(98) Das Foto war Ben Endzweigs früheste Erinnerung an seinen Vater gewesen.

Das Foto war Ben Endzweigs früheste Erinnerung an seinen Vater gewesen. Seine Mutter hatte ihm das Bild gezeigt, auf dem sein Vater eine hohe militärische Auszeichnung bekam. Lange Jahre war dieses Foto für Ben realer gewesen, als es der Vater selbst war während dessen weniger Besuche Zuhause. Erst als Ben schon weggezogen war und selbst sein Glück in der Welt machte, hatte sich seine Sicht auf Konrad Endzweig geändert. Sein Vater hatte sich in den Ruhestand zurückgezogen und war nun öfter Zuhause, wenn Ben seine Mutter besuchte.

Jetzt stand Ben im Wohnzimmer vor diesem Foto und wartete auf seine Eltern. Es war ihre Saphirhochzeit, 45 Jahre Ehe. Seine Tante hatte ein großes Fest ausgerichtet, aber seine Eltern wussten nichts davon. Er sollte die beiden abholen, unter dem Vorwand, mit ihnen zu einem ruhigen Dinner ins Restaurant zu fahren. Dort warteten bereits die Verwandten und viele Freunde.

Seine Mutter tauchte plötzlich hinter ihm auf und erschreckte ihn etwas. „Du siehst nicht glücklich aus, Ben. Was ist los? Wie geht es in deinem Job?“ – „Sehr gut, es läuft sehr gut.“ – „Wie geht es Clara? Warum hast du sie nicht mitgebracht? Ist alles ok zwischen euch?“ – „Ja, weißt du, es läuft momentan nicht so gut“, antwortete er. „Ich wusste doch, dass etwas nicht stimmt. Einer Mutter kann man nichts vormachen.“ – „Wir werden uns scheiden lassen.“ – „Oh. Ich dachte, diesmal wärest du glücklich. Das ist schade.“ Sie legte ihre Hand in seinen Nacken. „Gibt es eine andere Frau?“ Er lächelte. „Na, dann ist ja alles gar nicht so schlimm“, meinte sie und streichelte ihm die Wange. Er war erleichtert.

Während der Autofahrt war Ben seiner Mutter dankbar, dass sie das Thema dem Vater gegenüber nicht aufgriff. Konrad Endzweig hatte nicht nach Clara gefragt, wahrscheinlich hatte er sie bereits vergessen und er würde Dorothea ohne Zögern in den Familienkreis aufnehmen.

Als er seine Eltern in das Restaurant geleitete, war ihre Überraschung echt gewesen. Alle hatten spontan applaudiert, als sie in den Raum hereinkamen. Sogar sein Vater war gerührt gewesen.

Während des Essens langweilte sich Ben und ging mehrmals vor die Tür, um Anrufe zu erledigen. Er verspürte wenig Lust, seiner tumben Verwandtschaft zum wiederholten Male zu erklären, was er eigentlich beruflich mache.

(99) „Ben, warst du schon mal in Disneyland?“

„Ben, warst du schon mal in Disneyland?“ Natürlich war er in Disneyland gewesen. Nämlich, um dort eine Fernsehgala zu produzieren. „Nein“, antwortete er seiner Kusine Antonia. Das war auch keine gute Antwort, das merkte er sofort. Sie fing an, ihm Disneyland zu erklären. Vor zwei Wochen war sie mit ihrem Sohn Ianni dagewesen. Am meisten hatte ihr daran gefallen, dass sie Ianni nicht wie sonst selbst bespaßen musste, sondern dass es dafür Personal gab. Sie erzählte Ben von der Main Street und den Gebäuden, die sehr alt aussahen. Ianni hatte geglaubt, dass es eine richtige Stadt sei und wollte unbedingt da wohnen. Bei allen Passanten, die ihnen entgegenkamen, fragte er: „Glaubst du, sie wohnen hier? Oder sind sie auch nur zu Besuch hier?“

Sie erklärte ihm, dass es keine richtigen Häuser waren, sondern nur Bilder von Häusern, wie die Dekorationen beim Schultheater. Ianni wollte ihr nicht glauben, aber sie hatte es dabei belassen.

