(77) „Ihr perversen Schweine“, rief der schwächlichste der Bürger…

Plötzlich setzte die Musik aus. „Das geht so nicht… wir haben die Polizei gerufen… Ihr verdammten Mistkerle…“ Dazwischen kontrapunktmäßiges Gemurmel von dem bekifften Typ am Eingang. Jonathan griff Anton und schob ihn vor sich her. „Das erhitzt sich“, erklärte er. Als sie aus dem ausgeschlachteten Wohnzimmer in den Hausflur kamen, sahen sie drei Bürger mit Stöcken in der Hand am Eingang stehen. „Fehlen nur noch die Mistgabeln und die Fackeln“, murmelte Jonathan. Die Bürger waren unsicher, mit wie viel Gegenwehr sie rechnen mussten. Die Polizei war unterwegs.

„Ihr perversen Schweine“, rief der schwächlichste der Bürger, der sich etwas im Windschatten seiner Kumpane aufhielt. Er war auch der älteste, trug ein Kassengestell und hatte schütteres Haar. Sein hasserfüllter Blick war auf Jonathan gerichtet, dessen Schwanz aus der zerrissenen Unterhose heraus baumelte. Anton neben ihm sah aus wie ein im Scheinwerferkegel geblendetes Bambi mit Wampe.

Jonathans erste Priorität war eine Hose. Seine eigene fand er nicht in dem Klamottenhaufen und puhlte aufs Geratewohl eine Jeans heraus, die er sich anzog. Sie war ihm zu weit und mit dem enggezurrten Gürtel ähnelte er einer Vogelscheuche. Für Anton zog er ein rotverwaschenes Poloshirt aus dem Haufen und warf es ihm ins Gesicht. Mit dem Shirt sah Anton aus wie eine Qualle.

Ein paar Slummer waren durch den Tumult aus ihrer Erstarrung gelöst worden und standen jetzt auch im Flur. Einer hatte ein Brett mit Nägeln in der Hand, sah aber eher aus, als ob er sich gleich übergeben wollte. Hinter den drei Bürgern trat ein weiterer herein, bewaffnet mit einer starken Stablampe, die er einschaltete und in dessen Kegel die Slummer aussahen wie Zombies, egal, ob ohne Hemd oder ohne Hose. Ein Knistern lag in der Luft.

Als draußen die Nachtschwärze durch Blaulichtstaccato durchschnitten wurde, schienen sich die Gesichter zu entspannen. Mit der Ankunft der Streifenpolizisten war das Kräftemessen entschieden. Jonathan zog Anton mit sich nach hinten, durch die nagelverminte Küche und die glassplitterstrotzende Terrassentür hinaus in den Garten. Dort blieben sie erst einmal stehen, um sich in der Dunkelheit zu orientieren. Sie mussten den Gartenzaun übersteigen, um auf das Nachbargrundstück zu gelangen.

(78) Anton hielt Jonathan die Räuberleiter.

Anton hielt Jonathan die Räuberleiter. Gerade, als Jonathan sein Bein über den Zaun schwang, traf Anton ein dumpfer Schmerz am Knie, er sackte zusammen, Jonathan hing mit dem Unterschenkel am Zaun wie eine Fliege am Klebeband. „Ihr dreckigen perversen Schweine“, zischte Lothar Schulte, der Kassengestellträger, der ihnen aus dem Haus gefolgt war. Jetzt hob er seinen Stock über Anton, als wolle er ihm mit einem Schlag den Garaus machen.

Anton gab sich einen Ruck und wälzte sich in Schultes Richtung. Damit brachte er den Greis aus dem Gleichgewicht. Er rollte über Anton hinweg gegen den Zaun. In der Zwischenzeit hatte Jonathan sein Bein lösen können und ließ sich auf den Aggressor plumpsen, dem durch das Gewicht hörbar die Puste ausging. Jonathan erhob sich von Schultes Rumpf und betrachtete im Mondlicht den nunmehr wehrlosen Feind. Schultes Haare fielen wirr in die Stirn, die Brille war verrutscht und der Mund stand offen. Man konnte seine schiefen Zähne sehen.

