit hinaus. Endlich war es still in dem Zimmer. Allerdings nicht für lange. Dann fing Justine an zu heulen.

(116) Nicole war sauer.

Nicole war sauer. „Was untersteht sich diese Krankenschwester, so mit mir zu reden? Ich bin die Mutter. Es ist mein Kind.“ Henning wollte tröstend seinen Arm um sie legen, aber sie wischte ihn weg. Sie gingen den Flur hinunter. Am anderen Ende stand Thea Schlüter mit ihrer Tochter Roxana zusammen. Sie waren auf der Kinderstation, um Hakon, Roxanas Bruder, zu besuchen.

Hakon war am Tag zuvor am Blinddarm operiert worden, fühlte sich heute aber schon wieder wohlauf. Gerade hatte er seiner Mutter die Zusage entlockt, dass er einen Hund bekommen würde. Roxana war sechs Jahre älter als Hakon und hätte, seit sie denken konnte, gern einen Hund gehabt. Das war ihr aber von den Eltern verwehrt worden. Sie fand das ungerecht.

Was sie noch stärker beschäftigte war, dass sie am darauffolgenden Samstag länger wegbleiben wollte, aber auch das durfte sie nicht. Roxana vermutete ein System hinter der aus ihrer Sicht ständigen Missachtung ihrer Bedürfnisse. Die Fragen, die sie stellte, waren zwar gerechtfertigt, aber ihre Mutter konnte ihr keine Antwort darauf geben.

In Wirklichkeit war Thea bei der Erziehung von Roxana sehr streng gewesen, weil es ihr erstes Kind war und sie nichts verkehrt machen wollte. Bei dem zweiten Kind wusste sie vieles besser und handelte entsprechend. Es tat ihr auch Leid, dass sie dieses Wissen noch nicht bei der Erziehung von Roxana gehabt hatte. All dies hätte sie Roxana erklären können, aber sie verstand es selbst nicht. So ließ sie die Fragen ihrer Tochter nur mit hängenden Schultern auf sich niederprasseln. Insgeheim dachte sie, dass Roxana die strenge Hand wahrscheinlich sogar benötigte, so wie sie sich jetzt wieder aufführte.

Im Vorbeigehen kreuzten sich die beiden Mütter, Thea und Nicole. Beide Frauen waren zu sehr mit sich beschäftigt und registrierten die andere nicht. Nicole holte zu einem neuen Schlag gegen Henning aus: „Auch mit dir hatte ich ihn enttäuscht.“ Thea zog ihrerseits die Notbremse, die sie dann zog, wenn sie nicht weiter wusste: „Rede mit deinem Vater.“

(117) Gerd Schlüter war Logistikchef eines mittelständischen Unternehmens für Sanitärkeramik.

Gerd Schlüter war Logistikchef eines mittelständischen Unternehmens für Sanitärkeramik. Gerade waren drei Studienanfänger der Fachhochschule (Ausrichtung Logistik) zu Gast bei ihm. Er wollte den jungen Männern einen Einblick in seinen Arbeitsalltag geben. Daraus erhoffte er sich, Kandidaten zu gewinnen für Aushilfsjobs, Praktika oder auch Festeinstellungen.

„Wie planen Sie die Routen der Fahrer, um alle Baumärkte anzusteuern?“, las einer der Studenten von seinem Zettel ab. „Das ist eine sehr wichtige Frage“, antwortete der Manager erfreut. „Im Detail werden Sie dies in Ihrem Studium behandeln. Es ist eine klassische Frage der Logistik. Man nennt es das Problem des Handelsreisenden, oder auf Neudeutsch ‚Travelling Salesman Problem‘. Dabei berechnet man mit einem Algorithmus den günstigsten Weg, um verschiedene Punkte anzusteuern. Günstig im Hinblick auf Zeit und Geld. Bei uns wird das über eine Softwareapplikation gerechnet. Die Ziele werden aus dem Warenwirtschaftssystem übernommen und der Computer rechnet den Weg. Anschließend erhält der Fahrer eine Datei auf sein Navigationsgerät, das ihm vorgibt, wie und wo er hinfahren soll und welche Paletten er abzuliefern hat.“ – „Ist das nicht etwas eintönig für den Fahrer?“ – „Nein, die Fahrer sind froh, dass ihnen das abgenommen wird. Und es ist auch wirklich besser so, glauben Sie mir.“

Herr Schlüters Sekretärin steckte den Kopf zur Tür herein und sagte: „Gerd, Roxana ist in der Leitung. Sie meint, sie muss dich dringend sprechen“. Der Manager seufzte. „Ja, mach ich. Würdest du mit den Herren den Rundgang durch das Lager und das Dispatching machen? Danke. Meine Herren, wir sehen uns dann später wieder.“

Die drei Männer verließen das Büro mit der Sekretärin. Gerd Schlüter ergriff den Telefonhörer. „Hallo, Roxy, was ist denn los?“