Plötzlich konnte sie Ianni nicht mehr finden, er war verschwunden. Sie schaute überall in den angrenzenden Läden, suchte bis hinüber zum Schloss und wieder zurück. Er war weg. Sie wandte sich an einen Disney-Mitarbeiter, der sie bat, auf ihn zu warten, er würde sich kümmern. Nach schier endloser Zeit kehrte Ianni an der Hand des Mitarbeiters zurück. Ihr Sohn hatte sich in die Kulissen geschlichen und war durch eine Angestelltentür in den Servicekorridor gelangt, der alle Gebäude verband.

Ianni war froh, wieder bei seiner Mutter zu sein und enttäuscht, dass alles nur Dekoration war. Er weigerte sich, weitere Attraktionen anzuschauen und stampfte wütend mit dem Fuß auf. „Es war sehr schade, aber unser Besuch in Disneyland dauerte nur etwas über eine Stunde.“ – „Das war bestimmt ein Rekord“, pflichte Ben ihr bei und entschuldigte sich, er müsse noch zwei Anrufe erledigen.

(100) Sein erster Anruf galt einem Autor, der ihm ein Treatment geschickt hatte.

Sein erster Anruf galt einem Autor, der ihm ein Treatment geschickt hatte. Der Stoff passte nicht zu Bens Produktionsfirma, aber er fand die Story interessant und vermittelte den Autor an Boris, einen anderen Produzenten weiter.

Im Treatment ging es um eine Episode im Leben des französischen Bankräubers und Gewaltverbrechers Jacques Mesrine. Er war 1969 verdächtigt worden, eine Hotelbesitzerin in der kanadischen Provinz Québec ermordet zu haben. Darauf flüchtete er mit seiner Geliebten Jeanne Schneider in die USA. Dort wurden die beiden nach weniger als einem Monat verhaftet. Die Story konzentrierte sich auf die 20 Tage, in denen Mesrine und seine Geliebte in den USA auf der Flucht waren. Ihre Reise begann in Percé am Sankt-Lorenz-Strom und endete in Arkansas.

Für Mesrine war es die entscheidende Periode in seinem Leben, in der er von einem Kleinkriminellen zum Großverbrecher wurde. Dabei entstand auch die Bezeichnung ‚Staatsfeind Nr. 1‘, sie war ihm von kanadischen Zeitungen verliehen worden. Parallel dazu die Entwicklung seiner Beziehung zu Jeanne. Die anfängliche Leidenschaft fand ein jähes Ende in einer Auseinandersetzung in den Appalachen. Gleichzeitig war dies auch der höchste geografische Punkt der Reise. Danach wurde ihre Beziehung nur noch durch die gemeinsam verübten Verbrechen zusammengehalten. Jeanne war nur eine Etappe in der Karriere von Mesrine. Als sie ihm nicht weiter helfen konnte, wurde er ihrer schnell überdrüssig.

Diese Entwicklung fand Ben sehr interessant und deshalb hatte er bereitwillig den Autor unterstützt. Sein Freund Boris würde sich dafür revanchieren.

Dann fiel ihm ein, dass er Boris über Clara kennen gelernt hatte. Wenn die Scheidung erst öffentlich war, würde Boris wahrscheinlich nicht mehr mit ihm reden. Er schimpfte mit sich, weil er daran nicht gedacht hatte. Der Stoff war gut gewesen, er hätte auch andere Produzenten finden können. Zu dumm.

(101) Dann wählte Ben Dorotheas Nummer.

Dann wählte Ben Dorotheas Nummer. Er rief an, um ihr zu sagen, wie sehr er sie vermisste. Er hatte Lust auf sie und fand, dass er für seine Teilnahme an dem langweiligen Familienfest eine Belohnung verdiente. „Es wird nicht so spät werden hier, es sind jetzt schon alle geistig eingeschlafen“, erklärte er ihr am Telefon. „Leg dich nachher einfach nackt ins Bett. Ich komme und überrasche dich.“

Enttäuscht musste er sich anhören, dass Dorothea andere Pläne hatte. Ihre beste Freundin Diane hatte sie gerade angerufen und am Telefon geheult. Ihr Mann habe sie betrogen. Diane war völlig am Ende gewesen. Dorothea erklärte Ben, sie müsse sofort hinfahren, das ginge nicht anders.