Jonathan zog ihm die Brille von der Nase und brach das Gestell am Steg entzwei. „Was du nicht siehst, wird dir keine schlaflosen Nächte mehr bereiten“, murmelte er und warf die Bruchstücke von sich. Schulte stöhnte und rieb sich die Schulter. Aus seiner Lederjacke zog Jonathan die halbleere Flasche Gin, die er trotz der Eile noch ergriffen hatte. Er öffnete den Verschluss, nahm einen kleinen Schluck und schüttete den Rest Schulte ins Gesicht. „Das wird dein Gespräch mit der Polizei erleichtern“, feixte er, bevor er auch die Flasche weit von sich warf.

„Sancho Pansa“, befahl er Anton, „in Position, wir machen einen Abgang. Hier geht nichts mehr.“

(79) Als sie über den Zaun geklettert waren…

Als sie über den Zaun geklettert waren, schlichen sie an den Häusern entlang. Da hier mehrere Gebäude aneinander gebaut waren, musste sie weitere Male über Mauern und Zäune klettern. Die meisten Fenster waren leer und dunkel, so als ob die ganze Siedlung dem Abriss geweiht wäre und auf die Planierraupen wartete. Antons Knie schmerzte noch von Schultes Schlag. Er humpelte und fühlte sich auch sonst mitgenommen von den Abenteuern dieser Nacht. Er war sich nicht sicher, wem er davon erzählen konnte. Die allermeisten seiner Freunde waren Banker wie er, und nicht alles, was er an diesem Abend erlebt hatte, musste in sein normales Leben fließen. Er tappte Jonathan hinterher und war in Gedanken versunken. Unvermittelt flammte Licht hinter einem Fenster auf, an dem er gerade vorbeigehen wollte. Er drückte sich an die Hauswand. Jonathan war bereits auf der anderen Seite und erklomm die letzte Mauer zu einem offenen Grundstück. Anton hoffte, das Licht möge wieder ausgehen, aber das tat es nicht. Nach einem Moment wagte er sich etwas hervor und spähte in das Zimmer. In der Mitte des Zimmers befand sich ein Tisch. Davor, mit dem Rücken zum Fenster, kniete ein kleiner Junge im Schlafanzug auf einem Stuhl und stützte sich auf die Tischplatte. Darauf lagen mehrere Geschenke, eines davon hielt der Junge in der Hand. Langsam schüttelte er es, hielt es ans Ohr, als ob es eine Bombe sei. Dann legte er das Paket auf den Tisch und löste vorsichtig die Klebestreifen, die die Verpackung zusammenhielten. Anton konnte die Aufschrift Yamato entziffern, dann erkannte er, dass es sich um Tischtennisschläger mit Bällen handelte. Der Junge schien erfreut. Plötzlich hielt er inne, lauschte und huschte vom Stuhl herunter zum Lichtschalter, löschte das Licht. Anton wartete noch einen Moment. Als es dunkel blieb, wetzte er zur anderen Seite. Nachdem er über die Mauer gesprungen war, konnte er Jonathan nirgendwo mehr sehen. Er verspürte noch Bettys Biss in seine Brust und fragte sich, ob er sie wiedersehen würde. Two Step Posse, da war sie wohl zu finden.

(80) Antons rechtes Knie war blau…

Antons rechtes Knie war blau und das Auftreten sehr schmerzhaft. Weil er dadurch am Morgen länger gebraucht hatte, musste er an allen Kollegen vorbeigehen, um zu seinem Schreibtisch zu gelangen. Die Kommentare waren mal mitfühlend, mal hämisch, mal sensationslüstern, entsprechend seines Beziehungsbarometers mit den Kollegen. Es half auch wenig, dass er leichenblass aussah, da er kaum geschlafen hatte.

Iris, seine Büronachbarin, schaute ihn mitfühlend an. „War es wenigstens spannend“, forschte sie. Er wiegte den Kopf hin und her. „Du brauchst eine feste Freundin, so kann das nicht weitergehen.“ Iris hatte jung geheiratet und fand, dass es das Beste war, was einem passieren konnte. Vorausgesetzt, dass der Partner einen liebte. Wenige Menschen widersprachen ihr, die meisten führten aber an, dass sie ihre Situation nicht so einfach verallgemeinern konnte.

Auch Anton hätte nichts gegen eine feste Freundin einzuwenden. Eigentlich war dies auch sein Ziel und der Grund, warum er nachts um die Häuser strich wie ein umtriebiger Kater. Das Ergebnis war allerdings sehr dürftig. Bettys Biss spürte er weiterhin, aber nach einer unruhigen Nacht und einer heilsamen Dusche war er zum Entschluss gekommen, nicht mehr in die Two Step Posse zurückzukehren.