Ben war frustriert. Er hatte sich auf Sex gefreut und empfand es als unfair, dass Dorothea ihm nicht zur Verfügung stand. „Soll ich dich nachher dort abholen“, bot er ihr an. „Nein, es wird spät werden und ich übernachte bei ihr. Die Ärmste, sie ist völlig fertig.“ Es hatte keinen Sinn, erkannte Ben, das würde heute nichts mehr werden mit Dorothea. Er verabschiedete sich und sagte ihr, dass er sich melden würde.

Ben spazierte auf dem Parkplatz zwischen den Autos umher und fühlte sich einsam. Die runden Schweinwerferaugen schauten ihn erwartungsvoll an, als ob sie alle bei einer Besprechung zusammensäßen und er mit ihnen das weitere Vorgehen abgleichen würde.

Im Kopf besprach er systematisch seine Alternativen: a) Dorothea war heute Abend keine Option; b) auf der Feier würde er niemanden treffen; c) Clara war nicht möglich, nachdem er vor einer Woche angefangen hatte, sich auf eine Scheidung einzuschießen (Vorwürfe, Nachlässigkeiten, unerklärte Abwesenheit); d) Niemanden aus der Firma; e) Bars und Hotelbars unergiebig.

Es war offensichtlich: Ben brauchte professionelle Hilfe. Es war auch ehrlicher gegenüber Dorothea, denn er mochte sie sehr und wollte sie nicht verlieren. Er schlug in seinem Adressbüchlein und rief dann an.

(102) Dorothea hatte Mitleid mit Ben.

Dorothea hatte Mitleid mit Ben. In den letzten Wochen war er stets für sie dagewesen und jetzt kam sie sich schäbig vor, weil sie ihn wegen Diane versetzte. Aber dafür musste er Verständnis haben. Sie kannte Diane schon seit ihrer gemeinsamen Schulzeit. Selbstverständlich war Dorothea bei Dianes Hochzeit auch ihre Trauzeugin gewesen.

Als sie im Auto saß und auf den dunklen Straßen zu Diane fuhr, dachte Dorothea zurück an die Trauung und wie perfekt ihr alles damals erschienen war. Sie hatte sich gewünscht, dass auch ihre Feier einmal so sein sollte wie die von Nick und Diane. Nach der Zeremonie hatte sie ein paar Fotos des Brautpaars geschossen und diese Bilder mit dem synchron strahlenden Lächeln symbolisierten für sie das absolute Glück.

Eines hatte Dorothea keinem Menschen erzählt. Als Diane ihr Nick vorgestellt hatte, war es ihr, als ob ihr eine Offenbarung begegnete. Sie hatte sich im gleichen Augenblick in Nick verliebt. So etwas war ihr vorher und seither nie passiert. Natürlich hatte sie diesen Gedanken sogleich wieder von sich geworfen. Nick war der Mann ihrer besten Freundin, quasi ihr Schwager. Allerdings hatte er alles, was sie sich von einem Mann erhoffte: Er sah gut aus, schien zuverlässig, intelligent, konnte gut zuhören. Aus den Erzählungen Dianes erahnte sie, dass er außerdem sehr zärtlich zu ihr war. Außerdem war Nick in der Lage, eine Autobatterie auszuwechseln und ein verstopftes Abflussrohr wieder zu öffnen. Sie musste sich eingestehen, dass Nick im Vergleich zu Ben viel besser abschnitt. Ben sah selbstverständlich sehr gut aus, aber er konnte auch sehr arrogant und verletzend sein. Das hatte bestimmt etwas mit dem  Job zu tun. Nick war Kinderarzt und daher sehr angenehm und verbindlich im Umgang.

Während sie ihren Gedanken nachhing, hätte sie fast das Haus von Diane und Nick verpasst. Allerdings konnte man es nicht übersehen. Alle Fenster waren hell erleuchtet und auch draußen schienen alle Lampen zu brennen. Dorothea brachte den Wagen vor dem Haus zum Stehen.

(103) Diane Uhligs Gesicht sah matschig aus.

Diane Uhligs Gesicht sah matschig aus. Ihre Augen waren rot verheult, die Mascara verwischt, ihre Haut fahl und ihre Haare strähnig. Sie klammerte sich an Dorothea und wollte nicht mehr loslassen. Heulend schluchzte sie Dorothea ins Ohr, wie sehr sie sich freue, dass Dorothea sie nicht im Stich gelassen habe. Dorothea versuchte, sie zu beruhigen.