„Hast du heute Abend schon etwas vor?“, fragte Iris. „Schlafen?“, entgegnete Anton. „Nix da, heute Abend gehen wir ins Blaue Haus. Ich kenn da jemanden, der dich gerne treffen würde.“ –“OK, ich bin dabei“, erwiderte er und griff nach dem Telefonhörer.

Mittags aß er einen Salat an seinem Schreibtisch und arbeitete sich weiter durch seine Aufgabenliste. Nach und nach fütterte ihn Iris mit weiteren Details zu der anstehenden Zufallsbekanntschaft: Sie war so alt wie er, arbeitete nicht bei der Bank, hieß Marietta, war erst vor einem Monat hergezogen, kannte sonst niemanden hier und hatte keinen Freund. Je weiter der Tag voranschritt, desto stärker freute er sich auf den Abend.

(81) Die Ernüchterung war augenblicklich.

Die Ernüchterung war augenblicklich. Marietta war nicht sein Fall, denn sie besaß keine Augenbrauen. Da sie weder abrasiert noch ausgezupft waren, musste es sich um einen genetischen Defekt handeln, überlegte Anton. Damit war die Sache für ihn erledigt. Bisher hatte er dieses K.O.-Kriterium bei sich noch nicht gekannt und war selbst erstaunt von der Heftigkeit seines Widerstrebens.

Jetzt saßen sie zu viert in einer Loge des Blauen Haus und das Programm würde gleich beginnen. Der Conférencier hatte angesagt, dass Nellie die Fischfrau, nicht auftreten werde, dafür aber der aus Argentinien angereiste Bauchredner Alonso Coronado mit Hilda, seiner sprechenden Gans. Nach dem Conférencier kam ein Akrobatik-Duo aus der Ukraine; der große Zappei, ein Zauberer aus dem Orient sowie Messer-Cheng, ein chinesischer Messerwerfer. Dann waren Alonso und Hilda an der Reihe. Alonso stammte übrigens nicht aus Argentinien, sondern aus Schwentinental bei Plön, wo er am Theodor-Storm-Platz wohnte. Mit Hilda war Alonso jetzt schon elf Jahre unterwegs.

Die Gans war etwas in die Jahre gekommen. Ihre Augen waren nicht mehr so klar und auch am Schnabel hatte sie etwas Glanz verloren. Aber bei den Auftritten war sie noch genauso konzentriert wie am Anfang. Manchmal stand sie auf seiner Hand, manchmal saß sie auf seinem Unterarm, den Bürzel unter seiner Achsel. Sie waren ein gutes Team. Er stellte sie eingangs immer vor und erzählte, wie sie sich getroffen hatten, damals auf dem Bauernhof in Patagonien. Und wenn er erzählte, dass es Liebe auf den ersten Blick gewesen war, antwortete Hilda und widersprach ihm. Sie erklärte, dass sie nur mitgegangen sei, um dem sicheren Tod zu entrinnen. Na ja, die Worte kamen von ihm, aber sie bewegte ihren Schnabel, so wie er es ihr bedeutete, über fast unmerkliche Bewegungen seiner Finger oder leichten Druck seines Arms. Das Scheinwerferlicht mochte sie sehr gern, es war schön warm darin. Auch die Reaktionen der Zuschauer waren ihr sehr lieb. Es war nicht das erste Mal, dass sie im Blauen Haus auftraten und auch diesmal war es ein voller Erfolg.

(82) Während der Conférencier seine Ansage machte…

Während der Conférencier seine Ansage machte, warteten die Tänzerinnen in den Nonnenkostümen in der Kulisse. Alonso war nach seinem Auftritt hinter der Bühne geblieben und versuchte Julie, eines der Mädchen, für ein Date nach der Show zu gewinnen. Hilda, immer noch auf Alonsos Arm, schnappte nach dem Mädchen, bekam von Alonso einen Schlag auf den Kopf und Julie versetzte Alonso einen Faustschlag gegen die Schulter. Die Tänzerin hielt sich die schmerzende Stelle am Arm, wo Hilda sie gezwickt hatte. Dann setzte die Musik ein, der Vorhang hob sich und die Mädels tanzten ihren Cancan im Nonnenoutfit. Julie fand die Nummer total öde, nicht einmal ein Kardinal hätte davon Herzklopfen bekommen. Der Regisseur hatte vielleicht eine gute Hand bei Akrobaten und Hundedressuren, aber Netzstrümpfe unter Nonnentracht hätten schon Toulouse-Lautrec zum Gähnen gebracht.

Julie war seit sieben Jahren beim Varieté. Mit ihrer Volljährigkeit war sie von Zuhause ausgerissen und hatte sich einer Gruppe Artisten angeschlossen. Die Liebe zu einem genauso bildhübschen wie untreuen Mann war einer der Gründe gewesen, aber ebenso ihre Leidenschaft für das gesamte Ambiente. Seitdem besetzte sie eine ganze Reihe von Rollen: Schlangenbeschwörerin, Assistenten eines Großillusionisten und eines Manipulateurs, Partnerin eines Peitschenkünstlers sowie eines Jongleurs. Dazwischen regelmäßig Tanzeinlagen, meistens interessantere als dieser Nonnen-Cancan. Kurze Zeit musste sie sogar mal als Frau mit Bart einspringen.

Faszinierend hatte sie die Zeit als Assistentin des Hypnotiseurs Adam Ritchley gefunden, der eine ganze Gruppe von Zuschauern auf die Bühne holte, sie hypnotisierte und ihnen allerlei unterhaltsame Aktionen befahl. Adam hypnotisierte die Zuschauer aber nicht wirklich. Er verlangte zum Beispiel eingangs, dass alle im Publikum ganz fest ihre Hände aneinander drückten und verkündete dann, dass die Hände untrennbar miteinander verschmolzen seien. Es gab oft Zuschauer, die ihre Hände dann kaum mehr lösen konnten. Unter diesen suchte er die Zugänglichsten aus und bat sie auf die Bühne. Wispernd erklärte er ihnen, was er von ihnen verlangte. Adams Vorgehen funktionierte jedes Mal.

Bei einer Performance hatte Julie allerdings Zweifel, ob nicht trotzdem etwas Wahres an der Hypnose dran sein könnte.

(83) Eine junge Frau, Angela, war bereits im Zuschauerraum auffällig geworden.

Eine junge Frau, Angela, war bereits im Zuschauerraum auffällig geworden. Nachdem  Adam erklärt hatte, dass die Hände des Publikums von unlösbar starken Magneten zusammengepresst wurden, konnte sie als Einzige ihre Hände erst wieder lösen, als Adam mitteilte, die Magnete seien jetzt ausgeschaltet. Entschlossen meldete sie sich, als Adam nach Freiwilligen lief. Der Hypnotiseur bat sie auf die Bühne. Julie stellte die Dekoration um und so bekam sie nicht mit, ob Adam Angela Instruktionen zugeflüstert hatte oder nicht. Adam versicherte danach, auch der Polizei, dass er das nicht getan hatte. Julie war erstaunt, dass Adam an dem Abend eine neue Nummer probieren wollte. Normalerweise hätte er Angela erst große Kälte eingeredet und dann große Hitze. Dabei würde er sie animieren, Kleidungsstücke abzulegen, aber im entscheidenden Moment einschreiten.

Diesmal war es anders. Er suggerierte Angela, dass sie auf einer riesig großen Achterbahn sei. Schon bei dem Wort ‚Achterbahn‘ hatte Julie bei Angela eine Art Verkrampfung ihrer Körperhaltung bemerkt. Adam hatte sie rittlings auf eine Bank gesetzt und erzählte jetzt, wie die Fahrt in dem Achterbahnwagen ablief. Erst eine leichte Beschleunigung, dann ein leichter Anstieg, der steiler wurde, immer steiler, bis der Wagen oben wieder gerade stand. Soweit hatte Angela gut mitgemacht und sich den Beschreibungen entsprechend bewegt. Adam beschrieb ihr nun die Sicht von dort oben und Angela schien dabei nicht glücklich zu sein. Als er dann erzählte, wie der Wagen sich nach vorn neigte, wie eine Abfahrt von 97 Metern vor ihr lag und der Wagen in diesen Abgrund kippt, schrie sie auf, entsetzt, ein rhythmisches Schreien, das nicht mehr aufhören wollte. Sie hatte den Mund zu einem großen Kreis verzerrt, der wie erstarrt schien, nur der Schrei kam und ging aus ihr heraus wie bei einer Sirene. Adam versuchte, sie zu wecken. Erfolglos. Julie trat zu ihr, ergriff Angelas Hand, aber sie kratzte um sich und riss sich los. Und ständig dieses markerschütternde Schreien.