„Ich habe dieses Bild hier gefunden“, brach es aus Diane heraus und sie reichte Dorothea ein Foto. Darauf war ein Mann zu sehen, der eine weiße Hasenmaske aus Plüsch trug und bequem auf einem Liegestuhl ruhte. Neben ihm saß eine blonde Frau in einem knappen schwarzen Bikini, lächelte in die Kamera und streichelte mit ihrer rechten Hand den Mann am Hasenkinn.

Dorothea schaute Diane etwas ratlos an. „Es ist Nick, unter der Maske. Ich erkenne ihn am Ring und an seiner Blinddarmnarbe. Das Foto wurde hier hinter dem Haus aufgenommen.“ Sie fing wieder an zu schluchzen. Dorothea legte ihre Hand um sie und betrachtete das Bild genauer.

Das Foto schien an einem Swimming-Pool aufgenommen zu sein. Dahinter eine Mauer mit Efeubewuchs, die ihr bekannt vorkam. Die Frau im Bikini war ungefähr gleich alt wie Nick und sah attraktiv aus. Dorothea fiel auf, dass ihr Bikini etwas zu stramm saß und dass die Trägerin entweder ein paar Pfunde verlieren oder sich einen größeren Badeanzug zulegen sollte. Sie registrierte die Körperhaltung der beiden Personen und musste sich eingestehen, dass es zwischen ihnen mit großer Sicherheit Intimität geben musste. Es war offensichtlich, unabhängig davon, ob der Mann hinter der Hasenmaske Nick war oder nicht. Das war mehr als ein Spaßschnappschuss bei einem Betriebsausflug. „Kennst du die Frau?“, fragte sie Diane.

Sie schüttelte den Kopf. „Auf dem Foto ist hinten ein Datum aufgedruckt. Zwei Monate her. Kurz davor war ich bei meiner Mutter und musste Nick für eine Woche hier alleine zurück lassen. Kannst du dir das vorstellen? Er hat diese Frau zu uns nach Hause geholt!“ – „Hast du ihn nach dem Foto gefragt?“ – „Nein, ich habe es erst heute gefunden. Ich konnte ihn nicht anrufen. Er ist nicht da, musste zu einem Kongress in die Toskana. Wenigstens das stimmt, denn ich habe im Krankenhaus angerufen. Aber wer weiß, was er da sonst noch treibt. Ich habe heute mein gesamtes Vertrauen in ihn verloren.“

Dorothea hielt ihre Hand und suchte nach Worten, um sie zu trösten. Auch sie war enttäuscht und fühlte sich von Nick betrogen. Sie wünschte, dass Diane sich geirrt hatte, ahnte aber insgeheim, dass dem nicht so war.

(104) Ja, Frau Uhlig, ich komme heute Nachmittag bei Ihnen vorbei…

„Ja, Frau Uhlig, ich komme heute Nachmittag bei Ihnen vorbei und schaue mir die Räume an. So wie Sie die Situation schildern, dürfte das gar kein Problem sein. Unsere Kameras sind so klein, dass sie überall versteckt werden können. Die Daten werden per Funk an eine Speichereinheit übertragen und die können wir irgendwo bei Ihnen verstecken. Ich bringe das ganze Material mit und dann können wir alles Weitere heute Nachmittag besprechen.“

Wilfried Larsen legte das schnurlose Telefon nieder. Eigentlich hatte er seine Firma gegründet, um ‚Überwachungslösungen für den öffentlichen Raum‘ zu verkaufen, wie es in seinem Geschäftsplan hieß, den er der Bank vorgelegt hatte. Das war auch sein wichtigster Geschäftsbereich. Er hätte aber nicht erwartet, dass Untreue sein zweitstärkstes Segment sein würde. Vor allem Männer baten ihn um Hilfe, um ihre Ehefrauen besser überwachen zu können. Larsen hatte allerdings den Verdacht, dass viele Kunden, die eine Anlage bei ihm kauften, noch andere Motive verfolgten, besonders, wenn sie Überwachungskameras im Schlafzimmer installierten. Mit den Mietanlagen hingegen sollte wahrscheinlich in den meisten Fällen Untreue nachgewiesen werden.

Egal, Geschäft war Geschäft und die Margen waren besser als im Industriegeschäft.