Die Zuschauer waren geschockt und rührten sich zuerst nicht. Dann stieg ein Mann auf die Bühne. Er war Arzt, konnte aber auch nichts ausrichten. Er fing an, Angela zu ohrfeigen. Adam bespritzte sie mit Wasser aus einer Blumenvase. Viele Zuschauer flüchteten aus dem Saal. Plötzlich hielt Angela inne und kippte zur Seite wie ein nasser Sack. Sie war tot.

(84) „Na, geht’s noch?“

„Na, geht’s noch?“, Adam drehte sich um und sah zu seinem Vater, der sich durch das Heidekraut den Berg hochkämpfte. Es war zwar noch recht früh am Morgen, aber die Temperaturen an dem Südosthang waren schon sehr hoch. Beide Männer hatten ihre Hemden ausgezogen und an ihre Wanderrucksäcke gehängt.

„Wandern ist keine Frage der Schnelligkeit“, entgegnete Anthony Ritchley. „Sondern der Ausdauer“, vervollständigte sein Sohn lachend. Es war wohltuend für Adam, dass er sich mit seinem Vater nun besser verstand als in seiner Jugend. Nur zögerlich hatte er nach dem Achterbahn-Debakel gefragt, ob er für ein paar Tage nach Hause kommen könne. Er war erleichtert, als sein Vater ihn mit offenen Armen empfing. Aus den paar Tagen waren jetzt drei Jahre geworden und es würden wohl einige mehr werden. Adam hatte beschlossen, das Angebot seines Vaters anzunehmen und die Leitung der Privatschule anzutreten. Ein bisschen hatte sein Vater den Triumph ausgekostet, als er bemerkte, dass Adam doch jetzt froh sein müsste, auch noch einen Abschluss als Lehrer in der Tasche zu haben. Damals hatte Adam das Studium nur auf Druck seines Vaters abgeschlossen, denn viel lieber hätte er sich gleich vollständig der Bühne gewidmet.

Jetzt machte ihm der Beruf Spaß und er konnte sich vorstellen, seine ganze Kraft darin zu investieren. Die hügelige Heidelandschaft, in der die Schule lag, hatte ebenfalls ihren Reiz. Er war von seinem persönlichen Tiefpunkt wieder aufgestiegen zu einem Zustand großen Glücks. Manchmal dachte er nach, ob eine Therapie ihm nützen könnte, aber jedes Mal verwarf er den Gedanken. Vor ein paar Tagen sollte er als zusätzliche Begleitung des Klassenlehrers eine Schulklasse in einen Vergnügungspark begleiten. Als er aber auf der Broschüre sah, dass die große Attraktion des Parks ein Roller Coaster war, hatte er sein Privileg als stellvertretender Schulleiter ausgenutzt und stattdessen einen Ausflug in den Zoo mit anschließender Schiffsfahrt unternommen. Allein das Foto der Achterbahn mit ihrem Looping hatte ihm den Magen zugeschnürt und seine Handflächen waren feucht geworden.

(85) Mit seinen dunklen Augen starrte der kleine Mandrill…

Mit seinen dunklen Augen starrte der kleine Mandrill neugierig durch das Glas. Den weißen Teil des Augapfels konnte man sehen, wenn er den Kopf zur Seite bewegte, um zu seiner Mutter zu schauen. Sonst waren seine Augen fast schwarz und schauten Maria an. Der Affe sah sehr ernsthaft aus, freundlich, aber er schien auch etwas traurig zu sein.

Maria trat ganz nahe an die Scheibe, sodass sie von ihrem Atem beschlug. Sie legte eine Hand flach an die Scheibe. Der Mandrill beugte sich etwas vor, als ob er an ihrer Hand schnüffeln wollte. Dann hob er seine eigene schwarze Pfote und legte sie auf seiner Seite an die Scheibe. Passgenau zu Marias Hand. Dabei schaute er sie mit dem gleichen Gesichtsausdruck weiter an. Maria hatte einen genauso ernsten Gesichtsausdruck und legte jetzt auch ihre linke Hand an die Scheibe. Im gleichen Rhythmus legte auch der Mandrill seine rechte Pfote an die gleiche Stelle und fixierte sie weiter.

So verharrten sie lange Momente, jeder versunken in den Augen auf der anderen Seite der Verglasung. Das Gekreische der anderen Affen und der Schulkameraden hörte Maria nicht mehr, es wurde sehr ruhig um sie herum. Ihr Blick hatte alles andere ausgeblendet und sie sah nur noch die Augen des Mandrills, eingerahmt von ihren Händen und den Armen des Affen auf der anderen Seite der Glasscheibe.

Ihre stille Kommunikaton wurde gestört von der Mutter des Mandrills, die zuerst an ihrem Sohn zupfte und, als er nicht reagierte, ihn einfach von der Scheibe wegzerrte. Auch im Weggehen drehte der Kleine seinen Kopf noch zu Maria und versuchte, ihren Blick zu halten. Traurig ließ Maria die Hände wieder sinken. Die Umrisse ihrer Hände waren noch in dem Beschlag ihres Atems zu sehen.

„Maria“, rief eine Stimme, wahrscheinlich zum wiederholten Male. „Maria“, wiederholte Adam, „kommst du mit, wir wollen uns jetzt die Geparde anschauen. Das sind sehr schöne, große Katzen, die extrem schnell laufen können.“ Maria ergriff Adams Hand und trottete mit ihm aus dem Affenhaus.

(86) Mit geöffnetem Maul hatte der Gepard in der Sonne gelegen.

Mit geöffnetem Maul hatte der Gepard in der Sonne gelegen. Seine schmalen Augen, die auf den dunklen Tränenstreifen balancierten, schauten unbestimmt in die Ferne. Unter dem Fell kein Gramm Fett. Deshalb mussten Geparden bei der Jagd erfolgreich sein, sie hatten keine Reserven. Vier Mal erfolglos der Beute hinterher zu rennen, konnte den Hungertod bedeuten.

Sebastian war ebenfalls hungrig. Er hatte monatelang der Leichtathletik-Meisterschaft entgegen gefiebert und jetzt war es soweit. 110m Hürden und er war der Favorit. Noch ein Mal sah er den Geparden vor sich. Der Starter hob die Pistole. Sebastian spannte seinen Körper an wie eine Stahlfeder. Bereit, seine Kräfte zu entfesseln. Seine Mitläufer rechts und links taten dasselbe. Im Blick hatte er die erste Hürde. 42 Zoll hoch, ein weißer Balken mit zwei Streifen. Im selben Augenblick, als er den Knall hörte, schnellte er aus dem Starterblock. 45 Fuß zur Hürde. Sie kam schnell näher. Sieben Fuß vorher hob er sein rechtes Bein, hielt es so gebeugt, dass es gerade über die Hürde passte. Aber er berührte die Hürde und sie fiel um. Weiter… Er setzte optimal auf, eins, zwei, drei Schritte… Schwungbein hoch… Er berührte wieder die Hürde und sie kippte. Nicht aus dem Rhythmus bringen lassen. Weiter… Aus den Augenwinkeln merkte er, wie sein rechter Nebenmann an Raum gewann. Er setzte auf, eins, zwei, drei… hob das Schwungbein zu spät und geriet fast ins Straucheln, als er die dritte Hürde umwarf. Auch sein linker Nachbar zog an ihm vorbei. Sebastian war verunsichert. Als er die vierte Hürde riss, spulte sich vor seinem inneren Auge der Lauf des Geparden ab, majestätisch in der Savanne. Er war geschlagen.

Er lief mechanisch weiter, aber es war vorbei. Trotzig haute er auch noch die restlichen sechs Hürden um und erreichte als vierter das Ziel. Seinen Trainer beachtete er nicht. Erstaunt sahen ihn andere Sportler, Trainer und Journalisten an. Er konnte ihre Blicke nicht erwidern. Die Geräusche der Menge drangen nur sehr gedämpft zu ihm durch. Er wollte hinaus, ergriff seine Sporttasche und lief geradewegs in die Umkleidekabinen. Seine Ferse blutete. Kurz blieb er sitzen, dann stand er auf und zog sich um. Die Fahne in der Sporttasche ließ er auf den feuchten Kachelboden fallen und verließ das Stadion.