Larsen war nicht verheiratet und wenn man ihn danach befragte, erklärte er, dass er mit Frau Elektronica eng verbandelt sei. Er verbrachte wahrscheinlich mehr Abende beim Tüfteln in seiner Werkstatt als die meisten Männer mit ihrer Familie.

Es war die absolute Logik, die ihn an der Elektronik faszinierte. Wenn die Umstände gleich waren, dann würde der gleiche Input auch unweigerlich zu dem gleichen Ergebnis führen. Frauen waren ihm einfach zu kompliziert. In seiner Werkstatt hatte er eine Doppelseite aus einem Magazin aufgehängt. Auf der linken Seite ein Gehäuse mit vielen Drucktastern, Kippschaltern, Drehreglern und Leuchtdioden. Darauf stand ‚Woman‘. Auf der rechten Seite, das gleiche Gehäuse, aber nur mit einem Aus/Ein-Schalter und einer Leuchtdiode. Darauf stand ‚Man‘. Er hatte daran gedacht, solche Gehäuse in Wirklichkeit zu bauen, aber bisher noch keine Zeit dafür gehabt.

(105) Vor einem Jahr hatte Larsen eine ältere Frau angerufen…

Vor einem Jahr hatte Larsen eine ältere Frau angerufen und ihn dann besucht. Sie war 79 Jahre alt, ihr Mann 83 Jahre. Larsen war verblüfft gewesen, als die alte Dame mutmaßte, dass ihr Mann sie betrog. Sein Erstaunen steigerte sich noch, als sie ihm stolz erzählte, dass sie selbst eine Affäre mit ihrem Yoga-Lehrer habe. Das schien für sie selbstverständlich zu sein und die offensichtlich unterschiedlichen moralischen Standards waren kein Thema. Larsen wollte die Details auch nicht so genau wissen und hoffte insgeheim, dass er nicht bei der Auswertung des Videomaterials helfen musste.

An einem Tag, an dem der Ehemann für eine ambulante Behandlung im Krankenhaus war, installierte er in der Wohnung fünf Kameras (1x Schlafzimmer, 2x Wohnzimmer, 1x Arbeitszimmer, 1x Flur) sowie eine Speichereinheit. Normalerweise hätte er auch eine Kamera in der Küche installiert, aber die Dame fand, das sei unnötig, denn ihr Mann wüsste wahrscheinlich nicht einmal, wo sich die Küche befände.

Ein paar Tage später rief die Frau an und hatte ein paar Fragen dazu, wie sie sich die aufgezeichneten Bilder ansehen konnte. Im Hintergrund hörte er eine Stimme, die auf die Kommandos der Dame antwortete. Er nahm an, dass es der Yoga-Lehrer war. Larsen war froh, als die Wiedergabe klappte und er nicht hinzufahren brauchte.

Drei Wochen später ein weiterer Anruf der alten Dame. Sie bat ihn, die Leihgeräte wieder abzubauen. Als er ankam, war sie ganz in schwarz gekleidet, schien aber bester Laune. Der Yoga-Lehrer, so stellte sich heraus, war ein junger, gutaussehender Sportstudent namens Armin, der an ihrer Seite stand und sie tröstete. Ihr Mann sei am Vortag verstorben, erklärte sie. Larsen stockte der Atem. Es fielen ihm gleich viele Fragen ein, aber er stellte sie nicht.

Schnell montierte er die versteckten Kameras ab und entnahm das Speichergerät aus dem Versteck, in dem es installiert war. Die Dame bedankte sich bei ihm und bat ihn, die Rechnung recht bald zu schicken, da sie in Kürze eine längere Reise unternehmen wollte.

Als Larsen wieder in der Werkstatt war, schloss er das Speichergerät an seinen PC an und löschte den Inhalt über einen mehrgängigen Algorithmus.

(106) Wir dürfen nicht vergessen, die Feuerlöscher zu verteilen.

„Wir dürfen nicht vergessen, die Feuerlöscher zu verteilen. Letztes Jahr gab es deswegen im allerletzten Moment einen Riesenaufstand.“ Manuel hakte den letzten Punkt auf der Wandtafel ab. „Damit sind wir ganz gut in der Zeit, aber ich brauche euch nicht daran zu erinnern, dass es bis zum Samstag noch mördermäßig zu tun gibt. Nächstes Update in diesem Hörsaal morgen Vormittag um neun Uhr.“ Das Projektteam des Frühlingsfestes der Sporthochschule zerstreute sich.

„Anna, kannst du noch eine Minute hier bleiben?“, bat Manuel. Anna kam nach vorn. „Wir haben noch ein Problem mit der Band. Die wollen erst ab zehn Uhr spielen, das passt aber überhaupt nicht ins Programm. Kannst du mit denen reden, damit sie nicht zicken und bereits um halb neun Uhr loslegen?“ – „Mach‘ ich“, antwortete sie. „Hast du noch was von Armin gehört?“, fügte sie hinzu. „Bleib mir bloß weg mit Armin“, winkte Manuel ab. Er schwang seinen Rucksack auf die Schulter und verließ mit Anna den Hörsaal. „Er hat mich komplett enttäuscht. Erst war er Feuer und Flamme. Dann hieß es, dass er am Samstag nicht dabei sein könne. Und jetzt macht er sogar bei den ganzen Vorbereitungen nicht mit. Er geht auf Weltreise mit seiner Großmutter. Es ist unfassbar. Mitten im Semester. Ich wollte ihn gestern Abend zur Rede stellen und auch mit ihm über die Band sprechen, denn es war ja seine Idee. Er war nicht in seiner Wohnung. Seine Nachbarin meinte, dass sie ihn vor vier Tagen zuletzt gesehen habe. Aber wir werden klarkommen, auch ohne ihn. Entschuldige mich, ich sehe gerade Prof. Schreiner. Ich muss ihn etwas fragen.“

Anna schaute ihm nach, wie er schon aus zehn Metern Entfernung grüßte und auf Prof. Schreiner zuging. Manuel war ein klasse Typ, fand Anna. Leider hatte er Mundgeruch.

(107) Prof. Schreiner schien etwas verwirrt…

Prof. Schreiner schien etwas verwirrt, als er Manuel begrüßte. Er war auf dem Weg, um Bettina zu treffen, die wissenschaftliche Assistentin seines Kollegen Neumann. Prof. Schreiner hatte seit zwei Monaten ein Verhältnis mit ihr und da er verheiratet war, gab es nicht so viele Möglichkeiten, um sich mit Bettina zu treffen. Er konnte ja schlecht zu Prof. Neumanns Sprechstunden gehen. So hatte es sich ergeben, dass ihre Treffen an Prof. Schreiners und Prof. Neumanns jeweilige Terminkalender angepasst waren und sie sich im obersten Stockwerk in einem ungenutzten Lagerraum für Turngeräte trafen.

„Herr Grosch“, sagte Prof. Schreiner, „was kann ich für Sie tun? Ich bin aber sehr in Eile. Warum lassen Sie sich nicht einen Termin bei meiner Sekretärin geben?“ Manuel war verblüfft. Der Professor für Sportpsychologie war sonst immer sehr aufgeschlossen und nie einem Gespräch abgeneigt. In letzter Zeit war er nur sehr kurz angebunden, wenn Manuel ihn auf dem Flur traf. Manuel fragte sich, ob es mit ihm zusammenhing und Schreiner speziell ihm aus dem Weg ging. Sportpsychologie war zwar nicht sein Lieblingsfach, aber er war sich sicher, dass er wesentlich besser war als der Durchschnitt von Prof. Schreiners Studenten. Er konnte dem Professor nur ein „Ja danke, mach ich“ hinterherrufen, da war dieser schon ins Treppenhaus abgebogen.

Prof. Schreiner drehte sich schnell um. Niemand in Sicht. Er hastete die Stufen der Treppe hoch. Durch das Halbdunkel des Flurs schlich er mit angehaltenem Atem und horchte auf Geräusche. Es war still. An der vorletzten Tür wartete er kurz und öffnete dann die Tür behutsam. „Ich bin es, nicht erschrecken“, flüsterte er ins Dunkel.

In der Ecke leuchtete eine Taschenlampe auf. Bettina hatte sie auf sich selbst gerichtet. Ein wohlig-warmer Druck umfasste Schreiners Brustkorb, als er erkannte, dass sie ihre Bluse für ihn geöffnet hatte und nichts darunter trug. Der Professor atmete die verstaubte Luft des Lagerraums ein. Bettina saß rittlings auf einem Pauschenpferd und erwartete ihn.